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Hier sind Reiseberichte archiviert. Vor allem von der Reiselustigen aus dem Matrjoschka-team. Aber auch von Lesern der Seite, die Russland bereisten.

1.KALININGRAD (KÖNIGSBERG)

2.KOSMOS

3.DEUTSCHLAND MIT RUSSISCHEN AUGEN GESEHEN

4.RUSSLAND MIT FREMDEN AUGEN GESEHEN

5.ÜBRIGE LÄNDER

6.TUWA 

 

KALININGRAD


Die Russen sind wie immer. In den Geschäften gibt es mittlerweile alles,vor allem aber auch noch 6 bis 12 Verkäuferinnen. Super-Colgate oder JACOBS-Cafe kostet soviel wie bei uns. Ein Chefarzt verdient 97 Mark 20 im Monat. Lenin steht vor dem Rathaus. "Er hat uns geprägt, warum sollen wir ihn weg machen". Die 30jährigen jungen Leute reden weder von Shukow noch von Gerneral Flach, sondern von visa-freiem Verkehr, von der Schweiz oder dem INTERNET. Für 10 Mark kann man alle Computerprogramme dieser Welt auf einer CD kaufen. In unserem Hotel, ausserhalb der bewachten Stadtgrenze, wohnt außer der deutschen Gruppe noch eine Fußballmannschaft. Der Weckdienst funktioniert per Klopfzeichen und 25 Minuten später.Wenn der Nebel am Morgen steigt oder fällt, ist es einem so, als würde man jeden Moment zum Johannes Bobrowski oder ETA Hoffmann.Hotelfrühstück wie im Kinderferienlager. Im Foyer spielt ein Offizier in Uniform plötzlich und aus freien Stücken am Klavier. Früh um 7 Uhr 45 bevor es Kaffee gibt. "Let It Be" . Ich denke an "Back In The U.S.S.R." Auf den Empfängen viele kleine Jelzins und nicht wenige andere, Mini-Oligarchen zwischen 30 und 40. Die Frauen tragen sehr kurze Röcke und riechen wie jene damals in Karlshorst.Im Rathaus, in der Garderobe, sitzt Mütterchen Rußland persönlich. In den
Wirtschaftsgesprächen treten junge Leute auf. Ihr Eigenkapital liegt im Schnitt bei 2,7%, das öffentliche bei 0,7%. Die fehlenden 96,6 % werden gesucht. Wie man sich bei 80 bis 100 DM Monatsverdienst eines der vielen gebrauchten Autos kaufen kann, oder ein gute Wohnung, bleibt ein Geheimnis.
Auch für die stellvertretende Bürgermeisterin, auf deren TV ein Putin-Mini-Bild steht und in deren Stadt Schlaglöcher von der Größe einer Weitsrprunggrube keine Seltenheit sind.Die See- bzw. Marinesoldaten tragen noch diese wunderschönen gebogenen und geschwungenen Mützen. Ich glaube, sie haben keine Schiffe mehr. Im Hafen viele Kräne. 19 Uhr drehte sich nur noch einer. Die Kähne, große und kleine, liegen da, als würden sie jeden Augenblick versinken.In dern Cafes Mafia-Beschützer und viele Zertifikate an den Wänden. Ein Kaffee kostet 8 Rubel im Restaurant. Für 2 Rubel gibt es eine Schachtel Zigaretten mit STALIN Bild. Aufschrift: Prikas werxownowo glawnokommandujuschewo- ni schagu nasad!" (Der Befehl: keinen Schritt zurück!) Die Märkte bunter und üppiger als in Berlin. Exotisch.Nichts fehlt. Vor den Märkten verkaufen alte Frauen Plastebeutel, Einziehgummi, Kugelschreiber, alte Telefone, Steckdosen, Kernseife oder Topfplappen. Auf der Strasse große Werbeflächen. Unter anderem:" ARD- nowaja epocha" Aus dem D schlängeln sich 2
Frauenbeine? In den Toiletten kein Klopapier. Wenn man um Papier bittet, bekommt man ein Handtuch
oder Tempotaschentücher. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, daß ich um Papier bat, weiß ich doch seit 2000 Jahren, daß auf russischen Toiletten kein Papier ist. .

Anm. von m.: Wenn in einem Reisebericht aus Russland die russischen Toiletten mit besonderer Verve beschrieben werden, ist der Verfasser in den meisten Fällen ein Ossi. Bekanntlich mussten die DDR-Menschen dem älteren Bruder öffentlich weihräuchern. Klammheimlich aber suchten sie im russischen Alltag nach Mängeln und Skurrilitäten. Sehr genüsslich weideten sie sich z.B. an den russischen Scheisshäusern.

Die oben zitierte eMail bezeugt, dass ein Ossi auch jetzt, zehn Jahre nach der Wende, ein Ossi bleibt.

30.4.01

EINE LESERÄUSSERUNG DAZU

Mit dem Ossi- Wessi hat die Geschichte nichts zu tun. Der es geschreiben hat, könnte auch ein Wessi sein. Gesetzt den Fall, das Klopapier nimmt in seiner Welt einen zentralen Platz ein. Der Chefarzt, der im Monat weniger verdient als sein deutscher Kollege in zwei Stunden, die alten Mütterchen, die das Letzte verkaufen müssen, kommen in dem Bericht auch vor. Aber nebenbei. Hervorgehoben wird, dass die Russen dem Deutschen eine Toilette ohne Klopapier zumuten. Die Barbaren- dem kulturvollen Menschen.
R.S.

30.4.01

KALININGRAD? NEIN, KÖNIGSBERG. Ein Leserbrief.

Das russische Ostpreussen (Kaliningrader Gebiet) soll ein Musterbeispiel der Marktwirtschaft abgeben. Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg, aber das wunderwirkende Wort "Dawai, dawai!" (Los, los!) wurde bereits gesprochen. Und zwar auf einer Regierungssitzung in Moskau.

Der erste Schritt soll die Beseitigung aller bürokratischen Entwicklungshemmnisse sein. Darauf drängt German Gref, Putins deutschstämmiger Wirtschaftsminister.

Die Sache ist hochpolitisch, meinte er. Nach dem Beitritt Polens und Litauens zur EU wird die Ostseemetropole von Europa umgeben sein. Um nicht geschluckt zu werden, muss sie wirtschaftlich erstarken.

Anm. v.m: Wir haben eine konstruktive Ergänzung. Da Stalin der eroberten Ostseemetropole den Namen seines Vorzeigepräsidenten Michail Kalinin gab, um sie zu entwürdigen, muss sie wieder Königsberg heissen. Selbst der Name würde dann den polnischen und litauischen Nachbarn die nötige Ehrfurcht einflössen. Eine gewiss leichtere Lösung, als der wirtschaftliche Aufbau der Stadt.

23.3.01

KOSMOS

Matrjoschka fliegt ins All. Vorläufig nur virtuell.

Im Russischen Haus zu Berlin fand eine Internationale Raumfahrtkonferenz statt.

An der Konferenz nahmen führende Theoretiker und Praktiker aus mehreren Ländern, vor allem aus Russland und Deutschland teil. Aber es ging hier nicht nur um die reine Wissenschaft und Technik, sondern auch um jene Aspekte der Raumfahrt, die auch einem Laien verständlich sind und naheliegen. Vor allem um jene Erkenntnis der Zusammengehörigkeit aller Menschen auf dem Planeten Erde, die sich nach dem einhelligen Zeugnis aller Kosmonauten während einer Erdumrundung wie von selbst einstellt. Seit dem ersten bemannten Weltraumflug des legendären Juri Gagarin vor 40 Jahren ermahnt daher die Kosmonautik zu weltweiter Solidarität. Und auch wenn dieser Impuls noch keine durchschlagende Wirkung gezeigt und die Gattung Mensch bis heute nicht richtig zueinander gefunden hat, wächst die Hoffnung darauf. Denn die Raumflüge erfordern nicht nur die internationale Bündelung aller Ressourcen, sondern führen vor Augen, welche furchtbaren Konsequenzen drohen, wenn die Menschen es nicht schaffen, ihr Bewusstsein mit dem technischen Fortschritt in Einklang zu bringen.

Darüber sprachen vor allem die russischen Weltraumpioniere, die wohl auf die reichsten Erfahrungen in ihrem Fach zurückblicken können. Unter anderem auch auf die der internationalen Zusammenarbeit bei der Vorbereitung und Durchführung bemannter und unbemannter Kosmosflüge.

Auf der Konferenz wurde vielfach zum Ausdruck gebracht , dass seit dem gemeinsamen russisch- amerikansischen Projekt "Apollo- Sojus" die russischen Weltallschiffe zu Ausbildungsstätten für Kosmonauten mehrerer Länder geworden sind. Bei ihrer Nutzung durchs Ausland steht übrigens Deutschland unmittelbar nach den USA. Darüber sprachen anerkennend der deutsche Kosmonaut Merbold, die Wissenschaftler Berge und Weber vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Sie betonten den Nutzen der Kooperation mit Russland bei der Tätigkeit im All, die immer mehr hilft, bei der Lösung von Problemen auf der Erde voranzukommen. Darunter in der industriellen Hightech, bei der wirtschaftlichen Planung, der Wetterprognose, aber auch in der Medizin, deren mit der Erschliessung des Alls zusammenhängende Fortschritte einen Schwerpunkt auf der Konferenz bildeten.

