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MEDIEN

 

 

 

1.NTV-Geschichte. 

2.Was tut sich im Runet. 

3.WORÜBER WIRD IM RUNET GESTRITTEN?

 

 

1.NTV-GESCHICHTE

EINE NOSTALGISCHE FERNSEHKRITIK

Die älteren russischen  Fans des Idiotenkastens erinnern sich noch gut an  Gernsehabende der Breshnewzeit ( Leonid Iljitsch Breshnew, 1964- 1982 Parteichef der Sowjetunion). In ihrem Mittelpunkt stand die Show  des landesweit mächtigsten Mannes.

Das Outfit  des  Bildschirmstars  hatte  Besonderheiten: a) riesige Augenbrauen (viel dichter als die des Herrn Waigel, des ehemaligen deutschen Finanzministers); b) Der unfreiwillig komische  Gesichtsausdruck (Mr. Dean könnte einpacken) eines Menschen, der schwer begreift, wo er sich befindet und was er tut, sich jedoch müht, würdig auszusehen.

Auch seine Sprechweise sorgte für allgemeine Belustigung. Seine einseitig gelähmte Mundpartie hinderte  ihn,  etwa die Hälfte der Konsonanten deutlich zu artikulieren. Deswegen  wirkten in seinen Ansprachen konsonantenreiche Worte drollig. Zum Beispiel  das am meisten gebrauchte Beiwort „sozialistitscheskij“ (sozialistisch). Es kam wie „sisjki-matisjki“ raus, was  an ein  Wort aus der Ganovensprache erinnerte und wie Titten verstanden wurde (unsere Tittenindustrie schreitet von einem Erfolg zum anderen...).

Lustig war das damals! Man konnte von Herzen über seinen Staatschef lachen und lästern (wenn kein Fremder es mitkriegte). Das entschädigte für zahlreiche Ärgernisse des Alltags.   Und auch für die Langeweile im übrigen Fernsehprogramm.

Vorbei die Freude. Der derzeitige Zar aller Reussen ist alles andere als komisch. Und keiner lacht, wenn der vom Fernsehschirm verkündet (ohne das jetzt verpönte Wort „sozialistitscheski“ in den – gottlob- einwandfrei funktionierenden Mund zu nehmen), wo es lang gehen soll. Man hat eher das unbestimmte Gefühl, stramm stehen zu müssen.

Dafür ist auch das Fernsehprogramm nicht mehr langweilig.

Noch vor kurzem in Russland die Sendung „Hinter Glas“ („Big Brother“ nachgeahmt, matrjoschka berichtete) der Renner. Jetzt ist es „Der letzte Held“. Auch von der Sorte der USA- Realityshows.

Die Masche  ist einfach. Sechzehn Russen, je zur Hälfte Männlein und Weiblein, wurden auf einer unbewohnten Insel in Südamerika ausgesetzt. Ohne Lebensmittel, Kleidung und Gerät sollen die Insulaner ihre Überlebensfähigkeit auf die Probe stellen. Die Versager werden (quasi) gegessen. Bis einer bleibt. Er, der letzte Held eben, erhält einen Preis. 

Die Fernsehkameras verfolgen jede Bewegung . Nur zwei Prozeduren sind (noch?) tabu.  Pinkeln und Scheißen. Die Russen tun das nicht öffentlich.

Die jüngeren unter dem russischen Fernsehpublikum sind von der Show begeistert. Sie spricht ihre Lebenserfahrung an. Wer stolpert, wird gefressen.

Die Show kostet Geld. Eine Million USD. Der Augenbrauenkerl (browasty parenj) Breshnew war dagegen preiswert.  Für die Fernsehauftritte kriegte er nichts. Und seinem Rennwagenhobby frönte er auf Kosten der ausländischen Freunde. So nahm er Porsche und Mercedes  aus Deutschland mit, wenn er seine Staatsbesuche in Bonn absolvierte.

Ach waren das noch Zeiten! Man konnte wenigstens lachen...

17.12.01  

 

WAS IST MIT DEM RUSSISCHEN NTV LOS?

Die Auseinandersetzungen um die Zukunft des russischen unabhängigen Fernsehsenders NTV gehen weiter. Schlagzeilen in den russischen Zeitungen, Demos in Moskau und Petersburg, ein lebhaftes Echo in den westlichen Medien (fast jeden Abend in der ARD-Tagesschau).

Wir erinnern: Der Konflikt spielt sich zwischen dem Journalistenteam ab, seinerzeit vom Mediamagnaten Gussinski angestellt und zur Opposition gegen den Kreml inspiriert, und dem staatlich kontrollierten Energiekonzern Gasprom, dem neuen Hauptaktionär des stark verschuldeten Senders. Gasprom will den Chef des NTV Kisseljow in die Wüste schicken, die Fernsehleute sehen darin eine unzulässige Beschneidung der journalistischen Freiheit.

In dem Zusammenhang bringt die NTV- Webseite das Stenogramm eines langen Gesprächs zwischen den NTV-Journalisten und Herrn Koch, Chef der Gasprom-Tochter, einer Medienfirma. Das Gespräch drehte sich um die Frage, ob die Aktionäre des NTV das Recht haben, die Tätigkeit der Journalisten zu überwachen und so zu steuern, dass der Sender schwarze Zahlen schreibt. Die Debatte gipfelte in Kochs Äußerung, die die Journalisten als Schlag unter der Gürtellinie empfanden. Hier ist sie:

"NTV ist eine Schöpfung der Aktionäre. Die Journalisten steuerten auch ihren Anteil bei, aber sie wurden dafür bezahlt. Und basta! So sind eben die harten Marktgesetze, tut mir leid. Sieben Jahre lang lobten sie, die NTV-Leute, die Marktwirtschaft und den Kapitalismus. Jetzt kommen der Markt und Kapitalismus auch für sie selbst. Der Kommunismus im NTV, (die journalistische Mitbestimmung der Sendepolitik) ist zu Ende. Er wird durch den Kapitalismus abgelöst. Gefällt Ihnen nicht? Warum begeisterten Sie sich dann sieben Jahre lang für den Kapitalismus in Russland?".

Anm. :Koch ist ein in Russland bekannter Zyniker. Aber die Zyniker treffen oft die Nägel auf den Kopf. Meint die dumme Holzpuppe.

8.4.01

 

RABINOWICH AUF VORMARSCH

Utro.ru bringt eine für Eingeweihte erschütternde Meldung. Sie betrifft den ukrainischen Oligarchen und Medienmogul Rabinowich. Danach erwirbt er ein Aktienpaket, das ihm womöglich eine neue Rolle auf dem russischen Medienmarkt sichert. Es geht um zwanzig Prozent Anteile des Fernsehsenders NTV, der jetzt der Kontrole des staatlichen russischen Konzerns Gasprom unterstellt wurde.

Rabinowich, u.a. auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinschaft der Ukraine,will die Aktien dem russischen Oligarchen und Medienmogul Gussinski abkaufen. Dieser kontrollierte bis vor kurzem den Fernsehsender. Dennoch beging er die Unvorsichtigkeit, es mit dem Kreml zu verderben. So wurde er auf Ersuchen der russischen Staatsanwaltschaft in Spanien festgesetzt und zieht sich aus Russland zurück.

Anm. In unserem Medienkonzern ("www.Matrjoschka-online. de") gibt es einen versoffenen Kerl, der in der Sache eine kompetente Auskunft geben kann. Es ist Iwan Matrjoschkin, Esq., der sich mit Rabinowich im Literaturhaus Berlin traf (während der Vorstellung eines neuen Buches des deutschen Publizisten J.Roth, an der Rabinowich teilnahm, da das Buch seine Vita erzählt. Siehe den Bericht auf dem Link der nachdenklichen Matrjoschka). Also, richteten wir an I.M.,Esq., vier Fragen:

1. Warum will der ukrainische Oligarch nach Russland?

Antwort: Warum nicht?

2. Setzt er sein Geld damit nicht in den Sand?

Herr Rabinowich macht nicht den Eindruck eines Menschen, der sein Geld je in den Sand gesetzt hat. Außerdem: Wer sagt denn, dass es sein Geld ist?

3. Wessen denn?

Vielleicht das von Ted Turner. Der amerikanische Fernsehzar (CNN) wollte selbst Gussinskis Aktien kaufen, aber die Russen liefen dagegen Sturm: Wieso soll ein russischer Fernsehsender von einem Ami übernommen werden? Vielleicht erledigt Rabinowich den Deal in Turners Auftrag?

4.Und die Medienfreiheit in Russland?

Ihr dummen Holzpuppen meint, die Auseinandersetzung um den NTV spielte sich zwischen den Kämpfern für die Medienfreiheit und ihren Gegnern ab. Ich habe Euch aber von Anfang an gesagt, es ging nur darum, welcher Geldsack das Sagen hat: ein regierungskonformer oder ein regierungskritischer. Wobei die Rollen austauschbar sind.

Dann forderte I.M., Esq., einen Lohn für die Expertise (10 DM.) und verschwand in einer nahegelegenen Gaststätte auf dem Kuhdamm.

15.4.01

 

Eine Userin unserer site mailt uns:

Eben, kurz nach 7 Uhr, habe ich im D-Radio das Interview mit Frau Sabine Adler gehört. Sofort habe ich den Sender angeschrieben. Da ich wenig Hoffnung habe, er werde meine Email bringen, dagegen fest daran glaube, matrjoschka-online tut es, erhalten Sie hiermit den vollen Wortlaut:

"Selbst wenn alles so stimmt, was Frau Adler vorgetragen hat, möchte ich Sie fragen:

Wo ist denn unsere deutsche freie TV- Radio und sonstige Berichterstattung?

Was haben Sie, nur ein Beispiel, seit dem 24. März 1999 über die verfassungs- und völkerrechtswidrige Bombardierung Jugoslawiens gebracht? Ich habe die Berichterstattung in ARD und ZDF sowie im deutschen und französischen Rundfunk (RFI) verfolgt : wenn zum Maßstab der Pressefreiheit die Meinungsvielfalt genommen wird, muss man sagen, die Pressefreiheit war im Eimer.

Wo gibt es bei uns eine Zeitung, die gegen ihre Besitzer anschreiben darf? Nennen Sie bitte eine einzige. Was passiert bei uns mit Medien, die Verluste machen? Bekommen sie von der Bundesregierung Subventionen, um weiter gegen sie anzuschreiben, oder werden sie von Herrn Kirch u.a. übernommen?

Welches Medium, das sich im Besitz von Herrn Kirch oder von Bertelsmann befindet, äußert sich regierungs- oder gar systemkritisch? Nennen Sie bitte eines.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen pressefreiheitlichen Tag!".

Anm. v.matrjoschka: Im Unterschied zur vorlauten Dame zweifeln wir die deutsche Pressefreiheit, bekanntlich ein Eckpfeiler der freiheitlich-demokratischen Ordnung, nicht im Geringsten an. Selbst die Existenz unserer site beweist, dass die Pressefreiheit in Deutschland großgeschrieben wird. Und auch die hiermit bezeugte Tatsache, dass bis jetzt keine Behörde- toi-toi-toi- unsere Berichterstattung zu beeinflussen und zu behindern versucht hat. Und kein Medienmogul, sei es Herr Kirch, der sich Gerüchten zufolge auch in Russland etablieren will, oder auch ein anderer hat bis jetzt den Versuch gestartet, matrjoschka-online als einen wichtigen Meinungsführer zu übernehmen. Soll er es nur versuchen, billig sind die Holzpuppen nicht zu haben. Ein paar Millionen müsse er schon hinblättern.

Na ja - jedenfalls würden wir mit uns reden lassen.

Vorläufig aber üben wir uns weiterhin in uneingeschränkter Pressefreiheit. Ein Beweis dafür ist Matrjoschkins Quatschecke (auf dem Link der aufräumenden matrjoschka ), wo der selbsternannte Esquire und vermeintliche Busenfreund des NATO-Generalsekretärs, Lord of Port Ellen seine obskuren Meinungen äußern darf.

