V.I.P. 

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WIE ERHEISCHT EINE STAATSMACHT  DIE LIEBE IHRES VOLKES?

 

 

Die Antwort ist kein Geheimnis. Indem  sie sich zum Schild des Volkes zurechtkämmt.

 

So wie es Hitler getan hat, als er die staatliche Gewalt gegen die Juden als Volksverderber einsetzte. Oder Stalin, als er seine Funktionäre als  Volksschädlinge ausrotten ließ. Wobei  die stalinsche Mär  weniger  realitätsfern war als  die hitlersche. Denn die in der Sowjetunion Ausgerotteten haben sich tatsächlich einiges zu Schulden kommen lassen. Schließlich sind sie jahrelang  den Aufforderungen Stalins gefolgt...

 

Der Weg zur Erschleichung der Volksliebe scheint der Königsweg jeder Staatsmacht zu sein. Jedenfalls in Russland.  Darauf deutet die dort laufende Aktion gegen den kapitalstärksten russischen und einen der weltgrößten Erdölkonzerne Jukos. Die führenden Geschäftemacher des Konzerns werden von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, eine ganze Palette von strafbaren Taten begangen  zu haben. Von Steuerhinterziehung bis Auftragsmord.

 

Ein Konzerngewaltiger sitzt schon hinter Schloss und Riegel.  Ein Dollarmilliardär. Das soll eine andere kapitalistische Staatsmacht der russischen nachmachen: einen Dollarmilliardär  hinter Schloss und Riegel zu bringen. Ohne Gerichtsverfahren. 

 

Etwas Wirksameres zur Erheischung der allgemeinen Volksliebe konnte die russische Staatsmacht nicht tun. Denn die wie Pilze nach dem warmen Regen aus dem postsowjetischen Boden geschossenen Dollarmilliardäre werden von den meisten Russen gehasst. Wie die Pest. Und nicht ganz ohne Grund. Sind sie doch die Profiteuere der Umwälzung am Ende des vorigen Jahrhunderts in Russland, die den meisten Russen das Letzte raubte.

 

Dass sie die Leistung auf Aufforderung und mit Beihilfe der korrumpierten Staatsmacht vollbrachten und mit ihr teilten , steht auf einem anderen Blatt.

 

Putin hat im Jahre 2000 sein Präsidentenamt auf eine echt demokratische Art erlangt, indem  er  dem Wahlvolk versprach, die als Volksverderber verhassten  Tschetschenen im Klosett runterzuspülen. Jetzt wird ihm nachgesagt, sich zum Volksretter auf eine andere Weise profilieren zu wollen. Indem er die  Oligarchen schröpft. Nicht weniger verhasst als die Tschetschenen und genauso wie diese, aber offensichtlich mit mehr Berechtigung für die russischen Probleme verantwortlich gemacht.   

   

Eine eiligst einberufene Konferenz der russischen Unternehmer beschwört den Kreml, an  der Privatisierung (also Verteilung unter den wenigen) der „sozialistischen“ Wirtschaft der Sowjetzeit nicht zu rütteln. Sonst versinke Russland im Chaos.

 

Ob der  Appell nötig ist,  darf bezweifelt werden. Aber auch wenn dem Kapitalismus in Russland keine ernstzunehmende  Gefahr droht, hat er einen Sinn. Er verleiht  der Kremlaktion mehr Glaubwürdigkeit. Hilft ihr zum Wahlsieg. Über die Kommunisten, die  in der Wählergunst gestiegen sein sollen.

 

19.7.03        

 

 

PUTINS JAEIN

 

Einmal im Jahr pflegt  der russische Präsident, sich über die Journalisten  an das Volk zu wenden. Auf eine Art , die früher nie denkbar war. Keine Statements, keine abgewogenen Antworten auf  vorher abgestimmte Fragen, keine vorgegebenen Themen.

 

Kein Vergleich mit den Vorgängern. Einem Stalin, der sich dem sowjetischen Volk seltener präsentierte als die Madonna  den gläubigen Frauen in Spanien. Einem Breschnew, der nur vorlas und  mitunter, wenn er die Seiten verwechselte, dasselbe zwei mal nach einander. Einem Gorbatschow, der zwar sehr wortreich, aber hoffnungslos verworren redete. Und einem Jelzin, der    sehr energisch viel Unsinn verzapfte.

 

Schlagfertig, witzig, selbstsicher gibt   sich Putin als Plauderer.  

 

Und jeder Kollege darf in den Kreml, um zuzuhören. Jeder darf fragen, wonach er will. Wenn Putin mit der Hand auf ihn zeigt.

 

Die Pressekonferenz wird gut besucht. 2001, im ersten Jahr  der Veranstaltung, kamen 400 von der schreibenden, redenden, lügenden Zunft.  2002 – 600. In diesem Jahr 700. Davon 230 aus dem Ausland.

 

Das Runet schätzt die diesjährige Veranstaltung als besonders gelungen ein. Putin war gut gelaunt, lachte viel, erzählte von sich selbst und der Familie. So sagte er, er stamme von einem alten Bauerngeschlecht, angesiedelt  in der russischen Nordregion Twer. Seine Vorfahren lebten 300 Jahre in einem und demselben Dorf und gingen in eine und dieselbe Kirche. Sie übten sich in Nachhaltigkeit, scherzte er.

 

Tatsächlich keine  Alltäglichkeit in Russland, wo die meisten viel wanderten, oft  gezwungenermaßen.

 

Einmal griff Putin zum Deutsch, um kurz und bündig Antwort zu geben. Es ging darum, ob es oft vorkomme, dass frühere Funktionäre trotz ihrer Unfähigkeit wieder die Zügel in der Hand bekämen. „Jaein“, sagte er und erläuterte, dass es zwar ab und zu der Fall wäre,  aber selten.

 

Sonst aber zog er russische volkstümliche Wendungen vor,  in ihrer Ausdruckskraft bekanntlich  unübertroffen, aber kaum übersetzbar. So bei der Beantwortung der Frage nach der Macht der Oligarchen in Russland. Diese Dollarmilliardäre, die nach der Wende, als die russische Wirtschaft abstürzte, auf geheimnisvolle Weise steinreich wurden, hätten mit der  Staatsmacht nichts zu tun. Die Macht verkörpere nur der Präsident. Die machtgeilen Oligarchen  blieben ihr fern.

 

Sonst zeigte er viel Verständnis für die Nöte der Kleingärtner. Seine Eltern wären auch auf ihre Parzelle angewiesen und er musste als Kind dort schuften.

 

Und auf die Frage, wofür er sich denn am meisten schämt, tat er kund, dass es die Armut der Bevölkerung sei.

 

Wie üblich, wurde die Pressekonferenz life übertragen. Die Russen  an den Idiotenkästen reagierten begeistert.

 

PS. Putins Pressekonferenz wurde zum Anlass einer Auseinandersetzung zwischen dem einzigen männlichen Mitarbeiter unseres Pressekonzerns, Iwan Matrjoshkin, Esq., und den übrigen, weiblichen Holzpuppen. Der Krawallmacher  behauptet, er stamme aus demselben Dorf wie Putin und hätte deswegen das Anrecht auf eine Gehaltserhöhung.  Da ihm diese verwehrt wird, erwäge er, sich den  bevorstehenden Protestaktionen  der ostdeutschen Metaller anzuschließen. Die Puppen blieben aber standhaft. Wie die Arbeitgeber der Metallindustrie. Dem sozialen Friedensstörer wurde bedeutet, er solle sich bescheiden. Die Agenda 2010 erfordere Opfer. Von allen. Auch von jemandem, der in einem Dorf mit Putin geboren wurde. In einem demokratischen Staat gäbe es kein Geburtsprivileg.   

 

21.6.03    

 

EIN NEUES KABLOGRAMM AUS LONDON

 

UNSER SONDERKORRESPONDENT IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ.,

BERICHTET:

 

Sollten die Briten mir vorschlagen, ihr König zu werden, würde ich ablehnen. Zu viel Tand, zu viel Zeremoniell.  Damit haben sie  sogar W.W. Putin geschafft. Obwohl jung und Judoka, sah  er bereits am dritten Tag seiner Visite  müde aus. Wie  meine Freunde im Buckingham- Palais sagten, ich auch. Wir beide mussten unzählige Empfänge mit dauernden Smalltalks  über uns ergehen lassen. Außerdem der hohen Politik ihren Tribut zahlen. Er unterschrieb wichtige Absichtserklärungen über die Zusammenarbeit im Energiesektor und bei Gaslieferungen, warb für britische Investitionen in Russland, erörterte strittige Probleme- von Iran bis Nordkorea. Ich blieb zwar mehr im Hintergrund, aber leistete auch nicht wenig, und zwar als Lobbyist  meiner Wahlheimat.

 

Denn der  Albion bleibt sich treu. Er unternimmt den Versuch,  den „Deutschen im Kreml“ zu einem „Briten im Kreml“ umzumodeln. Putin wird umworben wie sonst kein Gast ihrer Majestät.  Es ging so weit, dass Tony Blair  sagte, Russland werde die wichtigste Weltmacht des XXI. Jahrhunderts sein. Das stimmt zwar, aber warum sagt er das? Um dem russischen Präsidenten die Rolle anzutragen, die dieser gar nicht beansprucht- die des Leaders der Welt, die von George W. Bush. „Was nun? - fragte ich einen Kollegen von der Downing Street, - wer ist für Ihren Premier wichtiger: ein  Cowboy aus der Prärie oder ein Erbe Ihrer Verwandten, der Romanows? Er schwieg betreten. Die Briten sind bekanntlich sehr zugeknöpft.

 

...Putin blieb der Liebenswürdigkeit seiner Gastgeber nichts schuldig. So äußerte er, Russland sei an einem starken Euro nicht interessiert. Kaum wurde das gesagt, ging der Euro runter. Dabei habe ich in meiner Brieftasche nur die europäische Währung, die ich jeden Tag bei einem Pakistani, nie mehr als fünf Euro pro Tag, schwarz umtausche, um meine laufenden Ausgaben zu finanzieren. Vor allem die Übernachtung in einer Herberge im East End. Mich ernähren kann ich  auf Kosten der britischen Krone- bei den zahllosen Empfängen. Obwohl der im übel riechenden Öl gebratene Fish and Chips mir auf den Magen geht, lasse ich aus Sparsamkeitsgründen  dieses Leibgericht beim Hof über mich immer wieder ergehen, denn sonst müsste ich, knapp bei Kasse, auf meine drei-vier Pint Ale am Abend verzichten und die sind in London die Quelle meiner publizistischen Inspiration, wie in Berlin das Shigulewskoje pivo... Ach was, das war ja in Moskau, in Berlin ist es...Nein, ich will keine indirekte Werbung machen, obwohl der Wirt aus der Kneipe „Sonnenschein“ zu Berlin, Prenzlauer Berg mich darum gebeten hat und sogar versprach, mich ein ganzes Wochenende dafür  freizuhalten. Ich bin aber nicht zu kaufen, erst recht so billig nicht.

 

Aber lassen wir alles Private beiseite.

 

Am Freitag fliegen die Putins nach Kaliningrad, wo die Gemahlin des Präsidenten viele Jahre verbracht hatte. Aber nicht das ist der Grund. Welcher dann? Hoffentlich keiner, der die vertrauensvollen Beziehungen zu Berlin belasten könnte. Bei der Gelegenheit sage ich ihm: „Wladimir, gebe doch den Deutschen  dieses verdammte Königsberg zurück, wenn sie es so gern wieder haben möchten.“ Aber vermutlich wird er Bedenken haben. Zwar schlucken die Russen auch dieses... Aber die Briten! Bestimmt  gönnen sie den Deutschen die Ostsee nicht und werden deswegen versuchen, die Rückgabe zu hintertreiben. Das hat mir übrigens ein Lord  der Admiralität zu verstehen gegeben, den ich in einem Pub angesprochen  hatte.   

 

Ich fliege nicht nach Kaliningrad. Zu wenig Reisegeld. Bin ich wieder an der Spree, muss ich deswegen gleich ein Hühnchen mit den Holzpuppen rupfen. Sollten sie sich  weigern, mich entsprechend meinem internationalen Gewicht zu behandeln, wechsele ich in den Dienst Ihrer Majestät. Sie gefiel mir sehr. Ein feiner Mensch!

 

Nicht so wie diese Megären, die mir das Leben unsäglich schwer machen. Мать их тра-та-та...

 

Sincerely   , Iwan Matrjoschkin, Esq.

27.6.03, London – Edinburgh - Windsor.                  

