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RUSSLAND IN DER GESCHICHTE

(vielen Dank an SMI.ru für das schöne Bild)


Unter anderem: 

1.Kriege

2.Eine Russin als Wohltäterin in Weimar    

3. Splitter

1.KRIEGE

DER VERGLEICH HINKT 

In einigen  deutschen Medien wird die Besetzung Iraks mit dem Fall der Berliner Mauer  im  Jahr 1989 verglichen. Der Vergleich hinkt meint unser  Chronist Iwan Matrjoschkin, Esq. 

 

Der Fall der Berliner Mauer und der Sturz des DDR-Regimes wurden durch die ostdeutschen Bürger selbst herbeigeführt. 1989 obsiegte ihr Willen zur Freiheit, wie auch ihr Verlangen nach  Überwindung der Konfrontation auf deutschem Boden, die eine Folge der Nachkriegsspaltung Europas war.  Sie erreichten ihre Ziele mit friedlichen Mitteln. Und selbst. Niemand hat ihnen das Gewünschte auf  Bajonetten gebracht. Und keiner hat sie nach dem Mauerfall gehindert, ihr Leben selbst einzurichten. Auch die sowjetischen Truppen nicht, die in der DDR stationiert wurden, aber nach dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung aus Ostdeutschland, übrigens zum Unterschied von den Truppen der Westmächte in Westen des Landes, abgezogen wurden.

 

Deswegen tut der Vergleich zwischen dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und der Besetzung des Iraks im Jahr 2003    den Ostdeutschen Unrecht. Aber auch den  Russen tut der Vergleich Unrecht. Denn 1989  haben sie bereits der früher von der Sowjetunion ausgeübten Einmischung in fremde Angelegenheiten  abgeschworen. Sie  haben, wollen wir es hoffen, für immer damit gebrochen,  anderen Völkern vorzuschreiben, welche   Lebensweise und Regierungsform diese haben sollen.

 

Über die  Vorgehensweise der USA und Großbritannien im Irak ist es leider nicht zu sagen. Diese entspricht eher dem Usus, dem die Stärkeren in der Welt schon immer folgten, und zwar den Schwächeren ihren Willen aufzuzwingen. Insofern wurden die guten Vorsätze von 1989 verraten, als es schien, die Welt gehe daran, ein anderes, besseres Kapitel ihrer Geschichte zu schreiben. Deshalb trifft die Parallele zwischen dem Fall der Berliner Mauer und den Ereignissen im Irak    keinesfalls zu.  

 

Kein Wunder, dass das Ansehen der USA und Großbritanniens, wie es die Umfragen und nicht aufhörenden Protestdemonstrationen in Deutschland zeigen, stark gesunken ist.  Deshalb  leuchtet ein, warum einige deutsche Kollegen in der Geschichte ihres Landes nach Ereignissen  suchen, die für schmeichelnde  Vergleiche mit dem Vorgehen der USA und Großbritannien im Irak zu gebrauchen sind. Aber anscheinend gibt die Geschichte dafür nicht viel her. Und die  Kollegen müssen zur Geschichtsklitterung greifen.  Traurig, aber wahr.

 

Es bleibt zu hoffen, dass die kommenden Ereignisse im und um den Irak  das angeknackte Ansehen der USA  und Großbritanniens in Deutschland auf eine andere Art und Weise wiederherstellen.   Und zwar dadurch, dass ihre Handlungen  dem internationalen Recht und den Interessen des irakischen und der anderen involvierten Völker, der ganzen Völkergemeinschaft  nicht zuwiderlaufen. Geschieht es, dann entfällt die Notwendigkeit der Geschichtsklitterung, wie sie in den angeführten Beispielen betrieben wurde.

10.4.03

Der Tag des Soldaten wird in Russland in Erinnerung an den ersten Sieg der Roten Garden über die Feinde der kaum geborenen Sowjetmacht (23.Februar 1918) gefeiert. Damals erkannten die proletarischen Revolutionäre, dass ihr Traum, die reguläre Armee abzuschaffen und durch die Bewaffnung des ganzen Volkes zu ersetzen, um dem staatlichen Militarismus ein für allemal den Garaus zu machen, wirklichkeitsfremd war. Zur Realität zurückzufinden halfen ihnen übrigens  Generäle des deutschen Kaisers, die ihre Armeen in das von den Wirren zerrüttete Russland tief hinein marschieren ließen. So ging die junge Sowjetregierung  mit Volldampf daran, unter der Führung eines gewissen Lew Trotzki eine Kriegsmaschinerie  aus dem Boden zu stampfen. Einige Jahrzehnte später wurde diese zu einem Leviathan, der alle Ressourcen der Sowjetunion fraß, aber den Feinden großen Respekt abverlangte. Vor allem nach der Stalingrader Schlacht 1942-1943, wo die Rote Armee der Wehrmacht  Paroli bat.

 

Nun, die Revolution mit Rückwärtsgang, üblicherweise Perestroika genannt, ging an den russischen Streitkräften nicht spurlos vorbei. Dies ist  am Krieg  gegen tschetschenische Freischärler (auch Banditen genannt) spektakulär geworden. Allerdings soll es jetzt anders werden. Vor wenigen Tagen versprach das  der Oberste Chef der russischen Armee, Oberstleutnant W.W. Putin. Auf einer Offizierskonferenz in Moskau hörte er  bittere Klagen der Armeeangehörigen. Offiziere beklagten sowohl  den kläglichen Zustand der Armeearsenale, als auch  das Elend der eigenen Existenz. Ihr Sold reiche nicht aus, um sich einen zivilen Anzug anzuschaffen und eine Familie halbwegs zu ernähren. Ihre Frauen ziehen unter die  Obhut der Eltern zurück. So werden die braven защитники Отечества zwangsläufig Singles, was ihre Kampfmoral   nicht gerade stärkt.

 

Wenn es schon den Offizieren so ergeht, ist leicht vorzustellen, wie fröhlich das Leben der einfachen Muschkoten ist. Um satt zu werden, müssen sie mitunter in fremden Gemüsegärten komplizierte Manöver ausführen. Das Soldatendasein in Russland wurde zum  Alptraum  der jungen Männer und ihrer liebenden Mütter. Wie auf der oben erwähnten Konferenz  lauthals beklagt,  treten die Wehrpflichtigen ihren Ehrendienst  mit unüberwindbarem Widerwillen an. Daraus erwuchsen seltsame Zwischenfälle. Wie kurz vor dem diesjährigen Soldatenfest, als ein junger Bursche drei seiner Kameraden  und  anschließend  sich selbst erschoss. Ein Ereignis, das den Chef der russischen Raketentruppe in Trab setzte. Es ging nämlich um eine Patrouille in einem Raketenstützpunkt.*

 

Wladimir Putin versprach, die missliche Lage grundlegend zu ändern. Die Streitkräfte sollen moderne Waffen, die Offiziere mehr Sold erhalten. Ob der Präsident sein Versprechen hält, steht allerdings in den Sternen: auch er kann das fehlende Geld nicht herzaubern.

 

Dafür wird eine andere, zwar nicht von ihm, sondern von seinem Verteidigungsminister versprochene Wohltat zweifelsohne realisiert. Gemeint ist die Rückholung des fünfzackigen  roten Sterns auf die Armeestandarten. Ob allerdings   die Soldaten und Offiziere, das altbewährte Siegessymbol vor Augen, den knurrenden Magen vergessen, ist ungewiss. 

 

Zu Putins Ausführungen ist noch etwas hinzuzufügen. Die vielbeschworene Terroristengefährdung stellte er hinter die Gefährdung Russlands durch  nicht näher definierte martialische fremdländische Kräfte zurück. Das zeugt vom strategischen Denken des Oberstleutnants. Und von seinem Realitätssinn. 

 

Deshalb schlägt unser Team vor, WWP  einen höheren militärischen Rang zu verleihen. Seine Vorgänger im Kreml leisteten sich das Vergnügen, auf der Rangleiter sehr hoch aufzusteigen. Einer ernannte sich schlichtweg zum Generalissimus.

