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RUSSEN UND IHRE EHEMALIGEN BRUDERVÖLKER (FORTSETZUNG)

Die  euphorische Berichterstattung aus der Ukraine weicht in den deutschen Medien einer realistischeren Sicht auf die Ereignisse in diesem  Nachbarland Russlands.  

Vermutlich  ließen sich manche  deutsche Kollegen zuerst von den Manifestationen in Kiew täuschen, die  sie an die Bilder von   friedlichen Revolutionen in der DDR und den anderen Staaten des ehemaligen sowjetischen Herrschaftsbereichs erinnerten.  Jetzt aber verfliegt die Faszination. Statt dessen setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass in Kiew kein Sturm der Bastille stattfand. Weil es dort keine Bastille gab. Und Juschtschenko kein Robespierre oder Danton ist. Und sein Gegner, Janukowitsch,  kein König, der geköpft werden muss.  Und überhaupt die viel gerühmte Revolution in der Ukraine eher eine Imitation des revolutionären Aufbruchs  darstellte. Einen Sturm im Wasserglas, der  die Welt und sogar die Ukraine selbst nicht wesentlich veränderte.   

Die Gewinner der ukrainischen Ereignisse, die jetzt auf neue  politische und wirtschaftliche Pfründe hoffen, lachen sich insgeheim ins Fäustchen. Die Dummen sind diejenigen, die ihnen auf den Leim gingen. In der Ukraine selbst und außerhalb.   

Leider blieb  die  internationale Politik vom ganzen Rummel nicht unberührt. Insbesondere drohte die strategische Partnerschaft zwischen Russland und Deutschland unter unbedachten,  selbstgefälligen, mitunter  scharf antirussischen Äußerungen der Sympathisanten der Pseudorevolution zu leiden. Es gab  sogar Prognosen, wonach die Partnerschaft  demnächst zerbricht.   

Aber die Schwarzseher  übersehen, dass die deutsch-russische  Gemeinsamkeit  nicht  nur ein Werk der Regierungen beider  Staaten ist. Tief in unabänderlichen  wirtschafts- und geopolitischen Realitäten verwurzelt, hat sie in den letzten Jahren ihre eigene Dynamik entwickelt.  Eine, die in den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland  mehr Gewicht hat  als die Launen der politischen Konjunktur, die Profilierungssucht mancher Akteure auf der politischen Bühne und der Ehrgeiz der um Auflagen und Einschaltquoten besorgten  Medienmacher.  

Jetzt, wo die  Euphorie abebbt, ist es an der Zeit, einige Lehren zu ziehen. Eine davon heißt wohl,  dass die bewährte Politik     wegen einer Fata morgana nicht aufs Spiel  gesetzt werden darf.  Auf  Neuauflagen der ideologischen Spielchen aus der Zeit des Kalten Krieges  könnte  man  dagegen ruhig  verzichten. Ein für allemal.          

 9.12.04

Die deutschen Medien bringen weiterhin viel über die Lage in der Ukraine. In der Flut der Berichte macht sich  eine Stellungnahme auf sich aufmerksam. Sie kam von einer renommierten Gruppe Russlandforscher aus Bremen und wurde im neuesten Bulletin einer Gruppe universitärer  Forscher veröffentlicht.

Hier  wurde unter anderem festgestellt, dass die in den Medien vorherrschende Unterscheidung zwischen den zwei Rivalen im Kampf  um die ukrainische Präsidentschaft nicht ganz den faktischen Gegebenheiten  entspricht. Es ist nämlich nicht so, dass, wie immer wieder behauptet wird, Viktor Janukowitsch, der amtierende Ministerpräsident, „prorussisch“ ist, Viktor Juschtschenko dagegen „prowestlich“. Beide seien eher als „proukrainisch“ zu bezeichnen. Und trotz erheblicher  Unterschiede in den Auffassungen über die wünschenswerte Gestaltung der inneren Verhältnisse in der Ukraine seien  beide für  gute Beziehungen zu Russland.   

Der Experte aus Bremen, dessen Äußerungen hier ungefähr zusammengefasst  sind, brachte etwas zum Ausdruck, was sonst im Eifer des publizistischen Gefechtes in den Redaktionsstuben der elektronischen und Printmedien zu oft unter den Tisch fällt.  Leider. Denn man  darf wohl, wenn man sich nicht um Propaganda, sondern  um die wahrheitsgetreue Darstellung der Ereignisse bemüht, die Geschichte der russisch- ukrainischen Beziehungen nicht außer Acht lassen.      