 

PUTIN,  MATRJOSCHKIN UND DIE QUEEN

 

Eigentlich wollte die weibliche Mehrheit des Teams  matrjoschka- online.de es vermeiden. Einige Holzpuppen wiesen darauf , dass Iwan Matrjoschkin, obwohl ein Esquire, die vornehme britische Umgangsart  vermissen lässt.  Andere stellten mit Bedauern fest, dass er keinen schwarzen Frack  und keine weiße Fliege in seiner Garderobe  hat  und in der  Konzernkasse das nötige Kleingeld fehlt, um diese zu erwerben. Aus anderen Gründen war      dagegen,  die ein heimliches Faible für den Esquire hegt. Sie meinte, durch seine, auch ohne Frack und die Fliege glanzvolle Erscheinung würde er   die Öffentlichkeit und die Presse Großbritanniens irritieren und vom eigentlichen Ereignis, dem Besuch des russischen Präsidenten, der ersten  offiziellen Visite eines russischen Herrschers seit 160 Jahren  in London, ablenken.

Aber der Krawallmacher setzte sich durch und in eine britische Sondermaschine. Jetzt erreichte uns ein Bericht aus London, der vermuten lässt, dass der Stammgast der Kneipe „Sonnenschein“ zu Prenzlauer Berg, Berlin,  die Qualitäten des britischen Ale  zu schätzen weiß. So behauptet er, die peinliche Verspätung Putins zur feierlichen Empfangszeremonie sei nicht auf einen  Verkehrsstau in London  zurückzuführen, sondern  auf die Ränke jener britischen Politiker, die Russland seine Haltung während des Irakkrieges  übel nehmen und  die Zusammenarbeit sabotieren.

„Nicht so schlimm !- vermerkt  der Esquire in seiner Reportage, die wir aus Platzmangel nur auszugsweise bringen, - Russland hat seine zuverlässigen  deutschen Freunde. Zusammen werden wir dem perfiden Albion entgegenwirken.“

Des weiteren hebt der Esquire die bezaubernde  Erscheinung   der Gemahlin des Präsidenten hervor. Ludmila Putina  kam zum Abendempfang ins Buckingham Palais fast in derselben Robe und fast mit demselben Hut wie die Queen, bloß die Stoffqualität und der Schnitt seien besser gewesen.   Die liebenswürdige Queen hätte sich nichts anmerken lassen, die Hofdamen schon, aber auch sie wurden letztendlich von Ludmilas  Charme überwältigt.

Matrjoschkin teilte mit, alle Russen der Begleitung erschienen  einwandfrei in schwarz und weiß. Zu dieser gehören  der Außenminister Igor Iwanow, der Präsidentenberater Sergei Prichodjko, der Nowgoroder   Gouverneur Michail Prussak  (überetzt heißt es – Preuße, nomen est omen! – lässt an dieser Stelle der Esquire einflechten: nichts läuft jetzt in Russland ohne Preußen, und das ist gut so!), sowie der Moskauer OB Juri Luschkow, der demnächst in Berlin erwartet  wird und, wie der Esquire behauptet, versprochen hätte, mit ihm ein vertrauliches Gespräch über die Hintergründe Putins Londoner Mission zu führen.

In seinem  Bericht erläutert  der Esquire, warum zwischen dem Besuch des russischen Zaren Nikolaus des Ersten und des noch ungekrönten, aber sehr tüchtigen Herrschers des gegenwärtigen Russlands fast 160 Jahre lagen. Das heißt nämlich nicht, dass zwischen Russland und Großbritannien in dieser Zeit Funkstille herrschte.  Schließlich haben die Engländer und die Russen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zusammen gegen die Deutschen gekämpft, was er, Iwan Matrjoschkin, Esq., für eine bedauernswerte Verirrung der Russen hält. Jedenfalls aber hat die Kommunikation zwischen dem Winterpalais in Sankt Petersburg und dem Buckingham Palais im London  funktioniert, bloß nicht auf der Ebene der steifen offiziellen Visiten. Die Oberhäupter besuchten sich gegenseitig  privat, als gute Verwandte und sprachen sich ohne Protokoll aus. Was übrigens die Briten nicht gehindert hätte, der Ermordung des letzten Zaren, Nikolaus des Zweiten, durch die Bolschewiken tatenlos zuzusehen, obwohl der Kreml seine Fühler ausstreckte, um rauszufinden, was die Briten rausrücken, wenn man  die Zarenfamilie auf die Inseln auswandern lässt.

An die alten dynastischen Bindungen erinnern die Geschenke, die der Gastgeber und der Gast ausgetauscht haben. Putin brachte ein Bild mit Darstellung eines russischen Zarenpalastes und einen wertvollen Dolch, in Empfang nahm er eine russische Gardestandarte. Diese ist in London seit der russischen Revolution in Verwahrung gewesen. Die Briten versprachen, sie zurückzugeben, wenn die Sowjetmacht endlich abdankt.  Jetzt gaben sie die Standarte zurück, womit noch einmal bewiesen wurde, wie sehr die Ewiggestrigen in Russland im Unrecht sind, wenn sie behaupten, die Wende hätte dem russischen Volk nichts  gebracht. 

Sonst  deutete der Esquire in seinem Bericht an, kraft seiner Abstammung könnte er sich der Wiederherstellung der dynastischen Bindungen zwischen den Tudors (oder sind es keine?) und den Romanows annehmen. „Ach, nee!“ sagte dazu die  , noch vor wenigen Tagen behauptete Iwan, er stamme aus einer Bauernfamilie, in demselben Dorf angesiedelt, wo Putins Vorfahren  300 Jahre lang ihr Feld bestellten. Was nun? Ist er  bäuerlicher oder aristokratischer Abstammung?

Vorläufig bleibt die Frage ungeklärt.  Der Esquire verweilt   in London, um uns weiter über den Besuch des russischen Staatsoberhauptes zu berichten.

PS. Eine gewisse Wahlfranzösin schickte uns auch einen Bericht über Putins Aufenthalt in London. Bei der  Überprüfung stellten wir fest, die Autorin hatte den Zaren Alexander  den Zweiten  mit dem Nikolaus dem Ersten verwechselt. Da in jedem Produkt des Konzerns matrjoschka-online.de jeder Buchstabe stimmen soll (und stimmt!), wanderte der Bericht in den Papierkorb. Wir stehen eisern für  verantwortungsvolle und gewissenhafte journalistische Recherche und akzeptieren keine Spinnereien. Unsere Leser dürfen uns völlig vertrauen.    

25.6.03   

 

 

WHO IS MISTER PUTIN?

Das wissen wir schon. Seit wir ihn kennen, versuchten wir  herauszufinden, was bei ihm überwiegt, der KGB-Offizier oder der demokratische Marktwirtschaftler.

Jetzt ist es damit vorbei. Nicht etwa, weil wir es herausgefunden haben, sondern weil wir in den drei Jahren Putin erkennen mussten, dass er es selbst nicht weiß. In offene Auseinandersetzungen lässt er sich nicht ein. Er tut es denen und jenen recht.  Er ist der Mittler zwischen den Clans, aber nicht ihr Gebieter. Er will nicht die Schachkönigin sein, lässt sich aber auch nicht zum Bauern degradieren, macht sich eher zum Springer.

Putin ist aufrichtig, wenn er zum Kampf gegen den Terrorismus und die Armut aufruft, zur Stärkung des russischen Staats, zur wirtschaftlichen Effizienz.  Doch wer ist schon gegen die Beseitigung der Armut und die Mehrung des Reichtums durch effektives Wirtschaften für die  Größe des Vaterlandes? Alle sind dafür. Die Frage ist nur, wie das erreichen? Durch die Demokratisierung des Landes oder die Restauration der undemokratischen Macht? Putin mag es nicht, dieses Dilemma zu erörtern Er zieht Unentschiedenheit vor.

Danach gefragt,  ob er sich parteilich nicht festlegen möchte, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: „Gott sei Dank habe ich nicht vor, in irgendeine Partei einzutreten...“.  So bleibt Wladimir Putin der Volkspräsident trotz der Verbindungen zu den Oligarchen und  seiner KGB-Vergangenheit, obwohl die Russen die Oligarchen hassen und wenig übrig haben für Geheimdienste, weder für die alten noch für die neuen.

Putin wurde nicht einfach als parteiloser Präsident gewählt, sondern auch als Wortführer all jener, die nicht wissen, wofür sie sind.  Er ist der auf den Wogen der allgemeinen Enttäuschung über die demokratischen Institutionen (Pressefreiheit, Parteien, Parlament)   demokratisch gewählte Präsident. Seine Vorgänger haben die demokratischen Institutionen besudelt. Besonders sein Taufpate Jelzin. Damit  haben sie Putin den Boden gemistet. Von der ganzen Demokratie wollen die Russen nur das Recht, einen  Präsidenten zu wählen. Einen Präsidenten, der sie nicht daran hindert, in die eigene Tasche zu arbeiten und nicht für den Staat, das heißt, keine Steuern zu zahlen. Putin weiß das und hält sich daran.

Die offensichtliche Krise von Putins Exekutive ist eine Folge dieser Einstellung des Präsidenten. Richtiger gesagt, das Fehlen einer eindeutigen Haltung. Wladimir Putin verspricht dem Land Demokratie. Irgendwann. Wie in einem Witz der Chefarzt, der einem Patienten im Irrenhaus verspricht: Wenn Sie lernen, vom Turm zu springen, lassen wir Wasser ins Bassin.

 

                                         Nach politkom.ru.

 22.7.03

 

PUTIN WIEDER IN BERLIN

 

Diesmal kam   Wladimir Putin  in die deutsche Hauptstadt, um an der feierlichen Auftaktveranstaltung des russischen Kulturjahres in Deutschland teilzunehmen. Aber mindestens genauso  wichtig  war die Gelegenheit, mit dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder tet-a-tet Meinungen auszutauschen. Weniger über bilaterale Beziehungen, die so weit stabilisiert sind, dass sich nicht unbedingt die ersten Personen Deutschlands  und Russlands darum  kümmern müssen. Ganz anders aber die sich rapide zuspitzende Nahostkrise. Sie erfordert  ständige Konsultationen auf  höchster Ebene. Zwar beabsichtigen   Deutschland und Russland  nicht, an dem von den USA geplanten und vorbereiteten Feldzug gegen den Irak teilzunehmen, doch lässt sie der amerikanische Vorstoß, stark untertrieben gesagt, nicht kalt.  
Denn gewaltsame und einseitige Lösungen des Irakproblems  können, wie  Putin in Berlin feststellte, Millionen Menschen nur Leid bringen und die Spannung in der Region verstärken.

 

 

PUTIN FREUT SICH. SCHRÖDER AUCH.  

„Schon gut, dass das Regime Husseins beseitigt ist. Wir haben schon immer gesagt, es muss weg“, sagte Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz in Petersburg. Das ist nicht das erste Anzeichen dafür, dass Russland in Richtung Koalition gegen den Irak die Fühler ausstreckt,  schreibt dazu Gazeta.ru. Aber so deutlich biederte sich der Präsident noch nie an die Sieger an. Weil aber Chirac und Schröder  dabei gewesen sind, musste natürlich auch ein wenig Kritik laut werden.  Das Irakproblem hätte nicht kriegerisch gelöst werden sollen, sagte Putin. Es gibt viele Länder wie den Irak. Wollen wir jetzt gegen alle Krieg führen? 

Nach dem zu urteilen, dass Putin von früheren härteren Worten keinen  Gebrauch machte, verabschiedete er sich  von der  früheren Rhetorik. Jetzt geht es um die Nachkriegsregelung im Irak. Das Dreiertreffen in Petersburg bedeutet, dass Russland, Frankreich und Deutschland  auch weiterhin als ein Team auf dem Fußballfeld Irak spielen wollen. Putin denkt nicht daran, den Platz ausschließlich den USA und Großbritannien zu überlassen.   Er begründete es mit der Notwendigkeit, die gewesene  Weltordnung  zu erhalten. Diese darf nicht zerstört, sondern vervollkommnet und neuen Anforderungen angepasst  werden.   Die UNO erwähnte er übrigens nicht.  

 Sonst verlautete aus Petersburg, der russische Präsident versuchte, noch unmittelbar vor dem Krieg, Saddam loszuwerden. Er schickte seinen Mann für heikle Aufträge, den ehemaligen Chef der russischen Aufklärung und alten Freund des Irakers, Primakow, nach Bagdad, um Saddam zum freiwilligen Rücktritt zu bewegen. Der aber folgte dem gutgemeinten Rat nicht. Jetzt hat er den Salat.  

12.4.03 

 

 

WIR WARTETEN MIT VERHALTENEM ATEM. UND DIE STIMME ERSCHALLTE. DIE MACHTVOLLE, WENN AUCH ETWAS DÜNNE STIMME DES RUSSISCHEN PRÄSIDENTEN.