Es wäre natürlich blauäugig anzunehmen, in der weltweiten Raumfahrtindustrie gäbe es keine von aussen hereingetragenen Probleme. Hier lassen sich Rivalitäten und Selbstsucht schmerzlich spüren, die auch sonst die internationale Zusammenarbeit erschweren. Auch darüber sprachen die Teilnehmer der Konferenz sowohl in den Debatten, als auch ausserhalb der Tagesordnung. Insbesondere die nichtrussischen Teilnehmer, selbst Amerikaner kritisierten die Haltung der USA, die ihre industriellen und finanziellen Muskenl auch auf dem Gebiet der internationalen Raumaktivitäten spielen lassen. Darauf sind manche Probleme zurückzuführen, die den Bau des neuen internationalen Forschungslabors erschweren, das die russische Weltraumstation "Mir", längst zum Inbegriff der wissenschaftlichen Zusammenarbeit im All geworden, ersetzen soll. Dieses riesige Projekt wäre viel weiter gediehen, hätte die USA- Administration die Finanzierung nicht immer wieder gedrosselt. Hierin äussert sich krass, dass der Fortschritt der Politik dem in der Technik weit hinterherhinkt. Insbesondere wenn man bedenkt, welche Unsummen die USA- Administration in den Bau der separaten kosmosgestützen Raketenabwehr stecken will, obwohl diese nach der vielfach geäusserten Meinung der Experten nichts Positives bringen kann.

Insgesamt zeugte die Konferenz in Berlin über die Strategie der Raumfahrt vom Entstehen einer internationalen Gemeinschaft der Kosmonauten, Wissenschaftler und Ingenieure. Einer Gemeinschaft, die nicht nur das All erschliesst, sondern auch dem politischen, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt auf der Erde beitragen und somit sichern will, dass die kosmische Wissenschaft und Technik ausschliesslich dem Wohl des Menschen dient.

Die Konferenz zeigte auch, wie gross das intellektuelle Potenzial russischer Raumforscher und Konstrukteure ist und wie viel dem heutigen Russland zur Realisierung des Potenzial fehlt. Ein Jammer!

21. 3.01

DEUTSCHLAND MIT RUSSISCHEN AUGEN GESEHEN

Hochstadt bei Frankfurt/Main. Ein Bericht der geschichtsbewussten Matrjoschka.

Es gibt in Hochstadt bei Frankfurt/Main viel Fachwerk. Zwei Dutzend Kilometer weiter stehen Wolkenkratzer aus Beton, Stahl und Glas. Und? Die sieht man auch in Moskau jetzt. Wenn auch weniger hoch.

Aber Fachwerkhäuser. Viele Jahrhunderte alt. Jedes mit seinem eigenen, schmalen, von der Zeit zernagten Gesicht. Ein Haus höher, eins niedriger. Mit hölzernen Fensterläden. Und bronzenen Klopfern an den Türen.

Das sind Domizile des gemütlichen Lebens. Eines Lebens, das dem Wichtigsten gilt: Arbeit, Essen, Trinken, Schlafen, Kinder zeugen. Keine Revolutionen, keine Feldzüge, keine Sternenflüge.

In den Strassenzügen keine Spur von Geometrie. Sogar die Ziegelsteindächer sind verschieden. Farblich und auch nach der Form des Ziegelsteines. Und die Backsteine in den Wänden sind von verschiedener Farbe. Die einen ganz rot, die anderen als hätte sich die grünliche Patina darauf gesetzt, die dritten- grau.

Aber alle Häuschen OK. Adrett. Als hätte der Zahn der Zeit an ihnen nicht genagt. Jedenfalls sind es keine Ruinen.

Vielleicht noch mehr beeindrucken einen Reisenden die Speicher und Kuhställe. Sie haben Mauern, als wären es Festungen. Mit riesigen Natursteinen. Rechteckig, schmucklos erscheinen sie wie die Verkörperung der Stabilität. Denkmäler der Zeit, die stehen geblieben ist.

Zwar sind die von den Fachwerkhäusern und steinernen Schuppen gesäumten Strassen von Autos vollgestopft. Daimler, BMW, Audis. Die Leute, die die Autos lenken, sind modern gekleidet.

Doch nehme ich an, dass sie trotzdem, insofern sie nicht aus dem nahgelegenen Frankfurt kommen, viel mehr von ihren Fachwerkhäusern als von ihren Autos geprägt sind. Es ist umsomehr zu vermuten, dass in den Fachwerkhäusern die Väter und Mütter, die Opas und Omas, die Uropas und Uromas und so weiter- bis ins XIII. Jahrhundert zurück, wohnten. Die uralten Hausgeister müssen prägender als die moderne Technik sein.

Wenn man durch die buckligen Strassen und Gassen wandert und sich der Heimat erinnert, wird man traurig. Gibt es in Russland Städtchen wie Hochstadt? Kaum.

Alte Städte gibt es zwar, aber wenn sie nicht gerade Moskau oder Petersburg heissen, ist das Alte darin brüchig, verwahrlost, verslumt. Wir hatten keine Zeit und kein Geld für die Pflege übrig. Wir bauten eine neue Welt, wo das Alte keinen Platz haben sollte. Wir guckten zu den Sternen und sahen nicht, was uns zu Füssen lag.

Gibt es in Russland noch Häuschen, wo die Menschen in der fünften oder zehnten Generation wohnen und sich an die Urgrosseltern erinnern können. Kaum. Man hat uns wie in einer riesigen Wäschetrommel durchgerüttelt. Es hiess immer, die Siebensachen packen und weit weg gehen. Neuland pflügen, Diamanten suchen, die Taiga durchforsten. Wir waren Befreier und Verbannte, Schrittmacher und Gejagte, Sieger und Verlierer. Nur eins sind wir nicht gewesen, die Menschen, die in urlalten Elternhäusern ihr Lebensglück suchten. Im seligen Alltag.

Sind wir deswegen zu bemitleiden oder zu beneiden?

Ich weiss es nicht.

2. Im Dresdner Zwinger. Ein Bericht der feinsinnigen Matrjoschka.

Jedem, der in die deutsche Seele vordringen will, empfehle ich die deutsche Malerei zu studieren. Nicht die neue, die ist nicht viel anders als bei anderen Völkern. Die alte, etwa aus Dürers und Cranachs Zeiten.

Die russische Malerei ging von der Ikone aus. Bis in unsere Zeit behielt sie etwas von der Ikone. Vor allem das Belehrende, das Moralisierende.

Die deutsche Malerei ging vom Sachlichen aus. Vom Praktischen.

Im Zwinger hängt ein altes Bild, das eine mythische Ehefrau darstellt. Tief deprimiert und empört erhebt sie sich von ihrem geschändeten Ehebett. Was fällt auf dem Bild auf? Der Nachtopf unterm Bett. Der Gegenstand ist sehr sorgfältig gemalt. Der grosse Maler hat dafür wenigstens so viel übrig gehabt wie fürs Gesicht der Dame.

In einem russischen Bild zum gleichen Sujet wäre der Nachttopf überhaupt nicht da. Die Russen sind eben Träumer. Die Deutschen- Realisten.

Nehmen wir ein anderes Bild. Das Martyrium des heiligen Sebastian. Er ist von Pfeilen durchlöchert. Die Peiniger schiessen, um sicher zu gehen, aus geringster Entfernung. Sie sind ruhig und sachlich, als seien sie Klempner. Auch Sebastian bleibt ruhig. Im Vordergrund Walderdbeeren. Frisch und saftig!

Es ist eine Äusserung des Volkes, das pflichbewusst handelt. Bei der Züchtigung der Unbotmässigen, bei der Hinnahme der Strafe und beim Züchten von Gartenobst In jeder Rolle funktionieren die Deutschen perfekt.

Wir Russen sollten uns davon eine Scheibe abschneiden. Wir versuchen immer, aus der uns zugewiesenen Rolle hinauszuspringen. Unser Maler hätte die ganze Szene mit viel Hysterie dargestellt.

Die Deutschen wissen, dass Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist. Sogar deutsche Dichter verdienten sich ihr Zubrot im Staatsdienst. Von Goethe bis Hoffmann. Gute Dichter, ausgezeichnete Beamte!

Die russischen Dichter schlugen alle über die Stränge. Puschkin ärgerte seine Vorgesetzten bis zur Weissglut. Und stellen Sie sich bitte Dostojewski oder Tolstoi in einem Ministerium vor? Der erste hätte alle Tintenfässer und Aktenordner verspielt. Der andere hielte Predigten, als wäre er nicht in der Kanzlei, sondern in der Kirche.

In Münchner Bürgerbräuhaus. Ein Matrjoschkins Bericht.

Zuerstmal beeindruckt hier das Pissoir einen Reisenden.

In Moskau haben wir auch moderne und saubere Scheisshäuser. Es ist jetzt nicht so wie früher, als es nur ein einziges gab: im neuen Kremlpalais. Da dort ab und zu das Bolschoi gastierte, durften die Opern- und Balettfreunde sich mal in einer zivilierten Umgebung erleichtern. Die Freude war fast so gross wie vom Geschehen auf der Bühne. Vermutlich brachten viele von der Toilette mehr Eindrücke als vom Spektakel, dem eigentlichen Besuchsgrund, mit nach Hause,

Sonst waren die öffentlichen Bedürfnisanstalten, wenn überhaupt vorhanden, unbeschreiblich. Der ewige Stein des Anstosses für Ausländer.

Jetzt ist es, wie gesagt, vorbei. Die Glasnost, die Perestroika, die Demokratie und Zivilgesellschaft- und was in letzter Zeit noch alles an Erfreulichem in unser Leben gekommen ist- haben unsere Scheisshäuser gründlich verändert.

