DICHTER

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1. Jerofejew 

2. Ball

3. In memoriam Ostap Bender

1.Besser Wodka trinken, als Blut saugen.    

Das ist die Kernaussage von  Wenedikt Jerofejew, einem russischen Dichter, von dem die Welt  erfuhr, als vor einem Viertel Jahrhundert eine russische Zeitung seine "Die Reise nach Petuschki" in Fortsetzungen brachte. Der Redakteur wollte angeblich ein abschreckendes Beispiel des Alkoholismus den Lesern unter die Nase reiben, insgeheim aber hatte er wohl vor, ein Meisterwerk durch die unbarmherzige Zensur bringen, das über die Befindlichkeit der Russen in der Spätzeit der Sowjetmacht mehr aussagt, als Hunderte dicke Bände der serviler Schreiberlinge, die diese verherrlichte.           

In Jerofeiews Notizbuch steht die Frage: Was wäre es denn, wenn Lenin im April 1917, als er mit dem Geld des deutschen Generalstabes nach Russland kam, um die Revolution anzufachen, und seine anstachelnde Rede von einem Panzerauto in Petersburg hielt, besoffen, auf das besagte Auto nicht klettern könnte? Wäre es für die Russen nicht besser? Keiner kann die Frage überzeugend beantworten, eins aber steht fest. Die von Lenin  gepredigte Lehre lockt in Russland kaum jemanden hinter dem Ofen. Nicht sie erwies sich als unsterblich (entgegen der Hoffnung seiner  Getreuen), sondern jene russische Mentalität, der Jerofejew zum Ausdruck verhalf. Und die in der Erkenntnis gipfelt: Besser Wodka trinken, als Blut saugen.    

Deswegen bringen wir hier einen Auszug aus der "Reise nach Petuschki". Übersetzt von einem der weltbesten seines Faches, Thomas Reschke (Berlin), der es uns erlaubte, seinen bisher nicht veröffentlichten Text zu bringen. 

DIE REISE NACH PETUSCHKI. DER MONOLOG EINES RUSSISCHEN SÄUFERS. GESCHRIEBEN VOR 35 JAHREN.

...Überall heißt es: der Kreml, der Kreml. Das habe ich von allen gehört, aber gesehen habe ich den Kreml nie. Wie oft schon (tausendmal), wenn ich betrunken oder verkatert war, bin ich durch Moskau gegangen, von Nord nach Süd, von West nach Ost, von einem Ende zum andern, doch nie habe ich den Kreml gesehen.

Auch gestern habe ich ihn nicht gesehen, dabei bin ich den ganzen Abend in dieser Gegend herumgelaufen, und so furchtbar betrunken war ich gar nicht, denn nachdem ich am Bahnhof ausgestiegen war, trank ich für den Anfang ein Glas Zubrowka, weil ich aus Erfahrung weiß, dass der Menschheit als morgendlicher Katerschluck bisher nichts Besseres eingefallen ist.

Ja. Ein Glas Zubrowka. Dann - anderswo - ein weiteres Glas, aber nicht Zubrowka, sondern Korianderschnaps. Ein Bekannter von mir sagt, der wirkt auf den Menschen antihuman, das heißt, er kräftigt alle Glieder und schwächt die Seele. Bei mir war es aus irgendwelchen Gründen genau umgekehrt, das heißt, meine Seele kräftigte sich in höchstem Maße, und die Glieder erschlafften, aber ich will zugeben, daß auch dies antihuman ist. Darum warf ich gleich noch zwei Gläser Shiguljowskoje-Bier nach und ein Fläschchen Kölnisch Wasser.

Ihr werdet jetzt natürlich fragen: Und weiter, Wenitschka, was hast du dann getrunken? Das weiß ich selber nicht genau. Ich erinnere mich ganz deutlich, daß ich irgendwo noch zwei Jägerschnäpse trank. Aber ich kann den Sadowoje-Ring unmöglich überquert haben, ohne vorher noch etwas getrunken zu haben. Ausgeschlossen. Also habe ich noch etwas getrunken.

Danach bin ich ins Zentrum gegangen, denn das ist immer so bei mir: Wenn ich den Kreml suche, lande ich unweigerlich am Kursker Bahnhof. Da musste ich ja eigentlich auch hin, nicht ins Zentrum, trotzdem ging ich ins Zentrum, um wenigstens einmal den Kreml anzuschauen. Ich krieg den Kreml ja doch nicht zu sehen, habe ich mir gedacht, und lande gleich beim Kursker Bahnhof.

(Anm. vom Matrjoschkin: Zu der Zeit hiess es noch, die ganze fortschrittliche Menschheit träumt einzig und allein davon, wenigstens einmal im Leben den Kreml angucken zu dürfen. Wenitschka hatte aber mit der ganzen fortschrittlichen Menschheit wenig im Sinn. Mit der unfortschrittlichen übrigens auch. Darum brachte der junge Moskauer es fertig, durch die sowjetische Metropole von einem Kiosk zum anderen zu wandern, ohne den Kreml wenigstens einmal gesehen zu haben. Der Säufer, der verdammte. Und als er voll wie eine Haubitze war, verkroch er sich in einen fremden Hausflur und übernachtete dort. Lassen wir ihn weiterreden).

Ich ging hinaus an die Luft, als es schon tagte. Jeder, der mal besinnungslos in einen Hausflur geriet und ihn im Morgengrauen wieder verließ, weiß, welche Last im Herzen ich diese vierzig Stufen hinab- und an die Luft hinaustrug.

Wird schon, wird schon, sagte ich zu mir selbst, wird schon. Da, die Apotheke, siehst du die? Und da, der Schwule in der braunen Jacke schabt den Gehsteig. Den siehst du auch. Also beruhige dich. Alles läuft, wie es soll. Wenn du nach links willst, Wenitschka, dann geh nach links, ich zwinge dich zu nichts. Wenn du nach rechts willst, dann geh nach rechts.

Ich ging nach rechts, ein wenig schwankend vor Kälte und vor Kummer, ja, vor Kälte und vor Kummer. Oh, diese morgendliche Last im Herzen! Oh, dieses Nie-wieder-gut-machen-können! Was ist sie vor allem, diese Last, die noch niemand beim Namen genannt hat: Lähmung oder Übelkeit? Nervenzerrütung oder Todessehnsucht irgendwo unweit des Herzens? Und wenn alles gleich verteilt ist, was überwiegt: Starrkrampf oder Fieber?

Wird schon, wird schon, sagte ich zu mir selbst. Schütze dich vor dem Wind und geh langsam. Und atme selten, selten. Atme so, dass die Füsse nicht über die Knie stolpern. Und geh irgendwohin. Ganz egal, wohin. Wenn du nach links gehst, landest du am Kursker Bahnhof, wenn du nach rechts gehst, landest du auch dort. Also geh nach rechts, um mit Sicherheit dort zu landen. Oh, diese Vergeblichkeit!

Oh, diese Vergänglichkeit! Oh, diese kraftloseste und schmählichste Zeit im Leben meines Volkes - die Zeit zwischen dem Morgengrauen und der Öffnung der Läden!

(Anm. v.M-n: Um die Zeit wollte die Sowjetführung der allgemeinen Trunkenheit im Lande dadurch Einhalt gebieten, dass die Spirituosenläden erst um elf Uhr öffnen durften. Das war eine weitere Qual für die verkaterten Erbauer des Kommunismus. Wie wir weiter lesen, liessen die Englein des lieben Gottes Wenitschka nicht im Stich. ..)

Sie sangen hoch droben so leise, so zärtlich-zärtlich...Oh! Ich erkenne sie! Wieder sie! Die Engel des Herrn! Ihr seid es schon wieder.

