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Allen Freunden von Matrjoschka ein glückliches Neues Jahr 2008!! 

 

Vor fünfzig Jahren begann in Bonn mit der Gründung des Bundesministeriums für Verteidigung die Geschichte der Bundeswehr. 

 

Die Geburt der Bundeswehr wurde nicht mit Trompeten- und Paukenklängen  umrahmt. Auch im eigenen Lande nicht. Die Bundesbürger befürchteten damals eine erneute Militarisierung ihres Vaterlandes. Mit allem, was dazu gehört. Einschließlich einer Politik, die auf Gewalt setzt. Kurz nach einem Krieg, in der die deutsche Wehrmacht scheußliche Schandtaten ermöglicht hatte, war das keine verlockende Aussicht. Für die Deutschen nicht. Erst recht nicht für die vom Krieg am meisten betroffenen Länder.  Wie Russland.

 

Fünfzig Jahre danach unterhalten die russischen Streitkräfte gute Beziehungen zur Bundeswehr. Russland hat seinen Luftraum für deutsche Transportflugzeuge geöffnet, die der Versorgung der in Afghanistan operierenden Bundeswehreinheit dienen.

 

Das war möglich, weil der deutsche Soldat  anders geworden ist. Das sieht man, wenn man ihn hier trifft.  Der Verfasser dieses Berichtes, selbst vor vielen Jahren Soldat, war jedes Mal tief bewegt, wenn er junge Männer in Bundeswehruniform an Gedenkstätten für die im Kampf gegen  Hitler gefallenen Kameraden traf. Bei  Ehrenbezeugungen, Aufräumungsarbeiten und Ähnlichem.

 

Die Bundeswehr hat die schwierige Aufgabe gemeistert,  im eigenen Lande und im Ausland  viel Vertrauen zu erwerben. Als eine Streitmacht, die niemanden bedroht. Die eigenen Landsleute auch nicht.

 

Allerdings gab es  in der Bundeswehr  bedauernswerte Vorfälle. Aber sie wurden schnell und gründlich untersucht und ausgeräumt. Wie es sich in einer Armee gehört, die kein Staat im Staate sein will. Kein  Büttel der Reaktion. Sondern  streng im Rahmen der Verfassung handelt und  ein Spiegel der demokratischen Gesellschaft ist. Der Nachahmung wert.  

 

Nach dem Ende des Kalten Krieges setzte eine neue Etappe im Leben der Bundeswehr ein.  Deutschland ist ein Land geworden, das nur Friedensgrenzen hat. Wenn es trotzdem bedroht wird, dann nur vom internationalem Terrorismus, dessen Abwehr andere Einsätze erfordert. Auch Friedenseinsätze wie die von der Bundeswehr in Afghanistan. Das heißt nicht, dass reguläre Streitkräfte überflüssig geworden sind. Aber ihre Aufgaben müssen neu definiert werden. Nach hiesigen Presseberichten zu urteilen, ist die Bundeswehrführung dabei. Es geht darum, die Bundeswehr, deren Etat nicht gerade vergrößert und deren Personalbestand eher reduziert wird, trotzdem effizienter zu gestalten.

 

Da die russischen Streitkräfte vor einer ähnlichen Aufgabe stehen, wäre  ein noch inhaltsreicherer Erfahrungsaustausch zu wünschen. Zwischen den Ländern, die auf strategische Partnerschaft schwören, muss es möglich sein. Umso mehr, wenn die Geschichte ihrer Beziehungen auch diese Stränge der Zusammenarbeit kennt.

 

Schließlich war General Scharnhorst, auf dessen Vision die Bundeswehr ihr Leitbild   vom Bürger in Uniform zurückführt, ein Freund Russlands. Und russische Soldaten kämpften mit den deutschen zusammen im Befreiungskrieg gegen die Fremdherrschaft.

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Matrjoschka    verfolgte am Donnerstag, dem 21.4., am Fernsehschirm  die siebzehn Stunden lange Anhörung zur sogenannten Visa- Affäre in einem  Ausschuss des Deutschen Bundestages. Hier ihr  Eindruck.

 

Es wird spannend, wenn jeder, der es will, in das innere Leben der Staatsbürokratie Einblick nehmen darf. Eine bewundernswerte Transparenz der Vorgänge, die sonst dem Menschen von der Straße verborgen bleiben. Denn keine Bürokratie lässt sich gern in die Karten schauen, weil man ihr womöglich auf die Schliche kommt.

 

Es ist zu wünschen, dass das deutsche Beispiel Schule macht. Zum Beispiel in Russland. Unter der Sowjetmacht  galten die Verwaltungsvorgänge als top secret. Was in den Tiefen des Apparates auch vor sich gehen mochte, nach außen drang nur das übliche Blabla.  Auch unter Gorbatschow und Jelzin  war es oft nicht viel anders.  Jetzt hat dort die Transparenz der Regierungs- und Verwaltungsvorgänge wohl zugenommen. Aber ein scharfes Fernsehverhör der Zuständigen, wie am Donnerstag in Phönix vorexerziert, fehlt noch.

 

Allerdings sollte so ein Verhör das Wesen der Sache nicht verschleiern, sondern erhellen. Während der siebzehnstündigen Phönix- Sendung kamen  dem berichterstattenden Fernsehzuschauer mitunter Zweifel daran, dass das Verhör  dieser selbstverständlichen Forderung voll entsprach.

 

Denn alles drehte sich um einen Erlass des deutschen Auswärtigen Amtes, wonach die Visa-  Erteilung erleichtert werden sollte. Der Erlass soll die Schleuserkriminalität gefördert haben. Als hätten die Banden nicht auch ohne ihn Mittel und Wege gefunden, aus den Nachbarländern Millionen Menschen  nach Deutschland zu schleusen, die vom deutschen Wohlstand profitieren wollen. Wenn es nicht anders geht, auch durch Tricks, Betrug und auf  andere ungesetzliche Weise.

 

Um dem Unfug einen Riegel vorzuschieben, gibt es offensichtlich zwei Mittel. Das erste,  das sowjetischer Provenienz, besteht darin, das Land mit einem eisernen Vorhang abzuschotten. Verlässlich, aber in jeder Hinsicht zu teuer. Insbesondere für ein Land, das auf große Exportgeschäfte und auf den Import der Arbeitskraft angewiesen ist. Ganz zu schweigen von seinem Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit und zur offenen Gesellschaft.

 

Das andere  Mittel - kontinuierlich daran zu arbeiten, dass das Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und seinen Nachbarn im Osten zurückgeht. Aber das erfordert größere Opfer, die in Deutschland, nach dem Eindruck des Berichterstatters,  jetzt zu bringen kaum jemand bereit ist.

