PREUSSEN UND RUSSLAND

Zur Startseite     
Hier sind die unsere Beiträge zum 300. Jahrestag Preussens zu finden, darunter: 

1. Zur Gestaltung der russisch-preussischen Beziehungen im Laufe der Jahrhunderte. 

2. Zu den Begegnungen Russlands und Preussens auf dem Schlachtfeld. 

3. Zur Reise des russischen Zaren Peter des I. nach Königsberg vor 300 Jahren.

IM LAUFE DER JAHRHUNDERTE

1.Ein Gespräch der geschichstbewussten Matrjoschka mit einem russischen Historiker

Matrjoschka:
Ich haben den Eindruck, im Laufe der Jahrhunderte gab es unter den deutschen Landen kein anderes, das mit Russland so eng verbunden war wie Preussen. Stimmt`s?
Historiker:
Und ob! Selbst das dreihundert Jahre zurückliegende Ereignis, das in diesem Jahr als Gründung des preussischen Staates begangen wird, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den russisch-preussischen Beziehungen. Genauer gesagt mit dem bahnbrechenden Besuch des reformfreudigen russischen Zaren Peter des Ersten in Preussen. Es ist anzunehmen, dass die geheimen Verhandlungen mit dem hohen Gast von der Moskwa in Königsberg und Berlin den grossen Kürfürsten in der riskanten Absicht bestärkten, sich ohne Segnung aus Wien und Paris die königliche Würde anzulegen. Jedenfalls versprach Peter ihm Rückendeckung, vor allem gegen die Schweden, die einen grossen Teil Brandenburgs besetzt hielten und, aus Paris oder Wien ferngesteuert, sein ehrgeiziges Vorhaben torpedieren konnten.
Doch noch davor entwickelten sich die Beziehungen zu Preussen intensiver als andere Russlands mit dem Ausland. Damals ein ärmliches Land und im Unterschied zu seinen Nachbarn im Westen ohne Kolonien und deswegen nur auf sich selbst angewiesen, verliessen Preussen viele Landeskinder Richtung Osten. Der Hauptstrom der Glücksuchenden floss nach Russland, zumeist nach Moskau. Es wäre wohl zu schön gewesen, hätten alle und von Anfang an gute Aufnahme und ein leichtes Leben in einem Land gefunden, wo andere Sitten gepflegt wurden und eine andere Konfession herrschte. Aber die meisten konnten doch an der Moskwa Fuss fassen. Insbesondere als das Zarenreich nach 300 Jahren Tatarenherrschaft wieder auf die Beine kam. Noch vor Peter verstanden fortschrittliche unter den russischen Herrschern, wie nötig es Russland hatte, das zivile und militärische Handwerk voranzubringen und wie nützlich dabei die Aneignung fremder Fertigkeiten und Erfahrungen sein konnte.
Bereits in der Mitte des XVII. Jahhrunderts dominierten die Ankömmlinge aus Preussen unter den ausländischen Fachleuten, die in Russland in einer immer grösseren Zahl tätig wurden. Ärzte und Apotheker, Wurstmacher, Schuster und Schneider, aber auch Gelehrte, Verwaltungsfachleute preussischer, vorwiegend ostpreussischer Abstammung, investierten viel Ausdauer und Zähigkeit in ihr Fortkommen und besetzten immer mehr Positionen im russischen Handel und Handwerk. Deswegen nicht immer beliebt, genossen sie doch Achtung. Im russischen Boden schlugen sie tiefere Wurzeln als andere Ausländer und trugen zur Verbundenheit Russlands und Preussens wohl nicht weniger bei als Politiker und Diplomaten, ohne sich dieses hochgesteckte Ziel zu stellen.
Aber der wahre Durchbruch wurde eben mit Peters Besuch erreicht, der an sich ein absolutes Novum im Tun der russischen Zaren darstellte. Früher pflegten sie nie den Kreml zu verlassen, um über die Grenzen ihres Reiches zu gehen. Auch Peter machte sich bekanntlich anonym auf den Weg, obwohl seine
Gesprächspartner natürlich in das Geheimnis eingeweiht wurden, wer in der Maske eines Offiziers steckte, der formell im grossen russischen Botschaftstross eine untergeordnete Stellung hatte.
Die Reise, die den Zaren nach dem Preussenbesuch weiter in den Westen führte, bestärkte seine Vorliebe für Preussen. Mögen Holland oder England, die er auch besuchte, ihm viel reicher vorgekommen sein, mit dem Spürsinn eines grossen Staatsmannes erkannte er den Nutzen des Zusammengehens Preussens und Russlands. Sowohl für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg Russlands, als auch für die Festigung seiner strategischen Lage. Tatsächlich half ihm die freundliche Neutralität Preussens, sowohl die Schweden im Norden als auch die Türken im Süden abzuwehren und abzudrängen und somit günstige äussere Bedingungen für Russlands Aufstieg zu schaffen. Aber auch Preussen gewann durch die verständnisvolle Einstellung Russlands viel Zeit, um sich zu mausern. Sonst wäre vielleicht der nicht gerade willkommene Neuling im Konzert der europäischen Mächte erledigt gewesen, bevor er seinen Platz festigen konnte.
Matrjoschka:
Bekanntlich zerbrach bald das von Peter so gut wie geschlossene Bündnis unter seinen Nachfolgern. Russland und Preussen gerieten im XVIII. Jahrhundert mehr als einmal aneinander. Bedauerlich, nicht wahr?
Historiker:
Man mag es bedauern, aber dramatisieren, wie es viel später aus propagandistischen Erwägungen auf beiden Seiten geschah, braucht man es nicht. Im XVIII. Jahrundert gehörte Krieg zur Routine der europäischen Politik. Die Trompeten bliesen immer wieder zum Angriff. Dazu kam der Osterweiterungsdrang Preussens, der logischerweise seine Beziehung zu Russland belastete.
Allerdings trugen die martialischen Auseinandersetzungen noch keine hässlichen Züge des Völkerhasses. Sonst wäre wohl die anhaltinische Prinzessin nicht russische Kaiserin, Katharina die Zweite, geworden. Und an der Spitze der russischen Truppe, die einmal bis Berlin vorstiess und die preussische Hauptstadt für ein paar Tage besetzte, hätte wohl kein waschechter deutscher General gestanden.
Während des ganzen XVIII. Jahrhunderts schwoll der Strom der deutschstämmigen Aussiedler nach Russland an. Und das Treiben der tüchtigen Deutschen in Russland, die sich seit Katharina auch als Bauern an der Wolga ansiedelten, genoss das Wohlwollen und die Unterstützung des Petersburger Hofes. Es waren eben noch Zeiten, als die sich bekriegenden Potentaten nicht unbedingt aufs Ganze gingen und den Fremdenhass nicht anstachelten. In Berlin und Sankt Petersburg schon gar nicht.
Die Annäherung zwischen Preussen und Russland vollzog sich auch auf der geistigen Schiene. Zwar waren die gebildeten Schichten in Russland und in Preussen im XVIII. Jahrhundert noch weitgehend von der französischen Kultur beeinflusst. Friedrich der Grosse und Katharina die Grosse beteten dieselben französischen Enzyklopädisten an. Erst die Grosse Französische Revolution beendete ihren Flirt mit den französischen Freigeistern. Beide Regierungen sorgten seitdem für Quarantäne gegen die "französische Krankheit". Ein Nebeneffekt war, dass die russische adlige Jugend, wenn sie ihre Ausbildung im Ausland geniessen sollte oder wollte, nicht mehr an die Sorbonne, sondern an die deutschen, zumeist preussische Universitäten ging. Und das sich stürmisch entwickelnde eigene russische Ausbildungs- und Forschungswesen griff bevorzugt auf Gelehrte und Forscher aus Preussen zurück. Nicht immer konfliktfrei, legte der Austausch von hellen Köpfen das Fundament einer fruchtbaren Begegnung der deutschen und russischen Kulturen. In Russland verfestigte sich die Meinung von Preussen als einem Land nicht nur tüchtiger Soldaten, sondern auch Gelehrter.
