MIP

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Im Unterschied zur Archivsparte VIP (Nr.8) geht es hier (Nr.9) um MIP. Also um minder important persons, sei es weil diese bereits lange das Zeitliche gesegnet haben (Z. B. Stalin) oder vorläufig sich mit den bescheideneren Rollen auf der Bühne der russischen Politik begnügen müssen. (Z.B. Luschkow). 

 Stalin

SADDAM EIN ENKEL STALINS?

Die Frage warf unser Physiognomist und   Verhaltensforscher, Iwan Matjoschkin-Robertson*, Esq., auf. Er behauptet, zu wissen, dass Saddams Vater Jakow Dshugaschwilli, ein Sohn des sowjetischen Diktators war. 1941  wurde Jakow,  Artillerie- Offizier der Roten Armee, von der vorrückenden Wehrmacht gefangengenommen. Nach Stalingrad soll Hitler seinem sowjetischen Widerpart vorgeschlagen haben, den Gefangenen gegen einen anderen auszutauschen. Gegen den  deutschen Feldmarschall Paulus. Stalin soll schroff geantwortet haben, er tausche einen Leutnant nicht gegen einen Feldmarschall aus. Darauf hin ließen die Deutschen verlauten, Stalins Sohn hätte in einem Kriegsgefangenlager Selbstmord begangen.  

Aber es war eine Lüge, behauptet Herr Matrjoschkin- Robertson. Jakow Dshugaschwilli  beging kein Suizid. Er überdauerte den Krieg in einer deutschen Festungseinzelzelle. Nach dem Krieg flüchtete er, der die eiserne Hand  des ihn schon immer verachtenden Vaters gut kannte,    nach Arabien. Er landete im Irak, heiratete hier eine Mohammedanerin und konvertierte selbst.  Saddam Hussein stamme aus dieser Ehe. Deswegen ist er dem sowjetischen Diktator wie aus dem Gesicht geschnitten (Der Schnurrbart!). Und auch sein Verhalten ist ähnlich (autoritär!). Sogar die Militärstrategie hat er dem Opa entliehen, da  er   in Bagdad den Invasoren ein Stalingrad bereiten will. 

Wie kamst du auf Saddams Familiengeheimnis, fragten die weiblichen Holzpuppen den Esquire. Er berief sich auf ein Ehrenwort, das er dem Informanten gegeben hätte. Nur so viel teilte er mit: Der ehemalige Chef des russischen Geheimdienstes, Primakow, stammt wie Stalin aus Georgien. In der Hauptstadt Tiflis  lernte er Stalins Mutter kennen, die mit dem Sohn zwar nicht grün war,  den Enkel Jakow  aber heiß liebte. Als Jakow sich in Bagdad heimisch machte, ließ er der Oma  einen Gruß  zukommen.  Kurz vor ihrem Ableben hat sie sich  Primakow anvertraut, der übrigens mit Saddam gut Freund sei.   

Ob man im Kreml über Saddams Stammbaum Bescheid weiß? Matrjoschkin- Robertson meint: Ja! Aber nur auf der allerhöchsten Ebene. Was folgt daraus für die aktuellen Ereignisse? Matrjoschkin- Robertson sagte, so blöd seien die Holzpuppen nicht, dass sie sich das nicht selbst ausrechnen können. Er sei nicht verpflichtet, sie fast umsonst zu beraten.  

Bei dem Wortwechsel verriet er, dass er der amerikanischen Administration für eine Million Dollar das Geheimnis angeboten hätte. Er pochte darauf, dass Washington  eine Legitimation fürs Vorgehen im Nahen Osten bräuchte. Die Amis hätten aber abgewinkt. Sie bräuchten  keine Legitimation außer der, die sie schon haben: die stärkeren Bataillone.  

Iwan Matrjoschkin- Robertson forderte von den weiblichen Holzpuppen wenigstens die Hälfte der Summe: 500 000 Euro. Er hätte es satt, im zweiten Hinterhof zu hausen und will eine seiner gesellschaftlichen Stellung angemessene  Eigentumswohnung.  Nach langem Kuhhandel gab er sich aber mit fünf Euro zufrieden. Er kassierte seinen Judaslohn und ging  schnurstracks in seine Stammkneipe „Sonnenschein“, Berlin, Prenzlauer Berg. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses sensationellen Berichtes  hält er sich noch dort auf, bittet aber die Reporter, ihn in Ruhe zu lassen.  

*Wie Iwan Matrjoschkin zu seinem zweiten Namen kam, können Sie auf dem Link   unter „Matrjoschkins Anfragen“ erfahren.  

2.4.03

NACH 5O JAHREN SEIT SEINEM TOD IST ER JETZT TATSÄCHLICH TOT 

Es geht natürlich um  Stalin, einen der erfolgreichsten und blutrünstigsten Tyrannen der Weltgeschichte: Er starb am 5. März 1953  Obwohl seine Speichellecker ihm  eine virtuelle  Unsterblichkeit prophezeiten, ist er jetzt tot . Mausetot. Auch in dem Sinne, dass er kaum jemanden in Russland wirklich aufregt. Jene 37 Prozent nicht, die laut Umfragen ihn für den Wohltäter der Russen halten. Jene 29 Prozent nicht, die ihn für den Henker der Russen halten. Erst recht jene 34 Prozent nicht, die gar keine Meinung über ihn haben. 

Seine Fans sind genauso lauwarm geworden, wie seine Hasser. Wie diejenigen Russen, denen nichts zu Stalin einfällt, würden die Fans und Hasser kein  r Rubelchen spendieren, um ihm ein neues Denkmal aufzustellen, beziehungsweise noch verbliebene abzureißen. Ein Maß Bier beziehungsweise eine Tüte Bon-Bons ist ihnen viel lieber. Oder ein Kinobesuch. Oder ein Sexladenbesuch mit einschlägigen Videovorführungen. 

Eine Puppe im Wachsfigurenkabinett   der Geschichte ist er für sie geworden. Und    nicht nur und nicht so sehr wegen  der zeitlichen Distanz. Vielmehr wegen der Müdigkeit. Und der Erkenntnis, dass die sogenannten "große Staatsmänner" wie er zufällig groß werden. Und wenn nicht ganz zufällig, dann weil sie skrupelloser als die anderen um die Macht kämpfen. 

Stalin und sein Vorgänger Lenin standen im Mittelpunkt eines starken Magnetfeldes, das die Millionen fiebernder Seelen erzeugten. Russischer Seelen, entzündbar, wenn sie den göttlichen Funken fangen. Wenn sie glauben, die Stunde schlägt , eine neue, gerechtere und freiere Welt herbeizuzaubern. Einen Paradies auf Erden. Jetzt fiebern sie danch nicht mehr, weil sie im vorigen Jahrhundert  zwei Mal gründlich enttäuscht waren . Zuerst von der kommunistischen, dann  von der liberalistischen  Heilslehre. Es ist ein bisschen zu viel, sogar für die Russen.   

Jetzt  sagen sie , wenn sie  nach ihrer Einstellung zu Stalin gefragt  werden:   "Er kann mich mal... Und Du auch.". Sie sagen es traurig. Vielleicht deswegen , weil ihnen etwas, abgesehen von den Lebensmitteln und desgleichen,    doch fehlt. Der Sinn des Lebens, den die Russen - im Unterschied zu vielen anderen - doch suchten. Sowohl diejenigen, die Stalin vergötterten, als auch diejenigen, die ihn wie die Pest hassten.       

5.3.03   

“ICH WAR GANZ GLÜCKLICH, ALS DER TYRANNN ABKRATZTE“,
sagt Irina Orient, 82 Jahre alt. Mutter und Vater waren Opfer des stalinistischen Terrors. Ihr Schwiegervater hielt sie für „Volksfeinde“. In zwanzig Jahren gemeinsamen Lebens sprach er kein Wort mit ihr.   

“Jeden Abend, sagte sie  beim Einschlafen wie eine Beschwörung, er soll ins Gras beißen! Und als die ersten Nachrichten über Stalins Krankheit kamen, fürchtete sie, er könnte vielleicht doch überleben. Als sein Tod gemeldet wurde, war sie überglücklich. Sie war so glücklich, dass sie Angst hatte, auf die Straße zu gehen, wo ihr die Leute ihre Freude ansehen konnten. Ihre Schwester weinte. Sie fragte, warum weinst Du, dummes Ding? Der hat doch unsere Eltern auf dem Gewissen!“ Und sie:“ Und wenn es nun noch schlimmer wird?“ Schlimmer ging es aber nicht. 