 

Nun, WWP muss nicht gleich Generalissimus werden. Sein Stalingrader Sieg steht noch bevor. Wie wäre es  mit Marschall?

 

Aber wir wissen, W.W. Putin ist nicht nur tüchtig, sondern auch bescheiden. Das matrjoschka- Team zögert deswegen nicht, unter den anderen aktiven und gewesenen защитники Отечества in Russland auch diesem zum Fest zu gratulieren. Und dabei den Wunsch auszusprechen, dass die russischen  Soldaten nie mehr gegen die deutschen kämpfen, sondern nur- wenn es  sein muss- Schulter an Schulter mit diesen. Gegen einen gemeinsamen Feind, wer es auch sein mag.            

 

*Der einzige защитник Отечества in unserem Team, ein gewisser Iwan Matrjoschkin, Esq., hochdekorierter Obergefreiter a. D., fing etwas zu früh an, zu feiern. Getorkelt zur Redaktionskonferenz, forderte er, den folgenden Witz erzählen zu dürfen:

 

Ein Offizier  erwischt den  diensttuenden Soldaten schlafend auf dem Raketenpult  mit dem  Kopf gerade auf dem Startknopf. Wütend  droht er dem Dienstmuffel  mit Streichung des Ausgangs.  „Seien Sie nicht so, Genosse Oberst, - sagt der Soldat. – Ein Bisschen schläfrig geworden, was ist denn dabei, es ist ja nichts passiert.“ „Nichts passiert?!, - ereifert sich der Oberst. - Und wo ist jetzt Belgien?“.

 

Den makabren Witz fand unsere Redaktionskonferenz unangebracht.  Es wurde die Befürchtung laut, Mr. R. in Washington nutzt ihn als Anlass , von Russland die Preisgabe ihrer Raketenarsenale  zu fordern. Dennoch wurde beschlossen, den Witz  zu veröffentlichen. An dem Tag der Verteidiger des Vaterlandes wird in Russland den  Männern von den Frauen jede Gefälligkeit gewährt. Die Holzpuppen wollen die  Tradition bewahren. Soll Matrjoschkins Wille geschehen. Einmal im Jahr.  

22.2.03 

ДЕНЬ ЗАЩИТНИКОВ ОТЕЧЕСТВА

Zu Deutsch:  Der Tag der Vaterlandsverteidiger, der Ehrentag des Soldaten.

Am diesem Tag (23.2.) besuchte unser Team zwei Berliner Gedenkstätten für die 1941-1945 gefallenen sowjetischen Soldaten. Eine im Treptowpark im Ostteil Berlins. Die andere an der Straße des 17. Juni westlich vom Brandenburger Tor. 

Der Zahn der Zeit hat an den zum Teil überdimensionalen Kompositionen stark genagt. Sie standen kurz vor unreparierbaren Schäden. Da griffen die deutschen Behörden ein. Zuerst wurde die Gedenkstätte an der Strasse des 17. Juni renoviert. Jetzt ist die im Treptower Park an der Reihe.  Der größere Teil   ist deswegen für den Publikumsverkehr gesperrt.  

Auf dem Bild unten sehen Sie eine Holzpuppe, die, von ihrem Hund Pauline begleitet,  vor einer Darstellung der trauernden russischen Mutter im Auftrag unseres Teams einen Blumenstrauß niederlegt.

 Die Skulptur ist zugänglich, deswegen haben wir hier eine Ehrung vorgenommen. Und auch weil die Mütter in einem Krieg vielleicht noch mehr leiden als ihre Söhne und Ehemänner. Auch wenn diese auf dem Schlachtfeld fallen, die Mütter und Ehefrauen aber weiter leben, sind sie oft für Jahrzehnte hinaus durch den Verlust schwer gezeichnet.

Leider hat uns nach der Blumenniederlegung Iwan Matrjoschkin, Esq., das einzige männliche Teammitglied, etwas aus der Stimmung gebracht, weil er, wie immer etwas aufgeregt, einen  Teil der Blumen vom Sockel nehmen wollte, um sie an  eine andere Skulptur zu legen. Und zwar eine, die einen kämpfenden sowjetischen Soldaten mit allen martialischen Attributen darstellt. Wir hätten gewiss nicht das Geringste dagegen, sondern alles dafür, wäre diese  auch  frei zugänglich. Aber sie war es nicht, sondern befand sich hinter einem Drahtzaun. Matrjoschkin wollte über den Zaun steigen, aber das konnten wir nicht akzeptieren. In unserer neuen Heimat wollen wir uns strikt an alle Gesetze und Verordnungen halten. Matrjoschkin zwar auch, aber wenn er etwas getrunken hat, bildet er sich ein, er sei in Russland.

An dem Tag spannte sich über Berlin ein blauer, wolkenloser Himmel, die Sonne  schien. Der Frühling kündigte sich an. Wir wollten im herrlichen Park etwas länger bleiben. So ließen wir uns auf einer Bank nieder. Es kam zu einem  Meinungsaustausch über das Gesehene.  

Es ist wohl nicht alltäglich, dass fremden Soldaten in einem Land, gegen dessen Söhne sie kämpften, ein ehrendes Andenken zuteil wird. Ohne  uns in  geschichtliche Zusammenhänge zu vertiefen, die Schuldfrage zu erörtern und Stalin gegen Hitler abzuwägen, soll das zuerst klipp und klar gesagt werden, war unsere einhellige Meinung. Wie sagten sogar, dass man in einem anderen Land, das weniger als Deutschland durchmachen musste,  die Denkmäler wie sie in Berlin, im Treptower Park und an der Strasse des 17. Juni stehen, bei der erst besten Gelegenheit entfernt hätte. Die Gelegenheit hatte Deutschland, als die Sowjetunion baden ging. Aber es ergriff die Gelegenheit nicht. Die sowjetischen Soldatendenkmäler bleiben, werden gepflegt und renoviert. 

Damit setzt Deutschland  ein markantes Zeichen, sagten wir. Ein Zeichen, das überall in der Welt beachtet werden soll, insbesondere aber dort, wo man sich das Recht nimmt, über Deutschland den Stab zu brechen, es zu einem alten Europa, also zu einem  entbehrlichen Relikt in der Welt  zu zählen und fast  in eine Reihe mit den sogenannten Schurkenstaaten zu stellen. 

Wir sprachen darüber, dass  das Gegenteil wahr ist. Zu den entbehrlichen Relikten der Vergangenheit zählt eine Politik, die auf Gewalt setzt,  immer wieder   Rechnungen aus  vergangenen Zeiten  aufzufrischen versucht,  die Dominanz des eigenen Staates und die Unterwerfung aller anderen anstrebt.  Deutschland dagegen bildet sich nicht ein, die Moralkeule schwingen zu dürfen.   Zur Maxime seiner Innen- und Außenpolitik macht es Toleranz, die Suche nach einem Ausgleich. Und, was uns besonders anspricht, will Wandel durch Annäherung.       

Deshalb sind wir alle dafür, dass Deutschland und Russland sich annähern,  beistehen und von einander lernen. Ein  Deutschland, das zwar die alte europäische Zivilisation repräsentiert, aber  ein Wegbereiter des neuen Europas ist. Und ein Russland, das viel von einem Deutschland, das so ist, lernen, aber ihm auch nicht wenig geben kann. Nicht nur an geistigen Werten.        

Sicherlich nimmt sich  in diesem Kontext die edle Einstellung Deutschlands zu den russischen Gedenkstätten auf seinem Gebiet nur wie ein Komma in einem langen Satz aus. Aber auch ein Komma kann mitunter den Sinn eines Satzes verdeutlichen oder im Gegenteil entstellen. Deswegen waren wir, die Holzpuppen, so stark von der deutschen Pflege der russischen Gedenkstätten  angetan. Und sogar Iwan Matrjoschkin, Esq., Obergefreiter a.D., der sich sonst immer querlegt, war mit uns einverstanden.  

23.2.03

 

DAS GEMEINSAME LEID SCHWEISST ZUSAMMEN

Das Phänomen.