In diesem Zusammenhang sei daran zu erinnern, dass die Ukraine  eine ehemalige Sowjetrepublik ist, die viel länger als alle anderen mit Russland in einem Staat zusammenlebte. Sie hat sich mit ihrem großen Nachbarn vor 350 Jahren vereinigt  und seitdem, trotz aller, für die Ukrainer sicherlich nicht immer erfreulichen   Verwicklungen  der gemeinsamen Geschichte, an einem Strang gezogen.        

So entstanden starke  politische, wirtschaftliche, kulturelle, aber auch ethnische und sprachliche Bindungen zwischen beiden Staaten. Zu stark,  als dass ein Machtwechsel in Kiew sie zerreißen  könnte. Auch wenn der Presserummel auf anderes hindeutet.         

Sollte aber der Gang der Ereignisse in diese Richtung gehen, wäre das für die westlichen Nachbarn der Ukraine höchst bedenklich. Denn ein Osteuropa mit stabilen, über Jahrhunderte gewachsenen Beziehungen, stärkt  der Europäischen Union den Rücken. Auch der alte Kontinent   insgesamt gewinnt damit  an Einfluss in der Welt.       

Der Verfasser  dieses Berichtes schämt sich ein wenig, solche Binsenweisheiten ins Feld führen zu müssen. Er tut das einzig und allein deshalb, weil er sich bei der Lektüre der deutschen Presse manchmal fragen muss, wo ihre Gründlichkeit geblieben ist, warum die renommierten Blätter in der Berichterstattung über die Ereignisse in der Ukraine auf ein Niveau absinken, das ihrer unwürdig ist. Die Antwort kennt er nicht. Jedenfalls aber liegt der Grund nicht in der Sorge um die Demokratie in der Ukraine, kann doch diese  nicht mit Chaos gleichgesetzt werden. 

26.11.04

Unter der Ägide der den Grünen nahen  Heinrich Böll Stiftung fand in  Berlin   ein Treffen mit  ukrainischen Journalisten statt.    

Den Abend  im weihnachtlich erleuchteten Berlin konnte man sinnvoller verbringen. Die der „Richtungswahl für die Ukraine“ gewidmete Veranstaltung  brachte kaum neue Erkenntnisse über die ukrainische Situation.     

Die offensichtliche Dürftigkeit der Debatte in den prächtig wiederaufgebauten Hackeschen Höfen zu Berlin   konnte davon herrühren, dass alle drei ukrainischen Gäste nur eine Seite im Konflikt um die Präsidentschaftswahl in der Ukraine vertraten.  Und zwar jene Seite, die den gegenwärtigen  Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch und den noch amtierenden Staatspräsidenten Leonid Kutschma  besser heute als morgen weghaben und den Oppositionsführer Viktor Juschtschenko mit Anhängern auf Teufel komm raus in die Ämter bringen will.    

Allerdings waren die ukrainischen Kollegen, ungeachtet dieser gemeinsamen Grundeinstellung,  unter sich nicht einig. So huldigte  einer von ihnen, ein Zeitungsgründer   aus Lwiw,  der in der Opposition verbreiteten Ansicht „Alles oder Nichts“, die zwei anderen aber, aus oppositionellen Kiewer Fernsehsendern, befürworteten, wenn auch mit Vorbehalten,  Kompromisse im ukrainischen Streit und  standen  Vermittlungsversuchen der Europäischen Union weniger skeptisch gegenüber. Dennoch wurden    diese mehr oder weniger feinen Unterschiede  etwas undeutlich artikuliert.  Als ob die Gäste der Stiftung  nicht richtig wussten, was sie eigentlich wollten.      

Sonst blieben sie bei den Aussagen, die wohl jeder in Europa akzeptiert. Bei der  Befürwortung der Demokratie, der Bürgergesellschaft und Menschenrechte. Außerdem  schilderten sie in bewegten Worten die Manifestationen  auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew und in den Straßen von Lwiw. Leider aber hörten sich die Schilderungen   etwas überflüssig an, da das Publikum im Saal der Heinrich Böll Stiftung die Manifestationen bereits zur Genüge  auf den Fernsehschirmen miterleben durfte. Jetzt wollte es  mit den Gästen zusammen mögliche Auswege aus der Krise ausloten, die das große Nachbarland erschüttert. Schade, dass diese Erwartung   unerfüllt blieb.          