 

In der siebzehnstündigen Phönixsendung fiel kein einziges Wort über diese radikalen Lösungen. Dafür gab es viel hin und her um bürokratische Vorgänge. Wie gesagt, dürfen auch sie dem Publikum nicht verborgen bleiben. Aber die grundsätzlichen politischen Probleme wohl auch nicht ganz.

 

Nun will der Berichterstatter nicht nörgeln. Trotz  des Geäußerten  wünscht er den Deutschen, dass die dank  dem Fernsehen aufgestoßene  Tür nicht wieder zugeschlagen wird. Und freut sich auf die Fortsetzung des „Visa-TV“, in dem   Außenminister Fischer Rede und Antwort stehen soll. Das wird ein Gaudi!

21.4.05

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DAS LIED VOM EWIGEN FRIEDEN 

Vor sechzig Jahren brach der Hitlerstaat unter den Schlägen der Koalition der Westmächte mit der Sowjetunion zusammen. Insofern haben sich  die  Opfer gelohnt, die Soldaten und Zivilisten vieler Länder im Zweiten Weltkrieg für den Sieg über Hitler brachten. Auch die Opfer Russlands. Bekanntlich waren diese  größer  als die  der anderen Länder der Antihitlerkoalition zusammengenommen.  

 

Aber trotzdem ließen sich nicht alle Träume der Russen    verwirklichen.  Auch nicht der Traum, der in einem  etwas naiven, aber nichtsdestoweniger vom Verfasser und seinen Kameraden liebend  gern gesungenen russischen  Soldatenlied des Zweiten Weltkrieges apostrophiert wurde.  Der Traum vom ewigen Frieden. 

 

Denn die ganze Nachkriegszeit war von bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. Und auch heute sind wir wohl  weit entfernt vom ewigen Frieden. Obwohl der Streit zwischen dem Kommunismus und dem Kapitalismus, von vielen für die Quelle akutester Kriegsgefahr gehalten, der Vergangenheit angehört. Überall triumphiert die bürgerliche Demokratie und die freie Marktwirtschaft. Sie  sollten  uns endlich  den ewigen Frieden bringen. Aber es ist  nicht geschehen. 

 

Zwar genießen viele Nationen Europas den Frieden. Bereits sechzig Jahre, länger als je in ihrer Geschichte. Aber auch ihr Glück   ist nicht gesichert genug. Leider. Sonst könnten sie ruhiger schlafen.

 

Deshalb  darf der sechzigste Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus  nicht unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ begangen werden. Das wäre übrigens auch nicht im Sinne der russischen Veranstalter der Feierlichkeiten und sicherlich auch nicht der  aus der ganzen Welt nach Moskau eingeladenen Staatsmänner. Und gewiss nicht der meisten Russen, die darauf hoffen, dass die Vision vom ewigen Frieden, in  ihrer Mentalität tief verwurzelt, doch einmal Gestalt annimmt. Wenn ihre Verwirklichung alle Völker Europas gemeinsam betreiben.

 

Da der Verfasser bereits viele Jahre in Deutschland lebt, glaubt er  übrigens feststellen zu dürfen, dass sich die Mentalität der Deutschen von der der Russen wenigstens in dem Punkt nicht sehr unterscheidet. Trotz oder vielmehr infolge der deutschen Vergangenheit. 

17.4.05

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Die deutschen Medien beschäftigen sich mit einem Justizfall, der  einige Fragen aufwirft. 

Es geht um den Mord an einem Rentner. Der gute Mann versuchte einem aktiven Neonazi ins Gewissen zu reden. Der Neonazi holte ein Messer und erstach den Rentner. Jetzt wurde dem Mörder von einem deutschen Gericht bescheinigt, er hätte in Notwehr gehandelt. Damit ist nicht auszuschließen, dass der Mord ungesühnt bleibt.

 

Das Ganze    mutet an wie ein Fall aus einer längst verflossenen Zeitwende der deutschen Geschichte. Aus den  letzten Jahren der Weimarer Republik. Bekanntlich wurden damals  die Nazimörder oft , wenn überhaupt, nur mit samtenen Handschuhen angefasst. 

 

Wohin es führte, weiß jeder.

 

Verständlicherweise reagierten hier viele mit Unverständnis oder sogar Empörung.  Dem Richter wird Befangenheit unterstellt. Die höher angesiedelte Justiz wird ermahnt, aktiv zu werden.

 

Ob das Urteil revidiert wird, bleibt allerdings noch ungewiss.  Wenn dies doch nicht geschieht,   kann im Ausland der falsche Eindruck entstehen, die deutsche Justiz sei auf dem besten Wege, wieder auf dem rechten Auge zu erblinden.

 

Und noch etwas erscheint bedenklich.

 

Ganz mit recht rief die Bundesregierung die Bevölkerung des Landes auf, den Neonazis die kalte Schulter zu zeigen. Es ist aber nicht zu übersehen, dass die Bundesbürger viel eher diesem Appell Folge leisten, wenn sie sich vor den neonazistischen Übergriffen durch die Justiz geschützt  wissen. Die Qualifizierung eines  politischen Mordes als Notwehr trägt nicht dazu  bei.

 

Bekanntlich ist  die deutsche Justiz  unabhängig. Der Richter darf hier nach seinem Gewissen   das Gesetz interpretieren. Ein Druck auf ihn hat für den Druckausübenden  strafrechtliche Konsequenzen. 

 

Diese Unabhängigkeit der deutschen Justiz gehört zu jenen Qualitäten des demokratischen deutschen Staates, die auch für andere Länder beispielgebend sind. Darunter auch für Russland, dessen Justizwesen in Deutschland übrigens sehr in Zweifel gezogen wird.

 

Wenn aber die Unabhängigkeit der Justiz so weit wie im geschilderten Fall geht, ist es wohl zu viel des Guten. Als Russe will man nicht, dass die russische Justiz dem Beispiel folgt. Denn es ist ein Beispiel der Unabhängigkeit der Justiz  vom gesunden Menschenverstand. Einer Unabhängigkeit, die nur den schlimmsten Feinden des Rechts in die Hand spielt. 

7.4.05

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Am Ostersonntag  besuchte Iwan M., Esq., eine Gegend  im Brandenburgischen, die im Volksmund schlicht und einfach  „Bombodrom“ heißt. Er schreibt:

 

Einst  befand sich hier ein  Luftwaffenstützpunkt der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte. Nach ihrem Abzug  beantragte die Bundeswehr, hier Bombenabwürfe üben zu dürfen. Die Aussicht  rief die Friedensfreunde und Naturschützer auf den Plan. Das Bombodrom  wurde zum Testfall. Zu einer Kraftprobe zwischen dem Militär und der Friedensbewegung in Ostdeutschland.  

 

Zu jedem Osterfest  wurden  hier Demonstrationen veranstaltet. Auch diesmal kamen etliche Tausende, um gegen den Anspruch des Militärs zu protestieren. 

