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  MATRJOSCHKA LIEST. (FORTSETZUNG)                       
 
 
 

EIN FAMILIENDRAMA

In seinem Mittelpunkt steht das traumatische Verhältnis zwischen einem zärtlichen, aber autoritären  Vater und seiner sensiblen, hin und her gerissenen Tochter. Sie liebt den Vater, will  aber seiner Bevormundung  entrinnen. Deshalb sucht sie bei viel älteren Männern Trost. Aber  der Vater mischt sich  ein und zerstört ihr Glück. Als er stirbt, sucht sie  die Erfüllung ihres missratenen Lebens fern vom Vaterland. Wieder eine Enttäuschung, die ihr den Rest gibt.  

Ein bewegendes Sujet, wie geschaffen für  geschlechtspezifische Belletristik. Von  Frau für Frauen geschrieben.    

Doch mit dem Vater- Tochter- Verhältnis ließe  sich das dicke Buch* nicht füllen. Die Verwandtschaft muss her. Vor allem die Ehefrau und Mutter. Zweiundzwanzig Jahre junger als der Ehemann und Vater, fühlt sie sich missverstanden, verraten, zutiefst verletzt. Und nimmt sich das Leben.  

Auch damit erschöpft sich die Palette der dramatischen Vorgänge nicht. Da ist noch der missratene Sohn und Bruder, der in schlechte Gesellschaft gerät. Obwohl Luftwaffengeneral, säuft er wie ein Fass. Und endet in einer geschlossenen Nervenanstalt.  

Und noch einen Sohn gibt es, aus der ersten Ehe des tyrannischen Familienvaters. Er gerät in Kriegsgefangenschaft, wird vom Vater verstoßen, begeht Selbstmord, um das Vaterland nicht zu verraten.  

Etwas entferntere Verwandtschaft  kommt auch vor. Weitere bewegende Schicksale, wenn auch nur angedeutet. Damit wird die Familiensaga komplett.    

Das Einzige, was sie  von anderen ähnlichen   unterscheidet, - der Vater, der das Leben der  Tochter zerstört und die viel jüngere Ehefrau in den Freitod treibt , hieß Iossif Wissarionowitsch Stalin.  Die Tochter,   sein Lieblingskind, heißt Swetlana. Das Buch sollte ihre Biographie sein. Ist aber viel mehr geworden. Dank der Akribie  der Autorin, die fast alle  Clanangehörigen vorführt.    

Hieße der Familientyrann Iwan Iwanowitsch Iwanow, wäre alles in Ordnung. Dann bräuchte sich die Autorin nicht auf ein Terrain  zu begeben, auf dem sie sich etwas unsicher fühlt.   

Da es aber um Stalin ging,  musste sie zu ihrer Familiensaga die Geschichte der Sowjetunion mitliefern. Als Rahmen der eigentlichen Handlung. Punktierartig.    

Dabei unterliefen ihr peinliche Fehlleistungen. Nicht  etwa die zahlreichen  qui pro quo sind  gemeint wie zum Beispiel Namenverwechslungen, Phantasietitel und ähnliches. Dies ist verzeihlich. Der besser informierte Leser schmunzelt und erträgt die Lektüre leichter. Ärgerlich ist die Darstellung der bluttriefenden geschichtlichen Vorgänge durch die Optik einer Illustrierten.    

Gewiss erhebt die Autorin nicht den Anspruch, Geschichte zu schreiben. Zumal das schon viele andere taten. Fast in jeder Sprache der Welt gibt es inzwischen  dicke Wälzer mit mehr oder weniger sachlichen Schilderungen des Versagens der Sowjetunion, insbesondere aber der Verbrechen des Stalinismus.      

Diese Bücher sind zumeist langweilig. Kein normaler, das heißt gewinnorientierter Verlag würde sie herausbringen, wären die Editionen nicht von Forschungseineinrichtungen  großzügig dotiert. Das rezensierte  Buch dagegen  verspricht Erfolg. Finanzieller.    

Es bleibt zu hoffen, der Verlag wird nicht enttäuscht. Zumindest seine Verkaufsabteilung nicht. Vielleicht kommt das Buch sogar auf eine Bestsellerliste.   

Der Leser wird sicherlich auch nicht enttäuscht. Er hat  den  Mix aus Geschichte und Liebesstorys gerne. Fast so gerne wie Krimis.   

Somit  bleibt dem Rezensenten, der Autorin und dem Verlag zu gratulieren. Allerdings hinterließ die Lektüre bei ihm  einem etwas bitteren Beigeschmack. Weil er daran denken muss, dass viele Jahrzehnte lang jedes wahre Wort sowohl  über Stalins Verbrechen, als auch  über sein Familienleben und das Schicksal seiner Angehörigen in der Sowjetunion mit langjährigen Gefängnisstrafen und sogar  mit Genickschuss geahndet werden konnte. Trotzdem fanden sich  Mutige, die, zumeist andeutungsweise, darüber schrieben. Oft mussten sie es büßen.   

Die Ahnungslosen! Sicherlich sahen sie die Zeit nicht   voraus, da  die Tragödie des russischen Volkes   zu amüsanten Beziehungsdramas verkommt. In der Heimat, aber, wie das Buch von Martha Schad zeigt, auch im Ausland. Als  Folge kommt die Wahrheit wieder zu kurz.  Wobei die vom Markt erzwungene Banalisierung des Schreckens** es sogar viel wirksamer besorgt als  Zensur und  Kerkermeister. 

*Martha Schad. Stalins Tochter. Das Leben von Swetlana Allilujewa. Gustav Lübbe Verlag. Bergisch Gladbach. 2004. 445 S.