So  wunderte es nicht, dass sich die am Anfang der Veranstaltung gefüllten  Reihen bereits nach einer Stunde stark lichteten. Und am Ende der Veranstaltung blieben die Gäste so gut wie tetê-a-tetê  mit den Gastgebern. Obwohl ausharrenden Besuchern ein guter Imbiss in den Räumen der Stiftung winkte.      

1.12.04        

Bei der Darstellung der Ereignisse in der Ukraine kehren die deutschen Medien allmählich zu jener Ausgewogenheit zurück, die sonst ihre Stärke ist.

Darauf deutet eine der letzten Sendungen  „Tagesthemen“ der ARD hin. Sie brachte sowohl eine Reportage aus Lwiw, als auch eine  aus Donezk. Somit  war es eine ausgewogene  Berichterstattung. Das heißt natürlich  nicht, dass in der Sendung, wie auch in vielen anderen  Berichten  aus     der Ukraine die um die Macht in diesem Lande ringenden Parteien gleichgestellt werden.    

In der Reportage aus Lwiw sah der Zuschauer fröhliche, sympathische Gesichter junger  Menschen, zumeist Studenten und Schüler. In der Reportage aus Donezk –  kohlenstaubgeschwärzte, durch die schwere Arbeit unter Tage gezeichnete  Visagen der   Kumpel. Die einen, die jungen Leute  aus Lwiw,  riefen in Sprechchören  den Namen des Anführers der Opposition, Viktor Juschtschenko, mit dem sie  die Hoffnung auf mehr  Freiheit und Demokratie verbinden. Die anderen, Familienväter aus Donezk, sprachen sich für den amtierenden Ministerpräsidenten, Viktor Janukowitsch, aus, der ihnen, im Unterschied zu seinem Vorgänger Juschtschenko die  regelmäßige Auszahlung ihrer Löhne sicherte.   

Ob diese Gegenüberstellung den Kern der Auseinandersetzungen in der Ukraine trifft, soll hier dahingestellt bleiben. Jedenfalls aber ist sie   der Realität näher, als das simple Bild, auf dem eine Partei mit dem Nimbus von Freiheitskämpfern  und die andere mit dem Kainsmal der  gewesenen Sowjetmacht ausgestattet wird.     

Die Deutschen, besonders in Ostdeutschland, wissen  aus Erfahrung, dass solche Bilder lügen.   Vielleicht hätte die friedliche Revolution in der DDR von 1989 außer der sicherlich unschätzbaren  Güter der Freiheit und der nationalen Einheit   ihnen auch  mehr soziale Sicherheit und Gerechtigkeit beschert, wären sie nicht darauf reingefallen. 

Aber der Vergleich hinkt. Denn  dank der einmalig großzügigen Alimentierung aus den alten Bundesländern wird vieles, damals in Ostdeutschland versäumte, peu a peu   nachgeholt. Wenn auch nicht so schnell, wie erhofft und versprochen, sieht man  hier wenn nicht „blühende“, dann wenigstens aufblühende Landschaften.   

Wo meldet sich aber ein vergleichbarer Spender für das zweitgrößte Land Europas mit seiner zerrütteten Wirtschaft? Wer erfüllt die durch die Euphorie  der Kastanienrevolution hochgeschraubten Erwartungen der Ukrainer? Deutschland, das noch sehr viel zu Hause zu erledigen hat? Die EU, der noch lange die Osterweiterung im Magen liegen wird? Die USA, die sich nicht gerade durch die Lust auszeichnen, die wirtschaftlichen Folgen ihres politischen Tuns zu tragen?    

Es ist anzunehmen, dass sich die deutschen Fernsehzuschauer darüber Gedanken machen, wenn sie ein Herz nicht nur für die jubelnden Studenten, sondern auch für die kohlenstaubgeschwärzten Kumpel haben.  

30.11.04           

SO SPRACH GLEB PAWLOWSKI   

Es geht hier um ein im Runet veröffentlichtes  Interview eines PR- Mannes, der in Russland den  Ruf genießt,  das Ohr des russischen Präsidenten, Wladimir Putin, zu haben. Das sagt natürlich nichts darüber aus, ob seinen Äußerungen zu glauben ist. Wir geben diese, in Schlagworten zusammengefasst, wieder.      