Sonst lassen wir ihn im Sinne der uneingeschränkten Pressefreiheit, die wir Gott sei dank besitzen, nur dann gewähren, wenn er eine Meinung äußert, die unserer eigenen wie ein Ei dem anderen gleicht. Zwar versuchte er zu stänkern, forderte Gleichstellung mit den Eigentümerinnen des Konzerns (der mitteilsamen, geschichtsbewussten und anderen weiblichen Holzpuppen). Aber wir haben ihm erläutert, dass die Musik von denjenigen bestellt wird, die zahlen. In unserem Falle – die hohen Provider- und Telefongebühren, von der Software, die ab und zu gekauft werden muss, schon gar nicht zu sprechen. Und von der Hardware als Anfangsinvestition erst recht nicht.

Die Mittellosen aber, die wie Matrjoschkin ihr Geld versaufen oder aus lauter Faulheit gar nicht verdienen, haben in den Medien, auch in matrjoschka-online, nichts zu melden. Insbesondere, wenn sie die Frechheit besitzen, immerzu um Zehnmarkscheine (oder um die sogenannte Stütze) zu betteln. Diese Personen haben nur die Freiheit, sich in einer Ecke unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu produzieren.

Wo kämen wir hin, wenn Außenseiter die Pressefreiheit in Anspruch nehmen dürften!

Übrigens haben die meisten geschassten russischen Kollegen inzwischen die Fronten gewechselt und stehen den neuen Eigentümern der unter Druck geratenen Medien zur Verfügung. Von hundert befragten Moskauern sehen nur zwanzig einen Konflikt um die Pressefreiheit in Russland , die anderen aber- nur um Profit und Besitz. Da wir, bei aller Freiheit, die Angaben nicht gebrauchen können, kriegt vermutlich Kollege Matrjoschkin sein verdoppeltes Honorar nicht. Er gibt aber nicht auf und hat geschworen, so lange am Ball zu bleiben, bis ein Bericht über die Unterdrückung der Pressefreiheit in Russland doch zustande kommt. Wir sind gespannt. Sie auch?
27.04.01

 

Die nachdenkliche Matrjoschka gibt sich Mühe, die wahre Natur eines Konfliktes in Russland zu ermitteln, der weite Kreise zieht. Gemeint ist der Konflikt zwischen dem Mediaboss und Multimillionär Wladimir Gussinski und dem ihm gehörenden Fernsehsender NTV einerseits, sowie dem staatlich kontrollierten Konzern Gasprom und seiner Tochter "Gasprom-Media" andererseits. Dabei stützt sich die Matrjoschka auf Runet-Zeitungen. Worauf sonst?

1. Äußerlich sieht es so aus, als versuche der russische Staat, dem einzig verbliebenen staatsfernen Fernsehkanal den Garaus zu machen. Da der Multimillionär Wladimir Gussinski Gasprom eine große Summe schuldet, soll NTV von "Gasprom" und seinem neuen Management geschluckt werden. Das von Gussinski vor Jahren eingestellte und inzwischen gut eingespielte Team widersetzt sich dem Coup vehement. In den westlichen Medien wird die scharfe Auseinandersetzung als eine zwischen den Anhängern der Pressefreiheit und dem diese unterdrückenden Staat dargestellt. Stimmt das?

So einfach ist es nicht, meint Polit.ru, eine Runet-Zeitung, die versucht über den Fronten zu stehen. Warum nicht?

1. Weil der Fernsehsender NTV ein klassisches Beispiel dafür ist, wie ein einflussreiches Massenmedien die Pressefreiheit zwar auf seine Fahnen geschrieben hat, dennoch dafür sorgt, dass das in Russland weitgehend kriminalisierte Großkapital nicht zu kurz kommt. Ohne Gussinskis Pressekonzern "Media-Most", der den Anspruch erhob und z.T. auch realisierte, den Königsmacher in Russland zu spielen, hätte das oligarchische Großkapital in Russland weniger politischen Einfluss und weniger Profit.

2. Bei den vorletzten Präsidentenwahlen in Russland hat "Media-Most" den Zaren Boris (Jelzin) sehr geschickt unterstützt. Als B. Je., um die Zeit in der Meinung der Russen als Lügner und Säufer schon tief gesunken, durch die Unterstützung des Auslands und "Media- Most" doch wiedergewählt wurde, ließ sich Gussinski die Leistung mit neuen Privilegien honorieren. Bei den letzten Präsidentenwahlen in Russland beging Gussinski die Unvorsichtigkeit, auf ein anderes Pferd als Jelzins Nachfolger Putin zu setzen, dem ein dem Chef von Media-Most nahestehender Teil der Oligarchen nicht über den Weg traute. Putin gewann trotzdem die Wahl und Gussinski wurde in die Defensive gedrängt. Dass er nicht kleinbeigegeben hat, machte seine neue Lage nur schlimmer. Deswegen floh er ins spanische Exil, wo er, da ein Auslieferungsbegehren der russischen Staatsanwaltschaft vorliegt, immer wieder ins Gefängnis muss. Sein Mediakonzern geriet außerdem wegen der hohen Schulden in Bedrängnis.

3. Heißt es, dass die Gegenseite die wahre Pressefreiheit vertritt? Keineswegs, meint Polit.ru. Unter Putin verkommen die zwei staatlich kontrollierten Fernsehsender ORT und RRT zu den von Regierungsbeamten gesteuerten Propagandainstrumenten, wo jedes Wort unter der Lupe auf politische Konformität untersucht wird. Man fühlt sich an die Sowjetzeit erinnert, wo der Medienkonsument nicht informiert, sondern erzogen werden sollte.

4. Die Auseinandersetzung selbst sei auch ein Spiel, bei dem beide Seiten gezinkte Karten auf den Tisch klatschen. Gussinski und sein Umfeld instrumentalisieren die ehrenwerte Begrifflichkeit der Menschenrechtler und Kämpfer für Pressefreiheit im In- und Ausland, die wohl in dem Fall kaum bemüht werden dürfte. Die Gegenseite nutzt ihre totale Dominanz in den russischen Rechtspflegeorganen, um "Media-Most", vor allem aber NTV Korruption und Unterschlagungen unterzujubeln. Als wären die staatlich kontrollierten Medien frei davon.

5. Gewiss ein düsteres Bild, das ans russische Sprichwort von einem Dieb erinnert, der einem anderen den Knüppel stiehlt. Warum sollte ausgerechnet die Mediensparte in Russland ein Lichtblick in der Landschaft sein?

 

DER KONFLIKT UM DEN FERNSEHSENDER NTV LÖSTE IM RUSSISCHEN POLITISCHEN ESTABLISHMENT EINEN STURM (IM WASSERGLAS?) AUS.

Die Runet-Zeitung VESTI.RU bringt die Statements von Politikern verschiedener Provenienz.

Grigori Javlinski, Chef der russischen Liberalen, schreit zeter und mordio. Er vergleicht die gegenwärtige Lage in Russland mit der im Jahr 1991, als die Creme der sowjetischen Nomenklatura einen "Putsch" inszenierte, der die liberale Reform (oder das, was dafür gehalten wurde) rückgängig machen sollte. Er sieht die Zeit heranrücken, wo ein russischer Politiker nicht mehr seine Ansichten frei artikulieren darf. Die Kommunisten und Nationalisten (die die Abwicklung von NTV unterstützen) seien zusammen mit dem Kreml und seinen Parteien dabei, Russland in die Unfreiheit und Rechtlosigkeit zurückzustoßen und somit auch die Chance des wirtschaftlichen Aufstiegs nicht wahrzunehmen.


Boris Iordan, der kremlnahe Geschäftsmann und Medienexperte, dem die Abwicklung von Media-Most übertragen wurde. Er hebt hervor, dass die Firma nur Verluste erwirtschaftet. 1999- 22,7 Mill. USD, 1990 acht Mill. USD. Die Verschuldung liege über 60 Mill. USD. Er verkündet, er wolle in die schwarzen Zahlen kommen. Die Pressefreiheit sei für ihn als amerikanischer Staatsbürger heilig. Er würde dafür sorgen, dass das Team genauso frei weiter tätig sein kann wie unter Gussinski.

Aber die finanzielle Gesundung stehe in der Prioritätenliste obenan. Wer dies nicht berücksichtigen will, soll gehen.


Wladimir Kulistikow, ein einflussreicher Medienmanager, dem amerikanischen Radio Liberty nahe.

Das ausgezeichnete NTV-Journalisten-Team war auf dem Weg dahin, Funktionen einer politischen Partei oder einer Anwaltssozietät zu übernehmen. Ihren Beruf sollen sie frei ausüben, das politische Engagement aber zurückdrehen.

Мichail Gorbatschow, Vorsitzender des öffentlichen Beirates von NTV:

Die russische Öffentlichkeit muss sich für das unabhängige Fernsehen einsetzen. Die brutale Abwicklung von NTV ist eine Herausforderung der zivilen Gesellschaft und Erniedrigung aller Russen. Ohne freie Presse ist die Ausrottung der Korruption und die Gesundung der Wirtschaft undenkbar.

Gorbi kündigte ein Gespräch mit Putin an.

Oleg Panfilow, ein bekannter Medienforscher. Er sieht keinen Bedarf, Putin aufklären zu müssen. Der weiß Bescheid. Er wolle einfach kein Medium, das die Staatsmacht geisselt und das Gerede vom Frieden in Tschetschenien und wirtschaftlicher Gesundung ad absurdum führe.

Wladimir Shirinowski (ganz rechts auf der russischen politischen Bühne):

NTV soll unter die Erde. So schnell wie möglich.


Gennadi Selesnjow, Dumasprecher:

Die neuen Manager sind unfähig, den Konflikt zu schlichten. Sie haben nur den eigenen Vorteil im Auge.

Alexej Lebed, Gouverneur von Chakassien und Bruder des berühmten Alexander L.:

Das alles ist eine neue russische Schande. Der Präsident verkündet die Diktatur des Gesetzes, die Gerichte aber pfeifen aufs Gesetz und gehorchen der Macht. Ein Verfahren, das die Abschaffung der Pressefreiheit in ganz Russland einleitet.

Konstantin Ernst, Chef des konkurrierenden Fernsehsenders ORT meint, das russische Problem seien die Intellektuellen, die die Staatsmacht immer der Schweinereien verdächtigen.


Gennadi Sjuganow, KP- Chef:

Beide Clans nehmen sich nicht viel. Der eine hat Jelzin an die Macht gebracht. Der andere setzt auf Ausländer. Warum soll im russischen Fernsehen ein USA-Bürger (Jordan) schalten und walten? Oder ein Held der räuberischen Privatisierung (Koch)?

Schriftstellerverband Russlands:

Der alte Sender NTV untergrub die russische Staatlichkeit, Kultur und Moral. Wir wollten nicht mit ihm t zusammenarbeiten. Mit dem erneuerten schon.

 

MATRJOSCHKA STEUERT DAZU DEN BERICHT EINES GEWISSEN IWAN M. bei, der behauptet, mit den Eltern und Großeltern des (wohl gewesenen?) Mediamagnaten Gussinski verkehrt zu haben und plaudert Familieninterna aus:

Mütterlicherseits war der Opa des Medienmagnaten (Familienname Zionskij) eine durchaus deutschfreundliche Persönlichkeit, da er in der gewesenen SU eine deutsche Kosmetikfirma vertrat. Unter Stalin als deutscher Spion einkassiert, gehörte er dann zu den unzähligen Opfern des Regimes. Auch seine Ehefrau und zwei reizende Töchter mussten in die Verbannung. Als der Tyrann starb, durften sie nach Moskau zurück. Allerdings erhielten sie ihr eingezogenes Eigentum, darunter eine Vorstadtvilla, nicht zurück und verdienten ihre Brötchen mit Handarbeit. Später heiratete eine Tochter einen tüchtigen Handwerker, der zu jenen gehörte, die noch unter dem unmenschlichen Regime die ersten Sprosse der freien Marktwirtschaft, damals als kriminell eingestuft und verfolgt, gedeihen liessen. Die Ehe bescherte Russland einen politisch engagierten Geschäftsmann, der den Vater und den Opa an Tüchtigkeit und Cleverness weit übertraf. Als das Sowjetregime zusammenbrach, wurde er von heute auf morgen Multimillionär und Medienmogul. Auch wenn er dabei, wie der Kreml jetzt behauptet, nicht immer ganz koschere Kunstgriffe anwendete.