Am schlimmsten war es am Arbeitsplatz. Da musste sie Trauer mimen. Und stellen Sie sich vor: Im Zimmer  sitzen drei Redakteurinnen. Beide Männer der einen sind verhaftet und erschossen worden, die zweite zitterte all die Jahre wegen ihrer adligen Abstammung. Ihre Mutter, ihr Vater und ihre Tante sitzen im Gefängnis. Wie glücklich waren sie alle, als der Tyrann starb. Aber sie mussten Trauer vorspielen.“ 

 ICH WAR ELF.
Dschabrail Gakajew, Professor, Tschetschene:

„1953 war ich elf Jahre alt und lebte im Südkasachstan, wohin die Tschetschenen deportiert worden waren. Im Staatsgut namens Stalin. Auf dem Dorfplatz die Skulptur des Tyrannen, der uns die Heimat genommen hatte. Kurz davor hatte eine Tschetschenin vor dem Denkmal einen Eimer mit Scheiße ausgeschüttet. Sie wäre sofort erschossen worden, hätte sie nicht so überzeugend eine Idiotin gespielt.  
Wir saßen in der Schule und hörten im Radio die Nachricht von Stalins Tod. Die Lehrerin fing an zu flennen. Wir mussten auf dem Schulhof zur Trauerstunde antreten. Meine Freunde und ich aber liefen zum Flüsschen, tobten dort den ganzen Tag herum und freuten uns, weil Stalin tot war. Und weil an dem und am nächsten Tag keine Schule war.

Als Vater am Abend von der Arbeit kam, war er auch sehr froh und sagte zur Mutter:“ Jetzt können wir wieder hoffen, dass wir nach Hause zurück dürfen“. Alle die neun Jahre Verbannung träumten wir davon. In diesem Dorf lebten hundert tschetschenische Familien. Es gab aber auch andere Verbannte – Russen, Ukrainer, Deutsche. Die meisten zeigten Trauer. Selbst viele alte Tschetschenen weinten.  Sie beweinten ihr bitteres Los und dass die Erlösung so spät kam.   

FAST WÄRE ICH TOTGETRAMPELT WORDEN

Ilja Sbarski, Physiologe:

„Von Stalins Tod erfuhr ich aus dem Rundfunk. Mein erstes Gefühl- Gott sei dank, der Tyrann ist tot. Meine Frau empfand dasselbe. Überhaupt schien mir das die allgemeine Stimmung gewesen zu sein. Natürlich behielt ich das für mich. Damals konnte man keinem trauen. Alle schwiegen. Schreckliche Zeiten waren das...
 
Am Tag der Beisetzung Stalin kam es in Moskau zu einem riesigen Gedränge. Und ich wäre fast totgetrampelt worden. 

UNS ALLEN KAMEN DIE TRÄNEN

Dmitri Jasow, ehemaliger Verteidigungsminister der UdSSR

„Damals diente ich im Stab des Leningrader Militärbezirks. Die kampferprobten Generäle weinten, als sie von Stalins Tod erfuhren. Schließlich gingen wir mit dem Ruf „Für die Heimat, für Stalin!“ in den Kampf!

Die heutige Generation kann nicht nachvollziehen, was Stalin für das sowjetische Volk bedeutete.“

ICH GLAUBTE, DAS LEBEN GERÄT AUS DEN FUGEN

Ludmilla Samoilowa, ehemals bei der Gewerkschaft tätig:

Als sein Tod gemeldet wurde, dachte ich besorgt, wie weiter? Wie kommt unser Riesenland ohne IHN aus? Ich hatte den Eindruck, das Leben gerät aus den Fugen. In der Schule und zu Hause wurde mir schon als Kind die Liebe zu unserem Führer eingetrichtert. In den oberen Klassen schrieb ich sogar Gedichte über ihn und trug sie auf der Bühne vor.  

EIN ÜBERWÄLTIGENDES EREIGNIS 

Wladimir Kuibyschew, Architekt, Sohn eines Vertrauten Stalins.

„Ich kannte Jossif Stalin und seine Kinder. Als kleiner Junge bin ich mal mit dem Fahrrad mit ihm zusammengestoßen und habe mich furchtbar erschrocken. Er hat mich nicht ausgeschimpft, mir nur über den Kopf gestrichen und mit georgischem Akzent gesagt: „ Du Lausebengel!“

Ich ging  mit seinem Sohn Wassja in eine Klasse. Wassja war frech. Er verhöhnte die Lehrer, weil er wusste, ihm geht alles durch. Mit dem „Lincoln“ wurde er zur schule gefahren. In der Schule hatte er eine Graderobe und einen Speiseraum für sich.     

ICH HATTE DOCH RECHT

Waleri Drannikow, Journalist:

1953 ging ich  in die sechste Klasse. Ein halbes Jahr vor Stalins Tod sagte ich zu einem Mitschüler, dass Stalin einmal sterben wird. Mein Freund machte ein ernstes Gesicht und erklärte, Stalin stirbt nie. Später verpetzte er mich bei der Lehrerin. Mein Vater wurde in die Schule zitiert und aufgefordert, mich besser zu erziehen. Wie sich später herausstellte, hatte ich doch recht. 

Als er starb, mussten wir uns versammeln und zehn Rubel für einen Kranz spenden. Ich habe  kein Geld gegeben.

Drei Tage lang war Stalin im Säulensaal aufgebahrt und drei Tage lang drängte eine Unmenge von Menschen dorthin. Es gab ein Gedränge und Geschiebe, viele kamen dabei um. Danach wurden die Hauptzugänge von berittener Miliz und Lastwagen mit Soldaten versperrt. Auch die Gassen waren zu.
Ich wusste, wie man die Sperren umgehen konnte und führte alle, die es wollten, zu dem Gebäude, in dem der Leichnam lag. Für Geld. Ich zog die Mütze und alle warfen zehn Kopeken rein. Für das Geld kaufte ich mir zwei Wochen lang Eis.

 ES GAB IDIOTEN
Rosalia Solobownik, Übersetzerin. Arbeitete als Zensorin. Sie kontrollierte die Meldungen der in Moskau akkreditierten Auslandskorrespondenten.

Als der Gesundheitszustand offiziell vermeldet wurde, ließen alle Idioten die Köpfe hängen, aber ich jubelte.
 Ich sagte: “Ein Tyrann ist gestorben, der viele Tausende Menschen umbringen ließ“. 

Während der Beisetzung gab es einen riesigen Menschauflauf und viele kamen dabei um.   Als er lebte, floß Blut, als er starb auch. Manche Idioten aber heulten trotzdem.
 
Vor Stalins Tod endete jeder Trinkspruch, den meine Schulfreunde aussprachen, mit den Worten:“ Er soll hops gehen!“ Nach Stalins Tod trafen wir uns jedes Jahr am 5. März und feierten diesen Tag wie ein Fest. 

WARUM ICH WEINTE

Grigori Baklanow, Schriftsteller und Frontkämpfer

Ich war 29, als er starb. Ich weinte. Vor Freude. Endlich war dieses Ungeheuer aus der Welt, das unser Land im Würgegriff hielt. So stark, dass man kaum atmen konnte. Von der Front kehrten wir als Sieger zurück, im eigenen Land aber waren wir Besiegte.

Nach Stalins Tod wurde der Kauf von Lebensmitteln aus dem Ausland publik. Manch einer sagte damals:“ So weit ist es mit uns gekommen! Anstatt das Geld für Waffen auszugeben, kaufen wir Hering“. Unter Stalin ging alles an die Armee, das Volk hungerte. Viele aber meinten, das sei richtig so. 

WAS SAGT IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ., DAZU?  

Die Äußerungen sind authentisch, aber nicht repräsentativ genug. Es war leider die Minderheit, die sich darüber freute, dass Stalin, der etwa 30 Jahre die Sowjetunion mit eiserner Hand regierte,  verreckte. Die Mehrheit heulte, als wäre der Verreckte tatsächlich ihr Übervater, wie ihn seine Speichellecker schilderten.  

Warum? Das  ist die große Frage. Warum wurde ein unscheinbarer Mann mit von Pocken gezeichnetem Gesicht und einem halbparalysierten Arm zur Ikone? Warum war ein Desperado, der nach den durchaus glaubwürdigen Berichten der zaristischen Geheimpolizei Spitzeldienste leistete,  als der größte Revolutionär verehrt? Warum liefen die Russen einem Georgier nach, der ihre Sprache nie richtig artikulieren lernte?  Warum hielten sie ihn, der immer viel versprach und wenig hielt und die miese Realität zu einem Paradies umlog, für den erfolgreichsten Staatsmann ihrer Geschichte? Warum verziehen sie ihm das Massaker, das er in ihrem Land unter dem Vorwand veranstaltete, die „Feinde des Volkes“ auszurotten, ein Massaker, das fast jede Familie traf? Warum hielten sie ihn für den genialsten Heerführer aller Zeiten, obwohl die Siege ihres Landes im Krieg gegen Deutschland mit mehrfach schwereren Verlusten als die der Deutschen  erkauft wurden? Warum schrieben  sie ihm die unübertroffene Kompetenz in allen Wissenschaften zu, als  hätte der arrogante Autodidakt die Weisheit mit großen Löffeln gefressen?   