1. Die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine gewann Janukowitsch (Putins Wunschkandidat). Seit Anfang des Jahres stieg seine Akzeptanz in der Bevölkerung ums vierfache. Ein Phänomen, das an die Steigerung der Zustimmung zu  Putin in Russland nahe kommt. 

2. Ob Janukowitsch das Präsidentenamt antritt, ist schwer zu sagen. Möglicherweise wird er daran gehindert. Sein Sturz ist  gründlich vorbereitet. Es ist ein Wunder, dass er auf sich noch warten lässt.

3. Der noch amtierende Präsident Leonid Kutschma hält  viel in der Hand, um die Ordnung wiederherzustellen. Aber er bezieht keine klare Position.

4. Die im Westen verbreitete Ansicht, Janukowitsch vertrete das alte Regime, ist falsch. Im Gegenteil, er will Erneuerung. Dagegen besteht   Juschtschenkos (des Kandidaten der Opposition) Team  aus alten Apparattschiks. Darunter sind neun oder zehn ehemalige Vize- Premiers. Julia Timoschenko (die engste Vertraute Juschtschenkos)  ist eine von diesen.   Sie wurde mehrmals gerichtlich belangt.

5. Der Druck auf die legitime Macht in der Ukraine mutet immer faschistischer an. Das Thema der Freiheit spielt in den Veranstaltungen der  Opposition  keine Rolle mehr. Es geht ihr nur um die Macht.

6. In der Ukraine wird ein Drehbuch inszeniert, das bereits in Jugoslawien und Georgien durchgespielt wurde. Die Aushebelung der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Strasse.

7. Wenn Russland die Zerstörung der Ukraine hinnimmt, sehen wir bald in Russland einer noch schlimmeren Situation ins Auge. Die Förderer der Opposition in der Ukraine zielen  nicht so sehr auf dieses Land , sondern vielmehr auf Russland.

 8. Der russische Einfluss in der Ukraine ist stark gewachsen. Ob Russland diesen zu nutzen versteht, um die Krise zu lösen, ist aber fraglich.

30.11.04 

Die Auseinandersetzungen  in der Ukraine erfahren  weiterhin die gebührende  Beachtung in den  deutschen Medien. Allerdings ist die Berichterstattung  etwas differenzierter geworden.          

In den letzten Tagen drehten sich die Schilderungen der Lage um die Achse  der Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte, die sich variabel auslegen und politisch  instrumentalisieren lassen. Jetzt aber kommen   bedenkliche und  der Schwarz-Weiß Malerei widersprechende Tatsachen  in die Berichte. So hat der Deutschlandfunk, der Sympathie für die Staatsmacht in der Ukraine unverdächtig, über rechtsextremistische Grüppchen  unter den gegen die Wahlfälschung protestierenden Demonstranten in Kiew berichtet. Eine Information, die, sollte sie der Wahrheit entsprechen, einige geschichtliche Vorgänge in Erinnerung ruft. Darunter ein furchtbares Massaker unter der jüdischen Bevölkerung nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht  im Jahre 1941  in Lemberg. Ein Massaker, das nicht von den  Angehörigen der deutschen Truppen, sondern von den  durch ihre Ankunft höchst erfreuten militanten ukrainischen Nationalisten bestritten wurde.                  

In einem Teil der deutschen Medienberichte spiegelt sich jetzt die nicht von der Hand zu weisende  Befürchtung vor einer de facto Spaltung des Landes, erst recht vor einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den rivalisierenden politischen Kräften in der Ukraine. In diesem Zusammenhang war eine Äußerung des außenpolitischen Sprechers der SPD- Bundestagsfraktion, Hans- Ulrich Klose, relevant. In einem Interview für den Sender Berlin- Brandenburg sprach er über einen eventuellen Flüchtlingsstrom Richtung Westen, wenn es in der Ukraine tatsächlich zu einer Art Bürgerkrieg kommt.                   

Gewiss behagt den Deutschen  diese Aussicht  wenig. Haben sie doch die Invasion der bosnischen Flüchtlinge nach einer vergleichbaren Entwicklung im zerfallenen Jugoslawien noch in Erinnerung.    

