Zur Startseite

RUSSEN IN BERLIN 

 

1. Amusemants 

2. Probleme

Amusemants

NEUJAHRSBALL WIE BEIM ZAREN

Bekanntlich feiern die Russen (nicht nur in Deutschland) gerne. Silvester sogar zweimal im Jahr. Nach dem europäischen und dem alten russischen Kalender. Deswegen gab es am 13.01. im Berliner Nobelhotel Interconti ein russischer Ball. Einfallsreich gestaltet, eine Replik der Hofbälle in St. Petersburg zur Zeit von Katarina. Kein Kind von Traurigkeit erschien die Große samt Hofstaat  höchstpersönlich im Interkonti, bereit, sich mit den Gästen ablichten zu lassen. Auf dem Programm stand eine Show mit Stars aus Russland. Eine Festtafel, reich an Kaviar und anderen leckeren Sachen, wurde auch angeboten. Das ganze für schlappe 390 Euro pro Person. 

Ein Wohltätigkeitsball in der besten Tradition der Petersburger Highsociety von anno dazumal. Der Erlös  kommt jungen russischen Künstlern zugute. Dafür sorgen  Irina von Bismarck, Prinz Eduard von Anhalt  (aus dem Haus, dem auch die Zarin Katarina entstammte), Baron von Falz Fein, ein in der Schweiz lebender bekannter Mäzen, der Dirigent Justus Franz,  der Starfriseur Udo Walz und andere. Es gibt also noch spendable Russenfreunde in Deutschland. 

Matrjoschka zollt ihnen die höchste  Anerkennung, will aber keine Almosen. Besser der Hungertod!

 

RUSSISCHE KAKERLAKENRENNEN IN BERLIN

Wir, die Holzpuppen, bringen auf unserer site grundsätzlich keine Werbung. Auch keine versteckte. Darum nennen wir den Ort in Berlin nicht, wo die russischen Kakerlakenrennen stattfinden. Nur so viel: in der Nähe von den berühmten Hackischen Höfen ist die urstige Gaststätte zu finden.

Keine Angst, liebe Menschen. Die Kakerlakeninvasion droht nicht. Die an Rennen beteiligten Tierchen werden gehütet, gepflegt und sind wie Achal-Tekiner versichert. Also, sehr hoch!

Kein Wunder: sie sind goldwert. Alles gut gewachsene Exemplare, etwa fünf Mal so groß wie eine gemeine Schabe, vor allem aber gut dressiert. Kaum schießt die Startpistole geschossen, rennen sie so schnell, wie sie nur können, ans Ziel. In einem verglasten Kasten hat jeder Kakerlak seine Bahn und auch einen individuellen Erholungsraum, wo Speisen und Getränke bereitstehen.

Jedes Tier hat einen schönen Namen. Zum Beispiel, heißt eine Schabendame "Slawjanka", also die Slawin. Und ein Herr- "Bogatyrj", also ein Recke.

Jeder Rennkakerlake hat außerdem eine ausführliche Lebensgeschichte: wann und wo geboren, wo und wie gerannt, welche Charaktereigenschaften (kampfgeil, ehrlich, ausdauernd, verfressen u.s.w.) Nur in einem renommierten Stall haben Rennpferde eine Biographie, die sich damit vergleichen lässt.

Allerdings sollten, nach meinem Matrjoschkas Geschmack, die Biographen weniger euphorisch sein. Wenn sie schreiben, die Kakerlakdame Sonne verachtet die Männer im Team, glaube ich Ihnen aufs Wort. Doch wenn sie behaupten, der Kakerlakjunge Mond könnte bis zehn zählen, glaube ich es nicht ganz. Vielleicht bis drei, bis fünf, aber bis zehn?

Die aktuelle Information über die Teilnehmer des jeweiligen Rennens erhält das Publikum umsonst. Es kann die Teilnehmer vor jedem Rennen in Augenschein nehmen und ihre Chancen selbst abschätzen. Die zahlreichen Fans schlagen die Möglichkeit nicht aus. Schließlich, geht es um das liebe Geld, da auch Einsätze möglich sind. Alles wie in Windsor. Nur the mum fehlt. Vielleicht aber besucht die muntere Alte noch Kakerlakrennen. Jedenfalls ist sie herzlich willkommen.

