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RUSSLAND IN DER GESCHICHTE

 



Unter anderem: 

1.Russland im 2.Weltkrieg. 

2. Eine Russin als Wohltäterin in Weimar. 

3. Splitter

 

1.RUSSLAND im 2.WELTKRIEG

DAS BITTERE AM TAG DER FREUDE

Am 8.Mai, dem Jahrestag der bedingungungslosen Kapitulation Deutschlands 1945 legte Putin einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder. Vor der Kranzniederlegung fand der nicht weniger rituelle Händedruck zwischen dem Präsidenten und der eingeladenen Kriegsveteranen.

Von denen, die nicht eingeladenen wurden, müssen wohl die meisten an diesem ihre Kopeken zusammenzählen, wenn sie sich eine Flasche Wodka leisten wollen. Zwar kriegen die Kriegsveteranen eine aufgestockte Rente, aber auch sie ist, gemessen an Renten in Deutschland, kläglich.

Utro.ru erinnert an die früher geheimgehaltenen Tatsachen. Nach dem Krieg wurde etwa 1,5 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, kaum aus den deutschen kz-ähnlichen Kriegsgefangenenlagern befreit, wieder in KZ-s gesteckt. Diesmal in die von Stalin. Der generöse Vater aller Werktätigen, der den Krieg so gut managte, dass ein beträchtlicher Teil der Roten Armee gefangengenommen wurde, hielt die Kriegsgefangenen für Vaterlandsverräter. Einschließlich der eigene Sohn, Jakow, der sich in einem deutschen Lager, vom Vater Stalin (wie Millionen seiner Schicksalsgenossen) verraten, das Leben nahm.

Da kaum was anderes von den Russen, durch den großen Terror 1934-1938 in der Heimat gewitzt, erwartet wurde, zogen 180.000 der aus der deutschen Kriegsgefangenschaft befreiter Rotarmisten es vor, im Westen zu bleiben. Ein Teil wurde aber von den Westalliierten aufgegriffen und in die Sowjetunion deportiert. Denen erging es erst recht schlimm.

Und trotzdem...

8.5.01.

Das Kalenderblatt erinnert uns am 8. Mai an das Datum, an dem 1945 der grausamste Krieg in der Menschheitsgeschichte in Europa zu Ende ging. Und zwar mit der bedingungslosen Kapitulation jenes Staates, der ihn ausgelöst hat: des nationalsozialistischen Deutschlands. Die geschichtsbewusste matrjoschka meint:

56 Jahre später, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts- und Jahrtausends, stellt man rückblickend fest, dass nur eine Großmacht jener Staatenkoalition, vor der das nationalsozialistische Deutschland bedingungslos kapitulieren musste, jetzt als wahrer Sieger in Betracht kommt. Die Großmacht, die in dem Krieg die wenigsten Opfer brachte. Die Vereinigten Staaten von Amerika.

Alle anderen, einschließlich Deutschland, waren insofern auch Gewinner des Krieges, dass sie dem Joch des Nationalsozialismus entrinnen konnten. Dennoch sind sie jetzt, obwohl oder vielleicht weil sie im Krieg die meisten Opfer hinnehmen mussten, in die zweite Auswahl der, wie man jetzt sagt, globalen Spieler abgesunken. Ihnen allen droht nun die amerikanische Vorherrschaft. Insbesondere Russland, dem Kernland der Sowjetunion, das in den Kriegsjahren 1941-1945 das meiste für den Sieg über den Aggressor geleistet hat.

Deutschen Äusserungen zum Geschehen ist manchmal und mehr oder weniger unverhohlen eine Schadenfreude darüber anzumerken, dass sich Russland und Deutschland nun in einem etwa umgekehrten Verhältnis als 1945 befinden. Deutschland steht im Zenit seiner Nachkriegsentwicklung, Russland liegt fast am Boden. Weil es der Verlierer des Kalten Krieges ist. Eines Krieges, der nach 1945 einsetzte und zu dessen Gewinnern Deutschland gehört.

Ist die Schadenfreude darüber berechtigt? Kaum. Vieles deutet daraufhin, dass auch der Kalte Krieg letztendlich derselben einzigen Macht nutzte. Den Vereinigten Staaten von Amerika. Er verfestigte ihre Dominanz auf dem alten Kontinent und in der ganzen Welt.

Jetzt sind die USA dabei, diese weiter auszubauen. Mit dem Projekt einer Raketenabwehr, die ihnen eine beispiellose militärische Handlungsfreiheit bescheren würde. Mit einer politischen und wirtschaftlichen Weltoffensive unter dem Markenzeichen Globalisierung.

Einiges deutet daraufhin, dass die Gefahr in Deutschland, im Euroland überhuapt, erkannt wird. Die EU- Staaten rücken zusammen. Wie die offiziell vorgegebenen Gründe auch lauten, sie wollen sich wehren. Von ihrer Souveränität das retten, was noch zu retten ist.

Ein lobenswertes, aber nicht unbedingt sicheres Unterfangen. Weil die USA das europäische Zusammenrücken mit wachen und misstrauischen Augen verfolgen und mit einer Politik beantworten, die ihre eigenen Interessen in Europa absichert. Die amerikanische Beherrschung der europäischen Politik und Wirtschaft darf nicht angetastet werden. Und wenn es opportun erscheint, greifen die USA massiv ins Geschehen auf dem alten Kontinent ein, um dies zu verhindern. Der Krieg auf dem Balkan von 1999, der Europa langfristig belastete und seiner Einigung entgegenwirkte, zeigt es.

Dazu kommt, dass die wirkliche Osterweiterung des Eurolandes verhindert wird. Eine, die keine neuen Gräben auf dem Kontinent zieht, sondern seine riesigen Ressourcen zusammenführt. Deutschland würde davon in einem besonderen Masse profitieren. Doch das entspricht nicht dem USA-Kalkül.

Deswegen wird über eine Einbindung Russlands in Europa zwar viel geredet, aber wenig getan. Es werden Zweifel an der Fähigkeit Russlands vorgebracht, die europäischen Wertevorstellungen zu übernehmen, um die Zögerlichkeit zu rechtfertigen. Als wäre das Land, das die europäische Zivilisation mitprägte, von einem anderen Stern. Und als würde seine Isolierung es für die europäischen Werte empfänglicher machen.

So erscheint die Bilanz der historischen Entwicklung Europas nach dem 8. beziehungsweise 9. Mai 1945 in einem doppelten Licht. Einerseits erlöste der Sieg über den Aggressor den alten Kontinent von der Gefahr des Rückfalls in die Barbarei. Andererseits aber wurde er von den Siegern missbraucht. Zweifelsohne auch von der Sowjetunion, die die begangenen Sünden, vor allem den anderen Staaten Ost-und Mitteleuropas gegenüber, letztendlich mit dem Zerfall büssen musste.