Von mehr Besonnenheit zeugen auch die sich durch die meisten Medien ziehenden Appelle an die zuständigen Politiker und Staatsmänner, für eine friedliche und für alle Beteiligten akzeptable Beilegung des Streites zu sorgen. Sicherlich würde  diese Entwicklung im zweitgrößten und in der  unmittelbaren Nähe von Deutschland gelegenen Land Osteuropas den Aspirationen der meisten Deutschen entsprechen. Einen anderen Gang der Ereignisse können sich nur  diejenigen wünschen, die davon politische Vorteile erhoffen und   in einem Land agieren, das  von der Ukraine  durch Tausende von Kilometern oder einen Ozean getrennt ist.      

Das etwas verschiedene Herangehen an die ukrainische Krise wurde in einer Bundestagssitzung verdeutlicht. Eigentlich der  finanziellen Lage Deutschlands gewidmet, wurde sie  durch einen Schlagabtausch zwischen der  Regierungskoalition und Opposition vom  Thema abgelenkt. Die Opposition  bezichtigte die Bundesregierung, die übrigens auch von  Wahlfälschung in der Ukraine ausgeht, einer laschen Haltung gegenüber der dafür verantwortlichen Administration in Kiew. Bedauerlicherweise wurde dabei das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland ins Spiel gebracht, das durch  die  ukrainische Krise nicht belastet werden darf. Wenigstens wenn man das mit viel Aufwand in den letzten Jahrzehnten hergestellte Vertrauen zwischen den beiden Ländern in seiner historischen Dimension nicht aus der Acht lässt.

25.11.04      

Die deutschen  Medien berichten verhältnismäßig viel  über die Präsidentschaftswahl in der Ukraine. Leider aber ist ihre Berichterstattung   aus dem Nachbarland nicht ausgewogen genug gewesen. 

Sowohl in den Print- als auch in den elektronischen Medien erfuhr der Kampf um das höchste Staatsamt  in der Ukraine keine Darstellung, die dem Usus  der deutschen Medien gerecht wäre. Sogar der öffentlich- rechtliche Hörfunk und das Fernsehen, die schon durch ihren Status zu  mehr Objektivität als die anderen verpflichtet sind,  übten sich in  Einseitigkeit. Fast die ganze, dem Wahlkampf im zweitgrößten Nachfolgestaat der gewesenen Sowjetunion eingeräumte Sendezeit galt  nur einem der zwei Bewerber ums höchste Amt. Es war der Vertreter der Regierungsopposition, Viktor Juschtschenko, dem der Ruf eines USA- Favoriten  anhaftet. Seine Person, seine Ansichten und seine Bewertung der Situation standen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Sein Rivale,  der Ministerpräsident der Ukraine, Viktor Janukewitsch, genoss dagegen  kaum die Ehre, der deutschen Öffentlichkeit  vorgestellt zu werden. Und wenn schon, dann wurde  an seinem negativen Image   geflochten. Als zählte die Meinung von jenem  Teil  der ukrainischen Bevölkerung nicht, der  hinter ihm steht.

Diese Art, über einen Wahlkampf im Ausland zu berichten, lässt einen umso mehr staunen, weil die deutschen Medien sonst um  Ausgewogenheit bemüht sind. Erst in der allerjüngsten Vergangenheit, und zwar während der Präsidentschaftswahl in den USA, mieden sie peinlichst jede Parteinahme.  Obwohl die Umfragen zeigten, dass die meisten Deutschen einen der Bewerber deutlich bevorzugten, kam auch der andere in der Berichterstattung  genauso viel zu Wort.  Auf die Minute genau.        

Warum an die Wahl in der Ukraine   ganz anders herangegangen wurde, bleibt ihrem Korrespondenten ein Rätsel. Hoffentlich lag es nicht  an der unterschiedlichen Gewichtung der Objekte der Berichterstattung, die USA in einem, die Ukraine im anderen Fall. Das wäre  kaum mit jener Sorge um Demokratie zu vereinbaren, die gerade in Reportagen aus der Ukraine stark betont wurde. Denn Demokratie heißt wohl nicht nur, die Rechte des Stärkeren zu beachten. Auch ein Land, von dem man nichts zu fürchten hat, darf eigentlich nicht  von oben herab, mit der Schulmeisterallüre behandelt werden.    

Bleibt zu hoffen, dass die hier mit Bedauern verzeichnete Entgleisung keine Schule macht und die deutschen Medien ihrem hohen Ansehen in der Zukunft gerecht bleiben.

24.11.04

Liebe Holzpuppe,

Da Du und Dein Team, darunter  der berühmte Iwan Matrjoschkin, Esq., wahre Freunde Russlands seid, wird das, was ich heute mitteilen möchte, Euch nicht gleichgültig lassen. Es geht um die  Ukraine.

