RUSSEN UND  DEUTSCHE  

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MIT RÜCKSCHLÄGEN, ABER  VORWÄRTS. AUS DER CHRONIK DER DEUTSCH-RUSSISCHEN BEZIEHUNGEN EINES  JAHRES.   

1.

Bekanntlich war das Jahr 2004 in Russland  von Anschlägen des international agierenden Terrorismus überschattet. Die Liste seiner Verbrechen in Russland  ist lang. Das schlimmste ereignete sich in der südrussischen Stadt Beslan. Hier wurden nicht nur Erwachsene, sondern auch  Kinder ermordet oder verkrüppelt.  

Von allen Ländern, die mit Russland gute Beziehungen pflegen, hat  ein Land besonders überzeugend sein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht. Es war  Deutschland. Es bekundete seine Solidarität  verbal und  mit Taten. Sie spiegelte sich in der gemeinsamen Erklärung des deutschen Kanzlers und des russischen Präsidenten, die einen  Katalog   von Vorkehrungen gegen den Terrorismus enthielt. Sie war auch  in Kundgebungen der deutschen Öffentlichkeit vor russischen Vertretungen in Berlin, München und anderen deutschen Städten erlebbar. Auch in der   deutschen Hilfe bei der Bereitstellung von medizinischer Notversorgung unmittelbar am Ort der Tragödie. In der  Aufnahme von verletzten  Kindern aus Beslan in deutschen Kliniken. Und auch in   Spendensammlungen für Opfer, zu denen  Kirchen und karitative Vereinigungen  aufgerufen hatten.  

Der Verfasser hat einer solchen Spendensammlung in einem uckermärkischen  Dorf beigewohnt, das wahrlich nicht zu den wohlhabendsten  in Deutschland gehört. Die Bauern, die hier spendeten, sind durch Jahrhunderte gewöhnt, jeden Pfennig mehrmals umzudrehen, bevor sie ihn ausgeben. Jetzt, wo hier wie auch anderswo im Lande wirtschaftlich schwere Zeiten angebrochen sind, tun sie es erst recht. Trotzdem war das Spendengefäß, das eine Kirchendienerin während des Erntedankgottesdienstes durch die Reihen trug, schnell voll. Und wie der Verfasser feststellen konnte, indem er auf den Inhalt schielte, nicht nur Münzen lagen drin, sondern auch viele Scheine.  

Selbstverständlich ist Russland auf Spenden nicht mehr so stark angewiesen wie früher. Es geht  im Land wirtschaftlich aufwärts. Der russischen Regierung steht genug Geld zur Verfügung, um alles nach Beslan herbeizuschaffen, was die schwer betroffene Stadt braucht.  Trotzdem war die deutsche Hilfe  alles andere als überflüssig. Denn sie war ein Beweis der Freundschaft, die in der Stunde der Not durch nichts zu ersetzen ist.   

Übrigens  erwies Deutschland damit  nicht nur den Russen einen guten Dienst, sondern allen in der Welt, die  sich wünschen, dass Russlands  Weltoffenheit erhalten bleibt. Dass in Russland nicht jene Kräfte die Oberhand gewinnen, die sich von der Mentalität  einer belagerten Festung viel versprechen. Kräfte, die darauf hinarbeiten,  dass sich Russland einigelt, in  Verbitterung verharrt, dem Fremdenhass verfällt.  

Die   tatkräftige Solidarität Deutschlands  unterstützte jene politischen Kräfte in Russland, die  sich nach den grausamen Terroranschlägen erst recht um internationale Kooperation, um die Konsolidierung  konstruktiver Kräfte im Inland und Ausland bemühen. Um eine Politik, die Russlands Wandlung nach  der  Abschaffung des Sowjetsystems fortsetzt. Eine Politik, die der Wandlung in Europa beiträgt. Einer Wandlung, die ihren markantesten Ausdruck  im Entstehen eines geeinten und souveränen,  Russland freundlich gesinnten  Deutschlands fand und alle einst unüberwindbar scheinenden Hindernisse fürs Zusammengehen beider Staaten aus dem Weg räumte.  

Die Solidarität Deutschlands mit Russland in der Stunde der Not trug zur positiven Entwicklung in Russland bei. Im Unterschied zu den lauten   Angriffen auf die  russische Regierung in einigen deutschen Medien, die  mitunter zu Angriffen auf Russland  ausarteten. Diese Angriffe   offenbarten    ein Defizit der europäischen Werte nicht in Russland, sondern eher bei den Lehrmeistern selbst. Denn zu diesen Werten gehört Toleranz, die voraussetzt, dass man nicht voreilig bei der Verteufelung des anderen ist. 

Man kann sich darüber nur freuen, dass in Russland eine gereizte Reaktion  ausblieb. Bewies dies doch die Stabilität der deutsch-russischen Beziehungen in einer instabilen Welt. 

2. 

Im Jahr 2004 fanden in Deutschland wieder viele  Begegnungen mit der russischen Kultur statt. Erfreulicherweise  setzte sich  damit der Trend des Jahres 2003 fort,   als sich unzählige  russische Theater-, Musik- und Tanzproduktionen in Deutschland präsentierten. Die  Ensembles kamen nicht nur aus den Metropolen Moskau und Sankt- Petersburg, sondern auch aus der tiefsten russischen Provinz, sogar aus Gegenden weit hinter dem Ural. Insgesamt widerspiegelten alle Auftritte die Höhen  und Tiefen der  gegenwärtigen russischen Kulturlandschaft.  

Die russische Kunst präsentierte sich nicht nur auf großen Bühnen Deutschlands und in bekannten Galerien.   Kein populäres Tanzcafe versäumte es, sein Stammpublikum mit einer russischen Rockband zu erfreuen. Kaum eine  Bibliothek, die keine Lesung  russischer Autoren veranstaltete. Buchstäblich jeden Tag traten in Deutschland   bedeutende und weniger bedeutende Künstler aus Russland auf. Und  dies geschah  nicht nur unter der  Regie entsprechender Ministerien in Moskau und Berlin, sondern auch außerhalb der festgelegten Pläne. Quasi im Selbstlauf. Die Regierungsinstanzen sorgten nur für die Zündung eines Feuerwerks, das jetzt- etwas pathetisch gesagt- dem Himmel des Kulturlebens in Deutschland neue farbige Lichter verleiht. 

Allerdings denkt der Verfasser insgeheim, dass es besser gewesen wäre, hätten die deutschen Veranstalter  weniger den Gurus der russischen Postmoderne, sondern eher den Künstlern Vortritt gewährt, die in der Tradition der russischen Klassik stehen. In der Tradition von Lew Tolstoi, Anton Tschechow,  Alexander Ostrowski und anderer aus der Kohorte. Sie sind in einem Deutschland,  in dessen Werteskala die Menschlichkeit  obenan steht, keinesfalls unzeitgemäß geworden.  

Aber  man will nicht meckern. Wenn  auf den Bühnen und in Galerien  Deutschlands nicht nur  das wertvollste Kulturgut Russlands präsent war,  sondern auch  umtriebige Popstars aus Russland ihre Kunst feilboten, ist das kein Unglück. Die Popkunst hilft, zwischen der deutschen und der russischen Jugend eine  Brücke zu bauen. Unter diesem Gesichtspunkt trägt auch die Musik aus Russland,  die einen Peter Tschaikowski entsetzt hätte, einer guten Sache bei.   

Allerdings kam die russische Klassik in Deutschland im Jahre 2004 nicht zu kurz. Um sich davon zu überzeugen, reicht es im Spielplan der Staatsoper Unter den Linden zu blättern  oder sich das Programm des Tschechow- Festivals im Sterbeort des Dichters, in    Badenweiler, anzugucken, das übrigens unter der Teilnahme des berühmten Moskauer Künstlertheaters lief. 

Besonders erfreulich findet der Verfasser, dass der moderne russische Film  in die deutschen Kinos kommt. Vorläufig sind es nur erste Schwalben, aber es ist zu hoffen, dass sie  einen Frühling verkünden.   

Die russischen  Filmproduktionen werden,  auch wenn es vorläufig eher  Glücksfälle sind,  immer russischer.  Neben der billigen Unterhaltung sind es  Streifen, die die Sehnsüchte und Erlebnisse der vielzitierten russischen Seele artikulieren. Und was den Verfasser bei den Vorführungen freudig überraschte, gerade  diese Filme werden in Berlin  gut besucht.  

Wenn sich der Trend des  Jahres  2004  fortsetzt, wird eine neue Qualität der Wahrnehmung Russlands in der deutschen Bevölkerung erreicht.  Die in den Jahrzehnten der Entfremdung zwischen Deutschland und Russland geübte Zurückhaltung der Deutschen gegenüber den Kulturleistungen des großen Nachbarn im Osten wird endgültig  der Aufgeschlossenheit weichen. Darauf ist zu hoffen, weil der Anfang vielversprechend ist.  

3.

Also, hat sich das Jahr 2003 als das Jahr  der Begegnungen mit der russischen  Kultur in Deutschland erfreulicherweise ins Jahr 2004 verpflanzt hat. Und zwar ohne, dass die Kulturbürokratie in beiden Ländern  dafür viel Mühe aufwenden musste. Denn vieles geschah  quasi im Selbstlauf. Auf Initiative der von der Staatsmacht unabhängigen Kultureinrichtungen. Also so, wie es sein soll, da der Staat zwar die Kultur zu unterstützen, aber nicht an der  Leine zu führen hat.  

Bleibt nur zu wünschen, dass derselbe Trend auch in Russland einsetzt, wo das Jahr 2004  den Begegnungen mit der deutschen Kultur gewidmet wurde. Mögen auch diese Begegnungen eine Initialzündung bewirken. Eine gute Voraussetzung  ist geschaffen. Die Präsentation deutscher Kunst und Kultur fand  bei den Russen ein lebhaftes Echo. Sie fügte  sich gut in eine Tradition ein, die Jahrhunderte zählt und mit ihren Wurzeln in die Zeit Peters des Großen reicht.  

Zurück zur  Wahrnehmung Russlands in Deutschland, will der Verfasser dieser Sendereihe noch etwas hervorheben. Im Jahr 2004 war Russland   in den deutschen Medien, besonders im öffentlich- rechtlichen Fernsehen, aber auch im Hörfunk oft im Programm. Die Kollegen aus  den elektronischen Medien räumten Russland  mehr Sendezeit als jedem anderen Land in der Welt ein. 

Das heißt nicht, dass das Bild Russlands in den deutschen  Medien einen Russen immer glücklich macht.   Man hört im Kreise der russischen Kollegen immer wieder, dieser oder jener Bericht stelle das Geschehen in Russland tendenziös dar. Diese Äußerungen sind nicht  von der Hand zu weisen. Es ist zum Beispiel wahr, dass die Reporter aus Deutschland mit Vorliebe russische Regionen bereisen, wo sich die Eisbären gute Nacht sagen. Regionen mit florierendem  Wirtschafts- und Kulturleben bleiben dagegen oft links liegen. So finden  Fortschritte Russlands wenig Beachtung. Erfreulich ist es nicht. Aber verständlich. Die deutschen Medienkollegen  müssen    den Rahmenbedingungen ihrer Berufsausübung  Rechnung  tragen. Es ist eben so, dass der Zuschauer und der Zuhörer in Deutschland  darauf getrimmt ist, viel mehr  über Missstände als über die Erfolge aus den Medien zu erfahren. Vor allem im Hinblick aufs   Geschehen im eigenen Land, aber auch  im Ausland. Wird es von Medienmachern nicht berücksichtigt, gehen die Einschaltquoten und Auflagen zurück. Das  gefährdet die Berufsexistenz.  

Es ist schon viel damit getan, dass Russland  in den Medien ständig präsent ist. Mit der Zeit wird ihr  Publikum schon lernen, auch in der Berichterstattung aus Russland  die Körner der  Wahrheit von der Hülse der Sensationshascherei zu trennen.  

4.

Es soll hier die Rolle gewürdigt werden, die eine besondere Bevölkerungsgruppe 2004 bei der Entfaltung der Kommunikation zwischen Russland und Deutschland spielte. Es ist die russischsprachige Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Sie zählt jetzt bedeutend mehr als drei Millionen.  

Die meisten sind Menschen  deutscher Abstammung. Sie sind  Nachfahren jener Deutschen, die vor Jahrhunderten aus dem Vaterland nach Russland kamen. Zu den Russischsprachigen gehören  auch andere Einwanderer aus dem ehemaligen sowjetischen Raum, seien es  Russen und Juden, Usbeken und Armenier oder Angehörige anderer Völker der 1991 aufgelösten Sowjetunion, die ihre Heimatländer verließen, um in der Fremde ihr Glück zu suchen.     

Sie   sind  loyale Bundesbürger geworden. Sie empfinden   für Deutschland, sein politisches System, seine Zivilisation eine  Affinität. Aber das heißt nicht, dass die russische Kultur, die sie alle verbindet,   ihnen  fremdgeworden ist.  Obwohl sich die meisten  nicht als  Russen  identifizieren, sprechen sie oft ein ausgezeichnetes Russisch   und pflegen ihre, tief im russischen Kulturboden verwachsenen Wurzeln. Sie lesen   russische Zeitungen und Bücher, führen sich russisches Fernsehen und Hörfunk zu Gemüte, besuchen russische Konzerte und Theateraufführungen. Ihre kulturelle Verbundenheit mit Russland äußert sich aber nicht nur in ihrem  Kulturkonsum. Sie gründen in Deutschland  Kunst- und Sprachschulen,  Verlage und Zeitungen, unterhalten Fernsehsender und Hörfunksender, Theater. Drehen  Filme. Hegen und pflegen  also die russische Kunst- und Kulturlandschaft in Deutschland.

 Was sie nicht daran hindert, die deutsche Kultur zu absorbieren. 

Übrigens   sind diese Menschen  oft ein lebendiger Beweis der guten Verträglichkeit der deutschen und russischen Kultur, da sie diese beide intus haben oder haben wollen.  Und leiden dabei nicht unter Persönlichkeitsspaltung. 

So     sind sie von ihren Lebensläufen, aber auch von ihrem derzeitigen Lebenswandel her dafür prädestiniert,   sich  als Brückenbauer zwischen der alten und der neuen Heimat zu  engagieren. Viele tun es auch. Vor allem in der letzten Zeit, wo sie ihre Hemmungen ablegen, mit ihren russischen Wurzeln     aus dem Schatten zu treten. 

Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftsschwierigkeiten sieht ein Teil der deutschen Bevölkerung   in dieser bunten Gemeinde eher eine Belastung für Deutschland. Vor allem, weil die Einwanderer bei der Arbeitsplatzsuche als Mitbewerber empfunden werden. Sollte sich aber das Blatt wenden, wird offensichtlich,  dass die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion mit ihrer guten Bildung, einzigartigen Erfahrung  und Unternehmungslust eine Bereicherung für ihre neue Heimat    sind.  Wie einst die Hugenotten für Preußen.   

Wie dem auch sei, hat jetzt Deutschland  viele Stützpunkte  russischer Kultur.  Wie Russland  viele Stützpunkte  deutscher Kultur hatte, nachdem  seine Herrscher Scharen von deutschen Fachleuten in ihr Reich geholt hatten. Ohne  Zutun deutscher Einwanderer wäre Russland ärmer. Es wird sich zeigen, dass dasselbe spiegelverkehrt auch für Deutschland gilt.  

5.

In letzter Zeit besucht der Verfasser  , obwohl er kein Volksökonom ist, gern Veranstaltungen mit russischen Geschäftsleuten. Denn hier kann man  nicht nur die Veränderungen im russischen Wirtschaftsleben, sondern auch den Mentalitätswandel der Russen erkennen. So war es auch, als unlängst eine große Gruppe von Wirtschaftsleuten aus Sibirien Deutschland besuchte. Sie kamen aus dem Gebiet Nowosibirsk, das in mancher Hinsicht, vor allem  nach seinem wissenschaftlichen und technologischen Potential,  in Sibirien eine ähnliche Bedeutung hat wie Bayern in Deutschland.  

Die Industriellen und Ingenieure aus Nowosibirsk erschienen in Deutschland, um hier  Investoren und Partner zu werben.  Allerdings bettelten sie nicht darum. Die Zeit der Appelle   an die Hilfsbereitschaft der Deutschen  ist vorbei. Jetzt sind die Russen, die sich auf  Partnersuche begeben, selbstbewusst. Sie sind nicht nur darauf aus, zu nehmen, sondern  auch bereit,  zu geben, viel zu geben. Sie verfügen über  zukunftsträchtige Technologien, engagieren sich  in lukrativen Marktnischen, kontrollieren Zugänge zu begehrten Rohstoff- und Energiequellen. In ihrem Verhalten spiegelt sich  das  Bewusstsein wider, aus einem Land zu kommen, das seine Schulden vorzeitig tilgt, in seiner Außenhandelsbilanz dicke schwarze Zahlen  schreibt und von Jahr zu Jahr seine Wirtschaft voran bringt.  