Das ist inzwischen Geschichte geworden. Die Gegenwart wird von einem anderen Missbrauch belastet, der fortdauert. Von dem Missbrauch durch die einzig gebliebene Weltmacht, die Vereinigten Staaten von Amerika.

 

SCHRECKENSSTATISTIK (DANACH ZWEI EMAIL ZUM THEMA)

von der Runetzeitung Polit ru.nach deutschen Erhebungen zusammengestellt, berichtet sie darüber, wie viele Sowjetbürger infolge des Krieges 1941-1945 unfreiwillig ins Reich Hitlers kamen und wie viele für immer blieben. Als Leichen.

Zuerstmal waren es Kriegsgefangene. Nach verschiedenen Quellen erreichte ihre Zahl zwischen 5,6 und 5,1 Millionen. Davon starben in deutschen Kriegsgefangenenlagern ca. zwei Millionen (19 Tausend weniger). Die Todesursache waren Hunger, unerträgliche Arbeitsbelastung und Epidemien.

473 000 Kriegsgefangene wurden hingerichtet. Es reichte nämlich auch das geringste Vergehen, um durch Henkerhand zu sterben.

Unterwegs in die Lager liessen 768 000 ihr Leben.

Insgesamt überlebten 57 bis 60 Prozent die deutsche Kriegsgefangenschaft nicht.

Weniger tragisch war das Schicksal der Ostarbeiter, also der Arbeitssklaven, die aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion nach Deutschland gebracht wurden. Ihre Zahl wird mit ca. fünf Millionen angegeben (21 000 weniger).

In dieser Sparte war die Sterberate nicht so hoch. Etwa "nur" jeder zehnte , bzw. jede zehnte blieb in deutscher Erde. Wobei die genaue Erfassung schwer möglich ist, da eine präzise Statistik fehlt.

Allerdings gibt es noch etwa 700 000 kriegsverbrachte Sowjetbürger in Deutschland, die aus eigenen Stücken nicht in die Heimat zurückkehrten.Sie fürchteten sich , für eine freiwillige Zusammenarbeit mit den Deutschen belangt zu werden. Die meisten aber trauten der Sowjetmacht nicht über den Weg. Da auch ein erzwungener Aufenthalt in Deutschland, erst recht in deutscher Gefangenschaft, in der stalinistischen Sowjetunion als grosser Makel angesehen wurde, zogen sie es vor, im Westen zu bleiben.

Rückblickend lässt sich feststellen, dass der deutsch-sowjetische Krieg, am 22.6.41, also vor etwa 60 Jahren mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ausgelöst und am 9. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte beendet, zur grössten Begegnung der Deutschen und Russen führte. Auch wenn es in der wechselreichen Nachbarschaftschronik viele andere, weniger tragische Anlässe gab, einander kennenzulernen, darf dieses Kapitel nicht nur schwarz in schwarz dargestellt werden. Am Rande des grossen gegenseitigen Mordens ereignete sich viel, was die Deutschen und die Russen verband. Jedenfalls viel, was sie voreinander fürchten, aber auch einander achten lehrte.

21.4.01

Liebe Holzpuppen,eine Ergänzung zu Eurem letzten Beitrag über die sowjetischen Kriegsopfer.Den französischen Text
schicke ich in eigener Übersetzung.

G.E.

Jean-Luc Bellanger schreibt in "Patriote Résistant", Zeitschrift der Nationalen Föderation der Deportierten und Internierten Widerstandskämpfer und Patrioten (F.N.D.I.R.P.):

Die Zahlen sind grauenhaft: mehr als 3 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener starben während des Krieges, davon 1,5 Millionen während der ersten sechs Monate, die dem Überfall auf die Sowjetunion durch Deutschland folgten. Die Liquidierung der Mehrzahl dieser "Untermenschen" war von den Nazis so vorgesehen. Eine wenig bekannte Tragödie...

Der Anfang des "Unternehmens Barbarossa", wie im geheimen der Überfall auf die Sowjetunion in den Militärplänen der Nazis genannt wurde, war eine riesige Überraschung für die deutsche Bevölkerung. Nichts in der offiziellen Propaganda ließ ein Unternehmen von derartigen Ausmaßen vorhersagen. Die Geheimdienste Goebbels‘ starteten also umgehend einen Propagandafeldzug. Die antikommunistischen, antislawischen und antisemitischen Gefühle waren bereits gut verwurzelt. Man mußte die feindlichen Soldaten nur noch als Untermenschen vorzeigen, und vor allem als die "wilden bolschewistischen Mörder"... Die Macher der Wochenschauen fanden nichts Böses daran, Bilder unrasierter, ungewaschener, in zerfetzte Uniformen gekleideter Gefangener zu zeigen, und - äußerstes Geschick! - bevorzugt solcher, die vornehmlich aus den asiatischen Gegenden der UdSSR stammten. Die Legende wurde geboren: der mutige deutsche Soldat kämpft gegen die Barbarei.

Die Naziführer und die Führung der Wehrmacht hatten lange vor dem Überfall mit einem Blitzkrieg gerechnet und mit Millionen sowjetischen Gefangenen. Ihre Verpflegung wurde nicht vorgesehen: sie sollten vor Hunger krepieren. Überdies hatte Hitler ursprünglich verboten, sowjetische Kriegsgefangene auf deutsches Gebiet zu verbringen, und so der Armee in den eroberten Gebieten die Verantwortung überlassen. Die im Juli und August 1941 671 000 sowjetischen Gefangenen mussten täglich zu Fuß 30 bis 40 km zurücklegen. Ihre Nahrung bestand bestenfalls aus wenig Brot und Hirse. Zwischen 300 und maximal 700 Kalorien pro Tag!

Es ist eindeutig, daß das Überleben der sowjetischen Kriegsgefangenen nicht gewollt war. Die Ermordung der Politkommissare oder der zu solchen erklärten wurde angeordnet. Der millionenfache Tod wurde erwünscht und herbeigeführt.

Einer der Verantwortlichen, der Generalquartiermeister der Heeresgruppe Mitte, hat sich im November 1941 deutlich geäußert: "Diejenigen Kriegsgefangenen, die nicht in den Kriegsgefangenenlagern arbeiten, sollen Hungers krepieren"...

Fürs Generalgouvernement, den Teil des durch die Nazis besetzten aber nicht annektierten Polens liegen präzise Zahlen vor. Im Herbst 1941 waren dort 361 612 sowjetische Soldaten interniert. Am 15. April 1942 waren 292 560 davon tot. 17 256 waren dem "SD überstellt" worden, also erschossen, ungefähr 86% waren demnach dem Hunger oder der Krankheit erlegen oder ermordet worden. Heute weiß man, daß vom einen bis zum anderen Ende der Front von den 3 350 000 Gefangenen der ersten sechs Kriegsmonate 1941 an die 60%, also annähernd 2 Millionen, am 1. Februar 1942 tot waren (davon 1 400 000 vor Anfang Dezember 1941).

