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SCHICKSALHAFTES


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Hier sind Beiträge gehortet, die als Wegweiser in die russische Zukunft (oder auch nicht!) gelten können. Unter anderem zu:

1.Schlacht vor Moskau

2.Sibirien  

3.Russische Seele 

4.Russlands Weg. 

5.Steuert die Menschheit der Selbstvernichtung zu? 

6.Die jüdische Frage  

7.Zwischen Erleuchtung und Katastrophe 

 

1.SCHLACHT VOR MOSKAU

Im deutsch-russischen Militärmuseum Berlin, Karlshorst, findet am 22. November  eine  Veranstaltung zum sechzigsten Jahrestag der Schlacht vor Moskau statt.  

Die Ausstellung gilt  einer der größten Schlachten des  hoffentlich allerletzten Krieges zwischen Deutschland und Russland.  Die Schlacht vor Moskau im Herbst-Winter 1941 begrub den Traum der deutschen Angreifer vom  Blitzsieg. Sie gab den in den ersten Monaten nach dem deutschen Angriff vom 22. Juni 1941 schwer geschlagenen Russen den Mumm, den Angreifer abzuwehren. 

Der Schlacht vor Moskau  folgten die Stalingrader Schlacht vom Winter 1942- 1943 und dann die Frühlingsschlacht um Berlin 1945. Und sie  alle wurden von den Russen gewonnen. 

Historiker stritten viel darüber, was den Russen vor Moskau und in den  späteren Schicksalsschlachten den Sieg gebracht hat. Die einen sagten, es sei das kommunistische Sendungsbewusstsein gewesen. Schwer zu glauben. Um die Zeit war es mit dem kommunistischen Sendungsbewusstsein schon nicht sehr weit her. Durch die Armut in Russland, die anstelle der versprochenen  blühenden Landschaften einkehrte, und durch den vom Sowjetstaat entfesselten Terror ging das kommunistische Sendungsbewusstsein in der sowjetischen Bevölkerung stark zurück. 

Vielleicht waren die Verlierer, die Deutschen, sogar mehr indoktriniert als die Sieger, die Russen. Sie glaubten nämlich daran, dass sie die westliche Zivilisation vor den wilden Horden aus der russischen Steppe retteten. Sie waren von der  eigenen haushohen Überlegenheit zutiefst überzeugt, besonders nach ihren vorherigen glänzenden Siegen im Westen. 

Warum also siegten die Russen? 

Der Verfasser wagt zu sagen, sie siegten,  weil sie siegen mussten. Weil Russland sonst verloren wäre.  Russland war aber  das Heim für hundert Völker: Russen, Ukrainer, Usbeken, Juden et cetera, et cetera. Wie bereits zugegeben, war es ein  armes Heim und auch ein Heim, wo Willkür herrschte. Trotzdem ein Heim eben. Ein Eigenheim. Es durfte nicht verloren gehen. Das spürten die meisten von uns, die Soldaten des Krieges, wie immer sie zur Sowjetmacht standen.

Dem Verfasser kommt es  vor, als ob die von ihm im Deutsch-Russischen Militärmuseum in Berlin-Karlshorst angeguckten Ausstellungsfotos seine These bekräftigen. Er glaubt, in vielen Gesichtern der sowjetischen Soldaten, seiner ehemaligen Kameraden, eine Entschlossenheit zu sehen, die er vor sechzig Jahren auch miterlebt hat. Nicht zur Schau getragen, war diese Entschlossenheit  in dem  Glauben    tief verwurzelt, Russland wird leben. Was auch kommen mag. Und wie ungemütlich Russland auch sein mag. Es wird leben, weil sein Sterben unvorstellbar war.

Übrigens empfanden wir es als ureigene Sache, unser Heim  besser einzurichten. Und nicht als eine Sache der anderen, die als Hüter der Zivilisation  in unser Land kamen und unsere Städte und Dörfer in Schutt und Asche legten.

So steckte das deutsche Heer wenige Kilometer vor Moskau fest, machte dann kehrt und lief weit zurück, den Weg mit Leichen seiner Angehörigen und zerstörten Panzer säumend.

Daran zu erinnern, heißt nicht, mit einem Sieg zu protzen, der vor 60 Jahren stattfand. Und erst recht entspringt das Erinnern daran nicht dem Verlangen,  dem ehemaligen Kriegsfeind, der –gottlob- zu einem Friedensfreund geworden ist, nachträglich eins auswischen zu wollen. Es ist nur als Prophylaxe gedacht. Notwendig, weil ein Mensch ohne Erinnerung leicht verführbar ist. Und immer wieder in dieselbe Falle tapst.

Ehrlich gesagt, waren die Deutschen bessere Soldaten als die Russen. Disziplinierter, tüchtiger. Um so aufschlussreicher ist die Tatsache, dass sie verloren. Den von ihnen angezettelten  Krieg gegen Russland verloren. Zuerst aber die Schlacht vor Moskau.  

SIBIRIEN

Es lockt zusehends ehrgeizige Macher, die mit dem Kreml nicht viel am Hut haben. Nach einem im Runet verbreiteten Gerücht will sich der berühmt- berüchtigte Dollarmilliardär Boris Beresowski der bevorstehenden Gouverneurswahl in Irkutsk stellen( siehe einen Bericht auf der zornigen Matrjoschka). Die Wahl eines anderen strebsamen Milliardärs, Roman Abramowitsch, in Tschukotka steht so gut wie fest (siehe den nächsten Bericht auf diesem Link). Nicht zu vergessen General a.D. Alexander Lebed, Gouverneur der in Russland größten Region Krasnojarsk, dem Beresowski seiner Zeit zu einer fulminanten politischen Karriere verhalf. Ist ein Bund der Geldsäcke und des Militärs im Kommen? Auf einem der ressourcenreichsten und zukunftsträchtigsten Flecken der Erde, viel größer als z.B. die EU? Haben wir es mit dem Embryo einer neuen Weltmacht zwischen dem europäischen Russland und China zu tun? Erinnert sei an mehrere derartige Träume der Sibirjaken in der Vergangenheit...

19.12.2000

 

Das größte russische Wunder...

Rentierzucht war seit jeher die Beschäftigung der russischen Eskimos. Es gibt mehrere Dutzend Stämme, die den russischen, am Eismeer angrenzenden Norden bevölkern. Eigentlich ist das Wort "bevölkern" in Bezug auf "Eskimo" eher eine Übertreibung. Denn die Arktis bevölkern Russen. Die Stämme, hier vor der russischen Eroberung im XVII-XIX Jahrh. zu Hause, sind dezimiert. Manche zählen noch Tausende, andere – Hunderte, die dritten - weniger als hundert sind die Angehörigen.

Vielleicht wäre ihr Schicksal weniger dramatisch, hätte das riesige Territorium (64 % der gesamten Fläche Russlands) Bodenschätze. Hier werden nämlich 90 % des russischen Erdgases, etwa 75 % des Erdöls, 36 % des Holzes gewonnen. 9 % der Bevölkerung der RF liefert hier mehr als ein Viertel des Nationaleinkommens.

Die Keten, Korjaken, Mansi, Nanajer und wie sie sonst heißen haben an der Ausbeute keinen Anteil. Sie züchten Rentiere und betreiben Fischfang. Und das ist nicht lukrativ. Insbesondere da die natürliche Umwelt in ihren Siedlungsgebieten zerstört wird. Zu viel Erdöl sickert unterwegs zum Westen in die Erde, zu viel Natur geht beim Straßenbau u.s.w. kaputt.

So geht es den russischen Eskimos immer schlechter. Zwar verspricht der Kreml zu helfen, einiges Geld wird dafür auch bereitgestellt, aber es kommt nur zu einem kleinen Teil an. Das meiste fließt in dunkle Kanäle.

Allerdings müssen auch die hiesigen Russen darben. Die etwas höheren Löhne, die sie hier kriegen, gehen fürs Notwendigste drauf. Die Arktis ist bekanntlich ungastlich. Frost bis minus 60 neun Monate im Jahr. Kaum Obst und Gemüse in der Verpflegung. Und Skorbut als Folge.

Nur einmal in vier- fünf Jahren werden die Arktisbewohner verwöhnt. Wenn der Termin einer nächsten Wahl anrückt.

So wie jetzt ein neuer Gouverneur der Region Tschukotka gewählt werden soll, der größten und an Naturschätzen reichsten Region der russischen Arktis.

Die Tschuktschen, die der Region den Namen gaben, machen hier allerdings nur ein Zehntel der ca.100. 000 Bewohner.

Die Tschuktschen. Die Rentierzüchter.

Vor 30 Jahren kam in Moskau eine Unendlichserie von Witzen über Tschuktschen auf. Etwa so.

Ein Tschuktsche wird nach Moskau geschickt. Zum Parteitag der sowjetischen Kommunisten. Zurückgekehrt, muss er seiner Sippe Bericht erstatten. Er erzählt vom großen Saal im Kreml, von der Bühne, mit riesiger Aufschrift geschmückt. Sie lautet: "Alles für den Menschen!". "Na und? drängt die Sippe. "Ich sah den Menschen, für den alles gegeben werden soll, -sagt der Tschuktsche zufrieden. Er am großen Tisch. In der Mitte. An der Brust- viele Orden. Und die dicken Augenbrauen. Die sollten sie sehen."

Die dicken Augenbrauen waren das Markenzeichen des damaligen KPdSU-Generalsekretärs Leonid Breshnew.

Warum gerade die harmlosen Tschuktschen die Rolle der sowjetischen Schildbürger übernehmen mussten, ist unergründlich. Vielleicht weil es für ein russisches Ohr so witzig klingt: Tschuk- tschen, Tschuk-tschen.

Jetzt werden in Moskau neue Witze über Tschuktschen erzählt. Denn zum Gouverneur der Region will einer der reichsten Neureichen Russlands werden. Roman Abramowitsch. Der Herr über die zwei einträglichsten Konzerne Russlands- Sibneftj (Erdöl) und "Russkij aluminij" (Aluminium). Seine Wahl ist so gut wie sicher. Den einzigen Rivalen, den jetzigen Gouverneur Alexander Nasarow, hat er einfach mit einem hoch dotierten Posten in seinem Industriereich abgefunden.

Was sucht Abramowitsch im Lande der unschuldigen Kinder der Natur? Der Ruf des Blutes kann es wohl nicht sein.

Auf die Frage nach dem Motiv antwortete er kurz und bündig: ich möchte es. Schluss. Basta.

Er weiß, wenn er was möchte, dann kriegt er es auch. U.a. weil er im Unterschied zu seinen Kameraden Beresowski und Gussinski ausgezeichnete Beziehungen mit dem Kreml pflegt. Auch nach dem Wechsel an der Spitze.

Was ist das größte russische Wunder?  lautet eine Preisfrage in Russland. "Ein jüdischer Rentierzüchter!"  lautet die Antwort.

Nach Utro.ru. 17.12.2000

 

Unter dem Titel "Der Kampf gegen Eurasien: ein Jahrhundert US-amerikanischer Geostrategie in der Alten Welt" bringt : www.transcaspian.ru den folgenden Beitrag von Wladimir Maximenko, die russischen Akademie der Wissenschaften. Matrjoschka gibt den Beitrag gekürzt wieder.


Staaten sind Gefangene der geographischen Bedingungen, in denen sie historisch erwachsen, sich entwickeln und existieren. Die "Insellage" der USA, die keinen Landweg zu Kommunikation mit Eurasien, der Welt reichstem Lager an Ressourcen, besitzen, bestimmt den direkten Expansionismus der US-Außenpolitik. Die USA setzten sich das Ziel, über die westliche Hemisphäre hinaus beherrschend zu werden. Ihren Pioniergeist, der sie mal tief in den Westen ihres Kontinents vordringen ließ, übertrugen sie nun auf die ganze Welt.

1997 schrieb der Guru des amerikanischen Imperialismus, Sb.Brzezinski, in seinem Buch "The Grand Chess Board: American Primacy and its Geostrategic Imperatives", dass zwar in den letzten 500 Jahren das Zentrum der Weltherrschaft in Eurasien gelegen habe, dass aber in den letzten zehn Jahren des 20. Jahrhunderts eine tektonische Verschiebung in den internationalen Beziehungen eingetreten wäre: die eurasische Supermacht (die Sowjetunion) wäre zusammengebrochen, und die USA, ein nichteuropäischer Staat, zum Hauptschiedsrichter von Herrschafts- und Unterwerfungsbeziehungen in Eurasien und erstmalig die einzige dominierende Macht, das "Herzstück" der Welt geworden. Die Niederlage und Auflösung der Sowjetunion wären die letzten Akte im Aufstieg der USA, des Staates der westlichen Hemisphäre, zur einzigen und wirklichen Weltmacht gewesen.

Diese Behauptung aber ist falsch, denn um "Herzstück" der Welt zu werden, fehlen den USA die wesentlichen Ressourcen. Die US-Elite ist sich darüber im klaren und strebt die beherrschende Position im Weltmaßstab an.

Dazu dient die Ost- und Südosterweiterung der NATO. Ohne die Kontrolle über Eurasien wäre die Vormachtstellung der USA ihrer geographischen "Randlage" wegen völlig unmöglich. Die Sowjetunion hat aufgehört zu existieren, und dennoch dehnt sich die US - "Grenze" mittels der NATO weiter in andere Länder (Tschechien, Ungarn, Polen) und Territorien (Kosovo, Südserbien) aus, Gebiete, die nichts mit der bekannten "transatlantischen Gemeinschaft" zu tun haben.

Der Kampf gegen Eurasien mit dem Ziel, auf dem Großen Kontinent die Existenz eines Staates oder einer Konföderation von Staaten zu verhindern, die stark genug wären, ihre Ressourcen gegen eine ungehinderte Aneignung durch die überseeische "Konsumentenzivilisation" zu verteidigen, geht weiter. Offensichtlich liegen die entscheidenden Schlachten noch vor uns.

Die USA sind der historische Gegner eines jeden starken und unabhängigen Staates in Eurasien. Der bekannte "Kampf gegen den Kommunismus" war nichts als der ideologische Vorwand für die USA, sein propagandistisches Aushängeschild der Zerstörung der SU. Nicht ohne Bedenken dabei zu haben.

1986 machte Zb. Brzezinski dazu ein bemerkenswertes Eingeständnis. Er schrieb, dass der Kommunismus in Russland eine Segnung wäre, weil der Kommunismus das begabte und ausdauernde russische Volk in einem System gefangen hielte, das die Nation strangulierte und sein Stärke und sein großes Potential nicht zum Tragen kommen ließe. Welch ein bemerkenswertes und belehrendes Eingeständnis!

Heute verhindern die Amerikaner eine geopolitische Konstellation, die eine nationale Wiedergeburt und souveräne Entwicklung der Völker der ehemaligen Sowjetunion ermöglichen würde. Es ist sehr bezeichnend, dass wir in Zb. Brzezinskis Buch "Game Plan" (1986) Abschnitte finden können, die uns heute die Bedeutung einiger neuerer Phänomene erklären, beispielsweise die NATO - Osterweiterung. Schon 1986 hat Zb. Brzezinskis Szenarien über die NATO-Erweiterung bis hin zu den Westgrenzen der Sowjetunion entworfen. Er erwähnte in seinem Buch entscheidende europäische und asiatische Staaten, über die Kontrolle ausgeübt werden müsste, um die geopolitische Stabilität großer Regionen zu zerstören. Für ihn waren solche Staaten Polen und Deutschland, im Westen, Südkorea und die Philippinen, im Fernen Osten, entweder Iran oder eine Kombination von Afghanistan und Pakistan, im Süden.