Kein Jahrestag der Stalingrader Schlacht wurde bis jetzt in  Russland so ausgiebig begangen, wie der aktuelle. Und, was wohl noch viel wichtiger ist, keiner so fern dem politischen Missbrauch. 1953 lebte Jossif Stalin noch. Er badete sich gern  im Ruhm des genialen Strategen und verbuchte für sich den Sieg des russischen Soldaten. 1963 saß im Kreml sein Nachfolger, Nikita Chruschtschow. Er ließ Stalingrad in Wolgograd umtaufen. Seine Speichellecker stellten heraus, dass er in Stalingrad das Amt des politischen Kommissars waltete. 1973 hieß  der eigentliche Siegesbringer im Kampf gegen Hitlerdeutschland  Leonid Breshnew, der den Vorgänger gestürzt hatte. Zu einem  Wendepunkt des Krieges  wurde eine  unbedeutende Landung der sowjetischen Truppen im Süden Russlands stilisiert, an der Breshnew als Politoberst teilgenommen hatte. 1983 regierte Juri Andropow das Land. Der ehemalige KGB- Chef konnte sich höchstens  der blutigen Niederschlagung des Völkeraufstandes 1953 in Ungarn rühmen. Ihm  lag wenig an der  Stalingrader Schlacht. Der fünfzigste Jahrestag   fiel  in die Zeit  des Jelzin- Regiments, das von der allseitigen, auch der moralischen      Entwaffnung Russland gekennzeichnet war. Den  Sieg an der Wolga 1943 in seiner ganzen Tragweite zu feiern, wäre unzeitgemäß. Es hätte wenig zum überstürzten Abzug der russischen Streitkräfte aus Ostdeutschland gepasst.

Damit soll nicht gesagt werden,  am jetzigen 60. Jahrestag der schicksalhaften Schlacht in Russland werde die Siegestrommel zu forsch gerührt.  Es geschieht  zwar auch, aber mit Maß. Der damalige Feind wird dabei nicht diffamiert und erniedrigt. Die Russen haben begriffen, dass nur der Sieg über einen starken Gegner ruhmvoll ist. In allen ernstzunehmenden Manifestationen der Besinnung auf die Geschichte  schwingt der Gedanke von einer Tragödie des Krieges zwischen zwei irregeführten oder irrsinnig gewordenen Völkern mit. Und die Andeutung des gemeinsamen Leides, das sie immer mehr zusammenkitten soll.

Ist das auch der Tenor der auffällig vielen Veröffentlichungen in Deutschland zum Jahrestag? 

ÜBER DIE GEFANGENEN GENERÄLE

Auch werden in Russland die endlich für Forschung und Publizistik freigegebenen Archive bemüht. So in einer Veröffentlichung im Runet (KP.ru) über die deutschen Generäle, die sich gegen den ausdrücklichen Befehl Hitlers der Roten Armee in Stalingrad  ergaben.

Zweiundzwanzig an der Zahl. Nicht davor, nicht danach  kannte die Kriegsgeschichte einen ähnlichen Fall. Wie kam es dazu ? Am 24.Januar 1943 erhielt der Oberkommandierende der 6. deutschen  Armee Paulus aus Berlin die  Radiobotschaft:“ Die sechste Armee ist vorübergehend von sowjetischen Truppen eingekreist. Die Armee kann sicher sein, dass ich alles tun werde, um sie zu versorgen und zu entsetzen...Adolf Hitler“.    Etwas später telegrafierte Paulus an Hitler:“18 000 Verwundete, Verbandmaterial und Medikamente fehlen, fünf Divisionen vernichtet. Die Front an vielen Stellen durchbrochen, weitere Verteidigung sinnlos... Um die Überlebenden zu retten, bittet die Armee um sofortige Zustimmung zur Kapitulation“.  


Hitlers Antwort kam sofort: „Kapitulation ausgeschlossen. Die 6. Armee erfüllt ihre historische Aufgabe, indem sie bis zur letzten Patrone kämpft. Daraufhin sagte Paulus zu seinem Adjutanten Zimmermann: „Mörder!“ 

Paulus und zwei Dutzend seiner Generäle beschließen die Kapitulation... Als ein Parlamentär der Roten Armee den Keller des Stalingrader Kaufhauses betrat, kam ihm ein ausgemergelter Mann entgegen. Er sagte:“ Ende!“ Das war Paulus. Sein Adjutant übergab die Pistole des Feldmarschalls.

Paulus bat darum, sich vom Rest des Stabs und seiner Leibwache verabschieden zu dürfen. Dem wurde stattgegeben.

Wer ging in Gefangenschaft?

 

Moritz von Drebber, Generalmajor

Er ergab sich bereits am 25. Januar und schrieb sofort an Paulus: „In der Gefangenschaft haben wir es warm und werden verpflegt. Die Russen verhalten sich anständig. Geben Sie auch auf! Paulus war geschockt.

Karl Strecker, Generaloberst

Zweimal widerstand er den Forderungen seiner Offiziere, zu kapitulieren. Am 2. Februar schickte er aber an das Oberkommando eine Mitteilung über seinen Beschluss, den Widerstand einzustellen. Drin stand auch „Es lebe Deutschland!“. Sein Panzerkorps marschierte mit ihm in  Gefangenschaft . 

Arno Richard von Lenski, Generalmajor.

Vor der Aufgabe erklärte er, die abenteuerliche Politik des Führers habe seine Division in den Untergang getrieben.

Arthur Schmidt, Generalleutnant.

Er war  entschieden gegen die Kapitulation, doch er persönlich öffnete den sowjetischen Parlamentären die Tür und legte als erster seine Pistole auf den Tisch.

In Gefangenschaft machte er Krach, als man versuchte, Paulus Taschenmesser und Schere wegzunehmen: „Deutsche Feldmarschälle bringen sich nicht mit Nagelschere um!“   

 

 Walter Geitz, Generaloberst

Er rief seine Truppe auf, lieber in den Tod als in Gefangenschaft zu gehen und zeigte seine letzte Patrone, mit der er sich erschießen werde. In Gefangenschaft aber kam er erstaunlich gut ausgerüstet: mit drei Koffern und der vorsorglich zurechtgelegten weißen Flagge. Als Gefangener wurde er von der sowjetischen Lagerführung sehr geschätzt. 

 
Fritz Roske, Generalmajor

Ging als erster dem sowjetischen Offizier entgegen, versprach ihm einen Orden und bot sich an, ihn zu Paulus zu führen.

Alexander Maximilian von Daniels, Generalleutnant

Ging als letzter in Gefangenschaft. Den Offizieren seines Stabes eröffnete er: „Wir haben verloren, weil wir verraten wurden...“

 
Ulrich
Otto Wessel, Generalmajor

Vor der Gefangenschaft bekämpfte er den Stress mit Schnaps. Ging an der Seite von Paulus in Gefangenschaft.

Martin Wilhelm Lattman, Generalleutnant

Gehörte zu den ersten Generälen, die Paulus aufforderten, den Widerstand einzustellen. Er weigerte sich, den Befehl von Paulus, sich nicht lebendig in die Hände des Feindes zu begeben, 
zur Kenntnis zu nehmen.

 
Karl Rodenburg, Generalleutnant

Von Hitler hoch dekoriert, unterstützte er Paulus, als sich dieser zur Kapitulation entschloss. 

Otto Korfes, Generalleutnant

Er ging wortlos in Gefangenschaft. In Paradeuniform mit allen Kriegsauszeichnungen. Als der sowjetische Marschall Tschuikow Wodka, Essbares und Kaffee anbot, schaute er den Marschall düster an und fragte, ob es sowjetische Propaganda ist. Nein, sagte Tschuikow. Es ist die sowjetische Menschlichkeit.


 
Heinrich Debua, Generalleutnant

Erklärte seinen Offizieren vor der Kapitulation, es sei die einzige Chance, am Leben zu bleiben. 
 
Hans Friedrich Sixt von Arnim, Generalleutnant

Ein ganz scharfer. Von 15 000 seiner Mannschaft sind nur hundert übriggeblieben.  

Werner Otto Sanne, Generalleutnant

trieb seine Soldaten immer wieder in den Kampf, bis kaum einer am Leben war. Das Ergebnis erklärte er durch Frost.  