Die Wehrmacht erstellte anfangs keine systematischen Listen der gefangenen Soldaten. Diejenigen, die an Ort und Stelle umkamen, verschwanden ganz einfach, ohne Spuren zu hinterlassen. Ab dem 2. Juli 1941 hat aber das Oberkommando der Wehrmacht einen Kurswechsel vollzogen. Die sowjetische Regierung hatte sich nämlich unter dem Vorbehalt der Gegenseitigkeit bereit erklärt, dem Internationalen Roten Kreuz die Namen der deutschen Kriegsgefangenen zu liefern.

Indessen wurde in den frontnahen Gebieten erst am 1. Januar 1942 die Anordnung erteilt, den Ort der Gefangenschaft und das Ableben der sowjetischen Gefangenen anzuzeigen. Solche Fälle betreffende regelrechte Karteien existierten in den Kampfzonen erst ab Ende Oktober 1942. In der Praxis wurden die, die überlebt hatten, im allgemeinen erst nach ihrem Eintreffen im Reichsgebiet registriert.

...Dennoch darf man sich nicht vorstellen, daß die auf dem Reichsgebiet ankommenden sowjetischen Soldaten in Baracken untergebracht wurden. Die Militärsperrgebiete, die als "Lager" vorgesehen waren, hatten 1941 gewöhnlich als einzige Besonderheit, daß sie mit Stacheldrahtzaun umgeben waren. Auf dem Gebiet selbst waren praktisch keine Vorkehrungen zur Unterbringung der Menschen getroffen.

So kam es, daß beispielsweise die "Stalags" XI C, XI D et XD von Bergen-Belsen, Oerbke und Wietzendorf, bei Lüneburg, nicht weit von Hannover, Orte des Leidens und des Todes für zig Tausende Sowjets waren. Mehr als 100 000 Kriegsgefangene wurden hier vor November 1941 interniert. Es gab nur Stacheldraht und Wachtürme.

So kam es, daß die Unglücklichen monatelang in den in die Erde des Lagers gegrabenen Hütten Schutz suchen mußten. Unterernährung und Krankheiten, besonders Typhus und Ruhr, töteten in drei Monaten mehr als 50 000 Mann. Diesen Toten muß man natürlich die Ermordeten hinzurechnen, alle diejenigen, die sich in den Lagern von Sachsenhausen oder Buchenwald den scheinbaren Größenmessungen unterziehen mußten, diejenigen, die auf den Schießplätzen der SS in Hebertshausen, nahe Dachau, oder in Neuengamme liquidiert wurden, oder anderswo.

Zu dieser Szenerie bliebe noch die Vielzahl von Mißhandlungen hinzuzufügen, die von Zeugen belegt sind: nächtliche Verstopfung der Öffnungen der Erdhütten, um die Insassen zu ersticken, "Gladiatorenkämpfe" unter den Kriegsgefangenen für ein Schälchen Suppe usw. Die Wächter waren entweder ältere Soldaten (was man in Frankreich mit "territoriaux" bezeichnet) oder "Hilfspolizisten", die vornehmlich aus Gebieten stammten, die den Russen feindselig gegenüberstanden.

Hitler und seine fanatischen Anhänger erhofften, den Kampfwillen der Völker der Sowjetunion schnellstens zu brechen. Die Millionen Kriegsgefangenen waren also nur Ballast, nutzlose Esser. Ihr Verschwinden sicherte zusätzlich Raum zur Besiedelung, zur Germanisierung, die gerade die Ziele dieses Krieges waren.

Bald wurde aber deutlich, daß der Krieg lang dauert und in Deutschland Arbeitskräfte fehlen würde. Im Februar 1942 mußte einer der Hauptführer der Organisationseinheit "Vierjahresplan" eingestehen: "Die gegenwärtigen Schwierigkeiten im Arbeitskräftebereich wären nicht entstanden, wenn man sich rechtzeitig für einen Einsatz der russischen Kriegsgefangenen entschieden hätte. Wir hatten 3,9 Millionen Russen zur Verfügung, von denen nur 1,1 Millionen übrig geblieben sind. Allein vom November 1941 bis zum Januar 1942 sind 500 000 Russen umgekommen. Die Zahl der gegenwärtig beschäftigten russischen Kriegsgefangenen (400 000) wird kaum gesteigert werden können. Wenn der Typhus zurückgeht, wird man vielleicht nur noch 100 bis 150 000 Russen der Wirtschaft zuführen können."

Die Toten arbeiteten nicht mehr für die Nazi-Industrie....Das war die einzige Sorge der Nazis...

Es gab auch Widerstand. Ich habe selbst in einem Gefängnis in Norddeutschland von der Gestapo verhaftete sowjetische Offiziere gesehen. Die Haltung dieser Kriegsgefangenen war derartig beeindruckend in Würde und Standfestigkeit, daß sie sich auf alle Gefangenen übertrug.

Es bleibt noch das Schicksal der überlebenden Kriegsgefangenen nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion zu erwähnen. Da Stalin wollte, daß ein Soldat sich eher umbringen ließe als lebend in die Hände des Feindes zu fallen, hielt er Kriegsgefangene für Verräter. Nach den Worten von Sergei Ossipov, dem Vizepräsidenten der Kommission für die Kriegsgefangenen, Internierten und Verschollenen beim Präsidenten der Russischen Föderation, haben die in ihre Heimat zurückgekehrten sowjetischen Kriegsgefangenen "ein doppelt tragisches Schicksal erlitten".

EINE GANZ ANDERE E-MAIL ZUM THEMA

1941 begingen die Deutschen keine Greueltaten, schon weil sie überall im Westen der SU stürmisch begrüßt und bejubelt wurden - als (vermeintliche) Befreier vom Sowjet-Joch. Die Deutschen wurden erst brutal, als der Partisanenkrieg begann. Und mit Verlaub: Partisanen halte auch ich für das mieseste Pack, das es überhaupt gibt. Nicht weil sie den Feind angreifen, sondern weil sie die eigene Zivilbevölkerung damit gefährden. Denn wenn der Feind nicht mehr unterscheiden kann, ob ihm da ein harmloser Zivilist oder ein Partisan ohne Uniform gegenübersteht, wird er im Zweifel erst schießen und dann fragen. So kommt es dann zur Brutalisierung des Krieges und zur Tötung Unschuldiger. Aber genau das war ja wohl von sowjetischer Seite auch beabsichtigt, um die Bevölkerung gegen die "bösen Faschisten" aufzuhetzen. (Als ob alle Deutschen Nazis gewesen wären!) 1945 wurde auch jedes deutsche Kind, das mal an einem ausgebrannten Panzer spielend erwischt wurde, gleich als vermeintlicher "Wehrwolf" (Partisan) erschossen - und der Unterschied war eben, daß es solche "Wehrwölfe" (außer in den Hirngespinsten Hitlers und der Alliierten) gar nicht gab, während die Partisanen in der SU durchaus Realität waren.