So einfach ist aber die Sache nicht. Mindestens in Europa. Der 1999 geführte Balkankrieg, bei dem die wirtschaftlichen und ökologischen Folgekosten den Europäern aufgehalst wurden, gab den Impuls zur Formierung einer Europäischen Eingreiftruppe, die weder Washington noch dem NATO - Hauptquartier unterstellt sein wird. Der zweite Bereich der Widersprüche zwischen den USA und der EU hängt mit dem Wettbewerb der beiden Referenzwährungen Dollar und Euro zusammen. Der wichtigste Bereich der Widersprüche sind aber die rasch weniger werdenden natürlichen Ressourcen dieses Planeten, vor allem um Erdöl- und Erdgaslager.

Hier ist die Ausgangslage der USA ungünstig. Gemäß einem statistischen Bericht von "British Petroleum Amoco", von 1999, gibt es in den USA weniger als drei Milliarden Tonnen Erdöl, die für ungefähr achteinhalb Jahre ausreichen werden. Gegenwärtig importieren die USA jährlich 500 Millionen Tonnen Erdöl. Die USA haben der Welt höchst kraftstoffverbrauchende Wirtschaft, deren Abhängigkeit vom Erdölimport 50 Prozent überstiegen hat. US - Experten sagen selbst, dass sich die USA in einer Falle befinden, auf Billigimporte von Erdöl angewiesen zu sein. Die Lage für Erdgas ist noch alarmierender. Die Vorkommen in den USA reichen bei Beibehaltung der jetzigen Wirtschaftsentwicklung in den USA noch für ungefähr sechs bis sieben Jahre. Um nur den jetzigen Stand der Wirtschaft beizubehalten, von einem Wirtschaftswachstum einmal abgesehen, werden die USA zukünftig 1,4 Milliarden Tonnen Erdöl im Jahr importieren müssen. Das ist mehr, als die gesamte restliche Welt jährlich verbraucht (ca. 1,2 Milliarden Tonnen) Für die anderen Großimporteure würde nichts mehr übrig bleiben.

All das erklärt, warum die USA, unter welchen Kosten auch immer, die größtmögliche Zahl von Ölquellen kontrollieren wollen. Ein unerbittlicher Kampf, sie auszubeuten, mag in der Zukunft ausbrechen.

Das alles zwingt die direkt von der US-amerikanischen Expansion betroffenen eurasischen Staaten, für die ihre Souveränität kein zu veräußerndes Gut ist, ein sich ständig erneut anpassendes Verhalten gegenüber den USA zu entwickeln und politische Allianzen zu bilden, um ihre natürlichen Ressourcen zu schützen und zu erhalten.

3.5.01

Zu diesem Beitrag- eine Email:

Was auch in der Welt passiert, machen die Russen
nur einen Schuldigen aus: die USA. Wie die Nazis- die Juden. Damals wurde der Witz erzählt: An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld. Die Frage: warum die Radfahrer?

 

 

DIE RUSSISCHE SEELE - GIBT ES SIE?

Wenn es sie doch gibt, dann hat sie folgende Merkmale:

Die Russen mit "Seele" sind nicht stolz darauf, Russen zu sein. Sie sind gnadenlos zu sich. Sie zerfleischen sich gern. Sie können es, weil das russische Volk ein großes Volk ist. Es braucht keine Selbstberäucherung.

Die "russische Seele" ist in allen ihren Manifestationen alles andere als kleinkariert. Vielmehr ist sie groß sowohl in der Hilflosigkeit, wenn es darum geht, das Leben bequem einzurichten, als auch in der Zerstörungswut, wenn sie diese überfällt. Und wenn es an den Aufbau des Zerstörten geht, ist sie auch großartig.

Wer glaubt, man könne an ihrer "Seele" herumdoktern, versteht nichts von den Russen. Die Schwächen wegoperieren, die Stärken entwickeln, das Schlimme ausrotten, das Gute lassen. Daran scheiterten alle Reformen. Alle Experimente der selbsternannten Erzieher der Russen. Wie sie auch hießen: Karl Marx oder Jeffrey Sachs. Und werden auch weiter scheitern, da die "russische Seele" eine Ganzheit ist. Entweder man akzeptiert sie, wie sie ist. Oder man lässt die Finger davon.

Über die "russische Seele" von oben herab zu urteilen, heißt, seinen Minderwertigkeitskomplex ausleben zu wollen. Oder sich wahnsinnigerweise an den Platz des lieben Gottes zu setzen, der wohl allein weiß, was Gut und was Böse in dieser Welt ist, was sie voranbringt und was sie zurückwirft.

Die Russen mit "der Seele" brachten im vorigen Jahrhundert Wunder hervor. Sie zerstörten die härtesten Regimes, die Russland ewig unterdrücken wollten - die zaristische Selbstherrschaft und die Sowjetmacht. Sie warfen zwei Reiche des Bösen auf die Müllhalde der Geschichte. Und taten dabei der Freiheit in der ganzen Welt gut.

Andererseits ließen sie diese Reiche entstehen. Sie sammelten Hunderte Völker um sich. Weniger mit der Waffe in der Hand, mehr durch die Anziehungskraft der "russischen Seele". Voll von wilden Träumen und unsinnigem Pathos. Und mit Keimen jener Kreativität, die die Welt verändert.

Die "Seele" ist das, was die Russen davor rettete, sich der Staatsmacht, wie sie auch war, hinzugeben. Es wird viel darüber geschrieben, dass in Russland die Zivilgesellschaft fehle. Sie fehlt aber in Russland nicht. Sie ist da, nur anders als in manch einem anderen Land. Sie ist nicht in den Gesetzesbüchern, sondern eben in der "russischen Seele" verankert, die sich vom Staat nie versklaven ließ. Auch wenn die Russen so taten als ob.

Man sagt, es entstehe in der Welt eine "new Economy", dadurch gekennzeichnet, dass die Maschine immer weniger, die intellektuelle und die emotionelle Energie des Menschen immer mehr wiegen. Wenn dem so ist, dann ist Russland in dieser Welt nicht auf dem 67. oder 72. Platz, sondern ganz vorn. Trotz der UNO-Statistiken. Und dank der Seele, die wohl doch existiert und ohne Gänsefüßchen geschrieben werden darf.

23.1.01. Elite.ru.

 

Wer uns den Traum bringt...

Was ist ein Traum? Ein Hirngespinst, Illusion und oder auch- das Modewort- dream. Jedenfalls etwas Gegenstandsloses, Nebelhaftes, Diffuses.

Russland kannte viele Träumer. Zum Beispiel den aus dem Roman von Gontscharow. Er hieß Ilja Iljitsch Oblomow. Die Verkörperung harmlosen Träumens, mit dem man sein Leben auf dem Sofa verbringt und niemandem wehtut

Es gab aber auch einen anderen Träumer, auch Iljitsch. Mit Nachnamen Lenin.

Vor just achtzig Jahren, vielleicht an genau so einem Oktobertag, saß er in seinem großen Dienstzimmer im Kreml und sprach mit dem weltbekannten englischen Schriftsteller Herbert Wells über seine grandiosen Glücksvisionen. Wells, der selbst gern träumte, begriff schnell, dass ihm der Kremlträumer in punkto Fantasie weit überlegen war. Als er später dieses historische Gespräch in einem Buch beschrieb, hielt er mit seiner Begeisterung nicht hinter dem Berg, konnte sich aber ein skeptisches Grinsen auch nicht verkneifen. Kein Wunder, der Bürgerkrieg wütete noch, es gab keinen Strom, die Züge standen still, ein anderer hätte sich schon längst an den Hosenträgern erhängt, dem Mann im Kreml machte das alles nichts aus. Der war schon ganz in der lichten Zukunft. Der traurige Gedanke, dass Russland seine katastrophale Lage diesem seinem Gesprächspartner verdankte, kam dem englischen Schriftsteller übrigens nicht in den Sinn.

Lenins Traum war zwar in Russland geboren worden, aber tatkräftige Anhänger fand er zuerst im Westen. Genauer gesagt in Deutschland. Noch genauer im Generalstab seiner Majestät des deutschen Kaisers. Dort begriff man, dass in Russland, das damals gegen Deutschland einen Krieg führte, die kühnen Träume gute Chancen hatten. Die Generäle rüsteten Iljitsch mit viel Geld aus, das ihm half, Russland als Kriegsgegner zu erledigen. Und dann begannen siebzig Jahre, in denen, wie es in einem sowjetischen Lied hieß, der Traum zur Realität werden sollte. Einer Realität, die die Russen total erschöpfte. Die Lust nach kühnen Träumen scheint ihnen danach abhanden gekommen zu sein.

Davon profitiert unser gegenwärtiger natschalnik, der gesunden Pragmatismus predigt. Manchmal allerdings scheint es, dass ein träumerischer Hauch seinen glasklaren Blick verklärt. Aber das liegt wahrscheinlich an meinem schlechten Fernseher.

I.I., P.r

WEN LIEBTEN UND WEN LIEBEN DIE RUSSEN

Zu Putins Besuch in Paris ermittelte das führende russische Meinungsforschungsinstitut WZIOM, wen die Russen lieben. Lese und staune! Am meisten lieben die Russen die Deutschen! Über 80 Prozent der Befragten stellten Deutschland an die erste Stelle (unter den jüngeren- 90 Prozent). Erst danach kommt Frankreich und- merkwürdigerweise- Indien...

Polit.ru.

Anm. von M. Im Laufe der Geschichte änderte sich die Einstellung der gebildeten Russen zum Ausland. Ende des XVIII.- Anfang des XIX. Jahrh. erfasste die russische Gesellschaft eine pathologische Gallomanie. Man sprach und schrieb französisch, man kleidete sich französisch und eine Pilgerfahrt nach Paris gehörte zum Muss eines aufgeklärten Russen.

Nach dem Feldzug Napoleons gegen Russland (der mit einem Gegenbesuch der russischen Kosaken in Paris endete), genossen eher die Engländer die Vorliebe der Russen. Ein russischer Großgrundbesitzer stolzierte mit einem englischen Spazierstock, züchtete englische Rassenpferde und trug Manchesterhosen. Und züchtigte seine Leibeigenen auf englische Art. Mit Reitpeitsche.

Erst der Krimkrieg (Mitte des XIX. Jahrh.), in dem England mit Frankreich und der Türkei gegen Russland gekämpft (und gewonnen) hat, setzte der Anglomanie ein Ende.

Die Zuneigung zu Deutschland blieb aber unter den Russen, zumeist aber unter den einfachen Russen, konstant. Sie überdauerte viele Wendungen der russisch-deutschen Beziehungen. Vielleicht weil der einfache Russe den Deutschen (zu Friedenszeiten) vorwiegend als Wurstmacher und Bäcker, Arzt und Apotheker erlebte. Als emsigen und tüchtigen Handwerker.

Auch wenn die alte Liebe mitunter verschmäht wird, rostet sie anscheinend nicht.

Gott sei Dank, meint die Holzpuppe.

 

DIE GLÜCKSELIGEN...

Wodurch unterscheiden sich die Russen von anderen Völkern? In einem Witz heißt es , der Unterschied zum Franzosen besteht beispielsweise darin, dass dieser "fast blau rasiert und ein wenig angetrunken, der Russe dagegen ein wenig rasiert und total blau ist..."

Im letzten Jahrzehnt wurde Russland in mehrere internationale soziologische Untersuchungen einbezogen, die ergaben, dass die Russen zu den "glückseligsten Völkern" zählen.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuter sind die Russen die fünftglückseligste Nation der Welt. Noch glückseliger sind nur die Einwohner Kenias, Nordkoreas und "einiger wenig bekannter Staaten". Das bedeutet keinesfalls, dass die Russen es besser als die anderen haben. Nein, sie haben einfach gelernt, sich an Dingen zu erfreuen, die andere eher traurig machen. Nehmen wir die Deutschen. Auf der Liste der Glückseligsten stehen sie nur an 24. Stelle (die lebensfrohen Franzosen kamen auf Platz 15).

Was genau den Russen dieses schöne Gefühl der Harmonie mit sich und der Welt gibt, blieb allerdings ein Rätsel, denn sie sind glückselig im allgemeinen, wenn es konkret wird aber nicht. Im Familienleben z.B. empfinden sich die Russen als die unglücklichsten. Die Österreicher und die Amerikaner sind diesbezüglich sechsmal glücklicher. Zwei Drittel der Russen haben keine Befriedigung beim Sex. Ein Fünftel der russischen Bevölkerung hat überhaupt keinen Spaß daran.

Einen anderen wichtigen Faktor unseres Lebens, die Arbeit, betrachten die Russen so wie ehedem: "Die Arbeit ist kein Wolf, sie läuft uns nicht in den Wald davon". Die Arbeit macht nur 2 Prozent der Russen glücklich. Warum, in Gottes Namen, sind dann die Russen so glückselig?! Einfach so...Weil sie leben!

MK. 6.01.2001

9. 1. 02

Heute besuchte ich eine Veranstaltung in der Berliner Humboldt-Uni. Beeindruckend. Sehr beeindruckend.

Zuerst einmal, weil mir bewusst wurde, wie falsch ein Teil der neuen Studentengeneration in Berlin die freie Welt sieht. Eigentlich nicht die ganze freie Welt, sondern ihren sichersten Hort, die Vereinigten Staaten von Amerika. Das kam klar zum Ausdruck während der Debatte über  Antiamerikanismus,  was das Thema der Veranstaltung war.  Denn trotz des Bemühens älterer Menschen, die sich schon durch Benehmen und Bekleidung von den lärmenden, wild gestikulierenden, löchrige Jeans tragenden Studenten vorteilhaft absetzten, blieben die letzteren bei ihrer irrsinnigen Auffassung, die USA strebten die Weltherrschaft an und seien bereit, dafür den Frieden in der Welt aufs Spiel zu setzen. So ein Unsinn!

Mich machte das Ganze besonders betroffen, da die Veranstaltung an dem Tag stattfand, an dem das deutsche Vorauskommando nach  Kabul unterwegs war.  Wem ist dies zu danken, dass die deutschen Soldaten nach Kabul durften, wovon vielleicht noch Kaiser Wilhelm geträumt hatte? Selbstverständlich den USA. Der Air Force, wem sonst, die mehrere Wochen lang mit einem Einsatz wie im Zweiten Weltkrieg den Weg nach Kabul frei bombte.

A propos, Zweiter Weltkrieg. Hätten die jungen Schreihälse die deutsche Hauptstadt um 1945 sehen können, verstünden sie besser, welch ungeheuere Anstrengungen die amerikanischen Freunde  unternehmen mussten, um die  Taliban- was anderes waren die Nazis? - in Deutschland zu entmachten. Wie einige Zeit später auch in Japan.

Aber die Frechlinge, die in der Humboldt- Uni lärmten, haben es  nicht erlebt. Ihre Väter vermutlich auch  nicht. So muss wohl  ihnen erneut eine spektakuläre Lehre erteilt werden. Vielleicht haben dies die weitblickenden Urheber des gegenwärtigen Feldzuges sogar mit im Auge?

