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UNTERWEGS. FORTSETZUNG

 

EIN BRIEF AUS DER UCKERMARK  

Obwohl die Uckermark nur etwa 100 Kilometer nordöstlich von Berlin liegt, ist sie das, was die Russen „glubinka“ nennen. Das Wort könnte man mit tiefster Provinz übersetzen. Das wäre aber nicht ganz korrekt. Denn „tiefste Provinz“ hat einen  negativen Beigeschmack, „glubinka“ dagegen einen Hauch von Sympathie. Im Falle Uckermark  ist es ganz am Platze.  

Die Uckermark ist in Deutschland wenig bekannt. Aus diesem Landstrich berichten die Medien sehr selten. Was gibt es schon von hier zu berichten, denken vielleicht die Medienmacher. So gut wie keine Industrie. Die politischen Kämpfe drehen sich um lokale Probleme.  

Nach der jüngsten Europawahl in Deutschland kam aber die Uckermark in die Berichte  überregionaler Zeitungen Als das Schlusslicht in  der Wahlbeteiligung. In manchen Dörfern erschien zur Wahl nur jeder fünfte.  Ein Krähwinkel, dachten vielleicht die Leser. Was ist da schon zu erwarten. 

Aber dem Verfasser dünkt es, dass die Situation in der Uckermark auf ihre Weise einige Trends widerspiegelt, die für ganz Deutschland mehr oder weniger gelten. Da er  meistens den   Sommer in der Uckermark verbringt und gern mit hiesigen Bauern plaudert, glaubt er, etwas dazu sagen zu dürfen.   

Die Befindlichkeit der Uckermärker lässt sich am besten mit dem bei deutschen Meinungsforschern beliebten Wort „Politikverdrossenheit“ bezeichnen.  Dieses Phänomen ist hier besonders deutlich zu spüren, weil  die Uckermärker der Meinung sind, von der Politik  betrogen worden zu sein. Von jener Politik, die den Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung blühende Landschaften versprach.   

Blühende Landschaften sieht man allerdings in der Uckermark auf Schritt und Tritt. Nicht im übertragenen, sondern im direkten Sinne des Wortes.  Landschaften, die nicht die Politik versprach, sondern  der Herrgott nach der Schöpfung der Welt hier zustandebrachte. Große Wälder, unzählige Seen, Wiesen mit  Blumenpracht. Ein Naturparadies auf Erden.  

Deshalb wohl halten die Uckermärker ihre uralten, aus Feldstein gebauten, riesigen Kirchen  in Ehren und zeigen der Politik die kalte Schulter.  

Formell hat  die Politik das zur Zeit der großen Wende Versprochene gehalten. Die uckermärkischen Bauern bekamen ihre Schollen zurück, die in der DDR- Zeit von den Landwirtschaftskooperativen bewirtschaftet worden waren.  Dass die Bauern  ihr Land wieder haben, wäre nur gut und billig, hätten sie auch auf den zurückerhaltenen Parzellen mit Gewinn arbeiten können. Aber es stellte sich heraus, dass ihre Produkte niemand brauchte. Sie wurden  dafür bezahlt, dass sie ihre Parzellen brach liegen ließen. Und das wollte nicht so richtig in ihre Köpfe. In die Köpfe der Bauern, deren Vorfahren  seit Jahrhunderten hier ansässig waren. Das ist ein Grund für die Politikverdrossenheit  in der Uckermark.   

Ein  anderer hängt mit der in Aussicht gestellten Demokratie zusammen. Die Demokratie verstanden  sie so, dass sie nach der Wende mitsprechen dürfen, wenn es um ihre Belange geht. Doch mussten sie bald erfahren, dass Demokratie  ist, wenn über ihre Belange die Obrigkeit entscheidet. Und nicht mal die aus dem eigenen Land, wie zu DDR-Zeiten, sondern eine aus dem Ausland. Die EU-Obrigkeit in Brüssel. Denn zu oft hören sie, wenn es um ihr Wirtschaften  geht, die EU hätte dies genehmigt und das andere nicht.  Und sie verstehen nicht so recht, warum über ihre Probleme im fernen Brüssel entschieden werden soll. Das hat auch an ihrer Politikverdrossenheit schuld.    

