AUS DEM RUSSISCHEN                     KULTURLEBEN (FORTSETZUNG) 

           


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DIE RÜCKKEHR  

Der Streifen des Russen Andrei Zwjaginzew erhielt den Goldenen Löwen, den Hauptpreis des Filmfestivals  in Venedig. Fast alle Kenner meinen: mit vollem Recht. Denn der Film ist gedankenvoll, meisterhaft gedreht, die Schauspieler sind große Klasse. 

 

Nach der Vorführung in Venedig wollte der Applaus nicht aufhören.

Nomen „Die Rückkehr“ ist Omen. Russland meldet sich nicht nur ins Weltkino zurück. In den Weltsport. In die weltweite mentale Suche nach dem Weg in eine bessere Zukunft. Und ist dabei, sich in die Weltwirtschaft und in die Weltpolitik zurückzumelden.

„www. matrjoschka-online. de »  begleitet es dabei im Denet. Damit Deutschland nicht den Anschluss verpasst.

Iwan Matrjoschkin, Esq., geschrieben in Berlin, Prenzlauer Berg, am Stammtisch in der Kneipe « Sonnenschein ».

7.9.03

 

DIE PETERSBURGER IN BERLIN

Schon in den U-Bahnausgängen an der Bismarckalee  fragten  Opernfreunde die  ankommenden  Fahrgäste, ob nicht jemand  eine Eintrittskarte für ein Gastspiel des Mariinsky Theaters aus Petersburg übrig hätte. Und das  bei allen  Aufführungen der Petersburger in der Berliner Deutschen Oper.  Als der Vorhang im Theatersaal fiel, gab lange Standing Ovations. Die Solisten, der Chor und Orchester  und selbstverständlich der künstlerische Leiter und Dirigent, der weltbekannte Valery Gergiev wurden  bejubelt. .

So gestaltete sich  das Gastspiel des Mariinsky Theaters  zu einem Höhepunkt  des Jahres der Begegnungen mit der russischen Kultur in Deutschland. Mehr noch. Es ergänzte das umfangreiches und mannigfaltiges Programm der Kulturbegegnungen mit einem Beitrag, der das Bild von der russischen Kulturszene  zurechtrückte.  Denn die meisten Veranstaltungen des Jahres  galten  der postmodernen - und Popkunst in all ihren Spielarten. Kein Zweifel- auch diese gehören zur heutigen russischen Kulturszene und haben ihren Platz in der einmaligen Parade der russischen Kunst, die sich durch  ganz  Deutschland erstreckt.  Dokumentieren  sie doch die  Freiheitsliebe und  Eigenwilligkeit der russischen Künstler, die sich in die engen,  offiziell abgesegneten Kunstschablonen der Sowjetzeit nicht sperren ließen und auch in den schwierigen Jahren den im Westen tätigen Kollegen in  kreativen, mitunter recht verrückten Einfällen  kaum nachstanden.

Unbestreitbar jedoch ist, dass manche damals geschaffenen Werke  vom   Widerspruch zur staatlichen  Zensur  lebten. Jetzt, wo in Russland die Staatsmacht der Kunst jede Freiheit lässt, hat sie ein wenig von ihrem Charme  verloren. Manches wird jetzt nur als Verbeugung  vor der schnelllebigen Mode im Westen empfunden. Dagegen bleiben die Darbietungen der russischen Klassik richtige Evergreens. Das Petersburger  Gastspiel hat es ein übriges Mal unter Beweis gestellt.

So hatte es, entgegen einigen Äußerungen in der hiesigen Presse, seine Richtigkeit, dass zum Programm  des zu Ende gehenden   Kulturjahres, das hauptsächlich der aktuellen russischen Kunst gewidmet war, auch Standardwerke der russischen Opernkunst gehörten. Auf dem Programm des Mariinsky Theaters stand die tragische Geschichte der Kaufmannsfrau  von Mzensk, erzählt vom volkstümlichsten aller russischen Dichter des XIX. Jahrhunderts Nikolai Leskow und kongenial  vertont von Dimitri Schostakowitsch, dann der bezaubernde  "Eugen Onegin", komponiert von Peter Tschaikowski  nach dem Versroman von Alexander Puschkin,  und auch der spannungsgeladene  "Feurige Engel" von Sergei Prokofjew nach der vom russischen Dichter Valeri Brüssow erzählten mittelalterlichen deutschen Legende. Alle drei einfühlsam, aber auch sehr modern  von den Gästen aus Sankt- Petersburg interpretiert.

Schwer herauszufinden, welche  Vorstellung die lautesten und längsten Beifallsstürme auslöste. Jedenfalls erreichten sie in allen drei Fällen den höchsten, in einem Theatersaal zulässigen Pegel. Bleibt nur  zu wünschen, dass auch den deutschen Theateraufführungen, die im Rahmen des kommenden Jahres der Begegnungen mit der deutschen Kultur in Russland stattfinden, ein vergleichbarer Erfolg beschieden sein wird.  Auch weil es hier  um mehr als nur um Kunst geht. Es geht um einen  Dialog von zwei großen Völkern, die sich in ihrer Kunst artikulieren und zueinander Brücken bauen. 

3.11.03

Eugen Onegin flaniert Unter den Linden

Der deutsche Puschkinforscher Rolf-Dietrich Keil, durch seine Neuübersetzung des Versromans "Eugen Onegin" des russischen Nationaldichters  bekannt, schreibt  im Programmheft zu dieser Ballettaufführung in der Deutschen Staatsoper Unter den Linden, "... den deutschen Leser überkommt beim Namen Puschkin vermutlich gar nichts ...". Obwohl etwas pauschalisiert, trifft diese Behauptung im Kern zu. Und die Schuld liegt bei Puschkin selbst. Seine Verse wurzeln so tief in der russischen Sprache, in ihrer Melodik und in ihrem  Idiom, dass auch die besten Nachdichter   vor einer schier unlösbaren Aufgabe stehen, wenn sie versuchen, das poetische Puschkinwerk dem deutschen Leser zu vermitteln. Abgesehen davon, dass es um eine  Enzyklopädie des russischen Lebens des XIX. Jahrhunderts geht, die   gewisse  Vorkenntnisse der russischen Geschichte erfordert, um verstanden  zu werden.  