Warum, warum, warum... Darum, liebe Freunde. Aus demselben Grund, aus dem   Ihre Eltern und Großeltern  einem böhmischen Gefreiten ins Verderben gefolgt sind. Trotz der ruhmreichen deutschen Vergangenheit, der großartigen Kultur, den unzähligen Warnungen aus Ihrer Mitte. Übrigens sind bis jetzt auch die klügsten Menschen unter Ihren Landsleuten   die letzte Antwort auf das Warum schuldig geblieben.  

Meine Meinung: Der liebe Gott wollte es eben, dass die Russen und die Deutschen jede auf ihre Art eine schreckliche Lehre durchmachten.  Eine Lehre, die sie verpflichtet, sich einem Rückfall mit  Elan  entgegenzustellen. Weltweit. Denn die Stalins müssen nicht unbedingt ein pockennarbiges Gesicht haben und Russisch sprechen und die Hitlers einen komischen Schnurrbart tragen und Deutsch palavern.   

Sie wissen schon, was ein in Moskau geborener und großgewordener Wahlberliner Ihnen in diesen unruhigen Tagen damit sagen will.  

PS. der anderen Holzpuppen: Iwan ist wohl größenwahnsinnig geworden. Der Säufer und Lästerer gehört in die Klapsmühle.

27.2.03 

STALIN EIN CIA-AGENT?

Stalins fünfzigster Todestag löste in den russischen Medien eine Lawine von  Veröffentlichungen aus. Ernstzunehmenden, weniger ernstzunehmenden und ganz und gar nicht ernstzunehmenden. Ein Essay über Stalin als CIA- Agent gehört wohl zu den letzteren. Wobei die CIA als  Sinnbild einer geheimen weltregierenden Kraft verstanden werden soll. Als  Schutzengel des  Kapitalismus.   

Die erste große Dienstleistung  Stalins an diese vermutete Institution war danach der Garaus der Großen Russischen Revolution. Die  Ausstrahlungskraft des revolutionären Russlands  könnte die Zitadelle des Kapitals und seine Vorposten in Europa erschüttern. So wie die Große Französische Revolution die alte Welt  verändert hätte, wäre ihr nicht von Napoleon das imperiale Korsett verpasst und ihre  Jugend  nicht  auf Schlachtfeldern dem Götzen der imperialen Größe geopfert worden.  

Auch Stalin trug die russische Revolution zu Grabe. Mit   ähnlichen Untaten wie Napoleon, ergänzt  durch gründlichen Kahlschlag in den Reihen ihrer alten Garde.   

Er tat aber noch viel mehr. Er sperrte das mit Bazillen der Revolution infizierte Volk ein. Mit Stacheldraht an den Grenzen des Landes und  einem  generellen Ausreiseverbot. Der Westen sollte ihm dafür danken. Ohne ihn stöhnte Europa bereits vor achtzig Jahren unter einer viel größeren und viel effizienteren  russischen Unterwanderung. Der nach dem Ersten Weltkrieg in seinen Grundfesten erschütterte Westen hätte den Ansturm nicht ausgehalten.  

Die zweite historische Leistung  Stalins fürs  kapitalistische Abendland vollbrachte er nach dem Zweiten Weltkrieg. Gemeint ist die im Westen laut beweinte  kommunistische Versklavung Ost-  und Mitteleuropas.  Sonst hätte der Westen den gegenwärtigen Trouble mit diesem Teil der Welt ein halbes Jahrhundert früher und in  viel schlimmerer Variante gehabt.   

Die Hauptsache aber ist sein Erbe. Das gegenwärtige Russland, erniedrigt, geplündert und fremder Ausbeutung freigegeben. Denn  die Gorbatschows und Jelzins wurden im Bauch seines Systems gezeugt und ausgetragen. Denn er war es, der  Russland die Seele wegoperiert und an die Stelle das Blech der Supermacht implantiert hat. So ist das Land, das ein Gral der Wahrheit sein könnte,  zu einer  Öllache geworden.  

Kein CIA- Stratege, sei er noch so genial, hätte eine schlimmere Heimsuchung Russlands als Stalins  Herrschaft ausdenken  können. Die  Mächtigen des Abendlandes sollten Stalin viele Denkmäler errichten. Keiner hat mehr zu dessen Sicherheit beigetragen.    

PS. Wir baten den Chefideologen des Konzerns „matrjoschka- online.de“, Iwan Matrjoschkin, Esq.,  das oben Wiedergegebene zu beurteilen. „Ein im heutigen Russland verbreiteter Mischmasch aus Trotzkismus und Nationalismus, sagte er munter. „Kurzum, Quatsch!“ Dann hielt er inne und nach einer Pause fügte hinzu: „Und trotzdem, trotzdem...“   

9.3.03  

ENDLICH WISSEN WIR, WER SADDAM HUSSEIN IN DIE WELT GESETZT HAT.

Und zwar war es Jakow Dshugaschwilli, unglücklicher Sohn Stalins. Als Artillerie- Leutnant geriet er 1941 in  deutsche Gefangenschaft. 1942 lehnte der sowjetische Diktator einen unter der Hand gemachten Vorschlag der deutschen Seite ab, den ungeliebten  Sohn aus  erster Ehe gegen den in Stalingrad gefangengenommenen Feldmarschall Paulus  zu tauschen. „Ich tausche keinen Feldmarschall gegen einen Leutnant“, soll er gesagt haben. Daraufhin beging Stalins Sohn  in einem deutschen Kriegsgefangenenlager   Selbstmord, indem er sich in den elektrischen Stacheldrahtzaun stürzte.

Jetzt will eine russische Zeitung herausgefunden  haben, Jakow hätte den Krieg überlebt und sich vor dem Zorn des Vaters im Irak versteckt. Hier hätte er sich Allah zugewandt, geheiratet und einen Sohn gezeugt. Eben Saddam Hussein.

Ahnenforscher lassen  sich nicht dadurch  beirren, dass Saddam 1937 geboren wurde, also vier Jahre vor Jakows Gefangennahme. Vielleicht inspirierte sie der Vergleich, den George W. Bush  jungst zwischen Saddam und Stalin  anstellte. Aber es ist zu vermuten, dass der USA-Präsident eher die Wahlverwandtschaft meinte.  Oder? Tatsächlich, sollte  sich herausstellen, Saddam sei ein leiblicher Enkel Stalins, wäre dies selbstverständlich  ein starkes Argument  für die Intervention. Da hätte auch der UNO-Sicherheitsrat vollzählig zugestimmt. Und der Rat des matrjoschka-Konzerns auch.  

  Die Schnurrbärte verraten die Verwandtschaft.

15.10.02   

Ich möchte in Geschichte einen Vortrag über Stalin halten. Leider finde ich nichts über seine politischen Grundprinzipien und was sich gesellschaftlich und ökonomisch in der SU entwickelt hat unter seiner Führung. Bitte schicken sie mir etwas, weil ich meine sie könnten mir da am Ehesten helfen.
Vielen Dank schon im voraus
Denis Flache
Lieber Herr Flache,

ob zufällig oder nicht, Ihre Email erreichte uns auf den Tag genau 48 Jahre nach dem Tod (am 5.3.1953)von Iossif Wissarionowitsch Stalin (alias Dshugaschwili). Wie schon sein Geburtsname sagt, war er Georgier. Geboren (1879) wurde er in einem kleinen Städtchen in dem schönen transkaukasischen Land. Zuerst sollte er orthodoxer Priester werden. Aus der Priesterschule relegiert, ging er in die Revolution. Das heißt, er warb für den Umsturz im russischen Zarenreich. Als es 1917 tatsächlich so weit kam, befand er sich bereits unter den Führern der Revolution, allerdings zuerst eher in ihrer zweiten Garnitur.

1924 starb sein Förderer Wladimir Iljitsch Lenin, der Gründer des Sowjetstaates und der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Nach dessen Tod (1924) räumte Stalin alle seine Rivalen aus dem Wege (der bekannteste war Leo Trotzki). Bereits Ende der zwanziger Jahre übte er in der Sowjetunion eine absolute Herrschaft aus. Später galt er als Halbgott, dessen Wort keinem Zweifel unterlag und dessen Willen sich alle beugen mussten (wer es nicht tat, konnte sich gleich einsargen).

Wie Sie, lieber Herr Flache, sicherlich wissen, gab es in der Geschichte andere Alleinherrscher. Manche davon waren nicht weniger grausam als Dshugaschwili, keiner aber brachte es fertig, so viele seiner Zeitgenossen ins Jenseits zu befördern. An der Zahl sind es etliche Dutzende Millionen, darunter mehrere aus der geistigen Elite des Landes.

Wir im Matrjoschka-Team, die z.T. nicht die Gnade der späten Geburt genossen, können uns an das Leben unter Stalin erinnern. Es war kein süßes Leben, eher im Gegenteil- sehr beschwerlich und unfrei, immer von der Gefahr überschattet, für nichts und wieder nichts in ein KZ oder sogar in einen Hinrichtungskeller zu kommen.