Aber ein sehr weiter Weg liegt noch vor uns, bis wir so feierliche Pissoire wie im Münchner Bürgerbräuhaus haben. Die Muscheln hier sind weiss und erheiternd wie Neuschnee bei minus 50. Und voll von hightech. Wenn man fertig ist, spielen sie Märsche. Allerdings muss der Strahl kräftig genug sein. Bei den Deutschen ist es immer der Fall. Sie sind alle kerngesund. Auch die alten.

Aber genug davon. Zuerst kommt man wohl nicht ins Pissoir. Zuerst muss man wohl Bier trinken, erst später sucht man das Örtchen auf.

Die Säle des Bürgerbräuhauses sind hell erleuchtet. Da erinnert man sich mit Ärger an das Schummerlicht in den Moskauer Kneipen, wo die Hälfte der Birnen fehlte. Damals, in der Vorperestroikazeit, wurden nämlich die Birnen zur Mangelware und von den Kellner in den Kneipen wie auch von Beschäftigten an anderen Arbeitsplätzen massenhaft geklaut. Ausserdem war es bei Schummerlicht leichter, die angesoffenen Gäste übers Ohr zu hauen.

Aber ich wollte eigentlich das deutsche Bier loben. Ob die Deutschen, wie bei uns behauptet wird, tatsächlich den Affen erfunden haben, wage ich zu bezweifeln. Aber dass sie das Bier erfunden haben, steht für mich ganz fest. Im Bürgerbräuhaus genoss ich Biere, die nach den Rezepten aus der Zeit vor Christi Geburt gebraut wurden. Sie schmeckten ausgezeichnet.

Was mir fehlte, waren die richtigen Flusskrebse zum Bier. Es gab andere Schalentiere wie auch andere Sakusski, aber das alles liess sich mit den richtigen Flusskrebsen aus russischen Seen gar nicht vergleichen. Zäh, mit fadem Geschmack sind alle diese Langusten und wie sie noch heissen. Und sündteuer.

Zwar sind die Krebse auch in Russland rar geworden. Aber in Deutschland sollten sie nach meinem Dafürhalten doch in Hülle und Fülle da sein. Schliesslich gibt es hier sonst alles in Hülle und Fülle. Kein Wunder: wir haben erst vor 15 Jahren den Weg der Demokratie und der Freiheit beschritten. Sie aber marschieren in fest geschlossenen Reihen ewig da lang...

Das Bier wird im Bürgerbräuhaus in Litergefässen serviert. Die Stammgäste haben diese in individueller Ausfertigung. In einer sehr hübschen. Jeder hat seinen eigenen Humpen.

Und der Sevice! Davon kann ein Russe nur träumen. Man braucht nämlich seinen Humpen nicht von zu Hause mitzuschleppen. Sie stehen in extra Schliessfächern.

Ich wollte von einem Gast, der gerade seinen Humpen aus dem Schliessfach holte, diesen ausleihen. Er hat mich so angeguckt, als trachtete ich ihm nach dem Leben.

Ein Liter Bier kannst Du auch bei viel Übung nicht in fünf Minuten hineinschlucken. Darum dauert ein Besuch im Bürgerbräuhaus seine Weile.

Als russischer Beobachter der deutschen Sitten hab ich genau ermittelt, wieviel Zeit ein Deutscher für einen Liter Bier aufwendet. Es stellte sich heraus, da sind wir ihnen voraus. Ich kann mir schwer vorstellen, dass ein Russe dafür 35 Minuten braucht, was ich im Bügerbräuhaus als Mittelwert ermittelte. Dafür aber verbringen die meisten Stammgäste mehrere Stunden am Biertisch. Ein hochzivilisiertes Volk sind die Deutschen. Darum lassen sie sich bei den wichtigen Dingen des Lebens viel Zeit.

Zuerst wurde ich durch mehrere angegangene Biertrinker irritiert. Einzelne haben sogar gekotzt. Das liess sich mit meiner Achtung vor dem trinkfesten Volk nicht in Einklang bringen.

Bei weiterer Beobachtung entpuppten sich die an- bzw. besoffenen als Angehörige anderer, weniger zivilisierter Völker. Sogar Japaner ermittelte ich darunter. Es wäre natürlich sinnvoll, diesen und ähnlichen Fremden den Zugang überhaupt zu verwehren. Auch ohne beim Eingang die Ausweise zu prüfen, wäre es leicht zu bewerkstelligen. Die Japaner u.a. sind leicht nach dem Augenschnitt zu identifizieren.

Kennen Sie den?

Vietnamkrieg. Die Sowjetunion will die Vietnamesen nicht im Stich lassen, sich aber auch nicht mit den Amis anlegen. Also schickt man Jagdflugzeuge nach Vietnam. Als sie zurückkommt, fragt der Verteigungsminister die Piloten: warum habt ihr so grosse Verluste gehabt?- Warum?- sagte der Rangälteste unter den Piloten.- Sehr einfach. Wir wollten von den Amis nicht identifiziert werden und hatten immer eine Hand an den Augen, um sie zu Schlitzen zu ziehen. Die andere Hand lag am Steuerknüppel. Wie sollten wir schiessen?

Aber zurück zum Bürgerbräuhaus in München.

Meine Ermittlungen wurden durch die Tatsache erschwert, dass die Fritzen den Usus haben, sich abzusondern. Jeder sitzt hier an seinem Tisch. Keiner denkt daran, sich zum anderen Kameraden zu setzen. Individualisten, hole sie der Deibel!

Also musste ich in den Biersälen ziemlich viel wandern und immer den Kopf bewegen. Denn ich wollte, dass meine Schlussfolgerungen repräsentativ sind.

Mit der Zeit irritierte mein Verhalten andere Besucher. Besonders, wenn ich die Zeit stoppte, als sie ihre Humpen zum Trinken hoben.

Manche guckten mich unfreundlich an. Da ich aus der Presse wusste, dass in Deutschland viele Neonazis ihr Unwesen treiben, wurde ich nachdenklich. So unterbrach ich meine Erkundungen und widmete mich dem Bier. Nach dem sechsten oder siebenten Humpel spürte ich bereits die hohe Qualität der deutschen Brauereien.

Nun, ich will es dem geneigten Leser nicht verheimlichen, wenn ich allein trinken muss, was ich sehr ungern tue, werden ich mitunter traurig. Eben so geworden, schrie ich wie von der Tarantel gestochen "Stalingrad! Stalingrad!". Als ich mir gegenwärtig wurde, was ich getan hatte, dachte ich:"Nun, Matjoschkin Esqire, jetzt ist es um Dich geschehen! Jetzt reissen die verkappten Revanchisten dich in Stücke!".

Gott sei Dank geschah nichts desgleichen. Die einen Gäste taten so, als ob sie nicht gehört hätten, die anderen lächelten mich sogar an. Da verstand ich, wie weit die Freundschaft zwischen unseren Ländern und Völkern gediehen ist. Kein Wunder, da wir so ähnlich sind!

Nur sind sie viel tüchtiger. Ein Musterbeispiel für uns, dem wir folgen sollten.

So meine ich, Matrjoschkin, Esq.: von den Deutschen lernen, heisst siegen lernen.

3.3.01

UND EIN BRIEF ZUM 1.TEIL DES BERICHTES

Was die Russen offensichtlich mit den Deutschen gemein haben, ist eine kaum von Realität getrübte Sentimentalität. Sonst könnte die Schilderung
der romantischen Fachwerkhäuser nicht so ausfallen, wie von der angeblich geschichtsbewußten Matrjoschka beschrieben.

Ich habe von meinem vierten bis zu meinem elften Lebensjahr, also acht Jahre, in zwei Zimmern, im ersten Stock eines Fachwerkhauses, im
Ostwestfälischen, gewohnt: Wohnküche und Schlafzimmer, für drei Personen, Vati, Mutti, Kind. Kind im Bett der Mutti. Psychologen haben
an solchem ihre Freude, weil sie über die Folgen für's Kind wissenschaftliche Werke verfassen können.
Die Zimmer waren so winzig, daß kaum Möbel hineinpassten. Die Höhe der Zimmer betrug 1,80m, was für mich, damals klein, kein Problem war.
Schularbeiten machte ich am abgeräumten Küchentisch. Spielzeug hatte ich keines.

Geheizt wurde mit einem Kohleherd, auf dem auch gekocht wurde. Im Haus befand sich, im Parterre, ein einziger Wasserhahn, über einem steinernen
Spülbecken. Das Plumpsklo war auf dem Hof. Nachts ging das Kind (ikke) auf einen Eimer, wenn's mußte (also leider keine Hofbräuhausqualität).
Gewaschen wurde ich am Samstag in einer großen verzinkten Wanne. Während der Woche wusch ich mich notdürftig in einer winzigen Waschschüssel, mit
Waschläppchen, die ich deshalb bis heute nicht ausstehen kann. Im Keller, zu dem eine steile kleine Holztreppe führte, standen die Einweckgläser. Manchmal wurde mir auch gedroht, ich käme da hinein, in den Keller. Auf dem Dachboden randalierten, bis die Katze angeschafft wurde, die Mäuse, so daß das Kind des Nachts reichlich Vorlagen für Phantasien hatte: huh, huuh, huuuh ....

Auf dem ca. 20 qm großen Hof stand ein Birnbaum, auf den die Katze Pussi kletterte, und um den das geliebte Kind (ikke) in Windeseile herumlief,
weil es annahm, bei genügender Geschwindigkeit sich selbst am Rücken packen zu können. Begleitet wurde die Tollerei vom Spitz Pimpim. Vom Hof führte eine Eisentreppe in die Wachküche, wo Oma (die von mir schon erwähnte jüdische, es gab also auch nicht nur steinreiche, sondern auch viele arme), in einer alten Mielewaschmaschine ("Nur Miele, Miele, sagte
Tante, die alle Waschmaschinen kannte!") die Wäsche schaukelte. Begrenzt wurde der Hof von einer Schmiede und dem "Gefolgschaftsraum" (alter
Nazi-Ausdruck), in dem die Arbeiter frühstückten. Ich durfte manchmal in der Schmiede zusehen, spannend!