Umso verdienstvoller ist es, dass sich die Berliner Staatsoper diese etwas altmodische, aber trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen bezaubernde  Geschichte über egoistische Männerliebe und unerschütterliche Frauentreue vorgenommen hat. Eine Geschichte, die in der Geistesentwicklung Russlands nicht weniger bedeutsam war als  „Die Leiden des jungen Werthers“ oder sogar der „Faust“ von Goethe in der Geistesentwicklung Deutschlands. Und dass diese Geschichte  als Ballett aufgeführt wird,   das  bekanntlich ohne Worte auskommt, schmälert den Verdienst keineswegs. Im Gegenteil.

Man kann sich aber gut vorstellen, wie ein Russe, der diese Zeilen liest, das Gesicht verzieht. Denn das scheint ihm   zweifelhaft. Eugen Onegin, die von diesem Petersburger Dandy angehimmelte Tatjana Larina, der  von ihm aus Langeweile getötete  Freund Wladimir Lenski und andere, jedem Russen von der frühesten Kindheit an vertraute Gestalten des Versromans auf der Ballettbühne? Das heißt,  als stumme, Freud und Leid  nur mit Tanzschritten zum Ausdruck bringende Figuren? Ob das kein Frevel ist?

Nein, es ist kein Frevel.  Unter der Bedingung allerdings, dass die Choreographie  von John Cranko und die Musik von Peter Tschaikowski stammt und  auf der Bühne die Balletttruppe der Staatsoper Unter den Linden agiert. Die Begeisterung im Zuschauerraum bezeugt es.

Und last not least ist der Beitrag russischer Tänzer hervorzuheben.  In der Tat, wer  könnte beim russischen Thema auf einer Ballettbühne ein besserer Vermittler der dichterischen wie musikalischen Intentionen  sein als der  an der Moskauer Bolschoi Ballett Schule ausgebildete, jetzige Ballettdirektor der Lindenoper Vladimir Malakhov, der den jugendlich verträumten Lenski tanzt. Die Partie der Tatjana, Inbegriff der romantischen russischen jungen Frau,  übernahm  die inzwischen weltberühmte Nadja Saidakowa. Und  Artem Shipelevski als Zweitbesetzung der Titelpartie, des Onegin, ist auch ein guter Griff. Kurz und gut,  Russland ist „auf dem Gebiet des Balletts dem ganzen Planeten wieder überlegen“, wie es in einem Lied hieß. Und das deutsche Ballett profitiert davon. Wenigstens etwas...

Zwar steht das Spektakel  nicht im offiziellen Programm der russisch-deutschen Kulturbegegnungen dieses Jahres, passt aber  wie selbstverständlich in seinen Rahmen. Es bringt dem Besucher vielleicht das wichtigste Werk des russischen Nationaldichters näher, auch dem, der nie Puschkins Versroman in der Hand gehabt hat und vielleicht auch nie haben wird. Eine Leistung, die jeder Puschkin-Fan in Russland zu schätzen weiß. Und welcher Russe ist kein  Puschkin- Fan?

17.11.03

Im Studio des Berliner Maxim-Gorki-Theaters  wurde als Beitrag zum Jahr der russisch-deutschen Kulturbegegnungen das Bühnenstück "Die Hochzeitsreise" vom skandalumwitterten russischen Autor Wladimir Sorokin  aufgeführt.

Als sich die aus Moskau angereisten  Schauspieler  vor dem Publikum im überfüllten Zuschauerraum verneigten, ernteten sie tosenden Beifall. Allerdings ließen sich in den anschließenden  Gesprächen  weniger Begeisterung, eher Nachdenklichkeit, Betroffenheit und sogar Ablehnung vernehmen. Sie bezogen sich nicht auf die einwandfreien schauspielerischen und Regieleistungen, sondern auf die in der dramatischen Vorlage verankerte Behandlung der für die Deutschen sehr heiklen Fragen. Vor allem die Frage nach der Verantwortung der gegenwärtigen Generation für die Greueltaten Nazideutschlands.

Sorokins  Held, Sohn eines hohen SS- Offiziers, fühlt sich zwar für die Verbrechen des Vaters verantwortlich, aber im Stück wird seine Haltung als  psychische Erkrankung    dargestellt und sogar mit sexuellen Verirrungen in Verbindung gebracht. Die Pathologien finden ihren Ausdruck in der unbändigen Liebe des Helden zu einer jungen Russin jüdischer Herkunft. Auf sein Drängen muss sie ihn immer wieder auspeitschen. Allerdings hat auch sie  ein Skelett im Schrank. Denn Ihre Großmama  war unter Stalin eine Stasi- Untersuchungsrichterin und zeichnete sich durch besondere Grausamkeit aus.

Das als eine Parabel gedachte Sujet geht an der historischen Realität mindestens insofern vorbei, dass die meisten Deutschen  die Bewältigung  der  Vergangenheit nicht darin sehen,  sich, wenn auch  im übertragenen Sinne, von jemandem auspeitschen zu lassen. Zwar versuchten  die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, vor allem die westlichen, in der ersten Nachkriegszeit nicht ohne Erfolg, den Deutschen für immer ein lähmendes Schuldgefühl einzuimpfen. Aber letztendlich gewann das Land, übrigens nicht ohne russische Hilfe,  seine Souveränität doch wieder. Auch die geistige Souveränität, die es ihm jetzt ermöglicht, sich  aktiv für die neuen, friedlichen  und konstruktiven Verhältnisse in Europa einzusetzen.  Mit dem auf  der Bühne überstrapazierten Opfer- Täter- Verhältnis hat dieses  Engagement  wenig zu tun.