Jetzt muss er allerdings immer wieder in ein spanisches Gefängnis, da ein spanischer Staatsanwalt seinem russischen Kollegen gefällig sein und Gussinski an Russland ausliefern will.

Nun, die mitleidigen Zeitgenossen können darin Trost finden, dass der arme Mann doch noch etwas besitzt. Z.B. ein Aktienpaket von NTV. Dieses will ihm der amerikanische Kollege Ted Turner für etliche Millionen USD abkaufen. Kommt der Deal zustande, ist der Lebensabend des ehemaligen Präsidenten des jüdischen Kongresses Russlands abgesichert. Und die Pressefreiheit in Russland blüht wieder auf. Denn wer kann schon mehr für sie tun als der CNN- Chef?

Anm. v. Matrjoschka: der Konzern Matrjoschka-online.de übernimmt keine Verantwortung für die hier angeführten Auskünfte, obwohl sie aus einer sicheren Quelle stammen.

5.3.01

 

 

WARUM AUSGERECHNET NTV?

Zwei entgegengesetzte Antworten in einer Runetzeitung (NSN, übrigens als Zitate erschienen).

Die eine:

Auf die Frage gäbe ein NTV-Sujet Aufschluss, gezeigt an dem Tag, als die feindliche Übernahme des unabhängigen Fernsehens durch den staatlich kontrollierten Konzern Gasprom eingeleitet wurde.

Der Sender berichtete , dass Pawel Borodin, von den regierungsnahen Medien als großer Patriot Russlands stilisiert, den die Russenhasser aus der Schweiz und den USA grundlos hinter Gitter gebracht hätten (inzwischen gegen Kaution von fünf Millionen SFr auf freiem Fuß und nach Russland zurückgekehrt) in den USA nicht ganz verlassen war. Hier leben seine Tochter samt Ehemann, mit Millionen USD ausgestattet. Im Schatten der Freiheitsstatue seien sie zu erfolgreichen Geschäftsleuten geworden. Auf welche Weise denn?  fragte der Sender. Er erinnerte daran, dass vor gar nicht langer Zeit Putin ein Stellvertreter Borodins war. Und dass die Töchter des russischen Präsidenten in Deutschland ihre Ausbildung geniessen (?). Alles kein Verbrechen, gewiss.. Und dennoch. Alfred Koch (wie German Gref ein deutschstämmiger Kremlvertrauter, der die Übernahme von NTV managt) sagte, Russland sei ein morsches Land, ohne Zukunft, aber eine Goldgrube...Ist denn nicht klar, warum NTV einen Maulkorb kriegen soll?

Die andere Antwort auf die eingangs gestellte Frage fiel weniger günstig für NTV aus. Die Runenzeitung erinnerte nämlich daran, welchen Zickzackkurs der Sender gefahren hat. Zuerst trat er für die Wiederwahl Jelzins ein, dann stellte ihn als einen hoffnungslosen Depp vor. Auch hinsichtlich Putin änderte er seine Einstellung, und zwar je nach dem, wie seine Grossaktionäre, vor allem der als Märtyrer der Pressefreiheit präsentierte Wladimir Gussinski mit den Mächtigen im Kreml ausgekommen waren. NTV sei somit zum Instrument politischer Erpressung zugunsten der Oligarchen geworden. Erst dann, wenn es damit aufhört, verdient das regierungsferne Fernsehen das Prädikat "unabhängig".

13.4.01 Nach NTS ru.

 

Das zweitägige Hearing in Berlin über die Unterdrückung der Pressefreiheit in Russland, Belorussland und der Ukraine.

Dank der sorgfältigen Auswahl der Gastreferenten, getroffen von der Deutschen Welle, Köln, und der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung verlief das Hearing am ersten Tag nach Plan. Die Teilnehmer aus Russland, der Ukraine und Belorussland klagten Beeinträchtigungen des kritischen Journalismus an, die in extremen Fällen bis zum Auftragsmord der Journalisten gehen. Die deutschen Teilnehmer versicherten ihre Solidarität und erwogen Druckmittel auf die entsprechenden Regierungen.

Kurz vor seinem Abschluss aber wich das Hearing ein wenig vom vorgezeichneten Pfad ab. Der Star der eingeladenen Opfer von Verfolgungen der Medienfreiheit in Russland, die dort sehr populäre Fernsehmoderatorin Marianna Maximowskaja, tanzte unerwartet aus der Reihe. Auf die Frage, warum denn ihr früheres Zuhause, also der regimekritische Fernsehsender NTV, relativ wenig Unterstützung vom Publikum erhielt, als es galt, ihn vor der Übernahme durch den staatsnahen Energiekonzern Gasprom zu schützen, gab sie eine unerwartete und vermutlich auch von den Veranstaltern wenig erwünschte Antwort. Sie beschuldigte den Westen, mit seiner Politik dem Sender das Wasser abgegraben zu haben. Insbesondere mit den NATO-Bombardierungen Serbiens, die der scharfen Kritik des Senders am russischen Krieg in Tschetschenien viel von der Glaubwürdigkeit nahmen. Wie Frau Maximowskaja sagte bildlich, jede auf Serbien abgeworfene Bombe traf auch ihren früheren journalistischen Arbeitsplatz.

Dazu kam die Enttäuschung der Russen über die Russlandpolitik des Westens in den letzten Jahren. Der westliche Einfluss wird mit dem Niedergang Russlands in Zusammenhang gebracht. Das hatte negative Rückwirkungen aufs Image des, wie Frau Maximowskaja hervorhob, konsequent prowestlichen Senders. Eben deshalb erhielt er in der Stunde der Not relativ wenig öffentliche Unterstützung.

Die Replik der Fernsehmoderatorin aus Moskau bildete eine Zäsur im Ablauf des Hearings. In den folgenden Wortmeldungen der deutschen Teilnehmer klangen andere Töne an als am ersten Tag der Debatte. Es gab sogar Hinweise darauf, dass auch im Westen, sogar in Deutschland, der Grundsatz der Medienfreiheit mitunter leidet, vor allem wenn die Medien, insbesondere die Fernsehsender, im Wettbewerb um Profitmaximierung weniger die umfassende Information der Bevölkerung als hohe Quoten anstreben. Es gab auch kritische Bemerkungen zur deutschen Darstellung des Geschehens in der russischen Medienlandschaft. Darunter zur Kanonisierung der russischen Mediamagnaten Wladimir Gussinski und Boris Beresowski als uneigennützige Verfechter der Medienfreiheit.

Jedenfalls haben die wie durch ein Wunder schwerreich gewordenen Oligarchen bei den Russen ein wenig schmeichelhaftes Image. Auch bei den russischen Journalisten, die sich die Freiheit nicht nur von der Zensur des Staates, sondern auch von der Willkür der Geldsäcke wünschen. Der Geldsäcke, die heute gegen jenen russischen Politiker wettern, den sie gestern mit aller Kraft aufbauten.

Insgesamt zeigte das Hearing, dass der Durchsetzung der Medienfreiheit wie auch der anderen Menschenrechte abträglich ist, wenn diese in außenpolitischen oder auch innenpolitischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert werden. Nicht nur in einem Krieg, sondern auch in politischen Grabenkämpfen kommt die wahrheitsgemäße Information viel zu kurz. Billige Polemik, Verdrehungen und Verfälschungen dagegen haben Hochkonjunktur.

Nur Entspannung und Zusammenarbeit schaffen eine günstige Atmosphäre für die Medienfreiheit.

Wenn die Veranstalter das Ziel anstrebten, diese Binsenwahrheit der deutschen Öffentlichkeit am Beispiel Russlands, Belorusslands und der Ukraine in Erinnerung zu rufen, können sie mit dem Verlauf der Debatten am zweiten Tag des Berliner Hearings zufrieden sein.

7.5.01

 

ZUSATZ

Beim Berliner Hearing über die Verfolgung der unabhängigen Medien, unter anderem in Russland, wurden Flugblätter der Gesellschaft für Bedrohte Völker (Göttingen) verteilt. Matrjoschka gibt im folgenden den Text des Flugblattes wieder (mit unbedeutenden Kürzungen).

Pressefreiheit in Russland erhalten!

Über das Elend und die Verbrechen in Tschetschenien erfahren die deutsche und russische Öffentlichkeit nur, wenn darüber gesprochen und geschrieben werden kann. Deshalb fordert die Gesellschaft für Bedrohte Völker Bundeskanzler Gerhard Schröder auf, sich für die Pressefreiheit in Russland einzusetzen.

Während seines letzten Besuchs beim russischen Präsidenten Wladimir Putin Anfang April 2001 reagierte Bundeskanzler Schröder fast ungehalten auf Fragen nach der Pressefreiheit: Er habe mit seinem Amtskollegen Putin kurz darüber gesprochen, dies sei aber sicher nicht das wichtigste Thema ihrer Beratungen gewesen. Die entsetzlichen Kriegsverbrechen der russischen Armee in Tschetschenien wurden wohl überhaupt nicht angesprochen.

Seit Monaten herrscht eine fast vollkommene Informationsblockade über Tschetschenien: unabhängigen westlichen Journalisten wird der Zugang verweigert, die prominente russische Journalistin Anna Politkowskaja, die über die russischen Kriegsverbrechen berichten wollte, wurde festgenommen, massiv bedroht und des Landes verwiesen.

Nachdem der halbstaatliche Gaskonzern Gasprom den Großteil der Aktienanteile des Mediamost-Unternehmnes erworben hatte, drohte Gasprom damit, die Redaktion des kremlkritischen Fernsehsenders NTW (Anm. v. m.: manche in Deutschland schreiben NTV), der der Mediamost-Gruppe gehörte, auszutauschen. Nach monatelangem Zwist war es am Osterwochenende soweit: 60 Wachmänner warteten tagelang im 13. Stock des Fernsehgebäudes, fünf Etagen über dem privaten Sender NTW. Sie beobachteten die großen Demonstrationen für den Erhalt von NTW und der Pressefreiheit in Russland auf dem Vorplatz und hörten die Redakteure ab. In der Nacht auf Ostersamstag kam der Einsatzbefehl aus der Konzernzentrale von Gasprom: die Wachmannschaft überwältigte um 4.00 Uhr früh den NTW-Wachdienst und besetzte die NTW-Zentrale im 8. Stock des Gebäudes. Die Festung der Widerspenstigen war gefallen, zähmen ließen sich die Journalisten jedoch nicht, die meisten verließen den letzten großen unabhängigen Fernsehsender.

In der Nacht vom 16. auf den 17. April 2001 holte der russische Präsident Putin zum nächsten Schlag aus. Die unabhängige Zeitung "Segodnja" wurde geschlossen, den Mitarbeitern des Magazins Itogi wurde der Zugang zu ihrer Redaktion verwehrt. Der russische Staat kontrolliert nun drei landesweite und neunzig lokale Fernsehsender sowie 92 Radiostationen. Im Internet informiert ein Spinnennetz von Seiten über die russische Politik und Gesellschaft, jede mit anderem Layout, anderen Farben und Namen, doch alle stammen aus einem Haus.