**Wie auch   in  den rührenden Storys über  Hitlers Liebe zu Eva Braun.

 25.5.04

DIE SELBSTSDARSTELLUNG EINES GESCHEITERTEN PERESTROIKAHELDEN    

Gemeint ist das ehemalige Politbüromitglied der russischen KP, Alexander Jakowlew. Im Westen kräht jetzt kein Hahn mehr nach ihm. In der Heimat bleibt der Achtzigjährige  heftig umstritten. Das bezeugten unlängst die Ausführungen des hochgestellten russischen Militärs und Jakowlews Altersgenossen, Walentin Warennikow.*  Der Vier-Sterne-General, der sich mit deutschen Russlandexperten in den Räumen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik traf und immer wieder den Bannfluch gegen Michail Gorbatschow und Boris Jelzin als „Vaterlandsverräter“ ausrief, sprach über Jakowlew mit besonderem Hass. Der rundliche und eher harmlos wirkende Herr soll als Einflussagent der CIA das ganze Perestroika- Malheur eingefädelt haben. So hätte er den in Deutschland so beliebten Nobelpreisträger Gorbatschow seinerzeit  angeworben und ihn, als er zu höchsten Ämtern in der KPdSU  und der Sowjetunion aufgestiegen war, gesteuert. Zur Freude der eingefleischten Feinde Russlands und zum Leid des russischen Volkes.    

Anfeindungen dieser Art brachten Alexander  Jakowlew als Memoirenschreiber in Erklärungs- und Rechtfertigungsnot. Jedenfalls mutet die von ihm verfasste umfangreiche Selbstbiographie, vor kurzem auch in Deutschland ediert**, wie  das Plädoyer eines Anwalts an, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Angeklagten um jeden Preis reinzuwaschen.   

In dem Falle gewiss keine leichte Aufgabe. Die viel gerühmte Perestroika hat tatsächlich bei weitem nicht alle Hoffnungen der Russen erfüllt und manches, was die Russen keinesfalls anstrebten, über sie  gebracht.  Darunter den  lawinenartigen Zerfall der Sowjetunion, die nichts anderes war als ein Etikett des Russischen Reiches, die weitere Verelendung der bereits in der Sowjetzeit arg gebeutelten Bevölkerung und die Verdrängung  der früher gefürchteten   Großmacht  aus mehreren Regionen des Globus.   

Auch das gehört zur Lebensbilanz eines Mannes, der, viele Jahre als Hüter der sowjetischen Ideologie auf dem Posten des entsprechenden Abteilungschefs des ZK der KPdSU tätig, etwas zu geschwind alles bis dann Gepredigte über Bord warf und zu einem leidenschaftlichen Verfechter der westlichen Lebensweise wurde. Zwar versuchte  er in seinen Memoiren, die Kehrtwende mit bitteren Erfahrungen im kommunistischen  Machtapparat zu erklären, aber etwas ganz Einleuchtendes lieferte ihm sein Gedächtnis dafür nicht. Nur kleine Querelen mit den Parteigewaltigen und die eher komischen Sitten in ihrem Milieu. Das ist ein bisschen zu wenig, um die Wandlung einer Person dieses Maßstabes vom Saulus zum Paulus überzeugend zu begründen.  

Dagegen glaubt man ihm,  wenn er die auf ihn ausgeübte Faszination des Westens schildert, der er zuerst als  Forscher an den USA- Universitäten, dann als sowjetischer Botschafter in Kanada verfiel. Unbeabsichtigt hat die sowjetische Führung tatsächlich viel getan, um den ins  Ausland abkommandierten Funktionären die westliche Lebensweise äußerst attraktiv  erscheinen zu lassen. Da half kein Durchleuchten ihrer Vorfahren bis zum siebenten Glied, keine geheimdienstliche Seelenforschung. Auch die Zuverlässigsten   kamen oft  als andere Menschen in die Heimat  zurück. Nicht weil die CIA  sie umgedreht hätte, sondern durch die erlebten Tatsachen. Vielleicht stecken darin die Wurzel auch von Jakowlews Kehrtwende. Eines Bauernsohnes, tapferen Soldaten der Roten Armee, eines Funktionärs, der sich von der Pike auf bis in die höchsten Ränge gedient hat. Also, einer Bilderbuchfigur der sowjetischen Ära.  

Der Rezensent  hatte die Ehre, ihn  zu der Zeit kennen zu lernen, als er sich bei den Betonköpfen noch nicht verdächtig gemacht hatte. Als obersten Mentor   einer sowjetischen Institution der Auslandspropaganda, wo der Rezensent  tätig war. In einem Vortrag vor der versammelten Mannschaft ließ sich  Alexander Jakowlew damals darüber aus, warum die Mühe, für den „realen Sozialismus“ der sowjetischen Prägung im kapitalistischen  Ausland zu werben, keine nennenswerten Ergebnisse brachte und sogar die „Freunde“, worunter in diesem Fall die sogenannten „Eurokommunisten“ zu verstehen waren, über die Propaganda auf Moskauer Radiowellen die Nase rümpften.  

Seiner Meinung nach bestand die Ursache in der Unfähigkeit der Propagandisten, die sowjetische ideologische Ware attraktiv anzubieten. Sie wären  zu steif, hätten nicht gelernt, die Vorzüge des realen Sozialismus ins rechte Licht zu setzen. Damals wollte er anscheinend noch nicht wahrnehmen, dass nicht die gewiss primitive Spiegelung  in der von ihm geleiteten Propaganda, sondern die Realität selbst anders werden müsste, wenn die Sowjetunion überleben sollte. Wenige Jahre später hat er aber das und vieles andere mehr  begriffen. Seine Erkenntnisse teilte er, bereits als sowjetischer Botschafter in Kanada, dem frischgebackenen Politbüromitglied Michail Gorbatschow mit, der zum beiderseitigen Glück Kanada  einen Besuch abstattete.    