Sicher wäre es  verkehrt, die politische Messlatte an das Bühnenstück anlegen zu wollen. Aber Sorokins simplifizierende Interpretation der  komplizierten, vielschichtigen psychologischen  Vorgänge rächte sich auf der Theaterbühne. Und zwar in dem Unvermögen, die Spielzeit mit wirklich spannendem Stoff auszufüllen. Die eher  peinlichen, als amüsanten  Mätzchen, wie die breitgetretene Vorführung der russischen Wodkasitten als Gegenstück zur bayerischen Vorliebe für Weißbier oder die dauernden drastischen russischen Mutterflüche vermochten es jedenfalls nicht. 

Insgesamt also fiel das Spektakel aus dem  Rahmen des russisch- deutschen Kulturjahres. Denn dieser Rahmen verpflichtet, wie man denken möchte, zu einem gewissen Niveau. Erst recht, wenn es um eine Theateraufführung geht, die  von den Kulturbehörden beider Länder gesponsert und abgesegnet wurde.

6.2.04

KULTURBEGEGNUNGEN. NOTIZEN AM RANDE.

1.Vor kurzem jährte sich zum 80. Mal ein kulturpolitisches Ereignis in Deutschland, das in die Geschichte der deutsch- russischen Beziehungen einging.  Es wurde  die Gesellschaft zum Studium des neuen Russlands  gegründet. Bereits die Zusammensetzung des Vorstands erregte Aufsehen. Zu den   Mitgliedern gehörten zwei weltweit bekannte und geachtete  Deutsche.  Einer war  der Schöpfer der Relativitätstheorie Albert Einstein. Der andere – der Autor der Buddenbrooks Thomas Mann. Beide Nobelpreisträger.  Die kommunistische Diktatur ablehnend , sahen sie nichtsdestoweniger Sowjetrussland als Zukunftslabor. Trotz seiner Armut und  wirtschaftlichen Rückständigkeit. Wie übrigens viele damals in Deutschland.

 Die  Regierung der Weimarer Republik kam dem Verlangen  nach näherer Bekanntschaft mit dem neuen Russland entgegen. Mit gutem Grund, da sie  sich um eine breite öffentliche Unterstützung ihrer Russlandpolitik bemühte. Russland  war damals  nahezu das einzige große Land in der Welt mit deutschfreundlicher Einstellung. Einen anderen gleichwertigen Partner    hatte Deutschland  nicht. Russland lehnte das imperialistische Versailler Friedensdiktat ab, das Deutschland für Jahrzehnte zum Anhängsel der Westmächte degradieren sollte. Nach Auffassung der deutschen Führung hätte die   Festigung der Beziehungen zu Russland   die junge Republik von der eisernen Umklammerung der Westmächte, den Siegern des Weltkrieges, befreien können.  

So brach in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Frühling in den  Beziehungen zwischen den zwei, noch kurz davor sich erbittert bekämpfenden Ländern an. Er wurde nicht nur in der Sphäre der Kultur, sondern auch in den politischen, wirtschaftlichen und sogar militärischen Sphären erzielt. Aber in den Kulturbeziehungen machte er sich  besonders bemerkbar. In Berlin fanden zahlreiche Lesungen, Ausstellungen, Debatten statt, wo die Intentionen des neuen Russlands im Mittelpunkt standen.  Kaum ein großer Dichter,  Künstler, Gelehrter Russlands, der Deutschland in diesen Jahren nicht besuchte. An den Reisen nach Russland nahmen  viele Vertreter der deutschen Kulturelite teil. Jedenfalls mehr als davor und  danach. 

Leider dauerte der Aufschwung der deutsch- russischen Kulturbeziehungen  nur wenige Jahre. Auf beiden Seiten türmten sich Vorbehalte. Sie wurzelten in der Angst vor dem fremden Einfluss auf die Denkweise eigener Untertanen. Es zeigte sich, wie schädlich die Unverträglichkeit der Gesellschaftssysteme für Kulturbeziehungen sein kann.      

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und die weitere Verhärtung der stalinistischen Diktatur in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren brachten den hoffnungsvoll in den zwanziger Jahren eingeleiteten  russisch- deutschen Kulturaustausch  zum Erliegen. Dem Tauwetter folgte eine lange Eiszeit, deren Auswirkungen auch heute zu spüren sind. 

2.Die Eiszeit  dauerte, mit kurzen Tauwetterperioden auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort,   während des Kalten Krieges , der den Zweiten Weltkrieg ablöste.  

Auf beiden Seiten wurde vorwiegend nur jenem geistigen und  künstlerischen  Gut die Tür geöffnet, das ins politisch bedingte und verzerrte  Bild des anderen Landes hineinpasste. Die Kommunikation zwischen den Kulturen wurde dadurch stark beeinträchtigt.   

Kein deutscher Künstler oder Dichter durfte in die Sowjetunion , wenn er sich nicht vollständig mit dem Regime identifizierte.   Kein von  der sowjetischen Zensurbehörde ungeprüftes Buch aus der Bundesrepublik wurde in der Sowjetunion verlegt, kein Bild ausgestellt. Und die Zensur guckte  nicht darauf, ob das Kulturgut einen Wert hatte, sondern darauf, welche politische Aussage es enthielt.  

Auch in der Bundesrepublik gab es  Schranken für  Kulturimporte aus der Sowjetunion.  Die ganze Atmosphäre des kalten Krieges, an dem sich die Bundesrepublik als loyaler  Verbündeter der Westmächte eifrig beteiligte, schuf einen ungünstigen Hintergrund für die Rezeption der zeitgenössischen russischen Dichtung und  Kunst.  Ein Teil der westdeutschen Medien vertrat die Ansicht,  die sowjetische Kultur sei von vornherein abzulehnen, da sie in einem unfreien Land entstand. Aber die ägyptischen Pyramiden, die auch nicht gerade in einem demokratischen Staat entstanden, werden trotzdem von jedem kulturbeflissenen Menschen bewundert, argumentierte   damals ein Zeitgenosse.  

Wie dem auch sei, häuften sich  während des Kalten Krieges gewaltige Defizite in der Wahrnehmung der  Kultur des anderen Landes in Deutschland und in Russland. Zwei Völker, die ein ganzes Jahrtausend das Wissen voneinander mehrten, wurden durch eine Mauer der Voreingenommenheit getrennt. Zu überwinden war diese Mauer nicht leichter als die Berliner Mauer. Denn auch sie bestand aus Beton.  Beton in den Köpfen, der  schwieriger zu zerstören ist als die Mischung aus Zement und Sand.