Vorläufig müssen die Veranstalter sich mit einigen MdB und anderen Vertretern der Creme der Berliner Gesellschaft zufrieden geben. Der illusterste unter den Stammgästen sieht mit seinem roten Bart, kleinen blutunterlaufenen Augen und kräftiger Körperstatur selbst wie eine Schabe aus. Rennen kann er aber nicht. Also, haben die Kakerlaken ihm Einiges voraus.

Matrjoschka unterhielt sich mit einem sehr sympathischen russischen Croupier, der die Einsätze entgegennimmt. Er erklärte, das Kakerlakrennen hat in Russland Tradition. Früher ersetzte es dem einfachen Volk das viel weniger preiswerte Pferderennen. "Die Veranstaltung ist unser Beitrag zum Kulturleben der deutschen Hauptstadt, -sagte der junge Russe. – Wir fühlen uns in der Pflicht, die russische Kultur den Deutschen zugänglich zu machen."

5.12.00

Probleme

Die Heinrich Böll Stiftung veranstaltete in Berlin ein Hearing zum Thema "Das russischsprachige Berlin heute - Perspektiven für ein intellektuelles und künstlerisches Potential".

Was ist das russischsprachige Berlin heute? Die größte Gruppe sind die Russlanddeutschen, deren Zahl sich in Berlin auf etwa 130. 000 beläuft. Etwa 16.000 sind andere Einwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion: Juden, Russen, Weißrussen, Ukrainer, Georgier, Armenier und andere. Nach ethnischer Herkunft sind diese Menschen unterschiedlich. Bei den meisten aber zählt viel mehr die gemeinsame Verwurzelung in der russischen Sprache und russischen Kultur.

Ein anderes prägendes Merkmal ist die durchschnittlich hohe Bildung der Einwanderer, die den hohen Bildungsstand der Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion widerspiegelt. In keiner anderen Bevölkerungsschicht Berlins gibt es so viele Menschen mit Hochschulbildung: Ingenieure, Ärzte, Lehrer, Informatiker, Biologen. Noch stärker sind Künstlerberufe vertreten: zum Teil namhafte Dichter, Schauspieler, Musiker, Maler.

Vor allem um die letzteren ging es beim Hearing der Heinrich Böll Stiftung. Die Fragestellung lautete: Wird das kreative Potential dieser Menschen für Bereicherung der kulturellen Aktivitäten in Berlin eingesetzt?

Die Antwort darauf klang nicht besonders fröhlich. Zwar haben die russischsprachigen Berliner in den letzten Jahren einiges getan, um ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Traditionen zu bewahren. Es erscheinen zahlreiche Printmedien in russischer Sprache, es gibt Schulen, Theater, Musikensembles, Klubs russischsprachiger Berliner. Zahlreich sind russische Gaststätten, wo viele Ur- Berliner und Gäste der deutschen Hauptstadt einkehren. Dennoch ist die Ausstrahlung der russischsprachigen Gemeinde auf das Kulturleben Berlins kaum wahrzunehmen. Die Einwanderer schmoren zumeist im eigenen Saft.

In diesem Zusammenhang wurden Vergleiche zur russischsprachigen Gemeinde der deutschen Hauptstadt in den frühen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gezogen. Es ist zwar unbestritten, dass damals in Berlin weitaus mehr große Dichter und Künstler aus Russland lebten. Unbestritten aber ist auch etwas anderes. Ihre Kreativität war in Berlin gefragt. Und das half Berlin von damals, in innovativer Kunst und Literatur mit Paris, Rom und London gleichzuziehen.

Warum die russischsprachigen Berliner heute im Schatten leben, darüber gingen die Meinungen auseinander. Die einen Vortragenden wiesen auf die sehr knappen finanziellen Ressourcen der Einwanderer hin, die zwar keine Not leiden, andererseits aber kaum Sponsoren aus dem eigenen oder dem deutschen Milieu finden. Andere Veranstaltungsteilnehmer stellten mentale Barrieren zwischen den russischsprachigen Einwanderern und ihren deutschen Berufskollegen in den Vordergrund. Auf der Einwandererseite sind es die mangelhafte Verbundenheit mit der deutschen Sprache und Kultur. In der Berliner Gesellschaft - historisch gewachsene Vorurteile, die mitunter durch unobjektive Medienberichterstattung verfestigt werden.