 

Von Jahr zu Jahr    sieht man  unter den Protestierern gegen das Bombodrom immer mehr   betagte  Menschen. Die letzten Mohikaner der einst mächtigen Bewegung der Osterfriedensmärsche. Bei allem Respekt vor ihren edlen Zielen ist nicht zu übersehen, dass sie eher Ausflüglern als Demonstranten  gleichen. Freundlich von anderen Osterspaziergängern belächelt, tragen sie zwar die Sprüche von Gestern mit, aber man hat den Eindruck, sie wären diese gern los. Auch die meisten Gespräche in der Menge drehen sich  um das Wetter und die familiären Angelegenheiten. Der eigentliche Zweck der Übung kommt kaum zur Sprache.

 

Das zeugt sicherlich nicht davon, dass die Deutschen die größte Gabe des Himmels, den Frieden,  weniger als früher schätzen. Nicht von ungefähr gab es auch diesmal hier prominente aus anderen Teilen Deutschlands , die den  Protest unterstützen. Aber es  lässt  sich wohl heute   nur mit viel Fantasie daran glauben,  eine akute Gefährdung des Friedens gehe von Deutschland aus.  Insbesondere nach dem von Deutschland, Frankreich und Russland geleisteten Widerstand gegen die USA- Aggression im Irak. Und auch dem ständigem Abbau der Bundeswehr. 

 

Die wahren Kriegstreiber   befinden sich eben weit weg von hier. Und nehmen die Friedensaufmärsche  kaum zur Kenntnis.  Schon gar nicht die auf dem alten Kontinent.

 

Was aber  Deutschland betrifft,  zeugt selbst die Tatsache, dass sich  der gut begründete Anspruch auf das Bombodrom  bereits mehrere Jahre nicht durchsetzen lässt,  von einer eher bescheidenen Rolle des Militärs in diesem Lande.

 

So kommt im Falle des Bombodroms  am Überzeugendsten  das Verlangen  der Bevölkerung in der unmittelbaren  Umgebung zum Vorschein,  die  Naturidylle zu erhalten. Und damit auch  die Einkünfte, die zu einem großen Teil von Urlaubern stammen.

 

Wie legitim  das Verlangen auch sein mag, ist es wohl zu wenig, um den   gegen das Bombendrom gerichteten Ostermärschen   zur früheren  Bedeutsamkeit  zu verhelfen.

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Die meisten hiesigen Experten werten die Ergebnisse des Treffens der Spitzenpolitiker der Parteien der Regierungskoalition und der CDU/CSU im Berliner Bundeskanzleramt zurückhaltend. Sie meinen, die vereinbarten Schritte zur Dämmung der Arbeitslosigkeit seien unzureichend. 

Matrjoschka  misst sich nicht an, darüber zu urteilen. Eins aber glaubt sie, sagen zu dürfen. Das Gipfeltreffen im Kanzleramt zeigte, dass die etablierte Politik in Deutschland dabei ist, über die politischen Rivalitäten hinaus nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.

 

Das ist schon ein gutes Omen. Besonders in Anbetracht der kommenden Wahlen in den Bundestag. Bekanntlich kochen in der Vorwahlzeit die politischen Leidenschaften in jedem Land. Das trägt bei weitem nicht immer zur Beseitigung der akuten Probleme des Landes bei.

 

Wenn es diesmal im politischen Leben der Bundesrepublik Deutschlands ziviler zugeht, heißt es sicherlich nicht, dass die Demokratie in Deutschland abgebaut wird. Ein ungehemmter Schlagabtausch auf der politischen Bühne führt oft nicht zum Aufblühen  der Demokratie, sondern  zerrt an ihren Wurzeln. 

Wie es in den Jahren der Weimarer Republik in Deutschland war.

Eine fürs Land gefährliche Ausartung  der Parteiendemokratie gab es auch in Russland. Gar nicht so lange her: unter dem Vorgänger des gegenwärtigen Präsidenten. Als vor Jahren Boris Jelzin in den Kreml einzog, entstanden    in Russland an tausend Parteien.  Zumeist waren es Wasserköpfe, denen der Rumpf fehlte. Trotzdem taten sie auf der politischen Bühne so, als ob. Produzierten viel Lärm und störten damit   konstruktives Handeln.

In Russland wurde damit Schluss gemacht. Die Schwelle in die hohe Politik wurde für Möchtegerne angehoben.

Die Kultivierung der Parteienlandschaft   ist übrigens ein Trend, der  anscheinend dem Wählerwillen entspricht. Meinungsumfragen  in Deutschland und Russland signalisieren  Unzufriedenheit der Wähler mit vordergründigem Polittheater. Und ihr Verlangen  nach weniger leere Worten und mehr konstruktive Taten in der Politik.

Wenn Demokratie die Beachtung des vox populi  bedeutet, ist wohl anzunehmen, dass der Jobgipfel   im Berliner Bundeskanzleramt keine Episode bleibt.      

21.3.05

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Die deutschen Medien ziehen die Bilanz der Reise von Bundeskanzler Schröder in die Staaten der Golfregion. 

Die Bilanz ist positiv.  Die Reise hat  zur Festigung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Staaten  einer Region, wo  die deutsche Wirtschaft von der USA- Konkurrenz nach dem Zweiten Weltkrieg stark zurückgedrängt worden ist, beigetragen. Nicht nur damit, dass deutsche Unternehmer neue Kontrakte über eine beträchtliche Summe  schließen konnten. Die PR- Arbeit des Kanzlers eröffnete  gute Aussichten auf   Investitionen aus diesem Raum  in die deutsche Wirtschaft.

 

Das letztere hat eine Signalwirkung, weil die westlichen  Mitbewerber Deutschlands auf dem Weltmarkt  nicht die Mühe scheuen, die augenblicklichen Wirtschaftsschwierigkeiten  des Landes im falschen Licht darzustellen. Und zwar als Zeichen des nicht aufzuhaltenden Abstiegs  der deutschen Wirtschaft. Ihre Erholung wird als wenig wahrscheinlich dargestellt. Deutschland wird der endgültige Abschied von seiner Spitzenposition in der Weltwirtschaft vorausgesagt.  Eine Rufschädigung erster Güte.

 

Deshalb war es  höchste Zeit,  daran zu erinnern, dass Deutschland der Weltexporteur Nummer eins bleibt. Und daran, dass unter den Exporterzeugnissen made in Germany    die Hightech dominiert. Wichtig für die arabischen Länder, die allmählich   umsatteln müssen, da der Erdölsegen nicht ewig währt. Aber nicht nur für sie. Auch  andere Wirtschaftspartner Deutschlands können von seinem gewaltigen Innovationspotential profitieren. So in  Lateinamerika, wo, laut Schröder, auch für die engere Zusammenarbeit mit Deutschland in Bälde verstärkt geworben werden soll. Und im Osten Europas.

