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RUSSEN IN BERLIN 

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1. Amusemants 

2. Probleme

Amusemants

SOMMERBALL IN DER RUSSISCHEN BOTSCHAFT ZU BERLIN

In der russischen Botschaft zu Berlin
wurde zum Sommerball geladen. 

Die recht ungewöhnliche, von der Berliner Öffentlichkeit aber freudig angenommene und stark besuchte Veranstaltung galt einem Jubiläum. Vor 50 Jahren wurde auf dem von den Bomben der amerikanischen und englischen Luftwaffe stark mitgenommenen Prachtboulevard Unter den Linden das russische Botschaftsgebäude wiedererrichtet. Inmitten des Ruinenfeldes, dort, wo einst das Palais der Vertretung des russischen Zarenreichs stand, ließ Moskau ein für damalige Verhältnisse modernes Bauwerk hinsetzen, dreimal so groß wie die Residenz davor. Es war der in Stein und Beton verkörperte Glaube daran, dass Deutschland seine Rolle in Europa und in der Welt zurückgewinnt und sich für seinen östlichen Nachbarn wieder zu einem wichtigen Partner aufschwingt. Oder, um einen damals oft wiederholten Spruch zu zitieren, dass "die Hitler kommen und gehen, der deutsche Staat und das deutsche Volk aber bleiben bestehen". 

Erst recht bewahrte sich diese Einstellung zur deutschen Zukunft, als sich Deutschland wiedervereinigen konnte. Berlin wurde erneut zur Hauptstadt des vereinigten Staates. Die Dimensionen der imposanten Residenz Unter den Linden mit ihren großzügigen Arbeits- und Empfangsräumen entsprachen nunmehr der wachsenden Bedeutung der russisch-deutschen Beziehungen, ihrer zunehmenden Vielfältigkeit und Tiefe. 

Aber nicht nur als Mittelpunkt der russischen diplomatischen Tätigkeit in Deutschland macht das Gebäude Unter den Linden von sich reden. Wie in anderen russischen Vertretungen im Ausland, wird auch hier jetzt ein neuer Stil der Offenheit gepflegt. Das war es, was auch den Sommerball in der russischen Botschaft prägte und von in den Berlin tätigen ausländischen Diplomaten, Berliner Politikern und Geschäftsleuten, aber auch Künstlern und Wissenschaftlern wahrgenommen werden konnte. Den Gästen wurde ein buntes Unterhaltungsprogramm dargeboten, gemischt aus russischer Folklore, deutscher Popmusik und lateinamerikanischen Rhythmen

In seiner kurzen Begrüßungsansprache hob der Botschafter Sergei Krylow hervor, dass Deutschland und Russland dabei sind, ihre Zusammenarbeit auf allen Gebieten quantitativ und qualitativ weiter zu entfalten. Dies ist ein objektiver Prozess, da beide Ländern aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig ergänzen. Die Anwesenden klatschten Beifall.

29.6.02

EIN APPENDIX ZUM OBENSTEHENDEN BERICHT

 

Die belesene  ergänzte den obenstehenden Bericht über den Sommerball  in der russischen Botschaft zu Berlin mit einigen Auszügen aus Berliner Presseberichten. Sie betreffen   einen Empfang in der Botschaft Unter den Linden vor siebzig Jahren. Die alten Presseauszüge  kommentiert , der der Botschaft die Ehre seines Besuches erwies.

 

Also fangen wir mit dem Vergleich zwischen den sowjetischen und postsowjetischen Zuständen im Russischen Palais Unter den Linden an.

 

Ein Augenzeugenbericht aus dem Jahr 1932: “Im geschlossenen Riesenportal der Botschaft war eine kleine Tür, durch die wurde man eingelassen. Ein Botschaftsangestellter öffnete sie ganz schnell und schloss sie sofort wieder, wenn man drin war. Aha, dachte man, hier stehen die Türen nicht sperrangelweit offen... In der Stille der Garderobe,  mit dem Ablegen des Frackmantels beschäftigt, klang es einem im Ohre: Du, Genosse...Ein wenig missmutig steckte man die Garderobenmarke ein und stieg die teppichbelegte breite Treppe hinauf zu den oberen Empfangsräumen. Eine vergrößerte Photografie, Lenin bekanntes Bild mit Mützen, die Hände in den Taschen, hing an der Wand...“  