Ja, sehr viele Sowjets, von den Deutschen kriegsgefangen, kehrten nicht heim. Da könnte ich zynisch sein und zurück fragen: Was wäre denn mit ihnen passiert, wenn sie überlebt hätten und Stalin in die Hände gefallen wären? Aber die Frage ist müßig - Sie wissen die Antwort ebenso gut wie ich. Aber ich frage mal ganz unzynisch zurück: Wieviele von den Millionen deutschen Kriegsgefangenen nach 1945 sind denn 1955 lebend (nicht etwa gesund) zurück gekommen? Ich glaube, so an die 5.000... Und es gibt noch einen großen Unterschied: Während eines Krieges, wenn die eigenen Ressourcen knapp sind, kann es schon mal sein, daß die Kriegsgefangenen schlechter verpflegt und behandelt werden; aber nach dem Krieg noch Gefangene verhungern und verrecken zu lassen, ist ein Verbrechen.

Anm. v. M.: Ohne eine Polemik anstrengen zu wollen, möchten wir nur bemerken, dass die Zahl von 5.000 zurückgekehrten deutschen Kriegsgefangenen derart von der Realität abweicht und allen Statistiken widerspricht, dass es überflüssig ist, sie zu korrigieren.

 

GRANI.RU: IM VISIER DER SIEGESTAG

Es geht hier um eine Runetzeitung, die Gerüchten nach dem Mediagewaltigen und einem der reichsten Männer Russlands, Boris Beresowski, gehört. Nach der Abwicklung der Medienholding von Wladimir Gussinski fühlt sich das Medienreich von B.B. nach eigener Auskunft an der Reihe. Umsomehr, dass auch es empfindliche Stellen hat: die Herkunft von Milliarden USD des Chefs scheint nicht ganz geklärt zu sein und seine Geschäfte auf dem Medienmarkt sind auch umstritten.

Trotzdem (oder deswegen?) startete Grani. Ru scharfe Angriffe auf das Verhalten der Sowjetunion im Krieg gegen Hitelrdeutschland (1941-1945). Grani. Ru fordert dazu auf, an dem Tag nicht stolz, sondern reuig zu sein. Das Haupt mit Asche zu bestreuen. Die sowjetische Führung beginge im Krieg und in der Zeit davor und danach ungeheuere Verbrechen, die sich mit denen von Hitler durchaus messen lassen.

Der Sündenregister ist zwar lang, aber nicht in allen Teilen verifizierbar. So ist es auch unter den deutschen Historikern umstritten, dass der Angriff auf die SU am 22.6.41 dem sowjetischen Angriff auf Deutschalnd zuvorkam. Auch die von Grani. ru aufgestellte Relation zwischen den sowjetischen und den deutschen Verlusten, und zwar 10 zu 1, lässt sich schwer belegen. Obwohl es stimmt, dass Stalin und seine Generale das Leben der Soldaten keineswegs schonten.

Vernichtend ist das Urteil der Grani.ru über Marschall Shukow, der vor 56 Jahren die Kapitulation der deutschen Wehrmacht entgegennahm. Er sei noch grausamer als Stalin gewesen und haben in einem Frontbefehl den eigenen Sodaten gedroht, ihre Familien, einschliesslich kleine Kinder, hinzurichten, wenn sie sich gefangennehmen lassen.

Kurz und gut (?) lässt Grani.ru den Sieg der SU vor 56 Jahren nicht gelten. Der einleitende Satz des Betrachtung vom berechtigten Stolz der Russen darauf hängt in der Luft.

Es bleibt zu rätseln, warum die Runetzeitung auf die Tour einen Jahrestag begeht, der von den meisten Russen auch jetzt noch sehr gefeiert wird.

Anm. v. M.: Jedenfalls bewies sie, ohne dies sicherlich gewollt zu haben, dass die Meinungsfreiheit in Russland noch nicht ganz unterdrückt wird.

8.5.01

GRAFFITTIS IM REICHSTAG

Das deutsche Parlament wird sich möglicherweise mit einem Antrag beschäftigen müssen, der die Entfernung von Aufschriften aus dem Jahr 1945 an den Wänden des Reichstagsgebäudes vorsieht. Die Matrjoschka ärgert sich darüber:

Es geht um Kritzeleien sowjetischer Soldaten, die in Berlin dem Krieg in Europa ein Ende machten und im Überschwang der Gefühle Denkzettel an den Mauern des halbzerstörten Gebäudes hinterliessen. Zwar kannte man damals das Wort Graffitti in seiner heutigen Bedeutung noch nicht, aber es waren eben echte Graffittis, die unmittelbare Äusserung aufgewühlter Seelen. Sie brachte die Freude zum Ausdruck, den schrecklichen Krieg überlebt und auch den berechtigten Stolz, an einem grossen historischen Ereignis, und zwar auf der richtigen Seite, teilgenommen zu haben. Und gleichsam, wenn auch in den meisten Fällen sicherlich unbewusst, spielte als Motiv das Verlangen mit, nicht nur sich selbst, sondern auch jene unzählige Iwanows, Petrows und Sidorows in bleibender Erinnerung zu behalten, die unterwegs von Moskau nach Berlin fielen oder verstümmelt aus dem Kampf ausscheiden mussten.

Danach gab es viele andere Denkmäler, aus Bronze gegossen, aus Granit und Marmor gemeisselt, mit Saluten eingeweiht und von Ehrenwachen versehen. Sie stehen auch in Berlin, werden von Touristen beäugt, Regierungsdelegationen aus Russland legen an ihren Postamenten Kränze nieder. Obwohl in Deutschland ab und zu Stimmen laut werden, die ihre Entfernung fordern, bleiben sie, von Abkommen zwischen Russland und Deutschland geschützt, stehen und werden dankenswerterweise ab und zu renoviert.

Die an die Mauern des Reichstages gekritzelten Zeugnisse der Vergangenheit sind dagegen rechtlich nicht geschützt. Nur der Anstand der deutschen Politiker, ihr Sinn für die Geschichte, ihr Mitleidsgefühl für die Opfer des von den Russen nicht gewollten Krieges bewahrte die Graffittis vor der Vernichtung. Auch als das Reichstagsgebäude wieder aufgerichtet, zum Tagungsort des deutschen Parlaments werden sollte. Damals hat eine kompetente Komission befunden, dass die Blöcke, so wie sie sind, in die inneren Mauern des Gebäudes integriert werden sollen. Die Experten gingen davon aus, dass die Historie nur dann relevant ist, wenn sie nicht geschönt wird. Wenn nicht der Zeitgeist, sondern der Geist der Wahrheit bei ihrer Darstellung schaltet und waltet. Sonst wird sie unglaubwürdig und verliert ihren erzieherischen Wert.