Die Wirtschaftsleute aus Russland sind deshalb wählerischer als früher geworden.  Glücksritter, Blauendunstmacher, Luftikusse  haben bei ihnen jetzt wenig Chancen.  

Deswegen schätzen sie deutsche Geschäftspartner besonders. Als ausgesprochen solid. Als jene, die verstehen,  dass die Russen nicht  wie die Wilden von der Elfenbeinküste  zur Zeit der kolonialen Expansion der Westmächte mit Glasperlen  zu gewinnen sind. Diese Einstellung gegenüber den Deutschen   zu pflegen und zu mehren, heißt, die vorrangige Stellung der deutschen Wirtschaft  in Russland abzusichern. Und im Wettlauf ums russische Geschäft die Konkurrenz  hinter sich zu lassen.  

Die  deutsch-russische wirtschaftliche Zusammenarbeit wird von beiden Regierungen unterstützt. Aus Gesprächen mit den  in Sachen  Wirtschaft reisenden Russen und ihren deutschen Partnern  gewann der Verfasser dieser Beitragsreihe die Erkenntnis, dass  auch die in den deutschen Medien so gern zerpflückte  Entscheidung des Kremls, eine strengere Kontrolle über die Tätigkeit  örtlicher Machthaber einzuführen, unter den Geschäftsleuten eine  andere Bewertung als in den Medien findet. Die Geschäftsleute hoffen nämlich auf geregeltere, weitgehend entkriminalisierte Rahmen der Wirtschaftstätigkeit.  

6.

Der Generalsekretär  der  im russischen Parlament dominierenden    Partei Einheit Russlands, Waleri Bogomolow, nutzte  eine Konferenz in Berlin, um  sein Befremden über die westliche Russlandpolitik  zum Ausdruck zu bringen. Dieser Politik hafte ein Widerspruch an, sagte er sinngemäß. Zwar wird von ihren Urhebern immer wieder beteuert, man sei an einem starken Russland interessiert. Aber die auf Erstarkung Russlands gerichteten Handlungen der russischen Führung  werden abgelehnt. Das lasse sich nicht unter einen Hut  bringen.  

Diese Äußerung des verärgerten russischen Gastes in Deutschland mag als sachgerecht oder übertrieben empfunden werden, aber sie steht nicht allein im Raum. So oder ähnlich äußern sich auch andere russische Politiker. Und nicht nur Politiker. Wie Umfragen zeigen, glauben immer weniger Russen daran, dass die westlichen Eliten  Russland einen Wiederaufstieg  gönnen. Sie würden nur so tun.   

Man kann wohl nicht umhin, festzustellen,   dass es keine ganz aus der Luft gegriffenen Verdächtigungen sind. Indem der Westen die Terroranschläge in Russland nicht immer als  gemeine Verbrechen   bewertete, gab er  den Russen   Anlass zu  Misstrauen. Erst recht, als  auf Moskau starker Druck ausgeübt wurde mit dem Ziel, die russischen Ordnungshüter  zurück  zu pfeifen.           

Das war eine Quelle der 2004 in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen aufgetretenen, bedauerlichen     Irritationen. Erfreulicherweise tangierten sie die deutsch-russischen Beziehungen am wenigsten. Denn die deutsche  Führung ließ sich nicht  durch ihre westlichen  Partner und die Opposition im eigenen Lande  zu einer Politik verleiten, die den in den letzten Jahren in den Beziehungen zu Russland erzielten Fortschritt beeinträchtigen könnte.  Was übrigens jenen Staatsmännern im Westen gar nicht unwillkommen käme, die Deutschland gern seine außenpolitische Bewegungsfreiheit  nehmen möchten und denen die vertrauensvollen Beziehungen zwischen Berlin und Moskau ein Dorn im Auge sind.  

In diesem Zusammenhang wurde den  deutschen Staatmännern 2004  vorgeworfen, den russischen Partnern nach dem Mund zu reden. Soviel dem Verfasser dieser Beitragsreihe aber bekannt ist, geht dieser Vorwurf  an der Realität vorbei, denn die Deutschen führen   mit den Russen durchaus  offene Gespräche. Sie vermeiden aber   Belehrungen von oben herab. Sie wollen nicht den Eindruck erwecken,  als  würde das heutige Deutschland auf ein vererbtes Recht pochen, sich in Russland als Lehrmeister aufzuspielen.  

Manch ein anderer europäischer Politiker könnte sich von den Deutschen in dieser Hinsicht  eine dicke Scheibe abschneiden.

Allerdings muss man  Auseinandersetzungen um die Russlandpolitik in Europa nicht tragisch nehmen. Sie gehörten hier schon immer zum politischen Alltag. Auch heute  dienen sie eher dem Schlagabtausch zwischen rivalisierenden Parteien als der Justierung der  außenpolitischen Linie.  

Letztendlich bleibt Europa   für das Zusammengehen mit Russland nur eine Alternative.   Sie heißt Gängelung durch   eine Supermacht erdulden, die nicht nur geographisch, sondern, wie die jüngsten Ereignisse zeigen,   auch mental  weit entfernt von Europa liegt. 

7.

Also, fragte  ein dem Kreml naher russischer Politiker auf einer Konferenz in Berlin seine  EU- Kollegen , welches Russland wollt Ihr denn? Ein starkes, handlungsfähiges, was auch heißt als Verbündeter handlungsfähiges, oder ein schwaches Russland, ein Objekt nicht aber ein Subjekt der europäischen Politik?  

Verbal wird die Frage meistens so beantwortet, dass die Russen mit der Antwort ganz zufrieden sein könnten. Die EU- Taten sind aber weniger eindeutig. Mal handelt  die EU im Einklang mit ihren Absichtserklärungen und den mit Russland bestehenden Abkommen.  Ein anderes Mal so, dass man in Moskau an deren Absichten zweifelt. Auch und erst recht, wenn manche EU-Staaten die  Russenfeindlichkeit in den mit Russland angrenzenden Regionen des postsowjetischen Raumes wie Kaukasus oder Baltikum unterstützen.   

2004 hat leider keine volle Klarheit darüber gebracht, welches Russland die EU will. Mit der EU- Osterweiterung ist die Gretchenfrage nicht leichter zu beantworten.  Jetzt gehören zur EU manche osteuropäischen Länder, die sehr reserviert zur Entfaltung der Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland stehen.  

Sicherlich grämt mancher   osteuropäische  EU-  Novize  Russland   aus Gründen, die weit in der Vergangenheit liegen. Obwohl Russland diese Vergangenheit bereits lange bewältigt  hat.  

Aber es sind  nicht nur die eigenen Ressentiments , die mitunter in Brüssel der Entscheidungsfindung im Wege stehen. Manches geschieht hier leider auch unter dem Einfluss   außereuropäischer Kräfte,  die das geeinte Europa,  das eng mit Russland zusammenarbeitet, beargwöhnen. Davon zeugt die absurde These eines einflussreichen amerikanischen Politikers vom neuen, guten und dem alten, schlechten Europa.    

Russland wünscht sich dagegen ein handlungsfähiges und geeintes  Europa und vertraut auf konstruktive  Kräfte sowohl in den alten, als auch  in den  neuen   EU- Ländern.  Russland  setzt auf  existenzielle Interessen aller seinen europäischen Partner.   

8.

2004 traten  in den Beziehungen zwischen der EU und Russland einige Irritationen auf. Das blieb nicht ohne Einfluss auf  die Einstellung der russischen Führung, aber auch der einfachen Russen zur EU. Man war enttäuscht von Europa. Dennoch vertraut die  russische Öffentlichkeit und die etablierte Politik weiterhin auf die Entfaltung der Kooperation. Sie baut dabei auf  existenzielle Interessen  der EU-  Länder. Welche sind es?  

Zuförderst die   Sicherheitsinteressen. Die EU ist auf die Sicherheitspartnerschaft mit einem starken Russland  angewiesen. Es gibt dafür keine annehmbare Alternative. Auch nach der EU- Osterweiterung zum 1. Mai 2004 nicht. 

Nehmen wir die Abwehr des internationalen Terrorismus. Nur ein starkes, innerlich gefestigtes und geeintes Russland kann es verhindern, dass er vom Osten her die EU  gefährdet. Indem Russland  sich selbst vor ihm schützt, schützt es gleichzeitig auch das EU- Europa. Auch wenn Russland es  mitunter mit recht drastischen Mitteln tut, die in den Ländern der Europäischen Union die Liberalen empören und die auch viele Russen, darunter übrigens auch der Verfasser dieser Beitragsreihe, nicht glücklich machen.   

In einem Punkt liegen die Sicherheitsinteressen der EU und Russlands besonders eng beisammen.  Gemeint ist die Sicherheit der russischen nuklearen Arsenale. Bis jetzt ist es keinem terroristischen Übeltäter gelungen, sich daran zu vergreifen. Vielleicht ist  es  gerade jener  Sicherheits- und  Ordnungspolitik des Kremls zu verdanken, die im Westen oft als zu rigoros und unangemessen hart zerpflückt  wird. Es ist aber die Frage zu stellen, was passiert wäre, hätten die Terroristen eine Atomwaffe in der Hand gehabt. Wenn man daran denkt, verliert man die Lust, der russischen Führung immer wieder zuviel Härte vorzuwerfen.  

In der Welt, die nach dem 11.9.2001, als die Türme des World - Trade- Center wie ein Kartenhaus zusammenbrachen, immer bedrohlichere Konturen annimmt, wäre es angebracht, sich noch mehr um eine  Kooperation zwischen der EU und Russland zu bemühen. Eine Kooperation fürs  gemeinsame Überleben.  

Und- nota bene- ist es denn nicht so, dass eine solche Kooperation dem erwünschten Wandel des Partners viel mehr beitragen würde, als  politischer Druck und Mediengeschrei? Erst recht, wenn dabei die Eigenständigkeit Russlands, sein wieder erwachendes Selbstbewusstsein, die  Mentalität der Russen nicht  ignoriert  werden?

9.

Zur stabilen Interessenlage, die Russland und die EU zusammenbringen  müsste,  gehört auch  die Sphäre der Energieversorgung. Der Versorgung mit Erdöl und Erdgas.  

Bekanntlich ist sie für Deutschland sehr wichtig.  

Der liebe Gott hat nämlich Deutschland viel gegeben: die günstige Lage in der europäischen Mitte, supertüchtige Menschen, aber eine wichtige Ressource hat er ihm versagt. Die Quellen von Erdöl und Erdgas. Das, was Russland reichlich beschert wurde.  

Vielleicht hat der liebe Gott sich so entschieden, damit es eine wirtschaftliche Klammer gibt, die Russland und Deutschland zusammenhält. Weil er, wie der Verfasser dieser Beitragsreihe  überzeugt ist, das Zusammengehen  beider Länder wünscht. Wie kann es anders sein? Insbesondere nach dem, was  sich Deutschland und Russland in der Vergangenheit gegenseitig angetan haben?  

Zurück von den spirituellen Dingen zur Prosa des Lebens, muss man daran erinnern,  dass der Weltverbrauch der Energie rapide steigt und nach allen Prognosen steigen wird. Das heißt, dass Öl und Gas auf dem Weltmarkt weiter verknappen.  

In der Uckermark, wo der Verfasser dieser Sendereihe seine Ferien verbringt, konnte er beobachten, wie viel in Deutschland unternommen wird, um  andere Energiequellen zu erschließen. Die herrliche Landschaft wird den  Windrädern geopfert, die Felder werden mit Raps bestellt, der sich zur Spritersatzproduktion eignet. Aber auch die optimistischsten Experten erwarten relevante Ergebnisse erst in mehreren  Jahren.  

Inzwischen können sich die Ranglisten der Industriestaaten ändern. Nach oben kommen jene, die über  Öl- und Gasquellen verfügen. Oder wenigstens mit stabilen Lieferungen der Energieträger aus dem Ausland rechnen können . Die anderen Länder dagegen, die sowohl keine eigenen Erdölquellen, als auch keine zuverlässigen Partner unter den erdölreichen Ländern haben, werden abfallen.  

Deutschland hat aber einen zuverlässigen Erdöl- und Erdgaslieferanten   . Er heißt Russland.  

Bereits jetzt deckt Russland einen sehr beträchtlichen Teil des  deutschen Energiebedarfs. Auch in  Zukunft kann Deutschland  auf russische  Erdöl- und Erdgas- Lieferungen mehr Vertrauen setzen als auf Lieferungen aus dem arabischen Raum, dessen Erdöl- und Erdgasquellen von  amerikanischen und britischen Konzernen kontrolliert werden.    

Auch wenn eine noch schärfere  Verknappung  der Energieträger eintritt, bleibt  Russland, dessen Erdölförderung   in etwa zehn Jahren die Dimensionen  von der Saudi- Arabiens erreichen soll, ein zuverlässiger Lieferant der Energieträger nach Deutschland. Allerdings erwarten die Russen  die Unterstützung der Deutschen bei der   Erweiterung der Erdölförderung und beim Ausbau der Pipelines.  

Viele diesbezügliche Abmachungen sind schon in Sack und Tüten.   

Die deutsche Wirtschaft kann sich über diesen Sachverhalt nur freuen. Wie über die Tatsache, dass der russische Markt ihr offen steht.  Deswegen meinte unlängst ein  deutscher Russlandexperte, Putin sähe in der deutschen Wirtschaft die wichtigste Stütze Russlands in Europa. Mag sein, dass es so ist. Jedenfalls aber  setzen die Russen nicht nur auf die  deutsche Wirtschaft. Nicht weniger rechnen sie  mit der Unterstützung der deutschen Öffentlichkeit. Damit, dass diese, richtig informiert, eine richtige Wahl zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Zusammenarbeit  mit Russland trifft.  

10.

Der Fall der Berliner Mauer, der sich 2004  zum 15. Mal jährte, markierte  eine Zäsur nicht nur in der deutschen, sondern auch in der russischen Geschichte. Indem die Führung der damaligen Sowjetunion  den Fall der Mauer hinnahm,  unterschrieb sie, ohne sich  vielleicht der ganzen Tragweite dieses Schrittes bewusst zu sein, das Todesurteil des sowjetischen Reichs. Seitdem war es nur eine Frage der Zeit, wann die Teilrepubliken der Sowjetunion und die osteuropäischen Länder ihre Souveränität erlangen. Ihrer Bevölkerung  das  zu verwehren, was der DDR- Bevölkerung  zugestanden wurde, also die Freiheit, über die eigene Zukunft selbst zu entscheiden, wäre nicht möglich. 

Nach dem Zerfall der Sowjetunion erwarteten die Russen, wie immer etwas blauäugig, dass  die  Machtverschiebung nicht missbraucht wird, um Russland zu bedrängen. So  führten sie die Öffnung ihres Landes bis zum Ende. Auch den Staaten jenes  Staatenbundes gegenüber, mit dem Russland  davor im Clinch lag. Den NATO- Staaten gegenüber.  

Leider kam es anders, als die Russen erhofften.  

Die Reaktionen der  russischen Führung darauf  mögen nicht immer die feinsten gewesen sein. Aber auch in den Fällen, wo der Kreml alles tat, um die Probleme einvernehmlich  aus der Welt zu schaffen, fand er mitunter wenig Entgegenkommen.   

Zu einer  vorgeschobenen Begründung der  unkooperativen Verhaltensweise   gehören Hinweise auf den Unterschied zwischen der Innenpolitik des gegenwärtigen  russischen Präsidenten und jener seiner Vorgänger im Kreml.  Tatsächlich pflegten Gorbatschow und Jelzin,  den Wünschen der westlichen Partner vorauszueilen. Auch in der russischen Innenpolitik.  Putin  tut es nicht.  

Aber die meisten Russen billigen  diese Haltung. Sonst wäre Putins  Popularität in der Bevölkerung wohl nicht so hoch. Unvergleichlich höher als die Akzeptanz von Gorbatschow und Jelzin, die am Ende ihrer Karrieren auf Null tendierte.  

Die Pille der hohen Zustimmung der Russen  zur Kremlpolitik mag für manche im Westen recht bitter schmecken. Aber sie muss geschluckt werden. Schließlich geht es in den Beziehungen zwischen Russland und seinen europäischen Partnern  nicht um Personen, sondern um viel Wichtigeres. Um die Kooperation zwischen Europa und Russland.     Diese ist jetzt mehr denn je aktuell. Beiden Seiten mehr denn je wichtig.     

Wie man zwischen Personen und Sache  unterscheiden muss, um vorankommen zu können, wissen die Deutschen gut. Sie haben einschlägige Erfahrungen.    

Als vor 35 Jahren Willy Brandt und seine Umgebung die neue Ostpolitik Deutschlands durchsetzten, richteten sie sich auch nicht danach, wer gerade im Kreml residierte.   Sonst  hätte die europäische Geschichte vielleicht einen anderen, viel ungünstigeren Verlauf genommen. Es wäre nicht so schnell zur deutschen Wiedervereinigung gekommen. Vielleicht etwas später auch zur Wende in Russland.

Daraus gilt es, wenn man  2005 weiter vorankommen will,  zu lernen.