Noch etwas fand ich an der Veranstaltung  schlimm. Die pauschalen Angriffe auf die Friedensmissionen  der Bundeswehr weit von den Grenzen des Vaterlandes. Es war nämlich zu hören, in Deutschland sei man dabei, wieder die Sünde des Militarismus  unter dem Motto "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!" zu begehen. Quatsch! Was für ein Militarismus ohne Pauken und Trompeten! Das Vorauskommando setzte sich so still und unauffällig nach Afghanistan ab, als brächen die Kameraden auf zu einem Urlaub auf den Antillen. Fast so still und unauffällig, wie sich Ende 1979 das begrenzte Kontingent der sowjetischen Truppen (das in den Folgejahren des Einsatzes  immerhin 100 000 Mann erreichte und etwa ein Zehntel  auch verlor) nach Afghanistan absetzte. Wir in der SU merkten auch kaum etwas davon. Und das war richtig so! Wozu sollte denn die sowjetische Führung sein Volk vorzeitig beunruhigen?  Es  merkte schon, wohin der Wind blies, als immer mehr Zinksärge eintrafen...

Nicht, dass ich meine, die Geschichte wiederholt sich. Gar nicht. Es läuft jetzt alles  anders. Ganz anders. Damals bekämpfte das begrenzte Kontingent von 100 000 Mann die afghanischen Taliban  zehn Jahre lang.  Erfolglos. Jetzt waren die Amis mit dem Taliban  in zehn Wochen fertig. Die Erzfeinde der Menschheit versuchten gar nicht erst, sich richtig zu wehren. Einen einzigen GI haben sie töten können. Nur einen einzigen. Gott sei dank!

Warum der Unterschied? Ich beriet mich mit einer kundigen Schwester (die Holzpuppe mit dem Reisekoffer, die Asien mal bereiste). Sie erklärte mir, dass der sowjetische Einsatz brüderliche Hilfe zur Vervollkommnung des Sozialismus in Afghanistan sein sollte. Die Afghanen wollten aber den Sozialismus nicht vervollkommnen. Sie hatten auch vom unvollkommenen die Nase voll. Der heutige Einsatz in Afghanistan gilt aber der Freiheit, Demokratie und freien Marktwirtschaft. Wer kann schon was dagegen haben? Jedenfalls, wenn er davon noch keine Ahnung hat. Wie die Afghanen.

Der andere Grund der Kapitulation der Afghanen: Sie leiden Hunger und hoffen auf Esspakete. Damals waren sie noch satt. Und wären sie  hungrig gewesen, hätte die SU- Luftwaffe kaum Esspakete abwerfen können. Mit den Fressalien war es in der SU selbst so eine Sache... Hätte die NATO schon damals schöne Esspakete  abgeworfen, hätte sich die Osterweiterung vielleicht von selbst geregelt.

Ja, das ist der Unterschied zwischen dem damaligen und heutigen Einsatz. Aber die beiden haben auch ein bisschen gemeinsam. Damals wie heute  ging es nämlich darum, den Afghanen den richtigen way of life beizubringen. Na ja, auch darum, einen bärtigen Teufel zu schnappen. Wie hieß er damals? Nadshib? Oder war es auch nur ein Deckname vom perfiden bin Laden? Der wie der ewige Jude oder wie Koschtschei Bessmertny (der unsterbliche knöchrige Teufel aus den russischen Märchen) durch die Jahrtausende geistert...

Zurück zu den lieben Kerlen vom Bund, die deswegen in Kabul eintreffen. Hoffentlich erleiden sie keine Verluste. Obwohl sie nicht aus der Luft operieren, wie die Amis, sondern auf dem Boden. Iwan Matrjoschkin, Esq., der als der einzige Mann in unserem Team für militär- strategische Probleme zuständig ist, äußerte im Gespräch mit mir die Ansicht, es sei doch nicht ganz dasselbe. Er meinte auch, es wäre eine faire Arbeitsteilung, da die Amis viel mehr Erfahrung beim Zerstören und Töten aus der Luft hätten - und die Deutschen mehr auf dem Boden. Und er berief sich auf den NATO- Generalsekretär Lord Robertson of Port Ellen (den er notorisch zu seinen Freunden und Wohltätern zählt, obwohl der Lord von einem versoffenen Iwan Matrjoschkin, wie aus seinem Stab verlautete, keine Ahnung haben will).

Was aber die Veranstaltung in der Humboldt-Uni angeht, hinterließ sie doch einen bitteren Nachgeschmack. Ich erinnerte mich, als ich dem Streit zuhörte,   sehnsüchtig an meine Studentenzeit in der Moskauer Universität unter Stalin. Da gab es bei uns auch dauernd Debatten unter Teilnahme von hohen Gästen. Z.B. aus dem KGB oder ZK der KPdSU.  Es ging auch um aufregende Dinge. Z.B. darum, ob die elektronische Datenverarbeitung wünschenswert ist. Oder ist es nur eine bürgerliche Finte, darauf gerichtet, die Verfügungsgewalt des Führers über die Daten anzukratzen. Jawohl! - haben wir gesagt. Eine Finte der Imperialisten ist es. Die Daten können nur mit hölzernen Rechenbrettern richtig erfasst werden. Alle waren darin einig. Keiner trat dagegen auf. Und wenn einer dagegen war, dann zählte er bereits am nächsten Tag die Bäume in der Taiga. Ohne Rechenbrett, geschweige denn PC.

Disziplin! Sie gab es damals in der Moskauer Uni. Nicht so wie heute in der Humboldt-Uni zu Berlin.

 

 RUSSLANDS WEG

Eine optimistische Sicht auf die neueste Entwicklung Russlands

Nach westlich-demokratischem Modell, was aber nicht die ganze Welt beglücken muss, ist Russland in einer Krise: enorme Staatsverschuldung, oligarchische Machtverhältnisse, rasantes Auseinanderdriften von Reich und Arm, Abbau des Stellenwertes von Intellektuellen, gedemütigtes Selbstverständnis , brutale Mafiamethoden, zunehmende Gefährdung der Pressefreiheit, angepasste Hierarchisierung der orthodoxen Kirche.....Weitere Schlagzeilen ließen sich hinzufügen, die ja neben der Lüge auch immer ein bisschen Wahrheit verkünden, wobei mir die Demütigung ,nicht nur die hausgemachte, sondern auch die vom Westen verursachte als das gravierendste und folgenreichste Element erscheint. Man kann und darf Russland nicht alles zumuten, nicht nur aus Sympathie sondern auch als Selbstschutz.

Und: man darf nicht nur mit westlichen demokratischen Floskeln hantieren, sondern muss sich ein wenig in die russische Gegenwart und Vergangenheit vertiefen: in der mehr als 1000jährigen Geschichte, die von den Zaren trotz größtem Elend relativ reibungslos in den ebenso zentralistischen Kommunismus übergingen, hatte das "Volk" nie eine Chance, an " die da oben" zu glauben, zumal so revolutionäre Bewegungen wie die Aufklärung oder die Reformation an ihm vorbeigingen. "Das Volk" hat sich also immer selbst organisiert, von gelegentlich aufflackernden kurzfristigen Hoffnungen auf eine alles regelnde Vaterfigur, sei sie nun Gorbatschow, Jelzin oder Putin, nur sehr kurz abgelenkt. Hier liegt für mich die Schwäche wie auch die Kraft. Hinzu kommt für mich ein weites Raum- und Zeitgefühl, das in den relativ kleinen dichtbesiedelten Ländern Europas gar nicht nachempfunden werden kann. Nur zwei Beispiele: In dem vergleichsweise kleinen und auch noch kapitalistisch organisierten Spanien ( wo ich sieben Jahre zu Franco-Zeiten gewohnt habe), hat es fast 20 Jahre nach Francos Tod (1975) gedauert, bis das "Volk" sich nicht mehr ausschließlich unter der politischen Oberfläche in privaten Netzwerken organisierte, sondern energisch und selbstbewusst die Mitbestimmung erzwang. Der Prozess ist noch keineswegs abgeschlossen. Oder: ein sehr berühmter russischer Schriftsteller, der viele Jahre in russischen Lagern verbracht hat, sagte mir vor kurzem: "eine Gauckbehörde", also eine Behörde, die Bespitzelungen in der ehemaligen DDR aufdeckt, "das wollen wir nicht. Wir wollen leben, nicht an der Rache sterben" .Das ist Kraft, Weite der Seele, Sinn für Raum und Zeit.

Der Aufbau von politischen Mechanismen, an denen sich "das Volk" glaubwürdig beteiligen kann, braucht Zeit, vor allem mentale Zeit. Die Chance ist da, wie die zulässigen Reaktionen der heutigen Opposition z. B. von Grigorij Jawlinski in der Duma zeigen. Ja, manchmal geht es tumultartig in der Duma zu ,aber vergessen wir nicht, im Nach-Franco-Parlament probte ein Militär mit vorgehaltener Pistole den Staatsstreich und nach viele Jahre nach Francos Tod zitterte man in Westeuropa um die von Europa hoch subventionierte spanische Form der Demokratie. Und die politischen Finanzskandale? Davon haben wir in Deutschland, nun auch Frankreich, in letzter Zeit auch reichlich genug.

Der Westen ist mit Blick auf Russland zu ungeduldig und macht sich in internationalen Hotels im glitzernd renovierten Moskau nicht klar, dass viele kleine Kommunikationszentren entstanden sind, Clubs, Salons, erschwingliche Cafés. Ich frage mich auch, ob die Bedeutung der "Provinzen" wirklich erfasst ist. Zu "meiner Zeit" – 1990-1994 – gab es keine "Provinz". Alles ,aber auch wirklich alles war Moskau gesteuert. Sicher regieren einige Provinzgouverneure etwas willkürlich, dennoch entwickeln die vielen heute geöffneten Provinzstädte eine große Kraft und ein großes Selbstbewusstsein, wie ich bei meinen Besuchen in Krasnojarsk im Oktober letzten Jahres und im Juni dieses Jahres, sowie in Perm und Jekaterinburg feststellen konnte. Nur ein Beispiel: Das ehemalige Lenin- Museum in Krasnojarsk – in Außen- wie Innenarchitektur voll auf den Führer Lenin zugeschnitten, hätte man eigentlich abreißen bzw. voll entkernen müssen. Das tat man klugerweise nicht. Trotz fast unüberwindlicher Gestaltungsschwierigkeiten wurde der Kultort in ein Museum und Kulturzentrum umgewandelt mit Lenin überlebensgroß nach wie vor als erstem Blickfang in der Eingangshalle. Es ist dort eine Ausstellung zu sehen, "Waggon Frieden", von Künstlern gestaltet, nicht von Verwaltern, die das Ende des 2. Weltkrieges aus nicht ideologischer Sicht, sondern aus einer humanen Sicht der heutigen jüngeren Generation zeigt. Lenin ist dabei, verpackt a la Christo. Das ist mutig und kritisch zugleich und zeigt die Dialogbereitschaft mit einer sehr unterschiedlich reagierenden Bevölkerung.

Der Westen dachte einmal, mit seinem Siegeszug über den Kommunismus sei die Welt wieder in Ordnung gekommen. Heute tut auch er sich, verunsichert, schwer mit den Problemen der Globalisierung, der Digitalisierung , der offenen Grenzen, der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zurecht zu kommen. Wie einfach war es doch, als es noch Feindbilder gab. Aber die sind glücklicherweise zur Zeit weg, und die Kraft der Menschen hat eine Chance. Das hat sie in Russland allemal, denn Russen sind nicht "leidensfähig", wie immer behauptet wird, sondern "überlebensfähig", und das ist etwas Anderes.

Anm. von M.: Die das schreibt. muss eine Ahnung davon haben.1990 hat sie das Goethe-Institut in Moskau gegründet und bis 1994 geleitet. Nach der Rückkehr nach Deutschland, erschien 1995 in einem renommierten deutschen Verlag ihr Buch "Abenteuer Moskau", wo ihre Erfahrungen zusammengefasst wurden. Auf ein solides Sachwissen gestützt, stellt hier Frau Kathinka Dr. Dittrich van Weringh die These von einem starken Volk auf, das das Zeug dazu hat, die gegenwärtige Krise zu überwinden.

WAS FEHLT DEM KREML? 

K. Rogow, eine bemerkenswerte Figur im Runet (Polit.ru), meint, dem Kreml fehle eine starke liberale Partei. Nur sie könne der schwelenden Auseinandersetzung zwischen den zwei Flügeln des Putinregimes  ein Ende setzen. Zum einen zählt er „die Familie“. Das sind Oligarchen, die unter Gorbatschow und insbesondere unter Jelzin fette Stücke des sowjetischen Eigentums an sich reißen konnten. Sie sind nicht nur deswegen mächtig, weil sie reich sind. Inzwischen haben sie  Schlüsselpositionen des Staates in der Hand. Z.B. die Eisenbahnen, die zwar formell staatlich, aber in der Realität zu einer privaten „kormuschka“- Futternapf- geworden sind. Oder das Zollwesen, dessen Personal auf die „Nebeneinkünfte“ angewiesen ist. (Sonst müsste es verhungern.) 

Um das Sagen in diesen formell staatlichen, aber nach der ganzen Funktionsweise eher privaten Monopolen wird heftig gerungen. Auch mit Mitteln, die anderswo unüblich sind.

 Der andere Flügel im Kreml besteht aus den „Petersburgern“. Unter diesem Sammelbegriff werden vor allem Geheimdienstleute apostrophiert, die der russische Präsident noch in seiner Zeit an der Newa  gut kennt. Sie wollen ihren Platz an der Sonne behaupten und erweitern. Und pochen darauf, dass der Reichtum der Günstlinge der „Familie“  nicht ganz koscheren Ursprungs  sei. Denn die Beute der „Systemtransformation“ wurde nach den Regeln  einer Diebesbande verteilt.

 Hier macht  Polit.ru das Grundübel des  heutigen Russlands aus. Die fehlende Legitimierung des Reichtums. Und somit auch des Staates, der diesen Reichtum beschützen muss,  da er es mit den  Oligarchen nicht aufnehmen kann. 

 Allerdings kann der Präsident auch die „Petersburger“ nicht vor den Kopf stossen, die zwar viel weniger reich sind, aber viel reicher  werden wollen. Denn auch  auf ihre Unterstützung ist der Kreml angewiesen. Sie sind die Spitze des russischen Beamtentums, das mit jedem fertig wird, der sich an seinen Pfründen vergreift.

 Putin versuchte dem Zwang der Umstände auszuweichen, in dem er sowohl die einen, als auch die anderen in seinen Stab holte. Vor allem diejenigen, die ihm zuverlässig schienen. Aber das existentiell bedingte Tauziehen fand damit kein Ende.

 Im Runet wird zunehmend prophezeit, letztendlich behalten die „Petersburger“  Oberhand. Auch weil sie einen neuen Klüngel der Supergeschäftsleute unter ihren Verbündeten haben. Das sind die sogenannten „russischen Orthodoxen“. Die Bezeichnung, die darauf hinweisen soll, dass ihre ethnische Abstammung eine andere ist als die der Günstlinge der Familie. Eine russische.

 Aber auch der Sieg der „Petersburger“ würde nur zur Umverteilung des Eigentums, nicht aber zu dessen Legitimierung führen, gibt Polit.ru zu. Das verheißt weitere Umverteilungskämpfe.

 Den Vorgeschmack gibt die „Familie“ bereits jetzt, nämlich mit Pressetamtam, das Angst vor den „Petersburgern“ schüren soll. Sie werden verdächtigt, Russland mit eiserner Hand regieren zu wollen. Fast wie Stalin.

 Deswegen empfiehlt  Polit.ru auch die Schaffung einer dritten Kraft! Eines starken liberalen Establishments, das Gleichgewicht sichert.