Die größeren Fachwerkhäuser der Kaufleute und sonstigen einflußreichen Bürger unserer Stadt waren nicht viel anders, nur höher und schöner
verziert, alle Zimmer waren klein und niedrig, und schmal waren die Häuser schon deshalb, weil die Steuer sich nach der Meterzahl der zur Straße liegenden Hausfront berechnet wurde.

Selbst wenn derartige Häuser restauriert werden, Wände entfernt, "Naßzellen" eingebaut, Teppichböden gelegt usw. sind sie von einer mickrigen Spießigkeit, die nur noch von den romantischen Reedhäusern auf
Sylt und Amrum übertroffen wird.

Aber die Träume der russischen Matrjoschkas kann frau nicht trüben, fürchte ich. Also, bleibt nur ahnungslos, wie Ihr seid, dabei: "Das sind Domizile des gemütlichen Lebens. Eines Lebens, das dem Wichtigsten gilt:Arbeit, Essen, Trinken, Schlafen, Kinder zeugen. Keine Revolutionen, keine Feldzüge, keine Sternenflüge." Was sich stattdessen abspielte,
möget Ihr's nie erfahren.

Euere Amanda Rothenburger

5.3.01

RUSSLAND MIT FREMDEN AUGEN GESEHEN

EIN DREIERGIPFEL UND EIN FILM

In Neustadt fand ein Dreiergipfel statt. Das Weimarer Dreieck tagte. Deutschlands Kanzler Schröder, Frankreichs Präsident Chirac und sein polnischer Kollege Kwasniewski.

So weit so gut.

Die "Pferde" der Troika sind nett zueinander. Herrn Kwasniewski wurde zugesichert, dass Polen bald in die EU darf.

So weit, noch besser.

Polen braucht die EU. Sagt Kwasniewski. Man soll ihm glauben. Auch wenn immer mehr seiner Mitbürger daran zweifeln, dass Polen in der EU sein Glück findet.

In Neustadt wurde auch über Russland gesprochen. Über!

Im Ergebnis sicherte die Troika zu, Russland wird weiter nachgeholfen. In den Punkten Demokratie und Marktwirtschaft. Das hört sich gut an. Obwohl...Polen als Retter Russlands? Ist das nicht ein wenig komisch?

An dem Tag, als der Bericht über die Ticker lief, flimmerte auf deutschen Fernsehschirmen ein bemerkenswerter Film. Mit dem Titel "Das geheime Russland".

Die Filmer haben auf Tschukotka gedreht. Wenige Dutzend Kilometer von dem Drehort liegt die Meeresenge, die Russland von den USA trennt. Genauer gesagt von Alaska, das ein blöder russischer Zar im XIX. Jahrhundert für ein paar Dollar an die USA verscherbelte.

Neben dem Drehort soll ein Berg mit geheimsten Waffen Russlands in den Himmel ragen. Vielleicht stimmt es sogar. Obwohl der Zuschauer davon nichts sieht. Was er sieht, ist Schrott. Wenn das die geheimen Waffen der Russen sind, dürfen die Eskimos in Alaska ruhig schlafen.

Offensichtlich genossen die Filmer den Anblick des Schrotts. Warum auch nicht?

Etwas bedenklicher erscheint ihre Vorliebe für menschlichen Schrott. Im Film werden nämlich ausgiebig kaputte Menschen gezeigt. Russen in Uniform. Soldaten und Offiziere, die den unheimlichen Waffenberg bewachen.

Es ist wahr: Es gibt viele kaputte Russen. Auch in Uniform. Leider.

Trotzdem sind die Episoden offensichtlich gestellt. Obwohl der Film ein Dokumentarfilm sein soll.

Die Offiziere spielten offenkundig das vor, was die Filmer wünschten. Vielleicht für einen Obolus. Bei dem Sold kann man es ihnen nicht verübeln. Eher den Filmern, dass sie die Not kaltschnäuzig nutzten.

Die Filmer waren Polen. Sie drehten im Auftrag des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und gezeigt hat den Film der gemeinsame deutsch-französische Fernsehkanal "Arte".

Es gab also ein Weimarer Dreieck auch im deutschen Fernsehen. Genau an dem Tag des Dreiergipfels in Neustadt. Es gab es mit dem Film über das kaputte Russland.

Beim filmischen Dreieck schnitt Russland somit nicht ganz gut ab. Wollen wir hoffen, dass es beim politischen Dreieck besser abschnitt.

Рx.ру 28.2.01

Anm. v. M.: Wie gesagt, das Weimarer Dreieck ist eine gute Sache. Ein Weimarer Viereck, das Russland einschliesst, wäre vielleicht noch besser. Dann würden Deutschland, Frankreich und Polen, wenn sie zusammenkommen, nicht über, sondern mit Russland reden können.

Eine Troika zieht gut. Ein Viergespann noch besser.

Meint die Matrjoschka. Was aber versteht sie schon von der hohen Politik?

Herr Wagner (Pressebüro Wagner) schreibt an uns:

Generell meine ich, es täte gut, hin und wieder auch mal einen russischen Begriff kennenzulernen. Wir können uns hier zwar alle auf russisch zuprosten, aber das ist auch alles.

Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn etwas mehr von der russischen Alltagskultur auf Ihren Seiten bekannt würde. Da gibt es ein unendliches Defizit. Die Gründe liegen auf der Hand. Da wir jedoch zum ersten Mal seit ewig langer Zeit nicht mehr zur Feindschaft verdammt sind, könnten wir uns auch wieder mehr zuhören.

Bei so viel Denglisch, das hierzulande gesprochen wird, wäre ein wenig Drussisch ganz erfrischend!

Als kürzlich die "Kursk-Witwe" in einer deutschen Talkshow auftrat, war dies ein voller Erfolg. Nicht nur weil sie ein so angenehmes Wesen hat und ein ebensolches Äußeres - es war auch sehr angenehm ihr zuzuhören.

Ich weiß, Sie haben Puschkin, Dostojewski, Tolstoi, Gogol etc., aber wer von den jungen Deutschen kennt etwas davon?

Natürlich kann Matrjoschka die russisch-deutschen Entfremdungen nicht allein überwinden, aber schon ihre Existenz suggeriert mir, daß es ihr ein Anliegen sein könnte.

In diesem Sinne grüßt Sie Ihr erwartungsvoller Leser
H. Wagner

20.2.01

Eine Moskaureisende berichtet

Ich bin durch Zufall auf die Matrjoschka-Seite geraten (oder habe ich sie gar gesucht ?). Ich selbst war gerade in Moskau und erkenne in all den Schilderungen dieser Seite das Moskau wieder, das ich erlebt und gesehen habe.

Noch immer frage ich mich, wie dieses Land so lange aushalten konnte, wie die Menschen dort leben können, wie sie vor allem überleben. Ich bin jetzt wieder zu Hause und innerlich gespalten. Etwas in mir sehnt sich zurück in diese Stadt; eine Stadt, die mich fast krank gemacht hat, die mir alle Hindernisse in den Weg gelegt hat, die ich nirgendwo anders zu überwinden hätte; Kontrollen, Paßkontrollen, Wanzen im Zimmer, Armut, daneben Preise wie im Westen in den Regionen, die von Touristen bevölkert werden, Unfreundlichkeit (erst am 4. Tag durfte ich erleben, daß mich ein Russe anlächelte !!), grimmige Gesichter (wen wundert's in dieser Umgebung, diesem täglichen Überlebenskampf ?), Schikanen aller Art täglich, stundenlanges Anstehen bei Ein- und Ausreise und nur nebenbei die mitschwingende Angst vor Anschlägen, Überfällen oder sonstigen Ereignissen negativer Art.

Und dennoch hat dieses Land, hat diese Stadt etwas in mir hinterlassen, das ich nie zuvor empfunden habe. Ich weiß, daß ich nach Moskau nicht mehr dieselbe sein werde wie vorher. Und sei es nur die Erkenntnis, daß es mir hier um so vieles besser geht als dem durchschnittlichen Russen. Noch weiß ich nicht, wie ich diesen "Abenteuerurlaub" in einer für mich anderen Welt verarbeiten kann.

Seither suche ich im Internet Informationen über Rußland, über Moskau; alles russisches fesselt mich. Diese Seite finde ich sehr gut, und ich bin sicher, daß ich die Informationen, die ich hier finde, weiterhin einsaugen werde.

K(aren).-S (teffi) J. Wellinger

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Zu dem Brief schreibt ein anderer Leser von Matrjoschka, auch mit einschlägigen Erfahrungen:

Liebe Karen,

Alles, was Du über Moskau geschrieben, ist richtig.Bereits vor zehn Jahren, als ich das erste Mal nach Russland kam, war es auch so und ich habe auch keine Hoffnung mehr, dass es jemals wirklich besser wird.

Auch ich hatte zusammen mit meinen Studienkollegen und Freunden die vielfältigsten Erfahrungen, freilich auch gute, in Russland gemacht. Auch ich finde und fand das Land mal gräßlich und mal faszinierend. Ein eklatantes Merkmal war und ist zum Beispiel, dass der Aggressivität, der man im öffentlichen Leben oft ausgesetzt ist, mitunter eine überbordende Herzlichkeit im Privaten gegenübersteht.