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire, dazu: Jetzt ist es ganz anders. Viel besser. Keine kleine Tür im Riesenportal, sondern ein großzügiger Eingang. Ein Botschaftsangestellter steht zwar unweit, scheinbar mit sich selbst beschäftigt, aber das muss wohl sein in dieser gefahrvollen Zeit. (Bei den Amerikanern erlebt man  etwas ganz anderes. Da fühlt man sich von vornherein als ein Krimineller). Auch die Anrede mit Genossen hört man bei den Russen nicht mehr. Schließlich ist man nicht im Willy-Brandt-Haus. Man redet sich mit Herr oder -auf die russische Art- mit Vor- und Vatersnamen an. So wurde ich, in der Welt der Prominenz kein Unbekannter, respektvoll mit Iwan Iwanowitsch angeredet... Ein Leninbild ist übrigens  hier weit und breit nicht mehr in Sicht. Dafür aber sieht man vornehme antike Darstellungen: Athene, Aphrodite, Cupido. Kulturvoll!

 

Noch ein Augenzeugenbericht aus dem Jahre 1932: „Um den langen Tisch im großen Raum drängten sich Hunderte von  Gästen, ausländische Diplomaten jeder Kategorie und jeden Landes. Geschäftsleute, die am russische  Handel interessiert waren, Professoren aller Fakultäten, außer den theologischen, die halbe deutsche Generalität. Eng aneinandergepresst drängten sich die illustren Herren und Damen  um den Tisch.  Unter heftigem Gebrauch der Ellenbogen und über die Köpfe der vor ihnen stehenden hinweg versuchten sie zu den großen Kristallschüsseln voll Kaviar, die auf Eisblöcken standen, zu den langen und flachen Schalen mit Forellen in Aspik, zum geräucherten Stör und zu den Kannen mit Wodka...zu gelangen.       

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire: „ Auch in dieser Hinsicht  ist es viel besser geworden als 1932. Es gab bei dem oben beschriebenen Empfang nicht nur EINEN  langen Tisch, sondern zwei Dutzend davon. Nicht  nur in den großen Empfangssälen, sondern auch im Botschaftsgarten, wo durchsichtige Zelte aufgestellt waren. Man brauchte seine Ellenbogen gar nicht zu bemühen, um zu schönen Sachen zu gelangen. Auch sah man deutsche Professoren ALLER Fakultäten, EINSCHLIESSLICH der theologischen, aber auch- 1932 undenkbar-  russische orthodoxe Priester im vollen Ornat. Die deutsche Generalität erkannte man zwar nicht, vielleicht war aber auch sie anwesend, nur in Zivil. Wie die russische, vermutlich.

 

Allerdings muss auch Kritik angebracht werden, damit die Gastgeber sich noch  bessern. 1. Kaviar gab man nur an einem Tisch und nicht etwa in Kristallschüsseln auf Eisblöcken, sondern in einer gemeinen Glasschüssel.  Das wäre noch zu verkraften, obwohl ich als Esquire dies als Fauxpas empfand. Schlimmer war, dass der vorhandene Kaviar im Nu ausging. Wie anders, häuften die vornehmen Gäste doch ganze Berge von Kaviar auf ihre Teller, als hätten sie diesen noch nie gesehen und wüssten nicht, dass man als welterfahrener Mensch höchstens einen Esslöffel davon vertilgt. Sonst kriegt man eventuell einen Eiweißschock. 

 

Noch viel schlimmer war, dass auf  den Tischen, die ich eingehend inspizierte, nicht nur keine Kannen mit Wodka, sondern keine Wodkaflaschen zu entdecken waren. Nur Sekt, den ich wie der Teufel das Weihwasser meide.

 

Der knapp vorhandene oder schnell ausgetrunkene Wodka war ein Fauxpas im Quadrat. Allerdings macht Bier es auch, wenn die Menge stimmt. Jedenfalls bin ich mit Mühe und Not die große Treppe heruntergestolpert, nahm mich aber beim Ausgang zusammen und erst als ich das prunkvolle Gebäude verließ, sang ich laut und melodisch das herrliche russische Gaunerlied  über einen Vagabunden, der am Baikalsee seine Mutter trifft. Anschließend überwältigte mich die Nostalgie, ich schluchzte laut, die Passanten Unter den Linden waren tief beeindruckt. Ja, wir Russen sind gefühlsvoll, nicht so furztrocken wie...na ja, Sie wissen schon!