(2)
Matrjoschka:
Als sich Napoleon Anfang des XIX. Jahrhunderts nach umfangreichen Eroberungen im Westen und Süden des Kontinents dem Osten zuwandte, wurden Russland und Preussen de facto zu Verbündeten.

Historiker:

Es ist wahr. Unterwegs nach Russland besetzten die Streitkräfte des Korsen zuerst die deutschen Staaten am Rhein und Main, dann auch Preussen. Später, nachdem die "Grand Armee" in Russland zu einem frierenden, hungernden und marodierenden Haufen verkam, verfolgten die russischen Truppen den Gegner bis Paris auf demselben Wege, auf dem er gekommen war. So wurde Preussen seine Besatzer los.
Bekanntlich trugen sowohl der russische Vaterländische Krieg, als auch der preussische Befreiungskrieg viel zur Herausbildung des Nationalbewusstseins in Russland und Preussen bei. Da am Kampf gegen den eroberungsgeilen französischen Kaiser nicht nur reguläre Streitkräfte, sondern fast die gesamte Bevölkerung beteiligt war, erhielt der Begriff von Vaterlandsliebe praxisnahe Bedeutung. Ein wahres Gestirn patriotischer Dichter und Denker stieg in beiden Ländern am geistigen Himmel auf, wobei es in Russland, entsprechend der russischen, gefühlsbeherrschten Seele, eher Dichter, in Preussen eher Denker waren.
Um die Zeit schwärmte die russische gebildete Jugend von Fichte, Schelling, später auch Hegel. Unter anderen huldigten ihnen auch die sogenannten Dekabristen, also die russischen Offiziere, die sich des Patriotismus aber auch der Freiheit verschrieben hatten und einen Aufstand gegen die zaristische Selbstherrschaft wagten. Einen Aufstand, der genauso wie fast gleichzeitige ähnliche Unternehmungen in Deutschland scheiterte.
Auch die Herrscherhäuser in beiden Ländern kamen sich immer näher. Ein Grund dafür war die notorische Neigung der Romanows, Bräute für Grossfürsten in Deutschland, vor allem unter hohenzollernschem Nachwuchs, zu suchen. Mit jeder nächsten Generation erhöhte sich der Anteil deutschen Bluts in den Adern der russischen Dynastie. Böse Zungen lästerten, auf dem russischen Thron sässen die Preussen.
Gleichzeitig vollzog sich eine Art Invasion der Preussen ins russische Offizierkorps und in die zivile Verwaltung. Die russische Konkurrenz beobachtete die Verpreussung mit Argwohn. Die von des Zaren Gnade übergegangenen Russen beklagten sich, dass am Hof die deutsche Abstammung, ungeachtet ihrer Güte, mehr als der beste russische Stammbaum galt. Andererseits aber wurde Preussen zum Inbegriff der Disziplin, Pflichterfüllung und der an Pedanterie grenzenden Pünktlichkeit. Im Gegensatz zur Leichtsinnigkeit der Franzosen und Selbstsucht der Briten.
Diesem Trend entsprach die russische Europa-Politik. Besonders in der Zeit, als Bismarck den preussischen Staat als dessen Gesandter in Sankt Petersburg vertrat, stand Russland dem preussischen Anliegen wohlwollend gegenüber. Während der preussischen Feldzüge gegen den deutschstämmigen Rivalen in Führungskämpfen um Deutschland gab Petersburg Preussen eine wirksame Rückendeckung. Die Hohenzollern wussten es zu schätzen. Ihrerseits liessen sie sich im XIX. Jahrhundert nicht in die antirussischen Kombinationen hereinziehen. In den Jahren nicht, als Russland seine Südflanke durch die Niederwerfung der aufständischen Tschetschenen, Tscherkessen und anderer muslimischer Völker im Nordkaukasus zu sichern suchte. Und später nicht, als Russland von Frankreich, England und der Türkei einen Krieg im Süden, der sogenannte Krimkrieg, aufgezwungen wurde.
Sicherlich hatte die Medaille zwei Seiten. Die beiden Staaten verschrieben sich nicht gerade dem gesellschaftlichen Fortschritt. Im Gegenteil setzten sie auf Unveränderbarkeit der gesellschaftlichen Strukturen und politischen Hierarchien. Und das nicht nur im eigenen Herrschaftsbereich, sondern im gesamten Osteuropa.
In Russland führte das dazu, dass die intellektuelle Opposition heftig am Image Preussens kratzte. Die berühmten preussischen Tugenden deutete sie in einen unerträglichen behördlichen Zwang und Kadavergehorsam um. Mit harter Kritik der russischen Intellektuellen an preussischen Zuständen könnte man dicke Bände füllen.
Besonders ätzend wurde diese Kritik, nachdem der preussische Nationalismus in militanten Chauvinismus umschlug. Der von Bismarck offensichtlich provozierte deutsch-französische Krieg, der Sieg der preussischen Streitkräfte, die Umzingelung und Einnahme von Paris liessen auch die deutschfreundlichen Kreise in Russland über die Zukunft nachzudenken. Es begann die Suche nach eventuellen Verbündeten im Westen Europas. Vor allen anderen Staaten kam natürlich Frankreich in Frage. Zwar redeten sich Zar Nikolaus der Zweite und Kaiser Wilhelm der Zweite mit "lieber Cousin" an und waren tatsächlich Cousins, aber die Politik kennt bekanntlich keine Sentiments.
Zwiespältig war die Einstellung zu den Preussen im linken Flügel der russischen Öffentlichkeit, der die Weisheiten von Marx und Engels verinnerlichte. Einerseits bewunderte das russische Linke das Aufkommen und die Stärkung der deutschen Sozialdemokratie, die sich in Preussen trotz bismarckschen Sozialistengesetzes besonders stark profilieren konnte. Anderersseits wurde die deutsche Pickelhaube für die Russen zum hässlichsten Symbol des Militarismus und der Reaktion. Besonders nachdem die Pariser Kommune mit deutscher Beihilfe im Blut erstickt wurde.
.
Matrjoschka:
Im Vergleich zum XX. erscheinen mir das XVIII. und das XIX. Jahrhundert als ziemlich harmlos, wenigstens was das Geschehen in Europa betrifft. Gehe ich da nicht irre?
Historiker:
Keineswegs! Fürs Verhältnis zwischen Deutschland, bzw. Preussen und Russland trifft es erst recht zu. Für sie waren die zwei Weltkriege des XX. Jahrhunderts besonders verheerend. Unabhängig davon, ob sie sich auf der Sieger- oder auf der Verliererseite wieder fanden.
Zur Freude und zum Nutzen der Westmächte, deren Strategie in beiden Kriegen darauf angelegt war, Deutschland und Russland tüchtig aufeinander einhauen zu lassen.
Das darf uns selbstverständlich nicht dazu verleiten, Deutschland, vor allem Hitlerdeutschland, von der Kriegsschuld und der Verantwortung für unermessliche Kriegsverbrechen freizusprechen. Etwas anderes bedarf jedoch eher einer Korrektur. Und zwar der überstrapazierte kausale Zusammenhang zwischen dem preussischen Militarismus und der Kriegspolitik sowohl des willhelminischen Kaiserreiches, als auch des hitlerschen Dritten Reiches. Zwar knüpften der letzte Kaiser und noch mehr Adolf Hitler ihre Kriegspropaganda an die preussische Tradition an. Aber das reicht wohl als Beweis nicht aus, wenn es darum geht, die wahre Schuld Preussens zu ermitteln.
Den Hauptbeitrag zum schiefen Bild Preussens leisteten die Kriegsgegner Deutschlands. Von den preussischen Tugenden wollten sie nichts hören. Ihnen kam es nur auf das negative Image des kriegslüsternen und unterdrückenden Preussens an. Als wären nicht nur der letzte Kaiser und Hitler die Brandstifter der Weltkriege, sondern auch der grosse Friedrich, der bereits eine Ewigkeit neben seinen Hunden auf dem Hohenzollernfriedhof in Sansoussi ruhte.