 

Wladimir Putin forderte den sofortigen Stopp der Kriegshandlungen im Irak. Er verurteilte die USA für den Krieg. Der Angriff sei durch nichts zu rechtfertigen. Nicht durch die angebliche Unterstützung des internationalen Terrorismus durch den Irak, worüber  Russland über keine Informationen verfüge. Nicht durch die Absicht, das politische Regime in diesem Land zu ändern, - das ist ausschließlich die Sache  der Iraker. Ob der Irak tatsächlich Massenvernichtungswaffen besitze, klärt ein  Krieg nicht. Die Tatsache ist, dass der Irak keine Gefahr darstellte. Nicht für die Nachbarn, nicht für andere Länder und Regionen. Die Weltgemeinschaft war dabei, den Irak friedlich zu entwaffnen. Die USA haben es verhindert. Ihr Waffengang widerspricht der  Weltöffentlichkeit, den Prinzipien und Normen des internationalen Rechts und des UNO-Statuts. Es ist ein Signal zur Zerstörung des ganzen internationalen Rechtssystems. Wenn zugelassen wird, dass das internationale Recht durch  Faustrecht abgelöst wird, wonach der Stärkere  alles tun darf, auch keinerlei Einschränkung  bei der Wahl der Mittel zur Ereichung seiner Ziele unterliegt, dann wird ein  Grundsatz des internationalen Rechts in Frage gestellt, der Grundsatz der  staatlichen Souveränität. Und für keinen wird es Sicherheit geben.  

     

Deshalb besteht Russland auf Einstellung des Krieges. Russland ist weiterhin davon überzeugt, dass der Sicherheitsrat der UNO bei der Bewältigung der internationalen  Krisen, auch der um Irak, die Hauptrolle spielen soll. Gebeten um Einschätzung der Äußerungen, erklärte der führende Experte des Konzerns matrjoschka-online.de, der nicht genannt werden will (wegen der CIA), triumphierend, dass W.W.P. sogar weiter als Herr Schröder und Herr Chirac  in der Verurteilung Bushs Handlungsweise  gegangen sei. Im Überschwang der Gefühle stieß der weltbekannte Experte ein dreifaches Hurra zu Ehren des russischen Präsidenten aus, den er seinen Freund nennt, obwohl dafür keine Indizien vorliegen.

21.03.2003

 

 

Bekanntlich reagierte Washington sehr aufgeregt auf  die von denselben Erwägungen geprägte Einstellung Deutschlands.  Es geht dabei nicht so sehr um eine verweigerte militärische Hilfeleistung, die wenig gebraucht wird, sondern vielmehr um  die vermutete Illoyalität der Deutschen. Um ihre Eigenwilligkeit  gegenüber der Supermacht, die eine unilaterale Welt anstrebt.  Deswegen kam es zur abschätzenden Bemerkung des USA- Verteidigungsministers über das „alte Europa“, alt im Sinne ambitiös, aber kraftlos. Der genau berechneten und auf innerpolitische Auseinandersetzungen in Deutschland zielenden Beleidigung folgte eine Zugabe in Form  der anzüglichen Einstufung Deutschlands auf ein Niveau mit Kuba und Libyen.

 

Vor diesem Hintergrund gewann Putins Besuch an  Gewicht. Bezeichnend  ist eine Replik des deutschen Verteidigungsministers Struck auf der mit dem russischen Präsidentenbesuch fast gleichzeitig abgehaltenen internationalen Sicherheitskonferenz in  München. Dem  penetrant immer wieder abgespielten  Leitmotiv der amerikanischen Kritik an der deutschen Politik  , sie isoliere das Land, stellte  er  den Hinweis darauf entgegen, dass Deutschland nicht allein mit seinen Bedenken steht.  Dabei schloss er Russland in den Kreis der  deutschen Verbündeten ein. Wenn er sich dabei  versprach, dann war es gewiss ein freudsches Versprechen. Denn es mag formal  nicht korrekt sein, im Wesen der Sache aber trifft es zu.

 

Wie Putin und der Bundespräsident Johannes Rau in ihren  Reden  bei der feierlichen Eröffnung des russischen Kulturjahres in Deutschland im Berliner Konzerthaus hervorhoben, sind die deutsch-russischen Beziehungen von Vertrauen und dem Willen zur Zusammenarbeit geprägt. Beim Treffen mit der Presse im Anschluss an den Arbeitsbesuch fasste Putin die russische Position in der Irakkrise auf eine Art zusammen, die es den Anwesenden fast unmöglich machte,  Differenzen zur deutschen Einstellung auszumachen. Eine  friedliche Regelung als das vorrangige Ziel der internationalen Aktivitäten, darunter die nicht zu kurz bemessenen Waffeninspektionen im Irak, die Einbeziehung der UNO in die  Entscheidungssuche danach, die Priorität des Internationalen Rechts und last not least der Verzicht auf eine von Außen herbeigeführte Änderung der Regierungsform im Irak- dies und anderes, von Putin vorgetragen, findet sich auch in den Äußerungen des deutschen Bundeskanzlers, auch wenn er mit Rücksicht auf seine zahlreichen Kritiker mitunter eine weniger klare Sprache führt.

 

Nur logisch, dass der Gastgeber und Gast für das laufende Jahr vier weitere Zusammenkünfte vereinbart haben. Von Berlin brach Putin nach Paris auf, was manche deutsche Kollegen veranlasst, von einem sich abzeichnenden Dreieckverhältnis  in Europa  zu sprechen. Aber auch  die Tatsache, dass Russland  gute Beziehungen  zu den USA pflegt, wird hier positiv vermerkt,  da es die Solidarität Russlands mit Deutschland in der Nahostpolitik  nur relevanter macht. 

 

10.2.03 

 

WWP- DER RUSSISCHE STOLZ!

Vor Tagen besuchte Wladimir Wladimirowitsch  Putin Berlin. Leider ganz kurz. Auf dem Programm: Teilnahme an einem großen Konzert im Berliner Schauspielhaus  am Gendarmenmarkt, das das Russische Kulturjahr in Deutschland einleitet. Und sicherlich hat WWP auch mit Bundeskanzler Schröder  einiges zu besprechen.

Putin ist ein Phänomen erster Güte.

Kaum hatte er die Bühne der russischen Politik betreten,  erklomm er ohne greifbaren Hintergrund (die Tätigkeit im russischen Geheimdienst in einer untergeordneten Funktion zählt nicht- welcher sowjetische Funktionär hat nicht mit dem Geheimdienst zu tun gehabt?)  mit der Geschwindigkeit einer Rakete  die Akzeptanzhöhe in der Bevölkerung, von der seine Vorgänger  Gorbi und Jelzin nie zu träumen  gewagt hätten. Nur die Sowjetführer Stalin, Breschnew und wie sie alle hießen, hatten  höhere Zustimmungswerte (nicht 80, sondern 99,99 Prozent), aber  da standen die Ergebnisse  schon vor den Wahlen fest und Umfragen wurden nicht durchgeführt. Über das Phänomen Putin rätselt man in den russischen Medien immerzu, ohne allerdings die Nuss knacken zu können.

Nachstehend  bringen wir zwei Runet- Meinungen, ohne uns  ausdrücklich  damit zu identifizieren.

WESHALB IST PUTIN IN RUSSLAND SO BELIEBT?

Dafür gibt es keinen besonderen Grund, schreibt Natalja Geworkjan in Gazeta.ru.

Die russische Liebe kennt keine Gründe, schreibt sie. In Russland liebt man, weil man liebt. Besonders die Frau. Sie meint, wenn der Mann sie schlägt, tut er es aus Liebe. Und seinen Lohn trägt er auch nicht nach Hause, wo es wenig zu Essen gibt, kalt und ungemütlich ist, und dauernd besäuft er sich, und schimpft in unflätigsten Mutterflüchen, pfeift auf die Kinder und geht fremd. Die russische Frau aber liebt ihn, duldet alles und  wartet auf bessere Zeiten. Das ganze Leben. Manchmal allerdings platzt die Geduld, dann nimmt sie das Küchenmesser und aus ist es. Finito.   

 

Doch bevor es dazu kommt, versuch’ einer sie zu fragen, was sie, die Schöne, denn an diesem unscheinbaren, kahlköpfigen, blassen Männeken gefunden hat, von dem weder Nutzen noch Hilfe zu erwarten sind. Gott behüte, sie wird sauer, schimpft und guckt dich nicht mehr an.  

So ist es in Russland auch mit den Staatschefs. Einerseits könnte so ein Staatoberhaupt froh darüber sein, andererseits müsste es ihn beunruhigen. Eine coole, ausgewogene, sachliche Einstellung ist stabiler als Leidenschaft. Langweiliger, keine Frage, aber stabiler. Wer sich nicht allzu sehr täuschen lässt, erlebt auch keine große Enttäuschung. Eine Leidenschaft kann aber ein schlimmes Ende nehmen: „Ich habe Dir mein ganzes Leben hingeworfen, glaubte Dir, und Du...“ Und für ihn, den man so liebte, gibt es kein Pardon mehr. Mit derselben Leidenschaft wird er verdammt und abgestoßen.         

 

ÄHNLICH ÄUSSERT SICH  DIE ZEITUNG «КОНСЕРВАТОР» AUF IHRER INTERNETSEITE.   

 

Ist es  inzwischen nicht zu viel Putin in Russland geworden, fragt sie.

 

In den Fernsehnachrichten wird er im Durchschnitt zwanzigmal erwähnt oder gezeigt.  Zeitungen bringen Meldungen über ihn auf den Titelseiten. Eine über den Putin-Doppelgängerwettbewerb, eine andere über den Drehbeginn für einen neuen Film über Putin und seine Frau, die dritte über seine kulinarischen Vorlieben usw.  

Putin prangt auf Schulheftumschlägen und von den Wänden nicht nur der Gouverneursamtsstuben, sondern aller Chefzimmer. Buchgeschäfte bieten zehn bis fünfzehn  
Ausführungen von WWP. Er im Kreml und der Kreml hinter seinem Rücken,  behelmt und mit bloßem Haupt,  im Flugzeug und im U-Boot, mit Kindern und Rentnern,  in Hellblau und  in Tiefblau,  im Tarnanzug und ohne... 

Immer wider werden neue Bücher über ihn ediert. Sogar der deutsche Politologe russischer Herkunft Alexander Rahr meldete sich mit einem Buch über Waldimir Putin, den „Deutschen im Kreml“, zu Wort.

 

Unter seinen Bildnissen steht der Slogan „Mit dem Glauben an Russland“. Mit dem Glauben umarmt er ein kleines Mädchen und steuert ein Flugzeug. Wie tröstlich!

 

Er ist in Russland so unheimlich präsent, weil kein anderer in  Sicht ist. Dank seiner tüchtigen Mannschaft.

 

Selbstverständlich zweifeln auch wir nicht an seinen Taten zum Wohle Russlands. Wer hätte je gedacht, dass Russland mal einen rührigen Präsidenten kriegt. Jelzin saß wie angenagelt im Kreml. Und wenn er rauskam, dann nur um zu angeln. Dieser aber ist überall da. Auf jedem Ball, bei jedem Veteranentreffen und jedem Kinderfest. Einer,  der- wie es einmal über seine ehemaligen Berufskollegen hieß- einen kühlen Kopf, ein heißes Herz und saubere Hände hat. Ein Unermüdlicher  mit blauen Augen,  hellem Haar, glatt rasiert.    Einer, den jeder Vater und jede  Mutter sich zum Sohn, jede Tante und jeder Onkel zum Neffen wünschen.  

Und zu allem Überfluss ist er drei Mal um die Erde geflogen.  Wenn man alle seine Flüge zusammenzählt.

 

Zwar brachte jedes Jahr seit seiner Wahl nicht nur Erfreuliches. 1999 flogen die Wohnhäuser in Moskau samt  Mietern in die Luft.  2000 – explodierten Bomben unweit vom Kreml und brannte der Fernsehturm Ostankino ab. 2001  ging das U-Boot „Kursk“ unter. 2002  nahmen die Tschtetschenen etwa 800 Geisel in einem Moskauer Theater, die zum Teil auch sterben mussten.

 

Das hinderte ihn nicht, die  Kultfigur der Nation zu werden. Sein Image: „stark“, „tugendhaft“, „einnehmend“.  Den Frauen gefällt  seine Entschlusskraft. Der Jugend seine Sportlichkeit. Den Älteren seine Zuverlässigkeit.  Das Lied „Ich möchte einen wie Putin“ wurde zum Schlager.     


Sein Rating pendelt um 80 Prozent. Ist es nicht ein wenig zu viel, um  an die Zukunft der Demokratie in Russland zu glauben?

P.S. Von Iwan Matrjoschkin, Esq., Chefimagemaker des Konzerns matrjoschka-online.de:   

 

Dass sich die Moskauer  Zeitung „Konservator“ die Frechheit leistete, über meinen hochgestellten Freund und den Liebling aller Russen in dem Ton zu schreiben, zeugt von zweierlei. Erstens, von der  Profilierungssucht der neuen Zeitung. Die kann man zwar verstehen, aber nicht verzeihen.