Viel Erfolg jedenfalls bei Deinen weiteren Recherchen über Land und Leute. Bei allen Enttäuschungen und Hindernissen bleibt doch eine gute Portion Abenteuer dabei. Und ein Aufenthalt dort kann in Dir Kräfte wecken, die Du nie für möglich gehalten hättest.

Tobias Baumann,

Europäische Akademie Berlin

Anm. von M.: Ich lese zur Zeit in einem Buch unter dem Titel "Abenteuer Moskau". Die Verfasserin Kathinka Dittrich van Veringh hat mehrere Jahre in der russischen Hauptstadt als Leiterin des Goethe-Instituts verbracht. Die Schlussworte ihres sehr sachlich geschriebenen Berichtes: "Dieses starke Land wird nicht untergehen- trotz allem" klingen in den Ohren der Holzpuppe wie schöne Musik.

18.9.2000

ANDERE LÄNDER

GRIECHISCHE MARGINALIEN

Ein schönes Land. Sonne, blauer Himmel, Olivenhaine, Felsen, Meer. In Russland kriecht bereits im Oktober feuchte Kälte unter die Haut. Hier ist davon nichts zu spüren.

Äusserlich ist Greichenland ganz anders. Auch die Griechen haben ein anderes Outfit als die Russen. Und auch die Sprache ist ganz anders. Aber es gibt manche Gemeinsamkeiten.

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Flughafen Araxos, das Tor zu den schönen Inseln im Ionischen Meer. Um das Fluggelände herum drei Meter hohe, nach allen Regeln der Kunst aufgestellte Stacheldrahtzäune. Wie es sich überall in der Welt gehört.

Etwa 200 Meter weit von der sorgsam bewachten Einfahrt haben geschickte Hände ein grosses Loch in den Stacheldraht gerissen. Hier kann jeder auf das Fluggelände. Auch dann, wenn der wenig frequentierte Airport vom Personal verlassen ist.

Das erinnert an die über alles geliebten Landsleute. Auch an die in Uniform. In Krampnitz bei Potsdam war bis 1994 eine top aufgerüstete Panzerbrigade der russischen Streikräfte stationiert. Ein Vorzeigeobjekt. Wurde sogar vom UNO-Generalsekretär besucht.

Vor jedem hohen Besuch gab es auf dem Gelände Grossalarm. Die Generäle legten den auf die Minute genauen Besuchsplan fest. Wie Einblick zu gewähren ist. Streng dosiert. Ein Potjemkinsches Dorf vorzuführen, aber nicht hinter die Kulissen gucken zu lassen. Schliesslich durfte kein Fremder den heiligen Militärgeheimnissen auf die Spur kommen.

Den Eingang bewachten Soldaten mit Bajonetten. Ein diensthabender Offizier mit Kalaschnikow musterte jeden, der sich dem Posten näherte, mit Argusaugen.

Aber 200 Meter weiter klaffte im vier Meter hohen grünen Bretterzaun, mit Stacheldraht gekrönt, ein großes Loch. Jahrelang. Die schlauen Deutschen aus den Nachbarorten wussten von seiner Existenz. Sie schlüpften durch dieses Loch, um Tauschgeschäfte zu tätigen (z.B. Uhren gegen Schnaps und Kaviar) oder russische Militärläden mit Sonderangebot auf dem Gelände zu besuchen. Auch die russischen Panzersoldaten, die offiziell keinen Ausgang erhielten, nutzten das Loch. Um ihre deutschen Liebchen zu besuchen. Auch den russischen Offizieren, darunter auch den für die Abschirmung verantwortlichen, war das Loch vertraut.

Ein oder zwei Mal im Jahr wurde es zugenagelt. Am nächsten Tag war es wieder da. Auf dem Gelände gab es einen gut ausgetretenen Pfad, der zu ihm führte und dahinter seine Fortsetzung hatte.

Auf dem Gelände des griechischen Airports Araxos ist auch ein Pfad hinter dem Zaun zu sehen. Auch gut ausgetreten. Jenseits des Loches führt er zum Parkplatz des Personals. Somit lässt sich das Geheimnis lüften. Die im Airport angestellten Griechen wollten sich den Weg zu ihren Einsatzplätzen verkürzen. Wie menschlich!

Wenn diese Welt noch zu retten ist, wird sie nicht von pflichtbewussten Perfektionisten gerettet. Sie wird von Schlampen gerettet, in deren Inneren noch das Menschliche obwaltet. Wie die Griechen. Und die Russen!

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Die griechischen Männer lieben russische Frauen, da diese ganz anders als die eigenen sind. Sie haben blaue Augen, blonde Haare und Stupsnasen, können nicht auf Griechisch schimpfen. Nur auf Russisch, aber das unverständliche Geschimpfe lässt griechische Ehemänner kalt.

In einem Krähwinkel auf der Halbinsel Peloponnes wohnt eine Olga aus der russischen Stadt Tscherepowez.

Unter dem Sowjetstern prosperierte Tscherepowez, da sich hier ein sehr modernes und leistungsfähiges Walzwerk befindet. Nach der Perestroika in Russland ging das Werk fast ein, da sein Feinblech nicht mehr gebraucht wurde. Die Russen zogen der eigenen Produktion die aus dem Westen eingeführten Schrottis vor. Und assen Konserven aus Südostasien lieber als die russischen. Gesetzt den Fall, sie konnten sich überhaupt etwas Essbares ausser Brot und Kartoffeln leisten.

Das Walzwerk, nun ohne Aufträge, entliess seine Belegschaft oder schickte sie in unbezahlten Urlaub. Dazu gehörte aber nahezu die ganze männliche Bevölkerung der Stadt Tscherepowez. Die entlassenen Männer, auch früher nicht etwa enthaltsam, ertranken ihren Kummer im Wodka. Und verloren jegliches Interesse am schönen Geschlecht.

Wie zig Tausende ihrer Leidensgenossinnen machte sich die blauäugige, blonde und stupsnäsige Olga auf den Weg in die Länder, wo Aphrodite noch geehrt wird. Und landete in deren Stammland Griechenland.

Sie hat ein gutes Los gezogen. Jedenfalls ein besseres als viele andere russische Frauen, notgedrungen zu russischer Exportware (neben Erdöl und Erdgas) geworden. Sie vermählte sich nämlich mit einem sympathischen Griechen, der einen Kiosk sein eigen nennt. Er und seine Freunde freuen sich, eine Exotin in ihrer Mitte zu haben. Und Olga freut sich über die Sonne, das Meer, Berge und Lammkoteletts. Und über "chilariki", wie sie die griechischen Banknoten von 1000 Drachmen nennt – etwa sechs DM wert.

Allerdings ist es ein teuer erkauftes Glück. In dem Nest ist sie mutterseelenallein. Kein Schwätzchen am Abend wie in Tscherepowez. Ihre Sprachkenntnisse reichen nur, um eine Bestellung anzunehmen. Und den Ehemann aufzufordern, das Nötige im Haushalt zu erledigen, anstatt für den Rest des Tages wieder im Kafenion zu verschwinden.

Meistens verhallen ihre Mahnungen im südlichen Wind.

"Nichtsnutz, schimpft Olga gereizt, da hochschwanger und müde. Unsere Kerle in Tscherepowez sassen zwar auch nie zu Hause, sondern in den Hinterhöfen auf Bänken, wo sie sich vollaufen liessen. Aber wenigstens tranken sie Wodka aus Teegläsern, rissen Witze und lachten. Wenn sie sich nicht gerade prügelten... Die hiesigen aber... Die schlürfen tropfenweise das widerliche Gebräu, das sie Kaffee nennen und reden stundenlang. Worüber? Über Politik, sagen sie.

Und Olga tat so, als müsste sie kotzen.

Auf die Mahnung, Toleranz gegenüber fremden Sitten zu üben, reagierte sie unerwartet. In Briefen aus Tschrepowez steht, sagte sie, dass es dort bergauf geht. Angeblich haben die Deutschen dem Werk einen guten Auftrag zukommen lassen. Jedenfalls etablierte sich bereits in der Stadtmitte eine deutsche Bierkneipe mit bayerischem Bier... Wenn mein Einfaltspinsel (duratschok) weiter so macht wie jetzt, gehe ich zurück... Nach Tscherepowez.

Und das da? Auf die Geste, die auf ihren Bauch wies, sagte sie, dass das Kind selbstverständlich auch nach Tscherepowez mitkommt. Und ihr duratschok wird Alimente schicken müssen. Chilariki!

Dann wurde sie traurig und schluchzte. Sie hätte doch die Griechen, die Sonne des Südens, das Meer, die Olivenhaine, die Lammkoteletts und sogar den duratschok ins Herz geschlossen. Und sich davon zu trennen, würde ihr nicht leicht fallen...

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Die grüne Insel Zakynthos im Ionischen Meer gehört Griechenland nur formell. In der Realität gehört sie den Engländern. Dort gibt es sie fast mehr als auf den Britischen Inseln selbst. Überall Engländer. Meistens dick. Als hätten sich alle sehr dicke Engländer auf die Socken gemacht und seien nach Zakynthos ausgewandert.

Aus den flüchtigen Gesprächen mit den Engländern konnte man entnehmen, sie glauben, Zakynthos (und die anderen Inseln im Ionischen Meer) gehörten der britischen Krone. Wenigstens solange bis sie ihr nicht gewaltsam entrissen würden. Von den Deutschen und Italienern, den Bösewichten. Wie übrigens der ganze Mittelmeerraum auch den Briten gehörte oder gehören sollte. Mit einem Wort: Rule, Britannia!

Die auf Zakynthos eingetroffene Matrjoschka-Delegation korrigierte das irrige Geschichtsbild. Sie teilte den arroganten Briten mit, dass Zakynthos, wenn auch nicht lange, der russischen Krone gehörte. Und zwar übernahm der russische Zar Anfang des XIX. Jahrhunderts die Schutzherrschaft über die grüne Insel.