Das größte deutsche Gasunternehmen, die Ruhrgas AG, hält als einziger westlicher Konzern Anteile an Gasprom und bezeichnet den halbstaatlichen russischen Konzern als seinen "wichtigsten internationalen Handelspartner". Doch Gasprom macht sich zum Handlanger der autoritären Politik Putins, und ist somit für den Verlust eines der höchsten Güter der Demokratie überhaupt verantwortlich, der Pressefreiheit. Bei einer Mahnwache vor der Essener Ruhrgaszentrale hat die Gesellschaft für Bedrohte Völker die Ruhrgas AG am 19. April 2001 dringend aufgefordert, sich als Anteilseignerin von Gasprom öffentlich von dieser zutiefst undemokratischen Politik zu distanzieren und um Glasnost, einen Grundwert der modernen russischen Gesellschaft, zu kämpfen. Unter dem Stichwort Glasnost hatte Michail Gorbatschow vor vierzehn Jahren die russische Presse von den Fesseln der sowjetischen Zensur befreit und sein Land auf den Weg der Demokratie geführt. Jetzt zerschlägt der ehemalige KGB-Agent Wladimir Putin, offen hofiert vom deutschen Bundeskanzler, Stück für Stück diese demokratischen Ansätze. Die Ruhrgas AG rühmt sich auf ihrer homepage damit, die "deutsch-russischen Beziehungen in den letzten Jahrzehnten mitgestaltet zu haben". Jetzt muss die Ruhrgas auch zu den Machenschaften ihres Handelspartners Stellung beziehen und mit dem Verkauf seiner Anteile drohen, wenn Gasprom sich weiter zum Handlanger der Putinschen Politik macht.

Als einziger Sender hatte NTW ab und an kritisch über Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Tschetschenien berichtet und so den Überlebenden der russischen Verbrechen eine Stimme und ein Gesicht gegeben. Die weitere Zerschlagung der Pressefreiheit in Russland wird dazu führen, dass der russische Geheimdienst und das russische Militär unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Tschetschenien weiter morden können."

Soweit der Text des Flugblattes "Pressefreiheit in Russland erhalten!", das während der Veranstaltung über die bedrohte Pressefreiheit in Russland u.s.w., von der Deutschen Welle (dem Auslandssender Deutschlands), der Friedrich Naumann-Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde in Berlin durchgeführt, verteilt wurde. Nach der Lektüre beschloss der Matrjoschka-Rat folgenden Brief an die Gesellschaft für Bedrohte Völker, beim Hearing unter anderem vertreten durch Frau Sahra Reinke, zu richten:

Liebe Frau Sahra Reinke,

der Matrjoschka-Rat wendet sich an Sie, obwohl Sie vielleicht nicht die maßgebende Person in der Gesellschaft sind, weil ein von Ihnen geschossenes Foto auf dem Flugblatt zu sehen ist. Darauf sind äußerst sympathische, lächelnde, junge Männer vor der Ruhrgas-Zentrale in Essen mit einem großen Transparent: "Ruhrgas und Gasprom zerschlagen Russlands Pressefreiheit!" abgebildet. Dazu und zu dem Flugblatt insgesamt einige Fragen:

1. Glauben denn die jungen sympathischen Idealisten, dass ein anderer Anteilseigner von Gasprom, gesetzt den Fall, Ruhrgas folgt ihrer Aufforderung und verkauft seine Anteile an Gasprom, sich für Russlands Pressefreiheit einsetzen würde? Oder haben die jungen Männer selbst genug Kleingeld, um die Anteile zu erwerben und somit Gasprom zu zwingen, dem Sender NTW seine Unabhängigkeit zurückzugeben? Und überhaupt ... Gleicht denn ein großer Konzern (die einzige Ausnahme bildet der Matrjoschka-Pressekonzern) nicht dem anderen, wenn es um die Pressefreiheit geht? Müsste man sich nicht darüber Gedanken machen, wie die Pressefreiheit abseits vom Konkurrenzkampf der Geldsäcke gewährleistet werden kann?

2. Die russischen Kriegsverbrechen in Tschetschenien sind entsetzlich, hierin ist der Matrjoschka-Pressekonzern mit der Gesellschaft für Bedrohte Völker total einer Meinung. Doch gibt es auf tschetschenischer Seite nur Opfer des Kriegsverbrechens? Gibt es dort nicht auch Kriegsverbrecher, hinter denen möglicherweise große, außerhalb Russlands agierende Energiekonzerne stehen, die jetzt um die Kontrolle über die Pipelines im Süden des ehemaligen sowjetischen Raums streiten? Und wenn es so ist, wäre es nicht angebracht, auch darüber ein Wort zu verlieren?

3. Das, was dem Journalistenteam von NTW, auch denen von "Segodnja" und "Itogi" passierte, ist gewiss vorbehaltlos zu verurteilen. Es ist tatsächlich ein harter Schlag gegen die Pressefreiheit in Russland. Zu bedenken wäre nur, dass der frühere Eigentümer des Konzerns Mediamost, Wladimir Gussinski, mag er noch so ein guter Mensch sein, das riesige Vermögen auf eine nicht ganz nachvollziehbare Weise in wenigen Monaten nach dem Sturz des Sowjetsystems zusammengetragen hat. Er stand und steht mit großen, sehr kapitalkräftigen amerikanischen Medienunternehmungen in enger Verbindung (zum Beispiel Newsweek und CNN). Ist denn Herr Ted Turner oder ein anderer Medienzar von der Sorte unbedingt ein Verfechter der Medienfreiheit? Haben diese nicht möglicherweise auch andere Interessen in Russland als die Gewährleistung von Glasnost, wenn man darunter etwas mehr als das Recht des großen Geldes versteht, die Öffentlichkeit für seine Belange zu mobilisieren?

4. In Ihrem Flugblatt stellen Sie Michail Gorbatschow als Bahnbrecher der Perestroika dem ehemaligen KGB Agenten Wladimir Putin entgegen. Besonders in punkto Glasnost. Nun, Michail Gorbatschow sorgte vehement für Glasnost, wenn diese sich als sein Machtinstrument gebrauchen ließ. Als aber das Atomkraftwerk in Tschernobyl vor fünfzehn Jahren explodierte, sorgte er nicht für Glasnost. Er sorgte dafür, dass das sowjetische Volk nichts über die Katastrophe erfuhr, obwohl das Gesundheit und Leben vieler Tausender stark gefährdete. Und überhaupt... wäre es der historischen Wahrheit nicht gerechter, Michail Gorbatschow, Boris Jelzin und Wladimir Putin in der Kontinuität einer und derselben Politik zu sehen, die Russland soweit brachte, wo es eben jetzt ist? (Was die Scheußlichkeit des gewesenen Sowjetsystems keineswegs mindert. Zwar sind Sie, liebe Sahra Reinke, ebenso wie Ihre bewundernswerten Mitstreiter in fraglicher Zeit noch Kinder gewesen (wie beneiden wir Sie!), aber es geht trotzdem nicht um das Zeitalter von Friedrich Barbarossa, sondern um eine Zeit, die noch authentisch recherchierbar ist.

5. Die letzte Frage. Würde denn die von Ihnen angemahnte Russlandpolitik Deutschlands nicht darauf hinauslaufen, Russland von den Demokratien des Westens politisch zu isolieren und einer Handelsblockade zu unterwerfen? Was würde dann folgen? Etwa das, was Serbien nach jahrelanger Handelsblockade und Isolation beschert wurde? Wie vorbehaltlos die russischen Kriegsverbrechen in Tschetschenien und anderswo auch zu verurteilen sind, wäre es denn gerecht, 140 Millionen Russen dafür haftbar zu machen und damit ein hundertfach größeres Tschetschenien zu riskieren?

Ohne im geringsten Ihre Absichten anzuzweifeln, möchte der Matrjoschka-Rat warnen: Hüten Sie sich vor falschen Verbündeten!

Und noch eine kleine Anmerkung. Auf Ihrem Flugblatt wird nebenbei erwähnt, dass das Runet, obwohl mit "Spinnennetz von Seiten, jede mit anderem Layout, anderen Farben und Namen", aus einem Haus stamme. Da Matrjoschka diese Infoquelle über die russische Politik und Gesellschaft nutzt, darf sie wohl sagen, dass sich die Runetseiten nicht nur durch andere Layouts usw. unterscheiden, sondern auch durch ihre Sicht auf das Geschehen in Russland. Viele setzen sich zum Beispiel vehement für die Medienfreiheit in Russland ein. Übrigens nach glaubwürdigen Gerüchten aus Russland droht auch dem Runet eine Art staatlicher Kontrolle. Somit ist nicht auszuschließen, dass Ihr hartes Urteil übers Runet nicht nur nicht stimmt, sondern auch der Verteidigung der Meinungsfreiheit in diesem Bereich des russischen Medienwesens nicht gerade hilfreich ist.

Eine Internetseite ist im Unterschied zum Fernsehen oder einem ernstzunehmenden Printmedium ohne große Unkosten zu betreiben. Deswegen ist das Runet, wenigstens vorläufig, das einzige sichere Refugium der Meinungsfreiheit in Russland (und nicht nur dort). Schade, wenn das einmal wegfällt.

Ansonsten grüßt der Matrjoschka-Rat Sie und Ihre Kombattanten herzlichst.

5.5.01

 

Am Welttag der freien Medien wurde im Berliner Rathaus ein Hearing über die Lage der Medien in Russland, der Ukraine und Belorussland abgehalten.

Schon die Auswahl der Referenten des stark besuchten Hearings sorgte dafür, dass es über den Tatbestand keine Differenzen gab. Alle auf dem Podium waren sich darin einig, dass es in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion gravierende Verletzungen der Medienfreiheit gibt. Angefangen bei den jüngsten Ereignissen in der Moskauer Medienwelt, die zur Wandlung des oppositionellen Fernsehsenders NTV und zu Schließungen eines politischen Magazins und einer Tageszeitung aus der Medienholding des Magnaten Wladimir Gussinski führten, bis zum vermuteten Auftragsmord eines oppositionellen Journalisten in Kiew. Hierbei herrschte unter den anwesenden deutschen Experten eine Art Einigkeit, die von Aussagen der eingeladenen Medienleute aus Russland, der Ukraine und Belorussland untermauert wurde.

Zu mehr oder weniger unterschwelligen Meinungsverschiedenheiten kam es dagegen, wenn es um die Frage ging, wie der Westen, insbesondere Deutschland, auf die Ereignisse in der Medienwelt der Nachfolgestaaten der Sowjetunion reagieren soll. Darf die Reaktion so weit gehen, dass die Belange der Außenpolitik, auf Festigung der Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten gerichtet, negativ tangiert werden. Und inwiefern würde es der Sache selbst dann dienlich sein? Bestünde denn nicht die Gefahr einer Überreaktion, die die regierungskritische Publizistik, zum Beispiel in Russland, eher in weitere Bedrängnis bringt? Alles Fragen, die, wenn auch nicht direkt angesprochen, in dem zum Bersten gefüllten riesigen Versammlungssaal des ehrwürdigen Berliner Rathauses in der Luft schwebten. Eigentlich ging es um das alte Dilemma der deutschen Russlandpolitik, deren unterschiedliche Lösungen nicht selten von den rivalisierenden Kräften in Deutschland im innenpolitischen Kampf instrumentalisiert wurden.

Ein Teil der Experten, darunter der jedem deutschen Fernsehzuschauer bekannte Moskauer ARD-Korrespondent Thomas Roth, mahnten mehr Rücksicht auf die Befindlichkeit der Russen an. Sie mögen es nicht, wenn man ihnen aus Deutschland immer wieder Leviten liest und eine ihnen fremde Sicht der Dinge aufzudrängen versucht. Eine Meinung, die jüngste Umfragen in Russland zu untermauern scheinen. Demnach beklagt nur eine Minderheit von vier- fünf Prozent die Unterdrückung der Pressefreiheit.