Zweitens zeugt die Veröffentlichung von der bewundernswerten Großzügigkeit von W.W. P. : Ein anderer hätte die Zeitungsmacher in ein Verlies gesteckt, W.W.P. aber lässt sie gewähren. Jedenfalls ist mir nichts Gegenteiliges zu Ohren gekommen.

Übrigens: Je mehr Putin es in Russland gibt, desto fester ist in Russland die Demokratie. Als  es in Russland keine Demokratie gab, sahen die Russen ihren Herrscher Stalin höchst selten. Und jedes Mal, wenn er sich dem Volk zeigte,  gab es ein riesiges Tamtam. Stalin als Flieger? Stalin als Skiläufer? Stalin als Judoka mit einem Japaner  im Ring? Unvorstellbar! Genauso wie ein Hitler, der  seine Eva vor allen Augen zärtlich umarmt...

Und noch etwas aus derselben Oper. Wie läuft es denn in den USA, dem gelobten Land der Freiheit und Demokratie? Ein Präsident, dessen Wahl von jeder Warte aus höchst zweifelhaft erschien und der nicht mal die Hälfte der Amis hinter sich hatte, wird im Nu zu einer Kultfigur  der Nation. Und nichts wirft ihn aus dem Cowboysattel. Kein 11. September, keine Wirtschaftskrise und  sicherlich auch kein Columbiaabsturz. Im Gegenteil. Je mehr Ungemach man mit ihm erlebt, desto mehr klammern sich die Amis an ihn.

Wir leben eben in einer Zeit, wo die Uhren anders ticken.  So liegt   Russland  voll im Trend.

Das Fazit:

ДОБРО ПОЖАЛОВАТЬ В БЕРЛИН, ДОРОГОЙ ВЛАДИМ ВЛАДИМЫЧ!  

2.2.03

 

 

DAS ANGEBOT IM RUNET: EINE INTIME BEZIEHUNG ZU PUTIN.

 

Eigentlich zu seinem Hund (siehe einen Schritt tiefer den matrjoschka-Bericht zum 50. Geburtstag des russischen Präsidenten mit dem Bild des Geburtstagskindes, seines Pferdes und des Hundes). Der Hund, ein schwarzer Labrador, heißt Conni. Er ist Putins Liebling. Sein Vater Alkor Ros Bredford hat inzwischen wieder  Nachkommen. Von einer anderen Dame. Darum weiß- gelblich.

Фото: www.labrador.ru

 Männchen und Weibchen. Die ersteren  werden 900 USD geschätzt, die letzteren 400 USD. Etwas mehr als die Welpen dergleichen Rasse und Klasse sonst. Aber ist wohl verständlich, dass die Nähe zum russischen Präsidenten den Preis in die Höhe treiben muss. Der Verkauf erfolgt über das Runet. Angebote sind an Iwan Matrjoschkin, Esq., zu richten.

9.10.02

PRÄSIDENT PUTIN IST 50 GEWORDEN

Die Welt gratuliert. Unter den wichtigsten Glückwunschüberbringern Bundeskanzler Gerhard Schröder. Ein Gewährsmann des matrjoschka Teams beschaffte uns das Schreiben Schröders an Putin. Es lautet:

Lieber Wladimir,

zu Deinem 50. Geburtstag gratuliere ich Dir sehr herzlich. Ich freue mich über unsere enge, vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit, die sich gerade in international schwierigen Zeiten sehr bewährt hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir sie zum Wohl unserer Länder fortsetzen werden.

Rührend, nicht wahr, liebe matrjoschka-Leser ? Bewegend. Kein trockenes 08/15 Grußschreiben. Ganz und gar nicht.  So gratuliert man einem, den man gut kennt, ehrt, ja liebt, einem, auf den Verlass ist.

Irgendwie Russisch mutet der Stil an.   Als hätte Gerhard Schröder eine russische Seele. Vielleicht hat er auch eine? Vielleicht wohnen zwei Seelen in seiner Brust?

Kein Zweifel: Schröders  Grußbotschaft  wird dem „lieben Wladimir“ gut tun.  Insbesondere jetzt, wo manch ein anderer im Westen ihm viel  trouble  bereitet.  Zum Beispiel der USA- Präsident Bush. Und  der britische Premier Blair. Die gehen W.W. Putin mit ihrer Kriegslust auf den Wecker. Ist er doch ein zutiefst friedfertiger  Mann.

Auch deswegen ist er in Russland äußerst beliebt (von vier Russen mögen ihn mindestens drei). Das Volk sieht, wie er sich um den Frieden in Tschetschenien abmüht. Und um andere Dinge. Beseitigung der Korruption und anderer Kriminalität in Russland  zum Beispiel.

Die Russen sehen auch, dass seine Mühen bis dato nicht viel gebracht haben.  Vielleicht kann die Mühe  gar nicht viel bringen , weil Russland eben Russland ist. Umso mehr anerkennen die Russen  den guten Willen des Präsidenten. Seine Selbstlosigkeit. Sich um etwas abzumühen, was gar nicht glückt, vielleicht gar nicht möglich,  ist in ihren Augen doppelt verdienstvoll. Denn sie sind bekanntlich ein sehr mitfühlendes Volk. Und wenn sich jemand abrackert, ohne viel zustande bringen zu können, sind sie auf seiner Seite.

So wünschen alle Russen  Ihrem Präsidenten: a) noch viele, viele Jahre im Kreml und b)  beste Gesundheit. Damit er sich weiter müht, den Augiasstall auszumisten. Wie Herkules. Zwar ist er ein wenig  schmächtiger, dafür aber  wendiger und geschickter. Judokämpfer!

Jedenfalls reiht sich das Matrjoschka- team  in die unübersehbare Schar  der Gratulanten ein. Und als ein bescheidenes Geschenk zum 50. des Präsidenten bringt es ein Foto auf die Seite, das ihn mit seinen Haustieren zeigt. Iwan Matrjoschkin, Esq., behauptet,  das Foto  mit viel Aufwand geschossen zu haben, verzichtet aber ausnahmsweise auf Papparazi- Honorar. Die von der Holzpuppe mit dem Besen geäußerte Vermutung, er hätte das Foto im Runet auf der WWW.Seite Kremlin.ru geklaut, wies er empört zurück. 

Hier ist das Foto:         

7.10.02 

Appendix: Auf Drängen Iwan Matrjoschkins, Esq.,bringen wir hier auch ein Foto seines Haustieres. Nota bene: das Bild oben strahlt Kraft und Optimismus aus, das Bild unten- das Gegenteil davon!  

 

 

DAS RÄTSEL PUTIN

(Matrjoschka-online.de zum Deutschlandbesuch des russischen Präsidenten )

Vorwort: Mit einem unguten Gefühl  bilanzierten wir, die russischen Holzpuppen, die aus dem Runet herausgefischten Äußerungen  des und über Putin. Wir lästern  nämlich gern. Und je höher die Person steht, desto lieber ziehen wir sie  durch den Kakao.

So waren wir skeptisch, als sich herausstellte, dass das Runet nur relativ  Gutes über Putin brachte. Und dass die Äußerungen  Putins  über Putin auch keine Angriffsfläche boten. Wir schreiben das aufs Konto der unterentwickelten Demokratie in Russland. In einer hochentwickelten Demokratie ist es bekanntlich üblich, volle Kübel Unrat über dem Kopf der Nummer 1  zu leeren.  Und das macht Spaß. Wir wissen es aus unseren  deutschen Erfahrungen.

Aber wie die Russen sagen: на нет и суда нет. Also: ist etwas nicht vorhanden, hilft kein Gericht. So müssen wir nolens volens das bringen, was das Runet bietet.

Allerdings wären wir keine freien Holzpuppen, wollten  wir nicht einen Esslöffel  Bitterkeit ins Honigfass schütten. So stellen wir fest, dass Putin viel weniger getan hat als versprochen. Der grausame Krieg in Tschetschenien geht weiter. Die Kriminalität und Korruption in Russland wüten wie gehabt. Die Amis nisten sich entlang der Südgrenze Russlands  ein. Und der Großteil der Bevölkerung darbt. Trotz  der hohen Einkünfte vom teuerer gewordenen Erdöl.    

Aber anscheinend  nehmen die Russen all das ihrem Präsidenten nicht übel. Seine Zustimmungsquote ist nach wie vor höher als jedes anderen Staatschefs,  der zulässt, diese frei zu ermitteln. Zwischen 70 und 80 Prozent.

Zwar gab es in den siebzig Jahren der Sowjetmacht keinen Führer des Landes, der weniger als 99 Prozent hatte. Aber damals waren das Volk und der Führer eins. In dem Sinne, dass der Führer selbst entschied, welche Zustimmung er im Volke genoss.  Putin aber lässt die Meinungsforscher heran. Die unbequeme Zunft, die man früher in der SU überhaupt nicht kannte. Abgesehen von  Soziologen mit Schulterstücken.

Und jetzt zur Sache.

1. Putin über Putin.

...Man darf sich nicht in eine Rauferei einmischen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Wenn aber keine Wahl bleibt, muss man bis zum letzten zuschlagen. Das habe ich noch als Kind gelernt. Und dann in der Staatssicherheit...

...Man darf seine Pistole ziehen, wenn man  zu schießen fest entschlossen ist. Nie aber, um  Eindruck schinden zu wollen.

...Allen, die darauf spekulieren, dass Russland das Kaliningrader Gebiet (d.h. das ehemalige Ostpreußen) zurückgibt, möchte ich gleich hier in die Kamera drei zusammengeflochtene  Finger zeigen! (Anm. v. M. : eine volkstümliche Geste in Russland, etwa nach der Art des deutschen Vogelzeichens, allerdings viel energischer).    

...(Auf die Frage nach seiner KGB-Karriere)... Ich wollte nicht einfach Spion werden. Ich wollte dem Vaterland dienen. Und  ich bedauere es nicht.  Ich habe keinen Grund, mich zu schämen. Es war eine analytische Tätigkeit: Sammeln und Auswertung von Information.

... Ich schlug vor, der Kommunistischen Partei den Namen zurückzugeben, die sie unter Lenin trug. Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei... Und ich bin dagegen, Lenin aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz zu holen und in der Erde zu begraben. Lenin im Mausoleum ist ein Symbol. Es gibt älteren Menschen die Gewissheit, sie haben nicht umsonst gelebt. Ich werde nichts tun, was das Volk spaltet.

2. Andere über Putin.

Wladimir Lukin, Vizesprecher der Staatsduma, Liberaler:

...Putin versteht, dass die unbegrenzte Solidarität mit dem  Kampf gegen den internationalen Terrorismus  von den meisten Russen nicht eindeutig unterstützt wird. Was aber wird unterstützt? Der Kampf gegen die Allmacht der Oligarchen ( superreiche Gewinner der Reform- Anm. v.M.). Er will, dass hinter  seiner Politik die meisten Russen stehen. So zeigt er ihnen, wie die Oligarchen  auf den Scheiterhaufen steigen müssen. Darunter auch die aus der Regierung. Das Volk freut sich darüber wie ein Geburtstagskind. So gewinnt er Spielraum. 

Michail Gorbatschow: 

...Er hat den richtigen Weg eingeschlagen.  Er hat die gesellschaftlichen und politischen Prozesse überholt, er schreitet ihnen voraus. Aber das ist ja genau das, was ein Staatsoberhaupt auszeichnet. ...Mir gefällt sein Stil, seine Sachlichkeit und seine Tüchtigkeit, verbunden auch mit einer gewissen Strenge anderen und sich selbst gegenüber, vor allem, wenn man das Chaos berücksichtigt, das er als Erbe übernommen hat.

Wladimir Krjutschkow ( KGB- Chef der Vorperestroikazeit):.. Der weiß, was er will. Und das, was er will, setzt er durch.

Anatoli Tschubais, Oligarch: ... Die 70 Prozent Zustimmung... Das ist die Kruste. Darunter quillt die Lava. Wenn  alles so bleibt, wie es ist,  bricht die Lava die Kruste nicht. Wenn aber etwas schlimmes kommt, insbesondere in der Wirtschaft, hält die Kruste nicht mehr...

Das Volk jubelt Putin zu, wenn er  Oligarchen an die Gurgel geht. Dem Beresowski... Wunderbar! Dem Gussinski... Klasse!  Und wenn er Tschubais an die Gurgel geht, ist das Volk erst recht glücklich!

George Tenet, CIA- Chef:  ...Zweifellos will Putin einiges aus der Sowjetvergangenheit zurückholen: den Großmachtstatus, die starke Zentrale, eine stabile und voraussagbare Gesellschaft. Mitunter auf  Kosten der Nachbarländer und des einzelnen Bürgers.