27.10.04 

Zum deutschen Echo auf die Terrorwelle in Russland.  

Mit Hilfsbereitschaft reagiert die deutsche Öffentlichkeit auf das Geiseldrama in Beslan in Nord-Ossetien.

Unter den wohltätigen Organisationen fühlte sich vor allem UNICEF Deutschland angesprochen. Unmittelbar nach dem Ende der Geiselnahme stellte es  100.000 Euro Soforthilfe zur Verfügung. Es wurden  Antibiotika, Schmerzmittel, Lösungen zur Behandlung von Verbrennungen und andere Medikamente für Kinder bereitgestellt.

UNICEF- Transporter starteten von Moskau mit medizinischen  Überwachungsmonitoren, Verbandszeug,  Skalpellen, Infusionsbeuteln, Spritzen, Bettwäsche, Decken, Matratzen sowie höhenverstellbaren Betten nach Beslan und die umliegenden Krankenhäuser.

Die überlebenden Kinder und Eltern der Geiselnahme brauchen auch langfristige psychologische Betreuung. Nach der tagelangen Geiselhaft und der blutigen Befreiungsaktion stehen viele Kinder und Eltern unter Schock.  Mit seinen Partnern bereitet UNICEF die Hilfe für traumatisierte Kinder vor. In mehreren deutschen Städten entstehen  Initiativen, die den traumatisierten Kindern von Beslan einen Erholungsaufenthalt verschaffen möchten.

Die Botschafterin von UNICEF, die allen deutschen Fernsehzuschauern bekannte Sabine Christiansen, verurteilte den Anschlag  auf die Schule in Beslan als abscheuliches Verbrechen. Sie bat die deutsche Öffentlichkeit um Spenden für die Opfer der Tragödie.

Ähnlich äußerten sich in Hamburg, wo die diesjährige Runde des deutsch- russischen Diskussionsforum stattfand, die führenden deutschen Politiker Wolfgang Schäuble und Fritz Erler. Sie sprachen sich für tätige Solidarität mit Russland in diesem schweren Augenblick seiner Geschichte aus.  

Während in Hamburg ehrwürdige Berufspolitiker und etwas betagte Staatsmänner a.D. darüber dozieren, wie wünschenswert Bürgergesellschaft und ihre Initiativen sind,  dauern in Deutschland Solidaritätskundgebungen auf der Strasse an, oft spontan zustande gekommen.  Eine der beeindruckendsten fand in München statt. Die Münchener brachten ihre Trauer und ihren Schmerz mit einem Kerzenzug zum Ausdruck. Sie folgten dem Aufruf der Vereinigung „MIR“, (Frieden).       

In einem Interview  sagte die Vorsitzende von „MIR“, Tatjana Lukina, dass viele  Deutsche   das Bedürfnis hatten, mit dem Marsch durch München ihr Mitgefühl mit den Russen, ihr  Entsetzen über die Erschießung unschuldiger Kinder und ihren Willen zur Unterstützung des Kampfes gegen den Terror in Russland zum Ausdruck zu bringen. Deswegen kamen zur Demonstration  Diplomaten  und Geistliche, Künstler, Schriftsteller und Journalisten. Vor allem aber einfache Münchner, die sonst am Wochenende mit anderem beschäftigt sind. Die Hauptstrasse der bayerischen Stadt wurde für den Verkehr gesperrt, damit der Zug ungehindert stattfinden konnte. Den Höhepunkt bildete  ein Totengebet,   zelebriert vom Priester der russischen-orthodoxen Kirche im Ausland, Nikolai Artjomow, begleitet  von einem Frauenchor. Der russisch-orthodoxe  Geistliche Erzbischof Eftifij  schloss die Kundgebung mit einem ergreifenden Gebet für die Opfer.

Zu den Kundgebungsteilnehmer sprach   der russische Generalkonsul in München. In seiner Rede hob er hervor,  dass Russland das schreckliche Verbrechen der Terroristen, das gegen
wehrlose Kinder gerichtet war, nie vergessen und nie verzeihen wird.

An der Vorbereitung der Solidaritätsveranstaltung war außer Würdenträgern der katholischen und russisch- orthodoxen  Kirche auch ein muslimischer Schriftsteller beteiligt. Tatjana Lukina, die mit ihren deutschen und russischstämmigen Mitstreitern    sehr viel  für Verbreitung des Wissens über die russische Kultur in Bayern tut, berichtet  von bewegten Szenen der Solidarität mit Russland und der Trauer um die Opfer der Terroristen während und nach der Demonstration.  Fernsehen und Zeitungen in München informierten ihr Publikum  über diese Aktion, die in ihrem Anliegen und mit ihrer Gestaltung dem Namen der veranstaltenden Vereinigung „MIR- Frieden“ voll und ganz entsprach.

12.9.04.

Der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Wladimir Kotenew, traf sich in Berlin mit deutschen und russischen Journalisten. 

Seine Ausführungen  galten den deutsch-russischen Verhandlungen auf höchster Ebene am 20. und 21. Dezember in Hamburg und Schleswig. In den letzten vier Jahren ist es das 28. Treffen auf dieser Ebene zwischen Deutschland und Russland. Das letzte fand im vorigen Jahr in der Uralstadt Jekaterinburg statt. Die Erfüllung der damals getroffenen, weitgehenden Abkommen in mehreren Sphären der Zusammenarbeit steht auf der Agenda des neuen Treffens. An ihm nehmen übrigens viele hochrangige Vertreter der Exekutive teil. Eine nationale Auswahl, bemerkte Botschafter Wladimir Kotenew  scherzend.  

Er skizzierte die Vereinbarungen, die in Hamburg und Schleswig abgeschlossen werden sollen. Außer der Erweiterung der wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen beider Länder  sehen sie unter anderem einen neuen großen Schritt im Jugendaustausch vor. Es ist die Ausbildung  junger Leute geplant, die später in deutsch- russischen Joint- Venture- Firmen tätig werden sollen. Das besondere Augenmerk gilt dem Erlernen der russischen Sprache in Deutschland und der deutschen Sprache in Russland. In diesem Zusammenhang erwähnte der Botschafter, dass viele Russischlehrer der ehemaligen DDR nach der deutschen Wiedervereinigung auf Englisch und Französisch  umsteigen mussten. Jetzt macht sich das bemerkbar, wenn es darum geht, in Deutschland den Russischunterricht zu sichern.

Selbstverständlich wird es beim Summit um  russische Energieträgerlieferungen nach Deutschland gehen, bekanntlich eine Voraussetzung für die störungsfreie Tätigkeit der deutschen Industrie. Allerdings soll ein umfassendes Energielieferungsabkommen erst im nächsten Jahr abgeschlossen werden.

Einige Journalisten schnitten in ihren Fragen Meinungsverschiedenheiten über die Ukraine an. Der Botschafter Kotenew plädierte dafür, die Debatte darüber nicht zu dramatisieren. Beide Regierungen sind sich darin einig, die ukrainische Krise im Einklang mit dem Willen des ukrainischen Volkes und im Rahmen der ukrainischen Verfassung zu lösen. Auf die etwas aufgeregte Berichterstattung der deutschen Presse eingehend, schlug Wladimir Kotenew einem der anwesenden deutschen Kollegen vor, sich vorzustellen, was wäre, wenn in Berlin ähnliches passierte wie in Kiew. Also Zeltlager in der Stadtmitte, die Blockade der Regierungsgebäude usw. Er sprach der Opposition das Recht ab, ihre Taten als Revolution zu bezeichnen. Dafür sind die Aktivitäten zu perfekt organisiert und erhalten zu viel Unterstützung von außen. Im übrigen äußerte er die Überzeugung, die unterschiedlichen Gesichtspunkte zu den Ereignissen auf die Ukraine lassen sich mit der Zeit annähern. Ein Trend in diese Richtung sei bereits zu verzeichnen.

Die Gesamtwertung der deutsch-russischen Beziehungen hieß trotz einiger vorübergehender Irritationen: Sehr gut. Der Botschafter zweifelte nicht daran, dass das bevorstehende Treffen der sehr repräsentativen Teams mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Wladimir Putin an der Spitze weitere Fortschritte bringt.

16.12.04.  

SIE TREFFEN SICH WIEDER  

Am 10. und 11. September 2004 finden die 7. Deutsch-Russischen
Regierungskonsultationen in Hamburg und Schloss Gottorf bei Schleswig
statt. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Wladimir Putin
nehmen daran teil.

Themen der Konsultationen: die deutsch-russischen Beziehungen
und Fragen der europäischen und internationalen Politik .

Außerdem werden  Schröder und  Putin am
10. September, in Hamburg an der Plenarsitzung des Petersburger
Dialogs teilnehmen.  

KURZ VOR DEM TREFFEN BRACHTE DAS RUNET (POLIT.RU) EINEN BEITRAG VON ALEXANDER RAHR,  BEACHTETEN DEUTSCHEN RUßLANDEXPERTEN.  

Unter der Überschrift „Schröder trotz Kritik engster Partner Russlands“ ist in diesem Beitrag (davor veröffentlicht in  ROSSIJA W GLOBALNOI POLITIKE, d.h. Russland in der Globalpolitik) zu lesen, dass Bundeskanzler Schröder  der Meinung ist, die Beziehungen zwischen
Deutschland und Russland momentan besser als jemals zuvor im
vergangenen Jahrhundert seien. Mit dem russischen Präsidenten Putin
verbindet ihn ein freundschaftlicheres und sogar vertrauensvolleres
Verhältnis, als er es zum Chef des Weißen Hauses, George Bush jr.,
hat. Noch vor einigen Jahren wäre diese Vorstellung undenkbar gewesen.

... Im Bereich der Außenpolitik haben Deutschland und Russland,
gemeinsam mit Frankreich, 2003 eine "weiche" Opposition gegen den von
den Amerikanern begonnenen Irak-Krieg gebildet und damit, freilich
sehr vorsichtig, ein neues Kapitel in der Geschichte Europas nach dem
Krieg eröffnet. Die Irak-Krise destabilisiert den Aufbau einer neuen
Weltordnung ... Berlin und Moskau haben sehr ähnliche Ansichten
darüber, wie diese neue Weltordnung aussehen sollte.

Der Machtantritt Putins, dessen frühere Tätigkeit mit Deutschland zu
tun hatte, hat zusätzliche Perspektiven für die Partnerschaft zwischen
beiden Ländern eröffnet. Leider wird das Potenzial bislang bei weitem
nicht ausgeschöpft. Dies liegt daran, dass viele in Deutschland und überhaupt in Europa einige Aspekte im Vorgehen des russischen Präsidenten nicht akzeptieren. So teilt Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer die Euphorie Kanzler Schröders in Bezug auf Russland
ganz und gar nicht; er ist besorgt darüber, dass Putins Russland vom
Weg der liberalen Werte abweicht.

Die deutschen Medien verurteilen Schröder für seine Annäherung an
"KGB - Russland" hart, dafür, dass der Kanzler bei seinen häufigen
Treffen mit dem russischen Führer diesen nicht wegen seiner Verstöße
gegen die Menschenrechte in Tschetschenien kritisiert, wegen seiner
selektiven - und daher politischen - Verfolgung von Oligarchen und
wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit. Journalisten und
Öffentlichkeit in Deutschland haben so beharrlich gegen Pläne
protestiert, Putin den Titel eines Ehrendoktors der Hamburger
Universität zu verleihen, dass die Zeremonie auf unbestimmte Zeit
verschoben wurde.

Beispiel dafür, wie gegenseitiges Unverständnis und Unterschiede in
den Planungen beider Seiten die Umsetzung wichtiger Initiativen
bremsen können, ist der Petersburger Dialog. Dieses auf Initiative
Putins und Schröders bereits 2000 geschaffene Forum ist bisher nicht
zur Brücke für Russlands Eintritt ins Europa des 21.
Jahrhunderts geworden. Die deutschen Teilnehmer wollen den Russen ihre
Sehweise in Bezug auf den Aufbau einer Zivilgesellschaft aufdrängen,
wobei sie sich auf die reiche historische Erfahrung Deutschlands nach
dem Krieg berufen. Die russischen Teilnehmer wollen derartige
Belehrungen jedoch nicht. Sie brauchen den Dialog, um mit seiner Hilfe
pragmatische Ziele zu erreichen, beispielsweise die Wahrung der
gemeinsamen strategischen Interessen beim Aufbau der künftigen
Architektur Europas, die Organisierung des Handels, die Erweiterung
der Energiepartnerschaft, die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der
Hochtechnologie ..., die erleichterte Visumerteilung zwischen beiden
Staaten und die gegenseitige Anerkennung von Universitätsdiplomen.
Außerdem sind die Veranstaltungen im Rahmen des Petersburger Dialogs
von übermäßiger Bürokratie gekennzeichnet, denn die meisten seiner
Teilnehmer sind nicht Vertreter der Zivilgesellschaft...

Die Politik der "harten Hand", also die Verstärkung autoritärer
Tendenzen in Russland, erschwert den Annäherungsprozess ernsthaft.
Schröder ist freilich der Meinung, dass die deutsche Presse und die
Bürokratie in der Beurteilung der russischen Situation zu ungerecht
sind und dass ihre Haltung Hindernisse schafft. Während die meisten
europäischen Politiker besorgt waren über das Scheitern der liberalen
Ideen bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Russland,
beeilte sich der deutsche Kanzler, als erster der ausländischen
Staatschefs Putin in Moskau zu seiner Wiederwahl zu gratulieren.
Während die Europäische Union der "autoritären Modernisierung" Putins
mit immer größerem Misstrauen gegenübersteht ..., wird der
deutsch-russische Bund zum neuen Antrieb für die
Stabilisierungsprozesse im Osten des europäischen Kontinents ...

Freilich gibt sich Moskau in Bezug auf einen EU-Beitritt keinen
Illusionen hin. Den gegenwärtigen Entwicklungen der EU und Russlands
liegen unterschiedliche, zuweilen sogar gegensätzliche
zivilisatorisch-kulturelle Werte zu Grunde. Russland stärkt seine
Staatlichkeit durch eine harte Zentralisierung der Macht. Deutschland
und die anderen europäischen Länder dagegen kehren sich nach und nach
immer mehr von der Idee des Nationalstaates ab und übertragen dem
gesamteuropäischen Zentrum in Brüssel einen Teil der souveränen
Rechte. Auch aus diesem Grund können Moskau und Berlin bei der
Entwicklung gemeinsamer Strategien und Konzepte nicht so eng
zusammenarbeiten, wie es Deutsche und Franzosen zum Wohle ganz Europas
tun. Die gemeinsamen Schritte Russlands und Deutschlands führen
unverzüglich zu einer Welle von Befürchtungen seitens der
osteuropäischen Staaten, der neuen Bündnispartner des Westens. Sie
verfolgen eifersüchtig, wie sich die Beziehungen zwischen Berlin und
Moskau entwickeln.

Und dennoch ist klar erkennbar: Russland und die EU sind so eng
miteinander verbunden, dass sie sozusagen zum aktiven Zusammenwirken
verurteilt sind. In den Prozessen, die auf dem europäischen Kontinent
vor sich gehen werden, braucht Russland zuverlässige Partner und
Verbündete. Nicht von ungefähr hat Präsident Putin in einer Rede im
russischen Außenministerium kürzlich Deutschland, Frankreich und
Italien als europäische Länder hervorgehoben, die ehrlich an einer
Freundschaft mit Russland interessiert sind. Und in dieser Gruppe wird
Deutschland zweifellos die führende Rolle spielen ... Russland hört
auf seinen deutschen Partner. Aufrufe deutscher Banken, vor Russlands
Beitritt zur WTO eine Bankenreform durchzuführen, sind nicht ignoriert
worden ... Beobachter, die die deutsch-russischen Beziehungen für
besser halten als die Beziehungen zwischen der EU und Russland
insgesamt, haben Recht.

Leider sind viele Politiker im Westen, enttäuscht durch die
Geschehnisse in Russland, zu der Überzeugung gelangt, dass der Plan
der Europäisierung Russlands, auf dessen Erfolg sie in den neunziger
Jahren so sehr gehofft haben, gescheitert oder seine Verwirklichung
zumindest in eine unbestimmte Zukunft verschoben worden ist. Die
Russland-Politik Schröders zeugt davon, dass der Bundeskanzler zu den
weitsichtigen westlichen Führern gehört, die die wahre Bedeutung eines
starken, aber gleichzeitig auch demokratischen und stabilen Russlands
für das Europa des 21. Jahrhunderts begreifen und die Hände nicht in
den Schoß legen, wenn sie sehen, dass nicht alles so gelingt, wie es
zunächst geplant war. Die Frage, welchen Platz Russland im künftigen
Europa einnehmen wird, ist in ihrer historischen Bedeutung zu
vergleichen mit der Frage, welche Rolle die Vereinigten Staaten in der
Welt spielen werden.