 

Die Werbungsstrategie des Kanzlers zeugt davon, dass Deutschland als ein Akteur auf dem Weltmarkt allmählich  auf die  falsche Zurückhaltung der Nachkriegszeit verzichtet. Verstärkt  nimmt es die eigenen Wirtschaftsinteressen wahr. Und lässt sich nicht mehr mit politischen Mitteln von der Konkurrenz zurückdrängen. 

 

Ein Trend, der sich noch vor mehreren Jahren in der Erweiterung der russisch- deutschen wirtschaftlichen Zusammenarbeit abzeichnete. Einer Zusammenarbeit, die dem politischen Druck der USA nicht wich. 

 

In diesem Zusammenhang fällt  auf, dass  Schröder auf der Reise in der Golfregion auf  gute Erfahrungen Deutschlands in Russland hinwies. Er rief in Erinnerung, dass das deutsche Kapital nicht die Flucht aus Russland  antrat, als  Russland vor einigen Jahren eine Finanzkrise erlebte. Im Unterschied zu  anderen Investoren aus dem Westen blieben die Deutschen. Das hat sich gelohnt. Jetzt, wo sich die Situation in Russland  änderte, sind sie anderen Mitbewerbern auf dem russischen Markt mehr als eine Nase voraus.

 

Bei der Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zu den anderen Partnern  sind den Deutschen ähnliche Erfolge zu wünschen. 

7.3.05

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Vor sechzig Jahren absolvierten Millionen Russen die erste und für die meisten die einzige Auslandsreise ihres Lebens. Zwar war es eine gefährliche und strapaziöse Reise. Sie erfolgte nicht in  Reisebussen mit Klimaanlage und weichen Polstern, sondern, wenn nicht zu Fuß, dann bestenfalls in Panzerwagen. Und die Reisenden wurden zumeist nicht mit Blumen, sondern mit Kugeln und Bombern empfangen. Aber erkenntnisreich war der Trip  schon. Denn das Bild des kapitalistischen Auslands, das sich den Reisenden unfreiwillig bot, beeindruckte sie. Zu Hause gab es nicht so viele schmucke Häuschen mit WC und anderen Bequemlichkeiten. Und vieles andere mehr auch nicht.

 

Der Verfasser dieser Sendereihe, damals auch Soldat der Roten Armee, kann bezeugen, dass die Erfahrung  oft die Frage danach provozierte, was die Deutschen und ihre Verbündete in der Sowjetunion suchten, als sie am 22.6.41 das Land überfielen. Wollten sie etwa den Russen, denen es in vielen Fällen schlechter als ihnen ging,  das Letzte nehmen. Ihr  bescheidenes Zuhause. Ihre Familien, selbst ihr Leben. 

 

Oft mündete diese unterschwellige Fragestellung in eine irrationale Wut gegen die Invasoren. Insbesondere, wenn die Bilder der hungernden und in Erdlöchern hausenden Landsleute hinzukamen, auf dem langen Marsch nach Deutschland reichlich genossen.

 

Die Folgen sollen hier nicht geschildert werden. Sie werden in den deutschen Medien zu Genüge ausgemalt.

 

Aber als einer der unfreiwillig gen Westen Gereisten, will der Verfasser dieser Sendereihe etwas  hinzufügen. Es war nicht nur die vordergründige  Wut auf die Deutschen, sondern auch die unterschwellige Achtung vor ihren Leistungen, die sich in den Seelen vieler Kameraden einnistete. Davor haben sie erleben müssen, dass die Deutschen gute Soldaten sind. Jetzt kam dazu die  Erfahrung, dass die Deutschen auch im friedlichen Leben viel leisten können.

 

An sich war es nicht neu, dass ein Krieg als Nebeneffekt zu einem besseren Verständnis  des Auslands verhalf.  Das geschah auch zu den Zeiten oft, als es noch keine Reisebusse mit Klima gab. Und keine Panzer.

 

Allerdings waren damals die unfreiwilligen Erlebnisreisen nicht so aufwendig. Sie kosteten noch nicht Dutzende Millionen von Toten und kaum fassbare materielle Verluste.

 

Die Paradoxe der Geschichte.

 

Aber auch im Nachkrieg haben die Russen aufschlussreiche Erfahrungen in Bezug auf Deutschland gemacht. Vor allem gehörten zu diesen  die Erfahrungen in der Deutschen Demokratischen Republik. Es ist nicht so sehr der viel gerühmte Sozialismus im Lande der selbsternannten Erben von Marx und Engels gemeint. Da dieser viele Eigenschaften seines sowjetischen Vorbildes aufwies, löste er bei den Russen keine Begeisterungsstürme aus. Anders aber wurde das im Leben der DDR- Bürger wahrgenommen, was mit ihren deutschen Wurzeln  zusammenhing. Ihre Ordnungsliebe, Arbeitseifer, Tüchtigkeit, Ehrlichkeit. 

 

Der Verfasser dieser Sendereihe, der  die verblichene DDR oft, und zwar privat, besuchte, hält den etwa fünfzigjährigen Aufenthalt der russischen Truppen in Ostdeutschland für ein peinliches Kapitel  der jüngsten Vergangenheit. Aber auch diesem Kuriosum kann man Positives abringen. Denn Millionen junge Russen absolvierten im Turnus von zwei- drei Jahren ihren Pflichtmilitärdienst in der DDR. Und obwohl sie in ihren Kasernen so gut wie eingesperrt wurden, fanden die meisten Wege, die Deutschen und Deutschland privat zu erleben.

 

Sie fanden dabei viel Unterstützung bei den Einheimischen. Diese wollten die Russen  außerhalb des engen Rahmens der von oben  verordneten Freundschaft kennen lernen.  Es entstanden viele enge Beziehungen, auch amouröser Natur. Denn die russischen Jungs benahmen sich anständig. Vergewaltigungen oder Raubüberfälle kamen selten vor. Übrigens ein Beweis dafür, wie schief das jetzt in den deutschen Medien mitunter  kolportierte Bild von jungen Russen der Kriegsgeneration ist. Unter halbwegs normalen Bedingungen hätten die sich auch ganz anders verhalten.

 

Und jetzt zu einem aktuellen Bezug des Themas. Der Verfasser dieser Sendereihe findet es sehr unangebracht, dass im Streit um die sogenannte Visa - Affäre die Russen neben anderen Völkern der Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den deutschen Medien wieder mit pauschalen Äußerungen verletzt  werden. Auch wenn diese Haltung der Medien  ihre Ursache vermutlich weniger die Russenfeindlichkeit ist, sondern  mit innerdeutschen Querelen zusammenhängt, ist es sehr zu bedauern. Das Kapital des gegenseitigen Vertrauens, der Achtung, sogar Sympathie war schwer genug zu erwerben, um es jetzt leichtsinnigerweise  auszugeben. Sechzig Jahre danach.

