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DER RUBEL ROLLT (FORTSETZUNG)
 

                  In Stuttgart ging  Deutsch-russische Investorenkonferenz zu Ende. 

Zu einem Höhepunkt dieser Treffen der hochkarätigen Staatsmänner und Geschäftsleute beider Länder  wurde die Rede des Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Er stellte eine dynamische Entwicklung der  deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen fest. Der bilaterale Handel zwischen beiden Ländern habe sich im ersten Halbjahr um 16 Prozent gesteigert. "Die deutsch-russischen Beziehungen sind eine Erfolgsstory", sagte Schröder. Er fand Zustimmung von  400 Unternehmern, die sich auf der Konferenz in Stuttgart versammelten, um Möglichkeiten der Erweiterung der deutschen Investitionstätigkeit in Russland zu erörtern.   

Der Kanzler sagte weiter, Deutschland wolle die wirtschaftliche Zusammenarbeit  mit Russland auf eine breitere Basis stellen. Dies erfordere aber eine stärkere Anbindung von  mittelständischen Firmen aus Deutschland ans russische Geschäft. Nach den Äußerungen auf der Konferenz zu urteilen, sprach Schröder damit dem deutschen Mittelstand aus dem Herzen. Auch weil die derzeitige Wirtschaftsflaute gerade die mittelständischen Unternehmer gefährdet.   

Im Einklang  mit den Ausführungen des deutschen Regierungschefs äußerte sich sein russischer Amtskollege, Michail Fradkow, auf der Konferenz in Stuttgart. Er sagte,  Russland wolle den Aufbau mittelständischer Strukturen in Russland fördern. Das schafft eine gute Grundlage für wirtschaftliche Beziehungen zwischen  Russland und Deutschland auf dieser Ebene. Auch sonst würde Russland alles tun, um den Investitionsprozess im Land weiter anzukurbeln. Dazu gehöre eine Verbesserung der Investitionsgesetze, aber auch eine Reform des russischen Bankensystems.

Sowohl Schröder, als auch Fradkow  sprachen sich für einen Ausbau der deutsch-russischen Zusammenarbeit im Energiesektor aus. Angesichts der immer deutlicher werdenden ungünstigen Einflüsse der Verknappung der Energieressourcen in der Welt, bietet diese Zusammenarbeit der deutschen Wirtschaft eine Perspektive der stabilen Energieversorgung. Einer, die von den nicht auszuschließenden weiteren Turbulenzen auf dem globalen Markt von Erdöl und Erdgas unabhängig ist . Gleichzeitig öffnen sich neue Absatzmöglichkeiten  für die deutsche Industrie in Russland, da Deutschland zum Ausbau der Förderung und des Transports der Energieträger herangezogen wird.    

Die deutsch-russische Zusammenarbeit im Energiesektor hat  allerdings in Deutschland nicht nur Befürworter. So machte eine Äußerung der CDU-Chefin, Angela Merkel, auf sich aufmerksam. Sie warnte vor der Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen, ließ aber im Unklaren, welche Alternative die deutsche Wirtschaft hat. Ist es denn die Abhängigkeit von den Lieferungen aus dem arabischen Raum, die, wie die Erfahrung zeigt, unter den sich zuspitzenden politischen und militärischen Auseinandersetzungen im Orient sehr stark leiden können?  

Eine Warnung vor der Gefahr der Abhängigkeit  von den russischen Energielieferungen  sprach  auch ein Vertreter der Internationalen Energie-Agentur aus. Er  nannte allerdings die Alternative. Das sei der Verzicht auf den von der deutschen  Regierung
beschlossenen Atomausstieg. Also, eine Lösung, die von den meisten Deutschen abgelehnt wird, da sie die Sicherheit Deutschlands gefährdet. Erst recht in einer Welt, die vom internationalen Terrorismus verunsichert ist.

29.10.04 

Mit einer Veranstaltung im Russischen Palais, Berlin, wurden die Wirtschaftstage des westsibirischen Gebiets Nowosibirsk in Deutschland eröffnet.

Dem Gebiet Nowosibirsk kommt in Russland  etwa die Bedeutung zu wie Bayern in Deutschland. Es ist ein Zentrum der modernen Industrie, der innovativen Wissenschaft, des  pulsierenden Kulturlebens. Die Stadt Nowosibirsk selbst ist die drittgrößte Stadt in Russland.  Trotzdem sind die hiesigen Unternehmer weit davon entfernt, im eigenen Saft  schmoren zu wollen. Das wurde auf der im Russischen Haus zu Berlin  abgehaltenen  Pressekonferenz  und am Abend desselben Tages  bei der Eröffnungsveranstaltung der Wirtschaftstage im Russischen Palais Unter den Linden  deutlich.   

Wie der Gouverneur des Gebietes, Viktor Tolokonskij, versicherte, sind    ausländische Investoren, insbesondere diese aus Deutschland, in Nowosibirsk  stets willkommen. „Unsere Türen stehen offen“, sagte er. „Die Unternehmer, die zu uns kommen, werden allseitig unterstützt“. Er hob die besondere Attraktivität Nowosibirsk als einen wichtigen Pfeiler der Brücke zwischen Europa und Asien. Wer hier Geschäfte im großen Stil tätigt, bezieht eine strategisch wichtige Position in einem riesigen, an Naturschätzen sehr reichen  Raum mit hervorragenden Zukunftschancen.  

Das bestätigte auch  der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Wladimir Kotenew, der für das Gebiet ein besonderes Faible empfindet und im Sommer dieses Jahres  Nowosibirsk besuchte.  

Die bereits hier tätigen deutsche   Unternehmer äußerten sich über die Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Tätigkeit in Nowosibirsk sehr zufrieden. Insbesondere  ein Vertreter der Firma VEKA aus Nordrhein – Westfalen, Produzent von Baufertigteilen. Aufschlussreich war auch ein Bericht über ein   Unternehmen aus Nowosibirsk , das  den deutschen Autoherstellern zuliefert. Positiv beurteilte das Geschäftsklima in Sibirien  ein Vertreter der deutschen Commerzbank, die  seit zehn Jahren hier eine Repräsentanz  unterhält. Die Commerzbank unterstützte übrigens die  Wirtschaftstage von Nowosibirsk in Deutschland.  

Die jetzt in Deutschland weilenden  Manager aus Nowosibirsk, fünfzig an der Zahl,  besuchen außer Berlin  auch Dresden, Stuttgart und Hannover.  

Die Wirtschaftstage fallen zeitlich mit einer Konferenz zusammen, die den deutschen Investition in ganz Russland gilt. Sie findet demnächst    in Stuttgart statt. Hochkarätige Experten aus beiden Ländern  werden hier    über die Erweiterung der deutschen Investitionstätigkeit in Russland beraten. Darunter der russische Regierungschef Michail Fradkow . Eine Ansprache   Bundeskanzlers Schröder ist angekündigt.      

Mit ihrer Investitionstätigkeit in Russland  hat die deutsche Wirtschaft bereits alle  Mitbewerber aus anderen Ländern hinter sich gelassen. Somit konnte sie sich  bessere Chancen sichern, von dem schier unerschöpflichen russischen Markt und von den  Lieferungen russischer Energieträger wie Erdöl und Erdgas zu profitieren. Die Wirtschaftstage des Gebiets Nowosibirsk in Deutschland  verfestigen diesen Vorsprung der Deutschen. Zum gegenseitigen Vorteil beider, sowohl politisch, als auch wirtschaftlich  immer enger kooperierender Länder. 

26.10.04    

 In Berlin  wurde mitgeteilt, dass die Bundesrepublik den Verkauf der ersten Tranche von russischen Schulden gestartet hat.    