In Moskau gibt man Berlin unzweideutig zu verstehen: Russland ist das
stabilisierende Element in Eurasien und ein "Fenster" für Deutschland
in diese Region. Russland vertraut Deutschland und hofft, dass die in
Berlin entwickelte außenpolitische Linie nicht auf das wirtschaftlich
unentwickelte Russland ausgerichtet ist, sondern auf den künftigen
starken Partner in Eurasien, der an die Europäische Union grenzt und
mit ihr eng zusammenarbeitet.

Die deutsch-russischen Beziehungen haben Perspektiven, wenn sie nicht
auf Antiamerikanismus aufbauen. Versuchte Putin, einen Keil zwischen
Europa und Amerika zu treiben - die Führer der UdSSR wollten das
seinerzeit -, wäre Deutschland nicht auf einen so engen Kontakt zu ihm
eingegangen. Schröder braucht kein antiamerikanisches, sondern ein
proeuropäisches Russland. Ihm ist bewusst, dass die anstehenden
Probleme bei der Energieversorgung aus den Ländern des Persischen
Golfs, die Konflikte mit islamischen Fundamentalisten, in die Europa
hineingezogen werden wird, für die Zukunft der Alten Welt so
gefährlich sind, dass es notwendig ist, einen Rückhalt zu finden, auch
in Russland mit seinen enormen Naturressourcen.

Leider ist noch nicht vollständig auszuschließen, dass Russland sich
noch vom proeuropäischen Weg abkehrt. Dennoch ist die Tiefe der
positiven Veränderungen nach dem Fall des Kommunismus eher ein Zeichen
dafür, dass politische Komplikationen dort nicht sehr wahrscheinlich
sind. Es ist sehr gut möglich, dass die derzeitige deutsch-russische
Annäherung den Boden für die Schaffung eines mächtigeren und
stabileren "Motors" nach dem Vorbild des deutsch-französischen
bereitet, der bei der Bildung der Europäischen Union und beim
Aufblühen der westeuropäischen Zivilisation insgesamt eine historische
Rolle gespielt hat. 

25.8.04

 In Berlin wurde das zehnjährige Bestehen der Stiftung West- Östliche Begegnungen feierlich begangen.  

Die Feier fand im Palais am Festungsgraben in Berlin- Mitte statt. Der Ort ist geschichtsträchtig. In der Nachkriegszeit gehörte das Palais der deutsch-sowjetischen Freundschaftsgesellschaft der DDR. Hier trafen sich Berliner und andere DDR- Bürger mit sowjetischen  Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. Hier wurde die Geschichte der deutsch-russischen Bürgerkontakte mitgeschrieben, die vielen Deutschen   halfen, die Kultur der Völker der Sowjetunion kennen zu lernen.  

In Erinnerung daran wurde das Palais auserkoren, hier  den zehnten Jahrestag der Gründung der Stiftung „West- Östliche Begegnungen“ zu feiern. Denn die Stiftung versteht  sich als Erbe der DDR- Freundschaftsgesellschaft, ohne allerdings die ideologische Verbrämung der Tätigkeit ihres Vorgängers zu übernehmen. Wie schon der Name der Stiftung sagt, widmet sie sich den Kontakten zwischen den Deutschen und den Angehörigen der Völker der ehemaligen Sowjetunion, vor allem  des russischen Volkes.  

Im Unterschied zu zahlreichen anderen einschlägigen Vereinen in Deutschland, verfügt   die Stiftung  über beträchtliche Geldmittel. In einem nach der deutschen Wiedervereinigung geführten Gerichtsprozess setzte   sie das Recht durch, ihre Tätigkeit  aus dem  Vermögen der DDR- Freundschaftsgesellschaft zu finanzieren. So kommt das, was  in der DDR-Zeit als  DSF- Mitgliederbeiträge in die Kasse der Freundschaftsgesellschaft  floss,  auch im wiedervereinigten Deutschland  seiner Bestimmung zugute. Und zwar indem nicht nur die eigenen Projekte der Stiftung, sondern auch die Projekte anderer einschlägiger  Vereine sowohl aus dem Osten, als auch aus dem Westen der Bundesrepublik   gefördert werden. Darunter  der Schüleraustausch, Begegnungen von Künstlern und anderen Kulturschaffenden, Erholungsaufenthalte,  Treffen  der Bürger, die sich für Menschenrechte engagieren.  

Mittelpunkt der Veranstaltung im Palais am Festungsgraben war die Festrede von Professor Doktor Gesine Schwan, Präsidentin der Viadrina- Universität in Frankfurt an der Oder. Unter anderem berichtete sie von umfangreichem Vorhaben der Universität, die Beziehungen mit den russischen Hochschulen  zu pflegen und zu erweitern. Die Feier endete mit der Verleihung des Förderpreises 2004 durch Dr. Franz von Hammerstein, Ehrenvorsitzender der Stiftung.

30.10.04  

Das deutsche Medienecho zur 55. Wiederkehr des Gründungstags der DDR fällt heuer stärker als sonst nach der Wiedervereinigung    aus. Vermutlich erklärt sich dies dadurch, dass sich viele Deutsche, mit dem absinkenden Lebensniveau konfrontiert,  nach mehr sozialer Stabilität sehnen. Und da die DDR im Ruf steht, ihren Bürgern zwar einen sehr bescheidenen Wohlstand, dafür aber eine umfassende soziale Fürsorge  gesichert zu haben, gewinnt ihr Bild in den Köpfen positive Züge. Die Medien tragen diesem Bildwandel Rechnung.  

Was aber in den Pressebeiträgen fast immer fehlt,  ist der Hinweis auf die Rolle der Sowjetunion  dem Werdegang  und der Abschaffung der DDR. Auch bei der Gestaltung ihrer sozialen Belange. Das Letztere vermutlich  deswegen, weil dieses Phänomen mit der gängigen Vorstellung von der Ausbeutung der DDR durch die Sowjetunion schwer unter einen Hut zu bringen wäre.  

Dabei hat  die Sowjetunion, deren Bevölkerung sich immer mit einem viel schlechteren Lebensstandard  als dem in der DDR abfinden musste, zur relativen wirtschaftlichen Prosperität der DDR längere Zeit auf verschiedene Art und Weise beigetragen. Nicht weil man im Kreml unbedingt das letzte Hemd mit den DDR- Deutschen teilen wollte, sondern weil die  DDR als  Frontstaat des Kalten Krieges betrachtet wurde. Ein Frontstaat, der Westdeutschland etwas entgegenhalten  sollte.   

Deshalb  genoss  die DDR mehrere Jahre lang zum Beispiel das Privileg,  sowjetisches Erdöl und Erdgas zu Preisen  unter dem Weltniveau beziehen zu dürfen. Was die DDR- Führung übrigens auch nutzte, um einen Teil der Lieferungen unter der Hand weiter westlich zu verkaufen. Der Unterschied zwischen dem Kauf- und dem Verkaufpreis blieb selbstverständlich in der DDR. 

Die auf diese Weise geleistete Alimentierung  des ersten Arbeiter- und Bauernstaates in der deutschen Geschichte, wie es damals hieß, wurde erst dann zurückgenommen, als man im Kreml die Aussichtslosigkeit der Konfrontation mit dem Westen begriff und daran ging, dieser ein Ende zu setzen. Zwar versuchte  Ostberlin, sonst dem Kreml gegenüber eher servil,  die neue sowjetische Westpolitik zu unterlaufen, aber das verärgerte  nur die sowjetische Führung. Für die Auflehnung gegen den Meister wurde der Zauberlehrling  bestraft. Unter anderem damit, dass die Sowjetunion die wirtschaftliche Bevorzugung  der DDR abbaute. Das hatte Folgen für die großzügige soziale Politik der DDR.  Und  trug letztendlich zu jener Revolte der DDR- Bevölkerung gegen die Mächtigen bei, die das Ende der DDR herbeiführte.  

Den endgültigen Schlussstrich unter die DDR-Geschichte zog der Unwille des Kremls, gegen die rebellierende  DDR- Bevölkerung die in der DDR stationierte  Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte einzusetzen.  

So hat die Sowjetunion nicht nur bei der Geburt des separaten ostdeutschen Staates 1949, sondern auch bei der  Wiedervereinigung Deutschlands 1989 Pate gestanden. Woran am 55. Jahrestag der DDR auch deswegen  zu erinnern ist, weil diese Rolle der Russen bei der Überwindung der Teilung Europas, deren Kern die Teilung Deutschlands war, oft verschwiegen wird.

 29.9.04

MIT DEN AUGEN EINES RUSSISCHEN JOURNALSTEN GESEHEN: DIE OSTALGIE UND ÄHNLICHE PHÄNOMENE

1.

Die sogenannte „Ostalgie“ in den neuen Bundesländern ist ein immer wiederkehrendes Thema der deutschen Medien. Sie berichten über viele Erscheinungsformen der Ostalgie. Darunter die wachsende Beliebtheit von Alltagsgegenständen, die an die verblichene DDR erinnern. Publikumserfolge von in der DDR gedrehten oder an die DDR verklärend erinnernden  Filmen. Immer neue Kneipen  mit DDR-Ambiente. Die Verwandlung des Plastik- Autos „Trabant“, früher  das Gespött des Volkes, in ein Kultauto. Und  anderes mehr, was  zur Ostalgie-Welle gehört.

Was hat  diese Welle auf sich, fragt sich der Verfasser , wenn er die Berichte in der deutschen Presse liest. Ist es eine vorübergehende Mode, die wie jede andere schwer ins politische  Geschehen einzuordnen ist? Oder ist die Ostalgie ein ernstzunehmendes Symptom der sich verändernden Befindlichkeit der Menschen in Deutschland, vor allem in Ostdeutschland?

Aus zwei Gründen glaubt er,  sich zu dieser Frage äußern zu dürfen. Erstens, weil er das Geschehen in Ostdeutschland in der Wendezeit und auch danach  miterlebt hat. Zweitens, weil ein ähnliches  Phänomen auch in Russland zu beobachten ist. Auch in Russland sehen viele Menschen die Vergangenheit nicht mehr so eindimensional wie  gleich nach der Wende.  Und wie in Ostdeutschland sind auch in Russland   bei weitem nicht nur ideologiegeblendete Anhänger des Kommunismus  von der Nostalgiewelle erfasst. Die überaus meisten Nostalgiker wollen gar nicht zurück zur politischen und sozialen Ordnung,  die sich kommunistische schimpfte und keine kommunistische war. Sie wollen nur ihre Sicht auf die Vergangenheit korrigieren. Die Korrekturen, die sich aus ihren Erfahrungen in der Zeit nach der Wende ergeben, in das Bild der Vergangenheit einbringen.

Welche Erfahrungen  sind es? Darüber nachsinnend, kramte der Verfasser dieser Beitragsreihe  seine flüchtigen Notizen aus der   Wendezeit hervor. Damals pendelte er zwischen  Berlin und  Moskau. Die Vergleiche zwischen dem Geschehen in Russland und in Ostdeutschland drängten sich ihm auf. Er versuchte die Erkenntnisse, wenn auch andeutungsweise, festzuhalten. Und  seine Hoffnungen und Erwartungen auch.

Übrigens gerade dieser, der letzte Aspekt seiner Notizen, treibt ihm jetzt, wenn er in den alten Notizbüchern blättert, die Schamröte ins Gesicht.  Denn  seine Hoffnungen und Erwartungen von damals haben sich  zum großen Teil als unrealistisch erwiesen. Jetzt ist klar, dass sie von einem naiven  Optimismus geprägt waren. Von  Euphorie.

Es waren allerdings sehr viele Zeitgenossen, die der Euphorie verfielen. Und dann, wie er, auf die Nase fielen.

2.

Die schicksalsträchtige Zeit der Wende verbrachte der Verfasser größtenteils  in Ostdeutschland, wo er privat zu tun hatte. Aber  auch  in Russland, wo er damals noch seinen ständigen Wohnsitz besaß. So kann er an Hand der alten Notizen das Geschehen in Russland und das in Ostdeutschland  rekapitulieren.

Wie zum Beispiel diese Notiz vom November 1989: „Die Große Französische Revolution 1789, die Erstürmung der Bastille“.

Mit dieser Notiz  hielt der Verfasser einen Gedankenblitz fest, der ihn traf, als er die Kunde vom Mauerfall in Berlin in einem Bericht eines Westsenders vernahm. Es war der Vergleich zwischen dem Mauerdurchbruch in Berlin und der Erstürmung der Bastille  zwei hundert Jahre davor in Paris.

Mag sein, dass der Vergleich jetzt wenig originell erscheint. Damals aber, das heißt im November 1989, hielten ihn viele in Moskau zu gewagt, ja fehl am Platze. Denn die sowjetische Presse  versuchte die Öffnung der Mauer runterzuspielen.  Als wäre es nichts weiter als eine verkehrstechnische Angelegenheit. Jedenfalls kein weltgeschichtliches Ereignis ersten Ranges. Wie eben die Erstürmung der Bastille von 1789 es war.

Wo es keine Fische gibt, gilt auch ein Krebs als Fisch, sagt ein russisches Sprichwort. Oder, wie die Deutschen sagen: Im Reich der Blinden ist  der Einäugige König.  So war es mit dem Verfasser. Er kam sich sehr scharfsinnig vor. Obwohl es  unter seinen Kollegen sicherlich viele gab, die, wie er,  die  Tragweite des Mauernfalls ahnten. Aber sie schwiegen.  Auf Anweisung von oben.

Er aber, kurz davor aus der Moskauer Rundfunkzentrale katapultiert, war frei wie ein Vogel im Himmel. Und so schrieb er, gleich nachdem ihn der obenerwähnte Geistesblitz traf,  einen Pressebeitrag über das Geschehen in Berlin. Eben in dem Sinne, dass der Mauernfall  für das Schicksal unseres Kontinents nicht weniger Bedeutung hat als die Erstürmung der Bastille im XVIII. Jahrhundert.

Den Beitrag wollte zuerst keine Zeitung haben. Außer einem kleinen Blatt, das Narrenfreiheit genoss. Es druckte den Beitrag. Damit wurde ein  Echo ausgelöst, mit dem der Verfasser gar nicht gerechnet hatte. Besonders im Ausland wurden die Medienleute hellhörig. Ihre Vertreter riefen beim Verfasser zu Hause an. Sie   wollten wissen, ob er den Beitrag mit dem Segen der Obrigkeit  geschrieben hatte. Als er verneinte,  glaubten sie ihm nicht. Und da sie einen direkten Draht zum Kreml vermuteten, erkundigten sie sich, ob die Sowjetunion ihre in der DDR stationierten Truppen doch  aufmarschieren lassen würde, um die Ostdeutschen zur Räson zu bringen. Nein, antwortete der Verfasser,  geschmeichelt,  für ein Sprachrohr des Kremls gehalten zu werden,  die Zeiten sind, vorbei.  Der Kreml gibt die DDR frei.

Bekanntlich traf seine Prognose  zu.     

3.

Trotzdem nahm  die sowjetische Führung von 1989 die Kunde vom Mauerfall in Berlin reserviert auf. Das spiegelte sich in der Berichterstattung der sowjetischen Presse wider, die der Tragweite des Ereignisses nicht gerecht war.

Gott sei Dank  hat der Kreml der Versuchung widerstanden, die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen aufmarschieren zu lassen.   Denn der Truppenaufmarsch mit dem Ziel, die Mauer aufrechtzuerhalten, würde die Entspannung für Jahre hinaus kaputtmachen.

Ein Unbehagen in  Moskau bezog sich nicht so sehr auf den Fall der Mauer selbst. Der Berliner Mauer konnten nur Betonköpfe nachtrauern. Für Politiker, die nach vorne blickten, wurde sie zur lästigen Hypothek, da  sie die Herstellung neuer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen behinderte. 

Was am Mauerfall in Berlin den Kreml störte, war vermutlich die Art und Weise.  Die Spontaneität des Prozedere.  Der damaligen Führung der Sowjetunion behagte die Spontaneität überhaupt nicht. Sie  war darauf aus, jegliches Geschehen immer  unter Kontrolle zu halten. Sein Tempo und seine Richtung  selbst zu bestimmen. Auch die westlichen Partner der Sowjetunion wollten  dasselbe. Vermutlich auch in Bonn wurde der Wunsch gehegt, die Entwicklung nicht ausufern zu lassen. Die  Erhebung der Ostdeutschen drohte das Kalkül zu durchkreuzen.

Das war der damalige Eindruck des Verfassers , der sich bei langen Spaziergängen  in Moskau Gedanken darüber machte, warum die sowjetische Presse und nicht nur die sowjetische über das Geschehen in Berlin  unterkühlt berichtete. Mit „Understatements“, wie       die Engländer es nennen. 

4.

Damals  beeindruckte den Verfasser ein Erlebnis in Moskau. Zwar spielte sich in der sowjetischen Metropole damals viel ab,  was noch vor kurzem hier  undenkbar und deswegen sehr beeindruckend war. Die Moskauer strömten auf die Straßen, zu Demos. Wie die Berliner, Leipziger, Dresdener u.s.w. Und die Prager,   Budapester u.s.w. Insbesondere nach dem Mauerfall in Berlin.