 P.S. Glücklich sind die Länder, wo alles längst verteilt ist.

  11.12.01 

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Russland auf dem Wege zur Diktatur?

(von einem Studenten der Leipziger Uni, der nicht genannt werden will, an Hand von Aufzeichnungen einer Vorlesung verfasst, deren Urheber er nicht nennen will).

In Russland ist nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems keine Demokratie entstanden, sondern ein autokratisches System, in welchem die Rechtssicherheit der Bürger nicht gewährleistet ist, auch wenn der Herrscher gewählt wird. Man nennt das eine "illiberal democracy".

Die Lage in Russland widerlegt das optimistische Bild, das sich der Westen jahrelang von der Zukunft der früheren Großmacht zurechtlegte. Jetzt häufen sich die besorgten Fragen. Sie laufen auf eine hinaus: droht Russland die Rückkehr zur Diktatur?

Oder anders ausgedrückt: Beschreitet Russland bereits den "Weg zum Faschismus"?

Das "Abgleiten in den Faschismus" könne weder eine starke Hand noch eine Medienkampagne verhindern, wenn nicht in kürzester Zeit die "Lumpenisierung" der Bevölkerung und die Kriminalisierung der Politiker zum Stillstand gebracht würden, prophezeite Wjatscheslaw Kostikow, der frühere Kremlsprecher.

Alexander Rahr schreibt im GUS-Barometer der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, der russische Präsident sei kein überzeugter Reformer, geschweige denn ein Demokrat. Ein faschistoides Russland wäre doppelt gefährlich, da es über Massenvernichtungswaffen verfügt.

Hinter diesen realen Befürchtungen für Russland im 21. Jahrhundert steht die Prognose von zwei unterschiedlichen Entwicklungstendenzen:

Die erste ist die "Tendenz zum Zerfall der staatlichen Zentralmacht" (A. Rahr). Der renommierte russische Publizist Boris Kagarlitzkij sieht nicht einmal eine Chance, das Staatswesen Russland zu erhalten.

Die zweite Entwicklungslinie in Rußland führt - ähnlich wie in etwa der Hälfte der sich demokratisierenden Transformationsländer der dritten und vierten Welle - zur Herausbildung einer nichtliberalen Demokratie (illiberal democracy), wo die Bürgerrechte auf unsicherem Fundament stehen.

Jedenfalls bleibt die Partizipation der Bevölkerung an der Politik auf den Urnengang beschränkt. Die lokale Selbstverwaltung ist unterentwickelt und unerwünscht. Inhalte und Ziele der Regierungstätigkeit liegen im Verborgenen. Die persönliche Bereicherung ist Motor und Maßstab des Machtkampfes.

"Die neue russische Machtelite ist weder demokratisch noch kommunistisch, weder konservativ noch liberal - sie ist lediglich unersättlich habgierig". Dieser Charakterisierung der politischen Klasse durch den Führer der liberalen Opposition, Grigorij Jawlinskij, lassen sich zahlreiche Nuancen hinzuzufügen. Die "Korruptionsanfälligkeit" und "Unreife" (Claude Frioux) klingen dabei noch wie subjektive Fehler, die der Annäherung an einen Marktkapitalismus nicht unbedingt im Wege stehen müssen. Doch zu dieser Annäherung kann es nicht kommen, weil die Räuber-Barone, statt ökonomische und soziale Probleme zu lösen, einen "kriminellen Staat" errichtet haben. George Soros und Alexander Solschenizyn unterscheiden sich kaum in der Aussage, dass die Privatisierung nichts anderes war als der massenhafte Raub des nationalen Eigentums.

Den Räuber-Baronen ist es sodann gelungen, demokratische Wahlen zu instrumentalisieren, schreibt Jawlinskij. Die Wahlen sind nur eine teure Fassade. Der Unterschied zum kommunistischen System ist insofern nur als graduell und nicht als qualitativ zu betrachten, da die Wahlen nicht zum Machtwechsel dienen, sondern zur Manipulation der schweigenden Mehrheit.

Der Westen hat erheblichen Anteil an diesem Zustand. In Jelzins Amtszeit gehörte es im Westen zum guten Ton, von der Obstruktionspolitik der Duma zu sprechen, also den Wählerauftrag zu ignorieren. Die nationalistisch-kommunistische Mehrheit in der Duma wurde im Westen routinemäßig mit abschätzigen Bemerkungen bedacht, als ob sie die Macht heimtückisch erschlichen und nicht durch Wahlen errungen, die von der EU und der OSZE als fair und frei anerkannt wurden.

Wie zu Sowjetzeiten, als der Westen Geschäfts- und Gesprächspartner in der oberen Nomenklatura der SU suchte und fand, waren auch in der postsowjetischen Ära die wichtigsten Kontakte der maßgeblichen westlichen Politiker auf die Oligarchie konzentriert. Die mächtige Riege der Kleptokraten versuchte erfolgreich, vom Westen mehr und mehr Geld zu bekommen, und die Gläubiger wollten mit "zuverlässigen" Managern der russischen Makroökonomie zu tun haben, sich aber nicht mit sozialen Verpflichtungen demokratischer Politik herumschlagen. Die internationalen Finanzorganisationen konnten bei ihrer Kreditpolitik zwar die Kräfteverhältnisse in Russland nicht gänzlich ignorieren, doch erwarteten sie, dass die Regierung ihrem Diktat Folge leistet.

Die monetaristische Reformstrategie des Westens lässt sich nur in einer nichtliberalen Demokratie durchsetzen. Die Exekutive müsse wie eine Faust funktionieren, forderte einst Anatoli Tschubais, Boris Jelzins Privatisierungsminister und Vizepremier, der häufig Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds führte. Nach Meinung von Gennadij Selesnjow, dem Vorsitzenden der Staatsduma, kann Russland die Auflagen der internationalen Finanzinstitutionen nur um den Preis einer strammen Diktatur erfüllen. Das mag übertrieben klingen, aber das gute Verhältnis der USA zu diktatorischen Regimes in Lateinamerika während des Kalten Krieges sollte nicht in Vergessenheit geraten.

In Russland reduziert die Verfassung die Möglichkeiten, die Regierung zu kontrollieren. Die Verabschiedung des Staatshaushalts gehört zu den beschränkten Kompetenzen der Duma. Der Haushaltsentwurf der Regierung kommt jedoch aus dem Finanzministerium, wo die Eckdaten mit dem IWF abgestimmt werden. Der Duma bleibt regelmäßig nur die Rolle, ihre Zustimmung zu einer Austerity-Politik zu geben und den Mangel zu verteilen.

Die monetaristische Reformkonzeption wie auch die damit verbundene "Geheimdiplomatie" des IWF trug zur Herausbildung einer Diktatur in Russland bei. Der Öffentlichkeit wurden die wichtigsten Details der Vereinbarungen nicht bekannt. Gerüchte über Washingtons Einflussnahme auf die Besetzung wichtiger Regierungsposten machten die Runde.

Den größten Schaden fügte jedoch die vom Westen gerühmten Stabilitätserfolge der wechselnden Regierungen zu. Um das Budgetdefizit und die Inflation auf das vom IWF gewünschte Niveau zu drücken, hat die Regierung Staatsaufträge und Staatsbedienstete oft nicht bezahlt. Die monatelange Verzögerung bei der Auszahlung von Löhnen und Renten bestätigte nur die landläufigen Vorurteile gegen den Westen. "Das letzte normale Jahr war 1990", bekundete eine Sprecherin der protestierenden Pädagogen.

Eine verhängnisvolle Rolle spielte Boris Jelzin. Bei der Politik der Preisfreigabe und der Privatisierung folgte er westlichem Rat und öffnete sein Land für westliche Konsumgüter und Kapitalanlagen.

Sein Ansehen im Westen und seine Popularität im Lande klafften nach kürzester Zeit auseinander. Dieses Schicksal teilte er mit seinem früheren Erzrivalen Michail Gorbatschow. Doch während dieser als Staatschef der Sowjetunion nach der von Jelzin betriebenen Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten im Dezember 1991 zurücktrat, wollte Boris Jelzin im Juni 1996 wiedergewählt werden. Zu Beginn des Wahlkampfes hatte Jelzin jedoch nur eine Wählerunterstützung zwischen drei und sechs Prozent.

Der Vorsprung des kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Gennadij Sjuganow sorgte im Jelzin-Lager und im Westen für Unruhe. Nach der Rückkehr ehemaliger Kommunisten an die Macht in Polen, Ungarn und Litauen erschien der Sieg des Kapitalismus noch nicht so endgültig wie vielfach angenommen. Und im Gegensatz zu Osteuropa hätte nicht eine reformkommunistisch oder sozialdemokratisch orientierte Linke den Wahlsieg errungen, sondern eine Partei, die auf Kontinuität mit dem alten Regime setzte und sich vom Westen abgrenzte. Diese Aussicht mobilisierte die Freunde Jelzins im Westen.

Anatolij Tschubais machte beim Internationalen Währungsfonds 10,2 Milliarden Dollar locker. Helmut Kohl kam seinem Sauna-Freund, dem Hauptimporteur deutscher Agrarprodukte, mit vier Milliarden Mark zu Hilfe. Auch Frankreich und andere Länder griffen in ihre Kassen. Jelzins Wahlkampf hat ein Mehrfaches der gesetzlich zulässigen 2,9 Millionen Dollar gekostet.

Das auffälligste Merkmal dieser Interventionen während der Präsidentenwahlen 1996 war, dass sie nicht der russischen Demokratie, sondern Boris Jelzin galten. Trotz angegriffener Gesundheit und seiner notorischen Neigung, Recht und Gesetz zu missachten, wenn es der Machterhaltung nützt, wurde er zum Garanten sowohl der politischen Stabilität als auch der kapitalistischen Transformation hochstilisiert und alimentiert. Das Bundeskanzleramt unter Helmut Kohl verfolgte die Politik, "Zeit zu kaufen" – Zeit für Geschäftsabschlüsse und für politischen Einfluss.

Dieses Ziel ist trotz der Zäsur der russischen Finanzkrise vom 17. August 1998 in beträchtlichem Maße erreicht worden. Jetzt liegen die Folgen der westlichen "Stabilisierungsstrategie" auf der Hand. Es sind eben die direkten und indirekten Langzeitfolgen der von vested interests geleiteten Intervention in Russland, die jetzt zu seiner Faschisierung zu führen drohen.

Die Gefahr liegt auch in der russischen Verfassung. Sie folgt nicht dem Modell des deutschen Grundgesetzes, obwohl Bonn viel in die Beratung und Fortbildung der Fachleute investiert hat. Die Grundrechte stehen nicht im ersten, sondern im zweiten Hauptteil, nach den Grundprinzipien des staatlichen Aufbaus - ähnlich wie in der Weimarer Verfassung. Und unter den "Rechten und Freiheiten der Menschen und Bürger" erscheint Artikel 29, die Meinungsfreiheit, erst an 13. Stelle.

Die Verfassungswirklichkeit hebelt selbst diese normativen Rechte weitgehend aus. Die Meinungsäußerung und die Meinungsverbreitung werden manipuliert. Dem investigativen oder kritischen Journalismus werden Grenzen durch mehrfache Auftragsmorde pro Jahr aufgezeigt.

Die Rechtsstaatlichkeit liegt in Russland im argen. Gerichtsentscheidungen herbeizuführen und durchzusetzen, ist einem Durchschnittsbürger ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Unabhängigkeit der Gerichte ist nicht garantiert. Unter dem Spardiktat des IWF kann der Staat nicht, auch wenn er das will, für seine Rechtsprechung aufkommen. Die Gerichte verlieren an Ansehen, die Eintreibung von Kreditforderungen hat die Mafia übernommen.

Das sind Marksteine auf Russlands Weg in eine ungewisse Zukunft.

Ist Russland bereits Weimar? Jedenfalls muss der Westen, um zu vermeiden, dass es in Russland zu einer vergleichbaren Entwicklung kommt, Lehren aus Weimar ziehen. Gesetzt den Fall, er will das Post-Weimar in Russland verhindern.

Nachdem Russland den Kalten Krieg verloren hat, darf das Friedensdiktat der Westmächte nicht weiterhin die Gefahr wirtschaftlicher Ausblutung des Landes (durch Schuldendienst oder internationale Finanzspekulation) fördern. Das ist das Minimum, das zu erwarten wäre.

 

In der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik in Berlin fand eine Begegnung mit dem bekannten russischen Politologen Gleb Pawlowski statt. M. berichtet:

Am meisten beeindruckte der Moskauer Gast die Anwesenden wohl mit seiner Einschätzung der Ära Jelzins. Die zehn Kremljahre des Ende 1999 zurückgetretenen ersten russischen Präsidenten bezeichnete er als eine für Russland verlorene Zeit. Die Erneuerung von Staat, Gesellschaft, Recht und Wirtschaft ist über Anfänge nicht hinausgekommen. Das Wunder der nach der Machtübernahme Jelzins 1991 angeblich eingetretenen russischen Demokratie und Markwirtschaft erwies sich als faul. Zwar hätte Jelzin die historische Leistung der endgültigen Zerschlagung des Sowjetsystems vollbracht. Dabei aber verzichteten er und seine Mannschaft auf den Aufbau eines neuen, funktionierenden Staatswesens, um korrumpierten Staatsbürokraten und ihren Partnern aus der wirtschaftlichen Grauzone Gelegenheit zu geben, im Trüben zu fischen. So hinterließ Jelzin ein pauperisiertes Volk und einen Haufen Oligarchen, die dieses um die Früchte seiner Arbeit brachten.

Nach Einschätzung Pawlowskis war es vor allem die Angst der russischen Eliten vor dem unkontrollierten Aufstand des betrogenen Volkes, was den Abgang Jelzins bewirkte. Und der kometenhafte Aufstieg seines Nachfolgers sei darauf zurückzuführen, dass die Eliten Putin zutrauten, eine Explosion im überhitzten Kessel zu verhindern. Tatsächlich hätte der neue russische Staatschef die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Das Schlimmste, was Russland passieren konnte, nämlich eine neue gewaltsame Umverteilung des Eigentums, fände nicht statt.

Was die Zukunft angeht, fehlte der Analyse des Moskauer Politologen die Klarheit seiner Urteile über die Vergangenheit. Als richtungsweisenden Erfolg Putins schätzte er allerdings die Kompetenzbeschneidung der Gouverneure, also der russischen Provinzfürsten, ein. Dies hätte die russische Staatlichkeit gerettet.

Sonst stecke vieles in Russland noch im Argen. Vor allem die Wirtschaft.

Den Punkt, an dem die erneuerte Staatsmacht ansetzen soll, sieht Pawlowski in der Durchsetzung der Rechtssicherheit des Eigentums. Vor allem für jene zahlreichen russischen Bürger, die bereits Eigentum haben oder es anstreben. Wenn sie sich vor Anschlägen der korrumpierten Staatsbeamten oder der Kriminalität der Strasse geschützt wissen, schalten sie sich mit voller Kraft in die produktive Tätigkeit ein und besinnen sich obendrein wieder auf ihre Rolle als Staatsbürger Russlands. Dann sei die Zukunft Russlands gesichert.

In seinen Ausführungen zur internationalen Lage Russlands hob der Gast aus Moskau hervor, es beanspruche nicht die Wiedergewinnung seiner Supermachtposition. Aber es würde sich keinem Diktat beugen. Auch nicht in Bezug auf seine Erneuerung, die nicht unbedingt fremden Mustern folgen soll.