Das, was man in Deutschland russische Schulden nennt, sind zum größten Teil  Schulden der gewesenen Sowjetunion. Als ihr Rechtsnachfolger übernahm Russland nach dem Zerfall der Union die Verpflichtung, die Gläubiger auszuzahlen. Vor Jahren, als sich die russischen Finanzen in einem schlimmen Zustand befanden, glaubten aber die  internationalen Kreditgeber kaum an die Erfüllung dieser Verpflichtung. Jetzt ist die Situation ganz anders geworden. Russland gehört  zu den wenigen Ländern der Welt mit ausgeprägt positiver Außenhandelsbilanz. Auch sein Haushalt weist einen starken Überhang von Einkünften gegenüber den Ausgaben aus. Kein Wunder, dass die russischen Verpflichtungen von den internationalen Finanziers  als  gute Geldanlage angesehen   und begehrt sind.        

Es wäre selbstverständlich schöner, wenn sich Deutschland davon nicht trennen müsste. Aber es braucht flüssiges Geld, und zwar sofort. Deutschland  braucht es, um den neuen Staatsetat zu finanzieren, dessen Defizit die  vom  Grundgesetz gezogene Grenze erreicht. So muss der deutsche Staat sein Tafelsilber verscherbeln, wie es so schön heißt. Und dazu gehören neuerdings auch die russischen Schuldverpflichtungen, die voraussichtlich wie  warme Semmeln weggehen werden.    

Aus ihrem Verkauf an den internationalen Börsen hofft die Bundesregierung  etwa zehn Milliarden Euro dem Staatssäckel zuführen zu können. Zwar deckt die Summe nicht das ganze Haushaltsdefizit, aber ist doch hoch genug, um der Bundesregierung aus der Patsche zu helfen. So profitieren die deutschen Staatsfinanzen  davon, dass Russland wieder flüssig geworden ist und seine Schulden wie eh und je  pünktlich bezahlt. Mit Zinsen und Zinseszinsen.    

Wenn man aber bedenkt, dass die Leidtragenden der  finanziellen Schwierigkeiten des Bundes vor allem Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfänger sind, darf man wohl mit Genugtuung feststellen, dass der Handel mit russischen Schuldverpflichtungen die sozialen Leistungen des deutschen Staates absichern hilft und damit hoffentlich den sozial Schwachen in Deutschland zugute kommt.     

Wer hätte an diese Zusammenhänge gedacht, als westliche Experten dem russischen Staat  die totale Pleite prophezeiten. Sie haben nie an die Erholung der russischen Ökonomie geglaubt, da sie nie an Russland überhaupt glaubten. Sie wollten seine inneren Reserven nicht sehen. Sie neigten dazu, vorübergehende, unerfreuliche Zustände an der Moskwa  in die Zukunft zu extrapolieren.     

Den  Denkfehler begingen sie leider  nicht das erste Mal. Sie sollten sich aber ins Stammbuch schreiben, dass sich Russland im Laufe seiner schwierigen Geschichte immer wieder aufrichten konnte. Auch wenn es am Ende zu sein schien.    

2.7.04

SIE HABEN SCHWEIN. UND WAS FÜR EINS!

Runetstimme eines Oppositionellen.

Was für ein Schwein haben sie!  Was für ein fettes Schwein. Diese Kerle, die bereits fünf Jahre  lang das Land mit der Effizienz und Eleganz eines  Elefanten im Porzellanladen regieren.    

Jetzt haben sie wieder Glück. Mit der Krise der Privatbanken. Sie  ermöglicht dem nimmersatten Staat, die Privatbanken zu schlucken. Ohne sich auf die lange Prozedur einlassen zu müssen wie das Abwürgen von JUKOS.  

Glück muss man eben haben. Und die grauen Eminenzen aus dem Kreml  haben es. Am Glück mangelt es ihnen nicht. Dafür aber an Intelligenz und Gewissen. 

Doch Bankkrise hin, Bankkrise her. Das ganze Leben auf dieser Erde gestaltet sich so, dass  Russland  wieder verstaatlicht wird. Sein neuer Chef darf  wie beliebt im Lande schalten und walten.  

Stiege der Erdölpreis nicht zum Himmel, hätte Russland für den  Krieg in Tschetschenien  schon lange  kein Geld mehr. Der Krieg wäre aus. Oder mindestens die Gefahr seiner Verbreitung. Aber der Erdölpreis ist hoch wie nie. Deshalb gibt es Geld für den Krieg. So wird er wachsen wie Unkraut unterm Regen. Was für ein Schwein haben sie!    

Und wenn  das ganze Land zum Kriegsschauplatz wird, werden  sie sagen, die Lage sei schwierig. Und dass sie  deswegen mehr Vollmachten, mehr Militär, mehr Zensur  brauchen.     

Dagegen wird kein Wort zu hören. Denn ein Wort ist  nur dann zu hören, wenn es vom Fernsehschirm kommt. Das Fernsehen aber haben sie bereits in der Hand...  

Was für ein  Schwein haben sie. Und was für ein Pech wir! Wir könnten den Krieg vermeiden. Und auch  die Verstaatlichung der Privatbanken. Hätten sie das Schwein nicht. Und wir das Pech...  

Woran denken die Herren, wenn sie das Land vergewaltigen? Das weiß ich nicht. Aber sie möchten bitte   daran denken, dass es auch mein Land ist.

Vielleicht wollen sie mich und meinesgleichen bestrafen. Diejenigen, die das Maul aufreißen. Das hätte ich noch verstanden.   

Aber wofür müssen die Anderen büßen, die Ihnen wie Schafe folgen? Etwa dafür, dass sie wieder Schafe geworden sind?    

Aber auch sie werden einmal  das Schweigen satt haben. Was  dann? ...

(Aus Gazeta.ru, gekürzt, von Ausfälligkeiten gesäubert, aber auch in dieser Fassung von den Holzpuppen nicht gutgeheißen).

15.7.04

WIE RUSSLAND GEPLÜNDERT WURDE...

Verriet der amerikanische Forscher russischer Herkunft, Dmitri Simes. Auf einer, vom  Rechnungshof in Moskau veranstalteten Konferenz behauptete er, die in Russland tätigen USA- Diplomaten  besorgten den vertraulichen Geldtransfer von den russischen Oligarchen  zu einigen Senatoren und Massenmedien der USA. Das Ziel der Übung: die russische Führung mit Senatsresolutionen und  lancierten Presseberichten über ihre mangelnde Reformfreudigkeit ständig zu traktieren. Damit sie, Gott behüte, die Oligarchen nicht hindert, das Erbe der Staatswirtschaft der Sowjetunion für einen  Appel und ein Ei in die eigenen Taschen zu stecken.

Das funktionierte. So konnte der  Oligarch Roman Abramowitsch in zehn Jahren sein Privatvermögen von Null auf 13,4 Milliarden USD bringen. Der russische Staatsetat dagegen erhielt von der schiefgeleiteten Privatisierung der Staatswirtschaft nur zwei Drittel von Abramowitschs  Einkünften.

Dabei ist er zwar der reichste, aber nur einer von mehreren Akteuren der Privatisierung, unter den Russen  als  прихватизация“ bitter verspottet. Vom Wort „прихватывать“, das heißt „mitnehmen, was schlecht liegt“.

PS. Um seine Einschätzung gebeten, äußerte sich der Chefökonom des Konzerns „matrjoschka-online.de“, Iwan Matrjoschkin, Esq., höchst indigniert über die unqualifizierten Angriffe gegen die russischen Oligarchen. Sie tun, was sie können, um Russland den im Westen üblichen Standards  anzupassen, sagte  er. Dass dabei einige Privatpersonen reicher als der Staat werden, liegt in der Natur der freien Marktwirtschaft. Auch in Deutschland sei es nicht anders, behauptete er mit Bewunderung für sein Aufenthaltsland. 