8.4.02  

"EINER VON UNS"

Unter diesem Titel bringt die von Putins Imagemaker Pawlowski gegründete Runetsite Strana.ru ein von ihren Rechercheuren (angeblich?) entdecktes Tagebuch des elf-zwölfjährigen Putin. Die Tagebuchaufzeichnungen fanden sich (?) auf dem Boden des Häuschens, in dem der jetzige Präsident als Junge mit seinen Eltern den Sommer verbrachte.

Das "geheime" Tagebuch des Wowa Putin, Schüler der Klasse 4a, beweist, dass der russische Präsident ein ganz normaler sowjetischer Schüler war, der sich prügelte, Sport schwänzte, manchmal schlechte Noten bekam, Geschichte und Deutsch gern hatte, anderen vorsagte.

Korrespondenten von Strana.ru schauten sich den Boden des Häuschens in Tosno bei Petersburg an, wo der Präsident seine schönste Kinderzeit verlebte. Die windschiefe kleine Hütte steht nahe einer Bahnstrecke.

Jedes Frühjahr wird die Bahnhofstrasse so überschwemmt, dass die Ortsansässigen nur mit Flößen in ihre Gärten kommen. Vor ein paar Jahren wurde eine Landstraße verlegt und jetzt ist es nicht mehr so feucht. Auf der Strasse wird allerdings im Winter kein Schnee gefegt, so daß man unterwegs tief im Schnee versinskt.

Unsere Recherchen begannen wir bei der Frau, die Wladimir Putin damals mit Milch versorgte. Seit den sechziger Jahren hält Anna Romanowa Kühe, und in all den Jahren, die die Putins in Tosno verbrachten, pflegten sie enge nachbarliche Beziehungen.

"Das Haus kauften die Putins 1969", erzählt Anna Romanowa. "Sie nutzten es als Datsche. Im Sommer lebten sie ständig hier, im Winter kamen sie nur hin und wieder. Der Vater holte bei mir Milch, ich habe Wladimir Putin also gewissermaßen mit Milch großgezogen. Seine Mutter kannte ich gut. Sie war eine schmächtige, kränkliche Frau. Eine freundliche Familie. Wenn ich zu ihnen kam und sie saßen gerade beim Essen, musste ich mich immer dazu setzen.

Wolodja war auch spindeldürr."

"War er kontaktfreudig?"

"Ja, er war immer mit Kindern aus Tosno oder aus Petersburg zusammen. Nie kam er allein hierher, irgendein Freund war immer dabei. Hier hat er sich auch für die Prüfungen vorbereitet."

"Hatten die Putins auch eine Wirtschaft?"

"Na klar, einen Garten. Als Wolodja erwachsen war, sah ich ihn nur flüchtig. Als er später dann beim Petersburger Bürgermeisteramt arbeitete, hatte er einen Dienstwagen und brachte seinen Eltern die Rente aus der Stadt."

"Wissen Sie noch, wann er zum letzten Mal hier war?"

"Hm, ich habe mich gar nicht dafür interessiert. Es war eben Wolodja, wer konnte schon ahnen, dass er mal unser Präsident wird. Er war ziemlich schüchtern und schweigsam."

Auf dem Dachboden war es hell, das Licht fiel durch Tausende Ritzen und Löcher. In der Mitte eine Strohliege, auf der Liege eine wattierte Jacke und ein ausgewaschener Trainingsanzug.

Wir kramen in den vergilbten Papieren.

Ein Heft mit Deutschdiktaten.

Noch ein dickes Heft mit Deutschübungen.

Im Chemieheft Karteikarten mit deutschen Worten und der Übersetzung. Überall Deutsch – auf den letzten Seiten des Chemieheftes und im Geschichtsheft. Der Präsident mochte Deutsch, die "Bodenfunde" belegen es. Die größte Entdeckung stand uns aber noch bevor.

Das Tagebuch des Schüler der Klasse 4a aus der 193. "Krupskaja"-Schule legt beredtes Zeug davon ab, dass er alles andere als ein Musterschüler war.

September:

Sportunterricht geschwänzt.

Schlechtes Betragen im Sportunterricht. Arithmetik. Mit roter Tinte: "Klassenarbeit – 4". Störte den Sportunterricht durch Singen (!) vor der Klassentür.

Oktober – vier Vieren in einer Woche.

November. Zwei Einsen in Geschichte. Wieder Ermahnung vom Sportlehrer.

Dezember. Kein Tag ohne Mahnung: Stört den Musikunterricht. Macht im Sport schlecht mit. Hat die Hausaufgaben in Mathematik nicht gemacht. Und zu m Schluss werden die Eltern zum Gespräch in die Schule vorgeladen.

Nach den Ferien kam der zukünftige Präsident mit neuen Kräften in die Schule. 18. Januar – die Auseinandersetzung mit dem Sportlehrer erreicht ihren Höhepunkt. Tadel: der Sportanzug muss blau sein, Putin trägt einen weißen.

Die nächste Eintragung lautet: Ging ohne Sportanzug in die Schule.

Im Februar besuchte Putin den Sportunterricht überhaupt nicht mehr. Er bekam ein 4 für Gymnastik, musste wegen schlechten Betragens den Unterricht verlassen. Ende Februar prügelte Putin sich mit einem Fünfklässler, hinderte ihn daran, den Klassenraum aufzuräumen.

Der Vater musste wieder in die Schule kommen.

März. Schlechtes Betragen im Musikunterricht.

April. Sagt im Unterricht vor.

Mai. Machte im Unterricht nicht mit. Wurde vor die Tür gestellt.

Gibt seinen Hausaufgaben im Zeichenunterricht nicht ab.

Randaliert in den Pausen. Wieder wird der Vater vorgeladen...

Beim Blättern in Putins Tagebuch erinnerten mein Kollege und ich uns an die unvergessliche sowjetische Schule, wo man von uns verlangte, in den Pausen sittsam umherzuspazieren, im Sport nur blaue Anzüge zu tragen, idiotische Sachen zu zeichnen, wir erinnerten uns an die Prügeleien in Toiletten und in den Pausen. Unser Präsident ist einer von uns, ist mit uns zusammen aufgewachsen.

Uns stimmt das hoffnungsvoll.

Anm. v. Iwan Matrjoschkin, Esq. : mich auch. Bei meinem letztes Gespräch mit Wladimir Wladimirowitsch spürte ich sofort die tiefgehende Seelenverwandtschaft. Aber auch viel Respekt. Als ich ihm anzustoßen vorschlug, hat er mich angeguckt... Die Seele rutschte mir in die Hosen. Jetzt schlägt er zu, habe ich mir gedacht...Na, und? Ich würde dasselbe tun, wäre ich Präsident und ein Frechling zu weit gegangen...

Anm. zu der Anm. Auf Anfrage versicherte uns der Kreml, von einem Gespräch zwischen Putin und Matrjoschkin, Esq. (Siehe Matrjoschkins Quatschecke auf der aufräumenden Matrjoschka) nicht das Geringste zu wissen. Z.Z. wird überlegt, ob das Konzernmanagements "www.matrjoschkin-online.de" Matrjoschkin Esq. wegen der arglistigen Täuschung und der unverdienten Vergütung (von 20 DM) belangen soll.

6.5.01

 

ORDNUNG MUSS SEIN!

Präsident Putin unterschrieb Gesetze über die neuen Staatssymbole der RF. Damit ist alles geregelt, wie es sich gehört. Die Staatsflagge: das Verhältnis der Länge zur Breite 2:3, drei gleich grosse Streifen- weiß, blau, rot. Das Staatswappen: vor rotem Hintergrund der goldene zweiköpfige Adler. Die Hymne: die Musik wie in der Sowjetzeit, der Text erneuert, im Hörfunk und Fernsehen täglich um 6.00 und 24.00 zu spielen. Beim Zuhören, bitte sehr, stehen, Männer ohne Kopfbedeckung, Gesicht der Staatsflagge zugewandt.

Anm. von M.: Schön! Wollen wir hoffen, die Gesetze werden eingehalten. Aber auch andere Gesetze, die z.B. die Menschenrechte und Menschenwürde der Russen sichern. Denn vom Angucken der schönen Staatsflagge und dem Anhören der schönen Staatshymne wird man nicht satt und auch anderweitig nicht glücklich.

4.1.01

URBI ET ORBI

Eine Preisfrage: In welchem europäischen Staat richtete der Staatschef aus Anlass des Osterfestes eine Botschaft an die Staatsbürger? Die Antwort: in Russland. Ausgerechnet in jenem Land, wo noch vor wenigen Jahren die Menschen nur ausnahmsweise von Ostern Notiz nahmen.

Was steht in der Botschaft? Dass die Orthodoxie eine besondere Rolle in der russischen Geschichte, bei der Herausbildung und Erstarkung des russischen Staates habe. Die ewigen christlichen Werte seien ein nicht wegzudenkender Teil des russischen kulturellen Erbes und der Mentalität geworden. Auch heute gehört der orthodoxen Kirche Achtung und Anerkennung für ihre Fürsorge um das Wohlergehen und die Aufklärung der Russen.

Es sei bezeichnend, dass die Orthodoxen und Katholiken die ersten Ostern im neuen Jahrtausend am selben Tag feiern (m.: meistens ist es nicht so, weil die orthodoxe Kirche die Tage anders zählt). Putin meint, das sei ein gutes Omen. Sollen die christlichen Kirchen Eintracht pflegen.

Anm.v.M.: Laut Wiedergabe Putins Botschaft auf der site NTV.ru erwähnt der russische Präsident neben der orthodoxen die katholische Kirche. Indessen hat die protestantische Kirche in Russland viel mehr Anhänger. Sie steht an dritter Stelle- nach den orthodoxen und islamischen Konfessionen.

15.4.01  

PUTIN ZIEHT BILANZ.

Nein, nein, keine Schlussbilanz. Keine Sorge, er bleibt an der Macht. Die Bilanz betrifft das erste Jahr nach der Wahl. Sie widerspiegelt die Absicht, weiter zu machen. So wie bisher, nur besser.

Putins Erfolge bestehen nach seiner eigenen Auskunft im folgenden:

Die zentrifugalen Tendenzen in der Russischen Föderation sind durch die zentripetalen abgelöst worden. Die meisten regionalen Gesetze in Russland, eigenwillig von den Regionalfürsten eingeführt, die sogar von einer eigenen Außenpolitik und eigenen Streitkräften träumten, sind außer Kraft gesetzt. In der ganzen Föderation gilt (mit wenigen Ausnahmen) die gleiche Gesetzgebung.

Die in den Regionen eingenommenen Steuern werden zunehmend an die Kasse der Zentralregierung abgeführt. Früher heimsten sie zumeist die Regionalfürsten ein.

Die Konsolidierung des Staates, die Putin als Schaffung eines einheitlichen Rahmens der Tätigkeit der Staatsführung bezeichnet, kam der Wirtschaft zugute. Der Präsident erwartet im laufenden Jahr einen BNP-Zuwachs von acht Prozent. Die Industrie legt neun Prozent zu. Das sei das beste Ergebnis seit fünfzehn Jahren.

Die Staatsverschuldung geht zurück. Löhne, Gehälter und Renten werden bezahlt. Das Lebensniveau stieg, wenn auch unbedeutend.

Putin will kein Wirtschaftswachstum auf Kosten der Bevölkerung. Ohne ihre Unterstützung gibt es in Russland keinen Fortschritt.

Putin räumt ein, vieles läge noch im argen.

Die Verschuldung Russlands im Ausland sei sehr hoch, da Russland auch fremde Schulden zahlen müsse. Als die Sowjetunion auseinander fiel, hat es nämlich versprochen, für alle zu zahlen. Dafür sollte es das ganze sowjetische Eigentum im Ausland erhalten.

Ein schlechter Deal, da die Schulden über dem Wert des Eigentums lagen. Außerdem fällt es den Nachfolgestaaten schwer, sich vom früheren Eigentum im Ausland zu trennen. Sie sorgen dafür, dass Russland der Zugriff auf das sowjetische Erbe verweigert wird.

Trotzdem will Russland weiter die Schulden für alle zahlen, wenn... ja wenn die Gläubiger die Ansprüche so gestalten, dass die russische Wirtschaft nicht zusammenbricht.

Die Kapitalflucht aus Russland dauert an. (Im vorigen Jahr wieder bis zu 30 Milliarden. USD). Erst die Absicherung der Investitionen würde dem ein Ende setzen. So braucht Russland eine Rechtsordnung, die die Investoren schützt, ebenso braucht es politische und wirtschaftliche Stabilität.

Hier ortet Putin einige Erfolge. Z.B. die Einführung einer einheitlichen Einkommensbesteuerung von 13 Prozent und der Abbau bürokratischer Hemmnisse bei geschäftlicher Tätigkeit, auch die Senkung der Zölle.

Doch noch viel bleibt zu tun. Die Mieten in Russland begleichen die Kosten nur zu 40 Prozent. Der Rest kommt vom Staat. Die Reichen, die große Wohnungen haben, werden dadurch begünstigt. Putin will dem ein Ende setzen, indem die Subventionen in einer anderen Form an die Bevölkerung fließen.