Sicherlich werden die Defizite mit der Zeit überwunden. Darauf lässt zum Beispiel die jüngste Sitzung des Deutschen Bundestages zum zehnjährigen Bestehen des einheitlichen deutschen Staates hoffen. Hier wurde - und zwar von Vertretern der Regierungskoalition - zum Ausdruck gebracht, dass sich die Stigmatisierung der früheren DDR-Kader für das vereinigte Deutschland als unproduktiv erwies. Menschen, die auf vielen Gebieten, besonders aber bei der Neugestaltung der Beziehungen zu Osteuropa Nützliches leisten könnten, wurden aus dem tätigen Leben hinausgedrängt. Eine Parallele zum russischsprachigen Berlin und zum russischsprachigen Deutschland (etwa drei Millionen Menschen) drängt sich auf. Bleibt zu hoffen, dass die hier schlummernden Potentiale früh genug erkannt und eingesetzt werden. Jedenfalls früher, als sie verkümmern.

P.r.29.9.2000

 

Der Preis der Hochnäsigkeit?
Matrjoschka-online.de erhielt einen Brief auf Russisch, der hier in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird, obwohl die matrjoschkas, die sich konsequent jede Kritik an der Regierungspolitik in Deutschland versagen, seinen Inhalt für eine reine Spekulation halten.
"Keiner wird aus dem Geschehen in Russland klug, wenn er einen wesentlichen Unterschied zwischen den USA und Deutschland aus den Augen lässt. In den USA wurde die russisch-jüdische Einwanderung gründlich durchgesiebt mit der Zielstellung, fähige Analytiker auszuwählen. In verschiedenen Stiftungen und an Universitäten, aber auch in einschlägigen Ämtern der USA entstanden dadurch teams mit frischem Insiderwissen. Getreu der alten Tradition der multinationalen amerikanischen Gesellschaft, auf das mentale Gepäck der Einwanderer zuzugreifen, wurde und wird dieses Potential ausgebeutet. Vielleicht brachte es den USA sogar mehr als anderes drain- brain, das den Amerikanern die Effizienz in Mathematik, Physik, Biologie und Hightech beschert, von der Europa nur träumen kann und das seinen zaghaften Versuch (Inder statt Kinder), sich der amerikanischen Dominanz zu entziehen, zum Scheitern verurteilt. Nicht von ungefähr agierte bis zuletzt als Außenministerin der USA eine in Tschechien geborene Dame, die von einem dunkelhäutigen Amerikaner abgelöst wurde. Mag sein, dass sich die amerikanische high society, wenn es um Mitgliedschaft in einem aristokratischen Golfklub geht, snobistisch gebärdet, aber in der Politik wie in der Wissenschaft und der Industrie waltet das Nützlichkeits- und nicht das Abstammungskriterium.
Ganz anders in Deutschland. Hier verkümmert das mentale Potential der russischen Einwanderung, auch ihr Wissen über innere Vorgänge in Russland und ihr wacher Instinkt. Als Russlandexperten sind hier fast ausschließlich Menschen tätig, die in Deutschland aufwuchsen. Ob links oder rechts angehaucht, wurzeln sie als Experten in der akademischen und bürokratischen (was oft genug dasselbe ist) Tradition der deutschen Sowjetologie längst verflossener Zeiten. Wie auch die deutsche Ostpolitik insgesamt. Hier waltet nicht das Nützlichkeits- sondern das Abstammungskriterium. Fast wie in der gewesenen Sowjetunion, wo die Aufstiegschancen vor allem davon abhingen, welche Großmutter der Betroffene hatte, welches Diplom er aufweisen konnte und ob er sich konform genug verhielt.