In diesem Zusammenhang fielen auch Bemerkungen über die Defizite der Medienfreiheit in Deutschland. Hierbei wurde vor allem auf die Monopolisierung des Fernsehens hingewiesen. Sie führe zur Verdrängung der politischen Berichterstattung durch Unterhaltung. Für demokratische Entscheidungsprozesse in der Gesellschaft sei es nicht weniger konterproduktiv als die staatliche Mediennähe.

Auch beanspruche nicht nur in Russland der Staat das Recht, auf die Medien Einfluss zu nehmen. Zum Beispiel ist es auch in Frankreich der Fall. Dennoch zeige Deutschland dem Nachbarn deswegen nicht den Stinkefinger.

Eine andere Einstellung kam in Fragen und Äußerungen der Veranstalter des Hearings zum Ausdruck, vor allem aus dem deutschen Auslandsradio, der Deutsche Welle, Köln. Hier wurde das Problem der politischen Zweckmäßigkeit weitgehend ausgeklammert. Die Kollegen von der Deutschen Welle betonten den Grundsatz der Unantastbarkeit der Medienfreiheit, die politischen Kosten ihrer Durchsetzung kamen nicht zur Sprache.

Zum Schluss sei vermerkt, dass die aus den betroffenen Ländern eingeladenen Gäste eher unschlüssig waren, als es darum ging, wie denn der Westen auf die Ereignisse in der russischen Medienwelt reagieren soll. Die beliebte russische Fernsehmoderatorin Mariana Maksimowskaja überraschte die Anwesenden mit der Feststellung, dass das Kernteam des oppositionellen Fernsehsenders NTV, das sich der Kooperation mit den neuen Eigentümern verweigert hatte, bereits wieder in Lohn und Brot stehe. Es macht jetzt seine Arbeit bei dem Fernsehsender TV 6, der dem anderen Mediamagnaten, Boris Beresowski, gehört und immerhin 70-80 Millionen Zuschauer in ganz Russland erreicht.

4.5.01

 

Zum Welttag der freien Presse

Zu den oppositionellen russischen Medien, die in den letzten Wochen unter Druck standen und dem Medienmagnaten W. Gussinski (jetzt Israel) genommen wurden, gehörte auch das Wochenmagazin "Itogi". Die Kerntruppe des Magazins musste den Arbeitsplatz räumen. Sie bringt jetzt die Internetzeitung "Nastojaschtschije Itogi" (Richtige Itogi) heraus. Im folgenden Beitrag präsentiert die Internetzeitung ihre Sicht des Geschehens.

Der Kreml ist dabei, die größte unabhängige Medienholding (d.h. den von Gussinski- Anm.v.M.) zu vernichten. Die Russen nehmen es hin. Nur 4% der Befragten sieht in dem Geschehen einen Anschlag auf die Pressefreiheit. Die meisten halten es für eine Schlacht verschiedener Finanz- und Politikerclans um Einflusssphären.

Bis vor kurzem noch wurde der Kreml von der Befürchtung gebremst, das Präsidentenimage im Ausland zu gefährden. Der Präsident versicherte europäischen und amerikanischen Politikern oft und nachdrücklich, er halte an den demokratischen Grundwerten fest. Geschäftsleuten versprach er, Investitionen in die russische Wirtschaft seien völlig risikofrei. Die letzte Präsidentenbotschaft stellte eine Art von liberalem Wirtschaftsmanifest dar. Das "Feuerwerk des Wirtschaftsliberalismus" war jedoch nur Augenwischerei.

Der Kreml ließ sich von Beresowskis (ein anderer Pressemagnat, jetzt auch in Ungnade gefallen) belehren. Dieser hatte die Wahlkampagne "Putin ist unser Präsident" ausgeführt, die Putin zur Macht brachte.

Beresowski demonstrierte die riesige Möglichkeiten der Massenmedien, vor allem des Fernsehens, die als Propagandawaffe eingesetzt werden und sich bestens zur Gehirnwäsche eignen. Wladimir Putin hat diese Lehre verinnerlicht und sämtliche nationale Fernsehkanäle werden jetzt vom Kreml kontrolliert.

In seinen ersten Interviews nach der Wahl teilte Wladimir Putin alle Medien in die loyalen und illoyalen. "Die Pressefreiheit wurde zum Filetstück für Politiker und große Finanzgruppen, sie wurde zu einem Instrument des Kamps zwischen den Clans...Die Massenmedien werden genutzt, um mit der Konkurrenz abzurechnen, werden manchmal sogar zum Mittel der Desinformation, zum Mittel des Kampfes gegen den Staat," erklärte Präsident Putin im Juni 2000 in seiner ersten Rede vor der Föderalen Versammlung. Die vor einigen Monaten verabschiedete "Doktrin der Informationssicherheit" ergänzte und entwickelte die These des Präsidenten weiter. Im Dokument ist ziemlich eindeutig festgelegt, dass die loyalen Massenmedien auf dem Informationsmarkt zu dominieren haben, weil nur der Staat imstande ist, für die objektive Information seiner Bürger zu sorgen und Desinformationsversuche aus dem Ausland zu verhindern.

Für Präsident Putin ist die Presse nicht eine Institution der Gesellschaft, sondern ein "kollektiver Propagandist und Organisator" (Lenin). Nach seiner Auffassung ist sie nicht ein Mittel des Zusammenwirkens von Politik und Gesellschaft, sondern nur ein Element der "Machtvertikale". Der Präsident betrachtet die unabhängige, kritische Presse nicht als unausweichliche Unannehmlichkeit, ohne die Demokratie nicht auskommt, sondern als eine feindliche Kraft, die ihm bei der Realisierung der angedachten Veränderungen im Wege steht. Deshalb ist ein wichtiger Bestandteil dieser Veränderungen außer den liberalen Wirtschaftsreformen die Herstellung der totalen Kontrolle des Kreml über alle Akteure auf der politischen Bühne: Parteien, Parlamente, Presse.

Nach allem zu urteilen, liegt ihm der Gedanke fern, dass Journalisten nicht den Machtgewaltigen, sondern der Gesellschaft dienen. Das ist nur dann möglich, wenn die Gesellschaft selbst an einer solchen Presse interessiert ist. In Russland ist dieses Interesse zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu beobachten. Sogar die Liberalen bemühen sich nicht mehr um den Schutz demokratischer Werte, sondern um das Bündnis mit dem Kreml. Die Liberalen wissen sehr genau, dass sie sonst Gefahr laufen würden, bei den nächsten Parlamentswahlen zu verlieren.

In dem ersten Regierungsjahr wurde Wladimir Putin nach eigener Beobachtung "gutmütiger". Da erinnert man sich an die Worte eines Romanhelden, der sagte: "Ich war böse, weil ich kein Fahrrad hatte."

Putin hat jetzt ein ausgezeichnetes Fahrrad: NTV (früher unabhängig, jetzt unter Regierungskontrolle). Seine Rhetorik ist in letzter Zeit tatsächlich weniger hart, gemeine Ausfälle an die Adresse seiner Kritiker gehören der Vergangenheit an. Wie auch die unabhängigen Massenmedien.

3.5.01

 

LEO KIRCH WILL NTV?

Das jedenfalls hofft ein Macher aus dem Konzern Gasprom namens Alexander Kasakow. Gasprom, ein Partner von Ruhrgas, den (Gasprom selbstverständlich, nicht etwa Ruhrgas) deutsche Mafiajäger verdächtigen, mit kriminellen Strukturen liiert zu sein, übernahm den regierungskritischen Fernsehsender vom russischen Medienzaren Wladimir Gussinski (der von den russischen Mafiajägern Betrugs im grossen Stil beschuldigt wird). Jetzt will der größte Energiekonzern Russlands wenigstens einen Teil der Aktien von NTV verscherbeln, um seine Kasse schadlos zu halten, der Gussinski einige Hundert Millionen USD schuldet. Der amerikanische Medienmagnat Ted Turner (CNN) kommt als Käufer anscheinend nicht mehr in Frage, da er den Sender samt Team haben wollte, dieses aber verließ NTV. So hofft Kasakow, der Münchener springt in die Bresche. Dasselbe will der einflussreiche Alfred Koch von Gasprom, der die Übernahme von NTV mitgemanagt hat.

Im Zusammenhang mit der Verpfändung von NTV ging eine Welle der Entrüstung wegen der Gefährdung der Pressefreiheit in Russland um die Welt. Sollte Herr Kirch tatsächlich anbeißen, würden die westlichen Freunde der Pressefreiheit (in Russland) zufriedengestellt. Tatsächlich: wer schätzt und schützt schon die Pressefreiheit mehr als Leo Kirch? Die Kollegen von den deutschen Medien können ein Lied davon singen.

Nach Dni.ru 25.4.01

 

MEDIEN-THEMA IM RUNET NUMMER EINS

Einer von vielen Beiträgen dazu:

Im Interview für eine Zeitung sagte der enteignete Medienmogul Wladmir Gussinski, was auch kommen mag, er habe Russland entgültig ade gesagt. Putins Russland sei nicht sein Russland.

Stimmt. "Sein" Russland gibt es nicht mehr. Es war die Tageszeitung "Segodnja", das Magazin "Itogi", der Fernsehsender NTV. Das gehörte alles ihm, jetzt nicht mehr. Auch seine Bank steht auf der Kippe.

An der Oberfläche ging es zwar darum, was siegt, "die Freiheit" oder "das Eigentumsrecht".

Da aber "die Freiheit" dem "Eigentum" entgegengestellt wurde, ist anzunehmen, dass es weder das eine noch das andere so richtig gab.

Beispiel - das Eigentumsrecht. Wer würde sagen, Wladimir Gussinski hätte sein Eigentum, das es ihm ermöglichte, zuerst ein Mediumimperium zu gründen und sich dann zum "Freiheitskämpfer" zu mausern, rechtens erworben? Und wer könnte sich dafür verbürgen, dass er den "Freiheitskampf" geführt hätte, wäre ihm die Freiheit gegeben, zu dem bereits erworbenen Eigentum noch ein fettes Schnäppchen hinzuzufügen ("Swjasjinvest")?

Es stimmt schon, dass die Staatsmacht den halbstaatlichen Konzern Gasprom beauftragte, das Medienimperium von Gussinski zu zerschlagen. Es stimmt aber auch, dass dieselbe Staatsmacht Gussinski davor vermöglichte, sein Medienimperium aufzubauen. Und derselbe Gasprom wurde angehalten, Gussinski Kredite zu geben, bzw. abzusichern.

Die Staatsmacht ist nicht anders als sie (unter Jelzin) war. Aber der Medienzar, der sie früher unterstützte, hat sich jetzt mit ihr verkracht. Und sie hat sich als stärker erwiesen. Sein Pech. Mit Kampf um Medienfreiheit hat das aber wenig zu tun.

Nach Vesti.ru. 18.4.01

 
2.WAS TUT SICH IM RUNET
Spam
Gazeta. ru berichtet von einer zum Teil virusverseuchten Spamwelle, die die Mailadressen der russischen Massenmedien überflutet. Die meisten werden im Namen der Albaner verschickt, die sich über den "Terror" der Mazedonier und der NATO-Friedenstruppe beklagen. Eine Spamwelle davor hatte Palästinenser als Absender, die die "Greueltaten" der Israelis schilderten.
Runet-Experten schließen nicht aus, dass die Spam-Botschaften eine Provokation sind. Sie sollen die Adressaten gegen die vermeintlichen Absender einstimmen. Darauf deute die plumpe Vordergründigkeit der Texte.
Ein Beispiel der provokativen Taktik seien die Spams, die im Namen einer "russischen bolschewistischen Partei" Massenmedien und Regierungsämter in Lettland erhalten. Die unsinnigen Beleidigungen der Letten sollen die "russische Gefahr" bestätigen, die die Nationalisten in Lettland an die Wand malen, um die russischsprachige Bevölkerung Lettlands (ca. 45 %) in Schach zu halten.
23.3.01

 

Daten

Im Runet (Strana.ru) wurden die Ergebnisse einer gründlichen Erforschung des russischen Netzes veröffentlicht. Daraus folgt, dass die russischen User zu 25 % im Alter zwischen 16 und 20 Jahren sind, zu 23 % zwischen 21 und 25 Jahren, nur 4% kommen aus der Altersgruppe über 50. Die meisten User suchen im Runet Unterhaltung, fast so viel auch Information über die Vorgänge im eigenen Land und im Ausland. Die geschäftliche Nutzung ist noch unterentwickelt. Die russische Internetgemeinde ist zwar noch relativ bescheiden, wächst aber schnell. Zwei Hindernisse werden am meisten genannt: die PC-Kosten und die schlechten Telefonleitungen.