Dass jetzt eine Gruppe von Bundestagsmitgliedern ausgerechnet die unverfälschtesten Zeugnisse der Vergangenheit beseitigen will, macht einen, der den Krieg mitgemacht hat, betroffen. Umso mehr, dass gerade in der allerletzten Zeit in Deutschland viel getan wird, damit die Zeitgenossen, insbesondere die jüngeren, begreifen, was eigentlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts los war. Die klare Vorstellung darüber wird logischerweise als eine Art Vorkehrung gegen den wachsenden Einfluss neuer Rattenfänger verstanden, die sich wieder an die deutsche Jugend heranmachen.

Sicherlich ist es leicht, die Stellen im Foyer des Bundestages zu übertünchen oder die Aufschriften auf eine andere Weise zu entfernen. Wahrlich keine Heldentat. Sollte es tatsächlich geschehen, würde ein einzigartiges, in seiner Unbefangenheit, Spontanität und Schutzlosigkeit besonders rührendes Denkmal in Europa verschwinden. Ob es im Ausland, vor allem in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wo schwer eine Familie ohne Kriegsopfer zu finden ist, verstanden und honoriert wird, ist kaum anzunehmen. Genauso wenig wahrscheinlich ist es, dass sich auch die Deutschen in ihrer Mehrzahl darüber freuen. Vermutlich erwarten sie von ihren Parlamentsabgeordneten am wenigsten Spiegelfechtereien mit einem sehr zweifelhaften politischen Hintergrund.

4.4.01

 

DER FEIND VOR DEN TOREN – THE ENEMY AT THE GATE

Die feinsinnige Matrjoschka sah sich den Eröffnungsstreifen der diesjährigen Berliner Filmfestspiele an. Es ist ein monumentaler Streifen. Nicht nur weil die Laufzeit 132 Minuten beträgt. Es ist das teuerste Filmvorhaben in der Geschichte Europas. Viele Ruinen, Kriegstechnik.

Gedreht wurde der Film von einem französischen Regisseur und einem Team von vorwiegend amerikanischen Stars.

Es geht um die Stalingrader Schlacht. Es war die Schicksalsschlacht des Zweiten Weltkrieges. Sie begann in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 und endete Anfang 1943. Die deutsche Wehrmacht erlitt die grösste Niederlage des ganzen Krieges. Die Schlacht an der Wolga läutete das Ende des Hitlerreiches ein.

Viel mehr weiss die Feinsinnige über die Story nicht. Darum freute sie sich, den Film mit einem sachkundigeren Menschen angucken zu können. Mit einem bereits selten gewordenen Spezi, einem ehemaligen sowjetischen Soldaten, der bei der Schlacht dabei war.

Nach der Vorführung sprachen sie im Cafe Kranzler über den Film.

Gefiel er Dir?

Jaein..

Fangen wir mit "ja" an. Was gefiel Dir am Film?

Er ist anders als manche andere über die Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Die Filmemacher versuchten, den Ausgang der Schlacht auf die tief liegenden Wurzeln der Kämpfenden zurückzuführen. So reduzierten sie die Schlacht auf ein Duell zwischen Scharfschützen. Einem Russen und einem Deutschen. Das Paar soll die Archetypen der beiden Völker verkörpern.

Die Gegenüberstellung beginnt bereits mit den Namen der Zwiekämpfer. Der eine, ein Hirtenjunge aus dem Ural, ein einfacher Soldat, heisst Saizew (Hase).

Kaum schreibkundig, ist der "Hase" vom Dorf und von der urwüchsigen Natur geprägt. Von der Steppe, vom Wald. Auch von seinem Grossvater, Bauer und Jäger, einem bärtigen Russen, wie er im Buche steht.

Sein Widerpart, der hoch dekorierte deutsche Major König, trägt einen ganz anderen Habitus zur Schau. Einen Habitus mit dem Gütesiegel seines gebildeten, traditionsreichen, selbstbewussten, auch hochnäsigen Milieus. Einer Umgebung, die nicht auf Tier und Pflanze, sondern auf Ehre und Pflicht schwört.

Es siegt im Duell aber nicht der König. Der "Hase" siegt! Und nicht nur, weil er besser zielt. Das nicht mal. Sondern weil er mehr Mensch ist. Weil er sich dem anderen nicht überlegen, sondern weit unterlegen fühlt. Weil er ohne Lust tötet. Und am Ende nicht mehr töten will.

Zuerst sind die Deutschen für ihn kaum etwas anderes als Wölfe, die er ins Auge traf, um die Haustiere im Dorf vor den Überfallen der grauen Räuber zu schützen. Der Scharfschütze musste seine Opfer aussuchen und beobachten, bevor er abdrückte. Dabei lernte er mit der Zeit, Menschen in ihnen zu sehen. Einschliesslich König. Er schiesst ihn erst ab, als sich dieser als grausame Tötungsmaschine erweist.

Ist das Ganze nicht gewollt, plakativ?

Ist es. Und trotzdem... Der Film lässt etwas durchblicken, was den unzähligen Druckwerken über den Zweiten Weltkrieg verloren geht. Und zwar, dass die Russen siegten, nicht weil sie bessere Soldaten waren. Im Gegenteil, sie waren schlechtere Soldaten. Sie siegten, nicht weil ihre Waffen die besseren waren. Eher das Gegenteil traf zu. Und erst recht siegten sie nicht, weil Stalin ein genialer Stratege war. War er nicht. Auch nicht deswegen siegten sie, weil sie an den Kommunismus glaubten. Gläubige waren an der Front eher eine Seltenheit...

Warum dann siegten die Russen?

Fragen wir besser zuerst, warum verloren die Deutschen. Ich glaube, die Antwort liegt in einem russisches Sprichwort versteckt. Es lautet, dass der liebe Gott einer bockigen Kuh keine zu langen Hörner wachsen lässt. Vielleicht weil er den Wechsel in der Welt will? Nicht zu viel von starrer Ordnung? Mehr Leben als Totenstille?

Stell Dir vor, Hitler hätte gesiegt! Die nazional- sozialistische Ordnung hätte sich wenn nicht in der ganzen Welt, dann mindestens in Europa für tausend Jahre etabliert. Läuft selbst einem Deutschen bei dem Gedanken nicht ein Schauer über den Rücken?

Die Russen sind dagegen eher harmlos. Zwar können sie mit unzähligen Opfern einen grossen Sieg erringen, sind aber nicht fähig, Sieger zu bleiben. Wie wir es jetzt an der russischen Misere sehen.

Auf Dauer können die Russen kein perfektes Reglement zustandebringen- und wenn schon, dann um es selbst zu zerstören. So können sie für die Menschheit zu keinem Verhängnis werden.

Dass der Film es andeutet, ist das Gute an ihm.

Was gefällt Dir nicht am Film ?

Seine Stilistik. Sie ist eine Mischung aus Wagner und Verdi. Zu bombastisch. Zu viel tam-tam. Vielleicht kommt deshalb keine richtige Spannung auf. Eine Oper ist eben auf der Bühne gut. Auf der Leinwand wirkt sie gestelzt.

