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INOWESCHTSCHANIJE


ADE, KOLLEGE !

 

Von einem, der sich nicht nennen will.

 

Stefan Heym ist tot. Für die einen war er vor allem ein bedeutender Schriftsteller, der viele  gute Romane schrieb.  Für die anderen jemand, der nach der deutschen Wiedervereinigung im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg für den Bundestag kandidierte, dabei mehr Wählerstimmen erhielt als der  jetzige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und so nicht nur Mitglied des Bundestags, sondern auch der Alterspräsident des deutschen Parlaments wurde.

 

Er hielt  eine sehr gute Eröffnungsrede. Da er aber von der PDS aufgestellt worden war, wollten die etablierten MdBs ihm nicht zuhören. Zum Teil verließen sie den Saal, zum Teil zeigten sie ihm die kalte Schulter, genauer gesagt ihr warmes Hinterteil. Ihm, dem bereits  hochbetagten und weisen Mann...

 

Ach, lassen wir das...Für mich war er vor allem ein bewundernswerter Kollege.

 

Ja, ein Kollege. Ja, ein bewundernswerter. Weil er einmal  seine Sache sehr gut machte. Viel besser, als ich es in Russland tat, tun konnte, tun durfte.

 

Welche Sache denn? Diese: grenz(front)überschreitende Propaganda per Ätherwelle.

 

Die Sternstunde der Radiopropaganda, gegen den Kriegsgegner gerichtet und in seiner Sprache betrieben, schlug als der Zweite Weltkrieg begann. Der Krieg wurde mit Bomben und Granaten geführt. Sie fielen vom Himmel, sie kamen aus Kanonen. Sie legten ganze Städte in Schutt und Asche und zerrissen Menschen in Stücke. Sie veranstalteten ein Getöse ohnegleichen.

 

Aber von jeder Seite der weltweiten Front kamen nicht nur Bomben und Granaten. Es kamen auch Stimmen. Leise, aber eindringliche, einschmeichelnde oder auch drohende Radiostimmen. Sie wandten sich an die Soldaten und Zivilisten des Gegners.  Sie machten was vor, sie logen. Wenn es aber dem Zweck diente, hielten sie sich sogar an die Wahrheit. Oder an die Halbwahrheit. Aber immerhin...

 

Der Zweck hieß, dem Mann (und der Frau) auf der Gegenseite einzureden, das Beste für ihn (sie) wäre, die Flinte ins Korn zu werfen, bzw. die Werkbank stehen zu lassen und Hände zu heben.

 

Einer, der das  im Getöse des Krieges predigte, brauchte  Köpfchen. Und die Freiheit, dieses zu gebrauchen.

 

Captain  Heym hatte Köpfchen. In Chemnitz großgeworden, kannte er  seine Pappkameraden, die Deutschen. Und er besaß die seltene Gabe, andere zu überzeugen. Er bewies es mit seinen Radiosendungen auf dem langen Weg  von der französischen Küste bis nach München. Auf dem Weg, den er mit den Amis ging.

 

Seine Glanzleistung war der Sender 1212. Die letzten vier Ziffern markierten die Frequenz eines Senders in Luxemburg. Er fiel den Amerikanern fast unbeschädigt in die Hände. Heym und Co haben ihn weiter laufen lassen. Sie verfassten Nachrichtensendungen, die durch völliges Fehlen antideutscher und antinazistischer Parolen  das Vertrauen der deutschen Soldaten und der Zivilisten gewannen.

 

Eines schönen Tages führte aber der Sender die Deutschen hinters Licht.  Und zwar in dem Augenblick, als die Amis die Großoffensive starteten. Die deutsche Bevölkerung flüchtete in Panik. Um die richtige Fluchtroute zu wählen, schalteten die Deutschen  den Sender ein, dem sie inzwischen trauten. 1212. Und er wies ihnen die Route der Flucht. Welche? Eine, die das Anrollen der Nachschubkräfte der Wehrmacht  unmöglich machte, da die Flüchtlingswelle die Zufahrtstrassen total verstopfte.

 

Ein Meisterstück!

 

Und soll mir keiner mit Vaterlandsverräter kommen.  Erstens hatte ihn Deutschland lange davor rausgeworfen. Und zweitens wurde der Krieg gegen Hitler geführt. Und drittens wissen wir alle, was die Amis auch  tun und lassen, ist gut. Und soll von einem Deutschen gutgeheißen werden.

 

Allerdings hegte der Verstorbene einige Zweifel daran. Er ließ ihnen in dem nach dem Krieg verfassten  Roman „Kreuzritter“ freien Lauf. Er versuchte den modernen Kreuzrittern, ihr heiliges Recht abzusprechen, die Welt nach ihrem Gutdünken zu ordnen.

 

Obwohl es fast  vor sechzig Jahren geschah, also lange bevor Präsident Bush einen neuen Kreuzzug verkündete, haben die Amis ihn damals sofort rausgeschmissen. Wie die Nazis vor dem Krieg. So  ging er in die DDR. Aber auch hier legte er sich mit den Herrschenden an. Vermutlich weil auch sie von einem Kreuzzug, bloß unter einem anderen Banner, faselten. Wohin sollten sie aber den Quälgeist schmeißen?

 

Jetzt ist er dort, wo gute Menschen einen sicheren Ort finden. Wo man Quälgeister vermutlich erträgt. Gott sei ihm gnädig.

 

17.12.01   

 

WAS IST ES FÜR EIN DING? 