Obwohl die Renten im Jahre 2000 im Schnitt um dreissig Prozent stiegen, decken sie die Lebenskosten weiterhin nicht ab. Eine Schande, sagt Putin. Der Ausweg? Dem Arbeitnehmer vom Staat her zu helfen, seinen Lebensabend auch selbst abzusichern.

P.S. von Iwan Matrjoschkin, Esq.:

Ich habe die oben zitierten Gedankengänge rausgegriffen, weil die anderen viel weniger Substanz haben. Eher sind es Absichtserklärungen, zwar von Realitätssinn und Toleranz ( auch gegenüber z.B. der neuen USA-Administration) geprägt aber- wie sagte denn W.W.P. selbst in dem Interview ?- mal nachgucken...Aha: der Weg in die Hölle sei mit guten Wünschen gepflastert. Ganz richtig, Wladimir Wladimirowitsch.

Wobei ich nicht gesagt haben will, Putin führe Russland in die Hölle. Ob er es aber ins Paradies bringe, lässt sich an den Ergebnissen eines Jahres nicht messen. Was die meisten Russen nicht hindert, in seine Person wie vor einem Jahr alle Hoffnungen zu setzen.

Obwohl- oder gerade deswegen? – er so aussieht, wie einer, der in einem Moskauer Stadion die Bank drückt und vor Freude tobt, wenn "Spartak" ein Tor schießt...

Unter uns gesagt, würden die Puppen lieber einen anderen an seinem Platz sehen. Einen älteren, behäbigeren, würdigeren, mit einem langen grauen Bart, etwa in der Art von Lew Tolstoi. Aber bitte sehr ohne Spitzbart und ohne Schnurrbart.

Aber was soll‘s? Sieht Gerhard Schröder etwa einem Goethe ähnlich? Oder Anthony Blair einem Dickens? Jacques Chirac einem Voltaire? Von dem im Weißen Haus schon gar nicht zu sprechen...

Also, viel Erfolg, Wladimir Wladimirowitsch, für das nächste Jahr der Präsidentschaft, die wir weiter sehr kritisch verfolgen werden.

Aber das nehmen Sie uns nicht übel, oder?

3.01.01

 

WER IST PUTIN?

Jeden Tag bringt das Runet dazu ganz verschiedene Meinungen. Die radikalste äußerte Alexander Sinowjew, einer der bekanntesten sowjetischen Philosophen, einst ins Ausland verbannt, Professur in München und in den USA, jetzt nach Russland zurückgekehrt, da vom Westen total enttäuscht. Auf einer Konferenz in Moskau erklärte Sinowjew:

Russland wird kaputt gemacht. Der kalte Krieg ist vorbei. Begonnen hat der warme Krieg, d.h., ein Krieg an der Grenze zum heißen, mit dem Einsatz von Mitteln des heißen Krieges. Brzezinski sagte, dreißig Millionen Russen sind genug, Thatcher meinte, warum dreißig, wenn fünfzehn Millionen auch reichen. Und das wird realisiert!

Das historische Schicksal Russlands und des russischen Volks wird entschieden: Sein oder nicht Sein in der Geschichte. Herren der westlichen globalen Hypergesellschaft haben ihren Entschluss längst gefasst: nicht Sein! Geplant ist nicht bloß die Beseitigung des Kommunismus, das ist lediglich der Prolog. Russland soll ganz und gar dem Erdboden gleichgemacht werden und aus der Geschichte gestrichen werden.

Gibt es Menschen, die imstande sind, sich an die Spitze des Widerstands zu setzen? Nein. Auch Putin ist keine Lösung. Er ist berufen worden, um das festzuschreiben, was mit Russland in der Zeit vor Gorbatschow und Jelzin gemacht wurde.

Er wird als starke Hand hingestellt. Quatsch! Wie kann die bitterarme russische Macht, die nicht einmal in der Lage ist, ihre Beamten zu ernähren, stark sein? Umstellungen im Machtmechanismus machen diese Macht noch nicht stark. Sie imitieren eine starke Hand, bedeuten aber keineswegs die reale Stärkung der Macht als Führungsorgan des Landes. Unter unseren heutigen Bedingungen ist eine starke Hand im Prinzip unmöglich. Das soziale System wurde im postsowjetischen Russland bewusst so konstruiert, damit es nie dazu kommt.

Im Westen sind die Träger der Staatsmacht ( Präsidenten, Kanzler, Premierminister, Könige usw.) faktisch Teilhaber an der Supermacht der Hochfinanz und Ausführende ihres Willens. Dahin entwickelt sich auch Russland, da es den Weg der Verwestlichung und Globalisierung eingeschlagen hat. Das heißt, die starke russische Hand kann nur gegen das Volk stark werden. Nicht aber gegen die Finanzgewaltigen.

Gibt es in Russland Kräfte, die zu einer radikalen Konfrontation mit den Räubern imstande sind, die Russland mit der Verwestlichung und der Globalisierung arm machten? Ist Putin als Präsident in der Lage, sich an die Spitze derer zu stellen, die das wagen? Nein! Er ist nur dazu da, um so zu tun, als ob...

Anm. von Matrjoschka: Anscheinend schwimmt ein russischer Dissident immer gegen den Strom. Hätten die westlichen Politiker, die Sinowjew früher als Kämpfer gegen die Sowjetmacht feierten, gewusst, was er fünfundzwanzig Jahre später von sich geben würde...

4.12.00

 

PUTINS FRIEDHOFSBESUCH

Seine Visite in Paris beschloss Putin mit einer Geste, die im Runet mehr Aufsehen erregte als seine sonstigen Aktivitäten in der französischen Hauptstadt. Am Tag der Allerheiligen besuchte er einen Pariser Friedhof, wo viele russische Emigranten ruhen. Eine für einen russischen Staatschef ungewöhnliche Geste.

Seine Vorgänger pflegten, die Emigranten mit dem Kainsmal zu versehen. Wer die Sowjetunion, bzw. Russland verließ, galt als Landesverräter. Und wer aus dem Lande verjagt wurde, erst recht.

Putins Geste kam nicht von ungefähr. "Das Russische Volk soll sich einigen", sagt er (um seinen Präsidenten einigen? Aber das sagt er nicht, da sehr bescheiden.)

"Wir alle haben nur ein einziges Russland", sagt er. Und meint damit sein Russland.

Fragt sich, ob sein Russland das Land ist, von dem die auf dem Pariser Friedhof Bestatteten träumten. Ein Russland, dem viele von ihnen das Leben hingaben.

Zum Bespiel, Iwan Bunin. Einer der größten russischen Dichter des XX. Jahrhunderts. Literaturnobelpreisträger.

Er zog der Rückkehr in die Heimat die bittere Armut in Paris vor, da er das stalinistische Russland als Heimat nicht haben wollte. Vermutlich hätte er dem Herrn Präsidenten seinen Trinkspruch auf Stalin übelgenommen, den Trinkspruch, den dieser zu Silvester 1999 (den Gerüchten nach) hervorgebracht haben soll.

Nicht anders hätte wohl auch Vika Obolenskaja darauf reagiert. Eine russische Aristokratin, eine Heldin der Resistance. Ihre glühende Liebe zu Russland entsprang einer anderen Quelle, als die eines Knaben, der mit fünfzehn dem KGB seine Dienste anbot. Aus reiner Vaterlandsliebe, versteht sich.

Auch Alexander Galitsch drehte sich vermutlich in der Pariser Erde, als der hohe Gast an seinem Grab vorbeiging. Ein ungemein begabter und beliebter russischer Bänkelsänger, den das KGB aus dem Heimatland jagte, da seine Lieder vom Geist der Freiheit geprägt waren. In einem Gedicht prophezeite er, dass an seinem Grab die Leichenfledderer die Ehrenwache absolvieren werden. Dichter sind manchmal Hellseher...

Nach Gazeta ru. 2.11.2000

Anm. von M. : Hart, hart... und da wird Gazeta.ru noch verdächtigt, aus der Umgebung des russischen Präsidenten manipuliert zu werden.

Allerdings haben alle Russen ein Russland. Dennoch sehen sie es vielleicht mit verschiedenen Augen. Die früheren Jäger vermutlich mit den einen, die Gejagten mit den anderen. Eine Verständigung darüber, wie ein Russland aussehen soll, das zum Vaterland aller Russen taugt, steht noch aus. Darum kann die Parole von einem Russland für alle Russen als die von einem Reich, einem Volk und einem Führer missverstanden werden. Meint die dumme Holzpuppe.  

RESPEKTLOSIGKEIT ODER WIE DIE PRESSEFREIHEIT IN RUSSLAND MISSBRAUCHT WIRD.  

 

Die Runetzeitung APN.ru bringt eine höchst respektlose Analyse des Phänomens Putin. Der Verfasser der Glosse, ein gewisser Fefelow, wird als ein bekannter Literat vorgestellt. Ein Frechling und Spötter ist er jedenfalls, da er zur Verdeutlichung seiner Sicht auf den russischen Präsident den "Revisor" von Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809 - 1852) heranzieht. Es ist wohl eine der besten Satiren auf die Bürokratie in der Weltliteratur. Ach nein, nicht eine der besten- die beste, die es gab!

 

Das Sujet: In einer russischen Provinzstadt taucht ein in jeder Hinsicht unbedeutender kleiner Beamter aus St. Petersburg auf. Unansehnlich, geistesarm, feige. Drolligerweise  aber gewinnt  er in den Augen der Honoratioren des Provinznestes übermenschliche Größe. Korrupt, zerstritten und in ständiger Angst vor Vergeltung für tagtägliche Schweinereien, sehen sie in ihm  einen Abgesandten des Zaren, fast den Zaren selbst, ermächtigt, sie zu richten und zu bestrafen. Sie umschmeicheln ihn, werfen sich samt  Frauen und Töchtern zu seinen Füssen, machen ihn zum Schiedsrichter in ihren Streitigkeiten. Die Komödie  endet mit der Ankündigung, ein echter Revisor sei unterwegs, um im Städtchen nach dem Rechten  zu sehen.

 

Putin sei der falsche Revisor, behauptet die Runetzeitung. Zum Herren über alle Reussen machten ihn nicht seine Qualitäten, sondern einerseits die im Lande  weit verbreitete Resignation und andererseits die in Russland unausrottbare Hoffnung auf einen Messias, willensstark, gerecht und mit geheimnisvollen, im Hintergrund agierenden Kräften im Bunde. Es gäbe keinen russischen Präsidenten Putin, hätte er nicht den redseligen, aber tatenschwachen Gorbatschow und nicht den starken Mann markierenden, aber verwirrten Jelzin als Vorgänger gehabt. Und vor ihnen nicht den zum allgemeinen Gespött gewordenen Breschnew und davor Chruschtschow mit seiner komischen Begeisterung  für den Maisanbau  als Rettung vor der permanenten Lebensmittelkrise in Russland. Vor dieser Kulisse erscheint Putin als der einzige Hoffnungsträger.

 

Der Mystifizierung kommt die Gesichtslosigkeit des früheren untergeordneten KGB- Offiziers  zugute. Sie ermöglicht,  seine Masken immer wieder zu wechseln. Mal ist er ein ehemaliger James Bond, der alle Gegner hinters Licht führte. Mal ein mitfühlender und volksverbundener Vater der Nation, dem das Wohl der Untertanen am Herzen liegt. Mal ein energischer Staatsmann, der Russland die einstige Größe zurückholt. Hinter den Masken  stecke aber nichts weiter als die kalten berechnenden Augen.

 

Nur die unstete Balance zwischen rivalisierenden Clans des neuen russischen Establishments, darauf aus, das letzte aus dem ausgeraubten Land zu pressen, hilft Putin, oben zu bleiben.

 

So lautet die eigentliche Frage nicht, who is you, Mister Putin. Sie lautet, ob der echte Revisor kommt. Und  in welcher Gestalt. Wenn in der Gestalt des meuternden Volkes, gnade den Gewinnern der Perestroika der liebe Gott...

PS. Matrjoschka distanziert sich von dem oben zitierten Pamphlet. Es wird  hier   nur zum  Nachweis angeführt,   dass in Russland entgegen anderslautenden Berichten die Meinungsfreiheit blüht und gedeiht.  Und mitunter sogar über die Stränge schlägt.     

14. 1. 02

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PUTINS DARSTELLUNGEN... 

Sind zu einem akuten Problem der russischen Staatsmacht geworden. Jedenfalls, wenn man Putins Sprecher Jastrshembski glaubt. Er verriet der Weltöffentlichkeit, dem russischen Präsidenten gehen seine Bildnisse, die sich wie Kaninchen vermehren, auf den Wecker. Ob deswegen, weil sie nicht ganz adäquat  sind oder grundsätzlich, bleibt noch ungewiss. 