  1.7.02

 

NEUJAHRSBALL WIE BEIM ZAREN

Bekanntlich feiern die Russen (nicht nur in Deutschland) gerne. Silvester sogar zweimal im Jahr. Nach dem europäischen und dem alten russischen Kalender. Deswegen gab es am 13.01. im Berliner Nobelhotel Interconti ein russischer Ball. Einfallsreich gestaltet, eine Replik der Hofbälle in St. Petersburg zur Zeit von Katarina. Kein Kind von Traurigkeit erschien die Große samt Hofstaat  höchstpersönlich im Interkonti, bereit, sich mit den Gästen ablichten zu lassen. Auf dem Programm stand eine Show mit Stars aus Russland. Eine Festtafel, reich an Kaviar und anderen leckeren Sachen, wurde auch angeboten. Das ganze für schlappe 390 Euro pro Person. 

Ein Wohltätigkeitsball in der besten Tradition der Petersburger Highsociety von anno dazumal. Der Erlös  kommt jungen russischen Künstlern zugute. Dafür sorgen  Irina von Bismarck, Prinz Eduard von Anhalt  (aus dem Haus, dem auch die Zarin Katarina entstammte), Baron von Falz Fein, ein in der Schweiz lebender bekannter Mäzen, der Dirigent Justus Franz,  der Starfriseur Udo Walz und andere. Es gibt also noch spendable Russenfreunde in Deutschland. 

Matrjoschka zollt ihnen die höchste  Anerkennung, will aber keine Almosen. Besser der Hungertod!

 

RUSSISCHE KAKERLAKENRENNEN IN BERLIN

Wir, die Holzpuppen, bringen auf unserer site grundsätzlich keine Werbung. Auch keine versteckte. Darum nennen wir den Ort in Berlin nicht, wo die russischen Kakerlakenrennen stattfinden. Nur so viel: in der Nähe von den berühmten Hackischen Höfen ist die urstige Gaststätte zu finden.

Keine Angst, liebe Menschen. Die Kakerlakeninvasion droht nicht. Die an Rennen beteiligten Tierchen werden gehütet, gepflegt und sind wie Achal-Tekiner versichert. Also, sehr hoch!

Kein Wunder: sie sind goldwert. Alles gut gewachsene Exemplare, etwa fünf Mal so groß wie eine gemeine Schabe, vor allem aber gut dressiert. Kaum schießt die Startpistole geschossen, rennen sie so schnell, wie sie nur können, ans Ziel. In einem verglasten Kasten hat jeder Kakerlak seine Bahn und auch einen individuellen Erholungsraum, wo Speisen und Getränke bereitstehen.

Jedes Tier hat einen schönen Namen. Zum Beispiel, heißt eine Schabendame "Slawjanka", also die Slawin. Und ein Herr- "Bogatyrj", also ein Recke.

Jeder Rennkakerlake hat außerdem eine ausführliche Lebensgeschichte: wann und wo geboren, wo und wie gerannt, welche Charaktereigenschaften (kampfgeil, ehrlich, ausdauernd, verfressen u.s.w.) Nur in einem renommierten Stall haben Rennpferde eine Biographie, die sich damit vergleichen lässt.

Allerdings sollten, nach meinem Matrjoschkas Geschmack, die Biographen weniger euphorisch sein. Wenn sie schreiben, die Kakerlakdame Sonne verachtet die Männer im Team, glaube ich Ihnen aufs Wort. Doch wenn sie behaupten, der Kakerlakjunge Mond könnte bis zehn zählen, glaube ich es nicht ganz. Vielleicht bis drei, bis fünf, aber bis zehn?

Die aktuelle Information über die Teilnehmer des jeweiligen Rennens erhält das Publikum umsonst. Es kann die Teilnehmer vor jedem Rennen in Augenschein nehmen und ihre Chancen selbst abschätzen. Die zahlreichen Fans schlagen die Möglichkeit nicht aus. Schließlich, geht es um das liebe Geld, da auch Einsätze möglich sind. Alles wie in Windsor. Nur the mum fehlt. Vielleicht aber besucht die muntere Alte noch Kakerlakrennen. Jedenfalls ist sie herzlich willkommen.