Bald stellte sich heraus, dass Jakowlew auf das richtige Pferd gesetzt hatte. Gorbatschow wurde   Generalsekretär  der KPdSU und Jakowlew nach Moskau gerufen,  sein bevorzugter Adlatus.   

Die Idylle dauerte aber nicht lange. Zwischen den beiden Perestroikafans wuchs das Misstrauen. Gorbatschow fürchtete, dass der verhasste „Einflussagent des amerikanischen Imperialismus“ seinen, ohnehin in der konservativen Nomenklatura schwierigen Stand unhaltbar machen würde. Er ließ Jakowlew vom KGB observieren. Deswegen wirft jetzt der Memoirenschreiber  dem früheren Patron nicht nur politische Schwäche, sondern auch Charaktermängel vor. Er fühlt sich  von Gorbatschow in seinen besten Gefühlen verletzt und den Feinden ausgeliefert, die ihm sogar nach dem Leben trachteten.  

Wenn man sich an die eingangs erwähnten Äußerungen des Generals Warennikow, eines aktiven Teilnehmers der Verschwörung gegen Gorbatschow und seine nächste Umgebung im August 1991, erinnert, scheint es übrigens durchaus möglich, dass Jakowlew stark gefährdet war. Jedenfalls hätte die Verschwörung geglückt, besäße er kaum  Gelegenheit,   sein Werk zu schreiben und in Russland in einer großen Auflage herauszubringen. Das wäre schade. Die russische Geschichte der letzten Jahrzehnte  müsste in dem Falle auf  eine, wenn auch nicht ganz authentische, dennoch  detailreiche  Quelle verzichten.  

Aber Gott sei dank widerfuhr dem Memoirenschreiber nichts Schlimmes . Zwar ist er aus dem russischen politischen Leben  so gut wie weg,  aber schreiben, edieren und reden darf er soviel, wie er will. In einer Vorstellung der deutschen Ausgabe seines Buches  in Berlin bedankte er sich dafür beim Präsidenten Putin. Übrigens auch sein Intimfeind Warennikow hob Putin in den Himmel, weil dieser für  seine Ratschläge immer ein offenes Ohr hätte.   

Da glaubt man fast daran, dass es dem derzeitigen Kremherrn, wie oft behauptet,  gelingt,   die zerstrittenen russischen Postperestroika – Eliten auf einen Nenner zu bringen. Das Verfahren heißt wohl gelenkte Demokratie. *matrjoschka-online.de berichtete. Siehe den Link mit der zornigen Puppe in der horizontalen Reihe.

**Alexander  Jakowlew."Die Abgründe meines Jahrhunderts". Eine Autobiografie. Faber und Faber, Leipzig 2003.  900 Seiten.

25.4.04   

DIE RUSSEN SIND NICHT SO

1.

Die Überschrift  lehnt sich an den Titel  eines in Deutschland erschienenen Buches an, das hier  besprochen werden soll. Dieser lautet „Warum  sind die Russen so“. Der Autor   versuchte  der russischen Mentalität näher zu kommen. Der „geheimnisvollen“ russischen Seele,  um die im Westen schon immer gerätselt  wurde.   

Er stammt aus der Schweiz, schreibt aber, dass er sich  berufen fühlt, das Geheimnis der russischen Seele zu lüften. Und zwar weil in seiner Brust ein russisches Herz schlägt.   

Nach seinem Buch zu urteilen, schlägt   sein Herz mit dem russischen nicht unisono. Denn die überaus meisten Russen fühlen sich, wie die Umfragen zeigen, als Europäer.  Sie halten das, was Europa und Russland verbindet, für wichtiger als das, was Russland und Europa trennt.   

Im Buch „Warum sind die Russen so“ wird dagegen das Trennende gesucht. Meistens in der russischen Geschichte. Die tatarisch-mongolische Eroberung Russlands vor tausend Jahren, die Leibeigenschaft im Russland der Zarenzeit, die  kommunistische  Diktatur der Sowjetzeit. Diese Kapitel der russischen Geschichte werden im Buch „Warum sind die Russen so“ hervorgehoben. Der Autor meint, sie prägen   die Russen    bis zum heutigen Tag.   

Bleiben wir zuerst bei der Goldenen Horde. Ihr Joch soll die Russen zu grausamen, heimtückischen und unberechenbaren Menschen gemacht haben. Nach dem Vorbild der mongolischen Eroberer.   

Es soll hier nicht erörtert werden, ob  die Mongolen vor tausend Jahren  die negativen Eigenschaften wirklich hatten.  Vielmehr ist von Bedeutung, dass die Russen damals wie auch später ihre mentale Eigenständigkeit gegenüber fremden Eroberern zu behaupten wussten. Deshalb erwies sich Russland als ein harter Brocken, an dem sich die Invasoren die Zähne ausbissen.  

Auch  die Mongolen übrigens. Sie  mussten  ihre Absicht, gen Westen weiter zu reiten, aufgeben. Die Goldene Horde zerfiel.  

Später wiederholte sich der Vorgang.  Nach der Katastrophe seiner Grand Armee in Russland verlor Napoleon Bonaparte  seine Eroberungen in Europa, darunter auch Deutschland, und dann auch die Kaiserkrone. Wie es einen anderen in Russland erwischt hat, der  Europa im XX. Jahrhundert beherrschen wollte, braucht man dem deutschen Hörer wohl nicht in Erinnerung zu rufen.  