3.Jetzt ist es Vergangenheit. In der Kulturkommunikation  der Russen und Deutschen  gibt es keine politischen und ideologischen Schranken mehr. Zum  ersten Mal seit mehreren Dezennien.

Die neuen Rahmenbedingungen des Kulturaustausches prägen das Programm der deutsch- russischen    Kulturbegegnungen 2003- 2004. Es enthält  nicht nur eine gewaltige Zahl an  Veranstaltungen verschiedener Art. Vielmehr beeindruckt das Bemühen der Veranstalter, das Kulturleben des  Partnerlandes in seiner ganzen Breite darzustellen. Ohne Zensur.

Ein spektakuläres Beispiel dafür ist  die Frankfurter Buchmesse. An ihr nehmen ca.100 russische Autoren teil, die alle Richtungen der modernen russischen Dichtung vertreten. Hätte ein sowjetischer Zensor ihre Werke  überprüft, bräuchten neun von zehn Autoren ihre Koffer gar nicht zu packen. Sie hätten keine Chance, von der Staatsmacht das Plazet für die Reise nach Frankfurt zu erhalten.

Als der Verfasser dieses Beitrages das Programm der Frankfurter Buchmesse durchblätterte,  erinnerte er sich an einen verstorbenen Freund, übrigens freien Mitarbeiter vom Radio Moskau. Dieser unterhielt  gute Beziehungen zum großen deutschen Dichter Heinrich Böll. Meisterhaft übersetzte er seinen bekannten Roman „Gruppenbild mit Dame“. Ein Werk, in dem Böll seine Sympathie fürs russische Volk artikulierte.

Der Verfasser  bereitete fürs Radio ein Gespräch mit dem Übersetzer vor.  Aber die Übersetzung und somit auch das Gespräch durften nicht gesendet werden. Irgendein Funktionär forderte die Streichung einiger Stellen im Roman, die ihm naturalistisch vorkamen. Der Übersetzer  wollte  sich der Zensur nicht beugen.

In russischen Kulturkreisen gab es viele Fälle solchen stillen  Widerstandes. Viele Russen versuchten, die von der Politik errichtete Mauer zu durchbrechen oder zu umgehen. Sie wollten einen freien Kulturaustausch mit dem Westen, dessen kulturelle Leistungen sie trotz des Wütens der Zensur in der Sowjetunion kannten und bewunderten.

Auch in Deutschland  gab es  Aufbegehren gegen die Kulturfeindlichkeit des Kalten Krieges. Viele deutsche Intellektuelle  vertraten den Standpunkt, dass die Russen dank ihrer Kreativität  und ihres überaus reichen Kulturerbes auch unter dem Druck der Zensur viel Beachtenswertes hervorbrachten.      

Leicht vorzustellen, wie sich alle Befürworter des freien Kulturaustausches zwischen Deutschland und Russland freuten, als sie den Wegfall alter Schranken in der kulturellen Kommunikation erlebten. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sie trotzdem  Einiges bemängelt  hätten.

4.Es genügt ein Blick in die Räume, wo  die  Kulturbegegnungen mit Russland in Deutschland in diesem Jahr laufen, um sich davon zu überzeugen. Es gibt zwar viele gut besuchte Veranstaltungen, aber auch solche, die wenig Besucher zählen.  Man bekommt mitunter sogar  den Eindruck, manche Begegnung findet unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit statt. Es überwiegen die Teilnehmer, die schon von Amts wegen  hinmüssen.

Früher könnten wir sagen, die Deutschen wollen,  unter dem Einfluss der Feindbilder  des Kalten Krieges,  von den Russen nichts hören und sehen.  Repräsentative Umfragen zeigen aber, dass heute mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung  den Russen gegenüber nicht die geringste Feindseligkeit empfindet und durchaus über sie mehr erfahren will.  Warum also   die leeren oder halbleeren Veranstaltungsräume? Ist daran die unerträgliche Hitze dieses Sommers schuld ?

Vielleicht liegt es eher daran, dass die Vermittlung des dichterischen oder künstlerischen Schaffens  ein kreativer Prozess sein muss. Und in dem Falle fehlt es mitunter an Kreativität. Auf beiden Seiten.

Leider verstehen die Russen nicht genug von Marketing und Werbung. Auch in der Sphäre der Kultur. Sie hoffen darauf, dass das wertvolle Kulturgut  für sich spricht. Mitnichten! Seine Vermittler müssen die Rezeptionsfähigkeit und Gewohnheiten des Zielpublikums berücksichtigen. Sonst bleibt die fremde Kultur ein Ding für sich. Erreicht  die Menschen im anderen Land nicht.

Wären  manche Veranstaltungen des russischen Kulturjahres in Deutschland einfallsreicher, hätten sie mehr bewirken können.  Das Besondere der russischen Lebensart, der russischen Volksbräuche, russischer Landschaften und auch der schwierige, aber  spannende Alltag des heutigen Russlands ließen sich in Deutschland verständlich, ja sogar mitreißend  darstellen. Es kommt auf die guten Einfälle der Veranstalter an. Und an diesen mangelte es offensichtlich bei den Veranstaltungen, die nicht viel Publikum hatten.       

5.Die  Veranstaltungen des russischen Kulturjahres in Deutschland könnten einfallsreicher gestaltet werden Das hätte eine breitere Publikumsbeteiligung  bewirkt. Und darauf kommt es schließlich an. Nicht die Zahl der Veranstaltungen ist entscheidend, sondern ihre Breitenwirkung. Sie sollen nicht nur die  Kulturelite   erreichen, sondern auch  nicht besonders kunst- und kulturbeflissene Menschen anziehen.