Damals wollte Russland im mediterranen Raum Fuss fassen. Und erinnerte sich daran, dass die Griechen orthodoxe Christen sind, berechtigt von den orthodoxen Russen gegen die andersgläubigen Türken Schutz einzufordern.

Allerdings dauerte die Idylle nicht lange. Nach acht-neun Jahr zog der Zar sich zurück, um die anderen europäischen Mächte nicht zu ärgern, die auch den Griechen gegen die Türken beistehen und im Mittelmeerraum selbst Fuss fassen wollten.

Und was, wenn sich Russland ans Alte erinnert und seine Flotte wieder gen Zakynthos auslaufen lässt?- fragte die jüngste und dümmste Matrjoschka provokant. Welche Flotte, grinste ein sehr dicker Engländer vom Nachbartischchen, ein Souflaki vertilgend. Etwa das U-Boot Kursk?

Kursk, Kursk, immer wieder Kursk... stöhnte die Matrjoschka-Delegation - und bestellte Moussaka, die,da sehr zart, viel besser als Souflaki schmeckt.

29. 10. 2000

 

EINE REISE NACH TUWA. VOR 50 JAHREN

Die hier zum ersten Mal veröffentlichte Reisenotizen erhielt Matrjoschka von einem russischen Journalisten, der vor 50 Jahren in dem exotischsten Landesteil der Sowjetunion gearbeitet und gelebt hat.

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1.

In der Sowjetunion bekam jeder einen Arbeitsplatz. Von dem einzigen Arbeitgeber, dem Staat, zugewiesen. Der Staat kümmerte sich auch um Hochschulabsolventen. Mit dem Studium fertig, mußten sie vor einem Ausschuß antreten. Hier fiel die Entscheidung darüber, wo ein Absolvent eingesetzt werden sollte. Dort, wo er selbst und seine Angehörigen lebten, oder ganz woanders, in einem Betrieb seiner Wahl oder in einem, der ihn ankotzte. Widerspruch gab es nicht.

Auch wir, die ersten in der Sowjetunion universitär ausgebildeten Journalisten, erhielten zugewiesene Arbeitsstellen. Die einen in einer Großstadtzeitung oder an einem großen Sender. Die anderen, die gleichzeitig mit der universitären Ausbildung eine ganz andere genossen hatten, durften ins Ausland. Als Korrespondenten eines Massenmediums, gleichzeitig aber als Vertrauenspersonen einer ganz anderen Arbeitsstelle. Der Spionagebehörde.

Die dritten mußten sich mit der Anstellung in einer Provinzzeitung zufriedengeben.

Schlechter als alle Kommilitionen habe ich abgeschnitten. Ich wurde ans Ende der Welt geschickt. An die mongolische Grenze. Nach Tuwa.

Vor 1944 existierte die Republik Tuwa als ein formell unabhängiger Staat. In Wirklichkeit war es ein sowjetisches Protektorat. Tuwa hatte zwei Botschaften im Ausland, eine in Moskau und eine in Ulan-Bator, in der Mongolei. 1944 erfolgte der Anschluß an die Sowjetunion.

Tuwa liegt zwischen den Ausläufern des Sajan-Gebirges, am Oberlauf des gewaltigen sibirischen Stromes Jenissej. Die Verbindungen zur Außenwelt sind durch eine hohe, ringförmige Bergkette erschwert.

Acht Tage dauerte die Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn. Drei weitere Tage die Autoreise von der nächsten Eisenbahnstation Abakan bis zur tuwinischen Hauptstadt Kysyl. Eigentlich war der Weg dahin nur 650 Kilometer lang. Aber er führte über die unwegsame Gebirgsgegend.

Der Laster, der mich und mein Gepäck mitnahm, hatte dauernd Panne. Der Fahrer besoff sich dauernd. Die Fahrleistung, am ersten Tag stolze 350 Kilometer, sank auf 80 Kilometer am letzten Tag. Und in Kysyl wurden wir feierlich von einem Traktor reingeschleppt.

Meine Wohnung lag neben dem städtischen Stromwerk. In seinem Hof stand eine Säule mit der Aufschrift: "Zentrum Asiens". Gemeint war der geometrische Mittelpunkt. In jeder anderen Hinsicht war Kysyl kein Zentrum, auch nicht in Asien. Im Gegenteil: ein richtiger Krähwinkel.

Obwohl die Stadt vierzigtausend Einwohner hatte, die Hälfte der Bevölkerung der Autonomie, gab es nur zwei moderne, mehrstöckige Häuser. In einem war die Gebietsverwaltung der Stasi, im anderen das Parteikomitee untergebracht. Sonst nur einstöckige Häuschen mit flachen Dächern. In dem extrem trockenen, kontinentaln Klima hätten Giebeldächer keinen Sinn.

Wohl nirgendwo in der Sowjetunion kam das zwanzigste Jahrhundert weniger zum Zuge als hier. Als ich einem tuwinischen Hirten beschrieb, wie eine Badewanne aussieht und wozu sie gut ist, lachte er wie Kind. Er hat nur in Seen und Flüssen gebadet und auch das äußerst selten. Und wenn er mal mußte, erledigte er das Geschäft ausschließlich in der freien Natur.

Trotzdem kamen in Kysyl zwei Tageszeitungen heraus. Dem Umfang nach genau den anderen in der Sowjetunion gleich. Auch in Regionen mit einer tausendfach größeren Bevölkerung waren die Zeitungen nicht größer.

Die Zeitung, bei der ich anfing, hieß "Tuwinskaja prawda". Es war eine russischsprachige Zeitung. Sie hatte höchstens fünfhundert Leser. Beamte, Fachleute, Lehrer russischer Herkunft.

Die russische Gemeinde in Tuwa war aber viel größer. Die meisten gehörten einer Sekte an, nach deren Regeln nur die Bibel gelesen werden durfte. Die Ahnen der Sektenmitglieder, verfolgt von der orthodoxen Kirche, waren ein halbes Jahrtausend davor nach Tuwa geflohen. Die Nachfahren bewahrten die Sitten.

Die andere Zeitung erschien in Tuwinisch und hieß "Schyn", was, wie das Wort "prawda" im Titel der russischsprachigen Zeitung, Wahrheit bedeutete. Die Prawda auf tuwinisch hatte noch weniger Leser als die auf Russisch. Die Tuwiner brauchten keine Zeitung. Ihr Horizont reichte nicht weiter als ihre Schafweiden.

Auch wenn die Zeitungen kaum Leser hatten, erschienen sie regelmäßig und niemand dachte an ihre Einstellung.

Das Pressewesen der Sowjetunion wurde zentral geregelt und zentral finanziert. Die sowjetische Nationalitätenpolitik erforderte, daß jeder Landstrich mit gemischter Bevölkerung zwei Zeitungen hatte. Eine russischsprachige und eine in der Muttersprache der Ureinwohner.

Nicht nur das Pressewesen mußte entsprechend dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller Völker der Sowjetunion gestaltet werden. Auch das Theaterwesen zum Beispiel. Deswegen hatte das einzige Theater in Kysyl zwei Schauspielertruppen, eine russische und eine tuwinische.

Zu den russischen Aufführungen kamen einige Dutzende Zuschauer. Zu den tuwinischen kam niemand. Peinlich. Das Gebietskomitee der Kommunistischen Partei, die eigentliche Regierung der Republik, vereinbarte mit dem Kommandeur der in Tuwa stationierten Grenztruppe, daß zu den tuwinischen Aufführungen dienstfreie Soldaten beordert wurden. Die russischstämmigen Soldaten verstanden kein einziges auf der Bühne gesprochenes Wort. Dennoch freuten sie sich auf die Theaterbesuche. In dem gut geheizten Zuschauerraum liess es sich ruhig dösen.

Der Redaktion mangelte es an Lesestoff. Wir wußten nicht, worüber wir schreiben sollten. Eigentlich gab das exotische und eigenartige Tuwa eine Menge Stoff her. Aber wir durften nur über die Errungenschaften des Sozialismus schreiben. Bei aller Fähigkeit, diese aus dem Finger zu saugen, hatte Tuwa wenig Errungenschaften aufzuweisen.

Allerdings hieß es offiziell, Tuwa hätte den großen Sprung vom frühen Feudalismus über den Kapitalismus hinweg zum entwickelten Sozialismus vollzogen. Tatsächlich blieb es ein Refugium der Nomaden, die keine Ahnung von verschiedenen Ismen hatten.

Die Zeitung hatte Ressorts wie jede andere. Für Parteileben, Tätigkeit der Verwaltung, Kultur, Industrie und Landwirtschaft.

Landwirtschaft gab es in Tuwa, Industrie nicht. Abgesehen von einer kleinen Schneiderei und einer primitiven Autoreparaturwerkstatt in Kysyl. Ich wurde dem Industrieressort der Zeitung zugeteilt. Dieses sollte täglich dreihundert Zeilen über das Geschehen in den tuwinischen Industriebetrieben liefern.

Angesichts des erwähnten Entwicklungsstandes der tuwinischen Industrie keine leichte Aufgabe.

Mein Erstlingswerk galt der Näherei. Ich brachte es fertig, eine ganze Zeitungsseite darüber zu füllen, wie die Näherinnen Garn sparten.

Die Veröffentlichung fand großen Beifall im Parteikomitee. Wegen der Aktualität, denn in der Sowjetunion lief gerade eine von der Partei angeordnete Einsparungskampagne in der Industrie. Überall in der sowjetischen Industrie sollte an allem gespart werden. Auch in der Industrie von Tuwa.