Es gibt dort viele Russen- mehr als zwölf Millionen, das heißt, jeder vierte ukrainische Bürger ist russischer Herkunft. Und zwei von fünf ukrainischen Bürgern erklären die russische Sprache zu ihrer Muttersprache.

Trotzdem- oder vielleicht gerade deswegen- stehen die russischsprachigen Bürger in der Ukraine unter dem zunehmenden Druck der Behörden, auf die Sprache zu verzichten, die sie schon immer gesprochen und geschrieben haben. Zwar sind die russische und die ukrainische Sprache so eng verflochten, dass es nicht leicht fällt, sie auseinander zu halten. Auch vielen ethnischen Ukrainern fällt es schwer, ein sauberes Ukrainisch zu sprechen. Sogar führenden Politikern dieses Staates. Vor Jahren mussten sie sich viel Mühe geben, um nicht immer wieder ins Russisch zu verfallen, auch in der Öffentlichkeit. Nichtsdestoweniger rümpfen die Beamten immer öfter und demonstrativer die Nase, wenn ein ukrainischer Bürger seine Eingaben in Russisch verfasst oder sich auch mündlich auf Russisch artikuliert. Tut er das, wird er oft hochnäsig belehrt, er sei nicht in Russland. Und das in einem Land, das mehr als dreihundert Jahre mit Russland aufs Engste verbunden war. So eng, dass  sich jeder Russe in der Ukraine und jeder Ukrainer in Russland   ganz heimisch fühlte.

Viel weniger als die anderen Minderheiten in Russland der Sowjetzeit fühlten sich die Ukrainer unterdrückt. Zwar hat die Sowjetmacht auch in der Ukraine vieles verbrochen, was nicht zu verzeihen ist. Aber im eigentlichen Russland gab es nicht weniger Schweinereien. Wenn nicht mehr. Jedenfalls wäre es eine schreiende Ungerechtigkeit, die  Russen dafür verantwortlich zu machen, was die Sowjetmacht angerichtet hat.

Übrigens waren unter den obersten Repräsentanten dieser Macht nicht wenig  kommunistische Politiker aus der Ukraine. Es reicht,  Breschnew zu  nennen. Oder Chruschtschow. Dieser hat der Ukraine sogar die Krim geschenkt, als wäre es eine Krawattennadel.

Aber lassen wir die Geschichte, wenden wir uns der Gegenwart zu. Zur Zeit regiert in der Ukraine noch Präsident Kutschma. Gewiss kein Russenfreund, sonst hätte er das Ansteigen der antirussischen Ressentiments in der Ukraine zu stoppen gewusst und das Verdrängen von Russen und Russisch aus der Bildung, Medien u.s.w. verhindert. Aber Kutschma war vorsichtig genug, es mit Russland nicht ganz zu verderben. Er hielt die Balance zwischen zwei Extremen- der Wiederanbindung an Russland und dem Gang nach Westen.

Bald aber soll in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt werden. Nach den meisten Prognosen wird es ein gewisser Juschtschenko sein, der als Kreatur der Amerikaner gilt. Er will die Annäherung der Ukraine an den Westen forcieren und träumt von einer Dominanz der Ukraine in Mitteleuropa.

Die USA unterstützen seine Wahl. Ziemlich frech, als ginge es um eine Bananenrepublik in Südamerika.

Da ihr, liebe Puppen, insbesondere Herr Matrjoschkin, der sich Esquire nennt (Was ist es übrigens?) angeben, in der Hochetage der deutschen Politik über gute Kontakte zu verfügen, fragt bitte dort jemanden, was hält die deutsche Politik von dieser Entwicklung in der Ukraine, einem Land, das  schon immer  deutsche Begierden weckte. Ob  Berlin das von den Amis offensichtlich verfolgte Ziel gutheißt, das „neue Europa“ gegenüber dem alten durch Zuteilung der Ukraine entschieden zu stärken.

Wir jedenfalls möchten nicht, dass zwischen Europa und Russland ein neuer „Kordon Sanitair“ entsteht, und zwar aus den slawischen, aber von den USA gesteuerten Ländern.

Was meint der hoch geschätzte Herr Matrjoschkin dazu?