"Natürlich sind wir's" - wieder so zärtlich!

"Wisst ihr was, ihr Engel?" fragte ich leise, leise.

"Was denn?" antworteten die Engel.

"Mir ist so schlecht..."

Darauf schwiegen die Engel. Dann sangen sie wieder:

"Weißt du was? Geh ins Bahnhofsrestaurant. Vielleicht gibt's da was. Gestern abend hatten sie Portwein. Es kann doch nicht sein, dass an einem Abend der ganze Portwein ausgetrunken wurde!"

"Ja, ja, ja. Da geh ich hin. Gleich geh ich hin und frag. Schönen Dank, ihr Engel."

Da sangen sie wieder leise, leise:

"Wohl bekomm's, Wenitschka."

Ich ging über den Platz. Zwei- oder dreimal blieb ich stehen und stand starr auf dem Fleck, um den Brechreiz in mir zu unterdrücken. Der Mensch hat schließlich nicht nur die physische Seite, er hat auch eine geistige Seite, und er hat darüber hinaus eine mystische, eine übergeistige Seite. Also, ich wartete darauf, dass mir jeden Moment mitten auf dem Platz von allen drei Seiten übel wurde. Wieder blieb ich stehen, und wieder stand ich starr.

..."Keine alkoholischen Getränke", sagte der Rausschmeißer des Bahnhofrestaurants. Er musterte mich von oben bis unten wie ein krepiertes Vögelchen oder ein schmutziges Blümchen. "Keine alkoholischen Getränke!"

Obwohl es mich vor Verzweiflung krumm zog, brachte ich heraus, daß ich nicht deshalb gekommen wäre. Konnte ich nicht viele andere Gründe haben? Vielleicht wollte mein Schnellzug nicht fahren, und ich war hierher gekommen, um ein Stroganoff zu essen und den berühmten Sänger Iwan Koslowski im Radio zu lauschen, vielleicht auch etwas aus dem "Barbier" zu hören.

Keine alkoholischen Getränke! Himmelskönigin! Wenn ich den Engeln Glauben schenkte, konnte der Portwein nicht alle geworden sein. Bislang gab's hier nur Musik, noch dazu mit irgendwelchen hündischen Modulationen. Da sang ja wirklich Iwan Koslowski, den erkannte ich sofort, eine scheußlichere Stimme gibt's ja nicht. Alle Sänger haben gleichermaßen scheußliche Stimmen, aber jede ist auf ihre Art scheußlich. Darum kann ich sie nach dem Gehör leicht unterscheiden. Aber ja, Iwan Koslowski. "Oh, lass dich anschauen hier im Licht der Steeerne..." Aber sicher, Iwan Koslowski. "Ooh, wie hast du mich verzaubert... Stoß mich nicht zurück..."

"Wollen Sie was bestellen?"

"Was gibt's denn bei Ihnen, nur Musik?"

"Nur Musik? Stroganoff haben wir, auch Gebäck. Euter."

Mir wurde schon wieder Übel.

"Und Portwein?"

"Portwein haben wir nicht."

"Interessant. Euter ist da, aber Portwein nicht!"

"Sehr interessant. Ja, Portwein haben wir nicht. Euter haben wir."

(Anm. v. M-n: In den Jahren des entwickelten Sozialismus in der SU ein gängiges Angebot in den Gaststätten: gebratenes Euter! Alle fragten sich, wo ist das dazu gehörige Kuhfleisch geblieben? Ging es nach Kuba, dem besten Freund des Sowjetvolkes, dem bärtigen Castro? Aber das Geheimnis blieb. Und das Euter auf der Speisekarte auch. Und von BSE hat niemand was gehört!)

Ich wurde in Ruhe gelassen. Damit es mich nicht mehr so würgte, betrachtete ich den Lüster über meinem Kopf.

Ein Schöner Lüster. Aber sehr schwer. Wenn er jetzt abriss und jemandem auf den Kopf fiel, das Würde sehr weh tun. Doch nein, wahrscheinlich würde es gar nicht weh tun: Während er abreißt und runtersaust, sitzt du ahnungslos da und trinkst zum Beispiel Portwein. Und wenn er dich erreicht, bist du schon nicht mehr am Leben. Ein quälender Gedanke: Du sitzt da, und von oben kommt der Lüster. Ein sehr quälender Gedanke...

"Na, ist Ihnen was eingefallen? Wollen Sie was bestellen?"

"Portwein bitte, achthundert Gramm."

"Du bist ja schon voll! Ich hab dir doch deutlich gesagt: Wir haben keinen Portwein!".

"Na... ich kann warten... bis er kommt..."

"Warte nur... Da kannst du lange warten! Gleich kriegst du deinen Portwein!"

Wieder wurde ich in Ruhe gelassen. Ich blickte der Frau angewidert hinterher. Besonders auf ihre weißen Strümpfe ohne Naht; eine Naht würde mich vielleicht versöhnt, würde meine Seele und mein Gewissen entlastet haben...

Warum sind die so grob? Hä? Grob, betont grob, und das in einem Moment, in dem man nicht grob sein darf, weil bei dir wegen des Katers alle Nerven frei liegen und du still und kleinmütig bist. Warum?

Oh, wenn die ganze Welt, wenn jeder Mensch auf der Welt in dem Zustand wäre, wie ich jetzt, still und furchtsam, und wenn sie alle wie ich an nichts glaubten, weder an sich selbst noch an die Dauerhaftigkeit ihres Platzes unter dem Himmel - wie schön wäre das! Keine Enthusiasten, keine Heldentaten, keine Ergriffenheit, nur allgemeiner Kleinmut. Dann könnte ich eine Ewigkeit auf der Erde leben, wenn sie mir vorher einen Winkel zeigten, wo kein Platz für Heldentaten ist. "Allgemeiner Kleinmut" - das wäre ja die Erlösung von allen Übeln, das wäre das Allheilmittel, das wäre ein Prädikat höchster Vollkommenheit! Und was das tätige Wesen der Natur betrifft...

"Wer will hier Portwein?"

Ich sah zwei Frauen und einen Mann, alle drei in Weiß. Ich blickte zu ihnen auf - oh, wie viel Unflat, wie viel Wirrnis musste jetzt in meinen Augen sein, das erkannte ich an ihren Augen, die Wirrnis und Unflat spiegelten. Ich ließ den Kopf hängen und verlor meine Seele.

"Aber ich... ich bitte doch um gar nichts weiter. Na schön, kein Portwein da, ich kann ja warten... nur so..."

"Was heißt hier 'nur so'! Worauf wollen Sie warten?"

"Auf fast gar nichts... Meine Henker warteten, was ich noch sagen würde.

"Ich komm ja... aus Sibirien, aber ich hab keine Eltern mehr... Bloß damit mir nicht schlecht wird... möcht ich Portwein."

Das hätte ich nicht sagen dürfen. Vom Portwein, nein! Der brachte sie zur Explosion. Alle drei packten mich bei den Armen und führten mich - o siedende Schmach! - durch den ganzen Saal, dann stießen sie mich hinaus in die Luft.

Wieder an der Luft. Oh, Nichtigkeit! Oh, tierisches Zähneblecken der rauen Wirklichkeit!

Was danach war - vom Restaurant zum Laden und vom Laden zum Zug - lässt sich nicht mit menschlichen Worten ausdrücken. Ich versuche es gar nicht erst. Falls die Engel es versuchen sollten - sie würden einfach heulen und vor lauter Tränen kein Wort hervorbringen.