Vorläufig müssen die Veranstalter sich mit einigen MdB und anderen Vertretern der Creme der Berliner Gesellschaft zufrieden geben. Der illusterste unter den Stammgästen sieht mit seinem roten Bart, kleinen blutunterlaufenen Augen und kräftiger Körperstatur selbst wie eine Schabe aus. Rennen kann er aber nicht. Also, haben die Kakerlaken ihm Einiges voraus.

Matrjoschka unterhielt sich mit einem sehr sympathischen russischen Croupier, der die Einsätze entgegennimmt. Er erklärte, das Kakerlakrennen hat in Russland Tradition. Früher ersetzte es dem einfachen Volk das viel weniger preiswerte Pferderennen. "Die Veranstaltung ist unser Beitrag zum Kulturleben der deutschen Hauptstadt, -sagte der junge Russe. – Wir fühlen uns in der Pflicht, die russische Kultur den Deutschen zugänglich zu machen."

5.12.00

Probleme

Am ersten Tag des USA- Waffenganges gegen den Irak fanden in vielen Städten Deutschlands mächtige Protestaufmärsche statt.  

Sie waren viel zahlreicher, als alle  Experten voraussagten. Vermutlich weil die Experten  nicht erkannt haben, welche Wandlung im  Bewusstsein der Deutschen eingetreten ist. Sie haben nicht erkannt, dass ein Mythos der letzten sechs Jahrzehnte gestorben ist. Der Mythos vom gütigen, wohlwollenden, zutiefst demokratischen  Staat in Übersee. Dem Freund, Helfer und Beschützer. 

Früher lehnten sich gegen den Mythos nur marginale Gruppen auf,  angesiedelt weit  am linken Flügel des deutschen politischen Spektrums. In der Atmosphäre des kalten Krieges wurden sie als Handlanger des Kremls diffamiert, des Antiamerikanismus bezichtigt und  nicht ernstgenommen. Die gegenwärtigen  Protestmärsche in Deutschland  signalisieren die Wende. Und  weil sie  spontan erfolgen und hinter ihnen keine Organisation steht, ist nicht anzunehmen, es sei ein vorübergehendes Phänomen. Vielmehr wurzeln sie tief in den Erfahrungen der Menschen in Deutschland. In ihrer Erinnerung an den Luftterror der Amerikaner und Briten während des Zweiten Weltkrieges, in ihrem  Unmut über die unehrliche, einseitige Schuldzuweisung am  gewesenen Krieg und in vielem, was noch  geschah, darunter Hiroshima und Nagasaki, das Abschlachten der Zivilbevölkerung in Vietnam und  anderes, was unter  der Zuckerglasur rührender Geschichten über die Rosinenbomber im Bewusstsein der Deutschen schlummerte. Der martialische Alleingang der USA, ihre Missachtung des internationalen Rechtes und der Vereinten Nationen kristallisierten die Vorbehalte.  Mit einem Ruck ordneten sich  die  Reminiszenzen und  Empfindungen  einer Nation  zu einem Ganzen. Und es geschah mit einer Wucht, die tatsächlich schwer voraussagbar war. Jedenfalls wenn man den Deutschen geistige Beweglichkeit nicht zubilligt, die sie haben.

Bezeichnenderweise machten junge Mensche das Gros der Kriegsgegner, die spontan auf die Strasse der deutschen Städte gingen. Es waren Menschen, denen es die Gnade der späten Geburt erleichterte,  über die Vorgänge in der Welt unbeeinflusst von den Denkschablonen des Kalten Kriegs zu urteilen. An den mitgetragenen,  schnell gebastelten Transparenten  konnte man  erkennen, dass sie  allen möglichen politischen Richtungen angehörten, zumeist aber überhaupt keiner. Sie wollen keinen Krieg und keine Lügen über die Motive des Aggressors. Sie wollen eine Welt, wo die Macht des Rechts und nicht das Recht des Mächtigeren regiert.

Mit Antiamerikanismus hat es nichts zu tun. Dass sie an einem Hass  auf Amerika  nicht kränkeln, zeigt selbst ihr Outfit. Sie tragen Jeans und trinken Coca-Cola, tanzen unter den Klängen des Jazz und sind ausgesprochen nett zu den Amerikanern, wenn diese nicht gerade George W. Bush heißen.  Den Antiamerikanismus pflegen  in Deutschland ganz andere Jugendliche.  Die mit kahlgeschorenen Köpfen. Aber gerade sie sah man an dem Tag auf den Strassen nicht. Vermutlich, weil die ungezügelte  Gewalt ihnen   imponiert.