Das russische Wort Inoweschtschanije, das, mit lateinischen Buchstaben geschrieben, unaussprechbar, mit kyrillischen (иновещание) aber nicht so schlimm aussieht, bezeichnet die sogenannten Auslandssender. Damit ist nicht etwa ein Radio- oder Fernsehsender gemeint, der im Ausland steht. Auch in deinem eigenen Land, lieber matrjoschka-Leser, gibt es einen Auslandssender, also einen Sender, der seine Programme nicht etwa für den inneren Gebrauch, sondern fürs ausländische Publikum herstellt und ausstrahlt. Fast alle grösseren Länder der Welt haben Sender dieser Art. Die meisten bereits lange. Der vielleicht älteste hiess Radio Moskau und nahm seine reguläre Tätigkeit 1929 auf, um für die proletarische Weltrevolution zu werben. Fast gleichzeitig meldete sich Worldservice von BBC, London. Er sollte das vom Zerfall bedrohte britische Kolonialreich durch Verbreitung von Nachrichten über die Tugenden der britischen Krone retten helfen. Auch Deutschland installierte in den Jahren einen Auslandssender, der nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten den Völkern der Welt Demut vor der Herrenrasse anerziehen sollte.

Die Blütezeit der Auslandssender fiel in die Jahre des Zweiten Weltkrieges, als sie zur scharfen psychologischen Waffe wurden. Die propagandistische Trommelmusik im Äther ergänzte damals das Trommelfeuer der Kanonen. Zwar tötete sie nicht, präparierte die Menschen aber geistig fürs Töten und Getötetwerden.

Auch heute wird auf Radio bzw. Fernsehwellen viel über die Grenzen transportiert. Da wir bekanntermassen in einer Welt  leben, in der nun unentwegt von Frieden und Zusammenarbeit geredet wird, sind die grenzüberschreitenden Sendungen natürlich ganz anders geworden. Trotzdem erregen sie mitunter Missfallen. Sogar im eigenen Land, also im Herkunftsland der Sendungen. Ganz zu schweigen von den Zielländern.

Im folgenden längeren Beitrag wird über einen solchen Fall gesprochen, und zwar aus russischer Sicht. Die Rede ist vom Auslandssender der Bundesrepublik Deutschland "Deutsche Welle" in Köln.

DER STREIT UM DIE DW

1.

Unlängst fand in Berlin eine Pressekonferenz statt, die von einem Medienbeauftragten der Freien Demokratischen Partei Deutschlands gegeben wurde. Sie wurde breit angekündigt und die Partei stellte für sie einen grossen Raum im Domizil der FDP-Bundestagsfraktion zur Verfügung. Trotzdem kamen weniger als ein Dutzend Kollegen. Von den wichtigen deutschen Medien waren höchstens zwei oder drei vertreten.

Das ziemlich geringe Interesse war kein Zufall, denn die Medien, die vom eigenen Land aus fürs Auslandspublikum berichten, sind zu Hause zumeist fast unbekannt. Obwohl sie eigentlich eine sehr wichtige Funktion erfüllen oder wenigstens erfüllen sollten. Und zwar mehr Verständnis für die Probleme des eigenen Landes im Ausland anzuregen und somit der Völkerverständigung gute Dienste zu erweisen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die ins Ausland gerichteten Medien früher oft andere Ziele verfolgten. Sie strebten nicht danach, das eigene Land vorzustellen, sondern danach, im Zielland bestimmte Änderungen mitzubewirken. In krassesten Fällen wurden sie als Werkzeuge des weltweiten psychologischen Krieges missbraucht. Eines Krieges, der sich vor allem zwischen zwei feindlichen Systemen abspielte. Zwischen dem realen Sozialismus, der seinem eigenen Ideal sehr weit entfernt war, und dem Kapitalismus, der eigentlich auch besser erscheinen wollte als es war. So wurden die realen Sachverhalte auf beiden Seiten geleugnet oder beschönigt, viel Propaganda getrieben. Und polemisiert, was das Zeug hielt. Anstatt mehr Frieden und Verständnis zu stiften, wurde so eher das Gegenteil erzeugt.

In Europa taten sich dabei zwei grenzüberschreitende Radiosender hervor, die besonders verbissen agierten. In Osteuropa war es Radio Moskau in deutscher Sprache, das nach dem Zerfall der Sowjetunion Stimme Russlands heisst und ein neues Kapitel in seiner Geschichte aufschlug. In Westeuropa war es die Deutsche Welle, der Auslandssender der Bundesrepublik Deutschland. Beide grenzüberschreitenden Sender kennzeichnete in den Jahren des Kalten Krieges eine besondere Aggressivität. Nicht etwa , weil ihre Teams besonders aggressiv waren. Nein, die Aggressivität war nicht subjektiv, sondern objektiv, durch politische Zwänge bedingt. Es war nun mal so, dass die Frontlinie zwischen den beiden Systemen mitten durch Deutschland verlief. Die Bundesrepublik Deutschland sprach der DDR, dem sowjetischen Vorposten in Mitteleuropa, jegliche Legitimität ab. Ihrerseits beharrte die sowjetische Führung darauf, dass die Bundesrepublik revanchistisch und somit eine Gefahr für den Frieden sei. Unter diesen Umständen war nicht zu erwarten, dass die deutschsprachigen Sendungen aus Moskau, beziehungsweise die russischsprachigen aus Köln viel Verständnis für die andere Seite aufbrachten.

Sowohl die eine als auch die andere Seite konzentrierte sich dabei nicht auf die -wie Fachleute sagen- Selbstdarstellung, sondern auf die Fremddarstellung. Anstatt dem Hörer im anderen Land über sein eigenes zu berichten, seine Besonderheiten, Erfolge aber auch Misserfolge zu schildern und dadurch für mehr Verständnis und guten Willen zu werben, stürzten sie sich auf politische, wirtschaftliche und soziale Defizite im Zielland der Sendungen. Das tat Radio Moskau in Bezug auf Deutschland, das tat die Deutsche Welle in Bezug auf die Sowjetunion. Wobei offen gesagt werden muss, dass Radio Moskau nicht nur die vorhandenen, sondern auch erfundene Mängel in der Bundesrepublik anprangerte, die Deutsche Welle konnte sich das sparen, da die Sowjetunion ohnehin genug Angriffsflächen bot.