25.2.05

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Der  Bezirk Steglitz- Zehlendorf geriet in die Schlagzeilen der Berliner Presse. Hier wurde der Beschluss gefasst, am kommenden sechzigsten  Jahrestag der Befreiung Deutschlands von der nationalsozialistischen  Diktatur der deutschen Opfer zu gedenken.  

Zweifelsohne soll an dem denkwürdigen Tag auch  an die Opfer gedacht werden. An siebenundzwanzig Millionen Russen, die als Soldaten im Kampf gegen die Angreifer fielen oder als wehrlose Zivilisten daran glauben mussten. An die Opfer des nationalsozialistischen Eroberungswahnsinns  unter anderen Völkern.

 

Die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges dürfen dabei auch nicht zu kurz kommen. Letztendlich gehen sie auch  aufs Konto  des Regimes, das Deutschland an den Rand des Abgrunds führte.

 

Die Frage  lautet also nicht ob, sondern wie. Wie  soll an die Opfer  gedacht werden. Nach dem althergebrachten Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ etwa? So wie im Zweiten Krieg, als das Gedenken  missbraucht  wurde, um den Hass auf den Gegner zu schüren. Oder  wie im Kalten Krieg, als das Ziel der Übung darin bestand, Misstrauen zwischen West und Ost zu säen.

 

Wenn das bezweckt wird, dann kann sich  die Bezirksversammlung Steglitz- Zehlendorf rühmen, ins Schwarze getroffen zu haben. Übrigens kommt den Lokalpolitikern noch ein Verdienst zu. Dass die deutschen innenpolitischen Auseinandersetzungen mitunter in die Außenpolitik strahlen, ist bekannt. Dass aber auch Querelen in der Lokalpolitik auf diese Weise ausgetragen werden, neu. Das haben  Steglitz und Zehlendorf vorexerziert.

 

 

Trotzdem könnte man ihren Vorstoß     in die große Geschichte  mit einer Zeile unter der Rubrik „Kuriosum“ abtun. Leider aber kommt ähnliches  auch anderswo  zum Ausdruck. Zum Beispiel im deutschen Fernsehen. Ab und zu  wird hier die Vergangenheit etwas einseitig auf den Bildschirm gebracht. Indem die Ursachen des Krieges nicht erwähnt, dafür die Folgen breitgetreten werden. Und zwischen Opfern und Tätern kein Unterschied gemacht.  

 

Somit ist der Trend, den sechzigsten Jahrestag des Sieges über Hitler in eine moralische Niederlage der Sieger umzufunktionieren,  leider nicht zu übersehen. 

 

Dass da die Russen zur bevorzugten Zielscheibe auserkoren und pauschal als Vergewaltiger, Räuber und Mörder hingestellt  werden, versteht sich von selbst. Haben sie doch das meiste zum 8. Mai 1945 beigetragen, als die Hitlerstreitkräfte kapitulieren mussten.

 

Es geschah leider, erst nachdem der obsolet gewordene Widerstand des  deutschen Militärs, durch die  Gräuelpropaganda angetrieben,  zusätzliche Verluste auch  unter der deutschen Zivilbevölkerung verursachte und die unter den damaligen Umständen unkontrollierbare Wut der russischen Soldaten steigerte.

 

Traurig, wenn diese und andere  wichtige Begebenheiten  der  Schlussphase des Krieges  nicht zur Kenntnis genommen werden. Denn es  hilft  der Versöhnung nicht. Sie  soll bekanntlich  am sechzigsten Jahrestag des Sieges über Hitler in Moskau gefeiert werden.

 

Von den überaus meisten russischen Opfern des Krieges wäre so eine Feier bestimmt  gutgeheißen worden. Von den deutschen Opfern vermutlich auch.

17.2.05

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In Dresden wurde der sechzigste Jahrestag der Zerstörung der Stadt  begangen. 

 

Als Zeichen der Trauer wurde in Dresden ein Kerzenlichtenmeer entzündet. Viele   Dresdener trugen weiße Rosen, um ihrem  Wunsch nach Versöhnung und Frieden  Ausdruck zu verleihen. Es war beeindruckend, es war rührend. Es legte Zeugnis von einem Deutschland ab, dem jedes Volk in der Welt vorbehaltlos  vertrauen kann. 

 

Allerdings wurde der Gedenktag durch  Neonazis getrübt, die durch Dresden marschierten. Ihre Transparente  verschwiegen oder verharmlosten die Kriegsschuld Hitlerdeutschlands und seine anderen Verbrechen. An dem Tag wirkte es besonders widerwärtig.

 

Es ist allerdings kaum zu glauben, dass  die Neonazis die gescheiten Sachsen beeinflussen können.  Leider aber lässt sich das nicht über manche deutsche Politiker sagen. Die Furcht, den Neonazis in die Hand zu spielen, trieb in ihrer Mitte seltsame Blüten. In manchen Stellungnahmen wurden die Schuldigen an der Zerstörung von Elbflorenz  und dem grausamen Tod von Tausenden seiner Einwohner überhaupt nicht genannt. Es klang mitunter so, als hätten am 13.Februar 1945 die Marsmenschen Dresden angeflogen.

 

Bei allem Verständnis für den vorsichtigen Umgang mit dem von den Neonazis besetzten Thema, hinterließ es  einen bitteren Beigeschmack. Unter anderem, weil in Deutschland  kaum ein Tag vergeht, an dem in den Medien nicht die Übergriffe der russischen Soldaten vor sechzig Jahren auf deutschem Gebiet in allen dazugehörigen Farben  geschildert werden.

 

Zweifelsohne waren  Vergewaltigungen deutscher Frauen und Raubüberfalle einzelner, wenn auch  nicht weniger Rotarmisten  scheußlich. Ein Schandfleck, der sich durch Hinweise auf  Ausschreitungen  der Angehörigen der Streitkräfte Hitlerdeutschlands in Russland oder auf den Bombenterror der Westalliierten  nicht entfernen lässt.  Die Kriegsverbrechen  heben sich gegenseitig nicht auf.  Das hat  der deutsche Bundeskanzler in seiner Botschaft zum Gedenktag mit Recht hervorgehoben.  

 

Aber auch die selektive Wahrnehmung des Kriegsgeschehens ist wohl   nicht das Richtige.  Die  Untaten des sowjetischen Militärs hochspielen, die  anderen  aber gar nicht beim Namen  nennen, heißt   dem Zeitgeist frönen. Nicht aber mit Hinblick auf die Zukunft die Vergangenheit aufarbeiten.  

 

Jede  Kriegstat sei verflucht,   wenn sie sich gegen Frauen, Kinder und Greise wendete.  Verflucht, damit sie nicht wiederholt wird. Egal wo und von wem. 