Machen wir's lieber so - wir würdigen diese zwei tödlichen Stunden durch eine Schweigeminute. Gedenke dieser zwei Stunden, Wenitschka. Gedenke ihrer in den feierlichsten, funkelndsten Tagen deines Lebens, in Augenblicken der Seligkeit und des Entzücken - vergiss sie nicht. Das darf sich nie wiederholen. Ich wende mich an alle Angehörigen und Nahestehenden, an alle Menschen guten Willens, an alle, deren Herz für Poesie und Mitleid offen steht:

"Lasst ab von eurer Beschäftigung. Bleibt mit mir stehen, und würdigen wir das Unsagbare durch eine Schweigeminute. Und wenn ihr irgendeine elende Hupe zur Hand habt, drückt darauf."

Ja. Ich bleibe auch stehen. Genau eine Minute, mit trübem Blick zur Bahnhofsuhr, stehe ich wie ein Pfahl mitten auf dem Platz vor dem Kursker Bahnhof. Meine Haare wehen im Wind, dann stehen sie zu Berge, dann wehen sie wieder. Taxis umfließen mich von allen vier Seiten. Menschen auch, und sie gucken irre; bestimmt denken sie, vielleicht sollte man den da als Belehrung für die Völker des Altertums in Stein Meißeln? Oder lieber nicht?

(Anm. von M-n: Das Pech von Wenitschka bestand darin, dass er sich wie viele Säufer in der Zeit angewöhnt hatte, zu saufen ohne was zu essen. Weil das knappe Geld für beides nicht reichte).

...Die erste Dosis kann ich nicht zu mir nehmen, ohne was zu essen, weil ich sonst womöglich kotze. Die zweite und dritte Dosis, die kann ich schon trocken zu mir nehmen, denn dann kann mir zwar schlecht werden und wird auch, aber kotzen muß ich nicht. Bis zur neunten Dosis. Dann brauch ich ein belegtes Brot.

"Wozu? Wird dir wieder schlecht?"

"Ach wo, schlecht wird mir dann nicht, aber kotzen muß ich."

Ihr schüttelt natürlich alle den Kopf. Ich seh sogar von hier, vom nassen Bahnsteig, wie ihr alle, über die Erde verstreut, den Kopf schüttelt und ironisch sagt:

"Das ist ja so kompliziert, Wenitschka, so raffiniert!"

"Na klar!"

"Welche Präzision des Denkens! Und das ist alles? Alles, was du brauchst, um glücklich zu sein? Weiter brauchst du nichts?"

"Nichts, das würd ich nicht sagen", sage ich und steige in den Zug ein. "Hätt ich mehr Geld gehabt, ich hätt noch Bier genommen und ein paar Fläschchen Portwein, aber so..."

Jetzt stöhnt ihr schon.

"Oh, Wenitschka! Ooh, wie primitiv!"

"Na und? Von mir aus primitiv", sag ich. "Und nun red ich nicht mehr mit euch. Von mir aus primitiv! Aber eure Fragen beantworte ich nicht mehr. Ich setz mich lieber hin schau zum Fenster hinaus. So. Von mir aus primitiv!"

Aber ihr setzt mir zu:

"Was hast du? Beleidigt?"

"Aber nein", antworte ich.

"Sei nicht beleidigt, wir meinen es gut mit dir."

Natürlich halten mich alle für einen schlechten Menschen. Morgens und verkatert bin ich ja derselben Meinung. Aber man darf nie der Meinung eines Menschen trauen, der noch keinen Katerschluck genommen hat! Dafür stecken abends Abgründe in mir, natürlich nur, wenn ich tagsüber was zu mir genommen hab, dann sind abends unglaubliche Abgründe in mir!

Aber bitte. Bin ich eben ein schlechter Mensch. Wenn es einem Menschen morgens mies geht und er abends voller schöpferischer Pläne, Träume und Bemühungen ist, dann ist er sehr schlecht, dieser Mensch. Morgens scheußlich, abends gut, das ist ein sicheres Merkmal eines schlechten Menschen. Und umgekehrt, wenn er am Morgen munter ist und voller Hoffnungen und ihn am Abend Erschöpfung befällt, dann ist er ein Dreck, ein Egoist und reine Mittelmäßigkeit. Zuwider ist mir solch ein Mensch. Wie ihr das seht, weiß ich nicht, aber mir ist er zuwider.

... Also, was haben wir?

Ich holte aus dem Koffer, was ich hatte, und befühlte alles, von den belegten Broten bis zu dem Verschnitt für einssiebenunddreißig. Und wie ich es befühlte, packte mich plötzlich rasende Gier, und ich wurde ganz verzagt. Herrgott, du siehst, was ich habe. Aber brauche ich das etwa? Ist es dies, wonach meine Seele sich sehnt? Dies hier haben mir die Menschen gegeben statt dem, wonach sie sich sehnt! Und wenn sie mir das gegeben hätten, würde ich denn dies hier brauchen? Schau her, Herrgott, da: Verschnitt für einssiebenunddreißig...

Und der Herrgott, von blauen Blitzen umzuckt, antwortete mir:

"Und wozu braucht die heilige Theresia ihre Wundmale? Die braucht sie ja auch nicht. Aber sie möchte sie."

"Genau!" antwortete ich begeistert. "Ich auch, ich auch, ich möchte es, aber ich brauche es nicht!"

Na, wenn du es möchtest, Wenitschka, dann trink, dachte ich leise, aber ich zögerte noch. Würde mir der Herrgott noch etwas sagen oder nicht?

Der Herrgott schwieg.

Also gut. Ich nahm ein Viertelliterfläschchen Wodka und ging auf die Plattform. Mein Geist schmachtet nach den viereinhalb Stunden, jetzt lasse ich ihn hinaus ins Freie. Ich habe ein Glas und ein belegtes Brot, damit mir nicht Übel wird. Und ich habe eine Seele, die noch ein wenig offensteht für die Eindrücke des Daseins. Herrgott, teile mein Mahl!

Und ich trank gierig.

Und nachdem ich getrunken hatte, ihr seht ja, wie lange ich mit verzerrtem Gesicht das Würgen zurückhielt, wie ich fluchte und zotete. Fünf Minuten oder sieben, vielleicht eine ganze Ewigkeit warf es mich in den vier Wänden umher, ich griff mir nach der Gurgel und flehte meinen Gott an, mir nichts zu tun.

Und bis Karatscharowo erhörte Gott mein Flehen nicht, der getrunkene Glasinhalt klumpte mal zwischen Bauch und Speiseröhre, mal stieg er hoch, dann sank er wieder. Das war wie ein Vesuvausbruch, wie Herculaneum und Pompeji, wie der Erste-Mai-Salut in der Hauptstadt meines Landes. Und ich litt und flehte.

Erst kurz vor Karatscharowo erhörte Gott mein Flehen. Alles legte sich und wurde still. Und wenn sich einmal bei mir etwas legt und still wird, dann unumkehrbar. Verlaßt euch darauf. Ich habe Achtung vor der Natur, und es wäre nicht schön, der Natur ihre Gaben zurückzugeben... Ja.

Ich strich mir schlecht und recht die Haare glatt und kehrte in den Wagen zurück. Das Publikum sah mich beinahe teilnahmslos an, mit runden und gleichsam unbeschäftigten Augen.

Das gefällt mir. Mir gefällt, daß das Volk meines Landes solche leeren und runden Augen hat. Das flößt mir ein Gefühl berechtigten Stolzes ein. Ich kann mir vorstellen, was sie dort für Augen haben, wo alles verkauft und gekauft wird: tief versteckte, tückische, räuberische, verschreckte Augen. Geldentwertung, Arbeitslosigkeit, Verelendung... Sie gucken unter gesenkter Stirn hervor, mit nie verstummender Qual und Sorge - solche Augen hat die Welt des Geldes.