Helmut Schlemer, Generalleutnant

Verhielt sich in Gefangenschaft sehr jovial. Verteilte Zigaretten aus dem eigenen Vorrat, unterhielt sich gern mit sowjetischen Kriegsberichterstattern.  

Hans Georg Leiser, Generalleutnant

Die mitgefangenen Generäle hetzten gegen ihn und behaupteten, er hätte seine Soldaten im entscheidenden Augenblick verraten. 

Erich Albert Magnus, Generalmajor

Bei der Gefangennahme war er so voll, dass er seinen Mantel nicht aufknöpfen konnte, um sich auszuweisen.

Otto Reinoldi, Generalleutnant des Sanitärdienstes

Tat alles mögliche, um frostgeschädigte Soldaten zu retten.


Walter von Seidlitz-Kurzbach, General der Artillerie

In Gefangenschaft leitete er den Bund der Deutschen Offiziere, die die Rückführung der Wehrmacht an die deutsche Grenze forderten.

 
Max Karl Pfeffer, Generalleutnant der Artillerie

Weigerte  sich zuerst, mit den verhörenden Offizieren zu kooperieren. Erst als ihm versichert wurde, er bleibe am Leben, ließ er sich herab, die Fragen zu beantworten.

 
Hans Wulz, Generalmajor

Nahm an den Nahkämpfen persönlich teil.

Sofort nach der Gefangennahme und noch bevor die Verhöre einsetzten, wurden die gefangenen Generäle fotografiert. Hier zwei Fotos. Sie zeigen  schwer von den Entbehrungen im Kessel gezeichnete Menschen. (Paulus,  Magnus)      

 

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SIEG OHNE FRIEDEN

1.

Der sechzigste  Jahrestag der Stalingrader Schlacht wurde in Deutschland so begangen, wie es noch vor kurzem kaum denkbar gewesen wäre. In den Features der meisten Medien  fand dieses Ringen zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht, zum Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg geworden, eine umfassende und tatsachengetreue Darstellung.

 

Weniger umfassend gingen die hiesigen Medien  auf den politischen Hintergrund der Schlacht ein. Obwohl sie auch in dieser Hinsicht vor großer Bedeutung war, da sie die  Politik aller kriegführenden Staaten  veränderte. So haben Hitler und seine Paladine, vor Stalingrad siegesgewiss, nach Stalingrad begriffen, dass der  Krieg  auf dem Schlachtfeld nicht mehr zu gewinnen ist. Jetzt setzten sie ihre Hoffnung darauf, zwischen die Kriegsgegner Deutschlands - die Sowjetunion und die Westmächte - einen Keil zu treiben.

 

Ganz auf Sand bauten sie dabei nicht. Auf beiden Flügeln der 1941 entstandenen Koalition gegen Deutschland gab es vor Stalingrad Überlegungen über einen separaten Frieden  mit Hitler. Auf  sowjetischer Seite nährten die schweren Niederlagen der Roten Armee in den Jahren 1941 und 1942 den heimlichen Wunsch, mit Deutschland zu einem Ausgleich zu kommen. Mit Personen seines Vertrauens sprach der sowjetische Diktator Iossif Stalin von einem zweiten Brester Frieden, womit er den Friedensschluss zwischen dem Kaiserreich und   Sowjetrussland meinte.  Der Brester Frieden von 1918 forderte von der jungen Sowjetrepublik schwere Opfer, rettete sie aber vor dem  Untergang. Der zweite „Brester“ Frieden sollte die Sowjetunion retten. Aber nicht nur das. Im Kreml gab es Vermutungen über die Absichten  der Westalliierten, sowohl Deutschland als auch die Sowjetunion tüchtig ausbluten zu lassen.  Der Separatfrieden mit Deutschland sollte das vermutete Doppelspiel durchkreuzen.

 

Auch die Westmächte  streckten 1941 und 1942 ihre Fühler Richtung Berlin aus, um in Erfahrung zu bringen, ob und unter welchen Bedingungen die Hitlerregierung bereit wäre, einen Separatfrieden zu schließen. Der Hintergrund  war ein anderer als der im Kreml. Im Unterschied zur Sowjetunion standen  England und die USA  nicht vor dem Untergang. Sie wollten aber die schwere Last des Krieges gegen Deutschland nicht  allein tragen. Das wäre ihnen  nicht erspart geblieben, wäre die Sowjetunion zusammengerochen, der Krieg aber weiter gegangen. Deshalb spielten sie mit dem Gedanken eines Separatfriedens mit Deutschland nach dem von ihnen erwarteten Zusammenbruch der Sowjetunion. 

 

Nach dem  Sieg der Roten Armee an der Wolga waren die  Karten  neugemischt. Die Sowjetunion wollte  solange kämpfen, bis die Invasoren vom sowjetischen Gebiet vertrieben und bestraft werden. Ihrerseits schöpften die Westmächte  neue Hoffnung, die sprichwörtlichen Kastanien mit fremden Händen aus dem Feuer holen zu lassen. In der Tinte saß nun Deutschland. Der von ihm entfesselte Krieg zeigte jetzt den Deutschen sein grauenvolles Gesicht.

 

Nach Stalingrad ging er weiter. Fast zwei ein halb  opferreiche Jahre.  Und hinter seiner blutigen Kulisse gingen auch die politischen Ränke der kriegführenden Mächte weiter.

 

2.

  

Die  Mächte der Antihitlerkoalition  trauten  einander  nicht über den Weg. Sie hatten dafür ihre Gründe. Im Kreml hatte man das Verhalten der Westmächte in den Jahren   1918 – 1922 nicht vergessen. Damals mischten sie sich brutal  in den in Russland tobenden  Bürgerkrieg ein, um im Kreml eine Satellitenregierung zu etablieren. Auch in der Folgezeit haben die sowjetischen Machthaber gelernt,  den Westmächten nicht zu viel Vertrauen entgegenzubringen.

 

Nach der Invasion  der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 haben die Westmächte zwar viel getan, um die sowjetische Kampfkraft zu stärken.  Sie schickten  Transporte mit Waffen, Munition und  mit Nahrungsmitteln für die Rote Armee.  Gleichzeitig mieden sie  opferreiche Kampfhandlungen. Das nährte den Verdacht der sowjetischen Führung, sie wollten die sprichwörtlichen Kastanien mit fremden Händen aus dem Feuer holen. Und den Krieg solange dauern lassen, bis nicht nur Deutschland, sondern auch die Sowjetunion am Boden liegt.

 

Die Zeit, in der weite Regionen der Sowjetunion von den deutschen Invasoren verwüstet wurden und die sowjetische Bevölkerung einen  hohen Blutzoll entrichten musste, nutzten die Westalliierten für die Ankurbelung ihrer Militärmacht. Insbesondere die USA. Von dem Kriegsgegner fast ungestört, konnten  sie eine riesige Kriegsindustrie aufbauen. So entstand  eine Drohkulisse ihrer Nachkriegspolitik. Das blieb den Machthabern im Kreml nicht verborgen.

 

Die Führer der Wesmächte waren von dem unerwarteten Sieg der Roten Armee in der Schlacht an der Wolga unangenehm überrascht. Zwar gönnten sie den Deutschen  einen Durchbruch zu den kaukasischen Ölfeldern und den Weizenkammern des russischen Südens nicht. Dennoch dämmerte ihnen, dass die Wende im Krieg die Russen nicht pflegeleichter machte.

 

Bezeichnenderweise leisteten die Westmächte  an die Sowjetunion nur soviel Hilfe,  wie ihre politische  Räson erforderte. Das aus allen Löchern bluttriefende Land sollte nur insofern unterstützt werden, dass es Deutschland weiterhin kräftige Schläge versetzen konnte. Darüber hinaus nicht. Damit am Kriegsende die Westmächte, insbesondere die vom Krieg kaum betroffenen USA ihre Friedensbedingungen  durchsetzen konnten.

 

3.