Der erfolgreiche  Widerstand lässt sich nicht nur dadurch erklären, dass sich die  Russen auf dem Schlachtfeld bewährt haben. Sie wehrten sich mit Erfolg auch gegen die geistige Überfremdung. Auch unter den Mongolen  blieben sie Russen,  behielten sie ihre „Seele““.  Ihre geistige Eigenständigkeit ,  wenn man es weniger feierlich sagt.   

Deshalb bringt Russland Europa  nicht nur Energieträger und Rohstoffe. Wenn es im Austausch zwischen Europa und Russland nicht nur  bei dem bleibt,  was sich mit Barrel und Tonnen erfassen lässt, wird nicht nur die europäische Wirtschaft, sondern auch der europäische Geist belebt, um eine unverkennbare Note bereichert.  

Ein Europa, das  nicht gesichtslos werden will, dürfte keinesfalls darauf verzichten.     

2.  

Im Buch „Warum sind die Russen so“ wird dem Leser suggeriert, die Leibeigenschaft  in Russland hätte  die Russen bis zum heutigen Tag geprägt.  Wie Tiere behandelt, hätten sie sich daran so gewöhnt, dass  Demokratie und  Rechtstaat  ihnen schnuppe geworden seien.  

Dabei ist  die russische  Geschichte  voll von bewegenden Beispielen der Freiheitsliebe der Russen. Ohne den nationalen Stolz der Landsleute des schweizerischen Autors verletzen zu wollen, muss man sagen, dass die Russen nicht nur einen, sondern  Millionen Wilhelm Tells hatten. Diese stritten mutig  gegen ihre Vogte, wie sie  auch hießen, und für die Freiheit.   

Die Erfahrung der Unfreiheit macht  nur einen Schwachen zum Sklaven. Einen Starken macht sie zum Rebell. Die schwierige russische Geschichte, vor allem die Zeit der Leibeigenschaft,  hat die Russen zu Rebellen geprägt. Deswegen  war es kein Zufall, dass sich die tiefgreifendste Revolution der neuen Zeit in Russland abgespielt hat. Die Russen starteten damit  den kühnsten, wenn auch misslungenen Versuch, die Welt zu verbessern. Ein Volk  träger Sklaven hätte diesen Versuch gar nicht gewagt.   

Im Buch „Warum sind die Russen so“ werden  russische Philosophen und Historiker zitiert, die sich bitter darüber beklagten, dass es   mitunter zu lange dauerte, bevor die Russen den Kampf um die Freiheit aufnahmen. Mag sein, dass es so war.  Die Russen spannen eben langsam ein, reiten aber dafür umso schneller. Und sie geben nicht auf, bevor sie am Ziel sind.   

Wird  auch diese Seite der Medaille in Betracht gezogen, kommt man dem Ziel, die russische Mentalität zu zeichnen, näher.  Leider   hängen manche  Autoren im Westen  am alten Bild vom passiven, alles erduldenden Russen. Einem Bild, das oft genug der  Zielsetzung  diente, die fremde Einmischung in russische Angelegenheiten zu rechtfertigen. Angeblich um den Russen auf die Sprünge zu helfen. Aber, wie die Erfahrung zeigt , eher um Russland auf einen Weg zu steuern, der zum Verlust der russischen Identität führt.    

3.

Das, was in Russland jetzt vor sich geht, führt der Autor des Buches „Warum sind die Russen so“ darauf zurück, was in Russland vor Jahrhunderten stattfand. Auch die  triumphale Wahl Wladimir Putins zum russischen Präsidenten. Sie sei die Folge der Selbstherrschaft  in Russland. Also, der Herrschaft der Zaren. So einfach ist das.   

Da die Person des russischen Präsidenten im Mittelpunkt des Geschehens in Russland stehe, ist Russland in den Augen des Autors des Buches „Warum sind die Russen so“ keine richtige Demokratie. Oder eine mit vielen Wenn und Aber.    

Zweifelsohne wäre eine Demokratie ohne wenn und aber in Russland  wie anderswo auch durchaus wünschenswert. Aber in keinem Land der Welt ist sie Realität geworden. Nicht einmal in jenem, das sich bemüßigt wähnt,  allen anderen Leviten darüber zu lesen, wie die Demokratie aussehen soll. In den USA.   

Die ideale Demokratie ist solange gut, bis die Sonne scheint. Beim Regen  bietet sie wie ein Schirm aus Seidenpapier keinen Schutz.    So zerbrach 1940 das Geburtsland der modernen bürgerlichen Demokratie, Frankreich, unter dem ersten Schlag des verschworenen Feindes der Demokratie, Hitlerdeutschland. Dagegen hielt ein anderes Land den Schlägen stand und siegte schließlich. Dieses Land war die Sowjetunion,  alles andere als demokratisch.   

Nehmen wir die Geschichte der Demokratie in Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Abdankung des Kaisers wurde Deutschland endlich eine demokratische Republik. Zum Präsidenten dieser demokratischen Republik wurde aber bald nach ihrer Gründung ein Feldmarschall, gewiss kein  Demokrat, gewählt.   

Den deutschen Wählern daraus einen Vorwurf zu machen, wäre  ungerecht. Denn Deutschland wollte  der Schlinge des Versailler Vertrags entkommen. Dazu brauchte es einen Hindenburg. Hätte der demokratische Westen  Deutschland – wie übrigens Russland auch- nicht wie  Kolonien behandeln wollen, wäre Hindenburg als Reichspräsident  überflüssig gewesen.   