Wichtig ist aber festzuhalten, dass sich die beiden Sender ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen, indem sie mehr über das Zielland der Sendungen als über ihr eigenes Land sprachen. Nach einer Untersuchung der britischen Seite erreichte der Anteil der Kritik der sowjetischen Zustände in den russischsprachigen DW-Programmen damals weit mehr als fünfzig Prozent. Nicht weniger dürfte um diese Zeit auch der Anteil deutschsprachiger Programme von Radio Moskau gewesen sein, die die Bundesrepublik kritisierten und diffamierten.

Selbstverständlich wurde versucht, die schiefe Programmgestaltung durch die journalistische Pflicht zu rechtfertigen, für eine umfassende Information der Öffentlichkeit im Zielland der Sendungen zu sorgen und die Lücken auszufüllen, die die eigenen Medien des Ziellandes in ihrer Berichterstattung hinterliessen. Und wiederum muss gesagt werden, dass die sowjetischen Medien, die innerhalb des Landes für die umfassende Information der Bevölkerung zuständig waren, viele relevante Vorgänge in der Sowjetunion verschwiegen. So hatte die Deutsche Welle leichtes Spiel, als sie daran ging, die von den sowjetischen Medien verschwiegenen Informationen über die Grenze nach Russland zu tragen.

Radio Moskau fiel es viel schwerer, das Gleiche in Hinblick auf die Bundesrepublik zu tun. Weil die Medien der Bundesrepublik, die im Unterschied zu den sowjetischen Medien untereinander in Konkurrenzkampf standen, ziemlich umfassend über die Vorgänge im eigenen Land berichteten. Die Mitarbeiter von Radio Moskau konnten selten in der deutschen Berichtertattung Räume entdecken, die die deutschen Medien offen liessen.

Das alles war einmal. Ist das Vergangene restlos vergangen?

2.

Im ersten Beitrag wurde festgehalten, dass die frühere Tätigkeit der Deutschen Welle, wie übrigens auch von Radio Moskau, stark durch die harte jahrzehntelange Systemkonfrontation in Europa beeinflusst worden war. Seit etwa zehn Jahren ist die Konfrontation zu Ende. Auch der Punkt, an dem sich die Geister in der Bundesrepublik Deutschland und in der Sowjetunion besonders erhitzten, ist aus der Welt. Die DDR existiert nicht mehr, die scheussliche Mauer in Berlin wurde abgerissen, Deutschland ist vereinigt. Nichts Unüberwindliches steht mehr zwischen den zwei europäischen Ländern Deutschland und Russland, die in den vergangenen Jahrhunderten im Guten wie im Bösen eng verbunden waren. Sollte wenigstens nichts mehr stehen.

Trotzdem verlautete in der erwähnten Pressekonferenz in Berlin, dass der Deutschen Welle aus deutschen regierungsnahen Kreisen vorgeworfen wird, sich den neuen Gegebenheiten in Europa nicht ganz angepasst zu haben. Allerdings unterstützte der Medienexperte der Freien Demokratischen Partei Deutschlands, der die Pressekonferenz leitete, den Vorwurf nicht. Im Gegenteil- er bestritt, dass die Deutsche Welle unzeitgemäß tätig ist. Er hob vielmehr hervor, dass die Experten der rot-grünen Koalition dem Kölner Sender Unrecht täten, wenn sie ihm überholte Arbeitsweise ankreiden. Diesen Vorwurf erheben sie nur deshalb, weil die Regierung der Deutschen Welle aus parteipolitischen Gründen misstraue. In dem Zusammenhang mißbilligte der FDP-Sprecher Kürzungen des Senderetats als Druckmittel gegen die Intendanz der Deutschen Welle. Er beschuldigte die Regierung, mit diesen Kürzungen das Team des Kölner Senders verunsichern und seine Leitung zum Rücktritt zwingen zu wollen. Das angesteuerte Ziel bestehe letztendlich darin, die von der Verfassung der Bundesrepublik garantierte Staatsferne des Mediums zu beseitigen und ihn an die Politik der rot-grünen Koalition zu binden.

Matrjoschka will, gemäss ihrer selbstauferlegten Zurückhaltung, keineswegs in den Streit eingreifen. Was aber in der FDP-Pressekonferenz aufhorchen liess, war der vom FDP-Sprecher zitierte (und bestrittene) Vorwurf an die Deutsche Welle, sie sei weiterhin damit beschäftigt, die Zustände in anderen Ländern ins Visier zu nehmen, anstatt dem ausländischen Publikum ein umfassendes Bild von der deutschen Realität zu vermitteln. Obwohl das bundesdeutsche Gesetz, das ihre Leitlinie sein sollte, der Deutschen Welle gerade das ausdrücklich vorschreibt: Vermittlung eines umfassenden Bildes der deutschen Realität an das ausländische Publikum.

Die Absicht, einem Auslandssender nahe zu legen, sich vom Ballast der Vergangenheit zu verabschieden, ist der urfriedlichen matrjoschka sehr sympathisch. Dieser Grundsatz müsste für alle Auslandssender gelten. Auch für die Stimme Russlands. Nichts ist in der gegenwärtigen Situation in der Welt schädlicher, als der missionarische Eifer vergangener Zeiten, da jeder Auslandssender versuchte, seine Hörer im Ausland zum eigenen Glauben zu bekehren. Das wäre der beste Weg, Misstrauen zu säen in einer Welt, die mehr Solidarität braucht, um überleben zu können. Misstrauen können wir alle tatsächlich gar nicht gebrauchen.

3.