22.4.04         

LIEBE HOLZPUPPE,        

Euer Bundeskanzler, der in Moskau eintrifft, um mit unserem Präsidenten einige Fragen der deutsch-russischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu erörtern, ist nicht zu beneiden. Bei uns mit aller gebührenden Achtung begrüßt, wird er in der Heimat arg bedrängt. Von den politischen Rivalen, die ihm vorwerfen, er regiere das Land schlecht und es stecke deswegen in der Flaute. Von  den Gewerkschaften, die sich als Anwälte der arbeitenden Menschen mehr profilieren möchten, um den Mitgliederschwund aufzufangen. Von den Koalitionspartnern...   

Dagegen steht sein Moskauer Gesprächpartner im Zenith der Volkgunst. Mehr als siebzig Prozent der Russen halten ihm die Treue- davon kann nicht nur  BK Schröder, sondern jeder europäische Staats- und Regierungschef nur träumen. So wie jedes europäische Land, nicht nur Deutschland, von den russischen Wirtschaftswachstumsraten, zwei-drei Mal höher als im EU- Durchschnitt  nur träumen kann. Und vom  Überhang der Einkünfte im Staatsetat. Und vom positiven Saldo der Außenhandelsbilanz. Und, und, und...  

Stell Dir, Puppe, vor, nicht Herr Schröder, sondern Herr Putin würde mit dem unerfreulichen Hintergrund zum Treffen erscheinen  müssen. Wie viel Häme und Arroganz würde da auf der deutschen Seite sein. Ich meine natürlich nur die Deutschen, die keine Gelegenheit vorbeigehen lassen, die Brust zu schwellen und den Russen ihre germanische Überlegenheit unter die Nase zu reiben.   

Die Russen von der Sorte gibt es auch, aber eher als eine seltene Ausnahme. Eher schon ist ein Russe geneigt, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Jedenfalls kam keiner im Kreml auf den skurrilen Gedanken, Putin zu empfehlen, seinem Gast das russische Beispiel als Richtschnur der deutschen Politik aufzudrängen. Bei uns hat man den Ehrgeiz nicht, den anderen Völkern vorzuschreiben, was sie tun und was sie lassen sollen. Jedenfalls nicht nach dem Zusammenbruch der  Sowjetunion, die deshalb  in der  Isolation blieb, weil sie sich  als weiser Lehrer aller Völker aufspielte.   

In Deutschland ist es leider etwas anders. Auch jetzt gibt es bei Euch  Leute, die der Ansicht sind, wenn nicht am deutschen, dann am atlantischen Wesen soll die Welt genesen. Darin wurzeln die an die Russen immer wieder gerichteten Aufforderungen, sich endlich auf die europäischen Werte zu besinnen, meistens ohne die Werte genau zu definieren und erst recht ohne dabei zu bedenken, dass die Russen ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Wertvorstellungen haben dürfen. Wie jedes andere Volk.    

Mitunter scheint es, dass man auf diese Weise den Minderwertigkeitskomplex überspielen will, der in den Jahren der „Umerziehung“ entstand, als die Amerikaner und die Engländer mit den Deutschen so umgingen, als wären diese wie Wilde in einer  Kolonie und erst vor kurzem von den Bäumen runtergeklettert.    

Der Vergleich  kam übrigens nicht mir in den Sinn, sondern einem russischen Politiker, der sich beklagte, jedes Mal wenn er oder seine Kollegen nach Berlin kommen, würden sie hier einem Verhör unterzogen.  Man fordere von ihnen Rechenschaft für Tschetschenien, für Jukos und vieles andere mehr. Und wenn sie sich darauf einlassen, höre man ihnen gar nicht zu, sondern setze ihren Argumenten die Litanei von den abendländischen Werten entgegen.       

Übrigens, als BK Schröder sich zur Moskauer Visite rüstete, haben ihm die Werteapostel   zugesetzt, die Fragen den russischen Gesprächspartnern zu stellen, auch wenn es die Atmosphäre der wichtigen Verhandlungen über die Wirtschaft trüben sollte. So viel ich weiß, hat er abgewinkt.    

Mit Liebe aus Russland,  

Dein G.G., Moskau, 7.7.04.       

WIE GEHT ES DEN GELDSÄCKEN IN RUSSLAND?

Ein Bericht der von Iwan Matrjoschkin, Esq., geleiteten Forschungsgruppe des Konzerns matrjoschka-online.de    

Die ersten russischen Dollarmilliardäre – ganze vier -  gab es   1997. Inzwischen stehen 36 Milliardäre auf der Liste der reichsten Geschäftsleute Russlands.

Man sagt, die russischen Geldsäcke schockieren den Westen  mit der Unart,  sich leicht von  gewaltigen Geldsummen zu trennen. Auch heißt es, die „neuen Russen“  diktieren die Preise für hochwertige Immobilien in London und Saint-Tropez,  für die längsten Jachten und prunkvollsten Palais in den berühmtesten Winterkurorten.

Das stimmt.

Aber in der Heimat gibt der russische Milliardär  wenig Geld aus. Auch nicht in Moskau, wo das Leben  kostspieliger ist als in der Provinz.    

Der Markt für superteure Immobilien ist in Russland vorläufig noch begrenzt.  Und Erbpaläste besitzen die russischen Milliardäre bis jetzt auch noch nicht, woher auch. Ihre Eltern hausten in Baracken.  Nur der Milliardär Konstantin Borowoi, bis vor kurzem noch Geldgeber der kommunistischen Partei, erwarb im Herbst vorigen Jahres für 15 Millionen Dollar in Moskau ein dreistöckiges Penthouse mit Swimmingpool und Wintergarten, aber das ist eine Ausnahme.  Der Durchschnittspreis für Luxuswohnungen liegt in Moskau  bei fünf bis sieben Millionen Dollar.  Ein bisschen mehr kostet ein Sommersitz in der Moskauer Umgebung, nämlich zehn Millionen Dollar – für russische Milliardäre Peanuts.

Für ein Auto braucht man in Russland auch keine großen Aufwendungen. Einen Bentley, Ferrari oder Maybach schafft sich hier sowieso nur ein Neureicher in der Provinz an. Ein  Milliardär in Moskau fällt im Straßenverkehr lieber nicht auf, denn aus Neid könnte er angefahren werden. Deshalb bevorzugt er  BMW, Mercedes oder Audi.

Dafür aber besitzt praktisch jeder russische Milliardär eine Jacht und  ein Privatflugzeug. Der Jet  muss nicht unbedingt 50 Millionen Dollar kosten, ein für dreißig Millionen tut es auch. Die Jacht muss aber teuer sein. Früher mieteten die russischen Reichen die Schiffe, jetzt lassen sie diese nach eigener Skizze  bauen – auf keinen Fall kürzer als fünfzig Meter. Kostenpunkt: mindestens 40 Millionen Dollar.

Die Jacht bedeutet Erholung.  Dafür gibt  ein russischer Milliardär den größten Teil seiner Einkünfte aus. In den Skiorten Frankreichs und der Schweiz mietet er die teuersten Villen, für 50 000 Dollar die Woche und mehr. Der Sommerurlaub an der Cote de Azur kommt auch nicht billig. Hier kauf man Villen für 25  bis 70 Millionen Dollar.

Im Herbst machen die Superreichen am Wochenende gern einen Abstecher nach London. Zu diesem Zweck legen sie sich  in der britischen Hauptstadt ein elegantes Haus im viktorianischen Stil  in gediegenen  Gegenden wie  Belgravia, Baton Square  oder Holland Park zu. 25 Millionen Dollar scheinen ihnen dafür durchaus angemessen. Manch einer zieht einen aristokratischen Landsitz in der Umgebung der britischen Metropole  vor. Es ist ihnen dabei nicht so wichtig, wie dieser an sich gut ist. Der Titel des Vorbesitzers ist entscheidend. Am Besten soll es ein Herzog sein.

Irgendeine Unterkunft im Vereinigten Königreich braucht der einfache russische Milliardär schon deshalb, weil er seine Kinder hier auf die Schule schickt. Die mittlere Reife erhalten sie in den Eliteschulen   Millfield , Seven Oaks, Eaton и Harrow, was verhältnismäßig preiswert ist, wenn man die Nebenkosten nicht dazuzählt. Zum Beispiel das Taschengeld für die Kinderchen.