Es gibt dafür gute Beispiele. So hat der Bundesverband der deutschen West- Ost- Gesellschaften,  vom unermüdlichen Dr. Bohse, Hochschullehrer aus Tübingen, geleitet, die sogenannte Kulturkarawane auf den Weg gebracht. Ein gemietetes Schiff, mit  russischen Kulturschaffenden an Bord, bewegte sich  Rhein aufwärts, dann auf Main und Donau. Unterwegs wurden mehrere Begegnungen mit dem interessierten Publikum durchgeführt, mitunter auch in den Orten, wo sich sonst kaum ein russischer Dichter oder bildender Künstler hinverirrt. Ähnlich werden auch die sogenannten Kulturbusse eingesetzt. Ein gelungener Versuch, von den verkrusteten Darbietungsformen abzugehen. 

Das russische Kulturjahr in Deutschland hat seinen Zenith noch nicht überschritten. Es stehen noch fulminante Ereignisse bevor. Im Oktober ein Gastspiel des berühmten Mariinsker Opern- und Balletttheaters aus Sankt- Petersburg in Berlin. Und vor allem  die Schau Moskau- Berlin 1950- 2000 im Berliner Gropiusbau, die auch im Oktober ihre Pforte öffnet.

An diesem Projekt ist besonders hervorzuheben, dass es dem deutschen Publikum ein sehr wichtiges  Kapitel der neuesten russischen Kultur öffnet. Die Schau bringt den Beweis dafür, dass auch in der schwersten Zeit, als die sowjetische Kulturpolitik ausgesprochen restriktiv war,  russische Dichter und Künstler  oft  die Klippen der Zensur zu umschiffen verstanden und trotz der Behinderungen  mitunter Hervorragendes vollbrachten.

Es gibt eben keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Freiheit der Kultur und ihrer Qualität.  Innerer Protest gegen Unterdrückung gebärt mitunter faszinierende Werke, die sonst gar nicht zustande gekommen wären. Die  unter der Zarenherrschaft  entstandene, aber trotzdem den Geist der Freiheit atmende  klassische russische Literatur zeugt davon.

Eine nähere Bekanntschaft mit der in den letzten Dezennien der Sowjetmacht    entstandenen  russischen Dichtung und Kunst hilft, die inneren Triebkräfte des russischen Wandels zu verstehen, der das Leben unseres Kontinents stark beeinflusste und unter anderem auch die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichte. Denn die russischen Kulturschaffenden haben zur Wende  viel beigetragen. Sie stellten unter Beweis, dass ein wahrer Dichter in Russland, wie ein geflügeltes russisches Idiom zum Ausdruck bringt, tatsächlich mehr als ein Dichter ist.

Die besten  ließen sich   vom  Freiheitswillen der Russen inspirieren. Ihre Werke waren oft genug Kristallisationspunkte jenes zähen, wenn auch oft verborgenen Widerstandes, der ein unerschütterlich scheinendes Regime zum Scheitern brachte.

Eine aktuelle Erfahrung. Denn auch in der Gegenwart stellt sich wahre  Kultur der Unterdrückung, dem Hass, Zwist, Krieg entgegen. In diesem Kontext gewinnt das russische Kulturjahr in Deutschland eine eminente Bedeutung nicht nur in den Beziehungen zwischen unseren Ländern, sondern auch darüber hinaus. Wie  die gesamte Annäherung zwischen Deutschland und Russland

DER BART ALS KOMPASS BEI DER IDENTITÄTSSUCHE

In diesen Tagen jährte sich zum 175. Mal ein für die russische Geistesgeschichte sehr wichtiger Tag. Der Geburtstag von Lew Tolstoi („Krieg und Frieden“ und  „Anna Karenina“ müssten nach zahlreichen  Verfilmungen der besser gebildeten Schicht in Deutschland bekannt sein).  Unter den Russen gibt es allerdings noch welche, die diese herrlichen Romane gelesen haben. Die sind eben hinter der Zeit zurück.

Zu den letztgenannten gehört  Michail  Schwydkoj, der russische Kulturminister und Freund von  Frau Staatministerin Weiss, auch sicherlich sehr belesen. Schwydkoi gab zum Tolstoi- Jubiläum in Moskau eine Pressekonferenz. Die leidenschaftliche Verehrerin  der klassischen russischen Dichtung (sie sieht schon so aus – nicht wahr?) hat eine Zusammenfassung seiner klugen Ausführungen für unsere Seite vorbereitet. Aber im letzten Augenblick wurde die Datei böswillig gelöscht. Im Zuge einer sofort eingeleiteten  Ermittlung unseres  Sicherheitsdienstes wurde der Schuldige festgestellt: Iwan Matrjoschkin, Esq. Vor dem Gremium der weiblichen Holzpuppen führte er zur eigenen Rechtfertigung aus:

Die bebrillte Kollegin hat das Wesentliche in den Ausführungen  meines Freundes Michail Schwydkoj* unterschlagen- den Hinweis darauf, dass Lew Tolstoi  die wichtigste Identifikationsfigur der gegenwärtigen Russen ist. Tatsächlich gibt Tolstois Schaffen  Antworten auf  Fragen wie: Wer sind wir Russen, worauf  hoffen wir und wer  bedroht uns.

Zur ersten Frage. Bekanntlich war Lew Tolstoi ein konsequenter Gegner der Gewalt. In seinen Romanen und Novellen predigte er absolute Gewaltlosigkeit. Im Unterschied zu meinem Freund George W. Busch*  meinte er,  Gewalt erzeuge nur neue Gewalt, nicht Frieden und  Gerechtigkeit. Seine berühmte Formel „непротивление злу насилием“ (in etwa- das Übel darf nicht mit Gewalt bekämpft werden, vielmehr flieht es, wenn es nicht verfolgt wird) zieht sich wie ein Leitfaden  durch die ganze russische Geschichte, insbesondere der letzten Zeit. Das Fazit: Wir Russen sind friedliche und nette Menschen, auch wenn das nicht immer auf Anhieb erkannt wird. Wir sind 150 000 000 Tolstois, Schurke ist, wer das bezweifelt.