Nach dem Sieg  der Roten Armee bei Stalingrad traten die Gegensätze zwischen den Mächten der Antihitlerkoalition noch deutlicher zutage als davor. Die schwerste Niederlage Deutschlands in dem von ihm ausgelösten Krieg aktualisierte die Frage, an dem sich die Geister schieden. Die Frage nach der Nachkriegsordnung in Europa.

 

Zum Prüfstein des gegen Hitler aufgetretenen Bündnisses zwischen der Sowjetunion und den Westmächten  wurde die Eröffnung der zweiten Front. Es ging  um  den massiven Einsatz der Westalliierten in Europa, der den sowjetischen Verbündeten spürbar entlasten würde.  Trotz der wiederholten Zusicherungen aus London und Washington kam es weder 1942 noch 1943 dazu. Wie früher musste die Sowjetunion fast allein die ungeheure Last des Bodenkrieges tragen. 

 

Ihren Wortbruch entschuldigten die Westmächte damit, dass die Landung in Europa sorgfältig vorbereitet werden sollte, um die Verluste zu minimieren.   Die sowjetische Führung, die von ihrem  eigenen, halb zerstörten Land immer neue grausame Opfer abverlangte, tat Entschuldigungen als Heuchelei ab. Nicht ganz ohne Grund vermutete sie, dass der Westen abwartete, bis die Sowjetunion und Deutschland einander total zerfleischten. Der Zweck der Übung lief darauf hinaus, das Nachkriegsgeschehen in Europa allein bestimmen zu können. 

 

Zwar aktivisierten die Westmächte nach Stalingrad  ihre Kriegshandlungen. Aber auf eine Weise, die Deutschland nicht zwang, seine Truppen an der Ostfront erheblich  zu reduzieren.  Im Gegenteil, 1943 konnte Deutschland seine Verluste in Stalingrad weitgehend ausgleichen. Die Befreiung der von der Wehrmacht besetzten sowjetischen Gebiete  ging deswegen nicht zügig genug voran.  Die ausgezeichnet bewaffneten und versorgten  Soldaten der Westalliierten blieben dennoch zum großen Teil in Reserve.  

 

Die Spannungen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion nahmen die Völker kaum wahr. Die Staatsmänner der Westmächte würdigten öffentlich die Leistungen der Roten Armee. Die sowjetischen Staatsmänner mieden alles, was den deutschen Gegner ermutigen und das eigene Volk entmutigen konnte.

 

Vom Kalten Krieg zwischen dem Westen und dem Osten trennten Europa  noch Jahre. Aber hinter den Kulissen kündigte er sich bereits an. Obwohl der alte Kontinent noch weitgehend unter dem Kuratel des nationalsozialistischen Deutschlands blieb, wurde das Tauziehen um die europäische Nachkriegsordnung   zwischen den Westmächten und der Sowjetunion  immer heftiger. 

 

4.

Der Beginn des kalten Krieges zwischen den Westmächten und der Sowjetunion wird gemeinhin mit dem Jahr 1946 datiert, als der Krach zwischen den Alliierten der Antihitlerkoalition  publik geworden war. Aber unterschwellig wurde lange vorher gerungen. Und zwar um die Dominanz im Nachkriegseuropa.

 

Dieses Ringen hinter den Kulissen des Krieges kostete die Völker des alten Kontinents große Opfer.  Es verlängerte den Krieg um viele Monate, da die USA und England sich viel Zeit ließen, bevor sie auf dem europäischen Festland landeten. Jedenfalls dort, wo die Landung die Sowjetunion entlasten konnte, die bis zum Sommer 1944, also bis zur Landung der Westalliierten  in der Normandie,  fast im Alleingang den Bodenkrieg in Europa führen musste.     

 

In dieser Zeit führten die Westmächte den Bombenkrieg gegen Deutschland. Wären die Luftgeschwader  der USA und Großbritanniens gegen die deutschen Streitkräfte eingesetzt worden, wäre das eine wirksame Unterstützung der kämpfenden sowjetischen Truppe gewesen. Aber die  hervorragende, dank der Bindung der deutschen Kräfte an der Ostfront  von den Westalliierten der Sowjetunion fast ungestört geschaffene Luftwaffe hatte vor allem zivile Ziele im Visier. Sie zerstörte die historischen Kerne und Wohnviertel der deutschen Städte und terrorisierte die deutsche Zivilbevölkerung. Mit doppelter Absicht. Zum einen, um die Deutschen  die ganze Wucht der Air Force spüren zu lassen, damit sie trotz Stalingrad erkannten, wer – die Sieger an der Wolga oder die Westmächte-  stärkere Bataillone hatte. Zum anderen, um auch die Russen das Fürchten zu lehren.

 

Auch die sowjetische Führung traf ihre strategischen Entscheidungen mit Blick auf die anschwellende Auseinandersetzung um die Zukunft Europas.  Hunderttausende  Sowjetsoldaten wurden geopfert, um den Westmächten in Deutschland zuvorzukommen. Dort, wo Abwarten angesagt war, hat man gestürmt. Der überstürzte  Vormarsch von der Oder nach Berlin war nur ein Beispiel von vielen.

 

Der bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterschwellig geführte kalte Krieg zwischen den Alliierten  forderte einen hohen Blutzoll.

 

 5.

 

Das vorrangige Ziel der Koalition zwischen den Westmächten und der Sowjetunion bestand in  der Niederwerfung des nationalsozialistischen Deutschlands. Aber außerdem kochte jeder Verbündete sein eigenes Süppchen. Das vermehrte  das Leid des Zweiten Weltkrieges.  Und ließ die Welt danach fast nahtlos in den Dritten Weltkrieg abgleiten, wie oft der Kalte Krieg genannt wird.

 

In dem Krieg wurden keine Schlachten wie die an der Wolga geschlagen. Aber auch er war sehr opferreich. Und er begrub die Hoffnung auf eine neue, friedliche und  gerechte Welt. Die Hoffnung unzähliger Russen, Amerikaner, Briten, Franzosen und anderer Kämpfer gegen Hitlerdeutschland. Darunter auch jene Deutsche, die sich gegen das Hitlerregime  auflehnten oder durch es gelitten haben.          

 

Die noch während des Zweiten Weltkrieges unterschwellig entstandene Konfrontation vergiftete das Leben mehrerer Generationen in West und Ost. Vor allem in Russland und in Deutschland. Sie litten  am meisten im Zweiten Weltkrieg. Aber auch im Dritten Weltkrieg, im Kalten Krieg war es nicht viel anders.  Die Deutschen bezahlten ihn der mit vierzigjährigen  Spaltung  ihres Heimatlandes. Die Russen mit der Isolierung von Europa, mit Unfreiheit und Armut.

 

Die eindeutigen Gewinner des Kalten Krieges waren die vom Zweiten Weltkrieg viel weniger als die Sowjetunion und Deutschland mitgenommenen  Westmächte.  Insbesondere gehörten die USA dazu. Sie sind der größte Gewinner  nicht nur des Zweiten Weltkrieges, sondern auch des Kalten Krieges. Sie konnten  ihre ungeheuere militärische und wirtschaftliche Macht erweitern, ihre Dominanz in Europa und den anderen Regionen der Welt festigen. Ohne eine Stalingrader Schlacht  führen zu müssen. Denn sie verstanden es sehr gut, den anderen opferreiche Feldzüge zu überlassen.

 

Letztendlich  brachte die Politik der USA den Völkern der Welt, darunter, wie sich in letzter Zeit herausstellte,  den Amerikanern selbst, wenig Segen. Wir alle leben in einer sehr unsicheren Welt und müssen uns auf sehr unangenehme Überraschungen gefasst machen.        

 

Anders wäre es, hätte man   die Konfrontation zwischen West und Ost nicht zugelassen oder rechtzeitig überwinden können. Dann  hätte der Sieg im Zweiten Weltkrieg über Hitlerdeutschland vielleicht  eine bessere, vor allem eine friedlichere Welt zur Folge gehabt.   So aber blieb es ein Sieg ohne Frieden. 

5.2.03  

 

MYTHEN EINER SCHLACHT

1.  