Deshalb wohl regieren in größeren Städten der Uckermark PDS- Bürgermeister. Die Nachfolgerin  der Staatspartei der DDR schneidet bei den Wahlen besser ab als die Parteien der gegenwärtigen Regierungskoalition. Vermutlich auch,  weil sich die PDS zur EU anders positioniert hat.  Dickschädel, lassen  sich die Uckermärker von der PDS-unfreundlichen Propaganda im Lande  nicht beeinflussen. Umso weniger, dass sie außer dem politisch neutralen Lokalblatt keine Zeitungen lesen und im Fernsehen  nur das angucken, was unterhaltend ist.   

Ich glaube, sie hätten sich mit russischen Bauern, die sich ungefähr in ähnlicher Lage befinden, gut verstanden.   

2.     

Dem Verfasser ist diese Gegend doppelt sympathisch, weil sie an Russland erinnert. Nicht nur landschaftlich. Hier scheint etwas russisches  in der Luft zu liegen. Und in den Menschenseelen  auch.   

Als ich einem hiesigen Bekannten diesen Eindruck mitteilte, äußerte er die Vermutung, es hänge damit zusammen, dass die Uckermark  vor vielen  Jahrhunderten von einem slawischen Stamm, und zwar von den Ukranen besiedelt worden war. Nun, die halb legendären Ukranen können kaum etwas damit zu tun haben. Aber was es ist, lässt sich kaum ermitteln. Und wozu?  

Übrigens werden alle Zeugnisse der ukranischen Vergangenheit hier so eifrig gesammelt und untersucht, als hätten sie aktuelle Bedeutung. Kaum hat ein Junge im Wald einen ausgehöhlten Stein entdeckt, kommen Archäologen, identifizieren den Stein als ein ukranisches Gerät zur Mehlzubereitung. Dann werden Dissertationen geschrieben und der Stein wandert auf einen Ehrenplatz in ein Museum.   

In dem Dorf, wo ich jeden Sommer verbringe, gibt es eine Anhöhe mit den Resten eines Erdwalls. Die Forscher halten diesen Wall, an dem ich vorbeigegangen wäre, ohne ihn zu beachten, für eine urzeitliche ukranische Festung. Jetzt werden hier Dorffeste gefeiert. Wobei man strengstens darauf geachtet wird, dass die vermeintliche Festung keinen Schaden erleidet.   

Sie hat übrigens dem Dorf etwas gebracht. Der kluge, leider verstorbene Bürgermeister machte, darauf pochend, einen beträchtlichen EU- Zuschuss für die Sanierung des Dorfes flüssig. Mit dem EU- Geld wurden hier Straßenlaternen im antiken Stil aufgestellt und viele andere exklusive Sachen bezahlt. Die  Bauern haben dafür dem Bürgermeister mit einem  Denkmal gedankt.   

Vielleicht findet jemand das alles komisch. Ich finde es rührend. Ich meine, es zeugt davon, dass der den Deutschen oft gemachte Vorwurf der Überheblichkeit gegenüber anderen, insbesondere slawischen Völkern, so nicht stimmt. Jedenfalls habe ich in der Uckermark keine Spur davon bemerkt. Auch  über die Russen, die man hier vor allem als Soldaten der Sowjetarmee kennen gelernt hat, sprechen die meisten Uckermärker mehr oder weniger freundlich. Die unerfreulichen Aspekte der etwa fünfzigjährigen Stationierung der sowjetischen Truppen in dieser Gegend haben die Menschen anscheinend verdrängt. Und die Anekdoten, die sie erzählen und die sich zumeist um die  russische Trinkfestigkeit drehen, sind selten bösartig.   

Die uckermärkische Kreisstadt Prenzlau war Jahrhunderte lang eine preußische Hochburg. Die uckermärkischen Soldaten zeigten sich von der besten Seite, als es galt, die Eroberer abzuwehren, die  Deutschland von der Ostsee her heimsuchten. Aber als 1945 die sowjetischen Streitkräfte an Prenzlau heranrückten, wurde ihnen die Stadt kampflos übergeben. Darin kam der gesunde Verstand der hiesigen Menschen zum Ausdruck.  