In dem Zusammenhang beklagte Pawlowski die weltweiten Hegemoniegelüste der USA. Sie missbrauchen die Kreditvergabe durch internationale Finanzorganisationen für die Einmischung in fremde Angelegenheiten. Vor allem könne Russland davon ein Lied singen.

Der russische Politologe bedauerte die mangelnde Bereitschaft der Europäischen Union, Russland in ihre Strukturen aufzunehmen. Das sei aber kein Drama, wenn der Westen auch einen anderen Pol der europäischen Integration- vor allem auf dem ehemaligen sowjetischen Gebiet- hinnimmt. Es sei denkbar, dass beide Gebilde konvergieren. Erst dies würde Europa wirklich prosperierend und stark machen.

Man mag darüber streiten, inwiefern die Ansichten des Moskauer Politologen zutreffen . Da ihm aber eine Nähe zur gegenwärtigen russischen Staatsführung nachgesagt wird, beachtenswert sind sie allenfalls. So wurden sie auch vom zahlreichen Publikum in der Residenz der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik aufgenommen.

Anm. v.M.. In einem scheint Russland sich selbst die Treue zu halten: kaum tritt ein Chef zurück, wird er durch den Kakao gezogen. Schlimm ist es aber nicht. 1. Jelzin geschah es recht. 2. Der schöne Brauch wird nicht nur in Russland ausgeübt.

30.1.01

 

RUSSISCHE BEFINDLICHKEIT AUS DER SICHT EINES HARDLINERS.

In einem Land, in dem das historische Gedächtnis erlöscht, löst sich das Volk in menschliche Asche auf , vom Wind der Veränderungen fortgetrieben. Aus dem Schöpfer der Geschichte wird es zu ihrem Opfer. Insbesondere, wenn es zu ständigen Reuebezeugungen angehalten wird und immer wieder an den Pranger muss.

So wie es der Ideologe der zweiten Welle liberaler Reformen, der Minister für Wirtschaftsentwicklung und Handel, German Gref, sich wünscht. Der Russe, schreibt er, entscheide sich bei der Wahl "zwischen einer Wodkaflasche heute und zehntausend Dollar morgen ganz bestimmt für die Flasche". Hoffnungslos hinke der Russe der zivilisierten Welt hinterher. Sogar im Klo. "Im Vergleich zu Finnland wird bei uns sechsmal mehr Wasser verspült". Dabei "muss gespart werden!" Vor allem an Abwasser. Erst dann werden wir, in zehn Jahren vielleicht, in einem "Brasilien ähnlichen" Land leben.

Im gleichen Sinn äußert sich auch ein anderer Wirtschaftsfachmann, Präsidentenberater. Seiner Meinung nach ist es jetzt am wichtigsten, zu begreifen, dass "wir keine Großmacht mehr sind". Was sind wir dann? "Wir sind ein armes, schwaches Land". Dementsprechend müssen wir uns verhalten.

Die hausgemachten Verzichtspolitiker wollen, dass die Russen in Demut leben. Das heißt, keine Weltraumstationen, ballistischen Raketen, atomaren U-Boote bauen. In Ländern der Dritten Welt, zu denen sie Russland zählen, gibt es das alles nicht. Auch in Russland dürfe es das nicht geben.

Keine hochfliegenden Träume sollen die Russen hegen. Vor allem gar nicht versuchen, den Lauf der Weltgeschichte mitzusteuern.

Dass sie es einmal getan haben, soll verdrängt werden. Darum wurde der 7. November, der Tag der Großen Revolution 1917, zum diffusen Tag der Versöhnung und Eintracht verklärt. Dieses Datum soll damit raus aus der russischen und der Weltgeschichte. Keinerlei Erinnerung mehr an die Revolution. Samt der ganzen sowjetischen Epoche.

Die Russen sollen die eigene Geschichte verleugnen. Damit sie noch pflegeleichter werden.

Wollen wir tatsächlich aus der eigenen Geschichte aussteigen? Wollen wir tatsächlich die uns suggerierte Rolle der reuigen Sünder akzeptieren?

Ein großes Volk steht immer vor der Wahl, entweder ein Subjekt der Politik oder ihr passives Objekt, das Opfer also, zu sein.

Im November 1917 ging Russland davon ab, dem Westen billiges Kanonenfleisch zu liefern. Es wurde zu einem Subjekt des Weltpolitik. Von nun an drehte sich die Welt um Russland und seine große Revolution.

Die Revolution war zwiespältig. Sie gebar viel Grausamkeiten und Verbrechen, schrieb aber humanistischste Ideale auf ihre Fahnen.

Sie hat auch Großartiges geleistet. In den zwanziger, dreißiger Jahren sicherte die Planwirtschaft im Vergleich zur kapitalistischen Wirtschaft, die sich in einer tiefen Krise befand, einfach fantastische Erfolge.

Deutlich zeigte sich auch, was die Beseitigung sozialer Barrieren und die Gewährleistung sozialer Mobilität ermöglichen. In kürzester Zeit wurde eine "Aristokratie von Begabungen" herangezogen. Russland bekam herausragende Feldherren, geniale Erfinder, Schriftsteller, Komponisten und Sportler.

Kunst und Kultur wurden allen Schichten der Bevölkerung zugänglich gemacht.

Die Erfolge der russischen Revolution beflügelten die Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas im Kampf für Unabhängigkeit.

Die UdSSR strahlte Licht (das durch die Stalinschen Repressalien an Leuchtkraft verlor) der humanistischen Ideale aus. Sie wurde Magnet für alle, die den Irrationalismus, Mystizismus und Obskurantismus, wie der deutsche Nationalsozialismus sie verkörperte, Widerstand leisten wollten. Wohl nicht ohne Grund begeisterten sich die berühmtesten Wissenschaftler und Dichter für die humanistischen Ideen der russischen Revolution.

Große historische Schübe haben ihren Preis. Mitunter gehören viel Blut, Millionen unschuldiger Opfer zu diesem Preis. Anders war es nie in der Geschichte der sozialen Auseinandersetzungen. Was also tun? Auf den Sturm und Drang verzichten?

Zur Zeit der Revolution glaubten viele Russen, dass der Kapitalismus überholt und nicht mehr in der Lage sei, eine effektive Wirtschaft zu gewährleisten, soziale Widersprüche aufzuheben, eine Welt ohne Krieg zu garantieren. Wären die Russen nicht davon überzeugt gewesen, hätten sie das durch den Krieg am Boden liegende Russland nie zu einer großen Industriemacht aufbauen können. Letztendlich hätte der Verzicht darauf auch seinen Preis. Vielleicht einen viel höheren. Und nicht nur Russland müsste es entrichten.

Die Eliten der kapitalistischen Welt waren keineswegs bereit, kleinlaut auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen. Nach der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf es Stalin gelang, halb Europa unter seine Kontrolle zu stellen, kam die kapitalistische Welt allmählich wieder zu sich und passte sich der neuen Realität an.

Die Weissagungen von Marx, Lenin und Trotzki sind nicht eingetreten, der Kapitalismus ist nicht zusammengebrochen. Doch unter dem Einfluss der russischen Revolution hat er sich grundlegend verändert. Demokratisierung, Sozialisierung und Humanisierung erfassten alle Lebensbereiche. Unentgeltliche Schulbildung, medizinische Betreuung für alle, Arbeitszeitverkürzung, Planelemente, Gewerkschaften, die Vorstellung vom Staat als Garant nicht nur der politischen Freiheit, sondern auch des Wohlstands der Bürger – nichts von alledem hätte der Kapitalismus von selbst erreicht, wenn die russische Revolution die Existenzberechtigung dieser Gesellschaftsordnung nicht in Frage gestellt hätte.

Die Russen haben allen Grund, stolz zu sein! Die ersten siebzig Jahre des 20. Jahrhunderts standen weltweit unter dem Einfluss ihres Landes. Und selbst jene, die das sowjetische Regime begründet kritisierten und ihm moderne Alternativen in Form verschiedenster Varianten von Wohlstandsstaaten entgegenstellten, hatten immer die sowjetischen Erfolge im Hinterkopf.

Sie waren Gegenstand der Bewunderung, des Zweifelns, der Ablehnung. Aber sie waren da!

Es gab auch Fehler, Fehlschläge, Verbrechen. In einem armen Land ohne demokratische Traditionen war das alles wohl unvermeidlich.

Es sei daran erinnert, dass die UdSSR und ihre Verbündeten bis zum Beginn der neunziger Jahre gegenüber dem Nato-Block das strategische Gleichgewicht aufrecht erhalten mussten, wobei das Nordatlantische Bündnis in diesem Zeitraum zehn Trillionen Dollar für die Rüstung ausgab.

In den siebziger Jahren ging die kapitalistische Welt zum entscheidenden Gegenangriff über. Es beginnt die Schlacht des Jahrhunderts, eine neue Weltordnung entsteht – eine unipolare Welt, in der es für humanistische Ideale keinen Platz mehr gibt.

Der Verlust des politischen Willens, der Verzicht auf globale Ansprüche, die mangelnde Bereitschaft, die Menschen für sich zu gewinnen, das Wettrüsten im vom Westen vorgegebenen hochtechnologischen Rahmen unterminierten die sowjetische Wirtschaft und beschädigten das Ansehen der Sowjetunion. Bevor sie zusammenbrach, hörte sie auf, eine Hoffnung für die Menschen zu sein.

Der willenlosen, inhaltsleeren, zögerlichen Politik Gorbatschows setzten Reagan und später George Bush eine Strategie der nationalen Größe, das Gespür für die historische Berufung Amerikas, unbeugsamen Willen, die Bereitschaft entgegen, die Welt wenn nötig an den Rand der Katastrophe zu bringen. Sie glaubten fest, dass der Kommunismus zum Scheitern verurteilt ist, dass es wichtigere Dinge gibt als den Frieden und dass sie, nur sie allein dazu berufen sind, eine antikommunistische Weltordnung zu schaffen.

Die Vereinigten Staaten nahmen der UdSSR die Rolle des Subjekts des globalen Weltprozesses weg. Jetzt bestimmten sie das Weltgeschehen. Ihre Werte wurden zum Maß aller Dinge in der Welt.

Was sollen die Russen nun tun? Die historische Niederlage eingestehen, den Bankrott erklären, die einstige Größe vergessen? Das wäre ihr Ende.

Russland ist arm geworden. Aber die Geschichte wird von den Menschen gemacht. Ihr Willen, ihr Verstand, ihr Gedächtnis wiegen mehr als alles andere. Als Reichtum erst recht.

Russland ist dazu verdammt, entweder eine Großmacht zu bleiben oder ganz zu verschwinden. Einen Mittelweg gibt es nicht.

Martin Schakkum, Mitglied der Staatsduma.

Anm. v. M.: Der so im Runet (NSN.ru) schreibt, ist kein Kommunist und kein rechter Extremist. Er ist ein ehrgeiziger Einzelgänger. Der Matrjoschka-Rat war unschlüssig, ob Schakkums Gespinne es verdient, auf der Site zu erscheinen. Die Meinungen der Holzpuppen gingen auseinander.

"Schakkums Manifest, sagte die Feinsinnige, ist gut geschrieben. Ich meine den Stil. Auch wenn der Mann spinnt, spürt man sofort, er ist ein richtiger Intellektueller. Professor. Historiker..."

"Na und? sagte die Lustige. Sein russischer Größenwahn ist zwar amüsant, aber realitätsfremd. Und kommt bei den Russen schlecht an. 1996 wollte er Präsident in Russland werden, konnte das Wahlvolk aber wenig beeindrucken. Er erhielt etwa ein Prozent der Stimmen. Soviel etwa wie Gorbi, den er verdammt..."

"So einfach ist es wiederum nicht, - meinte die Nachdenkliche. Seinem Gedanken, kein großer Schub in der Geschichte sei ohne furchtbares Blutvergießen erfolgt, ist schwer zu widersprechen. Und auch der Feststellung, der Verzicht auf die Schübe käme noch teurer.

Erinnern wir uns an Robespierre oder an Napoleon Bonaparte, sie haben Ozeane von Blut vergossen und den Tod von unzähligen Menschen auf dem Gewissen. Aber die Franzosen verziehen den Menschenschindern. Weil sie verstanden, die Grand Nation wäre undenkbar ohne die Grosse Revolution. Die Grosse Russische war wohl nicht weniger zukunftsträchtig als die Französische. Eher schon mehr.

Übrigens ist auch kaum zu bestreiten, dass die Welt nach dem Verschwinden der Sowjetunion, der wir allerdings keine Träne nachweinen, nicht viel gemütlicher geworden ist..."

"Ihr seid elende Leisetreterinnen! schrie hier die Gehässige die anderen Holzpuppen an.- "Ob der Eierkopf recht hat oder nicht, er vertritt einen Standpunkt, der in Russland Befürworter findet. So sind wir es unseren deutschen Lesern schuldig, ihm einen Platz einzuräumen. Umso mehr, dass gerade die Deutschen einige von Schakkums Gedankengängen gut nachvollziehen können...Nicht von ungefähr begehen sie heuer das Preußenjahr."

Bei der danach erfolgten Abstimmung wurde mit fünf Stimmen gegen zwei und bei einer Stimmenthaltung beschlossen, Schakkums Auslassungen auf die Seite zu bringen. So sind Sie, lieber Matrjoschka- Freund in die Lage versetzt, sie kennen zu lernen und sich dazu zu äußern.

ZWEI LESERMEINUNGEN DAZU

1.

Neun Puppen und Matrjoschkin!

Herr Martin Schakkum, Mitglied der Staatsduma, hat in allen Punkten recht. Und wenn er Herrn German Gref und die Wodkaflasche zitiert, so nehme ich an, dass Herr Gref den Ausspruch im Anflug von Resignation getan hat.

Traurig ist, dass Herr Schakkum in Russland ein Einzelgänger sein soll. Das kann ich nicht glauben. Anzeichen sprechen auch dagegen, denn sonst hätten nicht mehr als die Hälfte der Russen die alte Hymne wiederhaben wollen, und vor allem ihr Präsident hätte sie nicht wiedereingeführt, wenn nicht auch er an die Geschichte anknüpfen wollte. Das gilt auch für den Zarenadler. Und die Fahne, sie ist Weiß-Blau-Rot, die Streifen sind nur anders verteilt als in Frankreich. Was für die Französische Revolution gilt, das gilt für Ihre erst recht, beide haben Geschichte gemacht, die weit in die Zukunft wirken wird.

Jeder hat sein Selbstbewusstsein unabhängig von den Meinungen und Einschätzungen anderer. Traurig dran derjenige, der sich von anderen abhängig macht. Das trifft für den einzelnen genauso zu wie für ein ganzes Volk. Das Warten auf Gerechtigkeit lähmt nur.

Ich halte mich an das Erste Gebot: "Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt hat aus Mizrajim, aus dem Knechthause. Du sollst keine anderen Götter haben vor mir!"

Also, herausgeführt, aus dem Knechthause, sind wir schon. Es zählt, was wir daraus machen.

Ihre VSEMV

2.

Worauf ist Herr Sch. stolz? Darauf, dass die Sowjetunion Raketen und Bomben produzieren konnte, die die Welt in Angst und Schrecken versetzten? Die Russen lebten aber hinter Stacheldraht, hungerten, wurden massenweise eingesperrt... Ist der Herr nicht jenen Kahlgeschorenen in Deutschland im Geiste verwandt, die stolz sind, Deutsche zu sein, und denken dabei ans 3.Reich?

Von GZ.