Zur zweiten Frage- danach, worauf wir hoffen. Wenn wir Tolstois Werke lesen, ist das auch klar. Wie seine Hauptfiguren sollen wir auf die Güte des lieben Gottes hoffen. Er lässt uns nicht im  Stich, vorausgesetzt, wir verzeihen unseren Feinden. Wie ich zum Beispiel den weiblichen Holzpuppen verzeihe, in die Hölle mit ihnen!

Und die dritte Frage: Wer bedroht unser Seelenheil. Die Antwort gibt nicht nur sein geniales und umfangreiches Schaffen (100 Bände in Folio), sondern auch sein Leben. Hochbetagt, floh er aus seinem Gut, er wollte weg von seiner Frau.

Übrigens glaube ich, dass sich die weiblichen Holzpuppen vom Vorgang inspirieren lassen. Da aber folge ich dem Beispiel von Lew Nikolajewitsch nicht, ich bleibe!

Obwohl ich sonst sein leidenschaftlicher Anhänger bin, gibt es zwischen uns noch einen Meinungsunterschied. Er war ein konsequenter Abstinenzler, ich bin eher das Gegenteil davon. Aber... wer weiß. Es gibt Menschen, die predigen Wasser, trinken aber heimlich Wein (resp. Bier). Nun, in der Hauptsache aber folge ich seinem Lebensstil. Ich bin auch  Vollbartträger:

Als  solcher gefalle ich den Damen fast so gut wie er   (der Fama nach hat er die Bevölkerungszahl der Bauernschaft auf  seinem Gut bedeutend vermehrt).

Iwan Matrjoschkin, Esq. 16.9.03. Am Stammtisch in der Kneipe «Sonnenschein », Berlin, Prenzlauer Berg.

*Die Freundschaft lässt sich  nicht verifizieren.                 

WAS KOMMT DENN ZURÜCK?

Seit  1. April läuft in den deutschen Kinos der russische Film "The Return - Die Rückkehr"(Woswraschtschenije). Mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Goldenen Löwen in Venedig, ist die vom Regisseur   Andrej Swjaginzew meisterhaft ins Bild gesetzte Geschichte   leicht nachzuerzählen und  schwer zu deuten.  

Ihr äußerer Rahmen: In einer Provinzstadt leben zwei Buben mit ihrer Mutter. Nach langen Jahren Abwesenheit ( wo, warum- bleibt unklar) kehrt der Vater nach Hause zurück. Seine Kinder kennen ihn nur von alten Fotos.  Während der größere Bruder den völlig fremden Mann bewundert, reagiert der Kleine strikt ablehnend.  

Der Rückkehrer nimmt die Söhne  aus der Obhut der  Mutter. Und zwar  auf eine unbewohnte Insel (was er dort sucht, erfährt man auch nicht). Die Reise, die anfangs einem lustigen Abenteuer gleicht, wird zu einer Tragödie. Der Macho- Vater kommt um. Die Söhne, an seinem Tod nicht ganz unbeteiligt, kehren heim.

Bei aller Schönheit der Bilder und der riesengroßen  Begabung der  unbekannten Hauptdarsteller gibt es noch etwas, was die Zuschauer gefangen nimmt. Auch die deutschen. Vom „Herrn der Ringe“ und ähnlichem Mist geistig verkrüppelt,  starrt er trotzdem und wider Erwarten wie gebannt auf die Leinwand, auf der eigentlich herzlich wenig passiert. Kein Husten, kein Rascheln im Raum. Spannungsgeladene Luft.   Warum  eigentlich?
 

Vermutlich, weil das, was vorgeführt wird,  kein Abklatsch von Hollywood ist. Im Unterschied zu vielen  russischen Filmen der letzten Jahre. Keine action. Keine abgedroschene Liebeslyrik. Keine Albumblätter alter Zarenpracht.

Dafür sieht  man in „Woswraschtschenije“ das wahre Russland.  Und zwar wie es  nach der Wende vom Sozialismus  sowjetischer Prägung leibt und lebt. Das heißt in einem unheimlichen Wartezustand.  

Worauf wartet es? Auf einen Vater, der nach langer Abwesenheit zurückkehrt? Oder auf  die Rückkehr zur verleugneten Mutter? Das wird im Film nicht mal angedeutet. Oder doch?  

Ist Russland, das hinter den Bildern winkt,  Putins Russland? Wie er selbst, gerissen,  listig, schnell beim Zuschlagen. Ein Russland, das nicht sinniert, sondern handelt. Und ein Abschied von der Moral nimmt. Jedenfalls von der  Moral  Tolstois, Dostojewskis etc.  

Also, ein Russland, das seine Kräfte sammelt. Das die ihm innewohnende Feder anspannt.    Um sich irgendwann so zu entfalten,  wie es von einem besiegten  und geplünderten Land nicht erwartet wird.  

War es denn nicht so mit der auch  fremdbestimmten Weimarer Republik, die  dann in wenigen Jahren  zur stärksten Macht in Europa aufstieg? Zwar einer  verdammungswürdigen Macht, aber immerhin.   

Betritt das wiedererwachende Russland, wenn der „Vater“ zurückkehrt, denselben Irrweg? Weil auch dem Land,    ein Platz unter  der Sonne zwar versprochen, aber vorenthalten wird?  

Mit keinem Wort, mit keinem Bild stellt  der Film die hochtrabenden Fragen, geschweige denn beantwortet sie. Dennoch  drängen sich diese   auf.   

Zeugt es von der verborgenen Tiefsinnigkeit des Films? Oder   hört das matrjoschka- team, das vollzählig das Kino besuchte und vom Film fasziniert war, die Flöhe husten?  

Warum blieben aber auch die anderen Zuschauer  nach dem offenen Ende des Films stumm und betreten  sitzen? Warum sahen sie mit einem, bereits komisch wirkenden Ernst, wer da alles am Film mitgewirkt hat. Die letzten Maskenbildner eingeschlossen. Als könnten die Namen helfen, hinter das Geheimnis zu kommen.                    

Das mindeste aber, was vom Film zu sagen ist: Damit kehrt das große russische Kino  auf die internationale Szene zurück.