3.

Leider erinnert die Uckermark an ländliche Gegenden in  Zentralrussland Russland nicht nur durch ihr besonderes Fluidum, sondern auch in einer anderen Hinsicht. Ich meine die wirtschaftliche Lage.   

Wenn man  als Tourist hierher kommt, ist man in manchen Dörfern angenehm überrascht. Schmucke Häuser, gepflegte Gärten, intakte Autostrassen. Wenn man aber öfter kommt und länger als ein normaler Tourist bleibt, versteht man, wie schwierig die Wirtschaftsprobleme hier sind. Das schwierigste davon ist die flächendeckende Arbeitslosigkeit.  

In der letzten Zeit wurden hier viele Windstromgeneratoren aufgestellt. Wohin man auch blickt, sieht man ganze Reihen  von diesen modernen Windmühlen, die einmal Atomkraftwerke ersetzen sollen.  Da die Uckermark  sehr windig ist, sind  die riesigen Arme der Windmühlen in ständiger Bewegung. Das ist gut. Aber Arbeitsplätze entstehen dadurch kaum. Immer mehr Uckermärker müssen im Unterschied zu den Windmühlen ihre Arme in den Schoß legen. Und das ist alles andere als gut.  

Zwar hat die Uckermark die in Ostdeutschland nach der Wiedervereinig übliche Deindustrialisierung nicht erlebt. Auch vor der Wiedervereinigung gab es hier so gut wie keine Industrie. Die Uckermark war schon immer eine Landwirtschaftsregion. Aber früher waren landwirtschaftliche Produkte von hier  gefragt.  Die landwirtschaftlichen Kooperativen beschäftigten viele Menschen. Und kamen über die Runden.  

Ob damals die Produktionskosten in der Uckermark höher lagen als die   Kosten mancher Großproduzenten der Welt, spielte keine ausschlaggebende Rolle. Es wurde erst nach der Öffnung zum Weltmarkt hin ausschlaggebend. Wie das auch die russische Landwirtschaft erleben musste. Mit sehr ähnlichen Folgen.   

Während längerer Spaziergänge um das uckermärkische Dorf, wo ich absteige, treffe ich oft hiesige Bauern. Jedes Mal staune ich, wie stabil sie  gebaut sind.  Die Erben vieler Bauerngenerationen, die auf dieser Erde schwer, aber fleißig  gearbeitet haben. Und sich kein Leben ohne  Arbeit auf der Scholle oder in der Viehzucht wünschten.  

Jetzt hat ihnen der weltweite Markt die Arbeit genommen. Das Korn kommt aus Kanada nach Deutschland. Das Fleisch aus Australien. Und so weiter und so fort. Viele  uckermärkische Bauern sind überflüssig geworden. Weltmarktwirtschaftlich gesehen.  

In Russland   setzt sich auch der Prozess fort, dem  ein russischer Witz gilt. Nach diesem Witz reichen die russischen Kornfelder bis nach Kanada  und die russischen Viehställe bis nach Australien.  Nichts gegen kanadisches Korn und australisches Fleisch. Aber warum sollen die Importe den eigenen Bauern das Leben schwer machen. Gibt es denn in der Welt, wo jährlich zig Millionen vor Hunger sterben, zu viel Lebensmittel? Diese Logik der Globalisierung ist keine menschliche Logik. Eher die der Menschenfresser.   

4.  

Mag die wirtschaftliche Situation in der Uckermark an die in ländlichen Regionen Zentralrusslands in mancher Hinsicht erinnert,  ein gewaltiger Unterschied gibt es trotzdem. Er resultiert daraus, dass der deutsche Staat  den notleidenden deutschen Bauern viel mehr Hilfe zukommen lässt als der russische seinen. Würden die russischen Bauern soviel Arbeitslosen- oder Sozialhilfe erhalten wie die deutschen, ginge es ihnen ganz anders. Dann würde  man in den Dörfern Zentralrusslands  nicht seltener als in der Uckermark schmucke Bauernhäuser sehen und zwischen den  Dörfern gute Autostrassen fahren können.  