3.01.01

 

Das Runet: Die ersten drei Millionen

In Moskau fand die dritte gesamtrussische Konferenz zum Thema "Das Recht und das Internet" statt. Es wurde verkündet, das Runet werde von drei Millionen Russen besucht. Sicherlich sehr wenig, im Vergleich zu vielen anderen Ländern, wo das Netz etabliert ist. Dafür aber wächst das Runet schneller. Jedes Jahr verdoppelt sich die Zahl seiner Nutzer.

Was das Runet-Recht angeht, konnten die Konferenzteilnehmer keinen gemeinsamen Nenner finden. Der Staat drängt auf Kontrolle. Mit Hinweis auf die russische Verfassung will er die Provider und Webmaster für den Inhalt der von ihnen betreuten sites haftbar machen. Die staatsnahen Experten zerbrechen sich den Kopf auch darüber, wie die anonyme und irreführende Information im Runet zurückgedrängt werden kann. Dabei wird die Frage gestellt, wer entscheidet, welche Information stimmt. Die Runet-User fürchten auch, dass der Staat eine Lizensierung der Internetzeitungen einführt. Zur Zeit existieren im Runet mehr als 40.000 russischsprachige Webseiten.

RBC.ru 29.11.2000

 

DAS RUNET IM KONTEXT DER DEUTSCH-RUSSISCHEN BEZIEHUNGEN: WAS MEINEN DIE EXPERTEN?

Auf Initative des Deutsch-Russischen Forums fand in Berlin eine zweitägige Konferenz über das russische Internet (Runet) statt, an der angesehene Praktiker und Wissenschaftler aus Deutschland und Russland, darunter Prof. Andrej Kokoschin, ein weltbekannter russischer Hightech-Experte, und Dr. Klaus Mangold, der Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, teilnahmen.

Nachstehend bringt Matrjoschka einen Bericht über dieses Ereignis.

1.Das Runet im Aufwind.

Wenigstens in einer Frage gingen die Meinungen auf der Konferenz nicht auseinander. Sowohl die russischen, als auch die deutschen Experten stellten einmütig fest: das Runet befindet sich im Aufwind. Sein Wachstumstempo ist atemberaubend. Allein im Laufe der kommenden sechs Monate wird eine Verdoppellung der Nutzerzahl erwartet.

Allerdings stellten die Konferenzteilnehmer auch fest, dass das quantitative Entwicklungsniveau des russischen Netzes noch weit hinter dem des Denets steht. Nach unterschiedlichen Schätzungen haben erst drei bis fünf Prozent der russischen Bevölkerung Zugang zum Netz. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die meisten Haushalte in Russland für den Kauf einen guten PC kein Geld erübrigen können. Also werden die Entwicklungsperspektiven der Runets im Wesentlichen durch die wirtschaftliche Entwicklung in Russland beeinträchtigt.

Dabei steht außer Zweifel, dass Russland das Netz braucht. Selbst die russischen Dimensionen erfordern dringend den Einsatz des neuen Mediums, das imstande ist, das riesige Land auf modernste Weise zu einem einheitlichen Informationsraum zu gestalten. Die anderen Medien wie Fernsehen, Hörfunk, Presse können es in dem Masse nicht. Unter anderem, weil im Unterschied zu diesen das Netz interaktiv ist. Will heißen, es ermöglicht einem Nutzer, den Informationsfluss aktiv mitzugestalten. Ein Fernsehzuschauer, Radiohörer, Zeitungsleser konsumiert die Information und basta. Ein Netznutzer ist dagegen sowohl eine Adresse, als auch eine Quelle der Information. Ein einschneidender qualitativer Unterschied.

Die an der Konferenz beteiligten Medienexperten hoben in dem Zusammenhang hervor, dass die russische wie jede andere moderne Gesellschaft einen mündigen Bürger braucht. Einen Bürger, der auf jedem Betätigungsfeld, sei es Politik, Wirtschaft, Kultur kreativ agiert, seine Meinung kundtut, Gleichgesinnte und Partner sucht. Kein anderes Medium entspricht dem Anliegen so gut wie das Netz.

Das Runet ist auch ein adäquates Verbindungsmittel, um die neue Weltoffenheit Russlands zu realisieren. In einem weltoffenen modernen Land darf der internationale Informationsverkehr nicht allein Sache der Fachleute sein. Vielmehr soll jeder Bürger, der an internationalen Kontakten interessiert ist, diese mit minimalem Aufwand herstellen können. Im weltweiten Netz findet er dafür die beste Gelegenheit. Egal, worum es ihm geht. Um Völkerfreundschaft, Geschäft, Kulturaustausch.

Die Weltoffenheit und die soziale Aktivität der Russen finden in der Art der Internetnutzung Ausdruck. In Westeuropa und in den USA gehen die meisten Netz-Surfer online, um sich die Zeit zu vertreiben. Den meisten Zuspruch haben dort Unterhaltungsseiten. Mitunter von einem ziemlich niedrigen Niveau.

Dagegen besuchen die Russen das Netz, um sich relevante politische, wirtschaftliche und kulturelle Information zu holen. Zwei Drittel aller russischen Surfer klicken regelmäßig die russischen Internetzeitungen an, die nach dem Urteil der Experten im Schnitt ein Menge wertvoller Auskünfte über Russland selbst und die weite Welt anbieten. Übrigens kamen im Jahr 2000 zu vielen bestehenden bereits 132 Internetzeitungen dazu. Ein phänomenaler Anstieg.

So trägt das Runet zur Bildung der russischen Bevölkerung bei. Eine Rolle, der angesichts einer gewissen, wirtschaftlich bedingten Provinzialisierung der Printmedien und der Besetzung der Fernsehkanäle mit billigen Unterhaltungsprogrammen aus dem Ausland besondere Bedeutung zukommt.

Insgesamt besteht also kein Zweifel, dass Russland sein Netz braucht. Stellt sich allerdings die Frage, ob das Land die Voraussetzungen dafür hat, allen Russen, die es wünschen, den Zugang zum Runet zu sichern?

2. Das Runet braucht keine "Inder".

Die Leser verstehen sicher, was hier unter "Inder" gemeint ist. Es geht darum, dass Russland für die Entwicklung des Runets wie übrigens der elektronischen Hightech überhaupt keine Fachleute aus dem Ausland braucht. Im Gegenteil, es besitzt viel mehr eigene Fachleute als es unter den heutigen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen produktiv einsetzen kann. Trotz der Abwanderung vieler Wissenschaftler und Ingenieure in den letzten Jahren.

Besonders ausführlich sprach über die immensen intellektuellen und kreativen Potenzen Russlands auf der Konferenz in Berlin Prof. Andrej Kokoschin. Früher 1. Stellvertretender Verteidigungsminister Russlands, jetzt führender Duma-Experte in hightech- Fragen, ist er einer, der es wissen muss.

Ihm stimmte voll und ganz auch Dr. Klaus Mangold zu, der Aufsichtsratsvorsitzende des größten Hightech Dienstleisters Deutschlands, DEBIS. Sehr anerkennend sprach er von der soliden mathematischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung der russischen Elektroniker, Informatiker, insbesondere Programmierer, die er in Russland und Deutschland kennen lernte und beschäftigte.

So stand für beide sehr kompetente Manager außer Zweifel, das Russland vom Humankapital her bestens für die weitere umfassende Entwicklung des Runets gerüstet ist. Anders ist es leider mit der infrastrukturellen Voraussetzung der Entwicklung des Netzes. Die russische Software ist eine der besten in der Welt, begehrt auch in allen Hightech Ländern.

Dagegen fällt die russische Hardware von den Erzeugnissen der deutschen oder amerikanischen Industrie noch weit ab.

Prof. Kokoschin erwähnte zwar, dass die russische Mikroelektronik seinerzeit sogar die amerikanische überholen konnte, erlitt aber durch die wirtschaftliche Misere der letzten Jahre starke Einschnitte. Deswegen ist die russische Industrie jetzt nicht imstande, die Massenproduktion von hochwertigen, aber den russischen Zuständen preislich angepassten PC zu bewerkstelligen. Ein PC darf aber kein Luxusartikel sein. Es ist ein Muss für jeden modernen Menschen geworden.

Das andere Hindernis für die Entwicklung des Runets ist das russische Telefonnetz, das zum Teil noch zu wenig leistungsfähigere Verbindungen nutzt. Der Runetuser, insbesondere der in der tiefen Provinz, muss unter Umständen viel Geduld aufbringen, um im Netz zu landen. Das ist ein Grund dafür, dass sich die meisten Runetkunden in Moskau, Sankt Petersburg, Nowosibirsk und anderen großen Städten konzentrieren. Auf dem flachen Lande und in kleineren Städten gibt es sie noch viel zu wenig. Obwohl das Runet gerade dort einen Schub an geschäftlichen, sozialen und kulturellen Aktivitäten gewährleisten könnte.

Dennoch waren die meisten Teilnehmer der Konferenz in Berlin optimistisch. Sie vertrauten darauf, dass sich die andeutende wirtschaftliche Erholung Russlands auch auf die Entwicklung des Netzes positiv auswirkt. Und natürlich erwähnten sie auch die schöpferische Fantasie und Improvisationsgabe der Russen als Reichtum des Landes.

Dennoch wurde auf der Konferenz mehrmals die Frage aufgeworfen, was Deutschland für die Entwicklung des Netzes in Russland leisten könnte.

3. Das Runet und Deutschland.

Über das Runet und Deutschland wurde verständlicherweise auf der Konferenz viel gesprochen. Verständlicherweise, weil die Perspektiven der deutsch- russischen Zusammenarbeit im Mittelpunkt der Diskussionen standen. Und zwar angesichts der Möglichkeiten, die das neue Medium bietet.

Grundsätzlich gingen alle davon aus, dass Deutschland der Hauptpartner Russlands in Europa ist und bleibt. Wenn sich die Meinungen doch teilten, dann nur in der Frage, wie sich die Partnerschaft auf die Entwicklung des Runets auswirken soll.

Die deutschen Teilnehmer hoben hervor, dass Deutschland daran interessiert ist, dass in Russland die Medienfreiheit im allgemeinen und im Bezug aufs Runet im besonderen unangetastet bleibt. Dabei erwähnten sie Presseäußerungen, die ihre Besorgnis darüber rechtfertigten. Es ging unter anderem um die Berichte, wonach die russischen Sicherheitsdienste die Kontrolle über die Informationsflüsse im russischen Internet beanspruchen.

Die russischen Teilnehmer reagierten auf die Berichte eher gelassen. Sie sprachen darüber, dass eine wirksame Kontrolle über das Netz politisch zweifelhaft, technisch kaum möglich und jedenfalls zu kostspielig ist. Sie glauben, es besteht kein Grund, sich über die bürokratische Ambition, das Netz einer Zensur zu unterwerfen, graue Haare wachsen zu lassen. Die Medienfreiheit im allgemeinen und erst recht die Netzfreiheit seien in Russland wenigstens vorläufig nicht ernsthaft gefährdet.