Mein Volk dagegen - was hat es für Augen! Stets ein wenig vorgewölbt, zeigen sie keinerlei Spannung. Völliges Fehlen jedweden Sinns - aber dafür welche Macht! (Welche geistige Macht!) Diese Augen können nichts verkaufen. Nichts verkaufen und nichts kaufen. Was mit meinem Lande auch immer geschieht. In Tagen des Zweifels, in Tagen quälender Gedanken, in Jahren beliebiger Prüfungen und Unglücks - diese Augen zwinkern nicht. Ihnen ist alles wie Gottes Morgentau.

Mir gefällt mein Volk. Ich bin glücklich, unter den Blicken dieser Augen geboren und zum Manne geworden zu sein. Schlecht ist nur eins: Womöglich haben sie gesehen, was ich jetzt eben draußen im Windfang angestellt habe? Wie ich von einer Ecke in die andere getorkelt bin wie der große Tragöde Fjodor Schaljapin, die Hand an der Gurgel, als ob es mich würgte?

Übrigens, na wenn schon. Wenn's einer gesehen hat - na wenn schon. Vielleicht hab ich dort was geprobt? Ja... wirklich. Vielleicht habe ich das unsterbliche Drama "Othello, der Mohr von Venedig" gespielt? Einsam gespielt und dabei sämtliche Rollen?

(Anm.von M-n: Und jetzt, wo es ihm bereits besser geht, erinnert sich Wenitschka daran, wie er vor einer Woche von dem Brigadiersposten in seinem Betrieb wegen der "Einführung eines lasterhaften Systems individueller graphischer Darstellungen" abgesetzt wurde).

Also. Vor einer Woche haben sie mich von meinem Brigadiersposten gefeuert, den die mir Fünf Wochen zuvor gegeben hatten. In vier Wochen, das werdet ihr verstehen, lassen sich keine jähen Veränderungen einführen, und ich habe auch gar keine jähen Veränderungen eingeführt, doch wenn jemand glaubte, ich hätte welche eingeführt, haben sie mich jedenfalls nicht wegen jäher Veränderungen gefeuert.

Es fing ganz einfach an. Vor meiner Zeit sah unser Produktionsprozess so aus: Am Morgen setzten wir uns hin und spielten Kartenspiel Sika um Geld (könnt ihr Sika spielen?). So. Danach standen wir auf, wickelten das Kabel von der Trommel und verlegten es unter die Erde. Und dann, klarer Fall: Wir setzten uns hin, und jeder schlug die Zeit auf seine Weise tot, schließlich hat jeder seine Träume und sein Temperament: Der eine trank Wermut, ein anderer, schlichterer, trank Eau de Cologne, und wer anspruchsvoller war, ging in den internationalen Flughafen Scheremetjewo Kognak trinken. Danach legten wir uns schlafen.

Am nächsten Morgen war's so: Zunächst setzten wir uns hin und tranken Wermut. Danach standen wir auf, zerrten das gestrige Kabel wieder aus der Erde und schmissen es weg, weil es schon ganz naß war. Und was dann? Dann setzten wir uns hin und spielten Sika um Geld. Wir legten uns hin, ohne das Spiel beendet zu haben.

Früh am Morgen weckten wir uns gegenseitig: "Ljocha, steh auf, Sika spielen!" Oder: "Stassik, steh auf, wir müssen die gestrige Partie zu Ende spielen!" Wir standen auf und spielten die Sika-Partie zu Ende. Danach - vor Tau und Tag, ohne Kölnisch Wasser "Frische" oder Wermut getrunken zu haben - schnappten wir uns die Trommel und wickelten das Kabel ab, damit es bis morgen naß wurde und nichts mehr taugte. Dann schlug wieder jeder seine Zeit tot, denn jeder Mensch hat seine eigenen Ideale. Und dann wieder alles von vorne.

Nachdem ich Brigadier geworden war, vereinfachte ich diesen Prozess bis an die nur denkbare Grenze. Von da an machten wir es so: Am ersten Tag wurde Sika gespielt, am zweiten Wermut getrunken, am dritten wieder Sika gespielt und am vierten wieder Wermut getrunken. Wer von uns mit Intellekt begabt war, der verschwand im Flughafen Scheremetjewo, saß dort und trank Kognak. Die Kabeltrommel rührten wir natürlich nicht mal mit dem Finger an, denn wenn ich vorgeschlagen hätte, die Trommel anzurühren, hätten sie herzlich gelacht wie die Gatter, mich dann mit Fäusten ins Gesicht geschlagen und wären auseinandergegangen: der eine Sika spielen um Geld, der andere Wermut trinken oder Kölnisch Wasser. Eine Weile lief alles ausgezeichnet: Einmal im Monat schickten wir denen sozialistische Verpflichtungen, und sie schickten uns zweimal im Monat den Lohn. So schrieben wir zum Beispiel: Anlässlich der bevorstehenden Hundertjahrfeier verpflichten wir uns, mit den Arbeitsunfällen in der Produktion Schluss zu machen. Oder: Aus Anlass der ruhmreichen Hundertjahrfeier wollen wir erreichen, dass jeder sechste von uns ein Fernstudium absolviert. Dabei konnte von Arbeitsunfällen und Fernstudium keine Rede sein, wir kriegten ja beim Sika-Spiel nie das Tageslicht zu sehen, und wir waren Fünf Mann!

O Freiheit und Gleichheit! O Brüderlichkeit und Leben auf fremde Kosten! O Süßigkeit des Nichtverantwortlichseins! O seligste Zeit im Leben meines Volkes - die Zeit zwischen der Öffnung und der Schließung der Läden!

Nachdem wir Scham und sonstige Sorgen von uns geworfen hatten, führten wir ein ausschließlich geistiges Leben. Nach Maßgabe meiner Kräfte erweiterte ich den Gesichtskreis meiner Männer, und es gefiel ihnen sehr, wenn ich ihn erweiterte: besonders in allem, was Israel und die Araber betraf. Da waren sie vollkommen begeistert von Israel und den Arabern und besonders von den Golanhöhen. Und Abba Eban und Moshe Dayan führten sie ständig im Munde. Wenn einer morgens zum Beispiel von den Nutten kam und gefragt wurde: "Na, wie war's? Hat die Nina aus der Dreizehn Dayan Eban*?" Dann antwortete er

(Fußnote des Übersetzers: *Unübersetzbares obszönes Wortspiel: Die Namen der beiden israelischen Politiker klingen im Russischen fast so wie die - russische - Frage: Hat sie dich rübergelassen?)

selbstzufrieden auflachend: "Was hätte sie sonst machen sollen? Natürlich hat sie Dayan!"

Und dann (hört zu), und dann gab ich ihnen das Poem "Der Nachtigallengarten" von Alexander Block zu lesen. Mitten in dem Poem, gibt es eine lyrische Person, die wegen Suff, Hurerei und Bummelei von der Arbeit entlassen wird. Ich sagte ihnen: "Das ist ein sehr modernes Buch", sagte ich, "ihr werdet es mit großem Gewinn lesen." Nun, sie lasen es. Aber gegen meine Erwartung wirkte es bedrückend auf sie, denn in allen Läden war schlagartig Kölnisch Wasser ausgegangen. Unbegreiflich warum, aber das Sika-Spiel war vergessen, der Wermut war vergessen, der internationale Flughafen Scheremetjewo war vergessen, und Kölnisch Wasser "Frische" triumphierte, alle tranken nur "Frische".