Doch hatte Deutschland viel mehr Geld für seine Bauern übrig als Russland.      

Ob es so bleibt, ist allerdings fraglich. Bekanntlich werden in Deutschland die sozialen Hilfeleistungen und die Renten zur Zeit  runtergefahren. In der Uckermark wird darüber viel gesprochen. Die  Menschen hier, die vor allem vom Geld aus den öffentlichen Töpfen leben, haben Angst und Bange. In Russland dagegen verspricht die Regierung, die sozialen Netze dichter zu knüpfen. Warten wir ab, ob das Versprechen gehalten wird.  

Wie dem auch sei, hebt  auch die großzügige Hilfe  die Widersinnigkeit der Lage nicht auf. Die fleißigen,  hochqualifizierten Bauern werden auf einer guten, ertragreichen Erde zu Hilfeempfängern, weil der Markt es so will. Der Markt, der nicht nur  blühende, sondern auch elendige Landschaften schafft, wie wir alle es in Russland und Ostdeutschland erleben mussten.  

Wenn man daran denkt, versteht man, warum der vor kurzem erfolgten EU- Osterweiterung, das heißt der Erweiterung der von nationalen Regierungen nicht mehr  kontrollierbaren Wirtschaftsverhältnisse,  in der Uckermark  nicht nur mit Freude begegnet wird. Zwar versteht man hier , dass es  sehr gut ist, wenn die Länder, die sich in der Vergangenheit oft aufs Messer bekämpften, näher aneinander rücken, um eine Wiederholung der früheren Katastrophen auszuschließen. Aber man wünscht sich auch, dass die Integration kein böses Blut schafft. Sonst werden ihre Vorteile zumindest beeinträchtigt und ihre Nachteile größer. Im Falle Russlands bestehen  die Nachteile bekanntlich in der Behinderung russischer  Exporte nach Osteuropa, die auch durch die mit der EU getroffenen Vereinbarungen nicht voll ausgeglichen wird. In Ostdeutschland geht es vor allem um eine neue Situation auf dem Binnenmarkt, die, trotz der abfedernden Regelungen,  einheimischen Produzenten und Arbeitnehmern wenig Erfreuliches verspricht. Vor allem in solchen Landstrichen wie die Uckermark, die unmittelbar an der Grenze zum größten osteuropäischen EU- Neuling, auch dem   größten europäischen  Reservoir billiger Arbeitskräfte und billiger Landwirtschaftsprodukte liegt.  

Die uckermärkischen Bauern und Handwerker sind von Hause aus nicht fremdenfeindlich.  Aber in der letzten Zeit berichteten die lokalen Blätter von Ausfälligkeiten gegenüber dem polnischen Nachbarn, die von heute auf Morgen nicht nur Nachbarn, sondern auch Konkurrenten geworden sind.   

Man muss allerdings anerkennend sagen, dass die uckermärkische Öffentlichkeit viel tut, um dieser Tendenz entgegenzusteuern.  Ständige und sehr freundliche Berichterstattung aus dem Nachbarland in der lokalen Presse und im Radio, gemeinsame deutsch- polnische Feste, Ausstellungen  und vieles andere mehr sind hier gang und gäbe. Dennoch zeigt die europäische- und nicht nur die europäische- Geschichte, dass  Aufklärung nicht viel hilft, wenn die ökonomischen Interessen tangiert werden. Auch ein toleranter Mensch reagiert ärgerlich, wenn er annimmt, jemand will ihm in die Tasche langen. Dann ist es nix mit der großen europäischen Idee. Insbesondere, wenn derjenige, der die Gefahr wittert,  ohnehin die sinkende Lebenshaltung in Kauf nehmen muss.   

5.  