In den zwei großen Häusern in Kysyl, wo Politik gemacht wurde, galt der oberste Grundsatz: bei uns läuft alles wie bei den anderen. Tuwa sollte anderen Gebieten der Sowjetunion angeglichen, die Tuwiner sollten gleichgeschaltet werden.Ohne Rücksicht auf Verluste.

Aus diesem Grund wollte der Staat die nomadisierenden Tuwiner seßhaft machen. Vor allem wollte das die Staatssicherheit. Das Hirtenvolk entzog sich ständig ihrer Obhut. Heute hier, morgen dort. Mal mußte man einen im Tal der Hinkenden Bärin, mal in der Schlucht der Drei Tannen suchen. Das ging nicht. Keine Ordnung.

Auch die Parteiführung hätte die Bevölkerung gern seßhaft gesehen. Das paßte besser zur entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Die Viehzüchter aber wollten nicht seßhaft werden. Ihre Vorfahren waren immer schon Nomaden. Die tuwinische Natur erforderte Nomadenviehzucht. Hier gab es keine Flußwiesen, wo Gras für den Winter gemäht werden konnte. Es gab nur Weiden. Hatte eine Schafherde eine Stelle abgeweidet, wurde sie weitergetrieben. Die Jurte zusammengelegt, Ochsen oder Kamelen aufgebunden und ab ins nächste Tal.

Die Seßhaftigkeit behagte den Hirten auch aus einem anderen Grund nicht. Schon in den vierziger Jahren wurde ihr Vieh von der zentralen Behörde aufgelistet. Allerdings nur ein Teil, den anderen konnten die Hirten in den Bergen verstecken. Als Seßhafte hätten sie die Verstecke preisgeben müssen.

Die Sowjetmacht versuchte ihr Bestes. Traktoren rollten in die Täler, Neuland wurde gepflügt, Kartoffeln wurden gepflanzt. Die Tuwiner aber wußten nicht, daß nur die Knollen gegesesen werden durften. Sie aßen das Kartoffelkraut. Manche bekamen Durchfall. In der Steppe verbreitete sich das Gerücht, die Russen wollten die Tuwiner mit Kartoffeln vergiften.

Russische Bauarbeiter kamen in die Steppe, um Holzhäuser für die Nomaden zu bauen. Nach Vorlagen, die in Moskau ausgearbeitet worden waren und Häuser mit spitzen Dächern wie in Mittelrussland vorsahen. Die Tuwiner aber, unter dem ewig wolkenlosen Himmel grossgeworden, wollten die Häuser nicht haben.

Das tuwinische Haus besteht aus Lehmmauern und einem flachen Dach. Darin ist es im Sommer kühl und im Winter warm. Wie in der Jurte.

Die Hirten stellten ihre Jurten neben den Häusern auf und blieben in den Lederhütten. Die Obrigkeit ordnete die Sicherstellung der Jurten an. Die Tuwiner nahmen das der Obrigkeit sehr übel.

Äußerlich gaben sie sich untertänig. Sie waren ja immer unterdrückt. Von mandschurischen und mongolischen Fürsten, russischen Beamten. Auch von russischen Kaufleuten, die Pelze und Wolle gegen Wodka, Flinten, Pulver und Messer eintauschten. Die Tuwiner waren bei russischen Kaufleuten ständig verschuldet. Das russische Wort "Torgasch", Händler, verwandelten sie in "Targa",Chef.

Zuerst wunderte ich mich darüber, wie servil und schüchtern sich die Tuwiner gaben, besonders die alten. Wurden sie angesprochen, falteten sie die Hände überm Bauch, verbeugten sich und wiederholten: ja, Targa, ja, Targa.

Die Demut, wenigstens nach außen hin, war hier Tradition. Auch von der Religion vorgeschrieben. Tuwiner waren Lamaisten. Wie die Tibeter.

Als ich nach Tuwa kam, gab es allerdings keine Tempel und keine Priester mehr. Lange davor wurden die Tempel dem Boden gleichgemacht, die Priester ermordet oder verjagt. Das besorgte die Revolutionäre Volkspartei von Tuwa, geführt von Soltschak Kalbakghoregowitsch Toka, dem Führer des tuwinischen Volkes. Bereits vor der Eingliederung Tuwa in die Sowjetunion sollten die Tuwiner zu Atheisten und Kommunisten werden.

Später, als ich aus dem Industrieressort der Zeitung in das Ressort Parteileben wechselte, besuchte ich oft tuwinische Kommunisten. Ich betrat eine Jurte und fragte den Familienvater, ob er ein Parteimitglied sei. Er dachte angestrengt nach und bejahte schliesslich die Frage. Ich bat, das Parteibuch zu zeigen. Er kramte irgendwo in der Ecke. Das Parteibuch kam zum Vorschein. Mit Leninbild auf der ersten Seite. Wer ist da abgebildet? Schweigen. Die schwarzen Augen teilnahmslos, das breite, faltige, dunkle Gesicht unbeweglich, als wäre der Mensch ins Nirwana versunken. Wie heißt denn die Partei? Kein Wort, keine Bewegung.

Prozentuell hatte Tuwa trotzdem mehr Kommunisten als Zentralrußland.

Allmählich kam ich dahinter, dass ihre Demut nur eine Maske war, hinter der sich Verachtung für die Fremden verbarg. Und Trotz. Deswegen wohl brannten die von den Russen erbauten Häuser immer öfter ab. Die meisten Brände waren sicher unbeabsichtigt, da die an offenes Feuer gewöhnten Tuwiner den Umgang mit Öfen nicht lernten. Es gab aber auch Brandstiftungen.

Die Feuerbrünste in tuwinischen Siedlungen verursachten im Gebietsparteikomitee und bei der Staatssicherheit viel Kopfzerbrechen.

Maßnahmen waren fällig.

Um die Zeit rollte über die Sowjetunion eine neue Terrorwelle. Wieder einmal wurde nach Agenten des Weltimperialismus gefahndet. In der Regel fand man sie unter den Juden.

In Tuwa gab es keine Juden. Also mußten die Agenten des Imperialismus unter den Tuwinern gefunden werden.

In wenigen Tagen kamen einige Dutzend Tuwiner in Haft. Meistens Apparatschiks, mit denen die Chefs unzufrieden waren. Sie wurden beschuldigt, Brandstiftungen angezettelt zu haben.

Das genügte aber nicht, um die Übeltäter richtig zu verteufeln. Also wurde ihnen noch Verschwörung angehängt. Angeblich hatten sie vor, Tuwa an Japan zu verkaufen.

Warum ausgerechnet an Japan? Mit China und der Mongolei pflegte die Sowjetunion damals dicke Freundschaft. Alle übrigen Länder Asiens galten als Opfer des Imperialismus. Blieb nur Japan.

Zwischen Tuwa und Japan liegen mehrere tausend Kilometer. Die Verhafteten hatten keinen blassen Schimmer von Japan. Doch wen kümmerte das?

Die Ermittlungen begannen, geleitet vom Staatsanwalt des Gebiets. Tuwa sollte seinen eigenen Schauprozeß haben.

Doch der Prozeß fand nicht statt. Völlig unbeabsichtigt verhinderte ich seine Durchführung.

2.

Hundert Kilometer von Kysyl gibt es einen tiefen See. Er heißt Tschagatai. Ein Tummelplatz für Hechte. Einige so groß wie Baumstämme.

In der warmen Jahreszeit fuhren samstags Autos mit Anglern aus Kysyl zum See. Nur Russen aus den großen Häusern.

Tuwiner angelten nicht. Sie aßen keinen Fisch, sondern nur das, was Viehzucht und Jagd brachten. Fisch galt bei ihnen als unsauber, nicht koscher.

Die Russen, passionierte Fischesser und Angler, lachten darüber.

Eines schönen Tages saß ich zusammen mit dem Staatsanwalt von Tuwa in einem Boot. Wir angelten Hechte. Ich wollte den Blinker besonders weit werfen und holte mit meiner Wurfangel aus. Die Angelschnur verhedderte sich aber und das schwere Bleigewicht traf den Staatsanwalt mit voller Wucht am Kopf. Der Mann sackte blutüberströmt zusammen.

Hilfeschreiend ruderte ich zum Ufer. Der Staatsanwalt wurde ins Krankenhaus gebracht. Er mußte einige Wochen das Bett hüten. Die Ermittlungen stockten.

Bald danach starb Stalin. Seine Vertrauten im Geheimdienst wurden hingerichtet. Innenpolitische Entspannung kehrte ein, "Tauwetter" genannt.

Auch in Tuwa änderte sich das politische Klima. Die Verhafteten kamen frei. Es hieß, die Ermitllungsrichter hätten sich geirrt. Keiner wollte Tuwa an Japan verkaufen.

Eigentlich sollten die Chefs von Tuwa mir dankbar sein. Indem ich den Prozeß, wenn auch zufällig, verhinderte, ersparte ich ihnen Unannehmlichkieten.

Aber Dankbarkeit war für sie ein Fremdwort. Sie nahmen mir das ungewollte Attentat übel. Ich wurde vor den Ersten Sekretär des Parteikomitees von Tuwa zitiert. Das bedeutete in der Regel die Vorstufe einer schweren Maßregelung.

Ich betrat ein riesiges Dienstzimmer. Hinter dem Parteisekretär Toka hing das Bild Stalins in der Uniform des Generalissimus. Auf dem Tisch lag neben meiner Akte noch eine Stalindarstellung, ein gußeisernes Basrelief.