Aber es wäre wohl ungerecht, etwas anderes auszuklammern. Und zwar die Tatsache, dass die Sowjetunion unter Stalin zu einer Großmacht wurde. Insbesondere nach dem Sieg über Hitlerdeutschland. Kein Staat auf der Erde traute sich, ihr auf der Nase zu tanzen, wie es jetzt mit den Nachfolgestaaten geschieht.

Großmacht hin, Großmacht her, hätte aber jemand damals die Russen gefragt, ob sie lieber ein Leben wie die Finnen oder Schweizer möchten, also ein Leben führen wie Menschen aus den mehr oder weniger machtlosen und kleinen Staaten, hätten sich die überaus meisten dafür entschieden. Gesetzt den Fall, sie hätten eine Ahnung davon, wie das Leben im Ausland ist. Eine Voraussetzung übrigens, die fehlte, da Stalin und sein Team dafür sorgten, dass die Sowjetmenschen nur das erfuhren, was die Macht der Clique festigte.

Zu einem anderen Instrument der Macht avancierte ein Wirtschaftssystem, das alle sowjetischen Bürger zu Lohnsklaven des Staates machte, des einzigen Arbeitgebers im Lande, der Hungerlöhne zahlte.

Und schließlich befand sich die ganze Bevölkerung im Visier der Geheimpolizei Stalins, die sich keinerlei Beschränkungen unterwarf.

Das Phänomen Stalins wirft ein ungünstiges Licht auf die zweibeinige Kreatur mit ihrer unseligen Neigung, sich der starken Hand unterzuordnen und unter Umständen diese auch zu küssen. Obwohl manche Historiker in dem Zusammenhang den Russen eine besondere Affinität zu diesem Fehlverhalten bescheinigen, finden wir, die Holzpuppen russischer Herkunft, es unwissenschaftlich. Haben die Deutschen ihrem Hitler nicht gehuldigt? Erst wenn die Menschen lernen, dass die Stärke des Staates sie nicht selig macht, werden sie sich vielleicht nicht mehr einem Stalin oder Hitler beugen.

Stalin wähnte sich, ein großer Philosoph und Gelehrter zu sein. Seine Speichellecker bescheinigten es ihm ununterbrochen. Trotzdem- mag er andere außerordentliche Fähigkeiten besessen haben- ein großer Geist war er nicht. Obwohl er unter den Russen lebte , sprach er russisch kaum viel besser als seine georgischen Landsleute, die Schuster und Weinbauern. Seine Werke, die die Sowjetmenschen fast auswendig lernen sollten, verrieten den Stil und die Logik eines provinziellen Priesterseminars.

Genauso unbegründet war sein Anspruch, ein großer Sozialist zu sein. Kaum jemand anderer in der Welt hat den Traum von einem gerechten und freien Leben so besudelt wie er. Die Wurzeln des Absturzes des Sowjetsystems, der sich etwa fünfunddreißig Jahre nach seinem Tod vollzog, gehen in seine Herrschaftszeit zurück, als seine Schergen alles, was im Lande kreativ und ehrlich war, ausrotteten.

Der liebe Gott bestrafte ihn mit einem unschönen Tod. Er starb in einem seiner Landhäuser, allein, da sich niemand traute, ihn unaufgefordert zu besuchen. Zu der Zeit hatte er keine Freunde und kaum Verwandte. Seine Frau trieb er zum Selbstmord, ein Sohn von ihm starb in deutscher Kriegsgefangenschaft, ein anderer soff sich zu Tode und die Tochter ließ er nicht zu sich t (bald nach seinem Hinschieden floh sie aus der SU in den Westen).

Rückblickend ist man versucht zu sagen, dass der Unmensch, dem man tausendmal mehr Denkmäler setzte (noch zu Lebzeiten) als den ägyptischen Pharaonen aufstellte, kläglich scheiterte. Denn das Beeindruckendste seiner Monumente war der Staat, von seiner Persönlichkeit geprägt. Und was blieb keine fünfzig Jahre nach seinem Tod davon übrig? Eine klägliche Ruine!

5.3.01   

LUSCHKOW IN DER DGAP

In Berlin begannen die Moskauer Tage. Wenige Stunden vor  ihrer feierlichen Eröffnung  hielt der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik einen Vortrag.

Vom Außenminister a.D. Hans- Dietrich Genscher vorgestellt, erinnerte er sich an eine ähnliche Veranstaltung der DGAP vor fünf Jahren. Damals  sparte er nicht an harscher Kritik am damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin. Er meinte, die Kritik sei berechtigt gewesen, da Russland vor einem wirtschaftlichen Desaster und sogar vor der Gefahr des Zerfalls stand. Jetzt hob er hervor, dass in Russland  politische und wirtschaftliche Stabilität eingekehrt seien. Die Regierung des Präsidenten Wladimir Putin hat das Steuer des Staatsschiffs fest im Griff, die Bevölkerung sieht einen Silberstreifen am Horizont.   

Zum Motor der Reformen, die grünes Licht für den Fortschritt  geben, ist Moskau geworden. Die Wirtschaft der russischen Metropole legt jährlich in etwa vierzehn Prozent zu. Ausländische Unternehmen investieren gern in die Moskauer Industrie, wobei Deutschland  unter den Investoren den ersten Platz belegt. Fast tausend deutsche Firmen haben in Moskau bereits Fuß gefasst. Die Moskauer Regierung unterstützt besonders kleine und mittlere Unternehmen aus Deutschland.  

Als Oberbürgermeister sei er jetzt viel zuversichtlicher als vor fünf Jahren, sagte Luschkow. Aber als Bürger Russlands meint er, dass die aktuelle internationale Entwicklung großen Anlass zur Besorgnis gibt. Die Weltgemeinschaft, vor allem die USA, hätten auf verbrecherische Aktivitäten des internationalen Terrorismus falsch reagiert. Anstatt nach den Ursachen dieser gefährlichen Erscheinung zu forschen, wurde zur Jagd nach Phantomen geblasen. So hieß es, wird Bin Laden gefasst , ist  das Problem aus der Welt. Dieses  aber liegt tiefer als im bösen Willen einiger Verbrecher. Der internationale Terrorismus sei eine Reaktion aufs egoistische Verhalten der Staaten der sogenannten goldenen Milliarde. Anders gesagt, auf die ungleichmäßige und ungerechte Verteilung der Wirtschaftskraft und des Wohlstands in der Welt.  

Luschkow plädierte für eine differenzierte Einschätzung der sich vollziehenden Globalisierung von Wirtschaft und Kultur. Die wirtschaftliche Arbeitsteilung muss positiv bewertet werden. Je weiter sie fortschreitet, desto mehr und billiger wird produziert. Aber keine Macht der Welt darf die Globalisierung dafür missbrauchen, dass allen Ländern nur ein einziges Entwicklungsmodell  der Wirtschaft und Kultur aufgezwungen wird. Jedes Land soll sein Gesicht bewahren. Der Gleichschaltung  muss entgegengewirkt werden.   

Das zahlreiche Publikum in den Räumen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik verabschiedete den  Moskauer Oberbürgermeister mit viel Applaus. Hans-Dietrich Genscher erwähnte in seinem Schlusswort  die nicht alltägliche Vielseitigkeit des Gastes, der sich sowohl als Wirtschaftsmanager, als auch  Politiker  bewährt.                 

4.7.03

ZITATENSCHATZ DES VORSITZENDEN JURI  

Der Juri, der gemeint ist, heißt mit Nachnamen Luschkow. Er sitzt der Moskauer Staatsregierung vor. Zur Zeit hält er sich auf Einladung des Regierenden Klaus Wowereit in Berlin auf, sind doch Berlin und Moskau Partnerstädte.  

Beide Regierenden haben einerseits wenig, andererseits doch etwas gemeinsam. Luschkow ist zwar viel älter, viel dicker und rundköpfiger und hat ein ganz anderes Leben gelebt. Das Gemeinsame ist, dass beide kein Durchschnitt sind. Im Gegenteil. 

Beide klopfen gern flotte Sprüche. Wobei Luschkow mit Vorliebe philosophiert. Beide sind Schlaumeier.  Luschkow im Weltmaßstab. Beide wollen noch weiter kommen. Luschkow ist dabei viel ehrgeiziger. Ihm wird nachgesagt, er möchte gerne in den Kreml. Als Präsident. In Russland mit dem allmächtigen Herrn gleichzusetzen. Nicht wie in Deutschland.  

Ob es stimmt, weiß keiner. Denn er wie gesagt schlau ist.  

Eins steht fest. Er denkt in großen Zügen und hat viel Durchblick, aber auch Fantasie. Aber er ist kein Spinner, da er auch  sehr viel und sehr geschickt tut. 

Soweit  eine Art Vorwort von Iwan Matrjoschkin, Esq., der behauptet, sich in der russischen Elite ganz gut auszukennen. Sogar sie persönlich zu kennen, was Quatsch ist.  

Nun zum Zitatenschatz von Juri Luschkow. Der von Klaus Wowereit erschöpft sich, nach unserem Wissen, in dem Spruch: Und das ist gut so. Der von Luschkow ist etwas umfangreicher.  