Die Arbeitslosigkeit in der Uckermark bringt eine Landflucht mit sich, die bereits gravierende Folgen hat. In vielen Dörfern trifft man keine jungen Menschen mehr. Sie sind weit weg, weil sie woanders auf einen Arbeitsplatz hoffen. Eine Situation, die einem russischen Journalisten bekannt vorkommt. Ähnliche Bilder von verwahrlosten und entvölkerten Dörfern  sah man auch vielerorts in Zentralrussland, als die sowjetische Regierung eine bauernfeindliche Politik betrieb. Das russische Dorf, ausgeplündert, um den Industrieaufbau zu finanzieren, kam damals auf den Hund. Die Bauern strömten in die Städte. In Generationen  anerzogener Fleiß und die Liebe zur Heimaterde gingen verloren. Das hat bis jetzt Nachwirkungen. Die russische Landwirtschaft kommt und kommt nicht richtig auf die Beine. Russland wird mit Lebensmittelimporten überflutet, da diese konkurrenzfähiger sind als die eigene Produktion. Die heutige Regierung muss sehen, wie sie die Entwicklung in den Griff bekommt. Auch weil die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten die Sicherheit eines Landes gefährdet.   

Paradoxerweise steht auch Deutschland vor ähnlichen Problemen. Seine Zugehörigkeit zur EU macht ihre Lösung nicht leichter. Brüssel passt höllisch darauf auf, dass in keinem EU- Land die staatlichen Zuschüsse für die Landwirtschaft über das vorgeschriebene Maß hinausgehen. Dass dadurch  ganze Landstriche entvölkert werden, ist den Bürokraten egal.  

Zurück zur Uckermark, muss ich gestehen, dass ich mich sehr wunderte, als ich hier nicht nur schmucke, sondern auch recht hässliche Dörfer sah. Sie erinnerten mich  an die sogenannten „zukunftslosen“ Dörfer im Russland der Sowjetzeit. Dörfer, wo die wenigen, noch verbliebenen Bewohner nicht mehr mit Waren des täglichen Bedarfs beliefert wurden. Wo keine Busse fuhren. Keine Ärzte  Sprechstunden hielten. Und die Schulen schlossen, weil keine Kinder mehr geboren wurden.  

Zwar wird in Deutschland  zwischen „zukunftsträchtigen“ und  „zukunftslosen“  Dörfern offiziell nicht unterschieden. Selbst die recht idiotische Terminologie ist unbekannt. Aber Dörfer ohne Läden, ohne Verbindung zur Außenwelt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ohne Ärzte und ohne Schulen gibt es. Mindestens in der Uckermark. Es wunderte mich, in Deutschland das vertraute,  höchst bedauerliche Bild zu finden.  

6.  

Die Landflucht aus der Uckermark wird zum Teil dadurch ausgeglichen, dass in diese reizende Gegend viele Berliner kommen und sich hier ansiedeln. Es sind zumeist Rentner, die,  der Großstadt satt, hier die saubere Luft, die mit Rehen und Füchsen begnadeten Wälder, die unzähligen klaren fischreichen Seen  und die Ruhe genießen wollen. Auch Künstler, besonders Landschaftsmaler,  finden hierher. Verständlicherweise. Denn wo sonst noch gibt es  derart inspirierende Landschaften.  

Obwohl die Berliner als Bezieher von Lebensmitteln und Dienstleistungen willkommen sind, wird ihnen mit gemischten Gefühlen begegnet. Man nennt sie spöttisch Buletten. Mitunter werden sie scheel angesehen, besonders wenn sie die Dörfler etwas von oben herab behandeln.   

Warum es so ist, lässt sich erraten. Die hiesigen Dorfgemeinschaften sind in Jahrhunderten zusammengewachsen. Im Unterschied zu Russland, wo in den Jahren der Sowjetmacht die ganze Bevölkerung, auch die ländliche, wie in einer riesigen Waschmaschinentrommel durchgeschüttelt wurde, konnten sich hier die Dorfgemeinschaften in vielen Fällen  halten.  Man starb dort, wo man geboren wurde. Oft. Was in Russland eher selten ist.  

Deshalb ist  hier der informelle Zwang viel deutlicher zu spüren. Der Zwang zum korrekten Verhalten, der nicht vom Staat, sondern von der Allgemeinheit ausgeübt wird. Auf dem flachen Lande ist jeder  fremden Blicken ausgeliefert. Und wenn er sich daneben benimmt, kann er einpacken. Wenn die Dorfgemeinschaft funktioniert.   