 

Und noch etwas. Man fragt sich, wer ist  härter  im Nachhinein zu richten. Ein in den Soldatenmantel gesteckter Bauernbursche aus einem gottverlassenen  Dorf, der einen langen Marsch durch verwüstete Gebiete seiner Heimat hinter sich und jahrelang keine Frau in seiner Nähe hatte. Dessen Angehörige grausam getötet wurden, seine Hütte samt letzten Habseligkeiten verbrannt. Und der  ausrastete, als er im   nach seinen Maßstäben wohlhabenden und wohlgeordneten Land der Täter ankam.

 

Oder ein Luftwaffenmarschall, Absolvent eines aristokratischen Kollegs und zweier exklusiver  Militärakademien, Schlossbesitzer, zum Ritter geschlagen, belesen und weltgewandt, der  einen Bombenangriff auf eine wehrlose, zum Weltkulturerbe gehörende Stadt in allen Details zu planen und auszuführen befiehlt, nur um sie zu zerstören und ihre Einwohner zu töten?

 

Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand. Aber wenn die politische Räson es will,  wird sie mitunter, wenn überhaupt,  nur durch zusammengepresste Lippen gegeben. Das ist unaufrichtig. Das tut weh.     

 

14.2.05

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PUTINS RUSSLAND

 

In der letzten Zeit sind wohlwollende Äußerungen über Russland  in der deutschen Presse selten geworden. Jedenfalls  seltener als früher.  Meistens liest und hört man Kritik. Eine Wende in der Beurteilung der russischen Politik   ist nicht zu übersehen.

 

Vor diesem Hintergrund fällt ein Buch auf, das   Russland zwar  keinen Sündenablass  erteilt, aber keinen Alarm schlägt.  Gemeint ist das Buch des  Russlandforschers Dr. Christian Wipperfürth. Er  promovierte an der Freien Universität Berlin und war Gastdozent an der  Staatlichen Universität St. Petersburg. Laut Untertitel gilt sein Buch  „Putins Russland- ein vertrauenswürdiger Partner?“ der gegenwärtigen russischen Außenpolitik. Aber es hält mehr als der Untertitel verspricht. Denn der Buchautor stellt auch die  russische Innenpolitik auf den  Prüfstand. 

 

Das ist berechtigt. Denn  Kritiker der russischen Außenpolitik suchen ihre Argumente oft in der russischen Innenpolitik. Mit erhobenem Zeigefinger bemängeln sie, dass  Russlands Entwicklung   nicht ganz nach den europäischen Empfehlungen  verläuft.  Die Frage, ob sich die Einhaltung der Richtlinien  in den gegenwärtigen russischen Verhältnissen  segensreich erweisen würde, fällt dabei fast immer unter den Tisch.  Trotzdem heißt es,   Russland sei nicht zu vertrauen.     

 

Dr. Wipperführt misst  die russische Innenpolitik an den aktuellen Bedürfnissen des Landes. Und siehe da, vieles, was  als  Missachtung der europäischen Werte verurteilt wird, entpuppt sich als ein Muss für Russland. Von den im Westen gefeierten Vorgängern Putins  versäumt, ist es  für   Russlands  Modernisierung unentbehrlich. 

 

Dr. Wipperfürth hält   zwei alternative  Zielsetzungen   der heutigen russischen Innenpolitik für möglich. Die eine, Russland versucht den   Standards der abendländischen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf Umwegen näher zu kommen. Auf Umwegen, die beschritten werden können, ohne eine politische Krise in Russland zu riskieren. Die andere Zielsetzung ist ein Sonderweg, wie schon einige Male in der russischen Geschichte vorgekommen. Wofür sich die Russen entscheiden, sei noch ungewiss. Sie stehen an der Wegegabelung. Wie der russische Recke Ilja Muromez aus der berühmten Sage. 

 

Im Unterschied zu manchen Kollegen spielt der Buchautor  nicht den Schulmeister.  Er begnügt sich mit der Bestandsaufnahme. Trotzdem wäre in seinem Buch die Frage angebracht,  wie der Westen  dem Recken Muromez  die richtige Wahl erleichtern könnte. Vielleicht damit, dass zwischen Russland und Europa keine neuen Barrieren errichtet werden? Jedenfalls wäre  die schleichende Isolierung Russlands schlecht  geeignet, Russland und Europa anzunähern.

 

Der sechzigste Jahrestag des Zusammenbruchs von Hitlerdeutschland  erinnert uns an ein Bündnis, das die europäische Zivilisation rettete.  Es kam zustande, obwohl die Sowjetunion und die Westmächte  ganz verschiedenen  Göttern  huldigten. Heute werden viel kleinere Unterschiede in der Lebensphilosophie und politischen Praxis  Europas und  Russlands  hochgespielt. Leider.

 

Zwar ist heute kein Hitler in Sicht. Aber manche andere Bedrohungen   schon. Sie sind akut genug, um das Auseinanderdriften der strategischen Partner vermeiden zu wollen. Die gegen die Barbarei gerichtete Zusammenarbeit pflegen  zu wollen, die sich vor sechzig Jahren  bewährt  hat. Das in diesem Beitrag erwähnte Buch ist ein Plädoyer dafür. Vielleicht vom  Autor unbeabsichtigt, da er kein Politiker, sondern Wissenschaftler ist.

21.2.05

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Es ist bemerkenswert, wie  der Gedenktag an die Opfer des Naziterrors  in der Bundesrepublik begangen wurde. So   wie noch nie. Die einst geäußerten Befürchtungen,  ein wiedervereinigtes und  erstarktes Deutschland würde die Lehren der Geschichte verdrängen, haben sich wieder mal als  absurdum erwiesen. Der Weltöffentlichkeit  präsentiert sich  ein selbst-, aber auch ein verantwortungsbewusstes Land. Es ist   weit davon entfernt, die aus seiner Vergangenheit  erwachsenen Verpflichtungen  zu leugnen. Alle Vertreter seiner politischen Elite, die in den Gedenkveranstaltungen im Lande und auswärts das Wort ergriffen haben, verurteilten ohne Wenn und Aber das , was sich einst im deutschen Namen und am deutschen Namen verbrochen wurde.

 

Manche Äußerungen wären in Deutschland von früher   als eine, angesichts der Gefahr aus dem Osten  unangemessene Selbstzerfleischung auf Widerspruch gestoßen. Aber    Deutschland hat sich inzwischen von den Obsessionen  des Kalten Krieges befreit. Es praktiziert  souveräne  Offenheit nicht nur gegenüber dem Westen, sondern auch gegenüber  dem Osten. So hat es keine Bedenken,  die Befreiungstat der russischen Soldaten zu würdigen. Was früher hier  sehr selten geschah. Obwohl gerade   das  russische Volk  die schwerste Last des Krieges tragen musste. Und seine  Opfer größer gewesen sind als jene aller anderen Kombattanten im Kampf gegen die nazistische Barbarei zusammen genommen.