Die Woswraschtschenije findet also in jedem Falle statt. Wie man den Film auch deutet.  

5.4.04

Russische Filme auf der Berlinale stiefmütterlich behandelt.

Im Berliner Pressezentrum gaben die Veranstalter der diesjährigen Berlinale eine Pressekonferenz. 

Verständlicherweise interessierte ich mich vor allem dafür, ob russische Filme bei den kommenden Filmfestspielen zu sehen sein werden. Pusteblume. Nur außerhalb des Wettbewerbs. Das heißt, dass die russische Filmkunst hier  im Schatten bleibt. Wie oft in den vorigen Jahren.   

Ohne einen Fachstreit mit den Juroren beginnen zu wollen, darf  man wohl ihre Entscheidung anzweifeln. Denn das fachkundige deutsche Publikum sieht die russische Filmkunst nicht als minderwertig. Insofern es russische Streifen sehen kann, nimmt sie die Gelegenheit wahr.   

Das zeigen die deutsch-russischen Kulturbegegnungen 2003/2004. In ihren Rahmen   liefen russische Filme mit Erfolg. Klassiker und Neuproduktionen. Nicht nur in den großen Städten, sondern auch in ländlichen Regionen. In Ost wie in West.  

Deswegen werden die Vorführungen fortgesetzt. In Frankfurt am Main  wird noch bis Ende März unter dem Motto „Russland lesen... und sehen“ eine Auswahl hervorragender Filme nach russischen Literaturvorlagen gezeigt. Es sind die Puschkinverfilmungen  „Das Märchen vom Zaren Saltan“ und „Boris Godunow“, „Onkel Wanja“ nach Tschechow, „Kreutzersonate“ nach Lew Tolstoi.  

Im Berliner Kino „Arsenal“ laufen  im Rahmen des Berliner Freedoms- Filmfestivals mehrere Neuproduktionen aus Russland. Auch im Kino blue up sind russische Filme weiter zu sehen.  

Erfreulich ist auch, dass in Berlin das achtzigjährige Jubiläum von Mosfilm, des verdienten Filmstudios aus der russischen Hauptstadt, begangen wurde. An der Feier nahmen sechshundert Filmfreunde teil. 

Allerdings finden die russischen Streifen nur in den Kinos Zuflucht, wo das Publikum von der Straße kaum hinströmt. In den großen Filmtheatern, auf Gewinnmaximierung ausgerichtet,  kommen  sie höchst selten an. Auch deutsche Produktionen sind dort nicht willkommen.  Die supermächtige amerikanische Filmindustrie mit ihrem unermesslichen Geld setzt eben im  Filmverleih ihre Akzente.  

Dass sich ihr Einfluss auch bei  Festspielen in aller Welt bemerkbar macht,  ist wohl ein offenes Geheimnis.

Trotzdem werden russische Filme immer öfter auf den prestigeträchtigsten Filmfestspielen wie die in Cannes oder Venedig  zum Wettbewerb zugelassen und sogar ausgezeichnet. Auf der Berlinale haben sie aber kein Glück. Anscheinend dürfen sich ausgerechnet deutsche Zuschauer   nur am Herrn der Ringe und ähnlichen Hollywoodproduktionen begeistern. Der deutsche Kinoalltag wird ferngesteuert. Auch mittels der Berlinale.           

28.1.04 

Russische Ikonen in Schweinfurt 

Eine deutsche Bildergalerie zeigt  eine einmalige Sammlung sakraler russischer Malerei aus der Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. 

Es ist anzunehmen, dass in Deutschland nicht wenige russische Kunstwerke, darunter wertvolle Ikonen, in privater Hand sind. Aus leicht nachvollziehbaren Gründen scheuen die meisten Besitzer das Licht der Öffentlichkeit. Ganz anders der Sammler Fritz Glöckle aus Schweinfurt. Er schenkte  hundertsechs russische Ikonen seiner Heimatstadt, um ihre öffentliche Ausstellung zu ermöglichen. Er tat es  selbstverständlich nicht nur, weil er nichts zu verbergen hat, aber gewiss auch deswegen.

Viele Jahrzehnte lang trug er überall, wo möglich, die Kunstwerke zusammen.  Den ersten Impuls dazu erhielt er 1941 im brennenden Kiew. Dort musste er erschüttert zusehen, wie die Reliquien der christlichen Orthodoxie unter den Bomben der Luftwaffe seines Vaterlands zugrunde gingen. Ein  viertel Jahrhundert später kam er auf Einladung der Sowjetregierung als Bauexperte in die UdSSR. In Kiew, Leningrad und Moskau beeindruckten ihn die wieder aufgebauten Kirchen mit ihren Ikonenwänden. Fortan bereiste er  die Städte des russischen Goldenen Rings, um die sakrale Malerei der russischen orthodoxen Kirche zu studieren. So verinnerlichte er den  Geist dieser alten Kunst, die in Russland nicht nur der  Religiosität diente, sondern auch die gesamte geistige Entwicklung des Volkes beeinflusste. Seitdem sammelte er Ikonen. Allmählich reifte der Wunsch, seinen Landsleuten die originelle und aussagekräftige Malerei aus Russland zu vermitteln.  

Als er auf die neunzig zuging, machte er sich Gedanken darüber, wie er seine Sammlung, deren Wert sich kaum in  Geld bemessen lässt, vor der kommerziellen Ausbeutung bewahren kann. So fasste er den Entschluss, sie einer bekannten deutschen Bildergalerie zu schenken. Im Gunnar-Wester-Haus von Schweinfurt fand er Verständnis und Unterstützung. Hier erstellte man einen wissenschaftlichen Katalog der Sammlung. Die vom Zahn der Zeit angegriffenen Ikonen wurden sachgemäß restauriert.  

Jetzt sind die Kunstwerke  zu besichtigen. Bleibt zu hoffen, dass die Begegnung mit der russischen sakralen Kunst bei den Besuchern des Schweinfurter Museums ähnliche Gefühle weckt, wie jene, die    den  Sammler bewogen, viel Zeit und Geld in sein Vorhaben zu investieren. (Nach Europa- Express).