Jedenfalls hatte der Krieg ein anderes Gesicht als im Film. Viel weniger geschminkt.

In den Schützengräben von Stalingrad haben wir furchtbar gehungert, gefroren. Und von Läusen zerfressen waren wir auch. Und wir haben viel mehr geflucht als Hurra geschrien. Auch wenn zum Angriff geblasen wurde.

Und wenn wir mal in deutsche Schützengräben vordrangen, warfen wir uns nicht um den Hals, sondern auf säuberlich verpackte Brotschnitten mit Wurst und Käse, auf Schnaps und Läusepulver und Wollsachen. Und fluchten wieder. Nicht unbedingt über die Deutschen.

Und zum Schluss: die Preisfrage. Warum kommt der Russe den Amerikanern nur dann sympatisch vor, wenn er auf die Deutschen einschlägt?

9.2.01

 

2. EINE RUSSIN IN WEIMAR

Es ist allgemein bekannt, welchen Beitrag Weimar zur Kulturentwicklung Deutschlands leistete. Jedes fleißige Schulkind weiß, daß die thüringische Stadt die Wiege der deutschen klassischen Literatur war, die Heimstätte von Goethe und Schiller und auch von anderen, nicht ganz so bedeutenden Dichtern wie zum Beispiel Wieland.

Weniger bekannt ist allerdings die Tatsache, daß zum Weltruhm Weimars eine Russin einiges beigetragen hat. Die Russin war weder Dichterin noch Künstlerin. Obwohl sie durchaus eine musische Ader besaß und für den Hausgebrauch ganz nette Gedichte schrieb, bestand ihr Beitrag darin, daß sie Dichtern und Künstlern das gab, was diese am dringendsten brauchen, um richtig produktiv zu sein. Es ist bekanntlich das liebe Geld. Sie war nämlich sehr spendabel und förderte aus ihrer Privatkasse die Weimarer Kultur. Und die Kasse war prall gefüllt, denn die Dame gehörte zur russischen Zarenfamilie, war eine russische Großfürstin, Tochter des russischen Zaren Pawel des Ersten und Lieblingsschwester der russischen Zaren Alexander des Ersten und Nikolaus des Ersten.

Das russische Geld war für Weimar besonders wichtig, da der kleine Staat, eines der im vorigen Jahrhundert zahlreichen deutschen Duodezfürstentümer, tief in den roten Zahlen steckte. Seine Staatskasse wurde durch die bereits damals wuchernde Bürokratie so stark in Anspruch genommen, daß für die Kultur kaum etwas übrig blieb. Dem thüringischen Herzog fehlte ständig das nötige Kleingeld für Dichter, Philosophen und Schauspieler, die er großzügig nach Weimar und Jena einlud und die auch danach strebten, im Refugium der deutschen Klassik tätig zu werden. Er erhöhte zwar ständig die Steuern, wie es eben die Herrschenden zu allen Zeiten und allerorten zu tun pflegen, um die Geldsorgen loszuwerden. Doch aus einer Bevölkerung von etwa sage und schreibe dreizehnzehntausend Seelen konnte kein Steuereintreiber viel herauspressen. Und mindestens ein Drittel der Bevölkerung stellten in Weimar die Priviligierten - Beamte, Höflinge, Militär, die keine Steuern zahlten. Damals war es eben ein Privileg nicht der Reichen, sondern der Adligen, von den Steuern befreit zu werden.

Aber der liebe Gott ließ den thüringischen Hort der schönen Künste nicht im Stich. Durch Vermittlung des preußischen Königs erhielt der Sohn des fast mittellosen Großherzogs eine sehr vermögende Ehefrau. Sie wurde von ihren erlauchten Verwandten in St.Petersburg mit einer riesigen Mitgift ausgestattet und kam nach Weimar mit viel mehr Geld als ihr junger Gemahl je gesehen hatte. Auch und besonders, als er 1828 den Vater beerbte und die Regierung in Weimar übernahm.

Respektvolles Staunen erweckte Maria, geborene Romanow, bereits beim Brauteinzug 1804 in Weimar. Achtzig Wagen, von kleinen, zottigen Pferden gezogen und von Kosaken geleitet, brachten ihre Aussteuer von der Newa an die Ilm.

Die Großfürstin und später auch die Großherzogin von Weimar-Sachsen Maria Pawlowna oder Paulowna, wie sie in Deutschland halb russisch und halb deutsch genannt wurde, besaß aber nicht nur viel Geld, sondern auch eine echte Zuneigung zur dichtenden, philosophierenden und theaterspielenden Zunft. So erblickte sie ihre Aufgabe in Weimar darin, den durch Goethe und Schiller begründeten Ruf der Stadt zu erhalten und die Dichtung, Philosophie und Theaterkunst nicht versauern zu lassen. Dabei tief in die eigene Schatulle zu greifen, war für sie selbstverständlich. Es ist eben so, daß den russischen Zaren vieles vorgeworfen werden konnte, bloß geizig waren sie selten. Zwar galt die Freigebigkeit der Majestäten aus St.Petersburg meistens dem Militär, dennoch gab es in diesem Punkt auch Ausnahmen. Und Maria Paulowna war eine solche. Sie wollte Weimar und dem ganzen Deutschland zeigen, wozu eine russische Prinzessin in puncto Kulturförderung fähig ist. Und der deutschen Kultur fühlte sie sich sowieso verbunden. Schließlich hieß ihre Oma väterlicherseits Prinzessin Sophie – Friederike - Auguste von Anhalt - Zerbst, mehr unter dem Namen Katharina die Zweite, bzw. die Große bekannt. So betrachtete Maria Paulowna Deutschland als ein Land, mit dem Rußland für immer zusammen gehen sollte und dessen Geist, mit der russischen Stärke vereint, viel ausrichten könnte. Wie es die große Katharina der ganzen Welt bewies.

Für Weimar und - wenn man weiterdenkt - für die ganze deutsche Kulturlandschaft war Maria Paulowna ein richtiger Segen. Denn das Geld aus St.Petersburg floß in viele Einrichtungen, die mit dem Ziel ins Leben gerufen wurden, das Erbe von Goethe und Schiller zu erhalten und zu mehren. Dazu gehörten Archive, Museen, wissenschaftliche Forschungsstellen, aber auch das Weimarer Theater, später mit Recht das Nationaltheater genannt, wo viele dramatische Dichtungen von in der Stadt beheimateten Dichtern zuerst aufgeführt worden waren.

Erwähnt sei, daß die Großfürstin Maria ein für ihr Elternhaus erstaunliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit den launischen Poeten und Philosophen besaß. Geerbt haben konnte sie es kaum, höchstens von der Oma. Der Vater, der bereits erwähnte Pawel der Erste, hatte nur seine nach preußischem Muster bezopften Soldaten im Sinn, die er von früh bis spät exerzieren liess.