In dieser  Welt ist es leider so, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Deshalb  steht  die Erschaffung einer anderen, besseren  Welt auf unser aller Agenda. Damit sich die  Demokratie ohne Wenn und Aber   durchsetzen kann.   

An diese Aufgabe müssten alle Länder der Erde gemeinsam gehen. Sowohl die Länder mit viel Demokratie, als auch die Länder mit etwas weniger Demokratie. Wenn die einen den anderen aber dauernd   Demokratiedefizite  vorhalten, wird mehr gezankt als  an einem Strang gezogen.   

4.  

Unter anderem pflegt der Autor des Buches „Warum sind die Russen so“ das Bild des „unberechenbaren Russen“.  Neu ist das Bild nicht. Über die Unberechenbarkeit als typisch russischen Zug schrieben auch vor ihm einige  westliche Autoren. Insbesondere, wenn es galt, unerwünschte Verhaltensweisen der Russen zu apostrophieren.   

In der letzten Zeit gehörte dazu  das Votum der Russen bei der Dumawahl.  Die russischen Wähler verweigerten nämlich den liberalen Zwergparteien ihre Stimmen. Da wunderten sich  viele im Westen über die Unberechenbarkeit der Russen. Warum haben sie es nur gemacht,  hieß es.   

Die Antwort ist denkbar einfach. Die liberalen Parteien wurden von den Wählern dafür abgestraft, dass  ihre Führer einen Teil der Schuld für die kriminelle Privatisierung der russischen Wirtschaft tragen. Auch weil sie mit denjenigen im Westen liebäugelten, die den Pelz des russischen Bären aufzuteilen trachteten.  

Wenn wir tiefer in die Geschichte gehen, können wir uns daran erinnern, dass sich die Führung des nationalsozialistischen Deutschlands im  Krieg  1941- 1945 auch bitter über die Unberechenbarkeit der Russen beklagte.  Bekanntlich war das Dritte Reich im Anfangsstadium des Krieges sehr erfolgreich. In wenigen Wochen kam die Wehrmacht bis an Moskaus Vororte. Mehrere Einheiten der sowjetischen Streitkräfte wurden zerschlagen. Die Zahl der russischen Gefangenen ging in Millionen.   

Die nationalsozialistische Führung war sich sicher, dass der Krieg so gut wie gewonnen war. Sie erwartete den Zerfall der sowjetischen Streitkräfte und den Rückzug noch kampffähiger Verbände hinter den Ural. Sogar  die Kapitulation des Kremls.   

Als aber die Russen zurückschlugen und die deutsche Wehrmacht einen verlustreichen Rückzug antreten musste, tischte die nationalsozialistische Propaganda den Deutschen die Legende von der „Unberechenbarkeit“ der Russen auf. Der Russen, die ihre Niederlage nicht akzeptieren wollten,  wie andere, berechenbare Völker es taten.  

Ein ähnlicher Vorgang ereignete sich übrigens 129 Jahre vor der nationalsozialistischen Invasion in Russland. Im Jahre 1812 kam die Grand Armee Napoleons bis Moskau. Der mit den glänzenden Siegen anderswo in Europa  verwöhnte Heerführer bestieg einen Hügel vor den Toren Moskaus. Dort erwartete er, die Hände auf der Brust gekreuzt, die russischen Parlamentäre mit dem symbolischen Schlüssel von der  Metropole. So stand er lange, bis klar wurde, dass das in anderen europäischen Metropolen geübte Procedere diesmal nicht stattfindet. In seinen Aufzeichnungen  machte der Korse dafür die russische Unberechenbarkeit verantwortlich.  

Es wäre total verkehrt, zwischen der Geschichte und der Gegenwart ein Gleichheitszeichen setzen zu wollen. Gott sei Dank, leben wir  in einer zivilisierteren Zeit.  Keiner in Europa will mit Schwert oder Kanone das Fremde einheimsen.  

Aber  die zivilisierte Zeit weiß, wie das, was schlecht liegt, ohne Schwert und Kanone abgeräumt werden kann. Mit Instrumenten der Wirtschaftspolitik.  Die Russen wehren sich  dagegen.  Unberechenbar wie sie sind. 

5.

Um  der russischen Mentalität näher zu kommen und die Geheimnisse der russischen Seele zu ergründen, bringt des Autor in seinem Buch „Warum sind die Russen so“ einen Bericht darüber, wie er  in eine kleine russische Stadt Schreinerwerkzeug gebracht hat. Er wollte seinen russischen Freunden damit einen Gefallen tun. Sie sollten eine kleine Firma zur Möbelherstellung gründen.    

Aber der Wohltäter wurde enttäuscht. Die Russen akzeptierten sein Projekt nicht.   

Im Buch „Warum sind die Russen so“ wurde  diese Episode so beschrieben, dass man den Eindruck von den trägen Russen gewinnen kann. Sie hätten  zu nichts richtig Lust.  Sogar das, was ihnen  vom Himmel fällt, wollten sie nicht nutzen.    

Dabei steht  der Unternehmungslust der Russen  nicht ihre Mentalität im Wege, sondern die handfeste Realität des russischen Wirtschaftslebens. Im beschriebenen Fall war es vermutlich  die Beherrschung des russischen Markts durch die Möbelhersteller aus dem Ausland. Ihre Ware ist oft billiger als die aus eigener russischer Produktion. Auch weil sie gezielt den Markt erobern und deshalb unter den Herstellungskosten verkaufen.   

Ähnliches spielt sich in anderen Marktsegmenten ab. Deshalb gibt es Probleme mit der Stärkung des Mittelstandes in Russland, dessen zügigere Entwicklung von  deutschen Experten empfohlen wird.  Sie rufen die Russen auf,  klein- und  mittelständische  Firmen  zu gründen.   