Aber eine  Episode gewann in der Wahrnehmung des Verfassers einen besonderen Wert. Einmal, als wieder eine  große Demo angesagt war, nahm der Verfasser  ein Stück Holzspan und pinselte darauf: „Das freie Berlin grüßt das sich befreiende Moskau“. Dieses Plakat mit schiefen Buchstaben drückte er seiner deutschen Frau, einer Wahlberlinerin, in die Hand. Und wir gingen  zur Demo.

Wie die Demoteilnehmer auf das Schild, das meine Frau trug, reagierten, ist schwer zu beschreiben. Auch jetzt, fünfzehn Jahre danach, kommen einem die Tränen, wenn man daran denkt. Die demonstrierenden Moskauer umarmten und küssten  die  Frau und wollten nicht von ihrer Seite weichen. Die Fotoreporter, auch die westlichen, knipsten. So hat sie ein Stück Weltgeschichte mitgemacht.

Heute bedauert sie ihr Engagement.  Denn Boris Jelzin, den  die Demo in seinem Kampf um die Macht in Russland  unterstützen sollte,  enttäuschte sie zutiefst. Der  Hoffnungsträger Russlands entpuppte sich als sein Verderber. Er legte die russische Wirtschaft in die Hände der Handlanger des ausländischen Großkapitals. Das Land wurde von ihnen regelrecht geplündert.

Wie unzählige andere in Russland, bekamen  unsere russischen Freunde das   schmerzlich zu spüren. Im Reich des Zaren Boris ging es ihnen so schlimm wie nie zuvor. Kein Wunder, dass sie sich jetzt nostalgisch an die spärlichen Wohltaten der Sowjetmacht erinnern. Obwohl sie damals nichts sehnlicher wünschten als das Ende dieser Macht.

Allerdings hielt die von uns erlebte, unerwartete und bewunderte  Begeisterung der Menschen von der Straße nicht lange. Ziemlich bald fielen  sie  wieder in den  Trott zurück, den sie in den Jahrzehnten der Sowjetmacht übten. Die Ursache war prosaisch. Das nackte Überleben nahm ihr ganzes Sinnen und Trachten in Anspruch. Das mühsam gesparte Geld wurde entwertet. Etwas Essbares, was bezahlbar war, zu erwischen, forderte viel Mühe und Erfindersinn. Die Politik musste den Alltagssorgen weichen.

Der Verfasser trug in sein Notizbuch die Frage danach ein, ob das mit der von oben verordneten Wirtschaftspolitik nicht mitbezweckt wurde. Einer Wirtschaftspolitik, die vorgab, in Russland den freien Markt an die Stelle der Planwirtschaft  einzuführen.

5.

Mehr Zeit als in der Heimat verbrachte der Verfasser damals in Ostdeutschland. Zwar aus privaten Gründen, nichtsdestoweniger konnte er sich nicht verkneifen, am Geschehen in Ostdeutschland teilzunehmen. Als Beobachter und  Journalist.

Um das vorweg zu sagen, das damalige Geschehen in  Ostdeutschland  faszinierte den Verfasser. Er dankte dem Schicksal immer wieder, dass es ihm ermöglichte, diesen phantastischen Aufbruch der Deutschen mitzuerleben. Der Deutschen, denen nachgesagt worden war, ein Volk sturer Untertanen zu sein. Woran übrigens der Verfasser genauso wenig glaubte wie an die westliche Mär von den unterwürfigen, die Knute liebenden Russen.    

Die Erhebung der Ostdeutschen erlebte der Verfasser hautnah. Er wohnte nämlich im Prenzlauer Berg, wo der Mittelpunkt der demokratischen Aktivitäten war. Nur einige Hundert Meter von seinem Zuhause entfernt stand  die Gethsemane Kirche, die in den Tagen des Mauerfalls den Vorkämpfern der Erneuerung Zuflucht und andere Unterstützung gewährte. Der Verfasser ging gern hin. Es machte ihm Freude, die entschlossenen intelligenten Gesichter der jungen Frauen und Männer zu betrachten, die die Fäden des Geschehens in der Hand hatten.

Seitdem ist der Prenzlauer Berg des Verfassers liebster Berliner Bezirk.

Allerdings  währte die Revolution 1989 auch im Prenzlauer Berg  nicht sehr lange.  Anfang 1990 musste der Verfasser wieder für einige Wochen nach Moskau. Als er nach Berlin zurückkam, fand er den Prenzlauer Berg ziemlich verwandelt. Nix mehr mit Meetings und Demos. Und nicht etwa, weil der demokratische Aufbruch der Bevölkerung gewaltsam unterdrückt worden wäre. Wer sollte ihn unterdrücken? Die Staatsmacht der DDR lag in den letzten Zügen. Die Staatsmacht der Bundesrepublik  mischte sich nicht mit gewaltsamen Mitteln ins Geschehen ein. Und trotzdem notierte der Verfasser in sein Notizbuch, dass  der Elan der Prenzelberger entwichen war wie die Luft aus einem durchgestochenem Luftballon.

6.

Als der Verfasser einen Menschenrechtler  danach fragte,  ob sich der Wandel damit erklärt, dass das wichtigste Ziel der Volkserhebung, die Wiedervereinigung Deutschlands, so gut wie erreicht schien, antwortete dieser mit ja und  mit nein. Zwar meinten jetzt die Leute, die Wiedervereinigung sei gesichert und brauche nicht mehr eingefordert zu werden. Aber  ihr Verhalten  sei auch durch neue Sorgen geprägt. Welche denn? Er zeigte auf den Sperrmüll  an den Häuserfronten. Das waren Berge von gebrauchten Fernsehern, Radiogeräten, Waschmaschinen und Kühlschränken, Möbeln  und anderem Haushaltskram. Alles DDR- Produktion. Alles weggestellt, um viel besseren, viel attraktiveren Sachen westlichen Zuschnitts in den Wohnungen Platz zu machen. Dem ganzen Krempel, auf den das Westfernsehen jahrzehntelang Lust machte. Und der jetzt, nach dem Geldumtausch und der Öffnung der Grenzen auch den Ossis zugänglich wurde. 

Da dämmerte mir, wie ein Volk in der modernen Zeit auf den Teppich zurückgebracht  werden kann. Nicht mit Polizeigewalt wie anno dazumal. Sondern zivilisiert. Entweder dadurch, dass man ihm  einen harten, zeit- und kraftraubenden  Existenzkampf  aufzwingt. Wie  in Russland.  Oder dadurch, dass es mit Luxus- oder dem, was es für Luxus hält, korrumpiert wird. Wie in Ostdeutschland.  Selbstverständlich ist dies eine viel bessere, aber nur in einem reichen Land wie Deutschland gebräuchliche Variante.

Diesen, sicherlich banalen Gedanken, habe ich damals mit einer Eintragung in mein Notizbuch festgehalten, die nur aus zwei Worten bestand. „Buridans Esel“. Gemeint war die alte Fabel von einem störrischen Esel, dem der  Eseltreiber ein Häufchen Heu vor die Schnauze binden muss, damit er den Karren zieht.  

Auch damals verstand ich allerdings, dass  die Fabel der Situation in Ostdeutschland nicht gerecht wurde. Weil die DDR- Menschen zuerst mal viel Freude  an der neuen Lebensweise hatten. An der neuen schönen Ausstattung ihrer Wohnungen. An den Bananen auf dem Esstisch. An den modernen Farbfernsehern und Videogeräten. An der bunten Presse. Und vielem anderen mehr, was ihnen die DDR nicht geben konnte oder wollte. Ach, hätten die Ossis ihre Freude daran nicht so schnell vergessen. Dann wäre die Ostalgie heute kein Thema.

Aber vielleicht haben sie trotzdem ihre Gründe für die Ostalgie, wie die Russen ihre Gründe für die  Nostalgie nach der sowjetischen Zeit haben?

7.

Zu den Sorgen der Ossis gehörten schon damals die um den Arbeitsplatz. Nach der Wende begannen  die Arbeitsplätze  in Ostdeutschland   zu schrumpfen wie das Eis in der  Frühlingssonne. Immer mehr ehemalige DDR- Bürger litten an Arbeitslosigkeit oder an Angst davor.  

Aber es machten sich damals im ostdeutschen Alltag auch  andere Dinge bemerkbar, zumeist nicht so spektakulär wie die Arbeitslosigkeit, aber zeit- und nervenraubend schon. Denn aus dem anderen deutschen Staat kam nicht nur das zum Unterschied von den „Alluchips“ der DDR  vollwertige Geld. Nicht nur die schönen Waren,  die das Westfernsehen den DDR- Bürgern schon lange vor der Wende schmackhaft gemacht hatte, wurden aus der Bundesrepublik in die DDR eingeführt.  Es kamen auch die umfassenden, den Menschen in Ostdeutschland aber wenig oder gänzlich unbekannten Vorschriften. Man  fand sich quasi  in einem anderen Universum wieder, wo es nicht wenigen Ankömmlingen   schwer fiel, sich zurechtzufinden.  Wie es einem Autofahrer schwer fällt, sich in fremden Straßenverkehr einzufügen und an  die nicht verinnerlichten Verkehrsgebote und Verbote zu halten.  Und wenn  ihm der Sinn der Verkehrsgebote und -verbote nicht einleuchtet und die Zeichen und Symbole auf den Verkehrsschildern nicht geläufig sind, ist es erst recht schwer.

Die Metapher hatte übrigens mit den Erfahrungen des  Verfassers zu tun. Es war nämlich so, dass er in Moskau   nicht nötig gehabt hat, sich ein Auto und damit auch einen Führerschein anzuschaffen. Dort gab es ein dichtes Netz von  spottbilligen öffentlichen Verkehrsmitteln, außerdem sehr preiswerte Taxis.   In Berlin aber , wenn man mobil sein wollte, konnte man ohne Auto nicht auskommen. Weil die öffentlichen Verkehrsmittel hier immer teuerer und deswegen immer weniger frequentiert und als eine weitere Folge abgebaut wurden. So wollte er, als es feststand, dass er von nun an in Berlin bleibt,  seinen Führerschein machen.

Aber  bevor es so weit kam, hat er, sage und schreibe,  vier Fahrlehrer vernascht. Alles tüchtige Menschen, kapitulierten sie vor der Begriffsstutzigkeit ihres Fahrschülers, der die für sie von Kindesbeinen an selbstverständlichen Regeln nicht kapierte und dazu noch die Frechheit besaß, immer wieder nach dem Sinn dieser oder jener Regel zu fragen. Worauf er übrigens zumeist die Antwort erhielt, „So muss es sein und basta!“. 

Er glaubt, viele Ossis gerieten, als sie sich von Heute und Morgen in dem wiedervereinigten Deutschland  wiederfanden, in eine ähnliche Situation wie der Verfasser als Fahrschüler, aber nicht nur und vor allem nicht im Straßenverkehr, sondern  in anderen  Lebensbereichen. Und da die Straßenverkehrsregeln mehr oder weniger international sind, der soziale Verkehr in verschiedenen, geschweige denn entgegengesetzten Systemen nicht unbedingt, war ihre Situation viel  komplizierter als die eines Neulings im Straßenverkehr.

Übrigens ging es den Russen, die den Kapitalismus auch von Heute auf Morgen übergestülpt bekamen, dazu noch in seiner wildesten Ausprägung, ähnlich wie den Ostdeutschen, aber viel schlimmer. Weil  der „Westen“ ihnen gegenüber härter vorging,  da es nicht wie der „Westen“, mit dem die Ossis in Deutschland zu tun hatten, von den eigenen  Landsleuten regiert wurde.

Und jetzt ein kurzes Post Skriptum, um  Missverständnissen vorzubeugen. Mag es für die ehemaligen DDR- Bürger und erst recht für die Sowjetbürger schwierig gewesen sein, sich den neuen Verhältnissen anzupassen,  ist das sicherlich noch kein  Grund, das Wichtigere  in den Schatten zu stellen. Man darf nicht vergessen, dass es infolge der Wiedervereinigung Deutschlands und der Systemtransformation in Russland  einen großen Zuwachs von Freiheit, übrigens auch im Konsum gab.   In der sogenannten sozialistischen Ordnung bis aufs Minimum reduziert, ermöglicht  diese Freiheit ein ganz anderes Lebensgefühl. Zwar  nur in dem Fall, wenn man  die neugewonnene Freiheit tagtäglich  in Anspruch nimmt.  Sowohl    im Westen, als auch im Osten. Es ist ein gemeinsames Anliegen der Menschen im Westen und im Osten- und zwar im breiten Sinn der Wörter-  die Freiheit maximal zu nutzen, ihren Raum ständig zu erweitern. Ein Anliegen, das die Menschen im Westen mit denen im Osten  einigen kann.  

8.

Im Erlebten sucht der Verfasser  die Antwort auf die Frage nach den Wurzeln  der „Ostalgie und ähnlicher Phänomene“ . Denn er glaubt, dass diese auf den ersten Blick seltsamen  Erscheinungen  unmöglich aus dem Nichts entstehen konnten. Sie müssen eine Vorgeschichte gehabt haben. Sie  müssen allmählich gereift sein.  

So erinnert er sich an Gespräche aus dem Jahre 1990, die er mit einer, ihm nahestehenden ostdeutschen Altersgenossin  geführt hat.  Auf die Zweifel des Verfassers eingehend, ob das, was zusammengehöre, auch tatsächlich so schnell wie erhofft zusammenwachse, sagte sie, sie sei davon überzeugt. Ostdeutschland verglich sie mit dem verlorenen Sohn aus der christlichen Legende, der nach langem Herumirren in der Welt unter das elterliche Dach zurückkehrt und mit offenen Armen von den bereits verzweifelten Eltern empfangen wird.

Bezeichnenderweise erkannte die fromme Dame später ihren Irrtum und zog die Konsequenzen. Bereits in der DDR aufsässig gewesen, hielt sie auch im wiedervereinigten Deutschland nicht still. In Briefen an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages und an eine ähnliche Stelle im Bundeskanzleramt beklagte sie die von ihr als ungerecht und enttäuschend empfundenen Vorgänge.  Angefangen von der   Rückgabe der Immobilien an ihre früheren Besitzer ohne Rücksicht auf die Verhältnisse ihrer neuen Eigentümer und Mieter bis zur Aufhebung der DDR- Umweltschutzbestimmungen. Der Effekt war gleich Null, weil ihr jedes Mal weisgemacht  wurde, Gesetz sei Gesetz, da kann man nix machen. Dass die den neuen Bundesländern überstülpten Gesetze der Bundesrepublik  den Ossis mitunter , das Leben schwer machten, wollte keiner der von ihr Angeschriebenen wahrnehmen. 

Um das Thema abzurunden, ist zu erwähnen, dass die Dame,  1990 glühende Anhängerin der Wiedervereinigung gewesen, wenige Jahre später von einer aggressiven Art  DDR- Nostalgie erfasst wurde. Die Wiedervereinigung bezeichnete sie als „Anschluss“ Ostdeutschlands an die Bundesrepublik. Auf den Einwand des Verfassers,  dass das Wort, das die böse Erinnerung an den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland 1938 weckt, fehl am Platze sei, weil die Bundesrepublik ein demokratischer Rechtsstaat ist und die Wiedervereinigung von der Weltgemeinschaft begrüßt worden war, reagierte sie sehr unfreundlich. Sie unterstellte dem Verfasser Tatsachenblindheit und Paragraphenreiterei.      

Wenn er sich jetzt an diese Auseinandersetzung erinnert, dann sieht er ein, dass   die  Wiedervereinigung,  das wichtigste Ereignis in der neuesten deutschen Geschichte, nicht auf die glücklichste Art und Weise gemanagt wurde. Sie wurde gewissermaßen über die Köpfe der Ostdeutschen hinweg gesteuert.  Das musste das Selbstbewusstsein der Ossis nicht gerade stärken. Insbesondere, weil sie  in der Wendezeit gelernt haben,  über ihr Schicksal mitzubestimmen.  Denn mit ihren Aktivitäten haben sie zum Sturz des SED- Regimes, dem Durchbruch der Mauer, der Überwindung der Konfrontation auf deutschem Boden und  damit auch in Europa  beigetragen. Dann aber mussten sie,  auch wenn  die  Wiedervereinigung ihrem sehnlichsten Wunsch entsprach,   Kröten schlucken.

Der Verfasser glaubt, dass  auch die Russen  ähnliche Kröten schlucken mussten. Ungefähr in derselben Zeit wie die Ostdeutschen gingen auch sie auf die Strasse. Sie wollten dem Hick - Hack der widersprüchlichen Perestroika- Politik, dem Regiment des wortreichen, aber tatenarmen Gorbatschows und der Willkür der Bürokratie ein Ende setzen. Sie haben es erreicht. Aber das, was danach kam, entsprach nicht ihren Wünschen. Der im Kreml mit ihrer Unterstützung eingezogene Boris Jelzin, Zar Boris, wie er wegen seiner seltsamen Launen genannt wurde, steuerte die Entwicklung in eine für Russland verhängnisvolle Richtung.  Die Sowjetunion wurde aufgelöst wie ein provinzieller Gesangverein. Eine rapide Verelendung der Bevölkerung setzte  ein. Kein Wunder, dass die Befindlichkeit der Russen  wie auch die der ehemaligen DDR- Bürger eine Wandlung erfuhr. In den neuen Bundesländern war es eine Wandlung von der Begeisterung über den Systemwechsel zur Ostalgie. In Russland war es Wandlung zum Misstrauen und zum Teil auch zum Hass gegenüber      dem Westen.