In diesem Zusammenhang haben auch die darstellenden Künstler Russlands ihre Probleme. Ein Bildhauer, der die Vorlage für eine Massenproduktion von Putins gusseisernen Büsten liefern sollte, beklagte sich, der Präsident hätte  keine besonderen Merkmale. Eben wie ein Spion, der nicht auffallen soll. Kein Hüne (wie Jelzin). Kein riesiges Muttermal auf der Stirn (wie  Gorbatschow). Keine buschigen  Augenbrauen (wie Breschnew).  Keine Knollennase (wie Chruschtschow).  Und keinen Schnurrbart und keine Pockenspuren (wie Stalin). Wie also soll Putin dargestellt werden, damit  jedermann von nebenan sofort erkennt, das ist er, unser Messias. Und nicht ein Iwan Iwanowitsch von nebenan. 

Der künstlerische Beirat von matrjoschka-online. de  beriet das Problem und gelangte zu der Auffassung, es sei zu lösen. Man muss nur der Darstellung ein markantes Utensil hinzufügen. Bei Lenins Darstellungen, die vor jedem Schusterladen standen, war es eine Schirmmütze, die der Dargestellte mal in der Hand, mal auf dem Kopf, mal sowohl wie auch hatte. Bei Stalins Darstellungen  war es eine Pfeife, die ihm nicht nur als ein Rauch- , sondern  auch als ein Prügelinstrument diente (wenn er seine Pfeife durch starkes Klopfen auf den Glatzen  seiner engsten Kampfgefährten leerte). Bei Breschnew  waren es Ordensreihen an der Brust, die längsten im Lande. 

Was gibt man  Wladimir Putin in die Hand, damit jeder sofort  schaltet, dass er es ist und kein anderer. Wir schlagen vor: einen Palmenzweig als Zeichen seiner Friedfertigkeit und Besonnenheit („Die tschetschenischen Banditen werden wir im  Klosett runterspülen!“ oder- der jüngste Spruch- „das beste Argument im Umgang mit  Terroristen ist eine Kugel in die  Stirn!„). 

Wie dem auch sei, hat sich nach der Einkehr der Demokratie in Russland kein Staatsmann eine vergleichbare Volksliebe im Lande verdient ( 70- 80 Prozent begeisterter Ja-Stimmen; Gorbi und Zar Boris konnten davon nur träumen). 

Allerdings schlug vor der Wende die Volksliebe zu führenden Staatsmännern noch größere Purzelbäume (bei den Wahlen soll es überhaupt keine Nein - Stimmen gegeben haben). 

Aber das ist kein Maßstab für eine Demokratie. 

Somit ist das heutige   Verlangen der  Russen nach kunstvollen Abbildungen ihres Präsidenten  echt und soll schleunigst befriedigt werden. 

Und wenn die russische Industrie der  Nachfrage nicht  nachkommen kann, schlagen wir eine andere Lösung vor. Die Bestellung in Deutschland, wo auch einschlägige Erfahrungen  gemacht wurden. 

Das wäre ein schönes Musterbeispiel der deutsch-russischen Zusammenarbeit. Und ein russischer Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit  in Deutschland und zum Erhalt der Rot-Grünen an der Macht (ob sie es wollen?).  

Wenn das aus politischen Gründen (Die Opposition würde vermutlich randalieren) nicht  geht, bleibt noch eine Lösung. Und zwar, die Aufstellung von den überlebensgroßen Monumenten auf Plätzen der russischen Städte. (Vorläufig aus Gips, später Bronze, wie einst gehabt). Aber auch mit einem Palmenzweig in der Hand. Oder Lorbeerkranz um den Kopf. 

Was aber, wenn Putin  dies nicht genehmigt? Abwählen und einen anderen  küren! Schließlich ist ein  bescheidener russischer Herrscher ein Widerspruch in sich. 

9.6.02         

EIN IN MOSKAU ERZÄHLTER WITZ

Eine Krähe sitzt auf dem Baum. Im Schnabel hält sie ein Stück Käse. Ein vorbeilaufender Fuchs bleibt stehen. Bist du für Putin? –fragt er. Die Krähe schweigt. Wieder fragt der Fuchs: bist du für Putin? Wieder schweigt die Krähe. Der Fuchs fragt zum dritten Mal und zeigt der Krähe die Zähne. "Ja, ich bin für Putin!"-kräht die Krähe. Der Käse fällt runter und wird vom Fuchs aufgefangen. "Hätte ich "nein" gesagt, -denkt resigniert die Krähe, -wäre der Käse sowieso weg".

 

2.Jelzin

 

ZAR BORIS WURDE 70

Boris Jelzin wurde am 1. Februar 2001 siebzig Jahre alt. Zu diesem denkwürdigen Datum stellte das russische Meinungsforschungsinstitut ZIOM den Russen die Frage: War er gut oder schlecht? Drei von vier Befragten sind der Meinung, eher schlecht. Unter Jelzin hätten sie nur Unschönes erlebt. Fünfzehn Prozent glauben, dass doch nicht alles schlimm war unter Jelzin. Zehn Prozent sind unentschlossen.

Das Oberhaus der Duma machte Jelzin ein Geburtstagsgeschenk. Dem Ex-Präsidenten und seiner Familie wird Straffreiheit versprochen. Neu ist das nicht. Putin hat es bereits vor einem Jahr getan. Sonst hätte Jelzin an der Schwelle des Jahres 2000 seinen Rücktritt wohl nicht eingereicht.

Das Geburtstagsgeschenk ist aber nicht ohne. Wenn ein Ex-Präsident in seiner Amtszeit ein schweres Verbrechen begangen haben sollte, darf er doch vor den Kadi zitiert werden.

Allerdings müssen dem beide Häuser der Duma zustimmen.

Auffallend ist das timing der Entscheidung. In einem New Yorker Gefängnis sitzt Jelzins Vertrauensperson Pawel Borodin. Er wird Korruption beschuldigt. Was, wenn er aus der Schule plaudert?

Mag kommen was will, der erste russische Präsident geht in die Weltgeschichte ein. Als große und tragische Figur (meint die Runetzeitung Vesti.ru).

Der römische Kaiser Deokletian blieb unvergessen, weil er im Alter von neunundfünfzig freiwillig auf den Thron verzichtete und Bauer wurde. Ein wenig später kam eine Abordnung aus Rom und bat ihn, doch zurückzukehren. "Schaut Euch den prächtigen Kohl an. Den habe ich gezüchtet!" sagte der Ex-Kaiser und blieb im Dorf.

Ob eine Abordnung zu Jelzin kommt? Wenig wahrscheinlich. Allerdings sollte Ex-Zar Boris auch ein Faible für Gemüse haben.

Jedenfalls beteuerte er das Bauern in der Nähe seiner Sommerresidenz, als sie ihr Los beklagten. "Meine Familie zieht Kartoffeln und lebt davon", soll er gesagt haben.

Nun, wenn dem so ist, braucht sich sein Clan wegen Herrn Borodin keine grauen Haare wachsen zu lassen.

Seinen siebzigsten will Boris Jelzin in aller Ruhe begehen. Im Runet wird verbreitet, er hätte staatliche Auszeichnungen ausgeschlagen.

Übrigens liegt er wieder im Regierungskrankenhaus, das er in seiner Amtszeit häufig frequentierte.

"Tjashela schapka Monomacha", sagen die Russen. Sie meinen, die Zarenkrone ist schwer zu tragen.

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Nachdem dieser Bericht aus dem Runet fertig war, stellten sich alle Matrjoschkas vor dem Computer auf und riefen:

Happy birthday, Boris Nikolajewitsch!

 

 

3.Gorbatschow

GORBIS ENKELIN ALS MATRJOSCHKA

Sie heißt Xenia. Sie ist dabei, sich zu vermählen. Eigentlich ein familiäres Ereignis. Aber Gorbi wäre nicht Gorbi, hätte er  diesem nicht planetare Dimensionen zu verleihen versucht. Unter den hundertvierzig Einladungen zur Hochzeitsfeier an die internationale Prominenz gibt es eine für W.W Putin und eine für Gerhard Schröder. Ihnen wurde die Ehre zuteil, der jungen Dame und ihrem Auserwählten die Aufwartung machen zu dürfen. Xenia Gorbatschow ist Journalistikstudentin, geschrieben hat sie zwar noch nichts, aber verkehrt bereits in den besten Häusern der Welt. Sie war bei George W. Bush und bei Helmut Kohl als Dauergast.

Das PR-Genie Gorbi!

Der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere war der Auftritt als Model bei einer illustren Modeschau. Der Clou: Sie kam als Matrjoschka auf den Laufsteg. Kein Wunder, dass sie sofort alle anderen Konkurrentinnen weit abhängte. Das Matrjoschka-Team  hat übrigens nichts dagegen, dass Xenia Gorbi vom weltweiten Ruhm unserer Webseite profitiert. Aber wir erwarten, dass sie beim nächsten Auftritt in der Hand einen Hinweis auf unsere www Adresse hält. Wenn sich der Opa nicht zu schade ist  für  Pizza Hut – Werbung, kann die Enkelin erst recht für uns werben, meint unser PR-Experte Iwan Matrjoschkin, Esq.

2.5.03     

MICHAIL GORBATSCHOW SCHLÄGT RADIKALE LÖSUNG VOR

 

Der letzte Präsident der Sowjetunion und Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung präsentierte  den USA bei einem Medienauftritt eine harte Rechnung. Die Amis sind dabei, die schlimmsten Eigenschaften der  gewesenen Supermacht, der Sowjetunion, nachzuäffen. Dieselbe Priorität der Gewalt, dasselbe martialische  Herangehen an Weltprobleme. Das alles ist gewiss nicht neu. Vielmehr neu  mutet die Schlussfolgerung Gorbis an, die USA  müssten  eine Perestroika durchmachen, in der Art, die er in der Sowjetunion durchgeführt habe.

 

Wir baten  Iwan Matrjoschkin, Esq., um eine Stellungnahme.

 

Er sagte: Obwohl begeisterter Chronist der Taten des Friedensnobelpreisträgers,  kann ich  kaum Worte finden, um den Vorschlag zu würdigen.  Ein genialer Vorschlag.  Ihn etwas ergänzend, schlage ich vor, Gorbi  selbst ins Weiße Haus zu delegieren. Als  Bushs Perestroikaberater.  Dann könnten wir ruhig schlafen. Dann würden die USA in zwei- drei Jahren 1) in mehrere Staaten zerfallen. 2)  ihre Wirtschaft auf  etwa  ein Drittel der heutigen Kapazität zurückfallen 3) ihre Streitkräfte nicht gegen die einer Bananenrepublik durchsetzen können.

 

Somit wären wir alle die Plage los und Gorbi kriegt noch einen Friedensnobelpreis. Diesmal aber einen ehrlich verdienten. 

11.3.03  

GORBI IST 70

Michail Gorbatschow ist 70 geworden. Wir hatten mit seiner Würdigung einige Schwierigkeiten, weil im Matrjoschka-online. de- team keine Einigkeit über die Person des Jubilars erzielt werden konnte. Nach hitzigen Debatten wurde einstimmig der Beschluss gefasst, die Würdigung von Gorbi mehrstimmig vorzunehmen. D.h., jedes Teammitglied durfte seine Meinung äußern. Wie in Russland (wenigstens was die Person angeht, die auch in der Urheimat der Matjoschkas heftig umstritten wird). Zuerst aber ein kurzer und sachlicher Abriss von Gorbis bewegten Leben. Also:

Geboren 2.3.31 im Dorf Priwoljnoje, Region Stawropol (Vorland des Kaukasus), bereits mit 13 in der Kolchose (landwirtschaftlicher Betrieb, wo alle Bauern des Dorfes, enteignet und zusammengefasst, unter staatlicher Kontrolle tätig waren). Mit 19 Jura-Student der Moskauer Universität. Mit 24 Funktionär des kommunistischen Jugendverbandes, der steil nach oben startet. Mit 31 Funktionär der Kommunistischen Partei, des eigentlichen Machtkartells der Sowjetunion, genauso erfolgreich wie im Jugendverband. Mit 54 Generalsekretär der Partei. Da deren Führung um die Zeit hoffnungslos vergreist war, galt er als fast unanständig jung. 1986 Verkündung der Perestroika, des Umbaus der verkrusteten Parteipolitik. 1990 Partei- und Staatschef in einer Person. 1991 von Jelzin gestürzt. Seitdem Präsident der Gorbatschow-Stiftung, in der die intellektuelle Parteielite ein Dach, Lohn und Brot gefunden hat.

Nach der einhelligen Bestätigung des oben angeführten Textes, stellte die vorsitzführende mitteilsame Matrjoschka die Frage: Wie ist Gorbis Senkrechtflug zu erklären?