Dagegen traf man unter den Demonstranten mehrere  Berliner mit russischem Hintergrund. Das wunderte  nicht. Zwar äußern sich  die Deutschen und die Russen  politisch nicht immer auf die gleiche Art und Weise. Protestmärsche wie in Deutschland lassen in Russland noch auf sich warten. Vielleicht kommen sie überhaupt nicht. Aber den Kollegen in der deutschen Presse, die darauf hinweisen, ist zu empfehlen, auch auf etwas anderes aufmerksam zu werden.  Darauf, wie sich die Ergebnisse der Meinungsumfragen in Deutschland und Russland gleichen. Nur zwei Prozent der russischen Bevölkerung akzeptieren die amerikanische Aggression. In Deutschland ist der Anteil der Bevölkerung zwar etwas größer, aber auch hier ist es eine kleine Minderheit. 

Vielleicht hat das etwas mit historischen Erfahrungen beider Völker zu tun. Es sind schwere Erfahrungen. Aber sie sind lehrreich. Und sie sind vererbbar. Sie sitzen tief in der Mentalität sowohl der Russen als auch der Deutschen von heute. Deswegen sind die einen und die anderen gegen den Krieg, der jetzt die Welt unsicher macht.

21.3.03    

Die Heinrich Böll Stiftung veranstaltete in Berlin ein Hearing zum Thema "Das russischsprachige Berlin heute - Perspektiven für ein intellektuelles und künstlerisches Potential".

Was ist das russischsprachige Berlin heute? Die größte Gruppe sind die Russlanddeutschen, deren Zahl sich in Berlin auf etwa 130. 000 beläuft. Etwa 16.000 sind andere Einwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion: Juden, Russen, Weißrussen, Ukrainer, Georgier, Armenier und andere. Nach ethnischer Herkunft sind diese Menschen unterschiedlich. Bei den meisten aber zählt viel mehr die gemeinsame Verwurzelung in der russischen Sprache und russischen Kultur.

Ein anderes prägendes Merkmal ist die durchschnittlich hohe Bildung der Einwanderer, die den hohen Bildungsstand der Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion widerspiegelt. In keiner anderen Bevölkerungsschicht Berlins gibt es so viele Menschen mit Hochschulbildung: Ingenieure, Ärzte, Lehrer, Informatiker, Biologen. Noch stärker sind Künstlerberufe vertreten: zum Teil namhafte Dichter, Schauspieler, Musiker, Maler.

Vor allem um die letzteren ging es beim Hearing der Heinrich Böll Stiftung. Die Fragestellung lautete: Wird das kreative Potential dieser Menschen für Bereicherung der kulturellen Aktivitäten in Berlin eingesetzt?

Die Antwort darauf klang nicht besonders fröhlich. Zwar haben die russischsprachigen Berliner in den letzten Jahren einiges getan, um ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Traditionen zu bewahren. Es erscheinen zahlreiche Printmedien in russischer Sprache, es gibt Schulen, Theater, Musikensembles, Klubs russischsprachiger Berliner. Zahlreich sind russische Gaststätten, wo viele Ur- Berliner und Gäste der deutschen Hauptstadt einkehren. Dennoch ist die Ausstrahlung der russischsprachigen Gemeinde auf das Kulturleben Berlins kaum wahrzunehmen. Die Einwanderer schmoren zumeist im eigenen Saft.

In diesem Zusammenhang wurden Vergleiche zur russischsprachigen Gemeinde der deutschen Hauptstadt in den frühen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gezogen. Es ist zwar unbestritten, dass damals in Berlin weitaus mehr große Dichter und Künstler aus Russland lebten. Unbestritten aber ist auch etwas anderes. Ihre Kreativität war in Berlin gefragt. Und das half Berlin von damals, in innovativer Kunst und Literatur mit Paris, Rom und London gleichzuziehen.