Wir erwähnten bereits die auf einer FDP-Pressekonferenz in Berlin angeführten Klagen über die Behandlung des Auslandssenders der Bundesrepublik Deutschland "Deutsche Welle" durch deutsche Regierungsinstanzen. Dem Kölner Sender, hiess es, werde der Etat gekürzt, seine Unabhängigkeit bei der Programmgestaltung beeinträchtigt, ja sogar seine Existenzberechtigung in Zweifel gezogen. Ein Argument, das dabei mitunter ins Feld geführt wird, lautet, dass man im Ausland keine Belehrungen aus Deutschland hören wolle. Die fremden Länder hätten zumeist eigene freie Medien, die lückenlos und kritisch über Vorgänge berichten und, weil es um Vorgänge im eigenen Haus geht, dies umfassender und sachlicher tun können als ein Auslandssender, sei er noch so kompetent.

Ohne sich hier darüber auslassen zu wollen, ob die Einwände gegen die Tätigkeit der Deutschen Welle stimmen oder nicht, möchten wir nur erwähnen, dass uns die Verhaltensregeln eines Auslandssenders, die dabei zur Sprache kommen, sinnvoll erscheinen. Tatsächlich wurzelt die Übergewichtung der Fremddarstellung in den Programmen eines Auslandssenders oder, anders ausgedrückt, die Tendenz, die Verhältnisse im Zielland der Sendungen- auf Kosten der Information übers eigene Land- ins Visier zu nehmen, in der längst verflossenen Zeit. In der Zeit, als in Europa zwei militärpolitische Blöcke, zwei soziale Systeme gegeneinander agierten. Als der Kalte Krieg durch den Propagandakrieg auf grenzüberschreitenden Radiowellen begleitet wurde.

Damals behauptete man auf beiden Seiten, anders könne es gar nicht sein, da im Lager des Gegners die Pressefreiheit unterdrückt werde. In den Ländern des sogenannten realen Sozialismus (hiess es zum Beispiel in den Sendungen der Deutschen Welle aus Köln) unterdrückte der totalitäre Staat die Pressefreiheit , in den Ländern des Kapitalismus (hiess es zum Beispiel in den Sendungen von Radio Moskau) – der grosse Geldsack.

Zum Glück braucht jetzt niemand mehr die unfruchtbare Pauschalisierung der Zustände, die vordergründige Polemik, die der Verständigung im Wege steht. Sollte man wenigstens meinen.

Auch die Auslandssender brauchen ihre Existenzberechtigung nicht mehr darin zu suchen, dass sie die Aufgaben der Medien im Zielland der Sendungen quasi übernehmen. Nein, ihre Existenzberechtigung können sie jetzt damit unter Beweis stellen, dass sie dem ausländischem Publikum ein umfassendes Bild vom eigenen Land anbieten.

So sollte es sein. Ist es aber immer und überall so?

Matrjoschka kamen Zweifel daran, als sie die Tagesordnung einer zweitätigen Konferenz in Berlin las, die unter anderem der Lage der russischen Medien gilt. Einer Konferenz unter dem Titel "Im Schatten der Macht. Die Situation der Medien in Russland, Belarus und in der Ukraine". Die Russlandexperten der Deutschen Welle sind am Berliner Hearing über die russischen Medien führend beteiligt.

An sich ist nicht das Geringste dagegen einzuwenden. Es sind durchaus kompetente Leute, die mitten im Stoff stehen. Sie beherrschen Russisch, lesen die russische Presse mit wachen Augen und verfolgen das Geschehen in Russland sehr aufmerksam. Wer, wenn nicht sie, ist berufen, nicht nur Deutschland in ihren Sendungen nach Russland, sondern auch Russland in Deutschland auf einer Konferenz darzustellen.

Gerade aber, weil sie so kompetent sind, sollten sie dafür sorgen, eine gewisse Schlagseite der Konferenz auszugleichen. Eine Schlagseite, die zum Beispiel dadurch entsteht, dass zur Teilnahme aus Russland nur Medienleute aus einer einzigen Ecke der russischen Medienlandschaft eingeladen sind. Aus einer Ecke, wo eine sehr kritische Einstellung gegenüber der russischen Regierung und insbesondere ihrer Medienpolitik herrscht.

Die deutschen Veranstalter verschenken sich dadurch die Gelegenheit, die russische Medienlandschaft in allen wichtigen Facetten kennen zu lernen und sich ein differenzierteres und objektiveres Bild über die Lage der russischen Medien zu verschaffen. Das muss aber der Sinn der Übung sein.

Da an dem Zustandekommen der Konferenz, wie gesagt, die Kollegen der Deutschen Welle massgeblich beteiligt sind, kann sehr leicht der Verdacht aufkommen, sie bemühten sich, der deutschen Öffentlichkeit ihre eigene Unersetzlichkeit vor Augen zu führen. Etwa so: weil in Russland die Medienfreiheit wieder unterdrückt wird, brauche man im Westen Radiosender, die den Russen die von den russischen Medien selbst verschwiegene Information bieten.

Schade, wäre das wirklich der Hintergedanke. Auch weil die Deutsche Welle es nicht nötig hat, den Lückenbeisser zu spielen. Sie befindet sich in der glücklichen Lage, ihre russischen Hörer mit Berichten über Deutschland selbst faszinieren zu können.

Die deutsche Wirklichkeit bietet dafür Stoff genug, da die Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten eine sehr beeindruckende Entwicklung nahm. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts lag Deutschland am Boden, wurde von fremden Mächten besetzt, zerrissen, in Verruf gebracht. Jetzt ist es das mächtigste Land in Europa, politisch stabil, wirtschaftlich prosperierend, mit einer sozialen Absicherung der Bevölkerung, die sich überall in der Welt sehen lassen kann.

Da sich Russland jetzt in einer Lage befindet, die an die Deutschlands vor einem halben Jahrhundert erinnert, hören die Russen mit großem Interesse von den deutschen Erfahrungen des Wiederaufbaus und von der deutschen Gegenwart.

Dagegen hiesse es, Eulen nach Athen zu tragen- oder, wie die Russen sagen, Samoware nach Tula- würde sich die Deutsche Welle in ihren an Russland gerichteten Berichten darauf konzentrieren, was alles in Russland noch fehlt oder falsch gemacht wird. Das wissen die Russen selber oder erfahren es aus den eigenen Medien.