Seine markigen Sprüche und tiefen Gedankengänge beziehen sich zumeist auf die Mentalität der Russen, denen er kein Pardon gibt. Sprachlich sind die Sprüche schwer adäquat widerzugeben, weil Luschkows Sprache sehr volkstümlich ist. Wie die Sprache des anderen russischen Draufgängers, Alexander Lebed. Dieser schaffte es ziemlich hoch nach oben, stürzte ab, wurde dann zum Gouverneur der größten russischen Region, Krasnojarsk. Dann kam er unter merkwürdigen Umständen ums Leben.  

Hoffentlich bleibt Luschkow das erspart, obwohl man mehrmals versuchte, ihn und   Menschen aus seiner Umgebung   umzulegen. Hoffentlich bleibt er gesund und munter. Unser Team mag ihn. Das Schlitzohr. Den Erfolgsmenschen. Den Biber.  

Jetzt aber endgültig zum Zitatenschatz.  

1.Die russischen Reformen dauern und dauern, und je länger sie dauern, desto mehr wird man in Angst und Schrecken versetzt. Warum? A) Weil wir den Abgrund zwischen den Systemen unterschätzt haben. B) Weil wir kein Glück haben mit den Architekten des Umbaus. C) Weil wir kein klares Ziel vor Augen hatten. Es gibt nämlich keine Schablone, die für alle Länder gilt. Das, was in Japan, Deutschland, Korea oder sonst wo Erfolg bringt, scheitert in Russland.  

Das ist die Hauptsache. Unsere Reinfälle sind ein gesetzmäßiges Ergebnis der Missachtung der russischen Mentalität. Die Reformer, die diese missachteten, klagen nicht sich selbst, sondern die Russen an. Mitunter gehen sie soweit, dass sie Russland für ein schwarzes Loch auf dem Globus halten. Nur weil es anders als die anderen ist. Doch vielleicht ist es gut so,  dass es anders ist.  

Die russischen Reformer sollten die Erinnerungen der deutschen Generäle des Zweiten Weltkriegs lesen. Diese erkannten den tiefen Grund ihrer Niederlage in Russland in der Unterschätzung der russischen Mentalität. Darin, dass sie versuchten, mit den Russen so zu verfahren,  als wäre diese Mentalität keine Stärke, sondern eine Schwäche der Russen.  

Auch die Reformer machten denselben verhängnisvollen Fehler. Sie jammerten, dass wir im Unterschied zu den Deutschen zu gern saufen, im Unterschied zu den Amerikanern weniger zustande bringen, im Unterschied zu den Japanern weniger fleißig sind. Alles Quatsch.  

2.Was ist die russische Mentalität?  

Die Russen sind keine Nachahmer. Wenn sie eine fremde Kaffeemaschine abkupfern wollen, wird daraus eine Kalaschnikow. Weil sie ein fremdes Modell solange vervollkommnen müssen, bis daraus etwas ganz anderes wird.  

So geschehen mit dem Versuch, in Russland fremde Steuersysteme einzuführen. Wir wollten die besten übernehmen, doch wie wir uns auch mühten, war eine „Kalaschnikow“ das Ergebnis, keine Kaffeemaschine.  

3.Die Russen sind komische Typen. Sie finden Reiz darin, etwas zu tun, was sie nicht tun dürfen. Ich hatte mal einen Fahrer. Ein toller Bursche. Einmal brachte er mich abends nach Hause und sagte: Heute kann ich bestimmt nicht einschlafen. Warum nicht? Ach, wissen Sie, Juri Michailowitsch, wenn ich an einem Tag kein einziges Mal die Verkehrsregel verletzt habe, kann ich nicht einschlafen. Wie? Also fährst du jeden Tag regelwidrig? Ich kann nicht anders. Ich muss doch einschlafen können.  

Wieder über die Steuer. Ein Kenner der Materie sagte mir einmal: „Die Schwierigkeit besteht nicht darin, dass die Menschen bei uns keine Steuern zahlen wollen. Das ist überall so. Das Problem besteht darin, dass unsere Leute großen Spaß daran haben,  ein Finanzamt hinters Licht zu führen.  

Das betrifft auch Menschen, die grundehrlich sind, wenn es um einen Nachbarn geht, wenn es um den Staat geht, sind sie aber grundunehrlich. Warum? Der russische Stückeschreiber Alexander Ostrowski erzählt von einem Grundbesitzer, der seine Leibeigenen fragt: Männer, wie soll ich mit Euch verfahren? Nach dem Gesetz oder nach dem Gewissen? Nach dem Gewissen, antworten die Bauern.  

Die Russen sind also grundsätzlich der Meinung, alles, was vom Staat kommt, egal von welchem, ist ungerecht.        

Der russische Mensch hat ein gespaltenes Verhältnis zur Staatsmacht. Einerseits will er die starke Hand, die seine Widersacher hart anpackt. Andererseits will er die Staatsmacht, die leicht hinters Licht zu führen ist. Das eine wie das andere ist in seinem Kopf nicht zu trennen.  

Die Reformer, die uns verwestlichen wollen, meinen,  es sei schlimm. Wenn man tiefer blickt, fällt die Antwort nicht so eindeutig aus. Kein Gesetz wird bei uns so befolgt wie der Gesetzgeber es wollte. Aber das ist eindeutig schlimm, nur wenn die Gesetze eindeutig gut sind. Wo und wann waren die Gesetze eindeutig gut?  

In den sechziger Jahren hat der damalige Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow unsere Landwirte verpflichtet, Mais anzubauen. Weil die Amerikaner so gute Erfahrungen damit hatten. Doch  Russland hat ein anderes Klima, andere Böden. Wären unsere Bauern dem Befehl gefolgt, wären die Konsequenzen katastrophal. Doch sie haben ihn nicht befolgt.  Sie standen stramm und sagten jawohl. Aber leisteten dem Willen der Staatsmacht keine Folge. Deswegen haben wir überlebt.  

Ähnliches passierte kürzlich. Der Westen übte über den IWF großen Druck auf uns aus, die westliche Marktwirtschaft zu übernehmen. Sogleich wurden entsprechende Gesetze verabschiedet: Privatisierung, Börse, Insolvenzen usw. Der IWF war glücklich, gab uns Kredite. Es konnte  nicht durchschauen, dass aus der Kaffeemaschine eine „Kalaschnikow“ wurde. Deshalb haben wir überlebt.   

4.Als ich das erste Mal im Westen war, beeindruckte mich, dass die Leute sehr rational denken und handeln. Wird jemandem eine Aufgabe gestellt, geht er sofort daran, sie zu lösen. Zwar nach Schablone, ohne Fantasie, aber immerhin.  

Bei uns ist es anders. Erhält jemand eine Aufgabe, denkt er angestrengt darüber nach, warum diese unlösbar ist. „Nicht möglich!“ Das ist das beliebteste Wort in unserem Wortschatz. Du hast noch nicht zu Ende gesprochen, da kriegst du schon zu hören, unmöglich!   

Man staunt bloß, wie viel Mühe sich ein Russe gibt, um  sein „unmöglich“ zu beweisen. Er fragt, er guckt, er denkt unendlich nach, das heißt aber nicht, dass er die gestellte Aufgabe lösen will. Er will sie los werden, auch wenn das viel mehr Mühe erfordert als ihre Lösung. Weil er so kreativ ist. 

5.Der russische Wortschatz kennt ein Wort, das in anderen Sprachen nicht vorkommt. AWOSSJ. Ich erinnere mich, wie sich  meine Dolmetscherin in den USA quälte, um das Wort zu übersetzen. Sie lallte etwas wie may bee yes, may bee non. Dann sagte sie den Amerikanern verzweifelt, sie kapieren es sowieso nicht, es ist eben Russisch.  

Der Russe ist ein großer Optimist. Wird er mit etwas Unberechenbarem konfrontiert,  sagt er, ach was, awossj, vielleicht gelingt es doch. Und das Erstaunliche, oft gelingt es tatsächlich. Die große Revolution von 1917 war ein einziges AWOSSJ.  Und sie hat die Welt verändert.       

6.Die Russen wollen alles und sofort. Vor allem weil sie, bevor sie etwas aufbauen, reinen Tisch machen wollen, also das Bestehende gründlich zerstören. Die Internationale mit ihrem Appell, reinen Tisch zu machen, und zwar gründlich, haben die Franzosen gedichtet. Aber nicht sie, wir sind dem Appell gefolgt.  

Wenn es darum geht, reinen Tisch zu machen, haben wir keine Bedenken. Und jeder will sich daran beteiligen. Die Russen fangen gern immer wieder alles von Null an.  

Die sibirischen Flüsse nicht aus dem Süden in den Norden fließen zu lassen, auf dem ewigen Frostboden riesige Städte aufzubauen, auf Millionen Hektar Neuland zu erschließen, das machen sie gern. Die Hauptsache, sofort und alles. Als hätten sie einen Zauberstab.  