Das Wort für eine Antwort darauf erbat die Zornige:

Jedenfalls nicht durch Ergebnisse seiner Tätigkeit, sagte sie. Auch wenn man ihm gute Absichten zubilligt (was in Russland auch umstritten ist), muss man leider feststellen, dass diese nicht in Erfüllung gingen. Beispiele? Bitte sehr. Bis zu seiner endgültigen Erhöhung zum Generalsekretär der Partei war er in ihrem höchsten Gremium, dem Politbüro, für die Landwirtschaft zuständig. In dieser Position versicherte er der Bevölkerung der Sowjetunion wortreich, die Landwirtschaft, schon immer das Sorgenkind der sowjetischen Führung, aus der Krise zu bringen. Das Ergebnis: Als er den Posten räumte, um einen höheren zu erklettern, stand die Sowjetunion kurz vor einer Hungersnot. Nur Weizenlieferungen aus den USA und Kanada verschafften Rettung.

Als Gorbi Generalsekretär wurde, verkündete er, die Sowjetmenschen endlich soweit zu motivieren, dass sie an die Arbeit gehen, um den sowjetischen Sozialismus zu retten. Das Ergebnis: Bald danach versank die sowjetische Wirtschaft endgültig in Korruption und Schlendrian.

Außerdem versprach Gorbi, das von ihm avisierte Ende des Kalten Krieges werde zum weltweiten Sieg des neuen Denkens führen. Einer Denkweise, die darauf beruhe, sein eigenes Heil im Heil der anderen zu suchen. Eine schöne Predigt. Das Ergebnis? Darauf braucht man wohl nicht einzugehen.

Die von Gorbi in der Sowjetunion initiierte Marktwirtschaft sollte dem Volk Wohlstand bringen. Das Ergebnis: Noch unter dem Präsidenten Gorbatschow sank das Lebensniveau der Bevölkerung um die Hälfte und sinkt seitdem immer tiefer.

Ein Träumer? Oder ein sehr schlauer Mann, der die grundsätzliche Erfahrung der sowjetischen Nomenklatura tief verinnerlicht hat. Sie besteht darin, dass der Erfolg des Politikers nicht dadurch gesichert wird, dass er Versprechen hält, sondern dadurch, dass er hemmungslos das verspricht, wonach sich die Menschen sehnen. Und auch dadurch, dass er es versteht, den Rivalen den Wind aus den Segeln zu nehmen, ohne sie es merken zu lassen.

Dann ergriff das Wort die Aufräumende

Die letzte Bemerkung meiner Schwester möchte ich hervorheben. In dem Zusammenhang half dem Senkrechtstarter sein zartes Alter (nach der Elle der sowjetischen Führung, Mitte der achtziger Jahre weit über 70). Der Benjamin unter den Gerontokraten, profitierte er von ihrer Verblendung. Lass ihn sich abstrampeln und die Bevölkerung mit Illusionen abspeisen; dann werden wir weitersehen, hieß es. Als die vergreisten Häuptlinge merkten, er werde sich nicht abservieren lassen, war es zu spät.

"Ihr seid gegenüber Gorbi ungerecht, sagte hier :die Geschichtsbewusste, sich an die Schwester wendend. – "Immerhin ist mit seinem Namen die größte Revolution des XX. Jahrhunderts verbunden: die Abschaffung eines unerträglichen Unterdrückungsregimes und einer von Grund auf uneffizienten Wirtschaftsweise. Zwar gingen seine hochtrabenden Glücksverheißungen nicht in Erfüllung- das ist wahr. Nennen Sie mir aber einen Staatsmann, der seine Versprechen hielt! Auch wenn er diese ehrlich meint, ist er dazu gar nicht imstande. Denn der Mensch denkt und Gott lenkt. Niemandem von den armseligen zweibeinigen Geschöpfen ist von der Vorsehung die Fähigkeit verliehen, die Welt nach seinem Gutdünken umzukrempeln. Und Gorbi ist auch nur ein Mensch. Er hätte eben weniger versprechen sollen. Leicht zu sagen! Die Russen, von Sendungsbewusstsein und Glückssehnsucht erfüllt, sind ein Volk, das nur jenen Führer akzeptiert, der viel verspricht. Für Pfennigfuchserei in der Politik haben sie nur Verachtung übrig."

"Möchtest Du etwa andeuten, die Deutschen sind anders -sagte hier die Reiselustige. Wenn es so ist, irrst Du Dich gewaltig. Die Deutschen fallen auch auf großzügige Versprechen herein. Sonst wären sie Hitler nicht hinterher gelaufen."

"Jetzt bist Du aber ins Fettnäppchen getreten, sagte darauf hin die Geschichtsbewusste.

Es war Altbundeskanzler Kohl, der Gorbi mit Hitlers Propagandaminister Goebbels verglich. Möchtest Du etwa daran erinnern? Aber Herr Kohl hat seinen Vergleich bereits vor Jahren zurückgenommen und von seinem Saunafreund Mischa geschwärmt, der den Deutschen die Wiedervereinigung brachte."

In die Diskussion schaltete sich die Nachdenkliche ein. Sie stellte fest, dass kein russischer Staatsmann je im Westen so beliebt war wie Gorbi. Der Friedensnobelpreis zeugt davon, ebenso unzählige andere Ehrungen. Aber das hat nichts zu seiner Beliebtheit im eigenen Land beigetragen, sondern diese eher endgültig begraben. Denn die Russen trauen dem Ausland nicht über den Weg. Deswegen läuft ein russischer Politiker, dem im Ausland viel gehuldigt wird, Gefahr, des Landesverrats beschuldigt zu werden. Insbesondere, wenn es im Lande unter ihm abwärts geht.

Ich will mich nicht anmaßen, über die große Politik ein Urteil abzugeben, sagte hier die Lustige. Mir schwirren nur unzählige Witze über Gorbi durch den Kopf . Z.B. der:

Eduard Schewardnadse, Außenminister unter Gorbi, und Raissa Gorbatschowa machen Sex in einem Gemach des Generalsekretärs. Plötzlich ertönt im Flur seine sonore Stimme. "Du lieber Himmel, - sagt der schöne Georgier. Ich krieche unters Bett, damit er mir nicht an die Gurgel geht. "Nicht nötig, sagt Raissa. "Wir trinken ja keinen Wodka ".

Betretenes Schweigen im Matrjoschka-Konferenzraum. Doch der versoffene Matrjoschkin nutzte die Gelegenheit, sich zu seinem Lieblingsthema zu äußern. "Ihr klugscheißenden Weiber, meckerte er, lasst die Hauptsache weg. Gorbi wurde gestürzt, weil er sich an das Heiligste wagte, an die sto Gramm. Er hat nicht begriffen, dass die Russen es brauchen. Das kommunistischen Paradies, dem sie riesige Opfer brachten, erwies sich als Chimäre. Wo noch sollten sie Trost suchen?

Gorbis Feldzug gegen den Wodka führte nur dazu, dass die Russen das beste Getränk der Welt, auf sein Betreiben hin aus den Läden verschwunden, selbst brauten. Dem Fiskus entging die beste Einnahmequelle. Und die Russen hatten von nun an für den Limonadenmischa nur Spott und Verachtung. An seine Stelle haben sie Jelzin hingesetzt, der sie zwar auch nach Strich und Faden belog, aber selbst soff wie ein Fass und somit kurzzeitig zu einer Identifikationsfigur avancieren konnte."

Als letzte in der Runde sprach die Feinsinnige:

" Die Weltgeschichte kennt keine rührendere Liebe in der Ehe als die zwischen der verstorbenen Raissa Maximowna und Michail Sergejewitsch, sagte sie, sichtlich erregt. " Frau Raissa war für Michail Sergejewitsch der gute Geist, die umschwärmte Geliebte und sorgende Mutter. Wenn seine hohen Pflichten eine Trennung verlangten, schrieben sie einander drei Mal am Tag zärtliche Briefe. Einmal veröffentlicht, werden sie Millionen Herzen in Wallung bringen.

Ich erhebe meine Stimme, - schlussfolgerte sie mit Tränen in der Stimme, gegen den geschmacklosen Witz, der hier erzählt wurde und der Raissa Maximowna unterstellt, ihrem Mann untreu geworden zu sein. Ich fordere alle Schwestern auf, sich davon zu distanzieren."

Der Aufforderung wurde entsprochen. Nur Matrjoschkin enthielt sich der Stimme.

Dann stellten sie sich alle in der Reihe und riefen im Chor:

"S dnjom roshdenijem, herzlichen Glückwunsch, Michail Sergejewitsch!"

P.S. Wie aus Moskau bekannt wurde, soll im Kreml darüber nachgedacht werden, M.S. Gorbatschow wieder auf die große politische Bühne zu holen. Als Chefberater des Präsidenten oder neuen russischen Aussenminister. Das wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk von Putin.

Und noch etwas. Fast alle Medien in Russland begehen das 70.Geburtstag M.Gorbatschows. Es gibt zwar welche, die ihm eine umfangreiche Rechnung präsentieren, sogar Käuflichkeit, ja sogar Landesverrat vorwerfen, die meisten aber haben für den Vater der Perestroika viel Lob übrig. Im Zusammenhang damit vermutet das Runet eine Wende in der öffentlichen Meinung. Diese sei für G. günstiger als je zuvor. Dagegen sinkt das Rating seines Rivalen Jelzin immer tiefer.

UND ALS DIE KRÖNUNG UNSERES BERICHTES:

Bundeskanzler Gerhard Schröder gratuliert Michail Gorbatschow zum 70.Geburtstag:

...Ihr Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung ist in Deutschland unvergessen.

Sie haben mit großem Mut, Weitblick und Menschlichkeit nicht nur uns Deutschen, sondern ganz Europa die Zukunft in eine neue Welt gewiesen.
Zuneigung und Dank der Deutschen hierfür haben Sie bei Ihren Besuchen in Deutschland immer wieder erleben können. Es bleibt ein wichtiges
Anliegen meiner Politik, die Dynamik der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern im gemeinsamen europäischen Haus zu fördern und die Menschen einander näher zu bringen.

2.3.01

Ein notabene von Matrjoschkin, Esq.: In einem Interview der Moskauer Zeitung "MK" sagte M.G.: Люблю виски, но предпочитаю водку. От нее утром голова свежая. Может быть, это даже какое-то лечение. Если не слишком часто. Не пьем, Господи: лечимся.

In der deutschen Übersetzung: Ich trinke Whisky gerne, ziehe aber Wodka vor. Wenn man Wodka trinkt, hat man keinen Kater am Morgen. Vielleicht ist es sogar Arznei. Wenn nicht zu oft... Gott ist mein Zeuge: ich saufe nicht, ich kuriere mich mit Wodka...

Ich, Matrjoschkin, Esq., erkläre dazu feierlich, dass alle meinen früher geäußerten Einwände gegen Gorbis Person somit null und nichtig geworden sind. Er ist den schlechten Ruf eines Limonaden- Mischas los. Aber er säuft auch nicht. Er kuriert sich. Wie ich!

3.3.01.

 

Ein Wort für Gorbi:

Liebe Matrjoschka,

warum hast Du Michael Gorbatschow nicht gern. Es ist mitunter schon peinlich, wie Du gegen ihn schießt. Was hat Gorbi Dir angetan?

W.M.

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Matrjoschkas Antwort:

Liebe (oder lieber) W.M.,

wenn ich an den ehemaligen Präsidenten der gewesenen Sowjetunion denke, dann fällt mir ein Vierzeiler von Alexander Puschkin ein. Und zwar:

Wlastitelj sslabyi i lukawyi,

Pleschiwyi tschtschegolj, wrag truda,

Netschajnno prigretyi slawoi,

Nad nami zarstwowal togda...

Übersetzt müsste es ungefähr heißen:

Der Herrscher, schwach und schlau,

ein glatzköpfiger Narziss, der jede Anspannung der Kräfte verabscheute,

aber zufällig viel Ruhm erheischte,

thronte über uns damals.

Der geniale russische Dichter und sonst ein großer Geist dichtete dies über seinen Zaren (Alexander I.). Unter diesem wurde immerhin die Invasion von Napoleons Grand Armee abgewehrt. Die Russen haben halb Europa (Deutschland inbegriffen) vom Joch des Korsen befreit und sind in Paris mit wehenden Fahnen einmarschiert.

Zwar hat Alexander I. später auf dem Wiener Kongress alle Gewinne des Sieges verspielt, da er viel tanzte, das Nachkriegseuropa aber Metternich und Taillerand überließ, aber immerhin war es nicht nur das, was sich mit seinem Namen verband. Und trotzdem widmete Puschkin ihm den Vierzeiler... Nicht schon wieder Personenkultur, liebe /r/ W.M.! Die Russen (und hoffentlich die Deutschen) haben die Nase voll davon. Nicht wahr?

Ihr Matrjoschka-team.  

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