Die Berichterstattung aus Deutschland über Deutschland ist auch aus einem spezifischen Grund sehr wichtig. Wie auf dem deutsch-russischen Forum in Petersburg vor kurzem hervorgehoben wurde, haben die Russen die historisch bedingte psychologische Reserviertheit gegenüber Deutschland noch bei weitem nicht überwunden. Jeder zweite Russe traue den Deutschen auch jetzt nicht über den Weg. Was sollte also für die Deutsche Welle näher liegen, als wahrheitsgetreu das neue Deutschland darzustellen, das mit dem früheren wirklich wenig zu tun hat.

Dagegen könnte eine selbstgerechte, von oben herab erfolgende Behandlung der russischen Mängel in den russischsprachigen Sendungen der Deutschen Welle die russischen Vorurteile gegen Deutschland kaum abbauen helfen. Eher im Gegenteil. Denn das gewiss überzogene Bild des "hässlichen Deutschen" in Russland und in der Welt bescheinigt den Deutschen eine ausgeprägte Selbstgerechtigkeit und Hochmut gegenüber anderen Völkern.

In jedem Land gehören die Auslandssender zu den Institutionen, die sich sehr leicht der öffentlichen Kontrolle entziehen können, da sie ausserhalb des Blickfelds der Öffentlichkeit tätig sind, die von ihrer Existenz kaum Notiz nimmt. Darum passiert es schon, dass sie entgleisen und Falsches tun.

Mit gutem Willen ist das zu korrigieren. Jedenfalls ist zu wünschen, dass sich die Deutsche Welle, wie auch die Stimme Russlands darauf konzentrieren, mehr Verständigung und weniger Vorurteile in der Einstellung der Russen und der Deutschen zueinander anzuregen. Wie es die matrjoschka tut.

Und jetzt zwischendurch ein Brief zu FS DW, obwohl er mit dem Wesen der Sache nicht zu tun hat:

Wer manchmal in einem Hotelzimmer, ferne der Heimat, beispielsweise in Hanoi oder Jakarta, genug hat von CNN und sich deshalb die DW antut, erlebt die Einzigartigkeit der Medienfreiheit. Alternierend, in Deutsch und in Englisch, werden der aufstrebende Fußballclub "Energie Cottbus", ein Schwabe, der nach jahrzehntelangem Leben in Australien einen Alterssitz in seiner deutschen Heimat sucht, und was er dabei erlebt, eine Folge von Gasexplosionen in Berlin usw. usw. vorgestellt. Hinein gestreut sind kurze Bilder von Ausländern, die bei uns, in Deutschland, studieren, und die äußern, wie wohl sie sich bei uns fühlen.

Ich habe seit langem nichts langweiligeres gesehen als diesen Kanal DW.

Nicht eine einzige Sendung hätte irgendeinen böswilligen Zensor veranlassen können, gegen sie einzuschreiten. Die Sendungen waren von keinerlei Aussagekraft, von Brisanz gar nicht zu reden.

Ich bekenne allerdings, daß ich, zurück in Berlin, nun immer auf der Bundesligatabelle schaue, wo mein geliebter Fußballclub "Energie Cottbus" abbleibt. Ich zittere für ihn, seine Mannschaft und seinen erfolgreichen Trainer. Man stelle sich vor, ein echter Ossiverein, klein und aufstrebend, so wie die vielen Bürger in Ossiland. So eine Art Tellerwäscherkarriere. Danke, Deutsche Welle! Du gibst mir durch deine mutigen Sendungen Kraft und Hoffnung auf bessere Zeiten. Danke!

G. E.

Anm. v. M.: die Dame speit Gift und Galle. Sie hat auch uns auf die Weise apostrophiert. Also auf ihre Meinung nichts geben. Gar nichts.

WIE ES BEGANN.

1.

Eigentlich begann es vor sechstausend Jahren oder vielleicht noch viel früher. Selbstverständlich ist nicht vom Radio die Rede, das höchstens hundert Jahre existiert, sondern von der virtuellen Beeinflussung des Verhaltens fremder Stämme zu seinen eigenen Gunsten. Wofür viel später das grenzüberschreitende Radio eingesetzt wurde.

In den sechstausend Jahren änderten sich nicht so sehr die Zielsetzungen der nach aussen gerichteten Propaganda, sondern ihre Transportmittel. Zuerst gab es so gut wie keine. Der Effekt wurde unmittelbar durch visuelle oder akustische Phänomene erzielt. Furchterregendes Bemalen der Gesichter oder Trommeln an hohle Baumstämme. Später übte man sich im Verbreiten Gerüchten. Noch später wurden Propagandaschriften über die Grenzen geschmuggelt. Im vorigen Jahrhundert kamen die grenzüberschreitenden Radiosendungen hinzu.

Aber letztendlich verfolgte man in den sechstausend Jahren ein Ziel, nämlich sich selbst stärker zu präsentieren als man war, dem Gegner das Gefühl der Unterlegenheit zu suggerieren, den Verbündeten fester an sich zu binden.

Mit der Zeit nahm die nach aussen gerichtete Propaganda immer breitere Schichten der ausländischen Bevölkerung ins Visier. Schliesslich die ganze Bevölkerung im Land des Gegners. Den Soldaten im Schützengraben, den Arbeiter der Rüstungsindustrie, den Bauer. Möglichst noch vor Beginn eines Krieges.

Die Wirkungssteigerung der grenzüberschreitenden Propaganda wurde durch den ständigen Fortschritt ihrer Transportmittel und die Einbeziehung der Psychologie ermöglicht. Das Radio setzte dem Fortschritt die Krone auf. Im Zweiten Weltkrieg dröhnte der Äther von fremdsprachigen Propagandastimmen, die die Front und das Hinterland des Gegners destabilisieren sollten.

2.