Es gibt keine Schlacht in der neuen Geschichte, die so viel  beschrieben wurde wie  die Schlacht an der Wolga 1942-1943. Die Stalingrader Schlacht. Zumeist wird sie als Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges dargestellt. Mit Recht, da ihre große militärische Bedeutung  offensichtlich ist. Schon deswegen, weil die Niederlage der Wehrmacht  die Pläne des deutschen Generalstabes,  Moskau, das wider Erwarten 1941 nicht fiel, in die Zange zu nehmen, zu Makulatur machte. Noch folgenschwerer war  das Scheitern der Strategie, die Deutschland das Erdöl von Baku und den Weizen aus den fruchtbaren Ebenen des Vorkaukasus sichern sollte. So kamen nach Stalingrad selbst die deutschen Heerführer zur Einsicht,  den Krieg nicht mehr gewinnen zu können. Die mutigsten von ihnen deuteten es der Naziführung an. Danach wurde einer nach dem anderen in die Wüste geschickt. Die berühmte Generalsrevolte vom Juli 1944 war eine etwas späte Folge dieses sich anbahnenden Zerwürfnisses zwischen den Ideologen des Raubkrieges und den Vollstreckern aus Fachkreisen.

Nach Stalingrad trat aber nicht nur eine militärische, sondern auch eine  weltweite psychologische Wende ein.  Davor glaubten nicht nur die meisten Deutschen, sondern auch die meisten Engländer und Franzosen, wie auch andere Europäer, das Hitlerreich hätte gute Chancen, den Feldzug in Russland zum erfolgreichen Ende zu führen. Nach Stalingrad schwand die Hoffnung der einen und die Befürchtung der anderen.  In allen  von Deutschland besetzten   Ländern schöpften die Menschen neue Zuversicht. Erst recht in der Sowjetunion, deren europäischer Teil  zur Hälfte besetzt war.

Der Sieg an der Wolga war  nicht einfach ein Sieg in einer großen Schlacht. Er war  viel mehr.  Auch vor dem Krieg wurde Stalingrad ein wichtiger Platz in der sowjetischen Geschichte eingeräumt. Insbesondere in der Geschichte des Bürgerkrieges 1918-1922. Im Bürgerkrieg ging es darum, ob die Machtergreifung der russischen Kommunisten im November 1917 von Bestand sein werde.  Vieles hing hier davon ab, ob die Anhänger der Sowjetmacht Zarizyn, wie damals Stalingrad hieß, behalten oder aufgeben werden.  Zarizyn blieb rot. Seine erfolgreiche Verteidigung markierte die Wende im Bürgerkrieg. Später, als die Sowjetunion sich anschickte, eine moderne Industrie aufzubauen, gelangte  die Stadt an der Wolga in die Schlagzeilen, weil hier riesige Betriebe entstanden. Vor allem ein Traktorenwerk, das, wenn nicht nach der Qualität, dann jedenfalls nach dem Umfang der Produktion zu  den bedeutendsten weltweit zählte. So wurde Stalingrad  zum Symbol. Zum Mythos. Erst recht, als sich fast alles militärische Geschehen im Jahr 1942 auf diese Stadt ausrichtete.

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2.

Selbst die Geschichte Stalingrads machte also diese Stadt  an der Wolga  zum Symbol. Zumal  Stalingrad 1942 zum Austragungsort der riesigen Kraftprobe zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion wurde. Auch jene Russen, die von der  immensen strategischen Bedeutung Stalingrads als Tor zum russischen Süden und zum Kaukasus, zum Erdöltank und zur Lebensmittelkammer Russlands wenig oder gar keine Ahnung hatten, glaubten fest daran, der Krieg würde hier entschieden. Auf Stalingrad fokussierten sich die Hoffnungen und Ängste nicht nur der Russen, sondern aller in der Welt, die die Zerschlagung des Hitlerreiches herbeisehnten.     

Zur Mythologisierung  der Schlacht  trug auch die sowjetische  Propaganda bei. Sie ging endlich von der in den ersten Kriegsmonaten geübten Praxis ab,  die Niederlagen der Roten Armee zu vertuschen.  Einer aus der Erklärungsnot entstandenen Praxis. Denn vor dem Krieg hieß es bei uns, sollte Hitlerdeutschland uns angreifen, werde der Feind  schnell  zurückgeschlagen. Und die deutschen Werktätigen würden Hitler nicht folgen, sondern sich für die erste Arbeiter- und Bauernmacht der Geschichte, also für die Sowjetunion einsetzen. Die Voraussagen erwiesen sich aber als falsch. Das Gegenteil des Vorausgesagten  trat ein. Die Rote Armee räumte eine wichtige Position nach der anderen. Millionen Rotarmisten gerieten in deutsche Krieggefangenschaft. Und nach der siegreichen  Offensive der Wehrmacht dachten nur wenige Außenseiter in Deutschland  an eine Auflehnung  gegen Hitler.

Warum es so kam, konnte die sowjetische Propaganda der Bevölkerung nur unter einer Voraussetzung  erklären. Wenn sie einige heilige Kühe der sowjetischen Ideologie  schlachtete. Zum Beispiel auf  Glorifizierung der Kommunistischen Führung verzichten, die die wachsende Entfremdung zwischen dem Staat und dem von diesem geschundenen Volk verschuldete.  Davon aber konnte in einem totalitären System keine Rede sein. So hüllte sich die sowjetische Propagandamaschinerie in Schweigen, als es darum ging, die katastrophalen Niederlagen der Roten Armee zu deuten.  Sie mied es, die ganze Tragweite des Geschehens und seine tiefen Ursachen darzustellen. Bezeichnenderweise wurden sogar  so tragische Kriegsepisoden heruntergespielt, wie der Verlust von Kiew, Minsk, Charkow, Sewastopol, Odessa - der Städte, die nicht nur strategisch und wirtschaftlich große Bedeutung  hatten, sondern im Herzen jedes Russen  vom Begriff Heimat unzertrennlich waren.            

So dauerte  es,  bis Stalingrad kam. Die  Schicksalsschlacht an der Wolga zwang die Parteiideologen,  ihre Scheuklappen, wenn nicht ganz abzulegen, dann wenigstens zu verrücken. Selbst die Tatsache, dass die Wehrmacht an die Wolga kommen konnte, sprach eine derart beredte Sprache, dass die Propaganda sich vor der Notwendigkeit sah, mehr   reinen Wein einzuschenken. Ohnehin wussten wir, dass es um Sein oder Nichtsein ging. Und zwar nicht nur der Sowjetmacht, sondern  Russlands, egal mit welchem ideologischen Vorzeichen. Denn das Verhalten der deutschen Besatzer in der Ukraine, Belorussland und den westlichen Gebieten Russlands beseitigte jeden Zweifel daran, dass es Hitler  nicht um  die Befreiung Russlands vom Bolschewismus, sondern um die Dezimierung  und   Versklavung des russischen Volkes ging. So erhielt der Sieg an der Wolga die Aura einer fast wundervollen Errettung Russlands. So wurde der sowjetische Mythos Stalingrad geboren, ein Mythos, der tief in der Realität wurzelte.

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3.

In den vorherigen zwei Beiträgen ging es darum, wie der sowjetische Stalingradmythos entstand. Aber auch die andere Seite ließ ein Stalingradmythos entstehen. Im Unterschied zum sowjetischen aber, der im Wesentlichen starke Realitätswurzeln hatte, hing  der deutsche Stalingradmythos mit einer Lüge zusammen. Mit der Lüge von der Unbesiegbarkeit der deutschen Wehrmacht, die sich angeblich auch in Stalingrad bewährte.

Nazi-  Propagandaminister Goebbels und seine Untergebenen zeichneten ein ganz schiefes Bild vom Geschehen. Es ging immer wieder um die deutschen Helden, die wie  antike Heroen  der Übermacht des Feindes standhielten und, wenn anders unmöglich,  den ehrenvollen Tod wählten, um die Militärstandarte mit dem Hakenkreuz geschart. Mit den Bildern, die jeder Rotarmist in Stalingrad beobachten konnte, korrespondierte dieses Propagandabild  überhaupt nicht. Denn es waren Bilder von zutiefst unglücklichen menschlichen Kreaturen,  von Kälte und Hunger so geschwächt, dass sie sich kaum bewegen konnten. Und die  zu vielen Tausenden aus den Ruinen krochen, um sich in sowjetische Gefangenschaft zu begeben. Und zwar mit der Hoffnung aufs Überleben. Mit der Hoffnung, die leider oft trog, da nicht nur Stalingrad selbst, sondern seine weite Umgebung durch die Kriegshandlungen zur Wüste geworden war.  