Als der zweite grosse Krieg in Europa zu Ende ging, Deutschland besetzt und in vier Zonen geteilt wurde, hatten die Alliierten der Antihitlerkoalition nichts Eiligeres zu tun, als die Auflösung des preussischen Staates zu beschliessen. Was die Westmächte betrifft, entsprach es ihrer ideologischen Voreingenommenheit gegen Preussen, vor allem aber ihren politischen Zielsetzungen in Deutschland. Diese bestanden vor allem darin, das in Trümmern liegende Deutschland zu einem Vorposten gegen den kommunistischen Osten in Europa aufzurichten. Mit der Entmilitarisierung Deutschlands hatte es nur kurzfristig zu tun. Mittel- und langfristig eher mit seiner, allerdings kontrollierten Wiederbewaffnung. Wobei das Verbot, Atom-und Raketenwaffen zu besitzen, einen Alleingang Deutschlands auf ewig verhindern sollte.
Die machtpolitische Zielsetzung erforderte logischerweise eine entsprechende Umerziehung der deutschen Bevölkerung. Der auf rassistischer Grundlage aufgebaute Antikommunismus, durch die militärische Katastrophe des Dritten Reiches suspekt geworden, sollte einem neuen Platz machen. Einem, dem das stalinistische Regime mit all seinen Verbrechen die Überzeugunskraft verlieh, die dem zoologischen Antikommunsmus der Nazis nach ihrer totalen Niederlage fehlte.
Die Reedukation, die auch die Suggestion unheilbaren Schuldgefühls vorsah, sollte Deutschland pflegeleicht machen. Dieser Aufgabe diente auch die Auflösung des preussischen Staates. Sie sollte Deutschland quasi entkernen und von ihm nur weiches Fruchtfleisch, leicht zu schlucken und zu verdauen, übrig lassen. Nicht nur mit dem verwerflichen deutschen Chauvinismus, der eigentlich für den friderizianischen Staat mit seiner Toleranz gegenüber Fremden untypisch war, sollte für immer Schluss gemacht werden. Mit dem schmutzigen Wasser wurde auch das Kind ausgekippt. Und zwar das gesunde Nationalgefühl, das jedes Volk braucht, um seine Eigenart zu wahren, und das die Westallierten der Antihitlerkoalition nach dem Sieg über Hitlerdeutschland in ihren Ländern auch pflegten.
Die Sowjetunion, die der Auflösung des preussischen Staates zustimmte, liess sich von etwas anderen Überlegungen leiten. Die sowjetische Ideologie gestattete nicht einem Volk, sei es sogar ein Kriegsgegner, eine sündhafte Veranlagung vorzuwerfen, wie es die Briten, die Amerikaner und die Franzosen gegenüber den Deutschen nicht nur während des Krieges, sondern auch nach dem Kriegsende ohne Bedenken taten. Das Hauptpostulat der sowjetischen Ideologie lautete, dass es keine sündhaften, verbrecherisch veranlagten Völker gibt. Nur verbrecherische Herrscher. Obwohl in der Praxis oft verletzt- es reicht nur an die Verbannung der kleinen Völker des Nordkaukasus zu erinnern, die Stalin für illoyal hielt - wurde der Grundsatz auch gegenüber den Deutschen aufrechterhalten. So hiess es in einer Stalinrede auf dem Höhepunkt des Krieges, die Hitler kommen und gehen, der deutsche Staat aber bleibt bestehen.
Im Einklang damit sollte sich eigentlich die Sowjetunion der Auflösung des preussischen Staates widersetzen. Doch wenn es die Wahl zwischen den Grundsätzen der kommunistischen Lehre und den Erfordernissen der Politik gab, bevorzugte der sowjetische Diktator Stalin immer das Praktische. Und da zu seiner Vision der territorialen Nachkriegsordnung in Mittel- und Osteuropa die gravierende Reduzierung des preussischen Territoriums und die Eingliederung Ostpreussens in die Sowjetunion gehörte, kam ihm die Auflösung des preussischen Staates sehr gelegen.
So segnete der Staat, zu dessen Entstehung und Erstarkung Russland nicht wenig beitrug, das Zeitliche. Ob es gut oder schlecht war, darüber zu streiten, hätte wenig Sinn. Es ist eben geschehen und kaum rückgängig zu machen. Das heisst aber nicht, dass die Erinnerung an Preussen mit all dem Guten oder Bösen, was dazu gehört, mit ausgelöscht werden soll. Vom russischen Standpunkt aus jedenfalls nicht. Auch weil die Russen ein eigenes Lied davon singen können, wie unsinnig es ist, die Geschichte auf plumpe Art und Weise korrigieren zu wollen.
(4)
Matjoschka:
Können Sie etwas zum Preussenjahr sagen?
Historiker:
Etwas schon. Ein Wahlberliner, fand ich die Initiative der Politiker der neuen Bundesländer, das dreihundertste Jahr seit der Krönung des letzten brandenburgischen Kurfürsten zum ersten preussischen König als Preussensjahr zu begehen, sehr erfreulich. Zwar erlebte ich das staatlich verfasste Preussen nicht, dafür aber sind mir die Landschaften, die Bauten und vor allem die Menschen auf dem ehemals preussischen Boden gut vertraut. Jedenfalls viel besser als die jeder anderen Gegend in Deutschland. Und ohne andere deutsche Stämme herabwürdigen zu wollen, muss ich sagen, dass das heutige, nur virtuell existierende Preussen und seine Bewohner viel von dem guten Erbe in sich haben. Von dem schlechten nehme ich kaum etwas wahr.
Umso schwieriger ist für mich zu begreifen, welchen Sinn es hat, gegen das Preussenjahr Sturm zu laufen. Es geschieht aber, besonders im Land Brandenburg. Ein deutscher Kollege schickte mir per e-Mail eine ganze Liste von Veranstaltungen in Potsdam. Wenn man den Vorankündigungen Glauben schenkt, sollen die meisten geplanten Auftritte in einem Ton gehalten werden, als stünde die Wiedererstehung des alten Fritzen unmittelbar bevor. Als würde er demnächst ein Fernrohr an sein rechtes Auge drücken, den Degen zücken und seine Grenadiere in Marsch setzen.
Die Aufregung wird damit gerechtfertigt, dass das heutige Deutschland, wie Veranstalter behaupten, wieder den Weg des Militarismus betritt. Das zu bejahen oder zu verneinen, fehlt mir die Kompetenz. Aber eins steht für mich fest, auch wenn das stimmen sollte, hat das friderizianische Preussen daran keinen Anteil. Nicht Friedrich der Grosse schickte die deutsche Luftwaffe gegen Serbien. Auch befahl er der deutschen Diplomatie nicht, Zurückhaltung gegenüber den amerikanischen Raketenschlägen im Irak zu üben. Meines Erachtens spielen die Söhne des ausgelöschten Preussens in der deutschen Politik und in den deutschen Streitkräften von heute kaum eine prägende Rolle. Die Bayern oder Rheinländer oder Hessen u.s.w. schon eher.
Ich würde sogar sagen, dass das politische und wirtschaftliche Gewicht des ehemaligen Preussens in Deutschland und Europa jetzt, nach der deutschen Wiedervereinigung, gering ist. Es entspricht in etwa den Werten, die der Machtbereich des brandenburgischen Kurfürsten hatte, bevor sich der letzte von ihnen zum König erklärte. Brandenburg ist wieder das Armenhaus Deutschlands. Also kann ich keine preussisch-militaristische Dominanz am Horizont erkennen.