Am schlimmsten zehren am ehrlich verdienten Geld der russischen Milliardäre großzügige, aber unvermeidliche  Zuwendungen an die russischen Politiker und Beamten. Aber das sind keine Lebenskosten, das sind Betriebsausgaben. Viel wichtiger als alle anderen.

Im Westen sind große Vermögen schnell von den Steuern aufgezehrt oder von den Erben durchgebracht. Die russischen Milliardäre der ersten Generation, die ihr Kapital in Steueroasen parken, haben mit den Finanzämtern kein großes Problem. Die Erben sind auch noch nicht herangewachsen und  keine Playboys. Die Oligarchen werden also noch lange ihre Freude am Geld haben.

PS von Iwan Matrjoschkin, Esq. Die abschließende Prognose  geht davon aus, dass die russischen Dollarmilliardäre von meinen Freunden im Kreml  nicht daran erinnert werden, dass  Eigentum verpflichtet und das Teilen mit den Ärmeren die erste Pflicht eines Milliardärs ist. Aber  der reichste Mann Russlands, Michail Chodorkowski, ist schon daran erinnert worden. Und sehr unsanft.

Er sitzt hinter Gittern. In  wenigen Tagen  beginnt in Moskau sein Prozess.

Dagegen haben die  deutschen Milliardäre  die Erkenntnisse, die den russischen Milliardären noch fehlen, schon lange verinnerlicht. Deswegen auch lebt es sich in meiner neuen Heimat ganz angenehm. Auch wenn man kein Milliardär ist, sondern nur die Stütze kriegt. 

Es gibt allerdings auch hier richtige Blutsauger. Wie der Kneiper  meines Stammlokals „Sonnenschein“, Berlin, Prenzelberg. Hoffentlich wird seinem Treiben durch Eingriff des Herrn Bundeskanzlers  ein Ende gesetzt. Wie dem des oben erwähnten Herrn Chodorkowski durch die Prinzipienfestigkeit von W.W. Putin. 

Die Gerechtigkeit soll überall triumphieren! Nicht nur in Russland!

15.5.04

DIE KOMMUNISTEN SIND NICHT ZU SPALTEN!

Vor kurzem wurde in Moskau der Versuch gestartet,  der sehr gemäßigten postkommunistischen   Partei (KPRF) eine radikalere entgegenzusetzen.  Also, eine Art „Kommunistische Plattform“ zu bilden, wie sie Sara Wagenknecht  in der deutschen PDS seit langem führte. 

Allerdings haben junge Damen in der russischen Politik keine Chancen. So unternahmen den Versuch  ältere Männer, die den langjährigen KPRF- Chef Gennadi Sjuganow stürzen wollten.  Es gelang ihnen, einen alternativen Parteitag einzuberufen. Er tagte auf einem extra gemieteten Schiff der Moskauer Weißen Flotte, was dem ganzen Unternehmen  einen romantischen Anstrich verlieh. Eine parallele Partei wurde gegründet. Der Wodka floss in Strömen. Auch weil ein Multimillionär die sich abzeichnende kommunistische Revolution sponserte.

Die neue Kommunistische Partei musste aber vom Justizministerium Russlands das Plazet erhalten. Und dieser wurde ihr verweigert. Das besiegelte ihr Schicksal.

Zwar meinte Iwan Matrjoschkin, Esq., in einer von uns gebrachten Lageanalyse,   die ganze Intrige wäre vom Kreml eingefädelt. Weil Putin  sich von der  KPRF etwas gestört fühlte.  Immerhin die einzige Partei in Russland mit einer, wenn auch stark  verwässerten und widersprüchlichen Ideologie, einem landesweiten Apparat und einer beträchtlichen, wenn auch zur Hälfte geschrumpften Wählerschaft.

Aber  unser politischer Beobachter irrte sich. Schlimmer noch  führte er auch unsere Leser in die Irre.

Denn die KPRF mit Sjuaganow an der Spitze ist für die russischen Machthaber kein Störenfried,  vielmehr ein willkommener  Teil des Machsystems.  Pflegeleicht, bindet sie dennoch jenen Teil der Bevölkerung ein, der sich  etwas mehr soziale Gerechtigkeit im Lande wünscht.  Wie die PDS in Deutschland es auch tut.

Obwohl Sjuganow  keineswegs ein Talkshowtyp wie Gregor Gysi ist. Eher ein  grimmiger Klotz. Mit erhobener Faust a la Thälmann. 

Wie dem auch sei, fand also die Spaltung der KPRF  nicht statt. Die Meuterei ist vorbei. Zur Zeit säubert Sjuganow   seine Partei von „unzuverlässigen“ Elementen.  

Das Ganze erwies sich als Sturm im Wasserglas.

Deshalb revidiert Iwan Matrjoschkin, Esq.,  seine Analyse. Aus der Kneipe „Sonnenschein“ in Prenzlauer Berg, Berlin, schickte er  an die Zentrale unserer Holding eine neue.  In dieser behauptet er, der Sieg der pflegeleichten „Kommunisten“  sei ein Pyrrhussieg.

Als Beweis führt er ein Happening an, das eine Gruppe von jungen Männern aus der skandalumwitterten,  radikalen „National- Bolschewistischen Partei Russlands“ (geführt vom pornographischen Schriftsteller  Eduard Limonow) soeben in Moskau veranstaltet hat.  Die jüngsten National- Bolschewiki ( zur  Erinnerung: als Bolschewistisch  bezeichnete sich der radikale Flügel der Sozialdemokratischen Partei Russlands, der 1917 in Russland die Macht eroberte), verschafften sich gewaltsam Eintritt ins Moskauer Gesundheitsministerium. Sie besetzten das Dienstzimmer des Ministers, schmissen seine Papiere aus dem Fenster, zertrampelten  Putins Portraits  und forderten laut den Rücktritt nicht nur des Gesundheitsministers, sondern auch des Staatschefs. 

Iwan Matrjoschkin, Esq., meint, das sei ein Symptom. Ohne legitime, wenn auch radikale Opposition läuft man die Gefahr einer Anarchie.

Natürlich nicht in Deutschland, wo 1918 eine  Revolution fast daran scheiterte, dass die Revolutionäre, die sich auf einem Bahnhofsperron versammeln wollten, sich nicht entschließen  konnten, den Versammlungsort ohne Fahrkarte zu   betreten. Und der Kartenverkäufer war halt nicht da.

Es wäre schlimm, bemerkt vorsorglich I.M., Esq., würde Sara Wagenknecht mit Genossen der Residenz von Ulla Schmidt in Berlin auf dieselbe Weise wie  die Limonow- Jünger in Moskau zusetzen wollen. Gottseidank aber besteht die Gefahr nicht. Auch weil die Miniausgabe von Rosa Luxemburg jetzt im Europäischen Parlament zu tun hat.

Was aber wiederum Russland angeht, meint unser Allroundexperte, dass,  solange der Ölweltmarktpreis hoch bleibt, bestehe nicht der geringste Grund, besorgt zu sein. Zwar messen die Russen den Einrittskarten weniger Bedeutung als die Deutschen bei, aber auch sie  sind  zu beschwichtigen.

Die Frage ist nur, ob der Erdölpreis ewig so hoch bleibt?                     

4.08.04 

WIE SITZT CHODORKOWSKI...   

In Moskau läuft eine Gerichtsverhandlung an, die den Blick der zivilisierten Welt fesselt. Auf der Anklagebank sitzen    zwei Erdölmagnaten,  einer riesigen Steuerhinterziehung beschuldigt. Michail Chodorkowski und Platon Lebedew. Unlängst brachten viele Blätter ein erschreckendes Bild:  die JUKOS- Chefs hinter dicken Stahlstangen. In einem Käfig.   