Warum die russischsprachigen Berliner heute im Schatten leben, darüber gingen die Meinungen auseinander. Die einen Vortragenden wiesen auf die sehr knappen finanziellen Ressourcen der Einwanderer hin, die zwar keine Not leiden, andererseits aber kaum Sponsoren aus dem eigenen oder dem deutschen Milieu finden. Andere Veranstaltungsteilnehmer stellten mentale Barrieren zwischen den russischsprachigen Einwanderern und ihren deutschen Berufskollegen in den Vordergrund. Auf der Einwandererseite sind es die mangelhafte Verbundenheit mit der deutschen Sprache und Kultur. In der Berliner Gesellschaft - historisch gewachsene Vorurteile, die mitunter durch unobjektive Medienberichterstattung verfestigt werden.

Sicherlich werden die Defizite mit der Zeit überwunden. Darauf lässt zum Beispiel die jüngste Sitzung des Deutschen Bundestages zum zehnjährigen Bestehen des einheitlichen deutschen Staates hoffen. Hier wurde - und zwar von Vertretern der Regierungskoalition - zum Ausdruck gebracht, dass sich die Stigmatisierung der früheren DDR-Kader für das vereinigte Deutschland als unproduktiv erwies. Menschen, die auf vielen Gebieten, besonders aber bei der Neugestaltung der Beziehungen zu Osteuropa Nützliches leisten könnten, wurden aus dem tätigen Leben hinausgedrängt. Eine Parallele zum russischsprachigen Berlin und zum russischsprachigen Deutschland (etwa drei Millionen Menschen) drängt sich auf. Bleibt zu hoffen, dass die hier schlummernden Potentiale früh genug erkannt und eingesetzt werden. Jedenfalls früher, als sie verkümmern.

P.r.29.9.2000

 