Es sind gutgemeinte Ratschläge. In einem Land wie Russland, das im Zuge der kriminellen Privatisierung der  Wirtschaft weitgehend entindustrialisiert wurde, könnten die Mittelstandsbetriebe tatsächlich zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen. Allerdings unter einer Bedingung. Wenn sie durch die Aktivitäten der internationalen Monopole von vornherein nicht vom Markt verdrängt werden.   

Darüber dozierten  unlängst die mit den Verhältnissen in der russischen Wirtschaft vertrauten deutschen Experten auf einer Konferenz in Berlin. Sie hoben die Rolle des Mittelstandes als Garanten der Stabilität und der Demokratie hervor. Dennoch mussten sie einräumen, dass in Deutschland selbst die klein -  und mittelständische Wirtschaft durch die Globalisierung stark gefährdet ist.    

Andere Länder versuchten, wenn sie in die Lage des  heutigen Russlands gerieten, die heimische Produktion mit Zöllen oder anderen staatlichen Mitteln zu schützen. Aber Russland wird das nicht gegönnt.   Bei jedem derartigem Versuch  wird es bezichtigt, die heilige Kuh der Handelsfreiheit schlachten zu wollen.   

Sonst wäre die russische Wirtschaft viel schneller auf die Beine gekommen.  Wie in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als  in einem von Krieg und Bürgerkrieg verwüsteten Land die zweitstärkste Industrie der Welt aus dem Boden gestampft wurde.

6.

Die Geschichte des Kommunismus in Russland    sieht der Autor des Buches „Warum sind die Russen so“ schwarz in schwarz. Nur als eine Abfolge von Gewalttaten der Kommunisten gegen das russische Volk.   

Es wäre blanker Unsinn, die unzähligen und mitunter schwerwiegenden Gewalttaten leugnen oder beschönigen zu wollen. Die kommunistische Revolution in Russland von 1917 eröffnete tatsächlich eine opferreiche Periode der russischen Geschichte. Wie übrigens jede tiefgreifende Neugestaltung der Machtverhältnisse. Auch in den anderen Ländern. Darunter die großen Revolutionen in England des 17. und in Frankreich und Nordamerika  des 18. Jahrhunderts.   

Dennoch kommt es einem ernstzunehmenden Historiker oder Publizisten kaum in den Sinn, die Engländer, Franzosen oder Amerikaner deswegen als Unmenschen und ihre Revolutionen nur als Blutorgien darzustellen. Dergleichen passierte zwar auch, aber nur während der gewaltsamen Umstürze oder gleich danach. Und zwar von den Anhängern der alten Regimes, die ihre Gegner diffamieren wollten. So wurden  Robespierre als pathologischer Mörder   und Napoleon Bonaparte als korsisches Ungeheuer geschildert. Gewissermaßen war es Begleiterscheinung und Fortsetzung der Kämpfe und Vorsorgemaßnahme gegen    einen ähnlichen Aufruhr   über die Grenzen des unmittelbar betroffenen Landes  hinweg.      

Mit der russischen Revolution war es anders. Ihre Schrecken wurden nicht nur in der Zeit betont, als es Gründe zur Befürchtung  gab, sie schwappt über die russischen Grenzen hinweg, sondern auch in der Zeit, als es überhaupt nicht mehr zu befürchten war. So auch nach der Wende in Russland und der Abschaffung der Sowjetunion. In den letzten 10- 15 Jahren erschienen im Westen vielleicht sogar mehr Bücher über die Verbrechen der Sowjetmacht in Russland als in den Jahrzehnten davor. So als klopfe  das Gespenst des Kommunismus weiterhin  an die Tür.  

Des Rätsels Lösung liegt wohl nicht so sehr in den innen- , sondern eher in den außenpolitischen Vorgängen. Darin, dass viele  Politiker und Staatsmänner eine Integration  Russlands in Europa zu verhindern suchen. Auch das gewandelte, dem Kommunismus abgeschworene Russland möchten sie in Europa nicht haben. Deshalb wird seine Geschichte, vor allem die der Sowjetzeit, als Sonderfall dargestellt.  Und die  Russen als Monster. Deren Land isoliert werden muss.  

Diesem Ziel wird viel geopfert. Zuallererst  die Chancen Europas, die bestehenden und noch mehr die kommenden Herausforderungen zu bewältigen. Ohne Russland mit seinen gewaltigen Ressourcen ist es kaum möglich.

Die historische Wahrheit geht dabei auch baden. Denn bei all dem Schrecklichen, was in Russland der Sowjetzeit passierte, ist es dumm, diesen Abschnitt seiner Geschichte darauf zu reduzieren. Wie sind  dann die unvergänglichen Leistungen der Sowjetmacht zu erklären? Die Industrialisierung  und Alphabetisierung des Landes? Der Durchbruch  ins Weltall? Und last not least der Sieg über  Hitler?  

Durch  die Aufarbeitung der russischen Geschichte der Sowjetzeit, die ihre Widersprüche erklärt, gewinnen die Menschen überall in der Welt  viel Wissen über sich selbst  und ihr gesamtes Geschlecht. Also, werden sie klüger. Durch die einseitige Darstellung dieser Geschichte, die Leugnung ihrer Dialektik ist aber kein Wissensgewinn möglich. Nur die Verdummung der Zeitgenossen.

Auch deswegen erweisen Bücher wie „Warum sind die Russen so“ den Lesern einen schlechten Dienst. Die Russen sind eben nicht so!

7. 