9.

Da  der Verfasser   damals immer wieder in seine Heimat flog, konnte er einigermaßen auch das verfolgen, was sich dort ereignete. Ihn verblüffte, dass  die beiden so verschiedenen  Länder im Grunde genommen durch dasselbe Fegefeuer mussten.  

Über Ostdeutschland verfügten wenigstens die eigenen Landsleute, wenn auch die aus dem Westen des Landes. Dagegen wurde auf die  russische Transformation ein starker Einfluss von außen her, von den Kräften genommen, die ein starkes Russland nicht unbedingt wollten. Allerdings ergab sich daraus nicht viel Unterschied im Management der Systemtransformation.   Sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR wurde der Einbruch der freien Marktwirtschaft  nicht nur von Wohltaten, sondern auch von Untaten, genauer gesagt, von einer ausufernden Wirtschaftskriminalität, begleitet. Insbesondere, als man  an die Privatisierung der Staatswirtschaft ging. Die Privatisierer füllten zuerst mal  die eigenen Taschen. Dabei nutzten sie die von den Siegern in der Systemauseinandersetzung geschaffenen Mechanismen. In der Sowjetunion waren es die sogenannten Voucher. Es hieß, sie sind dazu da,  das Eigentum des Sowjetstaates in das des Volkes zu überführen. Aber in der Realität halfen sie den Plünderern des Volkseigentums, im Nu zu Dollarmilliardären zu werden.   Und in Ostdeutschland hat die Treuhand Ähnliches mitbewirkt.  

Mit den späten Folgen der auf diese Weise eingeleiteten Deindustrialisierung der Volkswirtschaften haben die Betroffenen noch heute zu tun. In Ostdeutschland ist es vor allem die doppelt so hohe Arbeitslosigkeit wie westlich der Elbe. In Russland die Verelendung eines beträchtlichen Bevölkerungsteils.

Eine Verelendung, die dem Verfasser während seiner Besuche in der Heimat sehr schmerzhaft ins Auge sprang,  als er aus dem Fenster seiner Küche würdige alte Menschen sah, die in den Mühltonnen nach Essenresten suchten. Oder als er  in seiner Straße minderjährigen Mädchen begegnete, die nach Freiern Ausschau hielten. So was gab es in der schlimmsten Sowjetzeit nicht.

Gott sei Dank blieb Ostdeutschland von dem derart ausgeprägten Elend weitgehend verschont. Aber alles ist relativ. Ein Ossi in Deutschland misst seine Lage nicht an  der  der Russen, sondern an der  seiner Brüder und Schwestern im Westen. Und ärgert sich grün.

Bekanntlich sind auch die Wessis nicht glücklich darüber, was sie die Wiedervereinigung kostete. Weil   sie den  Geldtransfer aus den alten in die neuen Bundesländer finanzieren mussten.

Einen gewaltigen Geldtransfer,  mehr als Hundert Milliarden D-Mark jährlich! Alle westlichen Hilfen an Russland nehmen sich dagegen  als schäbige Almosen aus.

Der Clou dabei war, wie man jetzt hört,  dass viel von diesem in die neuen Bundesländer geflossenen Geld durch verschiedene Kanäle in die alte Bundesrepublik zurückkam. Aber nicht in die Taschen  der normalen Steuerzahler, sondern in die der Konzernherren, der Gewinner der ostdeutschen Systemtransformation. Verständlicherweise schafft das im Westen des wiedervereinigten Landes viel böses Blut. Auch weil die neuen Bundesländer ein Fass ohne Boden zu  sein scheinen, denn auch mit dem  Geld aus dem Westen kommen sie nicht auf die Beine.

Übrigens genauso wenig halfen die westlichen Kredite Russland auf die Beine. Vermutlich, weil auch sie mit Auflagen verbunden waren, die nur den Kreditgebern nutzten, die Kreditnehmer aber noch ärmer machten.

Insgesamt aber wurde die Welt dadurch nicht besser, dass die Gestaltung der Systemtransformation in Ostdeutschland, Russland und anderswo  das nationale und internationale Wohlstandsgefälle  nicht, wie erhofft,  verminderte, sondern vergrößerte. 

10.

Die  Beobachtungen der Verfassers über die  deutsche Wiedervereinigung, die er hautnah miterlebte, brachte damals  der russischsprachige Dienst des Kölner Auslandssenders „Deutsche Welle “. 

Das kam  dem Verfasser sehr entgegen, da er meinte, die Russen müssten mehr von den Vorgängen in Ostdeutschland erfahren, um ihre eigene Situation umfassender einschätzen zu können. Selbstverständlich wollte er damit auch einen Beitrag zur russisch-deutschen Verständigung leisten.

Zuerst haben die Kollegen von der „Deutschen Welle“  diese Tätigkeit des Verfassers  unterstützt. Jedenfalls übersetzten sie seine russisch geschriebenen Beiträge ins Deutsche,  edierten diese als ein Heft unter dem Titel „Deutschstunden“ und ließen das  Heft den Bundestagsabgeordneten und anderen, für die russisch-deutschen Beziehungen mehr oder weniger  Zuständigen zukommen.

Allerdings ergaben sich  später in der ersprießlichen Zusammenarbeit zwischen dem Verfasser und der Deutschen Welle  kleine Probleme. Zum Beispiel, als der Verfasser in seinen Übersichten der ostdeutschen Presse viel davon zitierte, was diese über die Enttäuschung der Ostdeutschen schrieb. Das wurde als unkritisch gegenüber  der Wehleidigkeit in Ostdeutschland abgelehnt. Es hieß, die Ängste der Ostdeutschen seien unbegründet. Sie dürften gar nicht ernst genommen werden. Sie hätten in der Radiosendung nichts zu suchen.

Ach, wäre es so! Leider aber haben sich  die Ängste als durchaus begründet erwiesen.

Später berichtete auch die ostdeutsche Presse immer weniger über die Defizite der Wiedervereinigung. Denn die meisten Zeitungen wechselten den Eigentümer. Sie wurden von Pressekonzernen aus den alten Bundesländern aufgekauft. Seitdem  herrschte in der ostdeutschen Presse eine andere Optik vor. Die Ossis fanden sich mit  ihren Hoffnungen, ihrer Enttäuschung und Verzweiflung  auf den Zeitungsseiten und  auch dem Bildschirm viel seltener. Man hat uns die Zunge rausgeschnitten, klagte ein Kollege, den ich noch lange vor der Abwicklung der DDR in Berlin kennen gelernt habe. Das war zwar  übertrieben, aber ein Körnchen Wahrheit  steckte doch darin.

Übrigens lief es auch in Russland nicht viel anders. Hier gab es drei Etappen in der Entwicklung der Massenmedien. Die erste war durch die  staatliche Zensur gekennzeichnet,  die kaum ein wahres Wort in der Presse zuließ. Die zweite durch die viel gerühmte Glasnost, die sich auf die Entlarvung der alten Missstände  spezialisierte,  aber  die aktuellen Missstände oft überging. Die dritte gebar eine Regenbogenpresse,  zwar  amüsant, aber kaum aufklärend. Als Fazit kann man wohl sagen, dass sich die Mechanik des freien Marktes in der Unterdrückung der unerwünschten Nachrichten mitunter nicht weniger effizient erwies als die Zensur der Sowjetzeit.

Seinerzeit, als die staatliche Zensur in Ostdeutschland und Russland wegbrach, frohlockte der Verfasser. Mit der Zeit aber wurde er immer nachdenklicher. Er   wusste  nämlich, dass sich die Probleme  durch Verdrängen nicht aus der Welt schaffen lassen. Oder durch Legenden, wie jene, die alle Probleme der Gegenwart der längst überwundenen Vergangenheit anlastet. Auch einer anderen Legende glaubt der Verfasser nicht, wonach die  Missstände in den  neuen Ländern nur die Ossis selber verschuldeten. Weil sie träge seien und ihr Schicksal nicht in die eigenen Hände zu nehmen vermochten.

Ähnliches hört und liest  man übrigens auch über die Russen.   

Unsinn, denkt  der Verfasser darüber. Kaum ein anderes Volk hat soviel politische und soziale Initiative wie die Russen entfaltet.  Zum Beispiel, als es darum ging, 1917 die feudale Zarenmacht  abzuschaffen.  Und am Ende des Jahrhunderts  auch, als es darum ging, die Macht der Parteibürokraten in der Sowjetunion zu brechen.

Die Ostdeutschen sind  auch nicht vom Kadavergehorsam geprägt, das  allen Deutschen im fernen Westen angedichtet wird. 

Sowohl die Russen als auch die Ostdeutschen sind  die Leidtragenden  der Umstände, die nicht sie verschuldet haben. Eher schon verschulden  jene Gewinner der gewesenen Systemauseinandersetzung diese Umstände,  die,  dem schlechten Beispiel der sowjetischen Machthaber folgend,  sich  wähnten, die Sieger der Geschichte geworden zu sein. Und zwar für immer und ewig. Und  der Menschheit suggerierten, dass alle Gebrechen der modernen Welt nach dem Scheitern des anderen Gesellschaftssystems für immer kuriert seien.

Das ist  irreführend. Die akuten Probleme der Menschheit waren schon da, als das Wort Kommunismus für den Russen und den Ostdeutschen noch ein Fremdwort war. Und nach der Abschaffung der kommunistischen Systeme oder jener, die mit diesem Label versehen wurden, bleiben diese Gebrechen. Und werden zum Teil sogar schlimmer.

Wenn man sie aber alle  dem kühnen, wenn auch gescheiterten  Versuch einer anderen Lebensweise anlastet, spaltet man nur die Menschheit wieder. Und das  ist gefährlich. Weil  alle Menschenkinder in einem Boot sitzen. Wird  das Boot  leck , heißt es, gemeinsam  das Loch zu stopfen. Sonst geht man  eines Tages unter. Gemeinsam.

Hoffentlich setzt sich diese Erkenntnis durch.  Dann   verschwinden die  Ostalgie in den neuen Bundesländern Deutschlands und die  Sowjetnostalgie in Russland   wie der Nebel verschwindet, wenn die Sonne am Horizont aufsteigt. 

27.4.04

Mit zahlreichen Veranstaltungen und Medienberichten wird der sechzigste Jahrestag der Militärrevolte gegen Hitler  in Berlin begangen. 

Was dabei hervorhoben wird, sind  die patriotischen Beweggründe  des waghalsigen und tragisch ausgegangenen Unternehmens. Tatsächlich fühlten sich Graf Stauffenberg und seine Kombattanten zum Handeln berufen, nicht weil sie Deutschland zu einem Ebenbild eines anderen Landes machen wollten, ob England, die USA oder, erst recht, die stalinistische Sowjetunion. Sie wollten, dass Deutschland Deutschland bleibt.  Ohne nationalistische Militanz, aber auch ohne Demut und  Minderwertigkeitskomplexe. Gerade deswegen wollten sie das verbrecherische Hitlerregime  beseitigen, indem sie seine Symbolfigur umzubringen versuchten. Unter den Umständen der Zeit  war das   eine Tat, großartig genug, um ihr Andenken zu ehren. Auch sechzig Jahre nach ihrem Tod unter den Kugeln der Hitlerschergen.

Die gegenwärtigen Veranstaltungen gewinnen an Bedeutung auch deshalb, weil in den Jahren  der ideologischen Auseinandersetzung zwischen der kommunistischen  und der kapitalistischen Welt  die Verschwörung der Helden vom 20.Juli 1944 selten eine adäquate Darstellung erfuhr. Dieses Datum  ließ  sich schwer in die damals  gängigen Weltbilder   einfügen. Auch und vor allem in die Weltbilder  der beiden, damals existierenden und konfrontierenden deutschen Staaten, wo  die deutsche Vaterlandsliebe  nur insofern  akzeptiert wurde, wie es gegen den anderen deutschen Staat verwendet werden konnte. Für die einen war nur der Verschwörer wirklich gut,  der den Werten der westlichen Gesellschaft huldigte. Für die anderen - nur ein Kommunist oder mindestens ein Mitläufer.  

Da  viele Verschwörer weder zur einen noch zur anderen Kategorie gehörten, versuchte man, sie zurecht zu frisieren oder in ihrer Nähe passendere Figuren zu finden.

Nach der Einstellung der ideologischen Grabenkämpfe wurde der Weg zu einem realitätsgerechten  Geschichtsbild frei. Für Deutschland ist es wichtig, weil es  noch auf der Suche nach seiner Identität  ist.  

Übrigens steht auch Russland vor einer ähnlichen Aufarbeitung seiner Geschichte, einschließlich die der Sowjetzeit. Auch Russland ringt  um ein ausgewogenes Bild seiner Vergangenheit mit ihrem Licht und Schatten. An die Stelle  der Selbstverleugnung, die mitunter sehr aufgesetzt wirkte und nicht ganz ohne Hintergedanken aus dem Ausland geschürt wurde, kommt auch in Russland der Patriotismus zu seinen Rechten. 

Es ist eine gute Voraussetzung der wieder wachsenden internationalen Rolle Russlands. Denn nur selbstbewusste, aus freien Stücken handelnde Partner, sind gute Partner beim Aufbau einer zuverlässigen Friedensordnung in Europa und in der Welt. Deshalb verdient  übrigens die hiesige    Würdigung  der Revolte gegen Hitler    im Ausland mit Verständnis und Genugtuung registriert zu werden. 

20.7.04

ALEXANDER RAHR SPRICHT ES AUS...

Im Vorfeld des Petersburger Dialogs und der deutsch-russischen Regierungskonsultationen wird in Hamburg zum Teil heftig diskutiert, ob die Entscheidung der Hamburger Universität richtig ist, Wladimir Putin die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Alexander Rahr, Mitglied im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs, ist dafür – zum Wohle der deutsch-russischen Beziehungen.

FRAGE: Vorweg ganz kurz die Frage, die in Hamburg diskutiert wird: sind Sie dafür oder dagegen, dass Wladimir Putin die Ehrendoktorwürde der Hamburger Uni verliehen bekommt ?

RAHR: Ich bin dafür. Er hat sich Verdienste gegenüber der Stadt Hamburg erworben, besonders in der Entwicklung der Beziehungen zu St.Petersburg. Sie liegen etwa 15 Jahre zurück, aber nichtsdestotrotz hat er es gemacht. Und ich glaube, dass eine solche Geste den deutsch-russischen Beziehungen auf jeden Fall vom Nutzen sein könnte.

FRAGE: Aber belastet die Diskussion in Hamburg jetzt nicht eher die Beziehungen ? Putin wird von den Kritikern vorgehalten, er sei schuld am Tschetschenienkrieg, unterdrücke die Medien und jetzt auch noch liberales Unternehmertum.

RAHR: Der Hintergrund, auf dem sich heute die deutsch-russischen Beziehungen abspielen, ist in der Tat leider katastrophal geworden. Katastrophal negativ, was die deutsche Berichterstattung über Russland angeht. Es werden Floskeln und Halbwahrheiten gebraucht. Man steigt, aus meiner Sicht, journalistisch gar nicht wirklich hinter die tatsächlichen Inhalte der Chodorkowski-Affäre. Man benutzt stattdessen einfach den Fall Chodorkowski, um mit der Keule auf Putin einzuschlagen.

Genauso interessiert die westliche Öffentlichkeit herzlich wenig, wie Russland heute in Tschetschenien versucht, nach der Ermordung von Kadyrow eine politische Lösung durch freie Präsidentschaftswahlen herbeizuführen. Statt dessen wird diese Tatsache völlig ignoriert. Und man spricht davon, was man seit 10 Jahren immer wieder sagt, dass Menschenrechte in Tschetschenien von Putin mit Füssen getreten werden.

Dasselbe mit der Pressefreiheit: man steigt gar nicht dahinter, warum im Sender NTW das eine oder andere Programm geschlossen oder reduziert wurde. Sei es vielleicht weil die Zuschauerquoten weg brechen oder weil es eine Programmreform gibt. Stattdessen wird hier auch wiederum die Keule eingesetzt, Putin trete die Pressefreiheit in Russland mit Füssen.

Ich sage nicht, dass in Russland alles ruhig und in Ordnung ist. In Russland gibt es in der Tat bedenkliche Entwicklungen in Bezug auf Demokratie und Meinungsbildung. Allerdings sind die Probleme, die es in Russland gibt, eher in der Gesellschaft selbst verankert und gar nicht mal so sehr in der Führung.