Der Preis der Hochnäsigkeit?
Matrjoschka-online.de erhielt einen Brief auf Russisch, der hier in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird, obwohl die matrjoschkas, die sich konsequent jede Kritik an der Regierungspolitik in Deutschland versagen, seinen Inhalt für eine reine Spekulation halten.
"Keiner wird aus dem Geschehen in Russland klug, wenn er einen wesentlichen Unterschied zwischen den USA und Deutschland aus den Augen lässt. In den USA wurde die russisch-jüdische Einwanderung gründlich durchgesiebt mit der Zielstellung, fähige Analytiker auszuwählen. In verschiedenen Stiftungen und an Universitäten, aber auch in einschlägigen Ämtern der USA entstanden dadurch teams mit frischem Insiderwissen. Getreu der alten Tradition der multinationalen amerikanischen Gesellschaft, auf das mentale Gepäck der Einwanderer zuzugreifen, wurde und wird dieses Potential ausgebeutet. Vielleicht brachte es den USA sogar mehr als anderes drain- brain, das den Amerikanern die Effizienz in Mathematik, Physik, Biologie und Hightech beschert, von der Europa nur träumen kann und das seinen zaghaften Versuch (Inder statt Kinder), sich der amerikanischen Dominanz zu entziehen, zum Scheitern verurteilt. Nicht von ungefähr agierte bis zuletzt als Außenministerin der USA eine in Tschechien geborene Dame, die von einem dunkelhäutigen Amerikaner abgelöst wurde. Mag sein, dass sich die amerikanische high society, wenn es um Mitgliedschaft in einem aristokratischen Golfklub geht, snobistisch gebärdet, aber in der Politik wie in der Wissenschaft und der Industrie waltet das Nützlichkeits- und nicht das Abstammungskriterium.
Ganz anders in Deutschland. Hier verkümmert das mentale Potential der russischen Einwanderung, auch ihr Wissen über innere Vorgänge in Russland und ihr wacher Instinkt. Als Russlandexperten sind hier fast ausschließlich Menschen tätig, die in Deutschland aufwuchsen. Ob links oder rechts angehaucht, wurzeln sie als Experten in der akademischen und bürokratischen (was oft genug dasselbe ist) Tradition der deutschen Sowjetologie längst verflossener Zeiten. Wie auch die deutsche Ostpolitik insgesamt. Hier waltet nicht das Nützlichkeits- sondern das Abstammungskriterium. Fast wie in der gewesenen Sowjetunion, wo die Aufstiegschancen vor allem davon abhingen, welche Großmutter der Betroffene hatte, welches Diplom er aufweisen konnte und ob er sich konform genug verhielt.
Der Unterschied lässt sich an den Ergebnissen des großen Hasardspiels um Russland ablesen, das noch vor der Wende in der Sowjetunion begann. Keiner wird mir beweisen können, dass Gorbatschows Tätigkeit, die wohl nicht ganz ohne Grund die überaus meisten Russen für Verrat der nationalen Interessen Russlands halten, auf seinem eigenen Mist gewachsen ist. Auf dem Mist eines hohen Funktionärs der KPdSU, der sowohl als Stawropoler Statthalter, als auch als Politbüromitglied durch Farb- und Erfolglosigkeit glänzte. Auch wenn Gorbi in Deutschland eine Ikone war und bleibt, nutzte, nüchtern betrachtet, seine wankelmütige Innenpolitik, die die Abwicklung der sowjetischen Großmacht einleitete, mehr dem amerikanischen Rivalen als Deutschland. Zwar hat er die deutsche Wiedervereinigung mitermöglicht, aber auf das Geheiß Washingtons (Bush sen.), auf der von den Amis abgesegneten Grundlage und gegen den Willen Englands und Frankreichs.
Als Gorbi seine Ressourcen erschöpft hatte und in der Sowjetunion nichts mehr bewegen konnte, war er museumsreif wie ein Oldtimer und wurde durch eine frische Kraft ersetzt. Den Coup mit dem kläglichen Putschversuch, der das Revirement als großen Sieg der Demokratie erscheinen ließ, und die Inthronisierung des Zaren Boris, der Gorbatschows Werk fortsetzte, folgten wie auch die späteren Ereignisse einer klugen Regie. Zu klug und gut berechnet, um die Vermutung von der Hand zu weisen, dahinter hätten die think tanks der Amis gestanden, wo das Insiderwissen der russischen Einwanderung abgeschöpft wird.
Jetzt wird W.W. Putin in Deutschland als "Deutscher im Kreml" umjubelt. Tatsächlich spricht er gut Deutsch und kennt Deutschland nicht nur aus den KGB-Akten. Na und? Steht ihm Henry Kissinger in der Hinsicht etwa nach? Natürlich nicht. Aber eine Gewähr dafür, dass er, vor die Wahl zwischen den Wünschen der USA-Nomenklatura und dem deutschen Anliegen gestellt, das Letztere vorzieht, bietet es noch nicht. "Oder?". (Wie man nicht nur in Deutschland, sondern auch in Odessa sagt: das berühmte "wopros ilii").
Alles, was in den letzten 15 Jahren in und um Russland vor sich ging, spricht dafür, dass die Deutschen für ihre, wenn auch bisweilen tief versteckte Hochnäsigkeit und Unterschätzung der "russischen" Untermenschen von der Geschichte noch nicht genug abgestraft sind. Hitler musste Gott sei dank daran glauben. Dem neuen Deutschland wünscht man es keinesfalls. Aber auch ihm bringt es nichts Gutes. Denn die Amis sorgen konsequent dafür, dass Russland zu einem chaotischen Gebilde, zu einer Domäne sich wild bekämpfender und jeder Zeit auch dem Ausland gegenüber gewaltbereiter Clans wird. Und Deutschland scheut davor zurück, sich dagegen aufzulehnen.
Angesichts der drohenden Zukunft, die wohl der Absicht der USA-Eliten entgegenkommt, dem Entstehen einer europäischen Macht vorzubeugen (wozu haben sie dann die multinationale sowjetische Großmacht in die Grube fahren lassen, wenn sie sich mit der multinationalen europäischen abfinden sollen?), versteht man, warum die Europäer angesichts der geplanten separaten Raketenabwehr der USA großen Schiss kriegen. Ein Europa, dem die Amis ein unvorhersagbares Russland im Rücken bescheren, von der "unverzichtbaren Nation" selbst durch den riesengroßen Teich getrennt, hat wohl gute Gründe, wieder fürchten zu lernen. Allerdings sollte es seinen Rettungsanker nicht in der unwürdigen und zwecklos gewordenen Anklammerung an die USA sichern, sondern in einer Russlandpolitik, die dem Wiederentstehen der russischen Gefahr, diesmal ohne Gänsefüßchen, entgegenwirkt.
Da sind wir aber wieder dort, wo wir angefangen haben. Bei den Defiziten des deutschen Russlandbildes, unter anderem aus dem Unvermögen entstanden, die vorhandenen Kapazitäten zu nutzen.

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