Dass dann auf dem erschlossenen Neuland wenig geerntet wird, oder eine riesige Eisenbahn nichts zu transportieren hat, nehmen sie gern in Kauf. Denn ihren Spaß hatten sie trotzdem.  

7.Ein Russe ist glücklich, wenn er etwas anfängt. Da ist er sehr kreativ und fleißig. Am Ende des Prozesses stellt sich heraus, es fehlt etwas, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Ich frage unsere Ärzte, warum unsere Elite sich so gern im Ausland operieren lässt. Sind Sie denn weniger gut als die ausländischen? Sind unsere OP-Räume schlechter mit Geräten ausgestattet? Sie antworten: Das nicht. Eher im Gegenteil. Unsere Chirurgen sind kreativer, unsere Geräte auch nicht immer schlechter, aber bei uns kann etwas passieren, was damit nichts zu tun hat. Zum Beispiel, dass ein Onkel Wassja, der am Vortag zu viel gesoffen hat, morgens vergisst,  im Wiederbelebungsgerät Sauerstoff nachzufüllen oder die OP-Schwester ausgerechnet in einem kritischen Augenblick verschwindet, um ihre Liebeskummer  einer anderen anzuvertrauen.  

Wir lieben Krisensituationen, da sind wir stark. Geht es dagegen um Routine, haben wir keine Lust. Deswegen wird etwas Fertiges unendlich verbessert.  

Nicht von ungefähr sagt ein Russe: Wenn schon ein Weib lieben, dann soll sie eine Königin sein. Wenn schon Geld verspielen, dann gleich eine Million. Gibt man sich schon einer gewissen Beschäftigung hin, dann entweder das Weib ganz durchbohren oder  den Bohrer durchbrechen.  

8. Doch lassen wir den Russen Gerechtigkeit widerfahren. Meine satirischen Übungen  stimmen. Wie eben eine Satire stimmen kann. Nicht weniger aber auch nicht mehr. Trotz allem, was gesagt wurde, vergessen wir nicht, was für ein Volk die Russen sind.  

Es ist ein Volk, das in den ungünstigsten Verhältnissen, als seine kaum entstandene Staatlichkeit von Tataren und Mongolen zertrümmert wurde, es fertig brachte, auf einem Sechstel der Erdoberfläche eine Supermacht aufzubauen. Es ist ein Volk, das im Zweiten Weltkrieg, als sein Land zu einem großen Teil verwüstet oder besetzt war, es fertig brachte, hinter dem Ural, in der sibirischen Taiga, jährlich bis zu dreißigtausend Panzerwagen und bis zu vierzigtausend Flugzeuge zu produzieren. Mehr als Deutschland. Also es ist doch ein großartiges Volk. Man muss es nur so nehmen, wie es ist und nicht so, wie es nach Meinung der Klugscheißer sein soll.  

Sonst, hin und her gerissen,  sperrt es sich sehr erfolgreich jedem Novum. Sonst gleichen die Reformer jenem Gemüsegärtner aus dem russischen Witz, der sagt, verdammt, das Unkraut hat wieder mein Gemüse erstickt. Im nächsten Jahr mache ich alles ganz anders und pflanze Unkraut an, damit es vom Gemüse erstickt wird.  

Wir in Russland haben wenig Zeit und wenig Geld, aber gegenüber anderen Ländern haben wir einen Riesenvorzug: die Kreativität. Die Hauptsache, dass unsere Verwaltung endlich so kreativ wird, wie unser Volk es ist. Und dass uns keiner dabei stört. Kommt es endlich, sind wir gerettet. Und alle gewinnen, auch jene, die uns mit ihren ungebetenen Ratschlägen nach dem Modell 0815 umkrempeln wollen.  

29.06.03    

ВАСЯ ШАНДЫБИН STELLT SICH VOR

Eigentlich heißt er Wassilij . Aber in der russischen Staatsduma nennt man ihn familiär Wassja oder sogar spöttisch Wassjka. Dabei ist er der einzige Parlamentsvertreter des  Proletariats in  einem Land, das sich уштые das Land des siegreichen Proletariats nannte.

Der Gründer dieses Staates, Wladimir Lenin, träumte von Zeiten, da jede Köchin den Staat steuert, ohne  ihre Töpfe in der Küche verwahrlosen zu lassen. Der Traum ging nicht in Erfüllung. In der sowjetischen Führung  hatten   Köchinnen und  Köche nichts zu suchen. Dafür aber Desperados verschiedenster Spielarten.

Lenins Nachfolger Stalin nahm die Sache in seine eiserne Hand. Er legte fest, welchen Anteil die echten Proletarier im sowjetischen Parlament haben sollen. Einen sehr großen. Mitentscheiden durften sie allerdings nicht. Nur die Hand heben. Als Zeichen der Zustimmung. 

Im Unterschied zum sowjetischen Parlament wird die Duma frei gewählt. Logischerweise befindet sich dort Wassja Schandybin in splendig isolation. Und wurde zum Gespött.

Das bekümmert ihn nicht. Er sagt: Wenn der Feind mich anschwärzt, liege ich richtig, bin ich was wert. Sitze ihnen im Nacken. Mit dem Gedanken an Schandybin gehen sie schlafen und wachen sie auf.     

Hier ist er zu sehen. Der Einzelkämpfer. Vor einem Stalinbildnis. Der 1953 verstorbene Diktator bleibt sein Ideal. Über ihn sagt er:  Unter Stalin haben alle gearbeitet. Und was alles wurde gebaut: riesige Werke und Kanäle. Keine Verfolgungen. Zwar saßen die Leute in Straflagern, erhielten aber auch dort Orden.


Viel weniger gefallen ihm die russischen Staatsmänner der Gegenwart. Über Jelzin äußerte er: Jelzin war eine Kreatur des Westens. Es gab mal den König Herodes. Seine Tochter tanzte vor den Gästen und wollte dafür den Kopf von Johannes dem Täufer. Der König schlug der Tochter die Bitte nicht ab. Jelzin war unser Herodes. Und seine Tochter Tatjana verlangte den Kopf des russischen Volkes, um ihn dem Westen zu schenken, und auch er schlug ihre Bitte nicht ab..

Über Putin schweigt er, da er schlau ist. Aber es ist anzunehmen, dass auch Putin  ihm nicht besonders gefällt. Wie alle, die den Kapitalismus akzeptieren. Er sagt : Den Kapitalismus verurteile ich. Einen rechtschaffenden Kapitalismus kann es nicht geben. Meinte das russische Volk schon immer.

Ihn ärgert  maßlos, dass seine Kollegen darüber anders befinden. Deshalb schlägt er vor, mit diesen kurzen Prozess zu machen: Als Deputierter der Arbeiter schlage ich vor, diesen Zerstörern Russlands  Schaufeln und Besen zu geben, damit sie in Moskau Schnee fegen.

Merkwürdigerweise kam der Vorschlag bei den zukünftigen Straßenfegern nicht gut an. Ihrerseits forderten sie eine ärztliche Untersuchung des Kollegen.

Wassja  hat auch weitergehende  Vorschläge zur Ausrottung des Kapitalismus in Russland. So will er die Mobiltelefone in Russland verbieten lassen. Als Utensil der Neureichen: Wir leben in einem Banditenstaat, der einfache Mann kann sich kein Handy leisten, nur Beamte oder Reiche. Deswegen muss das hart bestraft werden.“

Aber sein Endziel ist anspruchsvoller: Diesen Bourgeois schulde ich nichts, deshalb kann ich ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagen. Die Rückkehr zu sowjetischen Werten ist möglich. Das Volk, die Patrioten müssen nur das Fernsehen und die Zeitungen in ihre Hand nehmen. Und hartnäckig daran gehen, die UdSSR oder das Sowjetreich wiederherzustellen.

Auf seiner  Webseite stellt er sich folgendermaßen vor: Abgeordneter der Staatsduma, stellte mehrmals meinen festen Charakter und Siegeswillen im Kampf für die Interessen des werktätigen Menschen unter Beweis. Ich habe hohe Moralprinzipien. Die Ehefrau und die Heimat zu betrügen, ist das selbe. Kurzum, ein echter Mann und ein echter Kämpfer.

Um diese Selbsteinschätzung zu untermauern, berichtet er über seine Taten als Soldat:

Einmal hatte ich Küchendienst. Plötzlich gab es Alarm. Jemand schrie, die Küche wird angegriffen! Ich hatte keine Waffe bei der Hand, nur kochendes Wasser im Eimer. Als ein Uniformierter  in die Küche stürzte, goss ich den Eimer über ihm aus. Er schrie wie wild und ging mit Fäusten auf mich zu. Aber ich war jung und stark, überwältigte ihn und nahm ihm die Pistole weg. Alles wäre gut ausgegangen, nur entpuppte er sich als Stabschef meiner Einheit. So erhielt ich keine Auszeichnung, sondern wurde ins Militärgefängnis gesteckt. Denn es war bloß ein Übungsalarm.