Bereits ein Viertel Jahrhundert vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die grenzüberschreitende Propaganda zunehmend ideologisch.

Ganz neu war die ideologische Beeinflussung der fremden Bevölkerung allerdings nicht. Als die Jünger Christi die antike Welt bereisten oder mit ihren Glaubensbrüdern ausserhalb Israels korrespondierten, erfüllten sie auch den Tatbestand ideologischer grenzüberschreitender Propaganda. Erst recht ging es um das richtige Weltbild im Streit zwischen Katholiken und Protestanten zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges, der nicht nur mit der Waffe, sondern mittels Predigten und Pamphleten geführt wurde.

Im Normalfall war aber der weltanschauliche Akzent untergeordnet oder fehlte gänzlich. Als Napoleons Grand Armee ins russische Zarenreich einmarschierte, zögerte er, sich gegen die Leibeigenschaft zu stellen und die Untertanen des Zaren mit seinen Aufrufen aufzuwiegeln. Unter den gekrönten Häuptern des damaligen Europas galt es eben als verwerflich, an den Grundsätzen der gottgewollten hierarchischen Ordnung in Feindesland mit Umsturzpropaganda zu rütteln.

Im XX. Jahrhundert konstituierte sich auf dem euroasiatischen Kontinent ein Staat, der zum Hauptinhalt seiner grenzüberschreitenden Botschaften gerade dies erhob. Es war Sowjetrussland. Sein Führer, Wladimir Lenin, glaubte nicht nur selbst an die Vision einer neuen, freieren und glücklicheren Welt, sondern war von der Einflusskraft der kommunistischen Doktrin auch im Ausland überzeugt. Den "Verdammten dieser Erde" vermittelt, würde die kommunistische Erlösungslehre Berge versetzen. Keine militärische oder wirtschaftliche Macht sei imstande, dagegen zu halten, glaubte er

Als Transportmittel der grenzüberschreitenden Propaganda ortete Lenin ein neues Medium. Das soeben erfundene Radio.

3.

Am Radio, das in den Jahren der grossen Umwälzung in Russland - 1917 und danach- noch in der Wiege lag und nur mit Morsezeichen lallen konnte, faszinierte Lenin die Substanzlosigkeit. Im Unterschied zu den Printmedien, die gegenständlich sind, hat die Radiowelle keine greifbare Substanz. Ist daher auch nicht fassbar. An der Grenze nicht zu stoppen. An Zöllnern und Polizisten fliegt sie vorbei. Frei wie Zugvögel.

Aus eigener Erfahrung wusste Lenin das zu schätzen. Noch vor dem Weltkrieg brachte er es fertig, in Deutschland ein Kampfblatt ("Iskra", der Funke) in Russisch zu drucken, um es nach Russland zu schmuggeln. Der Funke sollte den Brand der Revolution in Deutschland auslösen. Die Hoffnung wurde enttäuscht. Der mit grossem eigenen Aufwand und mit Unterstützung der Genossen von der SPD hergestellte "Funke" erlosch oft unverrichteterdinge. Nur ein geringerer Teil der Auflage gelangte zu den Adressaten. Der grössere fiel der Polizei bereits an der Grenze zu Russland in die Hände.

Deswegen träumte Lenin von einem Transportmittel der Propaganda, das es erlauben würde, sie über alle Zäune hinweg an den Mann zu bringen. Die Erfindung des Radio kam wie gerufen.

Allerdings schätzte Lenin an der Radiowelle nicht nur die Fähigkeit, sich jeder Grenzkontrolle zu entziehen.

Das Radio nannte er "Meeting von Millionen". Tatsächlich kann eine Hörfunksendung gleichzeitig Millionen erreichen. Wenn die Millionen Radioempfänger haben, die Ausstrahlung stark genug ist und die Sendung inhaltlich als hörenswert empfunden wird.

Die Wahl des Wortes "Meeting" ist bezeichnend. Lenin und Genossen veranstalteten immerzu Meetings. Es kamen Menschenmengen zusammen, die ihnen zuhören sollten und wollten. In dem noch bei weitem nicht analphabetisierten damaligen Russland war die Ansprache der Königsweg der revolutionären Propaganda. Wirksam, auch weil zusammengebrachte Menschenmengen sich einander elektrisierten. Zumal ein gesprochenes Wort viel mehr Emotionen entfesselt als das geschriebene.

Das Radio versprach so viele Zuhörer wie nie zuvor. Meetings von fast unbegrenzter Dimension, da sie in einem virtuellen Raum stattfinden sollten. Als Zuhörer kam die gesamte Bevölkerung des Landes in Frage, sogar- soweit es um grenzüberschreitendes Radio ging- die Weltbevölkerung.

Nun galt es Redner zu finden, die fähig waren, die Massen zu beeindrucken. Lenin, Trotzki und andere Führer der russischen Revolution beherrschten die rhetorische Kunst. Wie übrigens auch Hitler, Goebbels und manch anderer aus derselben Ecke später in Deutschland. Es waren Demagogen im doppelten Sinne des Wortes- im ursprünglichen, d.h. Volksredner, und im moderneren, d.h. Volksbetrüger, die viel versprachen, wenig hielten.

4.

Auch wenn Lenin die Vorzüge des Radios für die politische Propaganda im Inneren und im Ausland vermutlich noch lange vor der Machtübernahme in Russland erkannte, aufs neue Medium konnte er erst nach der Machtübernahme zugreifen. Denn damals war das Radio Regierungssache. Alle Sende- und Empfangseinrichtungen standen unter der Kontrole der jeweiligen Machthaber. Ein Aussenstehender hatte keine Chance.

Nach der Machtübernahme im Oktober 1917 galt es, das Radio sofort einzusetzen. Am nächsten Tag ordnete Lenin die Funkübertragung ins Ausland über die Ziele der neuen Regierung an. Darunter die sofortige Feuerpause in Europa und anschliessend der Abschluss eines europaweiten Friedens ohne Grenzänderungen und Kontributionen.