 

Es geht natürlich nicht nur um die sogenannte Bewältigung der Vergangenheit . Die Welt und Europa im Besonderen sind bei weitem nicht so weit, dass sie wie in einem Lehnstuhl über die Geschichte sinnieren können. Es heißt zwar, der  Holocaust sei einmalig und darf durch keinen Vergleich relativiert werden. Das stimmt. Dennoch wäre es vor den Zeitgenossen und den kommenden Generationen kaum zu verantworten, würden die Staatsmänner und Politiker  zu den Untaten  von heute schweigen.  Deutschland tut es nicht. Es gibt in Europa kein anderes Land, wo  die an Völkermord grenzenden Verbrechen der Gegenwart    eine  stärkere Verurteilung finden. Das zeugt von einer Sensibilität, von der sich viele andere dicke Scheiben abschneiden könnten. Vor allem jene, die sich in der Wahnvorstellung wiegen, die  Stärkeren dürfen auch in der heutigen Welt nach ihrem Gusto schalten und walten. Und andersgeartete Völker stigmatisieren.

 

Auf den Gedenktag in Deutschland fiel allerdings ein Schatten. Dafür sorgte ein  Haufen von Unverbesserlichen. Sie nutzten die Demokratie, um im sächsischen Landtag und anderswo ihre Vorbilder reinzuwaschen.  Bedeutsam aber  ist nicht ihre Frechheit, sondern die Abfuhr, die ihnen  erteilt wird. Diese erfolgt im Rahmen des Gesetzes, was  nicht bei allen   Verständnis findet, aber  letztendlich   für  Deutschland spricht. Für ein Land, das in den verflossenen sechs Jahrzehnten, aber  besonders in den letzten fünfzehn Jahren eine heilsame Wandlung erfahren hat.  

28.1.05

Die  zweijährigen deutsch-russischen Kulturbegegnungen sind feierlich abgeschlossen. Begonnen in Berlin unter der Teilnahme von Präsident Putin, gingen sie in Sankt Petersburg  unter der Teilnahme des deutschen Bundespräsidenten Köhler zu Ende.

 

Jetzt sind    die Kulturbeziehungen zwischen  beiden Ländern  auf ein neues Niveau gehoben. Es kommt  darauf an, den Austausch   kontinuierlich  weiter zu entwickeln.  Das ist  für  die Partnerschaft auch in  anderen Bereichen wichtig. Denn der Kulturaustausch  verleiht  dieser eine geistige Dimension.   

Die Begegnungen brachten den Deutschen und den Russen die gegenwärtige Kultur des  jeweiligen Partnerlandes näher. Viele in Deutschland erfuhren aus dem eigenen Erleben, dass die russische Kulturentwicklung nicht mit Dostojewski und Tolstoi, Stanislawski und Tschaikowski  aufhörte. Und viele in Russland nutzten die Gelegenheit, ihr Wissen   über die Zeit von Goethe und Schiller hinaus zu erweitern.

 

Das Fundament  für  einen nachhaltigen Kulturaustausch ist gelegt. Und zwar nicht nur in Metropolen, sondern auch in Regionen. Es entstanden dauerhafte Städtepartnerschaften  im Bereich der Kultur. Jetzt kommt es darauf an, auf diesem Fundament weiter zu bauen.     

 

Übrigens bereichern die in Deutschland weilenden russischen Künstler das deutsche Kulturleben. So wird zur Zeit die junge russische Balletteuse, Polina Semjonowa, vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Das Fernsehen machte mit ihrer Kunst breite Kreise bekannt, die sich einen Theaterbesuch nicht leisten können.    

 

Allerdings ist im Rückblick auf die Kulturbegegnungen    festzustellen, dass es nicht geschadet hätte, bekämen sie  mehr Publizität.  Tatsächlich traten  mitunter die russischen Gäste in Deutschland  unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf. Das entspricht  nicht dem Sinn der Sache.  Allerdings hat matrjoschka-online.de lückenlos über den Verlauf der Kulturbegegnungen berichtet. Was kann die Holzpuppe aber allein?

 

In einigen Berichten der deutschen Medien aus Russland wird mit Recht festgestellt, dass die deutsche Botschaft in Moskau einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der deutschen Kulturveranstaltungen in Russland beisteuerte. Es wurde auf die Pressefreundlichkeit des Botschafters von Plötz hingewiesen. Mit seinen Mitarbeitern sorgte er dafür, dass die russische Presse kontinuierlich  über die Auftritte  der deutschen Künstler informierte.

Wichtig, dass der Besuch des Bundespräsidenten Köhler in Sankt Petersburg in einer sehr guten Atmosphäre stattfand .  Der Gast und  Gastgeber haben sich ausgezeichnet verstanden. Die Chemie zwischen den beiden Präsidenten stimmte nicht weniger als zwischen Schröder und Putin. So trug das Treffen in Sankt Petersburg zur Korrektur des Eindrucks bei, es seien im deutsch-russischen Verhältnis fatale Differenzen entstanden, den manche Pressorgane  hier zu verbreiten suchten.   

14.01.05   

 

So sind die Russen.  

Genau vor hundert Jahren gingen einige Tausende Proleten in Sankt Petersburg, damals die Hauptstadt des russischen Zarenreichs, auf die Straße. Vom Standpunkt der Regierung hatten sie keinen Grund, das zu tun. Zwar reichte der Lohn ihnen für ein menschenwürdiges Leben nicht und die Arbeit war hart, aber vor der Erfindung des Sozialstaats war es normal. Obwohl in England oder Deutschland das allgemeine Lebensniveau  wesentlich höher war, ging auch dort  das Leben  der Proleten  nicht viel anders als in Russland vor sich. Trotzdem störten sie nicht den Straßenverkehr.

 

Allerdings verhielten sich die Russen auf der  Straße zuerst  friedlich. Aber die Zarenregierung  brachte ihre zuverlässigste Truppe zum Einsatz. Die Kosaken. Diese veranstalteten auf dem Newski Prospekt in der Nähe des Winterpalais ein Massaker. Viele Hunderte wurden von Pferden zertrampelt, mit Säbeln traktiert, von Kugeln getroffen.

 

Der 9. Januar 1905 ging als Blutsonntag in die Geschichte Russlands ein. Komischerweise war es auch ein Sonntag, wie in diesem Jahr.

 

Das Massaker rief Proteste in der ganzen zivilisierten Welt hervor. Die liberale und sozialdemokratische Presse lobte die abendländische Demokratie. Mit Recht. Die Demokratie kommt ohne Massaker der Arbeiter aus. Sie sichert den Frieden. Den Frieden zwischen denjenigen, die Maß halten. Den Arbeitgebern, die den Arbeitnehmern nicht zuviel zumuten. Und den Arbeitnehmern, die von Arbeitgebern nicht zuviel verlangen. Hoch lebe die Demokratie! Und Harz 1V.