Aber abgesehen davon, kann wohl ein Russe, der die Erfahrungen seines eigenen Landes beherzigt hat, einer verdrängenden Geschichtswahrnehmung in Deutschland kaum positiv gegenüberstehen. Von einem ähnlichen Umgang mit der Geschichte können die Russen ein sehr trauriges Lied singen. Als 1917 die Sowjetmacht in Russland siegte, wollte sie die tausendjährige Geschichte des russischen Staates durchkreuzen. Die sowjetischen Historiker liessen nur jene Episoden der Geschichte gelten, die von Volksaufständen gegen die Zarenmacht geprägt waren. Sonst wurde die ganze russische Geschichte vor der Oktoberrevolution zu einer Kette von barbarischen Gewaltakten, idiotischen Unterfangen, verdammungswürdigen Fehlern umgelogen. Als hätte es nie den Aufbau eines mächtigen Staates gegeben. Als wäre in Russland keine eigene Zivilisation entstanden, und zwar mit Dichtern, Gelehrten, Geschäftsleuten, die nicht nur das Vaterland, sondern die ganze Welt unermesslich bereicherten.
Auch nach dem Untergang des Sowjetsystems,euphemistisch die Zeit der Perestroika genannt, fand die damalige russische Führung nicht den Mumm, sich ehrlich der Geschichte zu stellen. Sie liess es zu, dass die Jahrzehnte der russischen Entwicklung in der Sowjetzeit pauschal und restlos verurteilt wurden. Als hätte es in den Jahren nur den Terror der kommunistischen Staatsmacht, keinen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung, keine Pioniertat im Weltall, keine Beseitigung des Analphabetentums und andere Leistungen gegeben, die nicht nur Russland, sondern die ganze Welt weiterbrachten.
Ein solcher Umgang mit der Geschichte war die Ursache dafür, dass viele Russen die echte Verbundenheit mit ihrem Land verloren, was in jeder Hinsicht verheerende Folgen hatte. Denn die Geschichte des eigenen Landes stärkt einem Landeskind das Rückgrat, spornt seine Kreativität und seinen Fleiss an, erhärtet seinen Widerstand gegen Willkür im Inneren und von Aussen.
Natürlich fällt es den Russen wie auch den Deutschen nicht leicht, ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Geschichte zu finden. Das hängt mit der äusserst dynamischen und wechselreichen Entwicklung der zwei grossen Völker zusammen. Es gibt keine anderen in Europa, die soviel Brüche ihrer Geschichte erleben mussten. Die Ursachen mögen verschieden sein. Die Tatsache ist unbestritten. Insbesondere in der neuesten Zeit gingen die Russen und die Deutschen mehrmals daran, ihre staatlichen und sozialen Ordnungen auf den Kopf zu stellen. Im Vergleich dazu muten sogar die Franzosen als wenig beweglich an. Ganz zu schweigen von den konservativeren Briten.
Darum ist es für Deutsche und Russen so wichtig zu lernen, die eigene Geschichte ohne Verzückung, kritisch, aber auch ohne Selbstverleugnung zu sehen. Das Begehen wichtiger Daten der historischen Chronik kann dazu gute Anlässe liefern. Solcher Daten wie zum Beispiel die Krönung des letzten brandenburgischen Kurfürsten zum König von Preussen.
Ende des Gesprächs
23.2.01
2. DIE PREUSSEN UND DIE RUSSEN AUF DEM SCHLACHTFELD
VORWORT VON M.
Das folgende Essay von einem Kenner der preussischen Militärgeschichte soll die Beschreibung der Reise des russischen Zaren Peter I. nach Königsberg und Berlin am Anfang des 18. Jahrhunderts ergänzen, die die geschichtsbewusste Matrjoschka als Beitrag zum Preussenjahr bringt.
Dazu muss man noch sagen, dass die Matrjoschka nichts dagegen hat, wenn ein Historiker wie der Verfasser des folgenden Essays sein Augenmerk den gewesenen (oder vorhandenen) Widersprüchen oder sogar Kriegen zwischen Deutschland, bzw. Preussen und ihren Nachbarn im Westen, Süden oder Norden widmet. Das ist OK. Wenn es aber um die Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Nachbarn im Osten (Russland vor allem) geht, muss Matrjoschkas Ansicht nach bitte sehr nur das Gute und Zukunftsgewandte hervorgehoben werden. Denn die gwM ist überzeugt, Deutschland und Russland sind wie ein Paar Schuh (auch wenn sich ein Schuh von dem Paar z.Z. in einem recht ramponierten Zustand befindet). Der uns eingeschickte Text entspricht der Einstellung von M. nicht ganz. Da wir aber die Freiheit der Wissenschaft in Ehre halten und den Einsender, Kenner der preussischen Militärgeschichte, wegen seiner Verdienste vor derselbigen achten, bringen wir doch das Essay, allerdings mit zahlreichen Anmerkungen.
1.
Seit sie am 11.August 1758 von Landshut abmarschiert sind, quälen sich 18.000 Preußen an der Seite ihres Königs über die sandigen Wege Brandenburgs nach Norden. Der König kann nur diese Truppen entbehren, denn er muß 40.000 Mann in Schlesien und 30.000 Mann in Sachsen zur Verteidigung gegen die Österreicher zurücklassen. Seit dem Sieg bei Roßbach im November letzten Jahres stellen die Franzosen und die deutsche Reichsarmee zwar keine ernsthafte Bedrohung mehr dar, aber auch dort sind preußische Truppen gebunden. So bleibt dem König nur ein kleiner Teil seiner Armee, um der russischen Bedrohung zu begegnen. Nachdem die Russen im letzten Jahr ein schwaches preußisches Korps geschlagen und dieses Jahr die Eroberung Ostpreußens (Anm. v.M.:das Kalinigrader Gebiet der RF?) abgeschlossen haben, stehen sie nun an der Oder. So ist der erste Waffengang überhaupt zwischen Preußen und Rußland nur noch eine Frage der Zeit.
Dieser erste Krieg zwischen den beiden Staaten hat eine lange Vorgeschichte.
2. Die Herrscher Brandenburgs waren immer eine Stütze der deutschen Kaisermacht gewesen. Als das deutsche Reich in folge des 30 jährigen Krieges aufhörte, als politische Macht in Europa eine Rolle zu spielen, mußte sich auch Brandenburg umorientieren. Dies geschah nicht zuletzt, weil die brandenburgischen Gebiete am Rhein keine Verbindung zu den Kernlanden hatten und daher jetzt einem Zugriff der Franzosen jederzeit offen standen. Außerdem war Schweden, seit dem 30 jährigen Krieg eine bedeutende Militärmacht mit Besitzungen in Pommern, von französischen Hilfsgeldern abhängig und daher traditionell mit Frankreich verbündet. Jede Auseinandersetzung mit Frankreich brachte also zwangsläufig einen Zweifrontenkrieg mit sich. So war Kurfürst Friedrich Wilhelm I., später der Große Kurfürst genannt, genötigt, eine Schaukelpolitik zwischen Frankreich auf der einen und den österreichischen Habsburgern auf der anderen Seite zu betreiben, die ihn mehrmals den Bündnispartner wechseln ließ. Schließlich wurden ihm aber die Raub- und Verwüstungskriege Frankreichs im Westen des Reiches 1674 so unerträglich (Anm. v.M.: verständlicherweise!), daß er ein gerade mit Frankreich abgeschlossenes Bündnis brach und an der Seite des Kaisers in den Krieg zog. Als die brandenburgischen Truppen im Rahmen der Reichsarmee am Rhein standen, verleitete Frankreich die Schweden zum Einfall in Brandenburg. Da Hilferufe an die Verbündeten keine Ergebnisse brachten, marschierten die Brandenburger schließlich vom Rhein ab und den Schweden entgegen. Der Vorstoß der Schweden wurde bei Fehrbellin abgeschlagen und ihnen wurden im Gegenzug alle Besitzungen in Pommern entrissen. Im folgenden Frieden erzwang Frankreich jedoch die Rückgabe fast aller dieser Eroberungen an Schweden. Diese Konstellation führte dazu, daß jeder Feind Schwedens zugleich der Freund Brandenburgs war.