Marias älterer Bruder Alexander der Erste, übrigens Michail Gorbatschow äußerlich und nach dem Gehabe sehr ähnlich, verkündete zwar, er sei ein Freund der schönen Künste, erhärtete aber die Zensurbestimmungen in Rußland und verschrieb sich nach den ersten mißlungenen Reformversuchen den Dunkelmännern. Das denkende und kunstschaffende Rußland war richtig erleichtert, als er 1825 starb. Sein und der Großfürstin Marias Bruder Nikolaus, der daraufhin in St. Petersburg den Thron bestieg, erwarb sich mit seinen Demütigungen des russischen Nationaldichters Puschkin und grausamen Verfolgungen anderer freidenkender Literaten einen sehr zweifelhaften Ruhm. So war Maria ein weißer Rabe in dieser Familie von Despoten und Ignoranten. Sehr belesen, für alles Schöne zugänglich, füllte sie die selbstgewählte Rolle der guten Fee der Dichter, Philosophen und Schauspieler in Deutschland ohne Mühe aus. Deutsch beherrschte sie, wie manche andere Fremd

sprache, gut, so daß es für sie in der neuen Heimat keine Sprachbarrieren gab,auch wenn ihr der Weimarer Dialekt nicht auf Anhieb von der Zunge ging.

Kurzum, sie fühlte sich in dem fremden Lande, das allerdings damals in Rußland etwa so wie ein Vetter in einer zusammenhaltenden Familie empfunden wurde, sehr heimisch. Doch nie leugnete sie ihre russische Herkunft. Im lutherischen Weimar blieb sie russisch-orthodox und ließ sogar eine orthodoxe Grabkapelle bauen, und zwar auf eigens aus Rußland herbeigeschaffter Erde, wo sie bestattet werden wollte. Wenn sie eine unfreundliche oder unkorrekte Äußerung über Rußland hörte, meldete sie sich zu Wort und sorgte dafür, daß das Bild ihres Vaterlandes zurechtgerückt wurde.

Allerdings war es damals in Deutschland weniger üblich als später, über Rußland zu lästern. Es wirkte noch die Dankbarkeit für die opferreiche Tat der russischen Soldaten nach, die die Grand Armee Napoleons 1812-1813 in die Flucht geschlagen und damit Deutschland von einem Besatzungsregime befreit hatten. Gewiß waren die Kosaken keine Engel, und als sie durch die deutschen Städte zogen, haben sie sich einiges zuschulden kommen lassen. Aber - das sei hier ganz unpolemisch angemerkt - im Vergleich mit der französischen Besatzung erschienen die kosakischen Übergriffe weniger schlimm. Für mich, die ahnungslose Holzpuppe, war es übrigens neu, als ich in Weimar viele Zeitzeugnisse der französischen Schandtaten - Morde an Zivilisften, Raubzüge, Vergewaltigungen- las. Das hätte ich den Söhnen des charmanten Volkes nie zugetraut.

Zurück zu Maria Paulowna. Obwohl sie sich ihrer Zugehörigkeit zu der damals wohl mächtigsten Dynastie in Europa bewußt war, ließ sie sich keine Spur vor Hochnäsigkeit anmerken. Im Inneren zog sie wohl Vergleiche zwischen der damaligen deutschen Enge, im Zwergstaat Weimar besonders spürbar, und dem riesigen, sich auf zwei Weltteile erstreckenden Russischen

Reich, aber niemand hörte von ihr abschätzende Meinungen über die Wahlheimat. Peu a peu übernahm sie die neuen Aufgaben, die die Regierungsgeschäfte in Weimar erforderten, ohne dadurch ihre Mäzeninnenrolle zu vernachlässigen. Um die Staatsgeschäfte mußte sie sich kümmern, weil ihr Herr Gemahl, der Herzog, ein Träumer war und sich sehr gern zurückzog, um seine umfangreiche Sammlung von Kitsch aus vielen Ländern zu pflegen.

Auch als die im Hintergrund mitregierende Person eroberte sie die Herzen der Weimaraner, da sie die Staatsfinanzen sehr vorausschauend und umsichtig verwaltete und sich bemühte, die niederen Stände nicht zu sehr zu schröpfen.

Es gab in ihrem Leben auch Unangenehmes. Die Atmosphäre in Deutschland wurde damals zunehmend vom aufkommenden Nationalismus beeinflußt, der mitunter auch militante Formen annahm. Bezeichnend dafür war der Mord an einem gewissen August von Kotzebue. Er war ein gebürtiger Weimaraner, der wie viele Tausende anderer seiner deutschen Landsleute im Befreiungskrieg gegen Napoleon, also 1812-1813, in der russischen Armee gekämpft hatte. Bekannt machten ihn seine sehr unterhaltenden Bühnenstücke. Zeitweise waren sie auf der Weimarer Bühne häufiger zu sehen als die von Schiller. Zum Verhängnis wurde ihm der Briefwechsel mit seinen alten Kameraden aus St.Petersburg. Die Briefe wurden, wie es dem Hörensagen nach in wohleingerichteten Staaten auch jetzt passieren soll, abgefangen. Die Menschen in Deutschland, denen die guten Beziehungen zu Rußland gegen den Strich gingen, sorgten dafür, daß Kotzebue als russischer Spion verschrien wurde. Bald fand sich ein halbverrückter Superpatriot, der gegen den Dichter ein Attentat ausführte und ihn umbrachte. Eine Folge der Spionomanie, die auch nicht erst heute erfunden wurde. Es war ein Schock für die russische Prinzessin.

Doch zurück zu den angenehmen Seiten im Leben Maria Pawlownas in Weimar. Es ist überliefert, daß die Prinzessin aus dem Hause Romanow einen sehr ungezwungenen Umgang mit musisch veranlagten Menschen pflegte, auch wenn sie keine "von" waren. In Weimar fiel das stark auf, da hier, wie auch an den anderen Zwergfürstenhöfen in Deutschland, die Etikette über alles ging. So durfte Goethe, obwohl der erste Minister in Weimar, nicht an einer Tafel mit adligen Höflingen speisen. Ihm wurde an einem Nebentisch gedeckt. Erst als der berühmte Dichter geadelt worden war, durfte er an demselben Tisch mit dem Herzog und seiner Hofkamarilla sitzen.

Im Inneren ihrer Seele fand Maria Paulowna die Etikette lächerlich. Auch wenn sie selbst den Konventionen folgte, um jeden Skandal zu vermeiden, ließ sie sich privat, ohne dies an die große Glocke zu hängen, ein bißchen gehen. Sie lud geistreiche Menschen ein, ohne auf die Herkunft zu achten, rezitierte mit ihnen Gedichte, sang nach Herzenslust, spielte damals übliche Gesellschaftsspiele. Die Partys zogen sich bis tief in die Nacht hinein. Öfter fand die Bedienung die Herzogin und ihre Gäste schlafend, aneinandergelehnt neben Weinflaschen . Schurke ist, wer dabei an Unzucht denkt. Einer Prinzessin Di ähnelte die Prinzessin Maria nicht. Sie hielt ihrem schwächlichen Gemahl die Treue und hatte keine Liebhaber. Eine russische Prinzessin eben, erzogen nach den strengen Grundsätzen der Orthodoxie.