Nach Stalingrad hielt sich die nationalsozialistische Propaganda  aus demselben Grunde nicht an die Wahrheit wie die sowjetische Propaganda vor Stalingrad es auch tat. Dieser Grund war die Erklärungsnot. In den vorausgegangenen für die deutsche Seite sehr erfolgreichen Jahren des Krieges hat sich die deutsche Kriegspropaganda so in die Verherrlichung  der Wehrmacht und seines Oberbefehlshabers Hitler gesteigert, dass sie sich nicht mehr leisten konnte, eine große Niederlage  wahrheitsgemäß zu erklären. Denn eine wahrheitsgemäße  Erklärung hätte den Sturz der tragenden Säulen der nazistischen Ideologie nach sich gezogen. Vor allem der rassistischen Vorstellung  von der deutschen Herrenrasse und  des russischen Untermenschen, zum Sklavengeschick prädestiniert.       

Das konnten sich Hitler, Goebbels und K° nicht leisten. Auch ein anderes Eingeständnis mussten sie sich verkneifen. Das Eingeständnis, dass die ganze Strategie der deutschen militärischen Führung von Anfang an falsch war. Denn sonst hätte die Schlacht an der Wolga ein anderes Ende genommen. Eine Schlacht, die von der Wehrmacht unter höchst günstigen Voraussetzungen  begonnen wurde. Nach jahrelangen Siegen  im Westen und in Russland. Mit der auf Hochtouren gebrachten Kriegsindustrie fast im gesamten Europa. Wenn die Offensive unter diesen Voraussetzungen letztendlich kläglich scheiterte, konnte es nur eins bedeuten: Der Krieg gegen die Sowjetunion war nicht zu gewinnen. Hitler und seine Generäle stürzten Deutschland ins Verderben, als sie, von der Ideologie verblendet, am 22. Juni 1941 zum Angriff bliesen.

Um dieses Verbrechen  zu verheimlichen, wurde der nationalsozialistische Stalingradmythos  geschaffen. Ein Mythos von   unbeugsamen Heroen, die starben, um dem Vaterland zum Sieg zu verhelfen. Ein Mythos, der dem Zweck dienen sollte, einerseits neue, immense Opfer auf den Altar des bereits so gut wie verlorenen Krieges zu bringen, andererseits zunehmende Brutalität  der Kriegsführung zu rechtfertigen. Das eine wie das andere hatte grausame Folgen. Nicht nur für die Generation, die verblendet der Naziführung folgte, sondern auch für die nachfolgenden Generationen der Deutschen. Es waren  grausame biologische  Folgen, da nach der Verkündung des sogenannten totalen Kriegs als Antwort auf Stalingrad, die Goebbels  im Berliner Sportpalast hinausgebrüllt hatte,  mehr junge deutsche  Männer, potentielle Väter, auf den Schlachtfeldern  verheizt wurden als davor. Und  auch die ethischen und politischen Folgen waren grausam.   Denn jenen Völkermord, der den Deutschen bis zum heutigen Tag angelastet  wird, kurbelte die Naziführung gerade nach Stalingrad an. 

So entbehrte der nazistische Stalingradmythos, dessen spätes Echo auch Jahrzehnte nach dem Krieg in einigen Produkten der deutschen Literatur  über die Schacht an der Wolga wahrnehmbar war,  nicht nur  jegliche Realitätsbezogenheit, sondern hat zur sinnlosen  Verlängerung  des bereits verlorenen Krieges und der Verschlimmerung  seiner Folgen beigetragen. Eine Erkenntnis, die durchaus aktuell ist, auch wenn es um Vorgänge geht, die bereits weit in die Vergangenheit gerückt sind.  

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4.

Bekanntlich sind Mythen an sich kein Quatsch. In der Antike waren sie ein wichtiges Erkenntnisinstrument einer Menschheit, die sich noch in der Wiege ihrer Geschichte befand. Aber auch in späteren Zeiten gab es Mythen. Die einen fokussierten die Erkenntnisse der Menschen, die anderen ihre falschen Vorstellungen. Das letztere insbesondere, wenn die Mythen von einer verlogenen Propaganda geschaffen und aufrechterhalten wurden. Wie der Stalingradmythos der nationalsozialistischen Propaganda.

Diese Propaganda bewies ein übriges Mal, dass nie so viel,  so plump und so gefährlich gelogen wird wie im Krieg. Mit einer einzigen Ausnahme vielleicht, und zwar wenn der Krieg unmittelbar bevorsteht. Eine geschichtliche Erfahrung, die, wie der Hörer weiß, nicht ganz obsolet geworden ist.

Eine andere geschichtliche Erfahrung besagt, dass die falschen Mythen besonders gefährlich werden, wenn sie eine ideologische Verbrämung erhalten. Also in ein System von Wertvorstellungen eingebaut werden. Wie zum Beispiel das rassistische Wertesystem vom wertvollen Herrenmenschen  und minderwertigen Untermenschen. Oder auch ein Wertesystem, das die Völker eines bestimmten Kulturkreises himmelhoch über die Völker anderer Kulturkreise stellt.  

Da können falsche Mythen ihre destruktive Kraft voll entfalten. Sie produzieren  Feindbilder, dienen der Kriegsvorbereitung, beziehungsweise  einer besonders brutalen Kriegsführung.

Von dieser Warte aus kann man wohl nicht sagen, dass die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges nichts mehr wert sind. Obwohl der Zweite Weltkrieg bereits weit in die Vergangenheit gerückt ist, sind seine Erfahrungen aktuell. Zum Beispiel jene, die Deutschland machen musste, und zwar, dass ein Krieg schlecht  voraussagbar ist. Auch das beste Militär kann sich über seinen Ausgang arg täuschen. Wie die deutsche militärische Führung sich täuschte, als sie die Truppen in der Überzeugung an die Wolga marschieren ließ, damit werde der Sowjetunion der Todesstoss versetzt.   

Auch eine andere Erkenntnis scheint aktuell zu bleiben. Sie betrifft die  psychologische Kriegführung, einen immer wichtiger werdenden Teil der allgemeinen Kriegführung. Es ist die Erkenntnis, dass die falschen Mythen,  geschaffen, um die eigene Bevölkerung zu mobilisieren und die des Gegners zu demoralisieren, eine zweischneidige Waffe sind. Mitunter blenden sie ihre Erfinder selbst.  So war es mit dem nationalsozialistischen Mythos  von den arischen Herrenmenschen und den slawischen Untermenschen. Verblendet von dieser eigenen Erfindung, stürzten die nationalsozialistische Führung  und ihre militärischen Vollstrecker das eigene Land ins Verderben, indem sie einen Feldzug gegen Russland starteten.

So kann man gut verstehen, dass in der deutschen Öffentlichkeit heute die Befürchtungen laut artikuliert werden, die neuartigen Mythen von der Achse des Bösen, von den Schurkenstaaten und von den Völkern, deren andersartige Lebensweise und Religionen sie außerhalb der Zivilisation stellen, können viel Unheil anrichten. Befürchtungen, wie sie  auch in der russischen Öffentlichkeit laut werden.

Es gibt keine anderen Völker, die im Zweiten Weltkrieg so arg wie die Russen und die Deutschen gelitten haben.  Aber  diese Prüfung der Geschichte hat ein positives Element. Die Russen und die Deutschen haben aus dem Schaden viel gelernt. Eigentlich sollten die anderen Völker  ihren warnenden Stimmen mehr Gehör schenken. Auch wenn ihre Staaten jetzt nicht unter den militärisch mächtigsten sind.    

21.10.02

WIE WURDE IN DEUTSCHLAND DER 60. JAHRESTAG DER STALINGRADER SCHLACHT BEGANGEN?