3. Als Zar Peter I. Rußland das Fenster nach Westen aufstieß, wirbt er denn auch 1713 um die Unterstützung Brandenburgs, dessen Herrscher sich seit 1701 Könige in Preußen nennen, gegen Schweden im Nordischen Krieg. Doch auf dem Thron sitzt seit Februar König Friedrich Wilhelm I., den sie später den Soldatenkönig nennen werden und der doch so wenig Lust zum Kriegführen verspürte. Als dann ein russisches Heer von 25.000 Mann zur Belagerung des schwedischen Stettin praktisch vor der Haustür Berlins aufmarschierte, mußte er aber handeln. Einen Eintritt in den Krieg wollte er allerdings immer noch vermeiden und rückte lediglich als neutraler Verwalter in Schwedisch-Pommern ein. Karl XII. von Schweden, eigentlich mit Feinden gut ausgestattet, sah dies aber als Kriegsgrund an und so kam es, daß Preußen ab 1715 an der Seite Rußlands, Sachsen-Polens und Dänemarks im Krieg gegen Schweden stand. Erneut wurde Schwedisch-Pommern von den Preußen erobert. Aber diesmal blieben Stettin und die Odermündung beim Friedensschluß in preußischer Hand. Frankreich (Anm. v.M.: also, der Erzfeind- oder hiess es Erbfeind?), durch den spanischen Erbfolgekrieg gebunden und erschöpft, konnte Schweden nicht helfen. (Anm.v.M.: Gottseidank!)
An die Stelle Schwedens als Großmacht (Anm. v.M.: dass ich nicht lache!) des Nordens war aber nun Rußland getreten (Anm.v.M.:???) und das zeigte sich bald, als russische Truppen 1735 während des polnischen Erbfolgekrieges nach Westdeutschland (Anm. v.M.: Wo beginnt Westdeutschland? An der Elbe? Am Rhein?) vordrangen. So hätte Friedrich Wilhelm I. in seinen Ausspruch: "kein Engländer oder Franzose soll über uns Deutsche gebieten (Notaben v.M.: Damals existierte die NATO noch nicht). Ich will meinen Kindern Pistolen und Degen in die Wiege geben, daß sie helfen, die fremden Nationen von Deutschland fernzuhalten.", auch die Russen einbeziehen können. (Anm.v.M.: er wusste aber Bescheid, dass die Russen friedlich waren, und hat es deswegen nicht getan!). So hinterließ der Soldatenkönig seinem Nachfolger eine Armee von 80.000 Mann, die sich vor allen Dingen nun auf ein wohlorganisiertes Staatswesen stützen konnte und nicht mehr auf fremde Subsidien angewiesen war.
Friedrich II. benutzte dann auch sofort beim Tod des letzten männlichen Habsburgers die Gelegenheit zum "Rendez-vous des Ruhmes". Im folgenden österreichischen Erbfolgekrieg eroberte er, zeitweise im Bündnis mit Frankreich, Schlesien. Diese Machterweiterung Preußens zusammen mit der damit verbundenen Ausdehnung in Richtung Polen, erweckte Befürchtungen in Rußland (Anm.v.M.: wie sonst? Es war ja wie Natoosterweiterung von heute!), die noch dadurch verstärkt wurden, daß man Preußen als Verbündeten Frankreichs in der Nachfolge Schwedens sah. Unter dem Einfluß ihres preußenfeindlichen Großkanzlers Alexej Petrowitsch Bestuschew steuerte Zarin Elisabeth künftig immer stärker einen antipreußischen Kurs.
... So schloß sie sich nicht nur dem österreichisch-französischen Bündnis an, sondern wurde zu dessen treibender Kraft. Als Preis für Rußlands Hilfe verlangte sie Ostpreußen, (Anm.v.M.: das spätere Kailinigrader Gebiet), Kurland und Gebiete in Ostpolen zur freien Verfügung. Maria-Theresia von Österreich, der sowieso eine Reduzierung des preußischen Staates auf Brandenburg vorschwebte, stimmte dem ohne Einwände zu. Als Rußland jedoch kurz nach dem Beitritt zum Bündnis seine Truppen bereits in Livland aufmarschieren ließ, bremste Österreich, dessen eigene Kriegsvorbereitungen erst 1757 abgeschlossen sein sollten. Friedrich II. war durch diesen Aufmarsch und die verstärkten Rüstungen seiner Gegner jedoch nun von der Unvermeidbarkeit eines erneuten Krieges überzeugt. Er mobilisierte seine Armee und fiel noch 1756 im ebenfalls mit Österreich verbündeten Sachsen ein. Auf anfängliche Erfolge gegen die überraschten Verbündeten der antipreußischen Koalition folgten bittere Niederlagen. (Anm. v. M. Mit Östereichern ist es eben so eine Sache. Es gibt Kollegen Historiker, die behaupten, der letzte Habsburger hätte davon geträumt, nach dem letzten Weltkrieg Österreich, das als Opfer von Hitlerdeutschland galt, auf Kosten von Bayern und als Entschädigung für das von den Deutschen angetane Ungemach abzurunden. Aber Matrjoschka, immer um Objektivität bemüht, hielt die Hypothese für Quatsch).
4. Jetzt, im dritten Kriegsjahr, kämpft Preußen nur noch ums nackte Überleben. Die Armee, einzige Stütze dieses Staates, der kaum über zusammenhängende Territorien verfügt, ist in den Schlachten von Prag und Kolin furchtbar dezimiert worden. Die Verluste an jahrelang ausgebildeten Männern sind nicht zu ersetzen, so daß der Ausbildungsstand der Armee sinkt. Aber als Rekruten kommen nun hauptsächlich preußische Landeskinder und norddeutsche Freiwillige zur Armee, die so ihren Charakter von der Söldnerarmee zur norddeutschen Nationalarmee verändert. Die Idee der Religionskriege ist noch lebendig. Für die evangelischen Deutschen ist Friedrich II. der Verteidiger ihres Glaubens gegen die katholische Kaisermacht. Nie wieder bis zu den Befreiungskriegen 1813 gegen Napoleon wird Preußen über solch begeisterte Soldaten verfügen (Anm. v.M. : den Befreiungskrieg wurde eben preussischerseits nicht gegen die Russen, sondern mit diesen Schulter an Schulter geführt!). Die russische Armee auf der anderen Seite besteht auch nicht aus Söldnern, sondern aus Leibeigenen, die mit stoischem Gleichmut ihren adligen Offizieren gehorchen, wie sie früher ihren Gutsherren gehorcht haben. (Anm.v.M.: die russischen Soldaten wussten, sie kämpften gegen die Fremden, die ihr Land ausrauben und erniedrigen. Das war entscheidend!).
Aber zurück ins 18.Jahrhundert. Die Russen beschießen die preußische Festung Küstrin mit glühenden Kugeln. (Anm. von M.: waren es Vorläufer von Katjoschas, von den Deutschen "Stalinorgel" genannt?). Die ganze Stadt liegt in Schutt und Asche, als die Preußen heranrücken. Am 22. August vereinigt der König seine Truppen südwestlich der Stadt mit denen des von Norden kommenden Dohnaschen Korps, das er von der Front gegen Schweden abgezogen hat, denen nun keine Truppen mehr gegenüberstehen. Am 23. August überschreitet der König die Oder und marschiert auf die Russen zu, die sich bei Zorndorf verschanzt haben. Die Preußen, durch die Verwüstung Küstrins bereits erregt, marschieren jetzt durch Gebiete, in denen die russischen Truppen, die Kosaken und Kalmücken, gehaust und die Zivilbevölkerung wahllos massakriert haben (Anm. v.M. :die russische Geschichtsschreibung sieht das anders!). Selbst der König, der ansonsten seine Feinde nie mit Haß betrachtet hat, gerät wegen dieser Greuel außer sich. Der Name des Schlachtortes wird zum Synonym, die preußischen Soldaten können die Schlacht kaum erwarten, und sie werden kaum Gefangene machen (Anm. v.M. : und was ist mit den Genfer Konventionen??).