Es gab natürlich auch am Zarenhof ganz andere Fälle - denken wir wieder an die Katharina - doch im allgemeinen herrschten in St.Petersburg strengere Sitten als in Paris oder Rom.

Maria Paulowna regierte dreißig Jahre in Weiner, und ihre Zeit, die an die Blütezeit des Weimarer Geisteslebens anschloß, setzte die Tradition fort und festigte sie sogar. Weimar wäre nicht Weimar, hätte es nicht das Glück gehabt, von der russischen Prinzessin regiert und zum Teil auch ausgehalten zu werden.

 

3. SPLITTER

 

GAGARINS TOCHTER

Am 12.4.01 feierte Russland den 40.Jahrestag der ersten bemannten Erdumkreisung im All, ausgeführt von Juri Gagarin. Die Tochter des Kosmonauten, Jelena, erhielt zum Fest ein schönes Geschenk- den Posten des Generaldirektors im Kreml. Das heisst allerdings nicht, sie werde jetzt Putin bevormunden. Nein- der Kreml ist nicht nur der Sitz des Präsidenten, sondern auch ein in der Welt einzigartiger Komplex von alten Palästen und Kirchen, selbst Kunstwerke ersten Grades und vollgestopft mit unschätzbaren Raritäten- Ikonen, Bildern, Plastiken, altem Mobiliar, Geschenken ausländischer Potentaten an russische Zaren u.s.w. Vieles wurde zwar in den zwanziger- dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in der Zeit der sowjetischen Industrialisierungseuphorie unter Stalin für Devisen verscherbelt, aber der Grundstock blieb. Früher für den Publikumsverkehr total geschlossen, ist der Kreml jetzt zum Pilgerort für Kunstfreunde geworden.

Jelena Gagarin wird über diese Pracht schalten und walten. Die in der alten Kunstgeschichte kundige Tochter des Mannes, der als erster in die leeren, unwirtlichen und unendlichen Räume des Alls aufstieg.

Nach Gazeta.ru.13.4.01

 

SOLSHENIZYN

Der bekannte russische Schriftsteller Alexander Solshenizyn (Archipel Gulag) sprach sich für die Todesstrafe aus. "Wir haben jetzt in Russland einen Punkt erreicht, wo die Todesstrafe zur Rettung der Gesellschaft und des Staats notwendig geworden ist."

Er deutete die ethnische Zugehörigkeit der Bürger an, die zum Wohle der Gesellschaft ihr Leben lassen müssten. Die Tschetschenen. Die inhaftierten und verurteilten Terroristen "lachen über die russische Gerichtbarkeit," weil sie wissen, dass in Russland ein Moratorium bezüglich der Todesstrafe ausgerufen wurde. Ihnen soll das Lachen aber vergehen, so Solshenizyn!

Wenn ein altes Mütterchen, das ein Stalinbild vor der Fernsehkamera schwenkt, solche Gedanken äussert, wundert es kaum. Wenn Putin droht, die Tschetschenen im Klo runterzuspülen, passt das auch in Bild. Von Solshenizyn hätte man allerdings andere Worte erwartet, eines Nobelpreisträgers würdig.

Schon in der Emigration stellte sich bei Solshenizyn diese Grundhaltung ein, die im neuen Russland, in das er zurückkehrte und dessen Weg zur Demokratie er als Katastrophe bezeichnete, erst recht seltsame Blüten zeitigt.

Er vergass, was er mal über eben die Tschetschenen geschrieben hatte. Das einzige Volk, das dem Stalinregime die Stirn bot. Auch dass er ein gläubiger Mensch ist und dass das oberste Gebot "Du sollst nicht töten" keine Ausnahme für Tschetschenen oder Terroristen vorsieht. Im übrigen wird durch Putins Zutun in Tschetschenien die Todesstrafe schon lange ausgeübt, ohne irgendwelche Ermittlungen oder Gerichtsverfahren.

In früheren Jahren war Solshenizyns Philosophie ein harmloser Totalitarismus ohne Kommunisten, gestützt auf die nationale Idee. Er forderte die "Schonung des Volkes". Doch sein Bestreben, die "seinen" zu schonen, schlug sich zu einer unbändigen Wut auf "Fremde" um. In dem Bemühen, die Hoffnungen und Wünsche des Volkes zum Ausdruck zu bringen, wurde der Schriftsteller zum Sprachrohr des Hasses. Man denke an seine Aufrufe zur Abschaffung der Ergebnisse der kriminellen Privatisierung, an die Haßtiraden gegen Spekulanten und alle neu"russischen" Geschäftsleute, die totale Mißachtung der Pressefreiheit. Der unabhängige Fernsehsender NTV? Wozu brauchen wir den, wenn das Volk darbt...Und jetzt die Aufforderung zu Menschenfresserei. Denn was in unserem Land, bei unseren Gerichten und Staatsanwälten geschieht, wenn das Moratorium auf die Todesstrafe außer Kraft gesetzt wird, das will man sich lieber nicht ausmalen.

Im hohen Alter traf der Schriftsteller Putin. Seit einiger Zeit ist Solshenizyn rückte, so etwas wie ein Guru im Kreml.

Wenn Putin auf Solshenizyn hört und das Verbot von Hinrichtungen abschafft, dann verabschiedet die Duma diese Scheußlichkeit an einem Tag in drei Lesungen. Schrecklich, daran zu denken.

3.5.01. Grani. Ru. Gekürzt.

 

LENINS GEBURTSTAG

Zum 131. Geburtstag Lenins (22.4.1870- 21.1.1924) legte eine Delegation der russischen Kommunisten (KPRF) Blumen am Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau nieder.Während des Rituals erklärte der KPRF-Chef Gennadi Sjuganow, sein Vorbild werde in der Welt immer mehr geachtet, da es einen mächtigen Staat mit gesicherten Menschenrechten (!) geschaffen habe. "Hätte es Lenin und Stalin nicht gegeben, sagte Sjuganow, wäre die Welt bis jetzt im braunen Spinnennetz des Faschismus gefangen und kein Land demokratisch". Als einer der Journalisten fragte, ob es nicht Zeit sei, die Mumie aus dem Mausoleum zu entfernen, schmetterte der KPR-Chef die Frage ab.

M. meint: soviel sich mutmassen lässt, hätte "Iljitsch" einen Sjuganow bereits lange nach Sibirien verfrachtet. Wegen des Abdriftens von der reinen Lehre zu militant- nationalistischen Ansichten, die eher dem braunen als dem roten "Spinnennetz" entsprechen.

23.4.01

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