Übrigens ist der Autor des Buches „Warum sind die Russen so“ Gründer eines Vereins, der sich um das Seelenheil der Russen kümmern will. Eigentlich haben die Russen ihre  Kirche dafür. Die russische orthodoxe Kirche. Aber gottgefällig ist das  Ziel des Vereins trotzdem. Dennoch wäre es  wünschenswert, dass er nicht gegen Windmühlen kämpft.    

Leider lässt das Buch seines Gründers daran  zweifeln. Er wettert nämlich gegen die kommunistische  Philosophie, die, wie er meint,  bis heute die  russische Mentalität dominiert.   

Die kommunistischen Fanatiker kommen  im Buch „Warum sind Russen so“  öfter vor, als im realen Russland, wo sie dünn gesät sind. Zwar erinnern sich viele Russen, von den Ergebnissen der Wende enttäuscht,  nicht ohne Nostalgie an die Sowjetzeit. Aber sie sehnen  sich nicht nach der kommunistischen Utopie, sondern nach sozialer Sicherheit.  Nach  Beschäftigungsgarantie, unentgeltlicher Bildung und Gesundheitsfürsorge, niedrigen Mieten und billigen  Grundnahrungsmitteln wie in der Sowjetzeit.  

Nach der Wende in Russland    knüpften viele Russen ihre Hoffnung auf ein neues, besseres Leben an die  Unterstützung des Westens.  

Seitdem wurden die Russen eines Besseren belehrt. Sie mussten erfahren, dass westliche Kreditgeber die russische Regierung zum sozialen Abbau drängten. So verinnerlichten sie, dass der Westen in Russland  seine eigenen Ziele verfolgt, die mit denen der Russen nicht unbedingt übereinstimmen.  Jetzt besinnen  sie sich mehr   auf die eigenen Kräfte. Mit den Dogmen des Kommunismus hat es aber nichts zu tun.   

8. 

Im  Buch „Warum sind die Russen so“ werden  viele russische Quellen zitiert, die belegen sollen, dass sein Autor recht hat. Hätte er aber die russische Mentalität besser erforscht, hätte er seine Zitate aus russischen Quellen anders interpretieren und den Russen eine Eigenschaft zugestehen müssen, die sie ganz anders erscheinen lässt, als er sie sehen möchte. Und zwar ist diese Eigenschaft  die unbändige Selbstkritik. Sie gehört zur russischen Mentalität.  

Tatsächlich sind den Russen nicht nur eine ausgeprägte Bescheidenheit, sondern auch ein starker Hang zur moralischen Vervollkommnung eigen. Wie alle Menschen auf dieser unvollkommenen Welt werden sie oft sündig. Dann aber bereuen sie es mit einer Kraft, die an ihrem Selbstbewusstsein       

zweifeln lässt. Sie selbst bereiten sich   noch in diesem Leben ein Fegefeuer, wie es laut der christlichen Lehre nur im Jenseits gibt.  

Das bedingte die Eigenart der Werke von Tolstoi, Dostojewski und vieler anderer russischer Dichter, die viele Europäer faszinierten. Jahrhunderte lang gehörte es auch zum ideellen Rüstzeug russischer Philosophen und der Theologen der Orthodoxen Kirche. Die Selbstgeißelung, die in dieser Intensität kaum bei einem anderen Volk zu finden ist.  

Selbstverständlich  steht es jedem frei, diesen Zug der russischen Mentalität nach seinem Ermessen einzuschätzen. Aber wie man ihn auch einschätzt, ist es nicht fair, ihn zu ignorieren, wenn man die selbstkritischen Äußerungen der Russen ins Feld führt. Denn diese Äußerungen, vor dem Hintergrund des russischen Hangs zur Selbstkritik gedeutet, sprechen nicht gegen, sondern für die Russen.  

Schade, dass der Autor des Buches „Warum sind die Russen so“ dies nicht berücksichtigen möchte. Als ein Christ, worauf er anscheinend stolz ist, sollte er die selbstkritischen Äußerungen der Russen nicht in einem falschen Kontext verwenden.  

9.  

Im Buch „Warum sind die Russen so“ findet ein deutscher Leser ein Verfahren, das darin besteht,  die Vergangenheit eines Volkes auf negative Vorkommnisse zu reduzieren. Daraus wird dann  auf seine  Mentalität geschlossen.   

Schriften dieser Art erschienen im Westen, aber auch, allerdings viel seltener, im Osten, während der politischen und militärischen Konfrontationen zwischen Deutschland und seinen Nachbarn. Vor allem in den Jahren des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, auch davor und unmittelbar danach. Diese Kampfschriften  sollten eine besonders harte Kriegführung, beziehungsweise intensive Kriegsvorbereitungen oder auch die gnadenlose Behandlung des besiegten Landes rechtfertigen. Deshalb wurde der  gegnerischen Nation  die in ihrer Erbmasse angeblich  eingewurzelte Minderwertigkeit und Gefährlichkeit  bescheinigt. Und als Schlussfolgerung hieß es, Deutschland zum Kartoffelacker zu machen, das Territorium zu halbieren, die staatliche Einheit durch Teilung aufzuheben u.s.w., u.s.f.  

Durch die Lupe dieser Aufgabenstellung betrachtet, wurde vieles in der deutschen Geschichte einseitig dargestellt.   Zum Beispiel der Aufstieg Preußens,  die martialischen Begleitumstände der Reichsgründung und ähnliches.  Dagegen wurde alles, was sich nicht so leicht ins Bild eines gefährlichen Außenseiters Europas  einfügen ließ,  verschwiegen oder nur beiläufig erwähnt. Zum Beispiel die Ordnungsliebe und Tüchtigkeit   der Deutschen, ihr Beitrag zur Weltzivilisation und vieles andere mehr, was an der ihnen bescheinigten, kriminellen Erbmasse zweifeln ließ.   