O Sorglosigkeit! O Vögel am Himmel, die ihr nicht zu den Kornspeichern fliegt! O ihr Lilien des Feldes, Schöner gewandet denn Salomo! Sie hatten alle "Frische" zwischen der Station Dolgoprudnaja und dem internationalen Flughafen Scheremetjewo ausgetrunken!

Und da kam mir die Erleuchtung: Du bist doch ein Taugenichts, Wenitschka, ein Dummkopf rundherum, erinnere dich, du hast doch bei einem Weisen gelesen, daß sich der Herrgott lediglich um die Prinzen sorgt und die Sorge um das Volk den Prinzen überlässt. Wenn du Brigadier bist, dann bist ein "kleiner Prinz". Wo bleibt deine Sorge um das Schicksal deiner Völker? Hast du hineingesehen in die Seelen, in die Seelenabgründe dieser Schmarotzer? Die Dialektik des Herzens dieser vier Trottel - du kennst sie? Wenn sie dir bekannt wäre, würdest du besser begreifen, was der "Nachtigallengarten" mit der "Frische" gemein hat und warum der "Nachtigallengarten" weder mit dem Sika-Spiel noch mit Wermut zusammengeht, während Moshe Dayan und Abba Eban hervorragend mit ihnen zusammengingen!

Ja, und da führte ich meine berüchtigten "individuellen graphischen Darstellungen" ein, für die sie mich schließlich feuerten.

Soll ich euch sagen, was für Darstellungen das waren? Nun, sehr einfach: auf Velinpapier wurden mit schwarzer Tusche zwei Achsen gezeichnet, die eine horizontal, die andere vertikal. Auf der Horizontalachse wurden hintereinander sämtliche Arbeitstage des laufenden Monats vermerkt und auf der Vertikalachse die Zahl der getrunkenen Gramme, umgerechnet auf reinen Alkohol. Dabei wurde natürlich nur das berücksichtigt, was in der Arbeitszeit und davor getrunken wurde, denn was am Abend getrunken wird, ist bei allen eine mehr oder weniger gleichbleibende Größe und bietet für einen ernsthaften Forscher kein Interesse.

Also, nach Ablauf des Monats bringt mir jeder Arbeiter seinen Bericht, wie viel er an dem und dem Tag von dem und dem Getränk zu sich genommen hat und wie viel am nächsten Tag. Dann trage ich auf dem Velinpapier mit schwarzer Tusche sämtliche Angaben säuberlich in das Diagramm ein.

Sie müssen zugeben, es sind interessante Kurven, für einen, der gründlich forscht (wie zum Beispiel ich), plaudern diese Kurven alles aus, was sich nur über einen Menschen und ein Menschenherz ausplaudern lässt: alle seine Eigenschaften, von den sexuellen bis zu den beruflichen, alle seine Niederlagen, die beruflichen wie die sexuellen. Des weiteren der Grad seiner Ausgeglichenheit, seine Befähigung zum Verrat und sämtliche Geheimnisse des Unterbewusstseins, sofern es dort überhaupt Geheimnisse gibt.

Ich betrachtete jetzt die Seele jedes meiner Trottel aufmerksam, durchdringend, unverwandt. Aber ich betrachtete sie nicht mehr sehr lange, denn eines Bösen Tages waren meine Diagramme vom Schreibtisch verschwunden.

Als ich den Verlust bemerkte, trank ich und griff mir an den Kopf. Dort in der Verwaltung dasselbe Bild: Sie öffneten den Umschlag, fassten sich an den Kopf, tranken und kamen noch am selben Tag mit einem Moskwitsch zu unserm Abschnitt gefahren. Was kriegten sie zu sehen, als sie in unser Büro eindrangen? Sie kriegten nichts zu sehen außer Ljocha und Stassik. Ljocha schlief zusammengerollt auf dem Fußboden, und Stassik kotzte. Binnen einer Viertelstunde war alles entschieden. Mein Stern, vor vier Wochen aufgeflammt, ging unter. Die Kreuzigung war vollzogen - genau dreißig Tage nach meiner Erhöhung. Nur ein Monat lag zwischen meinem Toulon und meinem St. Helena. Kurz und gut, ich wurde gefeuert...

Und hier erkläre ich feierlich: Bis ans Ende meiner Tage werde ich nichts unternehmen, um meinen traurigen Erhöhungsversuch zu wiederholen. Ich bleibe unten und spucke von unten auf eure ganze gesellschaftliche Leiter. Ja. Auf jede Stufe der Leiter einmal gespuckt. Um auf ihr hinaufzusteigen, muss man ein Schwuler sein, geschmiedet aus Edelstahl von Kopf bis Fuß. So einer bin ich nicht.

Wie dem auch sei, ich war gefeuert. Ich, der nachdenkliche Prinz und Analytiker... Dieser ganze Alltagsquatsch hat mich dermaßen fertiggemacht, dass ich seit dem Tag dauernd besoffen bin. Ich will ja nicht sagen, dass ich davor je besonders nüchtern gewesen wäre, aber damals wusste ich jedenfalls noch, was ich trinke und in welcher Reihenfolge, und das kann ich mir jetzt nicht mehr merken. Das verläuft bei mir in Zeitzonen wie alles im Leben: Mal trinke ich eine Woche gar nicht, dann trinke ich vierzig Tage lang, dann trinke ich wieder vier Tage gar nicht und dann wieder sechs Monate ununterbrochen. So auch jetzt..."

"Wir verstehen. Wir verstehen alles. Du bist beleidigt worden, und dein edles Herz..." –sangen die Engel im Himmel.

Ja, ja, an jenem Tag hat mein edles Herz eine geschlagene halbe Stunde mit dem Verstand gekämpft. Wie in den Tragödien von Pierre Corneille, dem preisgekrönten Poeten: Die Pflicht kämpft mit der Herzensmeinung. Nur war es bei mir umgekehrt: Die Herzensmeinung kämpfte mit dem Verstand und der Pflicht. Mein Herz sagte mir: "Sie haben dich beleidigt, dich mit Scheiße verglichen. Geh, Wenitschka, und betrinke dich. Steh auf und geh dich betrinken wie ein Hund." Das sagte mir mein edles Herz. Und mein Verstand? Der nörgelte und beharrte: "Du wirst nicht aufstehen, Jerofejew, du wirst nirgendwo hingehen und keinen Tropfen trinken." Darauf das Herz: "Na gut, Wenitschka, gut. Du musst ja nicht viel trinken, du musst dich ja nicht besaufen wie ein Hund, trink vierhundert Gramm und sei dann dicht." - "Keinen Schnaps!" sagte der Verstand strikt. "Wenn's schon ohne das nicht geht, dann trink drei Gläser Bier, und an Schnaps denkst du nicht mal, Jerofejew." Das Herz aber wimmerte: "Na, wenigstens zweihundert Gramm. Na... wenigstens hundertfünfzig." Darauf der Verstand: "Na gut, Wenitschka", sagte er, "gut, trink hundertfünfzig Gramm, aber geh nirgendwo hin, bleib zu Hause."

Was denkt ihr euch eigentlich? Ich trinke hundertfünfzig Gramm und bleib zu Hause? Ha-ha. Ich habe seit diesem Tag täglich tausendfünfhundert Gramm getrunken, um zu Hause zu bleiben, aber es zog mich trotzdem unter die Leute. Und zu Hause blieb ich  nicht...

Zwei Lesermeinungen zu Jerofejew:

1.Das Buch von J. hatte ich mir gleich gekauft, als Sie es erstmalig
empfahlen. Die gute Reschke-Übersetzung habe ich nicht auffinden können,
sondern nur die Suhrkamp-Ausgabe mit einer anderen Übersetzung.
Hinter der Maske des Trinkers haben schon andere große Schriftsteller
ihre ätzenden Wahrheiten über die Leser gegossen, vor allem in dunkleren
Zeiten. Was soll ich sagen: Klasse!
Solche Lesungen fände ich für Berlin gut. Ich würde sofort hingehen.