Also...,- begann Toka und begleitete seine Worte mit leisem Klopfen auf das Basrelief. Daß du ein Abweichler bist, ist mir klar, aber ob ein rechter oder linker, ist mir noch nicht klar, aber ich finde es heraus.

Genosse Toka, ich bin kein Abweichler, sagte ich Verfasser beschwichtigend. Weder ein rechter noch ein linker. Es war ein Unfall!

Das werden wir noch sehen, grollte Toka. Das finden wir noch heraus.

Aber aus Moskau wehte weiterhin frischer Wind. Auch die Ermittlungen über das Attentat auf dem Tschagatai-See fielen ins Wasser.

Einige Wochen nach ihrer Einstellung hatte ich dienstlich in der Siedlung Kaa-chem zu tun. Dort stieg ich im Gästehaus des Kreisparteikomitees ab. Andere Gästehäuser als die der Partei gab es nicht in Tuwa.

Es war ein gewöhnliches Wohnhaus. In einem Zimmer hauste das Personal - die Verwalterin und die Putzfrau. In den anderen wohnten Gäste, Dienstreisende aus Kysyl.

Am späten Abend hörte ich im Nebenzimmer schreckliches Röcheln. Es klang, als würde jemand gewürgt. Ich lief hinaus und stieß mit dem Fuß die Tür des Nebenzimmers auf. Im Bett krümmte sich ein Mann. Es war Toka, der Parteisekretär.

Was ist los, rief ich aufgeregt.

Toka machte die Augen auf, unter dem Kopfkissen zog er eine Pistole hervor. Jetzt passiert's, dachte ich. Jetzt schießt er mich, den Attentäter, über den Haufen.

Toka kam zu sich und erkannte mich.

Er klagte über Alpträume und Herzschmerz. Ich wollte einen Arzt holen. Er winkte ab und lud mich zu einer Flasche Sekt ein.

Am Tisch erzählte er, er wäre in die Siedlung Kaa-chem gekommen, um den ersten Kreissekretär der Partei abzusetzen. In dessem Haus wollte er nicht übernachten. Nach tuwinischer Sitte bindet Gastfreundschaft. Darum nahm er mit dem schäbigen Gästehaus Vorlieb.

Ich wollte gehen, er ließ es nicht zu. Anscheinend hatte er Angst allein zu bleiben. Er holte aus dem Koffer noch ein Flasche Sekt.

Bis spät in die Nacht erzählte er aus seiner Kindheit. Über seine Eltern. Einfache Viehzüchter. Nomaden.

Er erinnerte sich an den warmen Geruch der Schafherden, daran, wie frischer Käse und Kamelmilch schmeckten. An die Hunde, mit denen er zusammen in der Jurte am Feuer schlief. An sein erstes Reitpferd, seine erste Jagd. An die erste Liebe.

Er erinnerte sich an das zurückliegende Leben, das er in seinen Reden und Zeitungsbeiträgen als die düstere Zeit des Feudalismus verdonnerte. Nostalgisch klangen diese Erinnerungen.

Ich flocht ein, ich hätte Tokas autobiografische Novelle "Das Wort des Hirten" gelesen...

Meine? Als ob du nicht weißt, wie Literaturwerke erster Sekretäre produziert werden. Und wer sie produziert, fügte er hinzu.

Ich wußte es, hatte ich doch selbst als Student daran mitgeschrieben, um mein Stipendium aufzubessern.

Nicht der Erste Sektretär des Gebietsparteikomitees, nicht ein Mitglied des stalinschen Zentralkomitees, nicht der erbarmungslose Kämpfer gegen Abweichler aller Schattierungen sass vor mir, sondern ein alter, untersetzter, krummbeiniger Tuwiner mit faltigem Gesicht und kleinen schwarzen Schlitzaugen. Ein alter, müder, vielleicht kranker Mann.

3.

Ich weiß nicht, ob Toka schreiben konnte, reden konnte er jedenfalls. Deswegen wurde er auch als junges Parteimitglied nach Moskau zur Kommunistischen Hochschule für Werktätige des Orients abkommandiert. Sein Mentor war der Sprachforscher Alexander Palmbach, Fachmann für mongolische Sprache. Palmbach gehörte zu den Deutschstämmigen. Er war nur vier Jahre älter als Toka.

Der junge Tuwiner und der Deutsche wurden Freunde. Palmbach lernte das der mongolischen Sprache verwandte Tuwinisch. Er begründete das tuwinische Schrifttum. Toka besserte sein Russisch auf und lernte ein paar Brocken Deutsch. 1928 fuhr er sogar nach Berlin zu einer Konferenz der Kommunistischen Jugendinternationale.

Nach Tuwa kehrte er Anfang der dreißiger Jahre zurück. Schnell erklomm er den Gipfel der Macht. Unterwegs beseitigte er Rivalen.

Palmbach besuchte Toka in Kysyl. Danach kamen in Moskau Erzählungen ,Theaterstücke und Gedichte des tuwinischen Volksführers heraus. In Übersetzung von Alexander Palmbach. In Kysyl erschienen sie in tuwinischer Sprache erst hinterher.

Im Zweiten Weltkrieg bildete Toka, zu der Zeit der mächtigste Mann in Kysyl , aus tuwinischen Jägern eine Scharfschützentruppe. Der tuwinische Jäger trifft das Eichhörnchen und den Zobel ins Auge, damit das Fell keinen Schaden nimmt. Die Scharfschützen aus Tuwa bewährten sich an der Front bestens.

Stalin erhielt einen Bericht über ihre Lesitungen. Der weise Führer aller Völker der Welt wurde nachdenklich. Tuwa? Eine unabhängige Republik? Die Andeutung wurde verstanden. Im August 1944 kam Toka nach Moskau. In der Tasche das Bittgesuch, Tuwa in die Sowjetunion aufzunehmen. Unterschrieben von allen Tuwinern. Auch von jener grossen Mehrheit, die nicht schreiben konnte.

Auf die Audienz mußte er einige Wochen warten. Stalin wollte die Sache gut überlegen. Schließlich hatte er Größeres vor, als das gottvergessene Tuwa in die SU zu holen. Mit der Eingliederung Tuwas die Pferde scheu zu machen, schien nicht ratsam.

Erst ein Bericht der nach Tuwa entsandten Geologen ließ ihn die Entscheidung treffen.

Er empfing den Bittsteller. Euer Wille geschehe, sprach er großzügig. Tuwa wird in die Union aufgenommen. Und er fragte, ob es stimmt, dass der Landstrich reiche Vorkommen an Gold und Quecksilber hätte. Und auch an Uranerz?

Der Vater aller Werktätigen fand Gefallen an Toka. Er befahl, ihm für die autobiografische Novelle "Das Wort des Hirten" den höchsten Literaturpreis des Landes zu verleihen.

4.

Etwa zehn Jahre später, als ich wieder in Moskau arbeitete, traf ich Toka noch einmal. Er war Delegierter eines Parteitages, der den Beschluß faßte, den einbalsamierten Leichnam Stalins aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz zu entfernen. Es hiess jetzt, der Organisator des großen Terrors hätte es nicht verdient, neben der Lenin-Mumie zu liegen.

Toka gab mir ein Interview über den Parteitag. Er war mißgelaunt, Stalin wollte er nicht erwähnen. Ich bestand auch nicht darauf. Ich wußte, daß Toka es zu dem Zeitpunkt in Tuwa nicht leicht hatte. Man kreidete ihm die Unterdrückung und Vernichtung jener Landeskinder an, die es nicht sehr eilig hatten, den Sprung aus dem Frühfeudalismus in den entwickelten Sozialismus zu tun.

Später, in den Jahren der Perestroika, berichten Moskauer Zeitungen, es ginge in Tuwa alles drunter und drüber. Die tuwinischen Viehzüchter hätten ihre Herden, nach dem Anschluß Tuwas quasi verstaatlicht, wieder privatisert. Sie verliessen die für sie gebauten Dörfer und zogen wieder durch die Steppe. Sie verbrannten ihre Parteibücher mit dem Leninbild und ihre sowjetischen Ausweise mit Hammer und Sichel. Eine Partei entstand, die ein unabhängiges Tuwa forderte. Ein Gottestempel wurde gebaut. Bei der Einweihung brachte ein uralter Lama Reliqien, die er seit 1921 versteckt hielt.

Russen genießen in Tuwa kein Ansehen mehr. Von der Untertänigkeit der Tuwiner blieb keine Spur. Im Gegenteil: Russen wurden auf den Straßen angepöbelt, verprügelt, manche ermordet. Viele Russen zogen es vor, sich abzusetzen. Sie schlossen sich den russischen Flüchtlingsscharen an, die aus allen Ecken und Enden der ehemaligen Sowjetunion nach Rußland, ins Mutterland zurückkamen.

Auch jene tuwinischen Russen, die sich hier schon vor Jahrhunderten niedergelassen hatten, um Verfolgungen der mit dem Zarenthron eng liierten Kirche zu entgehen. Mit der Sowjetisierung von Tuwa hatten sie nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil: die Sowjetmacht hat ihre, von russischen Bauernsitten längst vergangener Zeiten geprägte und in Tuwa gewissermaßen konservierte Lebensweise mit Argusaugen betrachtet. Trotzdem wurden auch sie von den Einheimischen drangsaliert. Den Tuwinern kam es nicht darauf an, welche Russen es waren, die Hauptsache es waren Russen.

Allmählich beruhigte sich die Lage. Die Tuwiner besannen sich darauf, dass aus Russland nicht allein Schlechtes gekommen war. Jetzt ist ein Tuwiner namens Schoigu sogar zu einem der mächtigsten Männer im Kreml geworden. Ihm wird großes Durchsetzungsvermögen bescheinigt.

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