Mit Liebe aus Russland,

HH. Moskau, den 8.7.04

PS. Herrn I.M., Esq., wurde die Frage von HH. übermittelt. Er antwortete darauf, dass er die ukrainischen Galuschki, eine Art russische Pelmeni oder italienische Ravioli,  sehr schätzt, da er aber seine Mahlzeiten in der Gaststätte „Sonnenschein“, Berlin, Prenzlauer Berg, einzunehmen pflegt, deren Kneipier, ein ausgemachter, wenn auch heimlicher Fremdenhasser, das Gericht nicht in seine Speisekarte aufnehmen will, muss er darauf verzichten. Auch findet er die ukrainischen  Schnurrbärte, die jeder deutsche wilhelminische Feldwebel beneiden würde, sehr schön. Was aber die ukrainische Politik betrifft, zieht er es vor, sich vorläufig bedeckt zu halten. Zum gegebenen Zeitpunkt  fällt er aber auch darüber sein Urteil, das, wie immer, den Gang der Ereignisse nicht nur beleuchten, sondern auch beeinflussen wird. Vorläufig empfiehlt er Berlin Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. 

8.7.04

FUßABTRETER?  

Zuerst ein Wenig Geschichte.

1918, als die Ukraine von der Armee des deutschen Kaisers besetzt war, brauchte der Oberkommandierende, General Eichhorn, eine repräsentative Figur aus dem ukrainischen Hochadel, um der Besetzung einen veredelnden  Touch zu verleihen.  Seine Wahl fiel auf Pawel Skoropadski, der zum Hetmann, was damals in etwa dem heutigen Staatspräsidenten entsprach, erklärt wurde. Unter deutscher Aufsicht regierte er in der Ukraine fast die ganze Besatzungszeit. Als aber die Novemberrevolution 1918 in Deutschland die Rückführung der Besatzer zur Folge hatte, musste auch er weg.              

Skoropadski war   ein verbissener Gegner  des im Jahre 1917 in Russland an die Macht gekommenen kommunistischen Regimes. Das hinderte ihn aber nicht, für ein Zusammengehen von Russland und der Ukraine einzutreten. Bemerkenswert ist eine Äußerung  von ihm, die von unserem Chefhistoriker, Iwan Matrjoschkin, Esq.,  aufgetrieben wurde.  Nach  Überprüfung ihrer Authentizität geben wir sie hier wieder. Also, sagte der ukrainische Nationalist und Antikommunist, Pawel  Skoropadski:               

„Mit gemeinsamen Anstrengungen haben die Großrussen und unsere Ukrainer die russische Wissenschaft, die russische Literatur, die Musik und die Kunst erschaffen. Darauf zu verzichten, wäre lächerlich und undenkbar. Es ist wohl Schewtschenko ( der ukrainische Nationaldichter)  nicht vorzuwerfen, dass er die Ukraine nicht liebte.  Doch soll mir ein ukrainischer Chauvinist sagen, ob Schewtschenko, wäre er noch am Leben, auf die russische Kultur, auf Puschkin, Gogol  und die anderen verzichtet hätte.  Schewtschenko bräuchte wohl keine einzige Minute, um zu antworten, dass er nie auf die russische Kultur verzichtet  und  nicht gewollt hätte, dass die Ukrainer darauf verzichten...       

Es wäre sinnlos und verhängnisvoll, würde die Ukraine  von Russland auf Distanz gehen , insbesondere in kultureller Hinsicht. Tun es die Ukrainer, bringen sie es  nie zu etwas  Größerem und  werden nur zum Fußabtreter für andere Nationen.“            

Übrigens hielt Skoropadski  für die Triebkraft  der Russenfeindlichkeit in der Ukraine  jene   Politiker aus dem äußersten Westen des Landes, die er  „Galitschane“, also aus Galizien stammend, nannte. Er  verdächtigte sie, fremde Anliegen zu vertreten und versuchte zwischen ihnen und den übrigen Ukrainern, die er „unsere“ nannte, eine Trennlinie zu ziehen. 

Ukrainer aus einem sehr alten und vornehmen  Geschlecht, das   in der Geschichte des Landes eine ehrwürdige Rolle gespielt hatte, war  Skoropadski  im Deutschland der Kaiser- und der Weimarer  Zeit gut bekannt. In Deutschland  wurde er geboren, hier starb er 1945 im amerikanischen Bombenhagel, als er vor anrückenden sowjetischen Truppen nach Bayern fluchten wollte.

 27.11.04   

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