DER NACHSCHLAG. Matrjoschka schreibt:

"56 Jahre später, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts- und Jahrtausends, stellt man rückblickend fest, dass nur eine Großmacht jener Staatenkoalition, vor der das nationalsozialistische Deutschland bedingungslos kapitulieren musste, jetzt als wahrer Sieger in Betracht kommt. Die Großmacht, die in dem Krieg die wenigsten Opfer brachte. Die Vereinigten Staaten von Amerika."

Eine Leserin dazu:

Das mag kurzfristig stimmen, mittel- und langfristig jedoch nicht. Die
Hypermacht lebt seit 1945 auf Kosten der restlichen Welt, die das nun
allmählich nicht mehr haben möchte. Sie hatte es nicht nötig, wie z.B. wir
Deutschen, eine auf Sparsamkeit aufgebaute Wirtschaft zu entwickeln. Bedenkt doch, die USA bezahlen heute $ 3,75 für knapp vier Liter Benzin. Rechnet selbst aus, was der Liter da kostet, Puppen, Püppchen (der Esquire ist sicherlich eh zu besoffen dazu, heute, an seinem Ehren- und Feiertage!!!)

Wenn die Guten ihre Wirtschaft auf die Anforderungen der modernen Zeit
umstellen müssen, werden sie Billionen (Billionen nach unserer Rechnung, also
Trillionen nach der US-Rechnung) Dollar benötigen. Sie werden im Wettbewerb
hoffnungslos zurückfallen. Es gibt doch jetzt schon, außer Waffen und ein
wenig Gen-Forschung, nichts, worin sie führend sind. Sie sind eine sklerotische Weltmacht, im Abstieg, und die Besten unter ihnen wissen das.

Also, lasst das Nörgeln, obgleich ich Euch endlich so richtig von Herzen
wiedererkenne. Es gibt eben wieder einmal, oder noch immer, keine
Gerechtigkeit. Non est justitia, wie wir Lateiner reden ...

Heute war ich am Treptower Hafen. Schöne Landschaft mit einigen Russen und Rest-DDRlern. Ich habe was gegessen, das heißt Palemini, oder so ähnlich, gefüllt mit Spinat. Man könnte auch Ravioli dazu sagen. Egal, ist eh alles von den Chinesen übernommen!

Anm. v. M.Esq.: Es heißt richtig Pelmeni, muss nicht mit Spinat (oh, meine Güte, wie eklig!), sondern mit Fleisch (je ein Drittel Rind, Schwein und Hammel) gefüllt werden und die Chinesen haben damit nichts zu tun. Mit den USA stimmt es wohl auch nicht ganz (obwohl es weniger wichtig und die Ungenauigkeit verzeihlicher ist.) Außerdem verbitte ich mir Anzüglichkeiten ("besoffen" und so). Wenn ich mir was genehmige, dann bezahle ich es mit meinem, ehrlich verdienten und vom M.-Konzern mit Mühe und Not ausbezahltem Geld.

10.5.01

 

WOLLEN DIE RUSSEN ZUM BUND?

Nein, wollen sie nicht. Jedenfalls nach der neuesten WZIOM-Umfrage - nicht. 84 Prozent der Befragten votierten für eine Freiwilligenarmee. Nur drei Prozent – für die bestehende allgemeine Wehrpflicht.

Das führende russische Meinungsforschungsinstitut knüpfte seine Umfrage an den unmittelbar bevorstehenden Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums der RF. Sein gegenwärtiger Chef, Marschall Sergejew, geht in Rente. Sein Nachfolger wird sich mit dem Problem herumschlagen müssen, wie die bestehenden verwahrlosten Streitkräfte effizienter gemacht werden können, damit sie die Sicherheit des Staates nicht gefährden, sondern gewährleisten. Da er dafür nicht mehr Geld erhält, wird er wohl nicht viel erfolgreicher als der scheidende Minister sein. Der Sold eines russischen Soldaten macht etwa drei Prozent von dem eines deutschen aus. Und wird zudem unregelmäßig gezahlt.

In diesen Tagen hat ein Oberst im Nordkaukasus eine Verkäuferin in ihrem Armeeladen erschossen. Die russische Mutter Courage musste daran glauben, weil der Oberst die Nerven verlor. Er konnte die Lebensmittel, die er dringend für seine Familie brauchte, nicht bezahlen.

Noch nie in der russischen Geschichte stand es um die Versorgung der Soldaten so schlecht wie jetzt.

12.3.01

 

STEUERT DIE MENSCHHEIT DER SELBSTVERNICHTUNG ZU?

Der Verfasser des folgenden Beitrags heißt Boris Rauschenbach. Er ist Russe deutscher Abstammung und die Nummer Eins in der russischen Physik der Gegenwart. Er beschäftigt sich aber nicht nur mit Physik, sondern auch – wie Einstein und Sacharow – mit der Gegenwart und Zukunft des Menschengeschlechts und schreibt Bücher darüber.

 

Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, dass die Menschheit noch hundert Jahre existiert, heißt es in dem neuesten Beitrag von ihm. Konsequent steuert sie auf den Moment zu, da die mögliche Selbstvernichtung real und aufgrund eines Fehlers sogar wahrscheinlich wird.

Der einzige Hoffnungsschimmer besteht darin, dass die Wege der Wissenschaft schwer voraussagbar sind. Darauf stieß ich beim Lesen von Büchern, in denen die wissenschaftliche Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts prognostiziert wurde, natürlich auch mit Hinblick auf das gerade zu Ende gegangene 20. Jahrhundert. Nie habe ich größeren Unsinn gelesen, obgleich die Verfasser zu den seriösen und angesehenen Wissenschaftlern zählten. Doch was konnten sie schon prophezeien, wenn ihnen nicht einmal im Traum eingefallen wäre, dass es das Radio, die Elektronik, Rechenmaschinen, Computer und das Internet geben wird?

Was beherrschte die Geister im19.Jahrhundert? Die Dampflok. In dem Film "Ankunft des Zuges" von den Brüdern Lumer fuhr die Lokomotive direkt auf die Zuschauer zu, viele sprangen erschrocken auf, liefen davon, die Damen fielen in Ohnmacht. Daraus schlussfolgerten die Gelehrten, dass im 20. Jahrhundert sehr große Lokomotiven auf sehr großen Gleisen fahren werden. Der Flugzeugbau steckte damals noch in den Anfängen. Ich erinnere mich an eine Karikatur aus dem 19.Jahrhundert. Luftschiffe gleiten über Strassen.

Der menschliche Geist vermag die nächsten zwei Stunden, vielleicht den nächsten Tag voraussehen. Brauchte der Urmensch die Fähigkeit, das Geschehen der kommenden zehn Jahre vorherzusehen? Nein. Er glaubte, alles bleibt wie es ist. Was sich in den nächsten zwei Stunden abspielt, das wusste er: Ich gehe in den Wald, schieße ein Tier, schleppe Holz herbei und ernähre meine Sippe. Sein Leben blieb immer gleich.

Jetzt verhält es sich umgekehrt. Das Leben ändert sich rasant, nach äußerst komplizierten Gesetzen. Vorhersagen können wir aber nur linear und nur das, was die direkte Fortsetzung der augenblicklichen Vorgänge darstellt, nicht aber die Entwicklung links rechts, oben unten, dorthin hierhin. Deshalb können wir nichts prognostizieren, nicht einmal die Wissenschaftsprofis. In zehn, zwanzig Jahren tritt etwas ein, wovon der Profi keine Ahnung hat. Er kann es sich nicht einmal ausdenken, so unvorhergesehen wird es sein. Das Unvorhersehbare vorhersehen, das ist zu hoch für den menschlichen Intellekt.

Ich würde es so formulieren: Das Unvorhersehbare, das in zwanzig Jahren eintritt, kann ich mir nicht vorstellen, das ist für alle unvorstellbar, besonders in der Wissenschaft. Ja, die Entwicklung wird fortgesetzt, alles geht seinen Gang, die Menschen werden ihren Alltag und ihre Arbeit noch intensiver technisieren. Die Entwicklung der Wissenschaft lässt sich bekanntlich nicht aufhalten. Wir werden also immer größere Leistungen sehen. Welche konkret, das weiß allerdings niemand.

Das Schlimme ist, dass die Wissenschaft Menschen mit Steinzeitintellekt riesige zerstörerische Kräfte in die Hand gibt.

Niemand will bewusst die totale Apokalypse. Dennoch wurde die Atombombe gebaut und gezündet. Ihre Erfinder hatten natürlich nur das Ziel, eine wissenschaftliche Aufgabe zu lösen, über die moralisch-ethischen Folgen machten sie sich keine Gedanken, wahrscheinlich dachten sie, irgendwo geht sie hoch, die Welt reagiert entsetzt, die Feinde kapitulieren. Wozu eine Bombe bauen und sie nicht zünden?

War der Zerfall einer so starken Macht wie die Sowjetunion vorauszusehen? Ist der Untergang der Menschheit voraussagbar? Nein. Aber auch ihre Rettung ist nicht voraussagbar. Das ist des Pudels Kern.

Nach Vesti.ru 20.02.01

 

TSCHERNOBYL

Obwohl nach umfangreichen Recherchen im Runet und dem Unet www.matrjoschka-online.de den Bericht eines deutschen Nachrichtenmagazins über die Gefahr einer zweiten atomaren Explosion in Tschernobyl angezweifelt hatte, (siehe einen Bericht auf dem Link der reisefreudigen m.) muss sie jetzt zugeben, dass die Gefahr vielleicht doch besteht. Jedenfalls brachte die Runetzeitung Dni einen ähnlichen Bericht wie das deutsche Magazin. Und zwar unter Berufung auf dieselbe Quelle- einen W.Krupny. Der kürzlich entlassene Experte, dem die oberste Aufsicht über den sogenannten Sarkophag (Betonsarg, wo der vor 15 Jahren explodierte Reaktor ruht) oblag, schlägt Alarm. Die Betonhülle sei rissig geworden. Wenn sie dem Druck nicht standhält, wird eine neue Katastrophe nicht zu vermeiden sein. Ob dabei der Westen oder der Osten betroffen sein wird, sei ungewiss.

M. meint: bleibt zu hoffen,1. dass Krupnyi sich irrt; oder 2. dass er Hintermänner in Kiew hat, die darauf aus sind, einige Milliarden DM für die angeblich fällige Erneuerung des Sarkophags herauszuschinden; oder 3.dass er ein Querulant ist, der im Streit mit seinen ehemaligen Chefs nicht klein beigeben will.

Was aber, wenn alle drei Annahmen nicht stimmen...

Dann würde das m. team nicht in die Pilze gehen können, die bekanntlich die Radioaktivität gerade aufsaugen. Da die Waldbeute das team bei seinem schmalen Geldbeutel einigermaßen vor dem Verhungern rettet (die Pilze werden eingefroren, getrocknet oder mariniert und bleiben somit von Ernte bis Ernte genießbar), wären die Folgen schlimm.

Ergänzung von Iwan Matrjoschkin, Esq.: zu einem Gläschen Wodka (ganz klein, sto Gramm) ein kleiner marinierter Steinpilz... Ach, ist das schön!

17.4.01

 

6.DIE JÜDISCHE FRAGE

VERBRECHEN DER WEHRMACHT

In Berlin wurde eine Ausstellung eröffnet, die in einem Teil der deutschen Öffentlichkeit für Aufregung sorgt.

Die Ausstellung  räumt mit jenem Mythos auf, wonach die im  Zweiten Weltkrieg deutscherseits verübten Greueltaten  gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten ausschließlich auf das Konto der SS und ähnlicher Sondertruppen kämen. Die Wehrmacht aber habe nur ihre Pflicht getan. Ihr sei nichts vorzuwerfen. 

Das ist der Mythos, der seinerzeit die Ehre des  deutschen Militärs retten und damit auch die Wiederbewaffnung Westdeutschlands erleichtern sollte. Er wurde  und wird aber auch weit über den eigentlichen Anlass hinaus  gepflegt. Das zeigten die heftigen Proteste gegen die erste Variante der Ausstellung, die vor zwei Jahren wegen einiger Schnitzer vorzeitig geschlossen wurde. Aber auch die heutige Version, wo jedes Foto und jedes Dokument von Experten mehrfach überprüft worden ist, stößt nicht nur auf Zustimmung. Sogar der feierliche Auftakt im Berliner Ensemble  benötigte deswegen einen starken Polizeischutz. Auf der Ausstellung selbst  fallen  Sicherheitsmassnahmen auf.

Bezeichnenderweise   sind nicht nur marginale Gruppen  wegen der Ausstellung gereizt. Auch im anderen Lager, das sich in der Mitte des politischen Spektrums wissen möchte, lassen sich Zweifel wahrnehmen. Es wird unterschwellig bezweifelt, ob es ausgerechnet jetzt, da die Bundeswehr  weit von den Grenzen der Bundesrepublik und sogar von den Grenzen des vereinten Europas wichtige Aufgaben übernimmt, einen Sinn hat, an die Verbrechen der Wehrmacht zu erinnern? Nach einigem Überlegen  muss  aber die Antwort „Ja!“ lauten. Und zwar aus folgendem Grund. 

Auch wenn die Wehrmacht und die Bundeswehr genauso wenig miteinander zu tun haben wie das terroristische Hitlerreich und die gegenwärtige freie und demokratische deutsche Republik, droht jeder Kriegseinsatz, unter welchem Banner und von welcher Streitmacht  er auch eingeleitet  wird,  immer außer Rand und Band zu geraten. Davon zeugt die Geschichte. Sie kennt keinen netten Krieg,  der die zivile Bevölkerung schont. Ein Krieg war immer barbarisch. Das rechtfertigt  zwar die furchtbaren  Verbrechen im Zweiten Weltkrieg  keineswegs. Aber hilft das Unbegreifbare zu begreifen. 

An die Unbändigkeit des Krieges erinnert übrigens auch eine dokumentarische Sendereihe, die  das Zweite Deutsche Fernsehen fast zeitgleich mit der Ausstellungseröffnung in Berlin startet. Sie handelt von  Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten des Hitlerreiches am Ende des Zweiten Weltkrieges. Auch diese Menschen mussten Schlimmes über sich ergehen lassen. Dass  an den Übergriffen   sowjetische Soldaten schuldig waren, treibt einem Russen von Heute tiefes Schamrot ins Gesicht.  Auch einem, der den westlichen Teil seiner Heimat  mit Ruinen und Galgen dicht besät erlebte.  Auch einem, der sich vergegenwärtigt, dass in diesem Falle die Verbrechen nicht befohlen wurden, keinen rassistischen Hintergrund hatten und die  Zahl der Leidtragenden bei weitem nicht die der Opfer der nazistischen Wehrmacht erreicht. 

Was sollen aber  gegenseitige Beschuldigungen und Aufrechnungen? Ihre Zeit ist  längst abgelaufen. Jetzt ist die Zeit, zu verinnerlichen, dass jede  Gewaltanwendung, wenn sich diese schon nicht immer ganz vermeiden lässt, mit allen Mitteln auf ein  Mindestmaß reduziert werden muss. Weil sonst der Lauf in die  Hölle wieder startet. 

Wenn die Besucher der in Berlin eröffneten Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg mit diesem Gedanken   nach Hause gehen, ist damit allen gedient. Vor allem den   Deutschen und den Russen,  den Angehörigen jener zwei  europäischen Völker, die am meisten  unter den Greueltaten   des Zweiten Weltkrieges litten. Und auch allen anderen Menschen in jeder Ecke des Globus, die sich wieder vom Ungeheuer des Terrors und des Militarismus   bedroht fühlen.