Am 25. August gegen 4 Uhr früh startet der König einen Umgehungsmarsch. Doch Graf Fermor, der russische Befehlshaber, erkennt das Vorhaben und postiert seine Truppen entsprechend. Dadurch und durch Mißverständnisse bei den Preußen kommt es statt zu dem geplanten Flankenangriff zu einem blutigen Frontalangriff. Um 9 Uhr eröffnet die Kanonade der preußischen Artillerie die Schlacht. Dann rückt die preußische Infanterie am linken Flügel und im Zentrum vor und ein wilder Kampf entbrennt. Die Russen halten stand. (Anm. v. M.: das tun sie immer, jawohl!). Einen solchen Widerstand haben die Preußen noch nie erlebt. Schließlich wankt die preußische Infanterie und weicht zurück. Hinter dem zurückweichenden preußischen linken Flügel steht einzig noch Friedrich Wilhelm von Seydlitz, der Sieger von Roßbach, mit seiner Kavallerie. Dessen Nachfahre wird in ferner Zukunft bei Stalingrad erst seine Truppen unter genauer Befolgung der Befehle Hitlers verheizen, dann aber selber in Gefangenschaft gehen. (Anm. v.M. : er wurde 1943 zum Vorsitzenden des Bundes der deutschen Offiziere in der Sowjetunion und trat für die Einstellung der Kampfhandlungen an der deutsch-sowjetischen Front ein. Als Patriot und Freund der deutsch-russischen Eintracht. Was ihn leider nicht von einer Verurteilung zu 25 Jahren Gulag retten konnte, da er das Pech hatte, Stalin zu missfallen). Doch dieser Seydlitz ist aus anderem Holz. Obwohl die Befehle des Königs immer dringender werden, greift er nicht an. Schließlich läßt Friedrich II. ihm bestellen, weiteres Zögern koste ihn den Kopf. Seydlitz Antwort: "Sagen Sie dem König, nach der Schlacht stehe ihm mein Kopf zu Befehl. In der Schlacht aber möge er mir noch erlauben, daß ich davon für seinen Dienst guten Gebrauch mache!" Erst als Fermor seine letzten Reserven in die Schlacht geworfen hat und sich die Ordnung der Russen bei der Verfolgung der Preußen aufgelöst hat, greift Seydlitz mit gezogenem Degen an der Spitze seiner Regimenter an. Seine Kavallerie wütet furchtbar unter den in Unordnung nachdrängenden Russen. Der ganze rechte russische Flügel zerbricht unter dem Ansturm und flüchtet in die Wälder. Nun läßt der König den rechten preußischen Flügel angreifen. Die russischen Soldaten, die nicht auf ihre Fahnen, sondern auf die Kanonen vereidigt werden (Anm. v.M.: Was soll das?), drängen sich in Gruppen um diese zusammen. Aber sie weichen nicht und müssen im Nahkampf niedergemacht werden. Die Erbitterung ist unbeschreiblich. Nach der Schlacht findet man Gefallene, die sich, verwundet und ohne Waffen, mit den Zähnen zerfleischt haben. Erst die hereinbrechende Dämmerung macht dem Gemetzel ein Ende. Die Preußen haben 13.000 und die Russen 21.000 Mann verloren.
Zuerst scheint eine weitere Schlacht zu drohen, doch schließlich zieht Fermor sich ab dem 1. September nach Osten zurück. Nachdem die Armeen das Schlachtfeld geräumt haben, kommen neben den üblichen Plünderern auch die überlebenden Bewohner der umliegenden Dörfer. Sie versorgen die Verwundeten, aber viele üben auch Rache, indem sie schwerverwundete Russen einfach lebendig begraben. ( Anm.v.M.: Pfui, Deibel!). Zorndorf wird die einzige Schlacht bleiben, die Friedrich gegen die Russen allein schlagen wird. Ein Jahr später bei Kunersdorf werden sie ihm zusammen mit den Österreichern seine schwerste Niederlage beibringen. Aber schließlich wird Rußland, das nach dem Tod Zarin Elisabeths aus dem Krieg ausscheidet, Preußens Rettung sein. (Anm. v.M.: Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal! Und der Dank dafür?).
18.2.01.
IM FOLGENDEN FINDET DER GENEIGTE LESER DER GESCHICHTSBEWUSSTEN MATRJOSCHKA EINE STELLUNGSNAHME, DIE SICH MIT IHRER EINSTELLUNG WEITGEHEND DECKT. SIE FREUT SICH UMSOMEHR DARAUF, DA DER VERFASSER EINEN GUTEN RUF IN DER DEUTSCHEN HISTORISCHEN FORSCHUNG GENIESST.
Sowohl bei den Preußen im 7-jährigen Krieg als auch bei den Franzosen in den Napoleonischen Kriegen herrschte ein großes Erstaunen darüber, daß die Russen sich nicht gefangen gaben oder zurückwichen, wie die anderen Gegner, sondern bis auf den letzten Mann getötet werden mußten. Dies kommt sowohl in dem Bericht eines preußischen Fähnrichs, der bei Zorndorf gekämpft hat, als auch eine französischen Hauptmanns, der beim Kampf um die große Redoute bei Borodino dabei war, zum Ausdruck.
Anm. v. M.: Borodino. Ein Dorf, etwa 100 Km. westlich von Moskau gelegen. Hier fand die "Stalingrader Schlacht" des ersten Vaterländischen Krieges der Russen, dessen gegen die französische Invasoren statt. Zum ersten Mal in seiner militärischen Laufbahn stiess hier der Korse Buonaparte, zu dem Zeitpunkt bereits lange l`empereur Napoleon I., auf einen Widerstand, den er nicht brechen konnte. Die verlustreiche Schlacht endete unentschieden. Der russische Heerführer Michail Kutusow gab zwar den Franzosen den Weg nach Moskau frei (entgegen dem Willen des Zaren,Alexander des Ersten) aber die Einnahme Moskaus läutete den Anfang vom kläglichen Ende der grand armee ein, die einige Monate später den Weg zurück in den Westen mit unzähligen von russischen Partisanen erschlagenen, erfrorenen und verhungerten Soldaten säumte. Dennoch sah die geschichtsbewusste Matrjoschka in Paris, in dem berühmten Invalidendom, wo bildlich alle Siege Napoleons dargestellt sind, auch die Schlacht bei Borodino als einen Sieg der französischen Waffe verewigt. Geschichtsklitterung! Aber lassen wir unseren deutschen Freund weiter: berichten.
Die Wehrmachtssoldaten haben von Anfang an bei vielen russischen Einheiten ähnliches erlebt.
Die Benutzung der Anrede "Cher ami" war übrigens im 2.Weltkrieg bei der französischen Legion, die in Rußland kämpfte, als Anrede an die russische Zivilbevölkerung ausdrücklich verboten, aus den von der geschichtsbewussten Matrjoschka genannten Gründen.
Die Kosaken der damaligen Zeit (Anfang des XIX: Jahrhundert) waren kaum mit den damals "normalen" Russen zu vergleichen, sondern ein aus Bevölkerungsteilen der der Ukraine umliegenden Staaten zusammengewürfelter Haufen. Erst unter Katharina wurden sie allmählich in den russischen Staat integriert und russifiziert.
Zum Thema 300 Jahre Preußen.
Ich finde es schlimm, wenn geschichtliche Tatsachen einer Weltanschauung zuliebe frisiert werden. Preußen wurde jahrezehntelang zum Schreckgespenst aufgebaut und eine Unmenge falscher Behauptungen aufgestellt.
Dabei hat Friedrich II. die erste Moschee in Berlin für seine bosnischen Soldaten bauen lassen. Nach der Teilung Polens mußte nach seiner Anweisung jeder preußische Prinz polnisch lernen, weil ein König die Sprachen aller seiner Untertanen sprechen sollte. Kaiser Wilhelm II. war der erste, der das nicht mehr tun mußte.
Der heutige Bundeskanzler hätte viel Arbeit damit.