Nicht anders verfuhr die deutsche Propaganda mit den  Gegnern.  Den Amerikanern wurde die Ausrottung von Indianern und von Wisenten ins Stammbuch geschrieben, den Briten die Untaten der Kolonisierung in Afrika und Asien, den Franzosen ihre Kriegsführung. Man brauchte nicht viel in der Geschichte zu suchen, da sich in der Vergangenheit     jeder Nation mühelos etwas  für das Sündenregister finden lässt.  

So wurde auch die russische Vergangenheit präpariert. Lange vor der kommunistischen Revolution von 1917 in Russland, in der Zeit, als die europäischen Potentaten ihre Töchter mit den Angehörigen des russischen Herrenhauses liebend gern verheirateten und Tolstoi, Dostojewski und andere russische Dichter zu den Idolen der europäischen Geistesgrößen gehörten, wurde die russische Geschichte mit dem Ziel durchleuchtet, die Russen zu einer akuten Gefahr für die europäische Kultur zu stilisieren. Als wilde Kosaken, die mit Vorliebe unschuldige Babys auf ihre Piken aufspießen.   

Wahrscheinlich  hatte  der Autor des Buches „Warum sind die Russen so“ nicht die Absicht,  den Vorbildern der Hasspropaganda  zu folgen. Aber sein Buch, das ein Sammelsurium aus dem Kontext gerissener Zitate und Episoden  darstellt, hinterlässt den Eindruck, als ob die Auswahl mitunter nur mit der Absicht getroffen wurde, die Russen madig zu machen.  

Normalerweise geht ein  Ethnopsychologe, als welcher  sich der Autor des Buches „Warum sind die Russen so“ empfiehlt, anders an die Quellen  heran. Und zwar  ohne die Absicht, auf Teufel komm raus ein vorgefertigtes Bild zu erhärten. Einem ernstzunehmenden  Ethnopsychologen  sollte es darum gehen, das Bild einer Nation aus unterschiedlichsten Quellen zu gewinnen,   alle Pro und Kontra einer Hypothese abzuwägen und nur dann dem Publikum zu präsentieren. Weil man sonst, wie die Deutschen, aber auch die Russen nur zu gut wissen, unversehens in jene Küche geraten kann, wo Gifte   gebraut werden.  

Anscheinend ist gerade das  dem Verfasser des Buches „Warum sind die Russen so“  passiert. Bedauerlicherweise.  

10.  

Das Buch „Warum sind die Russen so“ reiht sich zu vielen anderen, die im Laufe der Geschichte in dieselbe Kerbe schlugen.    

So schrieb  ein  Völkerkundler noch  vor einem  Jahrtausend,  die Ostslawen seien zwar sehr menschenähnlich, aber nur bis zum Kopf. Denn sie laufen nicht mit Menschen- , sondern mit Hundeköpfen rum.  

Allerdings war es diesem Ethnographen nicht beschieden,  den Siedlungsraum der Ostslawen  aufzusuchen. Er war auf Gerüchte angewiesen.   

Die späteren Völkerkundler seines Schlages konnten  diese Entschuldigung nicht in Anspruch nehmen. Aber manche behaupteten trotzdem brav weiter, die Russen laufen mit Hundeköpfen rum. Wenn auch im übertragenen Sinne, da sie nicht das Erscheinungsbild, sondern die Mentalität der Russen meinten.   

Seit unser Kontinent seine Spaltung überwunden hat, wandelte sich die Wahrnehmung von den Russen. Auch weil die westlichen Forschungsreisenden  Russland frei besuchen, frei mit den Russen  reden, in den russischen Archiven stöbern und vieles andere tun können, was ihnen früher erschwert  wurde.   

Desto trauriger ist es, dass manche Russlandbilder, wie in dieser Beitragsreihe festgestellt, weiterhin  realitätsfremd sind.   

Es ist eben schwer, sich von verinnerlichten Vorstellungen  zu lösen.  

Dennoch muss es geschehen. Denn es ist eine viel engere  Kooperation der Völker der Erde als früher angesagt. Das ergibt sich aus der  neuen  Weltsituation, die von der Verknappung der natürlichen Ressourcen,  den Aktivitäten des internationalen Terrorismus und anderen Gefahren gekennzeichnet ist. Die realitätsgerechten Bilder von den anderen Völkern sind   eine wichtige Voraussetzung der erfolgreichen Völkerkooperation mit dem Ziel, diese Bedrohungen abzuwenden oder mindestens abzumildern.   

Besonders wenn es um die Einbeziehung eines Volkes wie das russische in die gemeinsamen Anstrengungen  geht. Eines Volkes, dessen Image in der Vergangenheit sehr gelitten hat. Mitunter selbstverschuldet, oft aber weil die anderen es so wollten.   

Unter den Ländern, die in Europa viel dazu beitragen können, dass die Wahrnehmung von Russland mehr der Realität entspricht, ist vor allem Deutschland zu nennen. Es war schon immer ein Land, wo die Russlandkunde großgeschrieben wurde.   

Deshalb muss man ein gutes Zeichen darin sehen, dass Bücher wie „Warum sind die Russen so“  in Deutschland eher Ausnahmen geworden sind. Das deutsche Publikum erfährt jetzt von Russland viel mehr Wahres als früher. Dies ist zu begrüßen.  So wird   der Bodens für die russisch-deutschen Beziehungen ersprießlicher gemacht.   Dass manches   Unkraut dabei gerupft werden muss, versteht sich  von selbst.

27.9.04

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