Das alles wird hier ignoriert, und ich befürchte einfach, dass der Protest, der von einigen Hamburger Universitätsprofessoren jetzt so lauthals geäußert wird, hier darauf basiert, dass diese Personen zu wenig Informationen darüber haben, was in Russland passiert. Sie lassen sich von Klischees leiten, die mit den tatsächlichen Entwicklungen in Russland wenig zu tun haben.

FRAGE: Wladimir Putin ist bereits Träger von insgesamt sechs Ehrendoktorhüten. Gerhard Schröder wurde vor einem Jahr in Anwesenheit Putins zum Dr. hc. der Uuniversität Petersburg. Willy Brand war Ehrendoktor der Moskauer Lomonossow-Universität. Halten Sie es für sinnvol, dass in der internationalen Praxis Ehrendoktorwürden zur persönlichen Aufwertung guter staatlicher Beziehungen eingesetzt werden ?

RAHR: Ich bin nicht der Spezialist, um diese Frage so zu beantworten. Aber diese Praxis hat sich seit dem 2.Weltkrieg eingebürgert. Als eine besondere Geste an bestimmte Staatchefs und Minister, Aussenminister vor allen Dingen, die für die Beziehungen zweier Staaten viel getan haben. Damit hat nicht Russland angefangen, auch nicht Deutschland. Das ist halt gängige Praxis.

FRAGE: Boris Jelzin wurde seinerzeit in Baden-Baden der "Deutsche Medienpreis" 1996 verliehen. Helmut Kohl persönlich wohnte der Zeremonie bei - zu einem Zeitpunkt, als Jelzin den Tschetschenien-Krieg schon begonnen und die russischen Medien schon gnadenlos für seinen Wahlkampf instrumentalisiert und korrumpiert hatte. War das damals richtig ?

RAHR: Ich weiss wirklich nicht, ob man gerade die russischen Ehrentitel so gross herausbringen sollte. Vielleicht ist die Verleihung solche Titel an Politiker unsinnig. Natürlich geht es hier nicht immer mit rechten Dingen zu. Aber ich sage nochmals, dass es meistens eine politische Geste ist, um den Aufbau von strategisch wichtigen Beziehungen voranzutreiben. Man will hier bestimmte Politiker ganz besonders ehren und eine andere Art der Ehrung als die Verleihung von Preisen, ist in der Tat noch nicht erfunden worden.

Vielleicht wäre es innenpolitisch klüger gewesen, Putin mit einer Goethe-Medaille auszuzeichnen, wie man es mit Politikern aus Weissrussland gemacht hat. Eine Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg hat ihre Berechtigung. Sie hat ja auch übrigens viele Fürsprecher gefunden bei vielen Wirtschaftsorganisationen, die mit Hilfe Putin Anfang der 90er Jahre ihren Weg über St.Petersburg auf den russischen Markt gefunden haben.

Ich sehe in dieser Verleihung des Ehrendoktorwürde kein rechtstaatliches und auch kein zivilgesellschaftliches Problem. Das Problem, das ich hier sehe ist, dass diese Sache jetzt teilweise künstlich hoch gekocht wird und eher innenpolitische Dimensionen bekommt. Natürlich könnte die Opposition in Deutschland den Versuch unternehmen, die Außenpolitik Schroeders in Richtung Russlands aus innenpolitischen Gründen zu kritisieren. Die Sache schaukelt sich so hoch, dass der gesamte Petersburger Dialog und die Regierungskonsultation, die für beide Länder wichtig sind – weil wir jetzt am Beginn der konkreten Durchführung von energiepolitischen und anderen Projekten stehen - gefährdet sein könnten, weil Putin sich möglicherweise verschnupft abwendet. Projekte die tatsächlich auf dem aufsteigenden Ast sind, können durch solche Aktionen noch gefährdet werden.

FRAGE: Sie meinen, Putin wird geschlagen, weil man Schröder meint ?

RAHR: Das wollte ich damit auch sagen, dass es nicht nur um Putin, der gnadenlos kritisiert wird, sondern gerade auch um Schroeder geht.

FRAGE: Was würden Sie denn jetzt zur Schadensbegrenzung raten ?

RAHR: Ich glaube, dass Schroeder überhaupt nicht reagieren sollte. Man sollte den Dingen den Lauf lassen. Die Entscheidung ist ja mehr oder weniger gefallen, ich glaube nicht, dass der Protest wirklich Erfolg haben wird. Er hat die Öffentlichkeit sensibilisiert. Für die Kritik am Tschetschenien-Krieg. Für Kritik am Kampf Putins gegen Grossunternehmer, die dabei waren, ihr Business zu stabilisieren. Es wurde darauf aufmerksam gemacht, dass es in Russland wirklich noch keine freie Presse gibt.

Der Protest ist laut geäußert worden. Das hat auch teilweise seine Berechtigung, aber nun sollte man in der Tat, nachdem alle gemacht haben, was sie wollten, zur Tagesordnung übergehen und schauen, dass die so wichtigen strategischen Beziehungen zu Russland damit nicht gefährdet werden.

Es ist schwierig genug. Deutschland ist zur Zeit fast das einzige Land, dass sich innerhalb der EU wirklich um eine Integration Russlands in den Westen bemüht. Viele Osteuropäer haben eine anti-russsiche Haltung eingenommen. Es wird sehr schwierig werden, die Russland-EU-Politik so fortzusetzen, wie vor der großen EU-Erweiterung 2004. Wobei Deutschland aus historischen Gründen, die wir alle kennen, eine besondere Verantwortung hat. Deutschland verbindet eine Schicksalsgemeinschaft mit Russland.

FRAGE: Welche Rolle spielt dabei der Petersburger Dialog, der von Putin und Schröder initiiert wurde – aber eben darum auch von manchen als „nicht zivilgesellschaftliche genug“ gescholten wird ?

RAHR: Ich finde diese Kritik absolut ungerecht. Es ist in der Tat so, dass dieser Dialog jetzt am Anfangsstadium steckt und eher von Persönlichkeiten lebt, die an diesem Dialog teilnehmen müssen. Es gibt viele potenzielle Teilnehmer des Dialogs, die zu den anfänglichen Sitzungen vielleicht nicht sofort eingeladen wurden, und deswegen jetzt einen gewissen Frust äußern.

Aber auch viele Journalisten, die sehr kritisch über den Dialog schreiben, müssen aus meiner Sicht einfach verstehen, dass Russland in einem anderen Zeitfenster lebt. Die Zivilgesellschaft ist dort völlig anderes, als z.B. in Polen oder in Tschechien, wo die Zivilgesellschaft ein westliches Model aufnimmt.

In Russland ist das nicht der Fall. Wir haben hier eine ganz andere Entwicklung erlebt. Und eben deshalb führen wir gerade diesen Dialog, weil er so schwierig ist. Ansonsten würden wir uns doch hier nicht die Mühe machen, diesen großen und kostspieligen Dialog mit einem schwierigen Land durchzusetzen, wenn alles schon reif für eine Zivilgesellschaft in Russland wäre.

Wir haben nicht das Recht, die Russen zu belehren, aber die Verantwortung, sie in einen Dialog mit uns zu verwickeln. Wobei man hier sagen muss, dass von russischer Seite nicht nur Offizielle dran teilnehmen, sondern in der Tat auch Journalisten und Vertreter nicht-offizieller Kreise. Vielleicht nicht in der Größenordnung, wie auf der deutsche Seite, aber nichtsdestotrotz bemüht man sich auch in Russland sehr um Ausweitung des Dialog.

Bei allen Defiziten, die der Dialog sicherlich hat - und das darf man nicht unter den Tisch kehren - er hat vieles angestoßen.Es geht in der Tat wirklich um mehr, als um offiziöses deutsch-russisches Palaver.

(WWW.PETERSBURGER DIALOG.DE)

Wie  jedes Jahr  brachten die deutschen Medien auch heuer viele Beiträge  zur Wiederkehr des Tages, an dem die Berliner Mauer gefallen war.  Ein Zeitzeuge  möchte seinen Senf dazu  liefern. Er schreibt:

Das möchte ich tun, weil mir in der Flut von Veröffentlichungen etwas  auffällt, was ich mit meinen Erinnerungen nicht unter einen Hut  bringen kann. Ich meine die Darstellungen, bei  denen die  Massenproteste gegen die Mauer  zu wenig  gewürdigt,  die Vorgänge hinter den Kulissen dagegen überbewertet werden.   Mal ist es ein Komplott in der DDR-Führung. Oder eine Intrige in Moskau. Ein fein eingefädeltes Ränkespiel in Bonn oder in westlichen Metropolen.  Je nachdem, wer sich äußert und wem  ein Lorbeerkranz geflochten werden soll.   

Viel wird aus der Interna der Geheimdienste kolportiert. Amüsantes und Langweiliges. Glaubhaftes und nicht. Im Endergebnis läuft es aber auf das Gleiche hinaus. Die großartige friedliche Revolution des Jahres 1989, die  in Deutschland   im Mauerfall  gipfelte und in Russland  Perestroika hieß, wird zum Produkt geschickter Regie herabwürdigt. Der Mensch von der Straße zu einer Marionette, mit der die Drahtzieher tun konnten, was sie wollten.

So war es aber nicht. Es war zwar Herbst, aber es roch  nicht nach trockenem Laub, sondern nach frischem Grün. Nach Frühling,  Aufbruch,  Erneuerung. 

Gewiss blieben  die Staatsmänner,  Politiker,  Geheimdienste nicht untätig. So viel, wie sie es konnten, mischten sie mit. Bemühten sich, den Lauf der Ereignisse  zu lenken. Wie eh und je. Aber sie befanden sich im Zugzwang. Reagierten mehr als agierten. Die Initiative ergriffen die anderen. Die  einfachen Leute. Die Straße, wie es etwas verächtlich bei den Funktionären aller Couleurs hieß. 

Das spürte man, wohin man in Berlin  auch ging und mit wem man auch   sprach. Das war das Erhebende, was man   erlebte. Doppelt erhebend, weil es  in Deutschland passierte, dessen Menschen   ein Kadavergehorsam gegenüber der Obrigkeit oft angedichtet wurde.   Und davor in Russland, obwohl es im Westen oft heißt, die Russen lassen alles mit sich machen.   

Das Geschehen von 1989 war eine Überraschung, weil Jahrzehnte lang   der Mensch von der Straße  an der Leine geführt wurde. Wie ein Hund. In den sogenannten sozialistischen Ländern mit würgendem, in den kapitalistischen mit zierlichem Halsband.  Aber überall mit Halsband und an der Leine.      

Und da stellte sich heraus, dass  der Mensch von der Straße  doch nicht zum folgsamen Hund  geworden ist. Dass er doch  einen eigenen Willen hat. Und nicht verlernte, diesen  zu melden. Sogar durchzusetzen.  

Es war eine Überraschung für alle, die beanspruchten, Herr des Geschehens zu sein.  In einigen Äußerungen zum fünfzehnten Jahrestag des Mauerfalls klingt das mit.  

Sicherlich  erfüllten sich  bei weitem nicht alle Hoffnungen der tatsächlichen Urheber der friedlichen Revolution. Nicht in Deutschland und  auch nicht in Russland. Und auf  anderen  Schauplätzen auch nicht.  

Aber die Geschichte hat einen langen Atem. Der Frühling im Herbst 1989 war gewiss nicht ihre letzte Überraschung.

9.11.04

Am 6. August 1945 warfen die USA- Luftstreitkräfte eine  4,5 t schwere Uranbombe mit dem makabren Namen "Little_Boy"   auf die japanische Stadt Hiroshima ab.  

Hiroshima wurde zum Symbol einer  Bedrohung, die in den letzten Jahren dadurch  akuter wurde, dass der Zugriff des internationalen  Terrorismus auf  die Atomwaffe nicht ausgeschlossen werden kann. In diesem Zusammenhang verdient  eine von der russischen Botschaft an die Presse in Berlin  übergebene Dokumentation über die russisch- deutsche Zusammenarbeit bei der Entsorgung der Atomwaffen und Sicherung des Spaltmaterials besondere   Beachtung. Diese Zusammenarbeit konzentriert   sich vor allem auf zwei Aufgaben. Die eine besteht darin, die Sammelstellen des atomwaffenfähigen Materials lückenlos zu schützen. Die andere darin, die ausgedienten oder der Vernichtung preisgegebenen Atomwaffen vollständig zu entsorgen, ohne die natürliche Umwelt  zu belasten. Seit mehreren Jahren setzen Deutschland und Russland ihre technisch- wissenschaftliche Potentiale ein, um diese Aufgaben zu lösen,  und investieren dafür   beträchtliche Mittel. 

In der erwähnten Dokumentation  wurde unter anderem die deutsche Unterstützung bei der Realisierung eines russischen Projekts zur Entsorgung von Atombooten dargelegt, die entweder ausgedient haben oder im Rahmen eines  internationalen Abrüstungsabkommens  ausrangiert werden sollen. Die Dimensionen des Projekts werden dadurch sichtbar, dass Russland seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 193 Atom- Unterwasserboote  aus dem Bestand seiner Seestreitkräfte außer Dienst gestellt hat. Vorwiegend durch Einsatz  russischer Haushaltsmittel sind bereits 96 U-Boote entsorgt worden. Deutschland  unterstützt Russland vor allem, wenn es um die Entsorgung in den extra dafür von Russland aufgebauten Betrieben im Norden des Landes geht. Die hier angewendeten Entsorgungstechnologien minimieren die Risiken für die natürliche Umwelt und für Leben und Gesundheit der Menschen in den umliegenden Regionen, darunter in der Ostseeregion.  

Das von den  Regierungen beider Länder genehmigte  Projekt der Entsorgung der U-Boote sieht  eine vielseitige und langfristige Kooperation vor. Russische und deutsche Techniker sind im ständigen und engen Kontakt vertrauensvoll tätig. Eine Vielzahl von Leistungen werden  in wissenschaftlich-technischen Einrichtungen sowohl in Russland, als auch in Deutschland erbracht.  

Das gilt  auch für die Sicherung der russischen Lager waffenfähiger atomarer Substanzen   vor Diebstahl und illegaler Verbreitung auf Schwarzmärkten. Die russische Seite gewährte den deutschen Experten Zugang zu den Objekten, deren Schutz  zusammen mit russischen Fachleuten überprüft und modernisiert wird. Damit wird zusätzlich gegen  Missbrauch, vor allem durch den internationalen Terrorismus, vorgesorgt. Zum Beispiel mit Einsatz von Nachtsichtgeräten, Installation  von modernen Durchfahrsperren  und ähnlichen technischen Mitteln. Außerdem stellt Deutschland der russischen Seite nützliche Informationen über Neuentwicklungen im Westen auf diesem Gebiet zur Verfügung.  

In der von der russischen Botschaft in Berlin zugeschickten Dokumentation wird der russisch-deutschen Zusammenarbeit   viel  gegenseitiges Verständnis und guten Willen bescheinigt. Beide Länder tragen  zusammen dazu bei, die  Folgerisiken des atomaren Waffenwettlaufs zu minimieren, der  mit dem Abwurf der amerikanischen Atombombe vor 59 Jahren auf Hiroschima   starken Auftrieb erhalten hat. 

6.8.04  

WLADIMIROWKA IN HANNOVER?

Die Berichterstattung der Deutschen Medien über die Teilnahme  des russischen Präsidenten Wladimir Putin und seiner Gemahlin an der Geburtstagsparty in Hannover  müsste, nach Meinung unseres  teams, etwas ergänzt werden.  

Denn die meisten Berichte beschäftigten sich fast ausschließlich  mit der Geburtstagsüberraschung der Partygäste aus Moskau. Gemeint ist  der vom Ehepaar Putin mitgebrachte  sechzigköpfige Kosakenchor, dessen  Auftritt einen Sturm der Begeisterung auslöste. Auch deswegen, weil die  russischen Kosaken in Deutschland eine besondere Aura umgibt. Das hat seinen Ursprung noch in den Zeiten des Befreiungskrieges gegen die napoleonische Fremdherrschaft. In diesem Krieg kämpfte ein russischer Kosakenkorps mit den Deutschen Seite an Seite. Daran erinnert  die am Anfang des XIX. Jahrhunderts, also bald nach den Ereignissen angelegte Siedlung Alexandrowka in Potsdam. Dort hatte    ein auf Einladung des preußischen Königs  aus Russland eingereister Kosakenchor einst sein Zuhause. Die malerische Siedung wurde inzwischen zum Anziehungspunkt  für die Besucher der Residenzstadt aus ganz Deutschland.    

Insofern verdiente die gelungene Geburtstagsüberraschung des Ehepaars Putin, die der Mentalität der Deutschen Rechnung trug und dem Jubilar Schröder und seiner Gattin offensichtlich gefiel,  die Aufmerksamkeit der Presse. Aber damit erschöpfte sich nicht die Bedeutung des Besuchs. Der russische Präsident nutzte ihn nämlich, um    seine vertrauensvolle Beziehung zum deutschen Bundeskanzler hervorzuheben.  Wie Putin betonte, verstünden  die ersten Staatsmänner der beiden Länder einander gut. Das wirke positiv auf das  Verhältnis zwischen den Staaten. Ein Verhältnis, das in der Amtszeit Schröders an Intensität gewonnen  hat.