Anna Blume.

2. Was sollen die Bekenntnisse des schlimmen Säufers? Ist der Wodkaabsatz in Russland nicht gross genug? Oder wollen Sie den Wodka-Exporteuren in Russland auf die Sprünge helfen?

Kein Wodka-Trinker.

21.2.01

2. BALL. ERZÄHLUNGEN

Matrjoschka bietet hier Erzählungen eines russischen Dichters an. Er heisst Georgi Ball, lebt in Moskau. Mehrere Jahrzehnte lang wurden seine Werke von der sowjetischen Zensur unterdrückt. Jetzt publiziert er mehr als früher und wird von der Literaturkritik mehr oder weniger wohlwollend behandelt. G. Ball erlaubte uns, die Erzählungen zu bringen. Übersetzt wurden sie von R. Schick (Berlin).  

DER LETZTE KAMPF

Die ausgemusterte Stimme des Oberst a.D. ließ sich auf dem Fliesenboden des Badezimmers nieder.

" Na, alter Junge, was ist?"

Er betrachtete sich im Spiegel. Ihm blickte ein Panzer mit rechts aufgerissener Panzerkette und herunterhängendem Kanonenrohr entgegen.

"Na was ist, Alter?" fragte der Oberst noch einmal. "Wollen wir heute was essen? Die Wurst hängt mir ..." der Oberst griff sich an den Hals. "Kartoffeln haben wir, könnte was Eingelegtes kaufen, rote Rübchen. Ein Borschtsüppchen brauen. Ach, zu viel Umstände."

Die grünen Panzeraugen schauten den Oberst wehmütig an.

"No Problem, Sir!" Der Oberst gähnte breit. "Muß nur den Fernseher reparieren, eigenhändig, nebenbei gesagt."

Mit dem Bruchstück eines Blicks streifte der Oberst das Zifferblatt und lippenlos trat in sein Bewußtsein: 23.27 Uhr. Die alte Uhr ließ ihn nie im Stich. Immer konnte er sich auf sie verlassen wie auf einen Freund – durch Dick und Dünn, die Uhr mit eingebautem Kompaß.

Seine Hand funktionierte automatisch, die Finger ertasteten die Brust des Rasiernapfes, drückten Creme hinein. Er drehte den Wasserhahn über der Badewanne auf und schaltete ab.

"Der Kronprinz liebte es, sich abends zu rasieren," murmelte er. "Der Kronprinz liebte," er machte eine lange Pause, "den Rest seiner Tage im Elfenbeinturm zu leben."

Schaum verhüllte das Gesicht des Oberst.

"Aber doppelgesichtiger Janus - das sind wir, ich und der Kronprinz, nicht, niemals. Die sollen sich mit diesem Janus - ganz genau, Sir."

Leicht und sanft räumte die Rasierklinge den Seifenschaum ab. Wie neugeboren stellten sich die Spitzen des schwarzen Schnauzbarts auf, in dem kein einziges graues Haar zu sehen war. Nur das Seitenhaar, hm das Seitenhaar, aber weil der Kopf durchaus noch knastig ist und die Augen noch feurig sind, nur die Säckchen unter den Augen angeschwollen, aber sonst - der Oberst schürzte die Lippen, seine Nase spürte die leichte Berührung der Bartspitzen - für die Weiber immer noch die Überraschung "X" hoch "n".

"Also was ist, Artjom," wandte er sich an den Panzer, "nehmen wir heute time-out bei den Weibern? Oder wie?"

Der Oberst wohnte in einer Zweizimmerwohnung im sechsten Stock, einem Aufbau auf ein fünfstöckiges Haus aus der Jahrhundertwende, mit himmelhohen Decken. Sogar im Bad und in der Toilette große Fenster, die auf schmale Gassen hinauszeigten. Gegenüber summte hinter einer Steinmauer gleichförmig bis Mitternacht eine Schuhfabrik, der Gerbegestank zog bis zu den Fenstern des Oberst herauf.

Im großen Zimmer nahm ein orgelartiges Eichenbuffet die ganze Wand ein. Der Bewohner vor ihm konnte es nicht rausschaffen, so erhielt es der Oberst zusammen mit der Wohnung. Ein anderes Geschenk, ein dunkelrotes Bett in Muschelform mit Baldachin breitete sich frech im kleinen Zimmer aus. Dieses hatte der frühere Mieter, ebenfalls ein Militär, mit dem der Oberst eine Zeitlang Umgang pflegte, bei Kriegsende aus Österreich mitgebracht. Doch der starb, noch bevor der Oberst nach Afghanistan mußte. Das Bett verwaiste nicht, der Baldachin wurde gerüttelt und geschüttelt von verschiedenen Personen weiblichen Geschlechts. Jede hatte einen Namen, doch das Sklerosegedächtnis des Oberst war unfähig, diese zu behalten.

Sicher wären die Zimmer aufgedunsen von Einsamkeit und Sauferei, wäre da nicht ein ältliches, fast blindes, erbärmliches Hündchen auf winzigen Beinchen, mit schwarzen Zotteln, das sich auf der Straße verirrt hatte und das der Oberst Schanetka nannte.

Die Tochter? Ja die Tochter? Sein geliebtes Kind. Zog zum Mann nach Nowosibirsk. Ihre wenigen Briefe stapelte er fein säuberlich in eine blecherne Bonbonschachtel.

Er erinnerte sich an die verstorbene Mutter. Im Dorf Osjorkoje. Wie klangvoll sie sang.

Ja, Cambridge hat er nicht abgeschlossen, aber doch vieles erreicht...Die Mutter würde sich wundern. Und alles aus eigener Kraft.

Wind brachte Unruhe in die Nacht, rüttelte mit Regen am Fenster.

...Wieder rattern Schützenpanzerwagen. Sonnenverbrannte Soldatengesichter. Die heisere Stimme des Oberst. Die afghanische Hitze gibt immer noch eins drauf. Er erkennt seine Stimme nicht. Der Panzer schaukelt über die Schlaglöcher. Fressen hat er wohl verlernt. Nur trinken, nichts als trinken. Da hängt ein Hubschrauber. Eine Leiche auf der Straße. Die Panzer fahren, die Leiche zerfällt, verdünnisiert sich...

...Ein verdammtes Arschloch bin ich, denkt der Oberst. Als Junge fing ich Finken und verscherbelte sie. Und jetzt sitze ich selber im Käfig. Der benebelnde Duft des Nachtvogels. Die Explosion der Mine macht ihn taub. Er sackt zusammen. Denkt, nun ist es aus und vorbei, ist aber nur eine Verletzung, Splitterverletzung im rechten Schlüsselbein und in der Schulter. Tut noch immer weh bei Regen...

Der Oberst öffnete die Augen und wie immer Blick auf die Uhr: 23.49 Uhr.

"Artjom!" rief der Oberst flüsternd.

Er spürte, wie der Gedanke knisterte und leichtes Frösteln schüttelte dort im Spiegel das gewaltige Panzerungetüm. Grob knirschte der Schmerz in der rechten aufgerissenen Panzerkette und hallte wider im Oberst.

"Artjom!" flüsterte der Oberst erneut.

Der Panzer quietschte und stellte langsam sein riesiges Stahlglied auf.

Die Lippen, der Rachen, alles ausgetrocknet. Wie in Afghanistan.

23.52Uhr...53...54...55...