Im übrigen aber regten die Konferenzteilnehmer aus Russland an, dass Deutschland seine Erfahrungen mit der Netzregulierung Russland zur Verfügung stellt. Denn die Netzfreiheit schließt die Netzregulierung nicht aus. Es gibt Vorgänge im Netz, die auch bei der höchstmöglichen Medienfreiheit nicht geduldet werden dürfen. Zum Beispiel- die Verbreitung der völkerverhetzenden, neonazistischen Inhalte über das Netz. Gerade im Denet ist es zu einem echten Problem geworden. Und wie es aussieht, zu einem sehr schwer zu lösenden Problem. Jedenfalls kann der deutsche Verfassungsschutz bis jetzt keine nennenswerten Erfolge aufweisen. Werden die Anbieter der Hetze aufgespürt, weichen sie ins Ausland aus, vor allem in die USA, und betreiben ihr gefährliches Handwerk weiter.

Auch in Russland droht, wenn auch nicht in dem Masse wie in Deutschland, die Gefahr des Missbrauches des Netzes durch Außenseiter. Auch hier muss etwas unternommen werden, damit das Netz nicht zum Tummelplatz von Extremisten wird. Hier können die deutschen Erfahrungen genutzt werden.

Allerdings standen andere Probleme der Zusammenarbeit viel mehr im Mittelpunkt der Debatte auf der Berliner Konferenz. Vor allem das Problem der Angleichung der technischen Grundlagen des russischen und des deutschen Netzes.

Zwar gibt es im weltweiten Netz keine Grenzen- und erst recht nicht zwischen dem Runet und dem Denet. Dennoch erfordert ein schneller und gut funktionierender Datenfluss zwischen den Netzen gewisse technische Voraussetzungen. Um sie zu schaffen, muss die Zusammenarbeit der russischen und deutschen Experten gewährleistet werden.

Russische Teilnehmer wiesen besonders darauf hin, dass das Runet jenen Standards entsprechen soll, die in der Europäischen Union erarbeitet werden. Auch in dieser Hinsicht erwarten sie Unterstützung von ihren deutschen Kollegen. Wenn Russland vorläufig auch außerhalb der EU bleibt, muss das nicht heißen, dass das Runet einen anderen Entwicklungsweg als die Netze der EU-Mitglieder einschlagen soll. Das wäre nicht nur für Russland höchst konterproduktiv.

Ein anderes fruchtbares Feld der Zusammenarbeit wäre die Unterstützung Deutschlands bei der Ankurbelung der Hardware- Produktion in Russland, die ihren technischen Parametern und der Preisgestaltung nach den russischen Verhältnissen angepasst würde. In diesem Zusammenhang rief der DEBIS- Chef, Prof. Klaus Mangold, den Anwesenden die Bilderbuchgeschichte vom deutschen Ingenieur Werner Siemens in Erinnerung, der vor anderthalb Jahrhunderten in Sankt Petersburg eine Firma gründete. Sie spielte beim Aufbau des russischen Telegraphen- und Telefonnetzes eine maßgebliche Rolle. Jetzt repräsentiert Siemens in Europa den höchsten Stand der Nachrichtenmittelindustrie, wobei das Engagement in Russland die späteren Erfolge zu Hause und in den anderen Ländern sehr begünstigte.

4. Das Runet als ein Instrument der Zusammenarbeit und Verständigung.

Auf der Konferenz in Berlin ging es also um Glanz und Elend des Runets und auch darum, was von deutscher Seite getan werden kann, um seine weitere Entwicklung zu sichern und zu beschleunigen. Es hieß aber auch, dass es falsch wäre, das Runet von heute als Instrument der Erweiterung und Vertiefung der deutsch-russischen Zusammenarbeit und der Verständigung außer Acht zu lassen. Denn das Netz kann auch in der Gegenwart viel leisten, wenn dafür gesorgt wird, dass es seine Möglichkeiten ausschöpft.

Entsprechend der Vielgestaltigkeit des Netzes ist es imstande, auf verschiedenen Feldern der Zusammenarbeit sehr viel zu bewegen. Zunächst als ein besonders leistungsfähiges und vor allem interaktives Informationsinstrument. Nie zuvor gab es in der Geschichte der Menschheit ein anderes Informationsmittel, das nach dem Umfang der Information und der Geschwindigkeit der Informationsvermittlung mit dem Netz vergleichbar wäre. Und- last noch least – es gab erst recht kein Informationsmittel, das wie das Netz die Erlangung einer, den individuellen Bedürfnissen angepassten Information ermöglichte.

Jeder Netznutzer, sei es ein Runet- oder Denet- Kunde, kann im Prinzip aus dem anderen Land eine Menge von Daten erhalten, die er als Forscher, Geschäftsmann oder einfach wissbegieriger Mensch erhalten möchte. Es kommt nur darauf an, dass man die richtige Adresse erfährt, was zusehends durch Vermehrung von Suchmaschinen, in Russland besonders gut ausgebaut, erleichtert wird. So kann man sich gut vorstellen, dass sich ein Runetkunde irgendwo an der russischen Pazifikküste in Sekundenschnelle ein Bild davon macht, wie an der Ostseeküste in Deutschland der Fischfang oder der Schiffbau läuft. Und umgekehrt.

Abgesehen von der interaktiven Nutzung zur Informationsbeschaffung bietet das Netz buchstäblich mit jedem Tag immer mehr informative WWW-Seiten über das andere Land. Es betrifft sowohl die Seiten, die staatliche oder öffentliche Institutionen wie Regierungen, Ministerien, Botschaften und verschiedene Vereine ins Netz stellen, als auch WWW- Seiten, die ihre Existenz privaten Initiativen verdanken, also von Freunden Deutschlands in Russland und von Freunden Russlands in Deutschland auf eigene Kosten und unter eigener Regie gestaltet werden.

In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass der Veranstalter der Konferenz, das Deutsch-Russische Forum, jetzt sehr informative und gut gestaltete WWW-Seiten im Denet startet: eine in Deutsch, eine andere in Russisch. Beide Netz- Neulinge wurden auf der Konferenz präsentiert und fanden Zustimmung.

Aber das Netz ist längst nicht mehr nur eine Informationsschiene. Bekanntlich wird hier im großen Stil wirtschaftlicher und technologischer Austausch betrieben, sowohl innerhalb der Landesgrenzen als auch international. Kein Wunder, dass auf der Konferenz in Berlin viel darüber geredet und gestritten wurde, inwiefern das Runet der Aufgabe gewachsen ist.

Wenn man mitunter widerstreitende Meinungen auf einen Nenner zu bringen versucht, dann muss man leider feststellen, dass das Runet hierin der Entwicklung im Westen noch nicht gerecht wird. Sogar nach optimistischen Schätzungen der russischen Konferenzteilnehmer erreicht der Umfang des jährlichen E-Kommerz im Runet kaum 100 Millionen USD. Im Denet erreicht er schon lange viele Milliarden.

Noch größer ist der Abstand, wenn man die Sphäre des privaten Verbrauchs berücksichtigt. Der Handel mit den Endverbrauchern befindet sich im Runet im embrionalen Zustand.

Die russischen Konferenzteilnehmer machten dafür nicht so sehr das Runet selbst, sondern die allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse in Russland verantwortlich. Das mag stimmen. Aber etwas anderes stimmt auch. Und zwar die Annahme, dass eine stärkere Nutzung des Runets für die Vorgänge in der Wirtschaft helfen würde, die russischen Wirtschaftsschwierigkeiten zu überwinden. Denn die Welterfahrung zeigt, dass das Netz zu einem starken Beschleuniger des Wirtschaftswachstums werden kann. Besonders aber des grenzüberschreitenden Wirtschaftsaustausches.

In diesem Zusammenhang wurde auf der Konferenz vielfach darüber gesprochen, dass trotz der unbefriedigenden Entwicklung des deutsch-russischen Handels in den letzten Jahren Deutschland der Haupthandelspartner Russlands bleibt. Auch für Deutschland bleibt Russland als Lieferant von Energieträgern und in manch anderer Hinsicht unersetzbar. Ergo müssen beide Länder sich darum bemühen, dass das Netz seine positive Rolle ausschöpft.

Insgesamt bestand bei den Konferenzteilnehmern Konsens darüber, dass das Runet und das Denet noch stärker für den Ausbau der vielfältigen deutsch-russischen Beziehungen eingesetzt werden müssen.

5. Warnung vor Euphorie.

Unser Bericht wäre unvollständig, hätten wir verschwiegen, dass auf der Konferenz in Berlin auch warnende Stimmen zu hören waren. Es wäre falsch, darauf zu vertrauen, dass das Netz quasi im Selbstlauf nationale und internationale Probleme lösen kann. Nein, so ist es nicht. Das Netz ist ein Instrument. Und wie jedes Instrument kann es sowohl konstruktiv als auch destruktiv eingesetzt werden. Je nachdem, wer und wofür dieses Instrument nutzt. So muss vor einer Euphorie in Bezug auf das Internet gewarnt werden.

Dem Berichterstatter liegt das Thema als einem Rundfunkhistoriker sehr nahe. Als der Rundfunk erfunden wurde, brach nämlich auch eine Art Euphorie aus. Es hieß, er werde die Menschheit so weit aufklären, dass Gerechtigkeit und Solidarität in die Gesellschaft einkehren und die Kriege zwischen den Völkern aufhören.

Leider trat eher das Gegenteil ein. Der Rundfunk wurde massiv nicht zur Aufklärung, sondern zur Verdummung der Bevölkerung eingesetzt. Und nicht zur Friedensstiftung, sondern zur Schürung kriegerischer Konflikte.

Gerade Russland und Deutschland können davon ein Lied singen.

Es muss also dafür gesorgt werden, dass das Internet nicht missbraucht wird. Denn sonst wird das Netz, angesichts seines immensen Potentials nicht zum Segen, sondern zum Fluch der Menschheit.

Die Prävention des Internetmissbrauchs hängt aber mit der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung zusammen. Das wichtigste ist dabei die Demokratisierung der Gesellschaft. In der für das Netz spezifischen Ausprägung heißt es, dass der Netzzugang allen Bereitwilligen ermöglicht werden soll. Mit anderen Worten darf der Netzzugang kein Privileg der oberen Schichten der Gesellschaft sein. Derjenigen, die entweder mehr Macht oder mehr Geld als die anderen haben. Wissen, das das Netz so reichlich zur Verfügung stellt, soll ein Allgemeingut werden. Sonst ist keine Demokratie möglich und der Missbrauch des Netzes ist vorprogrammiert.

Auch in diesem Zusammenhang wurde auf der Konferenz in Berlin mit Bedauern die Tatsache angesprochen, dass sich die Masse von Minderbemittelten in Russland vorläufig den Zugang zum Netz nicht leisten kann.

Das ist auch ein Problem, das Deutschland herausfordert. Hier Abhilfe zu schaffen, würde viel mehr Nutzen bringen als das ewige Jammern in den deutschen Medien über die Demokratiedefizite in Russland.

Auch international kann das Internet leider missbraucht werden, wie es mit dem grenzüberschreitenden Hörfunk geschah, der reichlich für Kriegshetze genutzt wurde. Ein russischer Konferenzteilnehmer untermauerte seine diesbezügliche Befürchtung damit, dass er auf die Herkunft des Internets hinwies. Und zwar darauf, dass das Netz im Schoss der amerikanischen Militärmaschinerie geboren wurde.

Nun, die Herkunft ist noch kein Beweis. Es kommt oft vor, dass schlechte Eltern ein gutes Kind in die Welt setzen. Dennoch ist nicht Euphorie, sondern eher Vorsicht angesagt. Man muss diesmal vor dem Schaden klug werden.

Abschließend sei bemerkt, dass das Motto der Berliner Konferenz "Die Informationsgesellschaft. Ist es eine schöne neue Welt?" lautete. Der letzte Satz mit dem Fragezeichen bezog sich auf den Titel eines im Westen sehr bekannten utopischen Romans. Der Romancier beschrieb eine Welt, in der die Elektronik zum Fluch der Menschheit wurde.