 

Wassili Schandybin, Abgeordneter  der russischen Staatsduma, schlug vor, Israel an Russland anzuschliessen. Er bekannte, den Juden viel Achtung entgegenzubringen und von ihnen lernen zu wollen. "Ich hätte bereits mehrmals gesagt, Israel soll an Russland angeschlossen werden. Damit die ehrlichen Juden in Russland mehr Ordnung schaffen. Ich weiss nicht, warum man die Juden nicht gerne hat. Sie sind allen anderen Menschen sehr ähnlich, nur ganz anders als die anderen", hob Schandybin in einem Interview hervor.

5.5.01. Utro.ru

 

Eine Veranstaltung in der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu Berlin

Auftragsgemäß besuchte eine Matrjoschka eine Veranstaltung einer sehr ehrwürdigen Stiftung in Berlin, die einen sehr ehrwürdigen Frauennamen trägt. Die Veranstaltung galt dem Andenken von Herbert Baum. Es war ein jüdischer kommunistischer Widerstandskämpfer, der 1942 mit seinen Kameraden die nationalsozialistische Berliner Propaganda- Ausstellung "Sowjetparadies" anzündete und dafür mit seinem Leben büßte.

Tief ergriffen lauschten die anderen Matjoschkas dem Bericht ihrer Schwester über die Veranstaltung zu Ehren Herbert Baums. Das Matrjoschkateam fühlt sich nämlich immer sehr angesprochen, wenn es um Widerstand gegen eine verbrecherische Staatsmacht geht. Sei es die nationalsozialistische oder eine andere.

Und dass es jüdische Widerstandskämpfer waren, die dem damals in Deutschland allmächtigen verbrecherischen Regime den Fehdehandschuh hinwarfen, fanden die Matrjoschkas besonders anerkennenswert. Denn es spricht gegen die infame Legende, die Juden hätten sich wie Lämmer widerstandslos zur Schlachtbank führen lassen.

Haben Herbert Baum und seine Kameraden von der deutschen kommunistischen Führung, die damals in Moskau saß, einen Wink gekriegt, die verlogene Ausstellung, die die Russen als Barbaren apostrophierte, anzuzünden?

Nein, Schwester, antwortete die Zornige. Die jüdische Widerstandsgruppe handelte auf eigene Faust. Sie hatte keine Verbindung zur kommunistischen Zentrale in Moskau und zu ihren Ablegern in Deutschland.

Warum?

Weil die deutschen Kommunisten eine solche Verbindung nicht wollten.

Warum?

Die Juden in Hitlerdeutschland wurden von der Gestapo stark überwacht und waren jederzeit identifizierbar. Die deutschen Kommunisten meinten, ihre jüdischen Gesinnungsgenossen wären eine Gefahr für sie. Diese sollten sich deswegen absondern.

Hm! sagte hier eine Matjoschka, bei den Schwestern für ihr weiches Herz bekannt,– später aber wurde den jüdischen Kommunisten von der kommunistischen Führung gerade das vorgeworfen, wozu sie gezwungen wurden. Und zwar, dass sie sich absonderten. Das wurde als Zionismus, also jüdischer Nationalismus ausgelegt.

Genauso war es, sagte die Berichterstatterin.

Und die sogenannten Zionisten, insofern zu ergreifen, wurden verhaftet, mitunter auch hingerichtet. Von der sowjetischen Staatsmacht und ihren Marionetten in der DDR, der Tschechoslowakei und sonst wo. Nicht wahr? bohrte die Fragestellerin weiter.

Genauso war es, bestätigte wieder die Berichterstatterin. Und sie fügte hinzu, dass Herbert Baum und seine Kameraden in der DDR geehrt wurden. Aber immer mit Vorbehalt. Und man mied möglichst das Thema ihrer Ausgrenzung oder der jüdischen Abstammung. In der Sowjetunion aber wollte man von ihnen überhaupt nichts wissen.

Traurig, traurig, -meinte die Fragestellerin.

Und ob! sagte die Berichterstatterin.

Dann berichtete sie, dass sie eine sehr ehrwürdige Teilnehmerin der Veranstaltung darauf angesprochen hätte. Und die sehr ehrwürdige Teilnehmerin, obwohl eine in der ehemaligen DDR bekannte Historikerin und besonders in der Geschichte des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus sehr bewandert, antwortete ausweichend. Sie sagte, sie hätte erst kurz vor der Wende erfahren, dass es in der Sowjetunion sehr viel Unrecht gab. All die Jahre glaubte sie, es sei bürgerliche, antisowjetische Hetze.

Ha,ha! sagte hier die Fragestellerin.- In der Sowjetunion wusste jeder vom Wüten der Schergen Stalins, in der eng mit ihr verbundenen DDR will keiner davon gewusst haben.

Die Deutschen, die Deutschen...-sagte hier eine andere Matrjoschka.- Sie haben eine wunderbare Eigenschaft, nur das zu wissen, was sie im Augenblick wissen sollen. Zum Beispiel wollte kaum ein älterer Deutscher gewusst haben, was sich auf Strassen und Plätzen seiner Heimatstädte am 9.November 1938 abspielte. Als wären sie alle im Urlaub gewesen. Auf Mallorca. Kein Wunder also, dass sie auch in der DDR nichts davon mitkriegten, was in der SU unter Stalin, aber auch später passierte...

Lass meine Deutschen in Ruhe, sagte wiederum eine andere Matrjoschka, sehr germanophil. alle Völker erinnern sich nicht gerne daran, was ihnen keine Ehre macht.

Wir, Matrjoschkas, sind jedenfalls anders, sagte die Berichterstatterin. Wir sind aus Holz. Und das Holz hat Jahresringe. Und in jedem Jahresring steckt die Erinnerung. Und wenn es auch eine sehr schmerzliche Erinnerung ist, können wir diese nicht verdrängen. Wir müssen damit leben.

Und alle matrjoschkas nickten mit ihren hölzernen Köpfen.

11.11.2000

 

IM RUNET WURDE EIN IN BESTIMMTER HINSICHT EINMALIGES WERK VERÖFFENTLICHT. DAS VORWORT ZUM NEUEN ROMAN VON WLADIMIR SHIRINOWSKI, DEM CHEF DER "LIBERAL- DEMOKRATISCHEN PARTEI RUSSLANDS" UND DEM STELLVERTRETENDEN VORSITZENDEN DER STAATSDUMA. MATRJOSCHKA MÖCHTE IHRE FREUNDE DAMIT KONFRONTIEREN, WEIL ES EIN TEIL DER GEGENWÄRTIGEN RUSSISCHEN REALITÄT IST, WIE DIE NPD EIN TEIL DER DEUTSCHEN REALITÄT. ALSO, DIE ZÄHNE ZUSAMMENBEISSEN- UND DURCH...

 

Wladimit Shirinowski. Das Vorwort.

Das ist das Hauptwerk meines Lebens. Das Buch heißt "Wanja, knöpfe Deine Seele zu". Ich wende mich an Dich, an Dich, Du, einfacher russischer Knabe Wanja. Ich liebe Dich, weil Du still, lieb und gütig bist...

(Als M. die Zeile las, beschlich sie ein Verdacht... Na ja, Sie wissen schon...Aber lesen wir weiter)...

Aber, Wanja, gerade weil Du so bist, ist unser Vaterland zerstört. Dein großes Russland liegt in Trümmern, weil Du zu gütig, zu still und zu nett bist. Heute schreiben wir das Jahr 2000, das XXI. Jahrhundert begann. Das Jahr 2001 steht vor der Tür. Wanja, wie bitter ist der Gedanke, dass Du, ein Junge, dessen Väter und Opas diesen großen Staat geschaffen haben, Du, dessen Volk den Kosmos betrat, dass Du wie ein Schaf im Kaukasus geschlachtet wirst, mit einem Messer am Hals, einem Küchen- oder Jagdmesser, die Unmenschen springen dem russischen Soldaten an die Gurgel. Und kein Krieg, Junge, kein Krieg...

(M.: An der Stelle unternimmt Herr Shirinowski einen kurzen Ausflug ins russische Mittelalter, aber das lassen wir weg...)

Wanja, ich spreche Dich an, für mich und für die ganze Welt bist Du ein einfacher russischer Junge, ein normaler russischer Soldat, ein normaler Studiosus. Ich wende mich als Opa an Dich, meine Enkelkinder werden groß. Ich spreche Dich als Sohn an, meine Mutter- eine russische Frau- ist bereits gestorben. Als Onkel, der viele Neffen hat, ein Bruder, ich habe Brüder, die einen sind älter als ich, die anderen jünger. Als russischer Bürger. ..

( M.: Hier riss sich M. mit viel Gewalt von der faszinierenden Lektüre los. Sie erinnerte sich daran, dass der Autor mal eine seltsame Auskunft über die Ethnizität seiner Vorfahren erteilt haben soll. Die Mutter wäre Ukrainerin, der Vater Jurist (?). Vielleicht kommt er deswegen immer wieder darauf, dass alle seine Verwandten waschechte Russen sind, was eigentlich normalerweise keiner Betonung bedarf. Aber lesen wir weiter...)

Ich liebe Dich, russischer Junge Wanja. Ich spreche Dich an, da ich nicht mehr schweigen kann: so viel Lüge, so viel Schmutz auf unserer schönen Erde. Und ich will das alles weghaben.

Ich weiß, dass die Geschichte weiter geht. Ich weiß, dass in zehn-fünfzehn Jahren das neue starke Russland ganz anders sein wird. Aber heute sehe ich überall Schmutz, sehe Penner und Bettler und da möchte ich Dich angucken, deine hellen Haare. Nirgendwo in der Welt haben Knaben so strohblondes Haar, himmelblaue Augen, helle Augen. Die zarten Hände des russischen Jungen halfen immer und überall. Du bist ein zärtlicher Liebhaber, der beste Ehemann, der gütigste Vater. Wanja, knöpfe Deine Seele zu...

(M.: Weiter skizziert der Autor die heldenhafte Geschichte des russischen Kriegers. Aber auch das müssen wir wegen Platzmangel weglassen...)

Wir haben alle Feinde geschlagen, aber Berge von Leichen.

Jetzt sagen sie: "Stalin hat den Krieg gewonnen!" Nein, Junge, Du hast den Krieg gewonnen. Von Stalin wurdest Du verraten, von den Kommunisten verraten...

(M: Hier folgt eine ausdrucksstarke Aufzählung sämtlicher kommunistischer Greultaten seit der Revolution 1917, weggelassen wegen Platzmangel und hinreichendem Bekanntheitsgrad...)

Wofür? Wofür bloß wird der russische Mensch so hart bestraft? Du bist ein Held, aber der russische Abschaum, die russischen Penner, die russische Mafia, das russische Geld, irgendein Winkeladvokat aus der Schweiz verdammen Dich...

...Ich will Deine Augen öffnen zu einem einzigen Zweck: Iwan, knöpfe Deine Seele zu! Wanja, tu es! Sie werden Dich zerquetschen. Das grässliche Land Amerika. Schon vor vielen Jahren haben sie den Entschluss gefasst, Russland zu vernichten. 1945 haben sie gesagt: "Wir werden es ihnen zeigen! Was die Deutschen nicht zu Ende führten, führen wir, die Amerikaner, zu Ende. Wir werden in Russland derartiges anrichten, dass sie gar nicht kapieren, was vor sich geht. Das wird das totale Chaos sein. Das wird ein Bürgerkrieg. Die Russen werden zu Arbeitslosen. Haben keine Arznei, keine Lebensmittel, keinen Strom. Sie erfrieren. Sie gehen in ihren Booten im Eismeer unter".

Das sind die Amerikaner, die Dir, dem russischen Jungen Iwan, dieses Schicksal bestimmten. Und in der Staatsduma sitzen die Jawlinskis, Nemzows und Kirijenkos. Sie klatschen diesem USA-Präsidenten B.Clinton stehend Beifall, der als der amerikanische Präsident mit geöffnetem Hosenschlitz in die Geschichte einging. Dieser widerliche, verabscheuungswürdige Mensch unterzeichnete Erlasse und Verordnungen, damit Du vernichtet wirst. Damit Deine Schwester im Eingang Deines Hauses vergewaltigt wird. Damit Du zur Geisel gemacht wirst und viele Jahre in Rumpelkammern, in fremden Kellern, in tschetschenischen Gefängnissen sitzt und verhöhnt wirst. Nicht einmal im Römischen Reich, nicht einmal in Sklavenhalterstaaten wurden die Menschen vor Tausenden Jahren so misshandelt wie Du heute...

...Du bist immer noch bettelarm. Du bist immer noch rechtlos. Wie grausam wurdest Du betrogen!

(M.: Hier folgt eine eloquente Aufzählung aller Gemeinheiten des Westens, darunter...)

...Sie schicken uns jetzt vergiftete Lebensmittel. Du bist ein Bauernsohn. Deine Vorfahren hielten angenehme frische Freilandhühner. Du aber wirst mit gefrorenen "Bushkeulchen", mit dreimal gefrorenem chinesischen Schweinefleisch abgespeist, Dir werden vergiftete belgische Hühner untergejubelt, Du wirst mit abscheulicher Pepsi Cola vollgepumpt, Dir werden unnutze Schuhe und Möbel aufgeschwatzt. Dein Heimatland Russland wurde zu einer Kloake gemacht...

(M.: Nach der Aufzählung ausländischer Gemeinheiten folgt ein lyrisches Intermezzo zu Ehren des großen russischen Dichters Alexander Puschkin. Da Puschkin inhaltlich und stilistisch zur Inspiration des Verfassers beigetragen haben dürfte, lassen wir es weg und kommen zu einer demographischen Einlassung...)

...Die Russen flüchteten einst vor den Tataren und Mongolen, vernichteten Türken und Schweden und verfolgten die Deutschen bis Berlin. Jetzt sind sie selbst weit weg von der Heimat. 20 Millionen Russen. Wer ist noch zu Hause? 120 Millionen Russen. Davon fast 50 Millionen bestohlene Alte, über 30 Millionen Halbwüchsige. Was bleibt? 20 Millionen Männer im Alter von 18 bis 60 Jahre. Davon sitzt 1 Million im Gefängnis. Von diesen 20 Millionen sind 10 Millionen Invaliden und Alkoholiker, 3 Millionen Drogenabhängige, Hunderte Tausende HIV-Infizierte...

(M.: Nach einer eher medizinischen Kurzanalyse wendet sich der Autor Shirinowski wieder der Heimtücke des Westens zu, der den wenigen noch leistungsfähigen Russen Almosen zuschiebt...)

...Es ist doch Dein Geld, Wanja. Sie haben uns 500 Milliarden Dollar gestohlen, die in westlichen Banken liegen. Jetzt, am Anfang des 21. Jahrhunderts, bist Du der reichste Mann der Welt. Unsere Naturschätze wie Erde, Wasser, Wald, Erdöl, Gas, Erze, schließlich der Intellekt der Menschen sind fünfzigmal mehr wert als die Schätze der USA. Von Europa will ich gar nicht reden. Dort haben sie schon alles versoffen, verfressen und verschissen. Wir sind die Hauptschatzkammer der Welt. Darum wollen sie zu uns. Ohne uns sind sie kaputt, tot! Die Amis aber machten Dich bettelarm. Diejenigen, die immer davon träumten, Russland zu erobern. Wanja, sie wollen Deine Erde. Du lebst aber noch auf dieser Erde. Darum haben sie nur ein Ziel, Dich zu beseitigen. Aber sie fürchten Dich als Soldaten, denn Du bist immer unbesiegbar gewesen...