"Teilkreis dreißig null, aufs Ziel richten - der Oberst schrie. Feuer!

Eine riesige Spermawolke spritzte in den Himmel.

"Schuß!" Der Oberst stöhnte in wonniger Erschöpfung.

"Auf die gefallenen Kameraden, auf diese Milchsauger, fick deine Mutter...Feuer!

"Schuß! Fast erstickte er in zitternder Freude. "Ja, Sauerklee-Blut, bedient euch, vermehrt euch..."

"Feuer!"

"Schuß!"

"Feuer!"

Das Rohr senkte sich.

"Artjom!" brüllte der Oberst. "Was ist, deine Mutter sollst du....

Der Panzer sah jämmerlich aus. Mit aller Kraft schlug der Oberst mit der Faust in den Spiegel. Scherben klirrten auf die Badezimmerkacheln.

Der Oberst hob ein großes Stück Spiegel auf, strich sich den Schnurrbart.

"Die Adern ritzen, damit?" Mit dem Spiegelstück streifte er das Handgelenk. Es blutete. Er kicherte. "Mit der Verwundung ins Sanitätsbataillon."

Im Kopf tauchte eine Telefonnummer auf. Wer? Er ging aus dem Bad. Wählte die Nummer. Eine Frauenstimme.

"Dascha, Vera, nein, Ljolja."

Die Frauenstimme ging in eine männliche über.

"Alter Hurenbock, scher dich zum Teufel, du.....

Der Oberst legte den Hörer auf, sank schwer auf den Stuhl. In der Hand noch eine Spiegelscherbe. Er warf sie weg, aber sie zerbrach nicht.

OO.13 Uhr. Stille. Die Fabrik arbeitete nicht mehr.

Der Hund jaulte.

"Ach ja, Schanetka." Der Oberst bückte sich und streichelte das Hündchen. "Gleich, gleich, wir gehen ja schon."

Er nahm die Leine, warf den Mantel über, vergaß auch nicht den Schirm.

Es nieselte.

Der Oberst drückte aufs Knöpfchen, schoß mit dem Regenschirm. Die Leine schnallte er nicht an.

Durch altbekannte Gassen gingen sie auf den breiten Prospekt. Wenn man ihn überquert, kommt man zu einer kleinen Grünanlage, Schanetkas Lieblingsplatz.

Er stand mit dem Hündchen noch auf dem Bürgersteig, als eine Menschenhorde wie Dreckwasser aus der Nebenstraße gespült wurde. Die Horde hatte ihre eigene Ordnung. An den Seiten gingen junge Männer, mit Maschinenpistolen bewaffnet.

Was war das?

Das Trampeln der Soldatenstiefel streifte ihn mit der Freude des Wiedererkennens. Auf dem Prospekt war es, anders als in den Gassen, ziemlich hell. Er erkannte das Hakenkreuz an den Ärmeln.

Ohne nachzudenken, hob der Oberst vom Bürgersteig ab und hatte seine Kommandostimme wieder.

"Halt! Stehenbleiben!"

Der Oberst warf den Schirm weg und zwängte sich in die Menge.

"Auseinandergehen! Sind Afghanistankämpfer unter euch?

Mit einer Hand packte er den Bengel neben sich am Kragen, mit der anderen versuchte er, die Armbinde vom Ärmel zu reißen. Die Leine hinderte ihn. Aber der Oberst wollte sie nicht wegwerfen.

"He, alter Sack, hast du noch alle?"

"Dreckskerl, Faschist, Sau...In Afghanistan, da hätt ich dir die Schnauze im grauen Sand..."

Jemand rammte ihn von hinten.

Schanetka blaffte. Ein Stiefel holte aus nach ihr. Sie jaulte auf und flog zur Seite. Der Oberst befreite sich und knallte mit aller Kraft mit der Leine um sich.

"Das ist doch ein Jude."

Er wurde zu Boden geworfen. Mit Füßen getreten.

Die Horde ließ den Oberst liegen und marschierte weiter

Als es still wurde, lebte er noch. Der zunehmende Regen spülte seine Gedankenreste fort. Auf einmal spürte er Wärme in seinem Gesicht. Das Hündchen leckte ihm Nase, Mund und Ohren.

Schanetka, dachte der Oberst vernebelt, ich muß nach Hause kriechen. Gegen Morgen trieb der Wind die Wolken auseinander. In der Grünanlage schlief ein Betrunkener, mit einem Plastesack zugedeckt. Auf dem Pfad hüpfte eine Bachstelze. In den alten Linden sangen Stieglitze und Finken ihre Lieder. Der Lärm der Autos auf dem Prospekt, die mit ihren Rädern Wasser spritzen, störte sie nicht.

ABGANG

"Moissej, ich bin's, Fedja."

"Komm rein, Fedja!"

Fedja in weichen Latschen, im blauweiß gestreiften Trainingsanzug, ist nicht etwa mal vom obersten Stock zu ihm heruntergekommen, nein, das zweite Jahr schon zwängt er sich in Moissejs Leben. Seit vor zwei Jahren Moissejs Frau gestorben ist.

"Es nölt in den Knochen", sagt Fedja.

"Setz dich, aber zum Nachschlucken gibt`s nur eine saure Gurke für zwei."

Sie trinken aus Wassergläsern.

"Du bist Jude," beginnt Fedja die alte Leier.

Moissej schweigt.

"Jude," sagt Fedja mit Nachdruck. "Warum säufst du wie ein Russe? Wie ein Loch?" Mit der Hand fährt er durch die Luft und fügt unerwartet hinzu: "Würdest du Christus jetzt kreuzigen? Schon gut, brauchst nicht zu antworten. Aber ich sag´ dir eins, ich würde ihn kreuzigen. Bestimmt. Wie sonst? Und außerdem, wie soll er denn zum Himmel gefahren sein? Die Seele, das will mir noch einleuchten."

Sie trinken noch ein Glas und schweigen lange.

"Warum hat Gott so viele Völker geschaffen?" fragt Fedja und stemmt sich mit den Händen schwer auf den Tisch.

"Damit sie sich befeinden? Nur Juden für alle Zeiten, oder Russen, das reicht doch. Was meinst du, Moissej? "

"Fedja, ich werde nicht besoffen, das ist das Schlimme," sagt Moissej traurig.

"Und es ödet mich an, mit dir zu reden. Du würdest Christus kreuzigen, ich nicht."

Moissej steht auf und öffnet die untere Schranktür. Wodkaflaschen aufgereiht. Dann zieht er das Schlüsselbund heraus.

"Hier, mein Wohnungsschlüssel."

"Wozu?"

"Kommst ohne mich zu mir."

"Und du?"

Moissej seufzt

"Es gibt nur einen Gott. Fedja, du bist ein guter Kerl. Habe mich an dich gewöhnt. Wirst mir fehlen."

"Was hast du vor?"

"Ich gehe zu ihr."

Fedja schaut Moissej verständnislos an.

"Wohin?"

Moissej schweigt. Dann sagt er bittend:

"Geh' jetzt, Fedja. Später kommst du wieder, wenn ich nicht mehr da bin."

"Mosche, laß dich küssen!"

"Nicht doch!" Moissej schiebt ihn mit der Hand weg.

Fedja seufzt.

"Und ich wundere mich, daß mir den ganzen Tag die Knochen nölen."

Draußen fällt schlotternder Schneeregen. Moissej schreitet, den Mantelkragen hochgeschlagen, den Kopf in der Mütze versteckt. Regen und Schnee machen ihn blind. Autos mit gelblichen Scheinwerfern rasen vorbei.

Unmerklich löst er sich auf im Regen und Schnee, der Jude.