Wie illusorisch es auch war, darauf zu setzen, dass sich die Westmächte die Früchte des opferreich erkämpften Sieges über Deutschland und seine Verbündeten nehmen lassen würden, hätte der Appell viele im Westen begeistern können, hätte er die kriegsmüden Massen erreicht. Hat er aber nicht. Mit Morsezeichen gesendet, wurde Lenins Botschaft nur von staatlichen Empfangsstationen aufgezeichnet. Sie drangen nur bis zu den Beamten, die sie nicht ernst nahmen. Der neuen Macht in Russland gaben sie wenig Lebensdauer. Sie rechneten mit ihrem baldigen Scheitern. Und dann würde Russland wieder, seiner Bündnispflicht getreu, gegen Deutschland und Österreich- Ungarn antreten.

Mehr Beachtung fand die per Funk aus Petrograd (vor dem Krieg- Sankt Petersburg, später Leningrad, jetzt wieder Sankt Petersburg) übertragene Friedensbotschaft in Berlin. Nach dem Sturz der Zarenherrlichkeit im Februar 1917 erlebte die Führung des wilhelminischen Reiches zuerst eine Enttäuschung, da die bürgerliche Regierung unter Kerenski den Krieg gegen Deutschland fortsetzte. Deswegen knüpfte die kaiserliche Generalität in Berlin ab jetzt die Hoffnung auf Entlastung der Ostfront an eine ihr ganz und gar unsympathische, aber, wie es schien, steuerbare politische Figur. An die des Marxisten Lenin, dem deutschen Geheimdienst noch aus der Vorkriegszeit als exilierter russischer Desperado bekannt. So wurde Lenin und seinen Anhängern die Rückkehr nach Russland aus dem Schweizer Exil ermöglicht und die grosszügige Finanzierung der Antikriegspropaganda gesichert.

Die Radiobotschaft aus Petrograd wurde in Berlin für die langersehnte Bestätigung der eingeschlagenen Strategie gehalten. An die Presse geleitet, erschien sie in einigen deutschen Zeitungen, ohne allerdings in ihrer ganzen Tragweite verstanden zu werden. Niemand ahnte die Geburt einer neuen Weltmacht, die etwa dreissig Jahre später bis zur Elbe vorrücken würde...

Am Rande bemerkt: Lenins Botschaft strahlte ein Sender in Zarskoje sselo bei Petrograd aus, der von der deutschen Firma Siemens und Schuckert gebaut worden war. Einer der stärksten Radiotelegraphiesender der damaligen Welt.

Später sendete er allerdings Botschaften, die den Machthabern in Deutschland gewiss weniger willkommen waren als die erste. Sie riefen nämlich die deutschen Soldaten und Arbeiter zum Sturz der Kaiserregierung auf und trugen mutmasslich zum Ausbruch der Novemberrevolution 1918 in Deutschland bei.

5.

In den folgenden Jahren des Bürgerkrieges in Russland hatten die Radiotelegraphisten in Zarsskoje sselo viel zu tun. Fast täglich schickten sie per Radiowellen Appelle, Erklärungen, Gruss- und Protesttelegramme der kommunistischen Regierung über die Grenzen Sowjetrusslands. Das aufflackernde, aber immer wieder erlöschende revolutionäre Feuer in Deutschland und in den Nachfolgestaaten des Habsburger Reiches sollte angefacht werden. Aber es klappte nicht.

Lenin gab den imperialistischen Regierungen des Westens die Schuld. Sie hätten "Gegenwellen" eingesetzt, die den Empfang der Sendungen aus Zarsskoje sselo unmöglich machten. Künstlich produzierte Empfangsstörungen soll es tatsächlich gegeben haben. Dennoch spielten sie kaum eine Rolle. Viel wichtiger war, dass die Sendungen weiterhin nur mit Morsezeichen erfolgten und erst nach Veröffentlichung in einer Zeitung das Publikum erreichten. Die meisten Zeitungen im Westen ignorierten die "rote" Propaganda. Nur ein sprechendes Radio, das unmittelbar beim Adressaten ankommt, konnte helfen.

Lenin trieb das Forschungslabor in Nishni- Nowgorod, dem die Entwicklung eines solchen oblag, zur Eile an. Dem Laborchef wurde jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. Das Team erhielt besondere Lebensmittelzuteilungen und Devisen für den Ankauf westlicher Technik.

Trotzdem blieb das sowjetische grenzüberschreitende Radio zu Lenins Lebzeiten auf das ti-ta-ti-ta angewiesen. Und als er 1924 starb, trat an seine Stelle ein Mann, der mit der Radiopropaganda Richtung Westen zunächst nicht viel im Sinn hatte. Stalin.

Von der Vision einer proletarischen Weltrevolution wenig angetan, hing er einer anderen nach. Der eines starken Staates, der auf herkömmliche Art und Weise seine Einflusssphäre erweitert. Deswegen drängte Stalin nicht auf den Aufbau eines grenzüberschreitenden Radios, sondern auf Verbreitung des neuen Mediums im eigenen Land. Hier und nicht im Ausland sah er seine schlimmsten Feinde, die ihm die Machtfülle streitig machten. Um ihre Vernichtung vorzubereiten und durchzuführen, brauchte er eben das Radio vorerst im Inneren. Die russischen Entfernungen und der Papiermangel liessen "die Zeitung ohne Papier und Entfernungen" (Lenins Definition) besonders attraktiv erscheinen. Es begann die "Radiofizierung" der Sowjetunion, wie der Bau der Sender und die Massenproduktion der Empfangsgeräte genannt wurden.