Das Bild deprimierte den weiblichen Teil des matrjoschka-teams stark. Er ist nämlich für  Menschlichkeit. Auch gegenüber den Steuerhinterziehern  in Milliardenhöhe. Es gibt nichts, was das Hineinstecken eines Menschen in einen Tierkäfig rechtfertigt. Egal, wie er heißen mag: Saddam Hussein oder Michail Chodorkowski.    

Meinen die matrjoschka- Weiber im Unterschied zum brutalen Iwan Matrjoshkin, Esq., dem einzigen Mann im Team.   

Diese Konstellation erklärt, warum der soeben genannte Macho triumphierend einen Ausdruck aus dem Runet seinen weiblichen, ihn verabscheuenden  Kolleginnen unter die Nase hielt. Dieser beschrieb die Haftbedingungen von Chodorkowski. Hier die Zusammenfassung:            

Chodorkowski sitzt im Moskauer Gefängnis „matrosskaja tischina“.  Hier gibt es ein Gebäude  für privilegierte Untersuchungshäftlinge. Ihre Zahl wird   mit 173 angegeben.    

Das ist ein Staat im Staate. Denn hier gelten besondere  Regelungen.    

Allerdings sind die hiesigen „Apartments“  nicht ganz so wie Luxussuiten in den Fünfsternehotels. Die Wände sind  mit  hässlicher Ölfarbe bestrichen. Die Betten nicht aus Mahagoni. Aus Eisen. Billige Zudecken. Keine seidene Wäsche. 

Die sonstige Ausstattung  ist allerdings etwas anders  als die der gewöhnlichen Häftlinge in russischen Gefängnissen. So steht in der  gegenwärtigen Behausung des Ölmagnaten   ein großer Fernseher der teuersten Marke. Auf dem Schreibtisch - ein gutes Notebook. Daneben ein  moderner  Kühlschrank. Darauf ein  Stereosystem.   
Der Reporter erbat sich die Erlaubnis, den Kühlschrank zu öffnen. Dieser war voll. Alles, was  drin war, kam vom „Jelissejewski“ auf der Twerskaja, dem  teuersten Deliladen Moskaus. Darunter eine Büchse mit schwarzem Kaviar.

Schlimm ist dagegen, dass der Multimilliardär die Gefängnisordnung einhalten muss. Um 6.00 aufstehen. 22.00  sich zur  Nachtruhe begeben. Die Kammer selbst aufräumen. Beim Besuch eines Gefängniswärters  sich melden.
 
Die matrjoschka- Weiber reagierten auf den Bericht mit gemischten Gefühlen. Einerseits  erleichtert. Doch kein Käfig und wenn, dann ein goldener. Andererseits geht es immerhin um den reichsten Mann Russlands und einen der reichsten in der Welt. Das, was einem Durchschnittsbürger vielleicht nicht so belastend vorkommt, empfindet er womöglich als Tortur. Dem muss Rechnung getragen werden.

Deshalb appellieren die matrjoschkas an den Kreml, dem prominenten Häftling eine Villa im Areal von „matrosskaja tischina“  bauen zu lassen. Mit einem Swimmingpool und ähnlichem Pipapo. Auf seine eigenen Kosten, selbstverständlich. Aber diese werden ihn hoffentlich nicht ruinieren.

Sonst  starten die mitleidigen matrjoschkas eine Sammlung in Deutschland zu seinen Gunsten. Hier gibt es ja mehr als genug großzügige  Spender. Wenn es um einen Chodorkowski geht.  

Bleibt die Frage, was mit dem Raum zu tun, der frei wird.  Die einhellige Meinung der Holzpuppen lautete : Herrn Iwan Matrjoschkin, Esq., dort unterbringen, damit man (frau) ihn endlich los ist. Den Macho.

13.7.04     

Vor fünfzehn Jahren  trat die Währungsunion zwischen der damaligen Bundesrepublik Deutschland  und der damals noch existierenden Deutschen Demokratischen Republik in Kraft.      

Der Verfasser, der um diese Zeit in Ostberlin weilte, kann sich noch gut daran erinnern, mit  welcher freudigen Aufregung die Ostberliner auf ihre  erste D-Mark vor den Sparkassen warteten. Endlich mal richtiges Geld. Und was für eins. Das stabilste Geld in der Welt. Geld, das es ermöglicht, wenn man nur genug davon hat, alles in der Welt zu kaufen.  Ohne Schlange stehen oder dem Verkäufer etwas zuschieben zu  müssen, damit er das Gewünschte unter dem Ladentisch vorholt. Kein Vergleich mit den „Alu- Chips“ der DDR!       

Fünfzehn Jahre später spricht hier niemand darüber. Dafür aber viel  über die Fehlentwicklungen und zerbrochenen Illusionen. Tatsächlich ist es den Deutschen nicht gelungen, das Gefälle zwischen Ost und West in ihrem Lande zu beseitigen. Die ostdeutsche Industrie, von der staatswirtschaftlichen auf die marktwirtschaftliche Grundlage gestellt, wofür eben die Währungsunion der erste Schritt war, ist leider nicht zu einer blühenden Landschaft geworden. Eher schon bietet es das deprimierende  Bild eines Organismus, der am Tropf hängt. Damit sind die westdeutschen Transferleistungen gemeint. Würden diese aussetzen, wäre der sofortige  Exitus unvermeidlich.   

Ab und zu wird hier versucht, die peinliche Situation mit dem schlimmen Erbe der DDR zu erklären. Daran   darf man wohl  zweifeln. Auch ohne sich in den Dschungel  der Wirtschaftsanalysen begeben zu müssen. Denn die DDR mit ihrer bankrotten Wirtschaft rückt   immer weiter in die Vergangenheit. Aber    das Gefälle zwischen West und Ost in Deutschland wird  größer.  Jedenfalls,  was die Wirtschaftsleistung betrifft.     

In diesem Zusammenhang meinen viele Ostdeutschen, sie  würden in der Europäischen Union  nicht gebraucht.  Auch weil sie nach den Tarifen bezahlt werden müssen, die mehrfach höher liegen als diese  in den neuen Ländern der Europäischen Union.        

Bemerkenswerterweise sind ihre Landsleute im Westen  auch zunehmend  beunruhigt. Die begonnene Abwanderung der westdeutschen Betriebe in den europäischen Osten signalisiert die Gefahr, die jener in Ostdeutschland nach der Währungsunion ähnlich ist. Sie heißt Deindustrialisierung. Schließlich wirken auch in der EU dieselben marktwirtschaftlichen Gesetze, die seinerzeit zum Absterben der Industrie   Ostdeutschlands führten.     

Bleibt zu hoffen, dass Deutschland eine Lösung seiner Wirtschaftsprobleme findet. Diese Lösung  muss  nicht unbedingt nur auf die hochgelobte selbstheilende Kraft der Marktwirtschaft vertrauen. Vielleicht werden bei der Suche danach  auch die russischen Erfahrungen berücksichtigt werden. Denn bekanntlich geht es in Russland aufwärts. Möglicherweise auch deswegen, weil hier  der Staat aus der Rolle eines Nachtwächters herausgetreten ist und  seit einiger Zeit  etwas aktiver in die Wirtschaftsentwicklung eingreift.    

Aber mit dieser Überlegung sind wir wohl zu weit von dem eigentlichen Anlass dieses Berichtes weggekommen- dem fünfzehnjährigen Jahrestag der Einführung der D-Mark in Ostdeutschland.

28.6.04

Dreiviertel der berufstätigen Deutschen gehen einer Umfrage zufolge davon aus, dass sie ihren bisherigen Lebensstandard nicht halten können. Dabei geben die meisten der Globalisierung die Schuld. 