Anm. v. M. : Stimmt! Aber er ist sehr sprach( wie auch sonst) begabt. Er müsste nur Russisch lernen und Englisch vergessen.
Die Militarisierung, die Preußen von den Alliierten vorgehalten wurde und immer noch vorgehalten wird, entstand durch den Druck seiner großen Nachbarn auf ein kleines Land. Wenn es sich nicht militarisiert hätte, hätte es nicht überlebt. Dafür bieten viele untergegangene Staaten ein Beispiel.
Leider haben sich auch die Deutschen im Laufe der Geschichte immer mehr auf das militärische Preußen konzentriert und das zivile Preußen dabei vergessen. Friedrich II. selber hielt es immer für seine größte Tat, den Oderbruch kolonisiert zu haben, er schätzte das Vorhaben mehr als seine militärischen Siege.
Anm.v.M.: Tatsächlich??? Jedenfalls schätze ich an seinen Taten die letzte am meisten. Sein letzter Wille, sich neben seinen Hunden begraben zu liegen.
Im Beitrag des deutschen Historikers lesen wir weiter:
Die Nazis haben sich auch Preußens angenommen, wobei sie nur das herausgestellt haben, was ihnen gefiel. Hitler hätte sich auch nicht gerne als Vorkämpfer der Aufklärung und Toleranz in Europa gesehen. So wurde der preußische Wahlspruch "suum cuique" (jedem das seine) als Motto für die Tore eines KZ pervertiert.
Die Nachwelt hat leider diese Sicht Preußens übernommen. Ein Sieg der Nazis, der bis heute seine Gültigkeit hat.
23.2.01
MIT EINER FESTLICHEN VERANSTALTUNG IM SCHAUSPIELHAUS WURDE IN BERLIN DAS PREUSSENJAHR EINGELÄUTET.
Da Matrjoschkas Herz schon immer für Preussen ( aber nicht fürs Preussentum) schlug, bringt sie die folgende Geschichte über einen russischen Zaren, der zum Aufstieg Preussens beigetragen hat.
3.PETER DER ERSTE IN KÖNIGSBERG
Auf Peters Spur brachte mich ein der Hobbyhistoriker. Über Peter schreiben, fragte ich. Ob das Sinn macht? Jeder halbwegs gebildete Deutsche kennt die Story vom russischen Zaren, der sich vor dreihundert Jahren auf eine lange Reise machte, um in Holland und England den Schiffsbau zu erlernen. Zwar lesen die Deutschen jetzt kaum noch Bücher, historische schon gar nicht, doch gab es vor kurzem in der Glotze die schöne Oper`` Zar und Zimmermann``. Alle Fernsehzuschauer erlebten Peter als gelehrigen, nur ein wenig wilden Schüler seiner europäischen Meister. Ja, das ist es eben. Für die Deutschen ist Peter I. ein halbverrückter Russe, der seine Heimat aus der Barbarei hinausführen wollte. Was ihm anscheinend genauso wenig gelang wie seinen viel späteren Nachfolgern. Denn Rußland ist eine harte Nuß und auf eine Reform folgt die Gegenreform.
Stimmt das etwa nicht, fragte ich den geschichtsbewanderten Freund. Es kommt darauf an, was von einer Reform in einem fremden Land erwartet wird, sagte er. Der Erfolg einer Reform muß nicht unbedingt daran gemessen werden, wie weit die Übernahme einer fremden Lebensweise voranschreitet. Peters wie auch, sagen wir zum Beispiel, Gorbatschows Reformen erwiesen sich als viel unproduktiver als erwartet, weil die Reformer an dieser Erkenntnis vorbeigingen und die eingewurzelte Ordnung von oben her mit einem Schlag ändern wollten. Wie die Bolschewiki 1917 in Russland. Trotzdem konnten sie ungeheuer viel bewegen, was von dem großen Erneuerungswillen der Russen und von der ausgeprägten Fähigkeit Rußlands zum Wandel zeugte. Lassen wir aber die Philosophie beiseite und kommen zu Peters Reise in den Westen zurück, die erste eines russischen Zaren. Peter besuchte zuerst Deutschland, genau gesagt Brandenburg, weil Brandenburg auf dem Weg in den Westen lag. Und er kam nach Brandenburg nicht als lernwilliger Schüler, sondern als Hoffnungsträger. Brandenburg war damals ein verhältnismäßig armes Land, von äußeren Feinden arg bedrängt. Der Brandenburgische Kurfürst Friedrich der Dritte war aber schlau und hatte schlaue Ratgeger. Lange vor Peters Ankunft in seinem Land hatte er die Fühler in östliche Richtung ausgestreckt. So schickte er dem russischen Zaren, der gerade damit beschäftigt war, den Türken im Süden seines Landes, am Schwarzen Meer, die wichtige Festung Asow wegzunehmen, einige Raketen als Freundesgabe.
Raketen, sagte ich, die etwas dumme Matrjoschka. Mittelstrecken -oder Kurzstreckenraketen? Gab es die damals schon? Ach was! Er lachte. Es waren eigentlich keine Kampfwaffen, eher Feuerwerkskörper. Trotzdem haben sie, in die von den Türken besetzte Stadt abgeschossen, die Türken verwirrt. Immerhin explodierten sie laut und spien Feuer.
Was hatte der Kurfürst gegen die Türken? Wollte ich wissen. War er etwa fremdenfeindlich? Mein Freund verneinte die Frage. Als Hobbyhistoriker setzte er mir auseinander, daß sich die Türken damals bei weitem nicht so harmlos aufführten wie die türkischen Mitbürger in Berlin heute. Sie trieben keinen Gemüsehandel, sondern führten ständig Krieg gegen die Christen. Gegen die krummen Säbel der türkischen schnellen Kavallerie kamen die europäischen Heere schwer auf. Ganz Südosteuropa stand damals unter dem Halbmond. Und kurz vor Peters Reise gelang es den türkischen Streitkräften sogar, bis nach Wien vorzudringen.
In Bedrängnis geraten, suchten die christlichen Machthaber fieberhaft nach Verbündeten. An Rußland dachten die Überheblichen nicht, da es als Land der Barbaren und militärisch wenig bedeutsam galt. Dank der räumlichen Nähe Brandenburgs zu Rußland wußte der Kurfürst besser Bescheid. Im Kreise seiner Berater sagte er, Rußland wäre der Rettungsanker. Bereits im Mittelalter hätte es eine mongolisch- tatarische Invasion aus dem Osten gestoppt und damit Europa einen unschätzbaren Dienst erwiesen.
Nach dieser Einleitung gab er mir ein altes deutsches Buch und empfahl die Lektüre. Dem Rat folgte ich umso bereitwilliger, da das Buch mich sofort faszinierte. Sein Autor, der sich den Namen Liberio gab, wurde vom Kurfüsten anscheinend als Chronist akzeptiert. Er dürfte Peters Ankunft in Königsberg erlebt haben, wo der Zar unterwegs nach Westen die erste längere Station machte. Wortreich, dafür aber detailgetreu, schilderte er den Einzug der großen Gesandtschaft aus Rußland in die östliche Metropole Brandenburgs, in Königsberg. Es war ein überwältigender Anblick. Dreihundert Menschen in Brokat und Zobelpelzen mit reich verzierten Waffen. Der Kurfürst und seine Höflinge waren baff. Zwar wußten sie, daß die russische Elite nicht darbte, aber solche Pracht ging über ihre Vorstellungskraft.
Nicht nur das prunkvolle Auftreten der Großen Gesandtschaft überraschte die Gastgeber, sondern auch die Trinkfestigkeit der Russen.
So, so, sagte ich, Ihre brausetrinkende Matrjoschka naserümpfend. Hätten sich der Zar und seine Begleitung in Europa nicht ein bißchen zusammennehmen können?