Bereits Mitte der zwanziger Jahre gehörte die Sowjetunion zu den Ländern mit den grössten Sendekapazitäten. Von früh bis spät berieselten die Sender die noch spärlich gesäten Radiohörer mit Propaganda für den Aufbau des Sozialismus (wie ihn Stalin sah) in einem Lande. In einem! Die Länder des Westens , wo, wie es hiess, der Kapitalismus sich stabilisieren konnte, sollten warten. Auch auf die revolutionisierenden, grenzüberschreitenden und fremdsprachigen Sendungen aus der Sowjetunion. Allerdings warteten sie nicht sehr lange.

DIE HEISERE STIMME DER REVOLUTION

1.

Zwischen 1924 und 1929 spielte sich in der Sowjetunion das Tauziehen zwischen Stalinisten und Trozkisten ab. Es ging um viel wichtigere Dinge als inowschtschanije: um die gesamte Programmatik der neuen Herren in Russland. Darum, ob sich Sowjetrussland als Provisorium verstehen soll, das nur einen Sinn hat, die Weltrevolution anzuzetteln. Oder ob es sich als Globalplayer mausern soll, der auf die Normalisierung seiner Beziehungen mit den anderen setzt (um diese dann auszuspielen).

Die zahlenmässig kleineren und zerstrittenen Trotzkisten hatten zeitweise starken Einfluss in der Komintern, der noch von Lenin gegründeten Vereinigung der Kommunistischen Parteien der Welt, im Narkomindel, dem Auswärtigen Amt der SU und in anderen nach auswärts gerichteten sowjetischen Einrichtungen – Spionage, Propaganda u.s.w. Sie predigten die permanente Revolution. Dem Sozialismus in einem einzigen Land gaben sie keine Chance

Für die zweite Variante stand Stalin mit zahlreichem Gefolge. Revolution hin, Revolution her, es ging ihm um die totale Macht in einem starken Staat. Beharrlich verdrängte er Funktionäre, die sich ihm in den Weg stellten und einen freiheitsfeindlichen, nationalistisch verseuchten Etatismus vorwarfen. Die dem Trotzkismus verfallenen, der Haresie verdächtigten Altkommunisten mit Westerfahrung, meist ehemalige Emigranten jüdischer Herkunft, wurden durch solche ersetzt, die sich hier und heute etablieren wollten und um das Weltproletariat wenig scherten.

Es ging im Kampf innerhalb der Nomenklatura nicht so sehr um Ideen, viel mehr um den Platz an der Sonne. Das gab aber niemand zu. Auch nicht beim Tauziehen um den einzurichtenden Auslandsfunk.

Das Projekt lag anfangs in den Händen welterfahrener und sprachkundiger "Internationalisten". Sie scharten sich um den Kominternvorsitzenden Zinovjev, einen Lebemann, der zusammen mit dem anderen Exponent der linken Opposition, Kamenew, vorbehaltlos für die Aufnahme der grenzüberschreitenden fremdsprachigen Rundfunksendungen aus Moskau war. Die Einstellung bekräftigte er mit angeforderten Stellungnahmen führender kommunistischer Funktionäre aus Deutschland, Frankreich, England, den USA u.s.w. Sie wiesen unisono auf das wachsendes Interesse der Bevölkerung für das neue Medium hin. In der sowjetischen Presse lancierten die "Internationalisten" hochtrabende Beiträge über das sehnsüchtige Verlangen der Proletarier jenseits der Grenze nach dem unmittelbaren Wortkontakt mit den machtausübenden Klassenbrüdern im Lande des siegreichen Sozialismus.

Man muss ihre Rhetorik über die proletarische Weltrevolution nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Dahinter steckte eher Angst als Hoffnung und Glaube. Die Angst vor Stalin und vor den von ihm in die Partei geholten grauen, ungebildeten, gehässigen, antijüdisch eingestellten Heerscharen. Menschen, die ihrer ethnischen Herkunft, dem intellektuellen Gehabe und der europäischen Kulturprägung nach den Neuankömmlingen fremd blieben, ahnten Schlimmes. Sie konnten nur darauf setzen, dass es Stalin nicht gelingt, sein Reich vom liberalen Westen zu isolieren und sie unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit auf die Schlachtbank zu bringen . Unter den gegebenen Umständen konnte aber eine offene Sowjetunion nur eine interventionistische Sowjetunion sein. Ein Staat, der seine Grenzen offenhält, um darüber hinweg Unruhen in anderen Staaten zu provozieren. Auch mit Hilfe der grenzüberschreitenden Propaganda.

2.

Stalin, der die wahren Motive Zinovjews und seiner Schicksalsgenossen durchschaute, hielt sie hin. Den Chef des Auswärtigen Amtes, den in seiner Grundhaltung konservativen Tschitscherin, beauftragte er mit Expertisen über mögliche Folgen der grenzüberschreitenden Radiopropaganda. Erwartungsgemäss warnte Tschitscherin vor der Empörung im Ausland. Sie könnte die eingefädelte Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit kapitalistischen Staaten ernsthaft behindern, möglicherweise auch dem Aussenhandel der Sowjetunion, also auch der geplanten rasanten Industrialisierung schaden.

Also liess sich das ganze Projekt des Auslandsfunks als typisches Hirngespinst linker Abenteurer intepretieren. Seinen Anhängern blieb nur der Rückzug. Erst recht, als ihnen 1929 die Ausweisung ihres Papstes Trotzki aus der Sowjetunion vor Augen führte, dass Stalin keinen Spass verstand.

Erst zwei Jahre später änderte sich die Situation. Der Trotzkismus wurde zerschlagen, seine Einflussnahme auf die grenzüberschreitende Radiopropaganda somit unwahrscheinlich.

Die Sowjetunion normalisierte die diplomatischen Beziehungen mit dem Westen und schloss zahlreiche Handelsabkommen mit kapitalistischen Partnern. Stalin brauchte nun Sanktionen des Westens nicht mehr zu fürchten.

Ausschlag gab möglicherweise der Vorschlag, die geplanten Sendungen als Dienstleistung für ausländische Fachleute in der Sowjetunion zu tarnen.

4.5.01

WIRD FORTGESETZT. VIELLEICHT

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