Wenn man über die in den weihnachtlichen Lichterschmuck getauchten Straßen der Berliner Stadtmitte wandelt, zweifelt man an der Richtigkeit  der Umfrage des angesehenen Emnid- Instituts. Erst recht, wenn man  in seinem Bericht liest, etwa zwei Drittel der Deutschen seien der Meinung, es würde   Ihnen noch schlimmer gehen. Sie glauben, erst mit dem Anfang eines Verarmungsprozesses konfrontiert zu sein, was manche nicht daran hindert, teuere Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Jedenfalls sind die einschlägigen  Geschäfte besser besucht  als  in den vorigen Jahren.   

Man würde sich wünschen, dass die Verarmung in Russland so aussieht wie die in Deutschland. Zwar gibt es in Russland  möglicherweise mehr Dollarmilliardäre, aber beim Durchschnittseinkommen der Bevölkerung liegt es viel tiefer.  Gewissermaßen ist das auch eine Folge der  Globalisierung. In Russland hat sie dazu beigetragen, dass während der  Wende von der verstaatlichten zur freien Marktwirtschaft vor fünfzehn Jahren die mächtige, wenn auch vom marktwirtschaftlichen Standpunkt her  unrentable Industrie der Sowjetzeit  gnadenlos geplündert wurde.  Von  eigenen und fremden  Raubrittern.    

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein in Berlin geführtes Gespräch mit einem von der deutschen Regierung nach Moskau   abkommandierten Wirtschaftsfachmann. Berater der russischen Regierung geworden, beschimpfte er die Geier, die aus den USA und anderen westlichen  Ländern nach Russland in großen Scharen flogen, um sich auf Kosten  des Landes gesundzustoßen. Ich gewann den Eindruck, dass der Mann dabei nicht nur an Russlands, sondern auch an Deutschlands Zukunft dachte. Ein leidenschaftlicher Anhänger der russisch-deutschen Wirtschaftskooperation,  wollte er  kein runtergekommenes Russland, sondern ein Russland, das auf Jahrzehnte hinaus ein gleichberechtigter und leistungsstarker Partner Deutschlands werden kann.    

Aber es schien,  seine Ratschläge wurden in Moskau nicht erhört. Die damalige Jelzin- Administration stand unter dem Einfluss der sogenannten  jungen Reformer. In Chikago ausgebildet und  mit USA- Wirtschaftsclans verbunden, sahen sie Russlands Seligkeit im schrankenlosen  Wirtschaftsliberalismus. Obwohl  dieser  einem wirtschaftlich Stärkeren Nutzen bringt.  Russland gehörte in der Übergangsphase nicht dazu.   

Daran musste ich denken, als ich in einer hiesigen Analyse der Ergebnisse des Jahres 2004 in Russland bittere Klagen darüber las, dass die gegenwärtige russische Regierung ihre Kontrolle über die Wirtschaftsprozesse verstärkt. Es fehlt mir zwar an Überblick, um  darüber zu urteilen, ob es stimmt. Aber daran, dass sich  ein Land wehren muss, wenn seine Wirtschaft in falsche Hände zu geraten droht, ist wohl nicht zu zweifeln.        

In der besagten Analyse, die  eine russische  Expertin einer amerikanischen  Stiftung für das deutsche Wirtschaftsbulletin  verfertigt hat, wurde die Politik des Kremls als eine Gefahr für ausländische Investoren in Russland dargestellt. Aber es stimmt  nicht. Jedenfalls sollen Geschäftsleute, wenn sie nicht an leichter Beute profitieren und Steuern hinterziehen, sondern   ehrlich verdienen wollen, kaum eingeengt werden.   Und jene in Deutschland, auf die es ankommt, scheinen dies zu verstehen. So kündigten Volkswagen  und Siemens in diesen Tagen  ihre neuen, umfangreichen Projekte  in Russland an.       

Folgen ihnen andere, würde es vielleicht etwas dazu beitragen, dass  der weihnachtliche Lichterschmuck mehr mit der Stimmung der Menschen harmoniert. Sowohl in Berlin, als auch in Moskau. 

19.12.04 

ZWISCHEN SCHOCK UND GELASSENHEIT 

Auf diese Formel brachte ein Teilnehmer des Podiumsgesprächs   in den Berliner Räumen der Deutschen Bank  die Meinungen der deutschen Öffentlichkeit über die Ergebnisse der  russischen Parlamentswahlen. Schockiert zeigten sich über das Scheitern der liberalen Parteien in Russland westliche  Medien, Geschäftskreise dagegen, vor allem  die unmittelbar betroffenen, das  heißt die in Russland engagierten, blieben  gelassen.  

Die Scheidungsgrenze zeigte sich deutlich auch im Podiumsgespräch selbst, veranstaltet von der Vereinigung deutscher und russischer Ökonomen „Dialog“, gesponsert von Daimler-Benz und einigen anderen  deutschen Konzernen. So sprach der Moskauer Korrespondent der „Welt“ in einem dramatischen Tonfall darüber,   dass sich Russland wiederum von den im Westen üblichen Spielregeln der Demokratie entfernte. Aus der Tatsache, dass der Kreml im Weißen Haus  keine starke Opposition  mehr zu erwarten hat, schlussfolgerte er die Schwächung des politischen Fundaments der freien Marktwirtschaft und in einem weiteren Gedankenflug auch die  Gefährdung  des  Investitionsgeschäftes in Russland. Dabei führte  er die skandalträchtige Affäre mit dem Ölkonzern JUKOS  als Alarmzeichen an, die bekanntlich in der Verhaftung  des  schwerer Steuerhinterziehung beschuldigten Konzernchefs Michail Chodorkowski gipfelte.  

Obwohl der Warner  seine Stimme nicht  in der Wüste, sondern in einem dicht besetzten Konferenzsaal erhob, fand er wenig Echo. Andere Teilnehmer des Podiumsgesprächs (Vertreter der Moskauer Repräsentanzen der Weltbank, der Continental AG, der Vereinigung der deutschen privaten Bausparkassen u.a. ),  vom Vorgehen gegen JUKOS alles andere als begeistert, taten nichtsdestoweniger  die Affäre als Episode ab. Die Wogen würden sich glätten und schließlich siegt das Business as usual.  Sogar besser „as usual“, da das Wählervotum  die bevorstehende Wiederwahl Putins signalisiert, auf den Geschäftsleute  große Stücke halten. Schließlich fallen in seine Amtszeit die Überwindung des Reformstaus, die Herabsetzung der Unternehmensbesteuerung, die Erleichterung   des Gewinnstransfers, die Belebung des Immobilienmarktes und vieles andere, was gute Geschäfte verspricht. Da er den Provinzfürsten  mehr Respekt gegenüber den Entscheidungen des Kremls  abverlangte, ist das Geschäftsumfeld auch außerhalb der Metropolen viel besser geworden.  

Dagegen nehmen sich die gegenwärtigen  Demokratiedefizite wie die Gleichschaltung der Fernsehprogramme,  massive Beeinflussung der Wähler durch die Exekutive u.s.w. nicht sehr bedeutend aus.   Man dürfe Russland nicht mit der westlichen Meßlatte  messen. Das sei geschäftsschädigend. Nur eine hart durchgreifende Exekutive, deren Repräsentanten nicht unbedingt mit dem Gesetzbuch unterm Arm herumlaufen, kann in Russland die Sabotage der eigensinnigen Bürokratie brechen. Es wäre  töricht, den liberalen Dogmen des Abendlandes die   Interessen des Russlandgeschäfts zu opfern. Noch dazu in einer Zeit der weltweiten Flaute, die Russland anscheinend verschont.  

In Übereinstimmung mit dieser Erkenntnis stand die von den meisten Firmenvertretern zum  Ausdruck gebrachte Absicht,  das Engagement in Russland nicht nur nicht runterzufahren, sondern zu erweitern. Den Fuß in der Türspalte zu halten, genügt nicht mehr, jetzt gilt es, energisch hineinzugehen. Mögen die derzeitigen Dividenden noch bescheiden sein, die Zukunft werde die Risikobereitschaft belohnen. Russland ist groß und reich, auch wenn seine Reichtümer noch weitgehend brach liegen. Es verfügt über hoch qualifizierte, aber billige Arbeitskräfte.  Da Putin sich offensichtlich bemüht,  die Einkünfte der Bevölkerung zu heben, darf man getrost auf die Erweiterung des russischen Marktes  spekulieren.  