Der Unterschied lässt sich an den Ergebnissen des großen Hasardspiels um Russland ablesen, das noch vor der Wende in der Sowjetunion begann. Keiner wird mir beweisen können, dass Gorbatschows Tätigkeit, die wohl nicht ganz ohne Grund die überaus meisten Russen für Verrat der nationalen Interessen Russlands halten, auf seinem eigenen Mist gewachsen ist. Auf dem Mist eines hohen Funktionärs der KPdSU, der sowohl als Stawropoler Statthalter, als auch als Politbüromitglied durch Farb- und Erfolglosigkeit glänzte. Auch wenn Gorbi in Deutschland eine Ikone war und bleibt, nutzte, nüchtern betrachtet, seine wankelmütige Innenpolitik, die die Abwicklung der sowjetischen Großmacht einleitete, mehr dem amerikanischen Rivalen als Deutschland. Zwar hat er die deutsche Wiedervereinigung mitermöglicht, aber auf das Geheiß Washingtons (Bush sen.), auf der von den Amis abgesegneten Grundlage und gegen den Willen Englands und Frankreichs.
Als Gorbi seine Ressourcen erschöpft hatte und in der Sowjetunion nichts mehr bewegen konnte, war er museumsreif wie ein Oldtimer und wurde durch eine frische Kraft ersetzt. Den Coup mit dem kläglichen Putschversuch, der das Revirement als großen Sieg der Demokratie erscheinen ließ, und die Inthronisierung des Zaren Boris, der Gorbatschows Werk fortsetzte, folgten wie auch die späteren Ereignisse einer klugen Regie. Zu klug und gut berechnet, um die Vermutung von der Hand zu weisen, dahinter hätten die think tanks der Amis gestanden, wo das Insiderwissen der russischen Einwanderung abgeschöpft wird.
Jetzt wird W.W. Putin in Deutschland als "Deutscher im Kreml" umjubelt. Tatsächlich spricht er gut Deutsch und kennt Deutschland nicht nur aus den KGB-Akten. Na und? Steht ihm Henry Kissinger in der Hinsicht etwa nach? Natürlich nicht. Aber eine Gewähr dafür, dass er, vor die Wahl zwischen den Wünschen der USA-Nomenklatura und dem deutschen Anliegen gestellt, das Letztere vorzieht, bietet es noch nicht. "Oder?". (Wie man nicht nur in Deutschland, sondern auch in Odessa sagt: das berühmte "wopros ilii").
Alles, was in den letzten 15 Jahren in und um Russland vor sich ging, spricht dafür, dass die Deutschen für ihre, wenn auch bisweilen tief versteckte Hochnäsigkeit und Unterschätzung der "russischen" Untermenschen von der Geschichte noch nicht genug abgestraft sind. Hitler musste Gott sei dank daran glauben. Dem neuen Deutschland wünscht man es keinesfalls. Aber auch ihm bringt es nichts Gutes. Denn die Amis sorgen konsequent dafür, dass Russland zu einem chaotischen Gebilde, zu einer Domäne sich wild bekämpfender und jeder Zeit auch dem Ausland gegenüber gewaltbereiter Clans wird. Und Deutschland scheut davor zurück, sich dagegen aufzulehnen.
Angesichts der drohenden Zukunft, die wohl der Absicht der USA-Eliten entgegenkommt, dem Entstehen einer europäischen Macht vorzubeugen (wozu haben sie dann die multinationale sowjetische Großmacht in die Grube fahren lassen, wenn sie sich mit der multinationalen europäischen abfinden sollen?), versteht man, warum die Europäer angesichts der geplanten separaten Raketenabwehr der USA großen Schiss kriegen. Ein Europa, dem die Amis ein unvorhersagbares Russland im Rücken bescheren, von der "unverzichtbaren Nation" selbst durch den riesengroßen Teich getrennt, hat wohl gute Gründe, wieder fürchten zu lernen. Allerdings sollte es seinen Rettungsanker nicht in der unwürdigen und zwecklos gewordenen Anklammerung an die USA sichern, sondern in einer Russlandpolitik, die dem Wiederentstehen der russischen Gefahr, diesmal ohne Gänsefüßchen, entgegenwirkt.
Da sind wir aber wieder dort, wo wir angefangen haben. Bei den Defiziten des deutschen Russlandbildes, unter anderem aus dem Unvermögen entstanden, die vorhandenen Kapazitäten zu nutzen.

Zur tartseitetartseite

Zur Fortsetzung

Zur Startseite

Zur StartseiteZur Startseite