EIN NEUES LEBEN

Lärm hinterm Haus, im Gemüsegarten. Ich springe aus dem Bett. Trete aus der Diele auf die Schwelle. Im Dunkel ein schwaches, ganz schwaches Lichtlein. Mein Verstorbener sagte immer: "Finzel angefinzelt." Und da sehe ich - ein Finzelchen blinkt, kaum zu erkennen. Ich gehe näher. Ist da doch am Abfallgraben ein alter Traktor DT-54 mit kaputtem Scheinwerfer in den Beeten steckengeblieben. Und dieser Scheinwerfer faucht in der Dunkelheit wie eine Finzel. Und ich mit nackten Füßen in die Gummistiefel, den Schafpelz überm Nachthemd. Da stehe ich und weiß nicht, was ich tun soll.

Und gleich ein Ruck in meinem Schädel: Wieso hat der nur ein Finzelchen? Guckt mich so kläglich an und mein verrostetes Witwenherz schmilzt.

"Na, was ist, Einäugiger?"

Ich bin scharf auf fremdes Leid.

"Fauch' doch wenigstens!" sag ich zu ihm.

Ich weiß nicht wie, aber es kam mir über die Lippen:" Fauch', Wassja!"

Ich höre, er knurrt. Was tun- keine Ahnung. Den kann ich doch nicht mit Kohlsuppe füttern. Obwohl, meine Kohlsuppe ist gut durchgekocht und durchgezogen, von gestern.

Morgens finde ich Kerosin und stelle eine Flasche damit in die Ecke. Freilich, alt ist er, längst ausrangiert, aber eine Flasche tut bestimmt auch ihm gut.

Nachts liege ich steif da. Auf einmal hör ich, wie jemand tolpatschig an die Flurtür klopft. Ich weiß natürlich gleich Bescheid, sperre die Tür auf und lasse ihn herein.

"Komm rein, Ausrangierter, machen uns einen gemütlichen Abend." Als er das Kerosin herunterkippt, glänzt sein Auge. Und er gleich zum Bett.

"Verrückt, was?"

Dabei zittre ich am ganzen Leibe. Hatte lange keine Weiberfreuden mehr.

"Alter, laß bloß die Stühle ganz!"

Und da schmeißt er die Bank um, der Tolpatsch. Ist's eben nicht gewöhnt. Auf ihm hat man das ganze Leben gepflügt und gepflügt. Hätten ihn ganz kaputt pflügen können.

"Wassja!" flüstere ich, "nicht so doll. Wieso zitterst du so mit deinen Eisendingern? Ich bin doch keine Madame aus der Stadt. Bin auch durch Hitze und Kälte gegangen. Leg' dich hin. Bleiben wir eine Weile zusammen, gewöhnen uns aneinander.

Eine Woche später schreibe ich meiner Schwester, was für ein neues Leben bei uns im Dorf angefangen hat.

"Galinka, meine Liebe!

Das Leben bei uns im Dorf ist erträglich. In den Geschäften kann man alles kaufen. Alles aus dem Ausland, Bananen gibt es viel, aber Gummistiefel wie früher auch jetzt nicht. Ich habe jetzt eine Hilfe gefunden. Weiß gar nicht, wie ich dir das alles beschreiben soll. Was tun? Im Haus kann man immer einen Kerl gebrauchen. Und bei mir hat ein ausrangierter DT-54 angeklopft. Er ist zwar ein Traktor, aber ich nenne ihn Wassja.

Ja, ein Scheinwerfer ist kaputt und er ist ausrangiert, aber noch bei Kräften. Der Frühling ist da. Den Garten haben wir für Kartoffeln gepflügt. Einen alten Pflug habe ich auch aufgetrieben.

Und als die Erde vom Pflug bröckelte, Tonerde, habe ich mich und ihn vor Freude mit dieser ersten Erde besprengt. Er hat natürlich nicht gelacht, ziemt sich nicht für den Alten. Aber ich konnte nicht aufhören mit Lachen. So ein Alter, so ein Einäugiger.

Galinka, finde doch in der Stadt heraus, ob ich Rente für ihn beantragen kann. Würde uns nicht schaden. Kerosin ist nämlich sehr teuer.

So sieht also mein neues Leben aus. Wir werden unsere eigenen Kartoffeln haben, Bananen brauchen wir nicht.

Viele Grüße von mir und Wassja. Deine dich liebende Schwester Vera.

 

3. In memoriam Ostap Bender

Es gibt einen schönen Brauch, den Literaturhelden, die die Seele der Zeit und des Volkes am treffendsten verkörpern, Monumente aufzustellen. In Madrid steht ein solches Denkmal des edlen Hidalgo Don Quijote aus La Mancha. Des unverbesserlichen Idealisten, der am rauhen spanischen Alltag des XVI. Jahrhunderts scheiterte. In Sankt Petersburg wurde soeben ein Monument zu Ehren eines russischen Literaturhelden aufgestellt, der als Antidonquijote gelten darf. Im Geistesleben Russlands des XX.Jahrhunderts hat die fiktive Gestalt eine, von der sowjetischen offiziösen Literaturkritik nie zugegebene, trotzdem aber riesige Rolle gespielt. Ostap Bender. Der Held der genialen russsischen Schelmenromane von I.Ilf und Je.Petroff "Zwölf Stühle" und "Das goldene Kalb".

Ein überaus geschäftstüchtiger Ostap Bender bringt es (in den Romanen) fertig, unter den Verhältnissen des aufziehenden "realen Sozialismus" ein Millionenvermögen zu ergattern. Aber das Geld bringt ihm wenig Glück. Er muss sich immer als "normaler Werktätiger" hinstellen, damit die Behörden nicht auf ihn aufmerksam werden. Wenn er was Schönes kaufen will, stellt sich heraus, dass alles Schöne den "Helden der sozialistischen Arbeit" vorbehalten und nicht verkauft, sondern verteilt wird. Und das Mädchen, in das er sich verliebt, gibt ihm einen Korb, da sie eine Jungkommunistin ist und das grosse Geld verachtet.

Wie Sie, lieber Matrjoschka- Freund sehen, eine vom hinten her aufgezäumte Don- Quijote- Geschichte.

Der Clou dabei war, dass Ostap Bender den Romanverfassern am besten gelang. Charmant, witzig, geistreich, fesselte er den Leser mehr als die parteitreuen, aber blutleeren Genossen aus den nach den Rezepten des "sozialistischen Realismus" zusammengeschusterten Werken der regimetreuen Autoren. Zwar wurden die Homunkuli laut gepriesen, gelesen hat man aber die Abenteuer von Ostap Bender. Seine Sprüche kannte jeder auswendig und zitierte sie bei jeder Gelegenheit. Wie überhaupt seine witzige, saftige, knappe Sprache als ein wohltuender Gegensatz zur hochtrabenden, wortreichen Eloquenz der Sowjetpropaganda empfunden wurde.

Nach der Wende durften die beiden evergreens wieder verlegt werden. Sie haben der Überwindung der alten Dogmen bestimmt viel mehr beigetragen als die schnellstens übersetzten und publizierten Traktate der Gurus der Marktwirtschaft.

So kann man wohl sagen, dass Ostap Bender das schöne Monument in Sankt Petersburg allemal verdient hat.

Seine Story hat aber ein Finale, das hier nicht verschwiegen werden darf. Als er sich nämlich davon überzeugt hatte, dass seine Million ihm in der SU wenig nutzt, entschloss er sich, in den Westen zu fliehen. Kaum war er aber im gelobten Land angekommen, wurde er nach Strich und Faden betrogen und ausgeraubt. Eine prophetische Vision seiner Schöpfer?

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