Die Webseite Schandybins ziert eine Zeichnung, die sein Credo wiedergibt:

 18.12.02  

VADIM RABINOVICH, VON IWAN MATRJOSCHKIN

BEOBACHTET UND BEWUNDERT

Im Literaturhaus zu Berlin trafen sich zahlreiche Vertreter der deutschen und ausländischen Presse mit einem der reichsten Geschäftsmänner der Ukraine, Vadim Rabinovich. Anlass war das Erscheinen von Rabinovichs Vita aus der Feder des Bestsellersautors Jürgen Roth unter dem Titel "Der Oligarch".

"Matrjoschka-Online" war bei der Buchpräsentation durch Iwan Matrjoschkin vertreten. Nach seiner Rückkehr ins Redaktionshaus musste er dem Kollektiv Rede und Antwort stehen.

Wie gefiel Dir der Oligarch Rabinovich?- wurde er gefragt.

Ein prima Bursche. Ein Rothschild, wie er leibt und lebt, antwortete Matrjoschkin.

Wo hast Du denn einen Rothschild gesehen?

Nirgendwo. Jetzt weiss ich aber, was ein Rothschild ist. Und wie er spricht. So wie Vadim Rabinovich.

Wie spricht er denn?

Selbstbewusst, klug und witzig. So wie Vadim Rabinovich

An der Stelle schnupperte eine Matrjoschka die Aura von I. Matrjoschkin und sagte vorwurfsvoll: Matrjoschkin hat wieder einmal der Versuchung nicht widerstehen können. Er kam blau aus dem Literaturhaus.

Was?- empörte sich Matrjoschkin.- Ich bin blau? Hast Du mir etwa ein Glas Wodka spendiert?

Ich nicht,- sagte die matrjoschka. – Vielleicht aber Herr Rabinovich?

Denkste, Puppe, -sagte I.M.- Nichts gab es. Ausser dünnem Kaffee und Orangensaft.

Und jetzt bist du sauer?

Keinesfalls, -sagte Matrjoschkin.- Ich verstehe, dass es kein Geiz, sondern die Routine eines Milliardärs ist. Er ist gewöhnt, seine Spendabilität in Grenzen zu halten. Wie kommt er sonst zu seinen Milliarden? Jahrelang eisern sparen. Pfennig zu Pfennig legen- so und nur so entstehen grosse Vermögen.

Tatsächlich?- sagte düster eine kommunistisch verseuchte matrjoschka. – Dann rate ich auch dir, dich in Sparsamkeit zu üben. Wandere abends nicht mehr von einer Kneipe zur anderen, sondern geh schnurstracks nach Hause, ins Bett. Und melde es mir, wenn du deine erste Milliarde zusammengespart hast. Dann pumpe ich dich an.

Zwecklos,- sagte I.M.- Als Milliardär muss ich erst recht geizig sein. Herr Rabinovich unterhält z.B. mehrere Zeitungen in der Ukraine, kannst du dir vorstellen, was das kostet?

Warum tut er das?- fragte die giftige Puppe.

Wegen der Freiheit und der Wahrheit,- sagte I.M.- Im Unterschied zum Rest der ukrainischen Presse bringen seine Zeitungen die Wahrheit. Vor allem über ihn selbst.

Und die anderen verleumden ihn?

Eben!- bestätigte I.M.- Sie behaupten, Herr Rabinovich kam auf nicht ganz koschere Weise zu seinen Milliarden. Und beziehen sich auf Interpol, die Kripos der USA, Israels und der Ukraine selbst, als wären das vertrauenswürdige Quellen.

Kein Wunder, dass Herr Rabinovich gezwungen ist, die europäische Presse zu bitten, sich für die Pressefreiheit in der Ukraine einzusetzen.

Obwohl der Einsatz nicht billig ist.

Ausserdem muss er viel als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in der Ukraine ausgeben. Jeder Jude, der unverschuldet in Not gerät, erhält grosszügige Unterstützung von ihm.

Jeder Jude? Du hast also keine Chance, Matrjoschkin!- sagte die Puppe schadenfroh.- Oder bist du etwa auch einer?

Mein Vater war Jurist,-sagte I.M. diplomatisch.

Kennt ihr den alten sowjetischen Witz? -sagte hier die matrjoschka.- Zu einem sowjetischen Kaderchef kommt ein Arbeitssuchender. "Dein Name?- fragte der Kaderchef streng. "Rabinovich!- sagt der Abreitssuchende. "Ethnische Zugehörigkeit?" "Russe!" "Abgelehnt!- sagt der Kaderchef. - Mit dem Namen stelle ich lieber gleich einen Juden ein.

Sie lachte. Die anderen Holzpuppen starrten sie verständnisvoll an.

Bleiben wir sachlich,- mahnte die vorsitzführende  Puppe.

Ich wollte nur erklären, warum ich Herrn Rabinovich die Sparsamkeit nicht übelnehme, obwohl ich Orangensaft hasse wie die Pest ,- gab Matrjoschkin von sich.

Was gab es noch Bemerkenswertes?- fragte die Puppe.

Tief beeindruckt hat mich die Mitteilung, dass Herr Rabinovich acht Jahre in einem sowjetischen KZ schmachten musste, weil er die freie Marktwirtschaft als ein fait accompli in der Sowjetunion einführen wollte. Da sehen wir die ganze Barbarei der sowjetischen Kommunisten.

Im Buch "Der Oligarch" sollte der Leidensweg des überzeugten Demokraten unter den kommunistischen Herrschern beschrieben werden. Auch das Menschliche an der Figur des Herrn Rabinovich kommt dort nicht zu kurz. Der Verfasser hat in dem Zusammenhang gesagt, die zahlreichen Treffen mit dem Helden hätten ihm geholfen, die ganze Primitivität der Schwarz-Weiss- Malerei nach dem Grundsatz- hier die ehrlichen Geschäftsleute, dort die Mafiosi- zu begreifen.

Die Grenze ist tatsächlich fliessend, -hakte die Puppe ein. –Wenn überhaupt vorhanden. Also ist es ein rabinovichfreundliches Buch?- .

Ein wahrheitverpflichtetes!- antwortete Matrjoschkin.

Was musste der Oligarch für die Wahrheit rausrücken?

Keine müde Mark!- antwortete Matrjoschkin wie aus der Kanone geschossen. – Der Verfasser, Herr Jürgen Roth, ist nicht käuflich. Er hat es selbst gesagt. Und bewiesen. Denn ihm wurde viel mehr als eine halbe Million geboten, wenn er das Buch nicht herausgibt. Und er wies das Angebot mit Empörung zurück!

Eine halbe Million!- sagte seufzend die Puppe. – Ich würde es gut gebrauchen können... Für die Reise zu den Papuas. Das ist nämlich das einzige Volk, das kein Geld kennt. Einen Herrn Rabinovich würden sie schön braten und mit Appetit verspeisen...

Es gibt anscheinend auch andere, die ihn gern braten und verspeisen würden,- sagte Iwan Matrjoschkin.- Jedenfalls kam er in seinen Ausführungen immer wieder auf den Punkt. Er meinte, nach dem Erscheinen des Buches, in dem viele Tricks der Mafia offengelegt werden, blühe ihm nichts Gutes. Er würde mit Kübeln voll Schmutz übergossen. Auch ein Attentat schliesse er nicht aus...

In dem Augenblick rasten am Verlagshaus "Matrjoschka-online" mehrere Polizeiautos mit "tü-tü-ta-ta" vorbei.

"Es ist so weit!"- sagte Matrjoschkin erbleichend- und zog ein Foto aus der Tasche.

Das letzte Konterfei von Rabinovich, - verkündete er stolz. – Zehn Mark aus der Redaktionskasse und ihr habt es.

"Ach, Iwan, Iwan, -sagte die Puppe. – Wieder willst du uns deine zweifelhaften Rückansichten andrehen..."

Dann guckte sie in die durstigen Augen des Mitarbeiters, lächelte und schloss den Panzerschrank mit dem Redaktionsgeld auf... 

EIN NEUER LEBED?

Matrjoschka erinnert: der russische General-Leutnant Lebed verließ  nach einem Zerwürfnis mit dem Kreml die Streitkräfte, um in die Politik zu gehen. Bei der Präsidentenwahl in Russland 1996 gelang ihm ein phänomenaler Start (3. Platz), aber dann ließ er sich vom damaligen Präsidenten Jelzin täuschen, sicherte dessen Wahlsieg gegen den kommunistischen Rivalen Sjuganow,  wurde  Sicherheitsberater des Präsidenten, versuchte nicht ohne Erfolg, den Frieden in Tschetschenien wiederherzustellen, verstieß damit gegen die Interessen der  Kriegsprofiteure, wurde geschasst, kam als Gouverneur in Sibirien wieder hoch und starb unlängst unter merkwürdigen Umständen bei einem Flugzeugabsturz.

Der kurze, aber spektakuläre  Lebedflug. (Лебедь heißt auf Russisch der Schwan).