Der russische Präsident stellte fest, dass sich Schröder als ein Politiker empfohlen habe, der fähig ist, nicht immer populäre, aber  sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Deswegen findet Deutschlands Stimme in der   von  Krisen geschüttelten  Welt immer mehr Beachtung. Wahrlich eine Einschätzung, die  nur als Rückendeckung für Gerhard Schröder verstanden werden kann, der   vielen Anfeindungen in Deutschland selbst  und im westlichen Ausland, insbesondere in Übersee ausgesetzt ist. Übrigens war   Wladimir Putin unter den zahlreichen Gästen der Geburtstagsparty der einzige ausländische Staatschef.

Auch wenn die Visite des russischen Präsidenten einem privaten Anlass galt, hat sie auch in einer anderen Hinsicht  politische Bedeutung gewonnen. Nämlich trug sie dazu bei, den in der deutschen Medienlandschaft  wild ins Kraut schießenden Spekulationen über eingetretene Probleme in den russisch- deutschen Beziehungen entgegenzuwirken. Zwar steht es leider außer Zweifel, dass bei der NATO- und der EU- Osterweiterung die russischen Interessen nicht gebührend berücksichtigt werden. Aber alle Fürsprecher des engeren Schulterschlusses zwischen Russland und Deutschland hoffen darauf, dass die Verantwortlichen an der Spree und an der Moskwa  auch weiterhin nach einvernehmlichen Lösungen suchen werden. Das sind sie der  russisch- deutschen  strategischen Partnerschaft schuldig, die durch vorübergehende Schwierigkeiten nicht beeinträchtigt werden darf. Das gute persönliche  Verhältnis zwischen Schröder und Putin, das so überzeugend bei den Feierlichkeiten in Hannover zum Ausdruck kam,  kann nur als eine Gewähr dafür begriffen werden. 

PS. : Unser Redaktionsmitglied, Iwan Matrjoschkin, Esq. besteht darauf, dass zusätzlich zu dem obenstehenden sachlichen Bericht auf unserer Seite ein Gerücht Platz findet, das wir für indiskutabel halten. Und zwar will er in Erfahrung gebracht haben, dass in Hannover eine Siedlung entstehen wird, wo die russischen Kosakensänger untergebracht werden, die der russische Präsident als Freundschaftsbeweis zum deutschen Kanzler demnächst abkommandiert. Die Siedlung soll zu Ehren von Wladimir Putin Владимировка (Wladimirowka - wie einst Alexandrowka zu Ehren des Zaren Alexander). genannt werden.  

Wir kennen  die Quelle dieses unhaltbaren Gerüchtes. Das ist die durch  maßlosen Bierkonsum in der Gaststätte „Sonnenschein“, Berlin, Prenzlauer Berg, erhitzte Fantasie des Herrn Matrjoschkin. Aber als Anhänger der uneingeschränkten Pressefreiheit gaben wir seinem Drängen auf Veröffentlichung  nach.

18.4.04

PUTINA IN BERLIN

Im Bundesfinanzministerium in Berlin fand eine Veranstaltung statt, deren Anlass die Herausgabe einer neuen, der Freundschaft zwischen der Jugend Deutschlands und Russlands gewidmeten Briefmarke war, deren Anliegen aber weit darüber  hinaus ging. Vor allem, weil daran Ljudmila Putina und Doris Schröder- Köpf teilnahmen.

Es ist zum Usus geworden, dass sich die Ehefrauen der ersten Staatsmänner um Belange der Wohltätigkeit kümmern. Aber Ljudmila Putina und Doris Schröder- Köpf  tun viel mehr. Seit Jahren unterstützen sie sich gemeinsam der Entfaltung der Freundschaftsbande  zwischen der deutschen und russischen Jugend.  

So kam es in der  vom Deutsch- Russischen Forum betreuten Veranstaltung zu einer ausführlichen Erörterung der Wege zur  besseren Verständigung  zwischen den jungen Menschen  Russlands und Deutschlands. In den Ansprachen  der Präsidenten- und der Kanzlergattin sowie anderer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Russland und Deutschland wurden die historische Bedeutung dieses Anliegens  erörtert.  Auf die gleichzeitigen Feierlichkeiten in der Normandie zum sechzigsten Jahrestag  der Landung der westalliierten Truppen in Europa anspielend, erinnerte der Hausherr, Bundesfinanzminister Hans Eichel, an den Spruch  eines deutschen Denkers: „Zwischen Russland und Amerika liegen Ozeane, zwischen Russland und Deutschland aber eine große Geschichte“.  Wie der Ozean trennt die Geschichte, auch eine sehr kontroverse,  nicht nur, sondern verbindet auch. Vor allem verpflichtet sie zu immer neuen Bemühungen um die Festigung  der Partnerschaft, die nicht von ungefähr von beiden Ländern als eine strategische definiert wird. Als eine,  die  sich nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die nähere und entferntere Zukunft erstrecken soll und deshalb    in den Händen der jungen Menschen liegt. Ihre  Annäherung ist der Faustpfand des Friedens und des vertrauensvollen  Zusammenwirkens  von Deutschland und Russland, das der  Völkervereinigung in den Grenzen des gesamten Kontinents dient. Der historisch entstandene Fundus der deutsch-russischen Gemeinsamkeiten, vor allem im kulturellen Bereich ist groß, er muss aber ständig wachsen und bereichert werden, um den immer neuen Ansprüchen der Zeit standzuhalten. 

Der künstliche Rahmen der Veranstaltung, der von jungen Menschen aus Russland und Deutschland bestritten wurde, zeugte vom guten Willen der Jugend, dieser Verpflichtung nachzukommen. Sie sangen jeweils in der Sprache des anderen Landes, rezitierten und tanzten. Es wurde von der angebahnten   Zusammenarbeit der Schuleinrichtungen berichtet. Allerdings  liegt noch ein weites Feld der Annäherung vor der Jugend der beiden Länder, deren Krönung ein deutsch- russisches Jugendwerk  sein soll, wie es zum Beispiel zwischen   Deutschland und Frankreich bereits seit Jahren existiert und wie es auch von Deutschland und Russland angestrebt wird. 

7.6.04

ZWEI PRÄSIDENTEN, ZWEI BOTSCHAFTEN AN DIE VÖLKER

Eine Vergleichanalyse des Forschungszentrums „Iwan Matrjoschkin, Esq.“

Am Mittwoch, dem 26.5.04, richtete der russische Präsident Wladimir Putin eine Botschaft an die russische Staatsduma. Davor tat George W. Bush in etwa das Ähnliche.  

Der Ami wollte dem Russen die Schau stehlen. Das ist ihm nicht gelungen! 

Denn die Bushbotschaften waren ein einziger kläglicher Rechtfertigungsversuch. Nach dem Reinfall der USA im Irak, durch Publizierung der von der US- Soldateska gedeckten Folterungen offensichtlich geworden, blieb ihm nichts anderes übrig, als durch Zerreden sein Versagen zu vertuschen.  

Schäbig! Das Verhalten erinnert an seinen Vorgänger Clinton. Doch was sind  die Liebesspiele, auch  recht animierende,  im Vergleich zu den Vorgängen im Irak? Was ist Monika Lewinski mit ihrer flinken Zunge im Vergleich zu Bin Laden und seinen Scharen von Selbstmordattentätern?   

In Gegensatz  zu Bush brauchte Wladimir Putin keine unbeholfenen Rechtfertigungsversuche. Tschetschenien? Ach was! Das ist doch ein russisches Territorium. Genau gesagt der Hinterhof Russlands im Kaukasus. Ein Krieg in Tschetschenien ist, völkerrechtlich gesehen, eine Polizeiaktion. Und die Polizisten neigen eben zu Übergriffen, das sehen wir immer wieder im „Tatort“. 

Und überhaupt hat Putin keinen Grund zur Rechtfertigung. Denn er hat seine Wahl bereits hinter sich. Und zwar hat er diese so hoch gewonnen, wie Bush gar nicht träumen kann. 

So hat Putin das Thema Tschetschenien ausgelassen. Und kein Russe wird ihm  das übel nehmen. Ausgenommen vielleicht die notorischen Menschenrechtler. Aber auf diese dürfen wir pfeifen, wie er in seiner Botschaft an die Staatsduma  hervorhob. Denn es sind zumeist  bezahlte Handlanger von gewissen ausländischen Klüngeln,  darauf aus,  den bevorstehenden Aufstieg Russlands zu den Gipfeln der Macht und der Würde in der Welt zu verhindern.

An der Stelle seiner Rede schien es mir, als hätte er den Missetätern den Vogel  gezeigt oder vielmehr die in Russland gängige Figur aus drei Fingern mit derselben, aber etwas energischer vorgezeigten Bedeutung.  

(Die Figur wird gebildet, wenn man den Daumen zwischen dem Zeige- und Mittelfinger platziert und den Arm dann dem Opponenten entgegenstreckt. Vor die Nase).

Aber es war sicherlich eine Halluzination, dass Putin den Opponenten einen russischen Vogel gezeigt hatte.

Denn mein Freund ist ein feiner Mensch.     

Wie ich selbst, dem das englische Oberhaus, von dem ehemaligen NATO- Generalsekretär Lord Robertson von Port Ellen  vertreten, den Titel Esquire verliehen hat.  

Aber zurück zur vergleichenden Analyse von Bush- und Putins Botschaften. 

Der Ami stand auch deswegen kläglich da, weil sich die USA unter seiner Führung auf ein riesiges Außenhandelsdefizit eingelassen haben. Nüchtern gesehen sind sie bereits pleite. Und je weiter, desto mehr. Vorsorglich  habe ich  mein kleines Dollarvermögen (fünf USD) in Euro transferiert. Was ich auch allen matrjoschka- Lesern empfehle. 

W. W. Putin konnte sich in Gegensatz zu Bush gegenüber seinem Volk und der Weltöffentlichkeit in Zuversicht üben. Denn Russlands Devisenvorräte sind hoch wie nie. Und die Handelsbilanz top positiv! Kauft Rubel, liebe matrjoschka – Leser. Auch weil sie so billig wie lange nicht geworden sind. 

Vor dem  Hintergrund der russischen Prosperität hat  Russland, betonte mein Freund, alle Chancen, seine langfristigen Wirtschaftsziele vorzeitig zu erreichen. Zum Beispiel, Portugal einzuholen! 

Zwar geht es den Amis vorläufig noch etwas besser als den Russen, aber das wird sich ändern. Ich bin sicher, dass nach Portugal auch die USA zurückgelassen werden.

Besonderes Augenmerk widmete mein Freund der Gesundheits- und der Hochschulbildungsreform. Nicht umsonst kommt er immer wieder nach Berlin.

Besonders ergiebig  verspricht die Bildungsreform zu sein. Ihr Kern: Studenten, die sich nach dem Abschluss weigern, die vorgeschlagene Tätigkeit anzunehmen, werden demnächst die Aufwendungen des Staates für ihr Studium zurückzahlen müssen. Richtig so! In Russland darf der Unfug wie in Deutschland nicht stattfinden, wo die Bengel viele Jahre studieren und dann als Arbeitslose ihr Leben genießen dürfen.  Und im Übrigen hat sich W.W.P. wohl von den deutschen Arbeitsämtern inspirieren lassen, wie man Stützeempfänger und ähnliche Schmarotzer behandelt.

Von Deutschland lernen, heißt siegen lernen!

Dagegen hat Bush keine frischen Ideen  in seinen Botschaften präsentiert. Einfallslos wie er ist.  

Das bezeugt Ihr ergebener Iwan Matrjoschkin. Esq. 

27.5.04 

Liebe Holzpuppe,

 Also, hatten wir in Moskau die Ehre, Euren Bundeskanzler wieder mal zu erleben. Er machte auch jetzt eine gute Figur, weil er den Stimmen in der Heimat nicht  Gehör schenkte, die  ihm dringend anrieten, in Moskau Fragen aufzuwerfen, die nur  für  Verdruss auf beiden Seiten sorgen könnten. Vielleicht , ertönten die Aufforderungen so laut, weil seine Rivalen ihm nicht unbedingt einen Erfolg gönnten. Da haben sie sich aber verrechnet. Der Erfolg blieb nicht aus. Der Gast aus Berlin  und sein Gesprächspartner, unser Präsident  Putin, hielten nämlich an der vorher vereinbarten  Tagesordnung  fest.  Somit hatte der Meinungsaustausch  in der knapp bemessenen Zeit nicht vorübergehende Vorgänge  in Russland zum Gegenstand , sondern Fragen, die das wirtschaftliche Zusammenwirken beider Länder  auf  Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinaus  beeinflussen. Die Verhandlungen wurden  von Unterzeichnung  wichtiger Kooperationsabkommen gekrönt.  

Die  Kooperation sichert vor allem die Versorgung Deutschlands mit russischen Energieträgern. Um diese  weiter anzukurbeln, wird   Ausbau der Erdgasförderung in Russland und eine entsprechende Erweiterung der Transportkapazitäten für  Energieträger nach Deutschland, auch über die Ostsee, geplant. Die Wirtschaftsexperten messen den Vorhaben eine elementare Bedeutung für die Abdeckung des zusätzlichen Bedarfs und der  Sicherheit der Energieversorgung der Bundesrepublik Deutschland und ganz Europas bei.  

Von der Energieversorgung Deutschlands hängt aber seine gesamte Wirtschaftsleistung ab. Da es aber der wichtigste Handelspartner Russlands  und  ein großer  Investor in die russische Wirtschaft ist,  liegt es in unserem eigenen wohlverstanden Interesse, den Deutschen   über ihre derzeitigen Schwierigkeiten, zum Teil durch die Verknappung der Energieträger  verursacht,  zu helfen.  Umso mehr, dass  die Verschiedenheit der Wirtschaftsstrukturen  eine Kollision  beider Länder auf dem Weltmarkt     ausschließt, was übrigens nicht  für alle anderen wirtschaftlichen Partnerschaften Deutschlands zutrifft. 

Soviel ich weiß, sind    die Chancen  der   deutschen Geschäftsleute, die übrigens in einer ansehnlichen Zahl dem Bundeskanzler nach Moskau folgten, in Russland zu verdienen, in Russland gut zu verdienen nie so  rosig wie heute gewesen. Ihnen   spielt nicht nur der  russische Wirtschaftsaufschwung in die Hand, sondern die endlich in Russland eingekehrte politische Stabilität. Dazu gehört die Vereinheitlichung und Straffung der russischen Gesetzgebung in der gesamten Russischen Föderation, was das Niveau der Rechtssicherheit  für ausländische Unternehmer   erhöht. Vor allem für jene, die sich in entfernten Regionen des  Landes  betätigen wollen. Also gerade dort, wo die russischen Erdgas- und Erdölvorkommen liegen.  

Trotzdem verstummen nicht  kritische  Äußerungen in Deutschland über die russische Innenpolitik und auch zu Schröders Einstellung dieser gegenüber . Vor allem, was Chodorkowski betrifft. Dazu muss ich sagen, dass der Großteil der hiesigen Öffentlichkeit   es schwer nachvollziehen könnte, wenn sich der deutsche Bundeskanzler, anstatt sich in Moskau auf das Wesentliche zu konzentrieren,  für einen wegen  Steuerhinterziehung   belangten russischen Erdölmagnaten verwandt hätte. Noch dazu   bevor  ein zuständiges Gericht seine Schuld  oder Unschuld  festgestellt  hat.  

Schließlich fällt es niemandem in Russland ein, in Berlin zu Gunsten der gerade in diesen Tagen vor deutschen Richtern stehenden  Konzernmanager   zu intervenieren. Denn die Russen meinen, Gesetze müssen  wohl auch für die Superreichen gelten.  

Es genügt uns, dass sich die russischen Neureichen  mit dubiosen Praktiken im Nu  gemausert haben. Das geschah in den Jahren der wilden Privatisierung der mit Blut und Tränen des Volkes geschaffenen Wirtschaftsgüter der Sowjetunion. Die Gesetzeshüter guckten hilflos zu, weil sie, in der Sowjetzeit  verwurzelt, verunsichert wurden. Müssen die Spekulanten  auch jetzt so behandelt werden, als gäbe für sie weiterhin keine Gesetze?  

Als die sowjetische Industrie geplündert  wurde, klatschte der Westen Beifall den Plünderern und ihren Partnern aus der sowjetischen Hochnomenklatura wie Gorbi und Zar Boris. Jetzt geht es darum, dass die Neureichen wenigstens einen geringen Teil der Beute über Steuern zurückgeben. Und wieder finden sie Unterstützung  im Westen.  

Ich habe gehört, im  deutschen Grundgesetz stünde einen schönen Satz über die Verpflichtungen des Eigentums. Bei welchem Eigentum  gilt das Gebot nicht mehr? Von einer  Million? Von einer Milliarde?  

Oder gilt es nur in Deutschland?  

Mit Liebe aus Russland,  

K.K., Moskau,  9.7.04.  

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