Bezeichnenderweise sieht man in den uckermärkischen Dörfern  keine Polizisten. Überhaupt keine. Ich glaube, das einzige Polizeirevier befindet sich in der Kreisstadt Prenzlau. Aber auch von dort lässt sich niemand  blicken. Kein Bedarf. Für Ordnung sorgt die den Deutschen angeborene Gesetzesachtung. Und eben der informelle Zwang.   

Der  Zuzug der Menschen aus Berlin droht, zumindest in den Augen der Alteingesessenen, diese Verhältnisse durcheinander zu bringen. Die Großstädter kennen nämlich den informellen Zwang viel weniger. Und wollen sich ihm oft nicht beugen.    

Wenn ich daran denke, erinnere ich mich an einen drastischen Ausdruck des Gründers des Sowjetstaates, Wladimir Lenin. Bekanntlich konnte er die Dörfler nicht leiden. Er nahm ihnen ihren Konservatismus sehr übel. Die besondere, auf dem informellen Zwang ruhende Sittlichkeit des Dorfes schimpfte  er „die Idiotie des Dorflebens“.   

Die Sowjetmacht tat ihr Bestes, um diese „Idiotie“ aus der Welt zu schaffen. Die Menschen in Russland können sich noch daran erinnern, was es brachte. Das Dorf wurde  von Alkoholismus und   Kriminalität heimgesucht. Ein Dorfbewohner, der nicht mit dem Kittchen Bekanntschaft schloss, wurde zum Ausnahmefall.    

In der Uckermark ist es anders. Hier wird in den Dörfern viel gefeiert, aber auch an Festtagen sieht man keine  Betrunkenen. Und  Schlägereien schon gar nicht. Auch gestohlen wird mäßig. Meistens Fahrräder. In den entlegenen Dörfern stehen wie anno dazumal  manche Häuser unverschlossen. Man hat den Eindruck,  die noch erhaltene und gepflegte Zusammengehörigkeit  hilft den uckermärkischen Bauern, die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern.   

7.   

Das gezeichnete Bild von der Uckermark wäre unvollständig, hätte ich dabei eine Institution ausgespart, die im Leben des uckermärkischen Dorfes eine  Rolle spielt. Die Kirche.   

In der  Uckermark ist es vor allem die evangelische Kirche. Die andere in Deutschland stark vertretene Konfession, die katholische, hat hier viel weniger Anhänger.   

Was  die evangelische Kirche hier leistet, konnte ich aus nächster Nähe beobachten, ohne hoffentlich jemand zu stören. Denn im großen und modernen Haus, wo die hiesige Pastorin wohnt und amtiert,  miete ich eine Einliegerwohnung.   

In der Sowjetzeit war ein Pope in Russland nur  für kirchliche Rituale zuständig, sonst für nichts. Eine andere Tätigkeit blieb ihm verwehrt. Auch hier obliegt einem Pfarrer oder, in unserem Fall einer Pfarrerin, die ritualisierten Handlungen vorzunehmen. Kirchliche Vermählungen (in den Dörfern der Uckermark aus den bereits angeführten Gründen selten), Taufen (auch nicht viel öfter), Totenfeier (leider viel zu oft). Regelmäßige Gottesdienste sowieso. Aber die Pastorin, die unsere Nachbarin ist, tut viel mehr. Sie betreut ihre Schäfchen  umfassend. Erteilt ihnen in allen Lebenslagen, allerdings nur nach Wunsch, guten Rat, kümmert sich um ihre Freizeit,  besucht sie, wenn sie bettlägerig sind, usw. usf.   

Sie fühlt sich für alles zuständig, wie ein Kreisparteisekretär  im Russland der Sowjetzeit. Mit dem  Unterschied, dass ein Parteisekretär vor allem für die pünktliche oder noch besser vorzeitige Ablieferung der staatlich festgelegten Mengen von landwirtschaftlichen Produkten gegen ein symbolisches Entgelt zuständig war. Das machte ihn in den Augen der geschröpften Bauern nicht sympathischer. Seine aufdringlichen Belehrungen in der kommunistischen Ideologie trugen seiner Popularität auch nicht gerade bei. Die Pastorin dagegen nimmt niemandem etwas und drängt keinem die christliche Lehre auf. Sie hilft. Und deshalb wird sie geachtet und ist den Leuten willkommen.   