 

Nach dem Blutsonntag 1905 und einigen darauffolgenden weiteren Verkehrsstörungen kehrte Ruhe in Russland ein. Eine trügerische Ruhe. Denn unter der Oberfläche begann eine Entwicklung, die  zum Putsch von 1917 führte. Geputscht hat  eine kleine militante Minderheit. Sie hielt  vom Maßhalten nicht das Geringste. Und errichtete in Russland die kommunistische Diktatur.

 

Das weitere können wir uns hier sparen. Es reicht, darauf hinzuweisen, dass die Arbeitnehmer in Russland 100 Jahre später kaum ein viel höheres Lebensniveau genießen als ihre Urgroßväter von 1905. Aber sie halten still. Die Geschichte lehrte sie, dass revolutionäre Gewalt nichts bringt. Außer den Schein der Gerechtigkeit.

 

Was die neuen Arbeitgeber in Russland angeht, sie ähneln in vielem ihren Vorbildern aus der Zeit vor 1905, als der Kapitalismus in Russland wie jetzt noch ganz unzivilisiert war.

 

Die Parallele wäre unvollkommen, hätten wir unerwähnt gelassen, dass im Moskauer Kreml jetzt ganz andere Leute sitzen als damals im Petersburger Winterpalais. Putin ist kein Nikolaus II.. Er hält die Bilanz zwischen den Größen der Marktwirtschaft und dem arbeitenden Volk. Die einen lässt er gewähren, wenn sie seine Kreise nicht stören, den anderen verspricht er fest die Hebung ihres Lebensniveaus. Vielleicht hält er sogar das Versprechen. In einigen Jahren. Wenn der Erdölpreis nicht fällt.    

 

Jedenfalls bleibt  das Land  friedlich. Ohne Kosaken. Vorläufig.

 

PS Der Exkurs in die Geschichte wurde von einem Historikerteam besorgt. Der Leiter ist Iwan Matrjoschkin, Esq. Unser Herodot. Nicht verwechseln mit Herodes.

9.1.05

 

Vor dem  deutsch- russischen Treffen auf höchster Ebene. 

Leider haben die deutschen Medien nicht sehr viel für die gute Atmosphäre des Treffens getan. Wochenlang wurden die Meinungsverschiedenheiten zwischen Berlin und Moskau   im Zusammenhang mit der Staatskrise in der Ukraine in den Vordergrund gestellt. Da die meisten  Medien und ein großer Teil des politischen Establishments die Ursachen der Krise   der russischen Politik im postsowjetischen Raum zuschreiben, hieß  es oft, auf Russland muss  Druck ausgeübt werden, damit der Kreml seine Politik ändert. Keine besonders gute publizistische Ouvertüre zu den  Verhandlungen. 

 

Anscheinend sollte  die Gelegenheit um jeden Preis genutzt werden, die Bedeutung Russlands als Partner Deutschlands runterzuspielen. Und auch  die Chance nicht brach liegen zu lassen, die Bundesregierung, deren Akzeptanz in der Bevölkerung, wie die letzten Umfragen zeigen, wieder steigt, eine lasche Einstellung zu den europäischen Werten  unterzuschieben. Obwohl  die deutsch-russischen Beziehungen nicht nur wegen des praktischen Nutzens für Deutschland  aus den innenpolitischen Auseinandersetzungen herausgenommen werden sollten. Ist doch Russland ein Land, das von Hitlerdeutschland im Zweiten Weltkrieg am meisten gelitten hat. Was wohl im heutigen  Deutschland, das sich zu den europäischen Werten bekennt, nicht unberücksichtigt bleiben darf.  

 

In den letzten Tagen wurde das ukrainische Thema allerdings nicht mehr so stark wie davor strapaziert. Offensichtlich hat der Verlauf der ukrainischen Krise die deutschen Kritiker der russischen Politik, insofern ihr Standpunkt auf mangelndes Wissen der wahren Umstände zurückzuführen ist, eines Besseren belehrt. Es  dämmerte ihnen, dass sich in der Ukraine keine spontane  Revolution des mit der sturen Staatsmacht konfrontierten freiheitsliebenden  Volkes vollzieht, sondern eher ein Tauziehen in der Machtelite. Wobei es  leider mit den demokratischen Gepflogenheiten nicht so genau genommen wird.

 

So  setzte sich hoffentlich in Deutschland die Erkenntnis durch, dass die  partnerschaftlichen Beziehungen zu Russland durch einen vorübergehenden Meinungsstreit  über das  Geschehen in einem Drittland nicht belastet werden dürfen.  Das Porzellan mutwillig zu zerklopfen, ist  leicht. Dagegen sehr mühsam, die Scherben  zu leimen.

 

Jetzt haben hiesige Medien einen anderen Vorgang am Wickel: die Versteigerung einer Jukos- Firma. Leider verfügt Ihr Korrespondent  über keine profunden Kenntnisse der komplizierten Materie. Deshalb zieht er es vor, sich darüber nicht zu äußern. Allerdings glaubt er, dass die meisten seiner deutschen Kollegen ebenso wenig  Experten auf dem Gebiet sind. Ihnen ist es aber anscheinend kein Hindernis,  darüber zu urteilen. Selbstverständlich mit dem Unterton, ach diese Russen, was sie alles verbrechen. Obwohl das Einzige, was den Russen in dieser Angelegenheit zuerst mal vorzuwerfen wäre, ist der ungeschickt gewählte Zeitpunkt der Versteigerung am Vorabend der deutsch-russischen Verhandlungen. Aber die PR- Kunst wurde in Russland  schon immer etwas vernachlässigt.         

 

Wie dem auch sei, stehen jetzt auf der Agenda nicht die  Reiz-, sondern die Sachfragen. Selbst die Liste der zur Unterschrift vorliegenden Abkommen  lässt daran keinen Zweifel. Es wird nämlich beabsichtigt, die Zusammenarbeit in mehreren Sphären  zu intensivieren. Darunter Jugendaustausch, Gesundheitswesen, Transport, Weltall. Zu diesen Vereinbarungen zwischen den Regierungsämtern kommen kommerzielle Abkommen zwischen Siemens und den russischen Eisenbahnen und zwischen Firmen, die im Luftverkehr tätig sind.

 

Bleibt zu hoffen, dass sich die deutschen und russischen Regierungsbeamten und  Wirtschaftsmanager  besser verstehen als die  Meinungsmacher,  deren rhetorische Übungen mitunter den Eindruck hinterließen, als wäre die deutsch-russische Partnerschaft out.  Nein, sie lebt und erweitert sich. Und das ist gut so. Für Russen und Deutsche gleichermaßen.

20.12.04          

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