Die Geschichte des abenteuerlichen Lebens finden Sie im Archiv unserer site. Leider wissen wir nicht mehr, in welcher Sparte. Klicken Sie bitte alle durch.

Gestern meldete sich in Russland ein neuer Lebed (?). Er heißt Gennadi Troschew. Ist General- Oberst und  Oberkommandierender im Nordkaukasus. Also dort, wo die russischen Truppen bereits mehrere Jahre gegen die tschetschenischen Separatisten vorgehen. Grausam, aber ziemlich erfolglos.

Aus nicht preisgegebenen Gründen wollte der Verteidigungsminister Sergei Iwanow den General nach Sibirien (nicht etwa in Verbannung, sondern auf einen hohen Posten) abschieben. Gennadi Troschew weigerte sich, dem Befehl zu folgen. Daraufhin wurde er  von Präsident  Putin des Postens enthoben. Aber nicht aus der Armee herausgeworfen.  

Das Runet kocht. Was soll das Ganze? Ist eine Generalsrevolte im Gange? Oder wickelt der Kreml eine  geschickte Intrige  ab?  Darauf gerichtet, aus der Sackgasse in Tschetschenien rauszukommen, wie 1966, als Lebed  missbraucht wurde?  

Die letzte Hypothese wird mit Hinweisen auf  Troschews Herkunft untermauert. Obwohl ein Russe,  stammt  er aus Tschetschenien. Und verhielt sich im Krieg hart, aber fair. Wird von  den Tschetschenen geachtet.  

Vielleicht soll er zum Präsidenten Tschetscheniens werden? In der meuternden Teilrepublik Russlands steht nämlich die Präsidentenwahl bevor.  

Im vorigen Jahr brachte Troschew seine Kriegsaufzeichnungen unter dem Titel „Mein Krieg“ heraus. Vielleicht aber ist der blutige und dem Ansehen Russlands höchst abträgliche Krieg in Tschetschenien doch nicht sein Krieg. Die Holzpuppen wünschten es.  

Außerdem haben sie revoltierende Generäle grundsätzlich gern. Wenn diese für den Frieden revoltieren, versteht sich.  

Sieht er nicht wie ein  Friedensengel aus ?

19.12.02  

WORAN DACHTE DIE LUSTIGE MATRJOSCHKA,

ALS SIE DIE INAUGURATION VON GEORGE W.BUSH

IM DEUTSCHEN FERNSEHEN VERFOLGTE?

Selbstverständlich dachte sie an die Inaugurationen der Staatsmänner in den Jahren der Sowjetmacht und danach.

Unter dem Sowjetstern war vieles (nicht alles) anders als unter dem Sternenbanner. Im Normalfall ging die Macht erst nach dem Todesfall von einer Person an die andere über. Wie in jeder wohlgeordneten Monarchie. Und wie in jeder wohlgeordneten Monarchie gab es Ausnahmen. Putsche. Aber selten!

Die Inauguration als ein Fest gab es nicht. Verständlicherweise. Was gab es staatlich zu feiern, wenn ein vielgepriesener Staatschef (vielgepriesen wurden sie alle) starb. Da galt es zu trauern. Zwar empfand das Volk wenig Trauer, sondern eher verhaltene Genugtuung, dass es den, der ihm durch seine ständige Präsenz im Fernsehen und in den Printmedien auf den Wecker ging, endlich erwischt hat. Aber äußern dieses Gefühl durfte man nicht. Gott behüte!

Da der Nachfolger auf den Tod des Vorgängers warten musste und dieser sich nicht immer wunschgemäss einstellte, riss mitunter der Geduldsfaden. Dann kam es eben zu einem Putsch. So wurde 1964 Nikita Chrustschow gestürzt, der nicht nur zählebig, sondern auch zappelig war. Anstatt ruhig im Kreml zu sitzen, fuhr er hin und her und machte idiotische Vorschläge wie zum Beispiel die Züchtung von Mais am Nordpol.

Leonid Breshnew, der ihn beerbte, war dagegen ein ruhiger Mensch. Ein Gourmet und Bonvivant. Und Sammler von teuren Automobilen.

Er regierte 18 Jahre. Als er endlich starb, beschloss die durch zu lange Wartezeit ermattete sowjetische Führung, nur solche Staatsmänner an die Spitze zu lassen, deren Lebenserwartung sehr kurz war. Etwa ein Jahr. So geschah es auch. Nach Breshnew kam der bereits vom Tode gezeichnete Andropow zum Zuge, danach Tschernenko, der so schwach war, dass er, wenn abgestimmt werden musste, fremde Hilfe brauchte, um die Hand zu heben.

Nach der Erfahrung mit den beiden fand allerdings wieder ein Umdenken statt, da das öffentliche Leben des Landes zusehends zu einer Kette von Staatsbegräbnissen verkam.

So gelangte Michail Gorbatschow zu Ehren und Würden. Seine damaligen Kollegen hielten ihn für einen harmlosen Schwätzer. Sie irrten sich aber!

Daran dachte ich also, die lustige Matrjoschka (Abb. links), als ich die Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten im deutschen Fernsehen verfolgte.

Gott sei Dank machte Bush einen sehr munteren Eindruck. Ein kerngesunder Mensch mit großer Lebenserwartung.

Aber... Ob es unbedingt ein Vorteil ist?

Die heutigen Russen denken nostalgisch an die Zeit, als sie von kranken und senilen Menschen regiert wurden. Denn diese konnten zwar nichts Gutes bewirken, aber ganz Schlimmes auch nicht.

Zum Beispiel der schon erwähnte Breshnew. Von ihm wurde bekannt, dass er in den letzten Jahren seiner Regierungszeit alles durcheinander brachte. Als sein engster Mitkämpfer, Arvid Pelsche, starb, mahnte er in einer Politbürositzung seine Beisitzer zu mehr Anstand. "Als ich hinter dem Sarg des Genossen Pelsche herging, fing er an... legte dann eine längere Denkpause ein und fragte unvermittelt: Ja, wo ist er denn? Warum kam er nicht zur Sitzung?". Dann besann sich Leonid Iljitsch und fuhr fort: "Also, das Begräbnis war sehr feierlich und die Musik auch gut. Aber ich frage mich, warum mir als einzigem einfiel, die Genossin Pelsche zum Tanz aufzufordern, als das Orchester einsetzte? Gibt es in unserem Milieu keine Kavaliere mehr?". Und er ließ seinen wirren Blick über die verdutzten Gesichter seiner Mitkämpfer wandern...

21.1.01  

GEKLONTER LENIN?

Bekanntlich liegt im Mausoleum auf dem Roten Platz an der Kremlmauer in Moskau der kunstvoll mumifizierte Lenin. Mehr als ein dreiviertel Jahrhundert nach dem Tode sieht seine Leiche noch ganz passabel aus. Der Verdienst gehört einem fast genialen Biologen, Prof. Boris Sbarski, von der Sowjetmacht dafür hoch geehrt. Verdienterweise. Denn die Mumie demonstrierte dem einfachen Russen, der Stunden im klirrenden Frost zum Mausoleum Schlange stand, wie recht die Partei hatte, als sie behauptete, Lenin würde ewig leben. Auch wenn diese dabei eigentlich etwas anderes meinte.

Der Sohn des Professors, Ilja Sbarski, der vor 18 Jahren die Stafette übernahm, will jetzt das Werk des Vaters zerstören. In einer Moskauer Zeitung plädiert er dafür, die Leiche zu begraben. Er meint, zur Not könnte man Lenin klonen. Denn das dafür unentbehrliche Erbgut hätte sich die ganzen Jahre gehalten und konnte vor der Beerdigung entnommen werden. Allerdings, meint Zbarski jun. auch, der geklonte Lenin würde viel Böses anrichten. Wie das Originalexemplar es vorexerzierte.

Lenins Nachfolger Stalin wurde nach dem Tod 1953 auch mumifiziert und erhielt seinen Platz neben dem Lehrer im Mausoleum. Später, der hohen Ehre unwürdig befunden, fand er seine Ruhe einige Meter weiter, in einem Grab. Sein Erbgut ist vermutlich zerfallen und sein Klonen ist deswegen nicht möglich. Wollen wir hoffen.

Doch bleibt die Auferstehung einer anderen Art im Bereich des Möglichen. Jedenfalls hat ein Parteitag der georgischen Kommunisten, der soeben in der Hauptstadt Tbilissi zu Ende ging, beschlossen, an die russische Regierung ein Ersuchen zu richten, Stalin (Dshugaschwili) wieder zu einer Ikone zu machen. Und im Falle der Weigerung seine Leiche umbetten, und zwar auf den extra Friedhof in seinem georgischen Heimatort Gori.

Gleichzeitig plädierte der Parteitag dafür, den Stalingegnern, darunter N.Chruschtschow, M. Gorbatschow und der gegenwärtige Staatschef Georgiens E.Schewardnadse, einen wenig schmeichelhaften Titel "Verräter des Jahrhunderts" zu verleihen.

SG, 13.01.01

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