In einem  Russland, das aus dem Tal der Tränen hinauskommt, lautet die Devise, den Konkurrenten, insbesondere denen aus Übersee, den Vortritt  streitig zu machen.   

Dahingehende Äußerungen wurden durch  makroökonomische Daten untermauert. Mit Hinweisen auf Russlands Wirtschaftswachstum von   6,7 Prozent, drei bis vier Mal höher  als der europäische Durchschnitt. Die abnehmende Kapitalflucht, die  zwischen 2000 bis dato von 25 Milliarden USD auf 6,7 Milliarden  USD pro Jahr zurückging. Die gestiegenen  Gold- und Devisenrücklagen des Staates (ums Sechsfache seit 2000). Die rapide sinkende Außenverschuldung (auf 27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also viel niedriger als in den meisten, sogar prosperierenden Ländern, von den USA schon gar nicht zu sprechen).  

Vor diesem Hintergrund verblassten die in Presseberichten immer wieder strapazierten,  auch von den Teilnehmern des Podiumsgesprächs  durchaus nicht verschwiegenen Troubles  des deutschen Geschäftsalltags  in Russland: die Korruption der Beamten, die Neigung der russischen Unternehmer zu Vertragsbrüchen,  das unausgereifte Schlichtungswesen, die zweifelhafte Justiz. Diese  Missstände sollten dennoch die Lust am Russlandgeschäft nicht verderben. Umso weniger, da ein gewiefter und kreativer deutscher Geschäftsmann  durchaus Wege findet, die Riffe zu umschiffen. Insbesondere, wenn  er zu den Geheimnissen der russischen Seele vorstößt. 

Das Publikum des Podiumsgesprächs,  vorwiegend Studenten, die  Wirtschaftswissenschaften mit Hinblick auf Russland oder  Russistik  mit Hinblick  auf das Geschäft studieren, lauschte gespannt den Äußerungen,  die  sich von den einschlägigen Pressebeiträgen  oder Professorenvorlesungen  dem Inhalt und der Tendenz nach wesentlich unterschieden.

18.1.04   

Am 30. Oktober 2003 um fünf Uhr abends  wurden endlich Sinn und Zweck der viermonatigen Show mit dem Titel  „Jagd auf JUKOS» klar. Die Staatsanwaltschaft befasste sich mit JUKOS, um den Konzern letztendlich zu verstaatlichen.

Mit dieser dramatischen   Feststellung leitete die Runet- Zeitung „Gazeta“.ru einen langen Bericht über die Sicherstellung der Aktien von JUKOS ein, dem viertgrößten Erdölkonzern der Welt, dessen Chef Michail Chodorkowski Steuerhinterziehung  vorgeworfen wird   und der jetzt in einem Moskauer  Untersuchungsgefängnis  einsitzt.

Um die Veröffentlichung des Berichtes auf unserer site gab es in unserem Team viel Streit.   Denn der Störenfried  Iwan Matrjoschkin, Esq., behauptete, Gazeta.ru berichte zu Gunsten der Oligarchen. Der ihm unterstellte Geheimdienst  hätte herausgefunden, sie sei von den Neureichen  finanziell abhängig.

Daraufhin sagten die weiblichen Holzpuppen, er soll schweigen. Hätten die Oligarchen der Presseholding matrjoschka-online.de ein bisschen Geld angeboten, wäre er der erste gewesen, der das Angebot mit Handkuss angenommen hätte. Im dann folgenden Handgemenge zog Herr Matrjoschkin den kürzeren und entfernte sich in die Kneipe „Sonnenschein“, Berlin, Prenzlauer Berg. Der folgende Bericht, stark gekürzt und etwas geändert,  konnte aber auf der site erscheinen.  Lesen Sie bitte, was Gazeta.ru verzapfte:

 

Die Fernsehnachricht klang alltäglicher als alles, was bisher über das Vorgehen der russischen Staatsanwaltschaft gemeldet wurde.  Diesmal gab es keine Durchsuchungen, keine Verhaftungen.

Die Ermittler der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten aber die JUKOS-Aktien.   

 

Eigentlich hat die Staatanwaltschaft damit Privateigentum konfisziert (Eigentum der Reichen, die bei der Privatisierung  des Staatseigentums der ehemaligen UdSSR den großen Reibach gemacht haben- Anm. von  matrjoschka-online.de).  

Die Behauptung der Ermittler,  die Aktien gehören „faktisch Chodorkowski“, genügte, um das Recht auf Privateigentum aufzuheben. Beschlagnahmt sind  44% JUKOS-Aktien.

 1 Milliarde 141 Millionen 403 tausend 296 Stück.

Wie aus der Staatsanwaltschaft verlautet, wurden die Aktien  eingezogen, um den Schaden auszugleichen, der dem Staat durch Chodorkowski entstanden ist   ( 1 Milliarde Dollar.)  Aber  44 Prozent der JUKOS-Aktien haben einen Wert von etwa 13 Milliarden Dollar.

 

Den Aktienbesitzern werden allerdings weiterhin Dividenden ausgezahlt. Gerade an dem Tag, als die Aktien eingefroren wurden, genehmigte der Aufsichtsrat von JUKOS, Dividende von fast  zwei Milliarden Dollar. Chodorkowski  fallen davon 700 Millionen zu.

Mischa, was willst du denn mehr, fragt Iwan Matrjoschkin.  

In Russland hat also die Verstaatlichung von Privateigentum begonnen, setzt gazeta.ru ihren Horrorbericht  fort.

Während die Staatsanwaltschaft die Aktien beschlagnahmte, traf sich Präsident Putin im Kreml mit ausländischen Investmentbankern. Der Staatschef sagte, „für uns ist klar, dass die Entwicklung der russischen Wirtschaft   von ausländischen Investitionen abhängt“.

 

Einverstanden, Wolodja, sagte der Störenfried per Telefon  aus der Kneipe „Sonnenschein“.


Aber wer wird schon investieren, wenn der russische Staat die Eigentumsrechte verletzt ? –lautet die Gretchenfrage.

 

Ich! -meldet sich Iwan Matrjoschkin . - Ich glaube an W.W.P.  !

Der russische Finanzminister erklärte dagegen,  die JUKOS-Affäre beginne schon, sich auf die Wirtschaft des Landes auszuwirken. 
.
Der Rubel ist 20 Kopeken billiger geworden.

 
Was macht die Regierung mit dem Aktienpaket des größten Erdölkonzerns des Landes?

Sie kann es an ausländische Konzerne verkaufen. 


“Ich bin bereit  zu kaufen“, -telefonierte Iwan Matrjoschkin, Esq.- Auf Pump! Wie Chodorkowski seine Erdölfelder.“.


Außerdem könnte die Regierung  einen gigantischen staatlichen Rohstoffkonzern bilden, mutmaßt Gazeta.ru. Dann kann man das private Erdölgeschäft für lange Zeit vergessen.

Vielleicht sogar Privatgeschäfte überhaupt.

 

Quatsch!,- kommentierte I.M., Esq.,-  Putin  wird doch seine Freunde  in Berlin, Washington, Paris,  London und  in Prenzlauer Berg nicht in Verlegenheit bringen wollen.

    

31. Oktober 2003

Die russische Präsentation auf der Grünen Woche in Berlin läuft erfolgreich.

Sie ist „eine Vorführung von Ergebnissen unserer Tätigkeit“, erklärte der Minister für Landwirtschaft Russlands   Gordejew. „Wir  vergleichen jetzt unsere Uhren mit denen der großen und angesehenen Nahrungsmittel-Produzenten aus verschiedenen Teilen des Planeten“.