Viele Konferenzteilnehmer erwähnten das Motto und mahnten, alles zu tun, um das Fragezeichen nach den Worten "Neue, schöne Welt" zu eliminieren. Deutschland und Russland sollten ihren Beitrag dazu leisten. Die vom Deutsch-Russischen Forum initiierte Berliner Konferenz lässt darauf hoffen.

10.9.2000

 

Die Holzpuppe macht ihre Freunde mit einer seltsamen Seite aus dem Runet bekannt. Diese heißt Be- Se- Der (weiß der Kuckuck, was es heißt) und bringt politische Witze und unwahre Anekdoten. Wie folgt:

Putin-Interview:

Der russische Präsident gibt einem westlichen Zeitungsmann ein Interview:

Was ist mit dem versunkenen U-Boot?

Schlaues Lächeln.

Was ist mit dem Brand im Moskauer Fernsehturm?

Schlaues Lächeln.

Wie geht es Boris Jelzin?

Schlaues Lächeln.

Was, ist der gestorben?!

Annonce in einer Moskauer Zeitung

Suche Wohnung gegenüber dem Ministerrat. Alle Etagen, außer der ersten und der letzten.

Killer.

Sensationelle Nachricht aus Russland

Ein neues, schier unerschöpfliches Vorkommen wurde entdeckt. Die Erdölpreissteigerung. Genauer Standort des Vorkommens: Moskau, Kreml, Putins Diensträume.

Sensationelle Nachricht aus Jugoslawien

Die politische Stabilisierung im Lande schreitet voran. Für den Fall ihres Stockens werden ihr NATO-Bomben weiterhelfen. Die USA-Mittelmeerluftwaffe fiebert bereits dem Einsatz entgegen.

Neues aus dem russischen Gesundheitswesen

Plattfüßigkeit heißt die neue Epidemie, die merkwürdigerweise fast ausschließlich junge Männer im Einberufungsalter trifft. Die beste Medizin: Freistellung vom Militärdienst.

Neues aus der russischen Atomindustrie

In Barentssee läuft ein vielversprechendes Experiment zur Errichtung eines Atomkraftwerkes auf dem Meeresgrund. Wie viele russische Neuerungen wurde das Projekt im Schoss des Militärs geboren.

Aus Tschetschenien

Die russischen Streitkräfte in Tschetschenien fordern die Umrüstung. Weg von Panzern hin zu Mercedes-600 mit verdunkelten Scheiben und falschen Nummernschildern. Die Generäle behaupten, die Gegenseite hätte mit Schüssen aus den Fahrzeugen mehr russische Soldaten erledigt als durch den Einsatz aller anderen Waffenarten. Der Kreml meldete Bedenken: Wie reagiert Daimler darauf ?

Unpolitisches

Eine Ehefrau ruft aus dem Urlaub ihren Mann zu Hause an: Was gibt es Neues?

"Die Katze, sagt er, ist vom Dach gefallen".

"Und?"

"Tot!"

"Wie kannst Du nur so brutal sein! jammert die Frau- Konntest Du nicht schonender vom schrecklichen Unglück berichten?"

"Wie denn?"

"Zum Beispiel: Die Mizzi ist aufm Dach spazieren gegangen und noch nicht zurückgekehrt. Und wie geht es meiner Mutter?"

"Hm! Wie soll ich das sagen?"

"Was, geht sie auch aufm Dach spazieren?"

8.10.2000

 

3.WORÜBER WIRD IM RUNET GESTRITTEN?

Über die Londoner Lovestory Boris Beckers. Die vorherrschende Meinung: das "afrorussische" Model aus London, Angela Jermakowa, nahm eine kleine Revanche für jene unzähligen russischen Frauen, die gezwungen sind, sich im Westen billig zu verkaufen, weil Männer in Russland selten ihre Liebesdienste entsprechend bezahlen können. Und wenn sie in Russland unehelich schwanger werden, dann reicht das Geld, das sie unter Umständen von den Vätern eintreiben können, nicht einmal für Windeln.

Teilnehmer der Chats, die zu diesem Thema im Runet laufen, spotten über die Bezeichnung der ethnischen Zugehörigkeit der glücklichen Angela. Afrorussin- was soll das? Ist es eine Negerin aus Rjasan? Oder eine Russin aus dem Kongo? Und wer war Puschkin? Ein Russe oder ein Afrorusse? (Der russische Nationaldichter hatte bekanntlich unter den Vorfahren einen äthiopischen Prinzen und sah entsprechend aus).

In den Chats melden sich Runetsurferinnen, die erwägen, die Methode der Jermakowa anzuwenden, um reich zu werden. Im Westen, versteht sich. Sie sind bereit, gewisse Kompromisse einzugehen. So z.B. ihre Verführungskünste auch an hässlichen Männer auszuprobieren. Denn Boris Becker wird mehrheitlich als nicht attraktiv befunden. Vielleicht weil er äußerlich mit dem meistgehassten Menschen unter den Russen in Verbindung gebracht wird: Anatoli Tschubais, dem Vater der Privatisierung der Staatsbetriebe im postsowjetischen Russland. Eine gewisse Ähnlichkeit der äußeren Erscheinung ist tatsächlich vorhanden.

 

Über die Krimistory von Pawel Borodin. Der ehemalige Geldbeschaffer des Jelzin-Clans wartet in einem New Yorker Gefängnis auf Auslieferung an die Schweiz. Die Staatsanwälte der Eidgenossen beschuldigen ihn, Schmiergeld von einer Schweizer Firma genommen zu haben. Was geht im Kreml in diesem Zusammenhang vor sich? Es werden drei Varianten diskutiert: a) Putin freut sich heimlich über die Affäre, da sie ihm die Gelegenheit gibt, mit Jelzins Oligarchenerbe aufzuräumen. Er braucht es, um das Stigma Russlands als korrumpiertes Land abzuschütteln, damit das Land im internationalen Bankgeschäft und auf dem Weltmarkt nicht weiterhin diskriminiert diskriminiert wird. Seine Konkurrenten missbrauchen nämlich dieses Negativimage, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Auch wenn sie keineswegs sauberer sind als die als Mafiosi verschrienen Russen.

Ein anderes Deutungsmuster läuft darauf hinaus, dass dem Kreml die Verhaftung Borodins gelegen kommt, weil er auf Vaterlandsliebe setzt. Diese braucht, um richtig entfacht zu werden, einen äußeren Feind. Die trotz aller russischen Interventionen andauernde Verfolgung Borodins lässt sich leicht auf Russenhass im Westen zurückzuführen.

Und schließlich wird vermutet, der Kreml zittere davor, dass Borodin auspacken würde. Er soll sehr gut über die im Verborgenen abgewickelten politischen und finanziellen Deals informiert sein. Die russische Führung sucht eine Variante, sein Schweigen abzusichern. Am Besten durch seine Befreiung aus den Fangarmen der Amerikaner und den mit ihnen kooperierenden Schweizern. Wenn es nicht geht, auf andere Art und Weise...

 

Viel bringt das Runet über Putins Gesetzesvorlage zur Regulierung des Parteienwesens in Russland. Das Gesetz hat die erste Lesung in der Duma hinter sich gebracht.

Dass endlich mit Dutzenden von Wasserkopfparteien aufgeräumt werden soll, wird eher begrüßt. Auch die angestrebte Transparenz der Parteienfinanzierung. Andererseits aber werden warnende Stimmen laut. Die Hürde von 10.000 Mitgliedern, die eine Partei nehmen muss, um sich als solche zu qualifizieren und damit an den Wahlen teilnehmen und aus der Staatskasse Subventionen erhalten zu dürfen, gebe dem Kreml einen Hebel in die Hand, die Parteienlandschaft nach Wunsch zu gestalten. So wird Putins Gesetz unter dem Blickpunkt seiner anderweitigen Aktivitäten (z.B. die Beschneidung der Gouverneursmacht, in den letzten Tagen durch Absetzung des mächtigen Provinzfürsten im Fernen Osten, Nasdratenko, manifestiert) gesehen. Der Präsident lässt in seinem Bemühen nicht nach, die russische Gesellschaft zu formieren, lautet die meist verbreitete Meinung. Und die meist gestellte Frage: Qui bono?

8.2.01

"BIG BROTHERS" AUF RUSSISCH

In Russland gab es vor kurzem einen "Big Brother". Nicht im Fernsehen. Im Runet. Ein Moskowit verwandelte seine Wohnung in einen isolierten Container, sperrte sich drinnen ein und kommunizierte mit der Außenwelt übers Runet. Das heißt, er verkehrte mit Verwandten und Bekannten ausschließlich per Email, bestellte auf dieselbe Weise sein Essen, unterhielt sich mit aus dem Runet geholten Spielen, trieb- laut eigener Aussage- virtuellen Sex u.s.w., u.s.f. Über sein virtuelles Leben verfertigte er genaue Aufzeichnungen, die mehrmals am Tage auf seiner WWW-Seite erschienen.

Nach Ablauf der Frist zog er eine Art Bilanz, die ganz zufriedenstellend ausfiel. Er behauptete, weder physiologische noch psychologische Defizite festgestellt zu haben. Seine Tage seien ausgefüllt, seine Laune bestens, seine Schaffenskraft die alte gewesen, seine Kontakte mit der Außenwelt nahmen an Quantität und Qualität zu. Das Fazit: Der moderne Mensch fühle sich in der virtuellen Welt besser als in der reellen.

Darauf gestützt, wagte der Internetanbeter eine Voraussage. Er meint, spätestens in zehn Jahren werde die virtuelle Einsiedlerei zur Lebensweise vieler seiner Landsleute. Auch das virtuelle Sexleben. Dieses würde die russische Regierung zwingen, die Kinderzeugung für junge russische Bürger als Pflichtübung gesetzlich zu verankern. Die Industrie, der Handel und der Freizeitbetrieb müssten sich auf die neue Lebensweise einstellen.

Nach Runetka.ru 24.02.01

Anm. v. M.: Nach einer internen Beratung kam die Matrjoschka- Truppe zum Schluss, die apokalyptische Vision hätte in Russland wenig Chancen. Russen als Anbeter der Einsiedlerei? Unvorstellbar. Zwar hat die Entwicklung der letzten Jahre zur spürbaren Atomisierung der russischen Gesellschaft geführt, trotzdem bleibt der Russe ein Massenmensch. Um sich davon zu überzeugen, reicht eine kleine Bus- oder Zugreise in Russland. Kaum unterwegs, sind die Fahrgäste bereits in Gespräche verwickelt, finden Gemeinsames, vertrauen einander Familieninterna an, streiten miteinander, schimpfen unisono auf die Regierung, beklagen das abhanden gekommene, ärmliche, aber sichere Leben unter der Sowjetmacht.

Kein Internet ersetzt ihnen die Tradition, Freud und Leid zu teilen, und zwar nicht virtuell, sondern in physischer Tuchfühlung, wobei man dem Mitmenschen in die Augen schaut, die Vibration seiner Stimme vernimmt, ihn riecht und befühlt, das Letztere nicht immer sanft.

Das war das Urteil des weiblichen Teils des Matrjoschka- Kollektivs. Das Männeken, das nolens volens dazu gehört, Matrjoschkin mit dem selbst angelegten Titel "Esquire", wurde als Experte befragt. Seine Meinung fiel unzweideutig aus. "Es ist saublöd, was die westlichen Speichellecker im Runet behaupten, -sagte er, etwas lallend. Wir russischen Männer brauchen uns nicht als Schatten im Internet, sondern am Tisch oder auch auf der Parkbank, schlimmstenfalls im Hauseingang. Wie können wir sonst anstoßen? Vielleicht passt den Fritzen, die sogar in einer Gaststätte immer allein am Tisch sitzen wollen, das virtuelle Leben. Uns aber nie und nimmer! " sagte er und beantragte wieder eine kleine Spende aus der Kasse der Matrjoschka-GmbH für den nächsten Kneipenbesuch.

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