Wenn man alle von ihr angeregten  Veranstaltungen zusammenzählt, wird es eine ganze Menge. Ein Kreisparteisekretär hätte dafür Orden gekriegt und wäre in der Hierarchie vorgerückt.  Aber kaum jemand von diesen machte so viel. Obwohl den Parteisekretären  ganze Stäbe festangestellter Funktionäre zur Hand standen.   

Die Pastorin  steht allein da. Wenn man ihre  freiwilligen Helferinnen und Helfer nicht berücksichtigt, die, wie es in der bereits antiquierten Sprache heißt, „gesellschaftliche Arbeit“ leisten. Also, sich für die Allgemeinheit einsetzen, ohne daran was zu verdienen.   

Die kommunistische Ersatzkirche, der der Verfasser etwa ein halbes Jahrhundert angehörte und die sich die Partei nannte, ging im Grunde genommen daran kaputt, dass sie die Achtung vor dem Menschen zwar deklarierte , aber nicht praktizierte. Im Unterschied zu jener christlichen Kirche, die in der Uckermark tätig ist. 

8.   

Wie geschildert,  hat  das Leben in der Uckermark  sowohl Licht als auch Schatten. Zur Zeit überwiegen die Schatten. Aber das uckermärkische  Bauernvolk lässt sich dadurch nicht beeindrucken. Zumeist sind die Uckermärker  nicht nur physisch, sondern auch psychisch  robust.  

Zusammen mit vielen   von ihnen glaubt  der Verfasser an die Zukunft dieses Landstrichs. Er glaubt , dass die Zeit für die Uckermark arbeitet. Mit der Zeit gewinnen jene Schätze  an Wert, die jetzt noch auf keiner Börse der Welt gehandelt werden. Es sind die vom Menschen  nicht verschandelten Naturräume. Im Unterschied zu  im Preis immer höher kletternden Erdöl und Erzen, erst recht im Unterschied zu Industrieerzeugnissen lassen sie sich nicht mit Maschinen herstellen, beziehungsweise gewinnen. Sie muss man  haben.   

Das gilt übrigens auch für Russland, das vielleicht  zehntausend mal größer ist als die Uckermark. Jetzt sind die russischen Naturbedingungen eher nachteilig. Es ist eine Sache, wenn eine Erdölquelle am warmen Meer liegt und Erdöl ohne größere Behinderungen gewonnen und transportiert werden kann. Und eine ganz andere Sache, wenn sich die Erdölfelder nicht weit vom Polarkreis in der unwegsamen Tundra befinden, wo im Winter die Quecksilbersäule minus 60 zeigt. Aber auch diese  jetzt  wenig bevölkerten und bewirtschafteten riesigen russischen Territorien, die  das deutsche  Fernesehen  mit Vorliebe zeigt, werden eines Tages zum großen  Trumpf Russlands.   

Deshalb bin ich skeptisch, wenn manche deutschen Experten Russland keine gute Zukunft voraussagen, weil die russische Wirtschaft zur Zeit in der Weltrangliste sehr tief steht. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in die Zukunft zu extrapolieren, kann täuschen. Die Wirtschaftsentwicklung hängt nicht von Robotern, sondern von Menschen ab. Wer hätte Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Russland am Boden lag, daran gedacht, dass es ein halbes Jahrhundert später als erstes Land der Welt ins Weltall vorstoßen wird.         

Zwar ist nicht zu erwarten, dass die Uckermark, um zu ihr zurückzukommen, eine Expedition zum Mars oder zur Venus schickt. Aber es ist gut möglich, dass dieser der Mehrheit der Deutschen, von den anderen Völkern schon ganz zu schweigen, wenig bekannte Landstrich  einmal in aller Munde sein wird. Als Inbegriff einer Oase in Europa, wo man vieles vorfindet, was es anderswo nicht mehr gibt.

18. 6.04

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