Gordejew leitet die russische Delegation, der Gouverneure einiger Regionen, Parlamentsabgeordnete und Repräsentanten der Geschäftskreise Russlands angehören. Seit vielen Jahren kommen russische Landwirtschaftsunternehmen nach Berlin. Aber 2004 nimmt die Exposition des Agrar-Industrie-Komplexes Russlands viel mehr Raum ein als je zuvor. Sie erstreckt sich auf die gesamte Zweite Messehalle mit einer Fläche von 2500 Quadratmetern.  Somit ist Russland zum größten ausländischen Aussteller auf der weltgrößten Schau der Agrar- und Nahrungsmittelerzeugnisse geworden.

„Wir zeigen erstmalig, dass in Russland nicht nur Wodka, Honig, Flachs, Birkenrinde und Lachs produziert, sondern auch moderne Technologien genutzt werden“, unterstrich der erste Stellvertretende des Landwirtschaftsministers Russlands Dankwert. „Niemand in der Welt hat damit gerechnet, dass sich unsere Landwirtschaft so schnell erholen und in so einem hohen Tempo entwickeln wird. Ausländische Investoren waren darauf nicht gefasst. Bei ihnen herrscht immer noch ein Denkklischee vor, wonach es sinnlos und gefährlich sei,  in Russland zu investieren, weil man das investierte Geld sowieso nie wieder zurückbekommt: entweder wird es gestohlen, oder in den Sand gesetzt. Auf dieser Messe wollen wir zeigen, dass diese Zeiten vorbei sind und sich heute eine Kooperation lohnt“.

Die Ausstellungsstände von 120 führenden Unternehmen aus 11 Regionen Russlands  bestätigen, dass es keine leeren Worte sind. Die Aussteller beweisen, dass es sich heute lohnt, mit ihnen zusammenzuarbeiten und dass den Investoren  hohe Gewinne winken. Nicht nur weil Russland dabei ist, seine riesigen  Ressourcen für eine umfangreiche Lebensmittelproduktion viel voller zu nutzen, sondern weil die Russen lernfähig sind. Schnell holen sie andere Nationen bei dem Marketing ihrer Angebote auf, also in einer Sphäre, wo es bei ihnen früher immer  haperte. Diesmal bieten sie in ihrer Halle eine gelungene Mischung aus Verköstigung verschiedenster Leckerbissen  und der für die Deutschen exotischen Volkskunst an. Hier   herrscht ein buntes Treiben, wird viel gelacht, getanzt und gesungen, die Besucher frönen nicht nur ihrem Gaumen, sondern  amüsieren sich und erfahren viel Neues über Russland.   

Unter vielen Foren  der Grünen Woche, an denen sich Russland beteiligt, erfreute sich das  zur Qualität und Sicherheit der Ernährung  besonderen Zuspruchs.   Den russischen  Teilnehmern fiel es leicht, die Aufmerksamkeit des Fachpublikums zu fesseln. Es erfuhr jedenfalls, dass die russischen Anforderungen an Qualität der Lebensmittel  mitunter höher geworden sind als in vielen anderen Ländern.

Die Besucher der schicken russischen Gaststätte auf dem Messegelände können beruhigt sein. Der Genuss russischer Speisen und Getränke, von denen der neue Wodka „Matrjoschkin“ besonders gern getrunken wird, hat keine unangenehmen Folgen.

20.1.04

Die russische Zeitung „Wedomosti“ brachte einen Beitrag von Michail Chodorkowski, dem in Untersuchungshaft sitzenden Chef von Jukos, einem der größten Erdölkonzerne der Welt. Chodorkowski sinniert über die Krise der liberalen Politik in Russland. Der Anlass – die jüngste katastrophale Niederlage der Union der Rechten Kräfte und der Partei Jabloko bei der Duma-Wahl. Warum bekamen die Liberalen den Zorn des russischen Volkes zu  spüren, fragt der reichste Unternehmer Russlands. Im Unterschied zu vielen westlichen Russlandexperten nennt er als Ursache nicht  die vermeintliche Wahlmanipulation des Kremls. Die liberale Politik erlitt das Fiasko, weil die Liberalen schicksalsschwere Fehler begingen, schreibt er. Erstens wollten sie die  Eigenart Russlands nicht wahrhaben. Zweitens die existenziellen  Sorgen der überwiegenden Mehrheit der Russen. Sie hatten im Auge nur zehn Prozent der russischen Bevölkerung und die neunzig haben sie geflissentlich übergangen. Das haben sie getan, als sie großzügig das Staatseigentum privatisierten (also die nationale Industrie plünderten – Anm. von Iwan Matrjoschkin, Esq.) Die negativen sozialen Folgen der Privatisierung standen bei ihnen nicht auf der Agenda (im Klartext: auf die Verelendung der meisten Russen im Zuge der Privatisierung pfiffen sie – Anmerkung von Iwan Matrjoschkin, Esq.) Die Privatisierung priesen sie unverschämt als schmerzlos, ehrlich und gerecht. Das Volk denkt aber ganz anders darüber.

 

Das große Geschäft, schreibt  Chodorkowski aus dem Gefängnis – und er muss es wissen – stand immer neben den liberalen Privatisierern und half ihnen „Fehler zu machen und zu lügen“. (Warum wohl?- Anmerkung von Iwan Matrjoschkin, Esq.).

 

Chodorkowski jammert nicht nur, sondern schlägt den russischen Geldsäcken vor, den Weg zu verlassen, der ins Verderben führt. Es ist die Zeit, sich zu fragen: Was hast du denn für Russland getan? Es ist die Zeit zu lernen, die Wahrheit in Russland, nicht im Westen zu suchen. Wir sollen uns und den anderen beweisen, dass wir keine Nutznießer der russischen Krise, sondern Russen sind. Wir dürfen die Augen auf die Voraussetzungen der russischen Existenz nicht weiter verschließen. Wir müssen das wollen, was unser Land und das Volk will. 

 

Michail Chodorkowski schlägt vor, mit Präsident Putin Frieden zu schließen. „Ob er uns gefällt oder nicht, steht er für Einheit und Geschlossenheit des Landes. Zuerst einmal sind wir Russlands Bürger. Das liberale Projekt hat in Russland nur Chancen, wenn er mit dem, was die Nation begehrt, nicht kollidiert.

 

Der hinter Gittern einsitzende Multimilliardär hebt die Hand auf das Heiligste seinesgleichen. Er appelliert, in die Ergebnisse der Privatisierung entscheidende Korrekturen einzubringen. Denn neunzig Prozent der Russen lehnt die Privatisierung ab und hält ihre Gewinner für Halunken. Die Geldsäcke müssen mit dem Volk teilen, zum Beispiel durch die Besteuerung der Naturvorkommen, die sie sich aneigneten. Besser fangen wir selbst damit an, als wenn wir dazu gezwungen werden, mahnt er.

 

Chodorkowski meint, der wahre Reichtum Russlands sind seine Köpfe, seine gewissenhaften und begabten Menschen. Sie müssen der Stock der neuen russischen Elite werden. Das Gefährlichste für Russland ist, wenn sie weggehen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes hängt von seinem intellektuellen Potential , nicht von seinen Rohstoffen ab, die weniger werden.

 

Das Land wird sich ändern, wenn die Russen sich ändern. Das Land erhält seine Freiheit, wenn wir alle daran glauben.

 

Xxxx

 

Gefragt, was er dazu meint, sagte unser Allroundexperte Iwan Matrjoschkin, Esq., dass er unter jedes Wort von Michail Chodorkowski seinen Namen stellen würde. Allerdings nur unter der Bedingung, Chodorkowski teilt mit ihm seine Milliarden. Das wäre der Prüfstein der Aufrichtigkeit   des Multimilliardärs. Sonst erscheine seine Erleuchtung ein wenig plötzlich.                        

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