(M.: Hier zählt der Verfasser alle russischen Siege auf dem Schlachtfeld auf. Die Auflistung ist nicht ganz ohne. So schreibt er, dass die Russen in den beiden Weltkriegen alle erwürgt hätten. Dann äußert er leisen Zweifel daran, dass der russische Soldat seine Kampfkraft behält. Die Ursache: Die Amis liefern technischen Sprit, den die verdammten Kaukasier dann bei den himmelblauäugigen Jungs absetzen. Zu würdigen ist der Versuch des Verfassers, Enthaltung zu predigen. Ein Liter Wodka auf einmal, das ist zu viel, belehrt er, insbesondere, wenn es um falschen Wodka geht. Der russische, der beste in der Welt, ist was anderes. Da ist wohl auch ein Liter zu verkraften. In dem Zusammenhang appelliert er an die russische Männerehre...)

...Deine Mädels, Deine russischen Mädels schwärmten ins Ausland aus, betrogen oder verführt, um mit dem zu handeln, was für eine Frau das Wertvollste ist. Sie sollten solche wie Dich, Himmelblauäugige mit seidigem, strohblondem Haar gebären, sie aber liegen unter fremden Kunden oder sitzen rittlings auf ihnen...

(M.: Hier errötete ich, die Holzpuppe, ein bisschen, was mich aber nicht daran hinderte, die seltsame Mischung aus patriotischer Hetze und ein wenig Frivolität zu bewundern. Allerdings nicht neu. Wie weiland bei Herrn Dr. Julius Streicher, dem Chefhetzer des Dritten Reichs...)

...Die überseeischen Diktatoren stehlen russische Babys, entnehmen ihnen Organe für das sterbende Europa, das nicht mehr imstande ist, sich fortzupflanzen und zu entwickeln. Sie wollen Deine Leber, Deine Nieren, Deine Lunge, Dein Herz. Alles, was Du hast, wollen sie Dir rauben, in ihre kranken Körper verpflanzen und damit ihr Leben verlängern. Junge, russischer Junge, Iwan, Knöpfe Deine Seele zu! Ich sage Dir nicht, werde zum Raubtier, wie der Halbpole, Halbjude und Vierteldeutsche Friedrich Nietzsche die deutsche Jugend belehrte, was dann sein Schüler, der Halbjude und Halbösterreicher Adolf Hitler ausnutzte. Ich sage nicht: "Fürchte Dich vor jedem Ausländer!" Ich sage Dir nicht, dass alle im Ausland unsere Feinde sind. Nein, wir werden überall in der Welt verehrt. Von 6 Milliarden Erdbewohnern sind 5,5 Milliarden, die Dich gern haben und auf Deine Hilfe bauen. Nur die goldene halbe Milliarde in Nordamerika und in Westeuropa genießt ihren Sieg nicht über Dich, Wanja, sondern über die furchtbare kommunistische Ideologie, die Dir die Kreativität nahm und Dich zum Feigling machte, weil Deine Urväter und Väter vor dem stalinschen Terror kuschen mussten, vor den Parteisekretären und einigen Tschekisten...

(M.: "Einige" ist köstlich, meine ich, die Holzpuppe. Die Wortwahl die Parteisekretäre einerseits und einige Tschekisten andererseits zeugt vom stark ausgeprägten Realitätssinn des Verfassers, woran der Leser – offensichtlich zu Unrecht- mitunter zweifelt. Weiterhin verwünscht Herr Shirinowski andere russische Publizisten, die allesamt ehrenlose Betrüger seien. Er weist auf ihre Herkunft hin...)

...Wanja, erinnerst Du Dich an das Elaborat des englischen Juden Herbert Wells "Russland im Dunkel"? Heute wollen sie auch, dass wir im Dunkel leben, und sie verheimlichen ihre Absicht gar nicht. Sie wollen Dich vernichten, Iwan. Weil sie Deine Frauen in ihre Puffs treiben möchten...

(M.: An dieser Stelle wird auch einiges ausgelassen, da ich, die Holzpuppe, bei allem guten Vorsatz, meine Freunde zu unterhalten, doch Platz sparen muss...)

...Wanja, ich helfe Dir! Lies auch meine anderen Bücher...Ich schrieb 200. Ich bin Doktor der Philosophie. Ich bin Jurist. Ich bin Abgeordneter. Ich bin stellvertretender Dumavorsitzender...

(M.: Toll, was ein begabter Mensch in Russland alles erreichen kann, sagt hier die Holzpuppe...)

...Wir werden nicht zögern. Wir werden alle Knöpfe drücken.

(M.: Auch den roten?...)

...Wir werden alles prüfen, alles zählen und die volle Bezahlung erzwingen. Wanja, gehen wir ans Werk! Ich helfe Dir!

(M.: Weiter rechnet der Verfasser mit seinen politischen Opponenten ab, denen er zuerst den ruchlosen politischen, ein wenig später auch den gewaltsamen physischen Tod verheißt. Da dieser Teil seiner Ausführungen vorwiegend aus Kraftausdrücken besteht und nach der im Runet verbreiteten Meinung Gerichte beschäftigen wird, sparen wir uns diesen Teil. Im folgenden grenzt sich Herr Shirinowski von anderen, weniger wertvollen Autoren wie Tolstoi, Gorki, Scholochow, aber auch Papst und Martin Luther ab. Merkwürdigerweise vergleicht er seinen Roman mit Werken des französischen "Juden" Marcel Proust, dem er bescheinigt, lesenswert zu sein. In seiner bescheidenen Art verzichtet er allerdings darauf, Proust im Umfang des Geschriebenen nachzueifern. Doch äußert er die Überzeugung, der russischen Literatur, die von der Perestroika auf Null gebracht wurde, zur Renaissance zu verhelfen. Seine Motivation fasst er in wenige, aber einleuchtende Worte:" Damit wir nicht zum Ebenbild der Westdeutschen werden, die sich fürchten, über ihre Vergangenheit zu sprechen, um nicht einen Juden oder Zigeuner mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu verletzen. Also, Iwan, knöpfe Deine Seele zu und öffne die Augen! Und mir nach!

(M.: Ob der angesprochene Iwan dem Lockruf folgt, bleibt abzuwarten. Die letzten Wahlen zeigten, dass die Partei des Herrn Shirinowski, die sich natürlich demokratisch nennt (im Sinne der NPD), eher an Stimmen verliert. Die Holzpuppe schöpft daraus ein wenig Hoffnung für Russland. Trotz allem.)

19.11.2000

 

Der Dumaabgeordnete Wassili Schandybin schlug vor, Israel an Russland anzuschließen.

Er bekannte, den Juden viel Achtung entgegenzubringen und von ihnen lernen zu wollen. "Ich hätte bereits mehrmals gesagt, Israel soll an Russland angeschlossen werden. Damit die ehrlichen Juden in Russland mehr Ordnung schaffen. Ich weiß nicht, warum man die Juden nicht gerne hat. Sie sind allen anderen Menschen sehr ähnlich, nur ganz anders als die anderen", hob Schandybin in einem Interview hervor.

5.5.01. Utro.ru

ZWISCHEN ERLEUCHTUNG UND KATASTROPHE

Ein ehemaliger Erbauer der Perestroika resigniert...  

Das Runet bringt eine komprimierte Fassung des neuen Buches von Juri Afanassjew

Das gefährliche Russland: die Selbstherrschaft heute.“ Matrjoschka-online.de, ihrer Selbstverpflichtung bewusst, die deutschen Freunde Russlands mit Geistesblitzen von Russen vertraut zu machen, beginnt heute mit der Vorstellung des epochalen Werks.

Wer ist sein Verfasser? Vor etwa fünfzehn Jahren war sein Name in Moskau in aller Munde. Seine Magnifizenz,  Rektor des Instituts für Archivwesen, galt als der konsequenteste intellektuelle Kämpfer für Russlands Integration  in die westliche Staatengemeinschaft.  Zwar fand der Professor, dem ein verschwiegenes  Verwandtschaftsverhältnis zu Lew Trotzki nachgesagt wurde, wenig Anklang in der Bevölkerung außerhalb der Hauptstadt. Aber die Moskauer, die in Anlehnung an den deutschen Sprachgebrauch als Kaffeeliteraten (auch wenn es in der damaligen russischen Hauptstadt kaum Kaffeehäuser gab) bezeichnet werden können, hielten ihn für seinen Guru. Jetzt lässt Juri Afanassjew die Alarmglocken läuten. In der modernen Welt, schreibt er, erinnert Russland an einen verirrten Komet aus dem Weltall. Es existiert, ohne zu wissen, wie die Welt konfiguriert ist. Es tritt dauernd ins Fettnäppchen.  

Als Beweis führt der Professor zuerst mal die russische Außenpolitik an. Diese hätte sich eine multipolare Welt zum Ziel gesetzt. Eine falsche Zielsetzung!

Äußerst gefährlich – und das  nicht nur für Russland. Denn der Kampf gegen eine monopolare Welt, wie sie die USA anstreben, und für eine multipolare Welt, wo Russland zu einem Pol werden möchte, gehört der Vergangenheit an. Jedenfalls als Rivalität zwischen den Staaten mit ihrer Militärmaschinerie. 

Jetzt geht es darum, zu begreifen, dass derjenige das Sagen hat, der nicht starke Streitkräfte, sondern eine blühende Wirtschaft hinter sich weiß. Diese aber haben nur  die USA. Punkt, Schluss, basta!  

Russland dagegen liegt wirtschaftlich am Boden. Übrigens ist dies die Folge des unseligen Anspruchs seiner Machthaber, die wirtschaftliche Ineffizienz durch   militärisch-politische Stärke zu kompensieren. Hätte es sich nicht Anfang des XIX. Jahrhunderts  Napoleon und Mitte des XX. Jahrhunderts Hitler widersetzt, stünde es jetzt auf sichereren Beinen. So aber zogen die lachenden Dritten Vorteile aus dem reichlich geflossenen Blut seiner Soldaten. Nach dem Sieg über Napoleon war es England, nach dem Sieg über Hitler die USA. 

Erst recht hat es heute keinen Sinn, einen starken Staat anzustreben. Der Staat an sich ist ein Fossil der vergangenen Epoche. Er kostet viel und bringt wenig. Verwaltung braucht man zwar, aber sie soll auf lokaler,  höchstens regionaler Ebene gewährleistet werden. Der Nationalstaat findet seine Berechtigung höchstens in der Rolle der englischen Königin, die bekanntlich repräsentiert, aber nicht regiert! Der Staat verschwindet, seine Macht wird durch transnationale und nationale Monopole privatisiert. Und das ist gut so! 

(Die letzten Worte stammen allerdings nicht aus der Feder des Herrn Professor Afanassjew, sie hat Iwan Matrjoschkin, Esq., dem die Zusammenfassung des Buches aufgetragen wurde, in den Text geschmuggelt. Professor Afanassjew dagegen stellte fest, dass die von ihm apostrophierte Entwicklung auch eine dunkle Seite hat: der einzelne Mensch wird zum Spielzeug anonymer Kräfte, die sich nicht veranlasst sehen, sich  für ihn einzusetzen, auch rhetorisch nicht, was die Staatsmänner so gut können).  

Doch zurück zum prophetischen Werk. Sein Verfasser empfiehlt dem Kreml, sich endgültig vom Streben nach einem starken Russland zu verabschieden. Russland  soll seine Stärke in seiner Schwäche suchen. Die von Putin deklarierte Absicht, den russischen Staat zu stärken, vergleicht er mit solchen Losungen der Sowjetzeit, wie den Westen einholen und überholen oder der Sozialismus ist  die Sowjetmacht plus  Elektrifizierung des ganzen Landes oder die Eroberung des Kosmos... Was haben sie denn Russland gebracht? Nur Elend...

(Aber, aber, Herr Prof.!- Anm. von Iwan M.)

Die  Entwicklung Russlands läuft der hochtrabenden Absicht, den russischen Staat wieder aufzupäppeln, entgegen. Russland steigt zivilisatorisch ab. Sein Leben gewinnt immer mehr archaische Züge. In allen Aspekten. Seine Wirtschaft hält sich mehr schlecht als recht nur auf Kosten der Ausbeutung seiner Naturschätze. Aber ewig kann das nicht dauern.

Die russische Führung muss sich auf die Realitäten  der modernen Welt besinnen. Diese sind hart. Die moderne Wirtschaft braucht immer weniger  Menschen. Die meisten sind bereits entbehrlich geworden.  Und damit auch die staatliche Fürsorge für die Menschen, die Systeme, die ihr Überleben sicherten und die sozialen Konflikte abfederten. Am wenigsten braucht die Welt die Russen. Also...  

Anstatt die Realität zu verinnerlichen, sträuben sich aber die Russen dagegen. In ihrem Wertesystem stehen die Wohltaten   des Staates wie unentgeltliche Bildung, Gesundheitsfürsorge, billiges Essen und Wohnen ganz oben. Und die wahren Werte wie Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft erst darunter. Besonders nach den Erfahrungen der letzten Jahre. Prof. Afanassjew findet das scheußlich. Er verdammt die Rückständigkeit der Russen, die seine, bereits vor fünfzehn Jahren erteilten Lektionen nicht begriffen haben... 

( Wird fortgesetzt. Vielleicht...)

GORBATSCHOW

Die in Berlin erscheinende neue russische Wochenzeitung "Europa-Express" brachte ein Exklusivinterview mit Michail Gorbatschow.


Der russische Friedensnobelpreisträger, der an einer Berliner Tagung der internationalen Moskauer Business-Vereinigung  teilnahm, sprach sich gegen  unverhältnismäßige Militäraktionen in Afghanistan aus. Der Terrorismus müsse bekämpft werden, aber nicht mit terroristischen Mitteln. Aufrufe zum Atomwaffeneinsatz in Afghanistan zeugen von einer schlimmeren Mentalität als die der islamistischen Terroristen. Michail Gorbatschow plädierte für politische, diplomatische und finanzielle Maßnahmen gegen den Terrorismus, aber auch für genau gezielte Schläge gegen ihre Stützpunkte. Er forderte die Entmachtung der Taliban, die neue Regierung müsse aber die ethnische Struktur Afghanistans berücksichtigen. Gorbatschow unterstützte vorbehaltlos die gegenwärtige Kremlpolitik. Der Kampf gegen den Terrorismus verdiene die breiteste Hilfe Russlands. Eine russische Teilnahme am Krieg in Afghanistan schloss Gorbatschow jedoch aus.

Der letzte Präsident der Sowjetunion hieß die Entstehung einer antiterroristischen Koalition unter Einschlu
ss der USA, Japans, Europas, Russlands, Chinas und Kubas gut. Das sei ein einmaliges Phänomen. Es geht jetzt darum, diese Koalition auch in anderen Sphären wirksam werden zu lassen, um auch andere globale Aufgaben zu lösen und die Zivilisation zu retten.

Vorrangige Bedeutung mi
sst Gorbatschow der weiteren Entwicklung allseitiger russisch-deutscher Beziehungen bei. Der letzte Besuch Putins in der Bundesrepublik hob die Zusammenarbeit auf ein neues Niveau. Gorbatschows vor kurzem stattgefundenes Gespräch mit dem russischen Präsidenten hätte gezeigt, dass Putin ein Bündnis mit Deutschland anstrebe.

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