Warum sollten sie, fragte der Freund. Es imponierte den Gastgebern, die tollen Kerle empfangen zu dürfen. Mit ihrer Trinkfestigkeit und ihren Weibergeschichten verschafften sie sich in Königsberg viel Respekt. Wenigstens bei jenen Städtern, die davon profitierten. Denn die Gastwirte und die Damen des horizontalen Gewerbes haben in den wenigen mit rauschenden Festen angefüllten Wochen mehr verdient als in einem ganzen Jahrzehnt davor.
Gesoffen und gehurt haben sie also, ließ ich nicht locker. Lohnte es denn, deswegen den langen Weg zurückzulegen? Konnten sie nicht zu Hause feiern?
Und ob! Erklärte der Freund. Sie konnten es und taten es auch. Ein scharfer Denker, ungeheuer wissensdurstig und tatkräftig, war Peter nichtdestoweniger kein Kind der Traurigkeit. Auch zu Hause feierte er reichlich und ausgelassen. Das hatte einen hochpolitischen Hintergrund. Der reformbesessene Zar wollte die eingefahrenen Sitten der Bojaren kippen. Darum schnitt er während der Sauftouren den russischen Landlords eigenhändig ihre langen Bärte ab und kürzte ihre langen Kaftane. Die Widerspenstigen sollten lächerlich gemacht werden.
Auch in Königsberg ließ sich der Zar nicht nur von der Lebensfreude, sondern auch von der Berechnung leiten. Der Auftritt sollte den lendenlahmen Deutschen die urwüchsige russische Kraft vor Augen führen.
Warum empfing der Kürfürst den Zaren ausgerechnet in Königsberg und nicht in seiner Residenzstadt Berlin? Das fragte ich , um von der Rechtfertigung der russischen Unsitten zu den wichtigeren Dingen überzuleiten.
Vermutlich aus zweierlei Gründen, antwortete der Hobbyhistoriker. Erstens haßte Peter die Protokollpflichten. Um diesen zu entgehen, reiste er sogar unter einem angenommenen Namen. In Berlin hätte es zu Komplikationen führen können. Zum zweiten paßte die Ostseestadt besser zum hauptsächlichen Gesprächsthema mit dem Kurfürsten. Denn es ging darum, im Ostseeraum die Vorherrschaft der Schweden zu brechen. Tatsächlich wurde zwischen Peter und dem Kurfürsten ein Vertrag ausgehandelt, den wir heute einen Nichtangriffs- und Beistandspakt nennen würden und der unter anderem auch ein gemeinsames Vorgehen gegen die Schweden festlegen sollte.
Bei Liberio las ich darüber nichts, sagte ich. Die Verhandlungen waren top sekret, erklärte mein Holzpuppenkollege. Ein Wort darüber in der Presse hätte dem Verfasser den Kopf gekostet.
Warum die Geheimhaltung?
Weil sich der Kurfürst vor den Schweden fürchtete. Sie standen bei Prenzlau, zwei- drei Tagesmärsche von Berlin entfernt.
Klar, der Kurfürst brauchte die Russen in seiner prekären Lage, gab ich meine Matrjoschkaerkenntnis von mir. Warum aber brauchten die Russen den Brandenburger?
Peter war von der Idee besessen, Rußland in Europa einzuführen. Brandenburg sah er als eine Landbrücke zwischen Rußland und Westeuropa.
Mein Freund holte aus einer Schublade eine originalgetreue Kopie des Vertrages, der vor dreihundert Jahren zwischen Friedrich dem Dritten und Peter dem Ersten ausgehandelt wurde. Die Kopie kam durch Zutun des heutigen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe in seinen Besitz, sagte er stolz. Nicht von ungefähr heißt Stolpe unter Freunden der große Kurfürst. Wie dieser ist er ein aufrichtiger Freund Rußlands.
Zurück zu Friedrich dem Dritten, mahnte ich. Hat sich denn die ganze Chose für den Brandenburger gelohnt?. Natürlich, war die Antwort. Der russische Hoffnungsträger hat alle in ihn gesetzten Hoffnungen übererfüllt. Er schlug die Schweden, die, durch seine Aktivitäten verärgert, in die Ukraine einfielen, und zwar vernichtend. Bei Poltawa. Der schwedische König Karl der Zwölfte, der bislang als einer der größten Feldherrn aller Zeiten galt, wagte nicht, sich in seiner Heimat sehen zu lassen und suchte bei den Osmanen Unterschlupf. Die Schweden räumten die besetzten Gebiete, auch die im Norden Brandenburgs.
Karl war wohl nicht der einzige Gröfaz, der in Rußland Schiffbruch erlitt, bemerkte ich, die sonst sanfte Matrjoschka giftig. Hundert Jahre später ereilte das Schicksal einen anderen, der einen Dreispitz trug. Und im nächsten Jahrhundert einen in Feldgrau, der die Russen gänzlich ausrotten wollte.
Ach, lassen wir das. Der Freund winkte traurig ab. Wenn man sich an den Ruhm von einst erinnert, schmerzt die unrühmliche Gegenwart umso mehr.
Die Geschichte jedes Landes, tröstete ich, kennt das ständige auf und ab. Es liegt in der Natur der sich stetig ändernden Welt, daß mal dieses, mal jenes Land hochkommt.
Mit Brandenburg ging es jedenfalls nach Peters Visite aufwärts, fuhr der Hobbyhistoriker, fort. Der Kurfürst sorgte dafür, daß an allen europäischen Höfen unter der Hand die Kunde verbreitet wurde, Berlin und Moskau hätten ein Bündnis geschlossen. Die gezielten Indiskretionen zeigten Wirkung. Die Häupter des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation beschlossen, dem Kurfürsten nicht mehr die von ihm lange begehrte Würde zu verweigern. Er wurde zum König und Brandenburg zum Königreich Preußen erhoben. Später nutzte Preußen seine militärische Stärke, um mit Blut und Eisen das Deutsche Reich ins Leben zu rufen.
Hätte Peter gewußt, was er mit seinem Besuch anstieß, sagte ich, hätte er vielleicht einen Bogen um Königsberg gemacht.
Vielleicht, meinte er. Aber Peter hatte keinen Grund anzunehmen, Deutschland würde Rußland jemals angreifen. Und lange schien es tatsächlich so. Mit keinem anderen Land in Europa pflegte Rußland derart intensive Beziehungen. Die Zaren heirateten deutsche Prinzessinen und die deutschen Fürsten und Könige holten die Bräute aus Petersburg. Die deutschen Handwerker, Gelehrten und Militärs, zum Teil noch von Peter während der Reise angeworben, strömten nach Rußland und die russischen Jungs wurden abkommandiert, an den deutschen Universitäten zu studieren. Erst unter Friedrich dem Großen kam es zu bedeutsamen und verlustreichen Waffengängen zwischen Preußen und Rußland, weil der Preuße es zu forsch mit der Osterweiterung trieb. Aber die Spannung hielt sich nicht lange, da der Draufgänger bald einsah, daß es sich nicht lohnte, den russischen Bären zu reizen. Und auch im folgenden Jahrhundert gab es wenig Streit zwischen Berlin und St.Petersburg. Im Gegenteil. Die Kosaken befreiten die deutschen Staaten von der napoleonischen Besatzung. Die russische Diplomatie unterstützte Bismarck in seinem Bemühen, den Franzosen und Angelsachsen die Vormachtstellung auf dem Kontinent streitig zu machen. Die russischen Adligen verspielten Unsummen in Baden-Baden..
Erst im unseligen zwanzigsten Jahrhundert, warf ich ein, wurde es streckenweise anders.
Unter dem unzulässigen Bruch der beiderseitigen Verpflichtungen, sagte er gewichtig.
Ich fragte, welche Verpflichtungen er denn meinte. Nicht etwa die im Vertrag zwischen dem Zaren Peter dem Ersten und dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich dem Dritten?
Doch, doch, genau den! Der Vertrag wurde auf ewige Zeiten geschlossen und nie gekündigt. Nach dem Völkerrecht bleibt er in Kraft. Bis heute.
Wir lachten beide von ganzem Herzen.

Zur Startseite