14.2.04 

Im Rahmen der Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen 2003/2004 wurde in  Potsdam die Ausstellung „Zerbster Prinzessin – Katharina die Grosse“ eröffnet. 

Ausstellungen und Vorlesungen über die Geschichte der Monarchie in Russland sind in Deutschland keine Seltenheit. Dennoch ist die Potsdamer Ausstellung bemerkenswert. Die Veranstalter fanden nämlich eine originelle Sicht auf Katharina die Grosse. Sie stellen die Zarin als  Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen dar. Als eine Frau, die in der Zeit, als es noch gar nicht üblich war, in Russland erst recht  nicht, den Männern den Rang ablief. Sie repräsentierte nicht nur, sondern  führte das Reich, in dem sie durch die Verkettung von Zufällen Herrscherin wurde,  mit sicherer Hand zu neuer Größe. Ihrem neuen Vaterland,  seiner Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung leistete sie unschätzbare Dienste.  Die Ausstellung zeigt  Katharina als Lehrmeisterin und Vorbild für alle anderen Frauen, die nach ihr und besonders in der Gegenwart eine führende Rolle im Leben der Völker beanspruchen. Von Angela Merkel in Deutschland bis zu Hillary Clinton in den USA. Diese    mit viel Humor, etwas überspitzt, trotzdem überzeugend realisierte Vorstellung von der russischen Kaiserin steht sicherlich im Zusammenhang damit, dass die Schau  fast ausschließlich von Frauen bestritten wird. Und zwar sind es russische Künstlerinnen und Historikerinnen aus Petersburg und auch aus der russischen Diaspora in Deutschland. Man spürt hier die versteckte Absicht, den in Russland regierenden Männern ein paar Seitenhiebe auszuteilen, die ihre Macht zum Wohle des Landes mit den Frauen teilen sollten.

Im übrigen regt die Ausstellung zum Nachdenken darüber an, warum die junge Deutsche aus einem Provinznest zu einer glühenden russischen Patriotin wurde, die ihrem neuen Vaterland alle Kräfte gab. Hier schneiden die Ausstellungsmacherinnen eine Frage an, die die Vitas vieler in Russland tätigen Deutschen tangiert, darunter Staatsmänner, Wirtschaftsmanager und Kulturträger. Die Antwort lautet: Wie Katharina waren auch sie von den russischen Weiten, dem unverbrauchten Naturreichtum und von der Kreativität des ungestümen russischen Volkes fasziniert. Besonders wenn sie aus der deutschen Kleinstaaterei und provinziellen Enge  nach Russland kamen.

Es gab darunter natürlich auch von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte  Gemüter, die sich hochnäsig aufführten. Sie brachten es nicht weit in Russland. Die meisten aber hinterließen in der russischen Geschichte Spuren, die ihnen und ihrem Herkunftsland Ehre machen, auch wenn sie sich  mit  der Zerbster Prinzessin nicht messen konnten.

25.2.04                          

Russische Filme auf der Berlinale stiefmütterlich behandelt.

Im Berliner Pressezentrum gaben die Veranstalter der diesjährigen Berlinale eine Pressekonferenz. 

Verständlicherweise interessierte ich mich vor allem dafür, ob russische Filme bei den kommenden Filmfestspielen zu sehen sein werden. Pusteblume. Nur außerhalb des Wettbewerbs. Das heißt, dass die russische Filmkunst hier  im Schatten bleibt. Wie oft in den vorigen Jahren.

Ohne einen Fachstreit mit den Juroren beginnen zu wollen, darf  man wohl ihre Entscheidung anzweifeln. Denn das fachkundige deutsche Publikum sieht die russische Filmkunst nicht als minderwertig. Insofern es russische Streifen sehen kann, nimmt sie die Gelegenheit wahr.

Das zeigen die deutsch-russischen Kulturbegegnungen 2003/2004. In ihren Rahmen   liefen russische Filme mit Erfolg. Klassiker und Neuproduktionen. Nicht nur in den großen Städten, sondern auch in ländlichen Regionen. In Ost wie in West.

Deswegen werden die Vorführungen fortgesetzt. In Frankfurt am Main  wird noch bis Ende März unter dem Motto „Russland lesen... und sehen“ eine Auswahl hervorragender Filme nach russischen Literaturvorlagen gezeigt. Es sind die Puschkinverfilmungen  „Das Märchen vom Zaren Saltan“ und „Boris Godunow“, „Onkel Wanja“ nach Tschechow, „Kreutzersonate“ nach Lew Tolstoi.

Im Berliner Kino „Arsenal“ laufen  im Rahmen des Berliner Freedoms- Filmfestivals mehrere Neuproduktionen aus Russland. Auch im Kino blue up sind russische Filme weiter zu sehen.

Erfreulich ist auch, dass in Berlin das achtzigjährige Jubiläum von Mosfilm, des verdienten Filmstudios aus der russischen Hauptstadt, begangen wurde. An der Feier nahmen sechshundert Filmfreunde teil.

Allerdings finden die russischen Streifen nur in den Kinos Zuflucht, wo das Publikum von der Straße kaum hinströmt. In den großen Filmtheatern, auf Gewinnmaximierung ausgerichtet,  kommen  sie höchst selten an. Auch deutsche Produktionen sind dort nicht willkommen.  Die supermächtige amerikanische Filmindustrie mit ihrem unermesslichen Geld setzt eben im  Filmverleih ihre Akzente.

Dass sich ihr Einfluss auch bei  Festspielen in aller Welt bemerkbar macht,  ist wohl ein offenes Geheimnis.

Trotzdem werden russische Filme immer öfter auf den prestigeträchtigsten Filmfestspielen wie die in Cannes oder Venedig  zum Wettbewerb zugelassen und sogar ausgezeichnet. Auf der Berlinale haben sie aber kein Glück. Anscheinend dürfen sich ausgerechnet deutsche Zuschauer   nur am Herrn der Ringe und ähnlichen Hollywoodproduktionen begeistern. Der deutsche Kinoalltag wird ferngesteuert. Auch mittels der Berlinale.          

28.1.04        

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