 

Unsere Antwort: der Bedeutung des Ereignisses ganz angemessen. So würdig, aufrichtig, mit so viel Spitzenfingergefühl  wie nie zuvor. Selbst die Fülle der Medienbeiträge, besonders im Fernsehen, ist bemerkenswert. Und selbstverständlich auch ihre bis auf wenige Ausnahmen hohe Qualität der Darstellung und Deutung der Geschichte.

 

Dem Ganzen setzte eine  Erklärung des deutschen Bundeskanzlers die Krone auf. Eine Erklärung, die das Geschehen an der Wolga vor 60 Jahren nicht nur als  Wende im Zweiten Weltkrieg würdigte, sondern auch der Leichenberge auf beiden Seiten gedachte. Die Opfer, das Leid, die Qual des Krieges, in dem sich Russland und Deutschland zerfleischten. Eines Krieges,  der das Vermächtnis hinterließ: nie wieder!

 

Ein russischer Veteran der Schicksalsschlacht des Zweiten Weltkrieges  muss den Deutschen dafür ein herzliches спасибо sagen.

 

Wenn ihn aber an der ganzen Geschichte doch etwas stört, dann ist es eine gewisse Einseitigkeit bei der Ermittlung der Schuld für Stalingrad.

 

Denn nicht allein Hitler und seine Partei- und Heerführer tragen diese, weil sie die deutschen Soldaten  bis zur Wolga trieben. Für Stalingrad tragen auch Stalin und seine Partei- und Heerführer Schuld, weil sie den  Deutschen den Marsch bis zur Wolga ermöglichten. Bis zur Wolga, dem heiligen Strom der Russen, der mehrere Tausende Kilometer von der Westgrenze Russlands in der Mitte der russischen Erde fließt.

 

Stalin  und seine Umgebung entkräfteten  die Rote Armee noch vor dem Krieg. Sie ließen sich auf das verbrecherische Geschäft der Teilung Europas mit Hitler ein. Sie pflegten eine sträfliche Vertrauensseligkeit gegenüber  dem braunen Diktator. So ermunterten sie Hitler, in Russland einzufallen.  Ihre politischen und militärischen Fehlleistungen mussten  die  einfachen russischen Muschkoten mit den Verlusten,  mehrfach so groß wie die der Deutschen, bezahlen.

 

In den deutschen Beiträgen zum Jahrestag ist dies alles etwas unter den Tisch gefallen. In den russischen, wie es scheint, auch. Schade! Ein Diktator, welchen Titel er auch trägt, wird dadurch nicht besser, dass er siegt. Er wird dadurch nur gefährlicher. Eine Wahrheit übrigens, die jetzt wieder  aktuell geworden ist. Leider.

 

Gott sei Dank,  die Russen  kennen sie noch.  Hoffentlich. Der Wolgograder Stadtrat appellierte an Präsident Putin, der Stadt , die vor etwa vierzig Jahren noch Stalingrad hieß, aber im Laufe der Entthronisierung des Tyrannen umbenannt worden war, den alten Namen wiederzugeben. Daraufhin wurden Umfragen gestartet. Sie zeigten, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung dies ablehnte. Nur jeder dritte Russe hätte dagegen nichts einzuwenden. Nur? Oder, ist es richtiger bestürzt zu sagen, so viele?

 

Auch deshalb  ist den Deutschen für die Würdigung der von ihnen verlorenen Schicksalsschlacht zu danken. Sie gehen mit offenen Augen durch die Weltgeschichte  und nehmen dabei auch die für sie nicht sehr angenehmen Landschaften wahr. Ein gutes Beispiel für die Russen.

 

Denn die von Kanzler Schröder beschworene deutsch- russische Freundschaft ist zwar vorbehaltlos herbeizusehnen, aber  keinesfalls  soll es eine sein wie der verlogene Hitler-Stalin- Pakt. Diese würde nur  den Weg  in die Hölle eines Stalingrads pflastern.   Hört Ihr, Fritzen, die warnenden Stimmen der Stalingrader Toten?                   

DAS ZIEL UND DIE MITTEL

 

1.

In einem Referat  vor  Studenten   der Technischen Universität zu Berlin  wurde unlängst die Geschichte von Radio Moskau, eines internationalen Rundfunksenders der gewesenen Sowjetunion dargestellt . Unter anderem ging es   darum, was in den  deutschsprachigen Sendungen von Radio Moskau während des Zweiten Weltkrieges anders war als in den deutschsprachigen Sendungen der Hauptalliierten der Sowjetunion im Kampf gegen das nationalsozialistische Reich, das heißt Großbritannien und die  USA.  Anders war nicht etwa, dass die Sendungen von Radio Moskau   geschickter   waren. In dieser Hinsicht lagen der Londoner Rundfunk und die Stimme Amerikas  besser.  Unterschiedlich waren vor allem die politischen  Hauptthesen  der Sendungen.  Radio Moskau, dem Standpunkt der sowjetischen Führung folgend, ging davon aus,  dass das deutsche Volk und die deutschen Nationalsozialisten keineswegs ein und das selbe waren.   Dagegen hielten sich  die deutschsprachigen Sender der Westalliierten an die Prämisse, das deutsche Volk wäre weitgehend identisch mit den deutschen Nationalsozialisten. Stark überspitzt könnte man sagen, die Westsender übernahmen  den Propagandaslogan der deutschen Nationalsozialisten von einem Reich, einem  Volk und einem Führer. Allerdings meinten die deutschen Nationalsozialisten,  diese Formel gereiche dem deutschen Volk zur Ehre. Die Westalliierten dagegen  meinten, sie rechtfertige eine harte Bestrafung des deutschen Volkes für die Verbrechen des nationalsozialistischen  Regimes. Eine klare Trennungslinie zwischen dem deutschen Volk und dem nationalsozialistischen Regime wollte man im Westen  nicht ziehen, hätte es doch bedeutet, den Krieg gegen Deutschland anders zu führen, als  die Westmächte beabsichtigten.      

 

Auch in der Behandlung der deutschen Geschichte gab es einen  Unterschied. Radio Moskau stellte der Barbarei  der deutschen Nationalsozialisten  die humanistischen Traditionen Deutschlands  entgegen. Die westlichen Sender gingen von der Prämisse einer Fehlentwicklung Deutschlands im Laufe von vielen Jahrhunderten aus und sprachen nur sehr selten über seine humanistischen Traditionen, dafür     aber oft  vom „falschen Weg der deutschen Nation“, wie der Titel eines nach dem Krieg von einem deutschen Westemigranten geschriebenen  und in der DDR edierten Standartwerkes hieß. Der ganzen Nation, nota bene.

 

Leider blieb es nicht nur bei der Propaganda. Die Propaganda und die Kriegführung sind gekoppelt gewesen.

 

2.

Wenn das hier erwähnt wird, heißt es nicht, dass  das Verhalten der Sowjetsoldaten  oder die Politik der sowjetischen Besatzungsmacht in Deutschland beschönigt werden soll. Dieses Verhalten und diese Politik entsprach nicht dem   ideellen Grundsatz, das deutsche Volk und die deutschen Nationalsozialisten sind zwei Paar Schuh.   Trotzdem ist es eine Sache, wenn  Verbrechen  von oben vorprogrammiert und befohlen werden und eine ganz andere, wenn Verbrechen begangen werden, weil die Menschen, vom Krieg psychisch stark mitgenommen,  über die Stränge schlugen, wie es  auf der sowjetischen Seite  im Kriegs und in  der ersten Nachkriegszeit oft vorkam. Entgegen  der Propagandathese, dass die Deutschen keinesfalls als Verbrecher behandelt werden durften. Nur die aktiven Nazis trügen die Verantwortung.

 

Viel mehr übereinstimmten die Propaganda und die Kriegführung bei den Westmächten. Das heißt, der weitgehenden Identifizierung des deutschen Volkes mit dem national- sozialistischen Regimes in der Propaganda der Westmächte  entsprach ihr  Luftterror gegen Deutschland.  Als ein  verbrecherisches  Volk und als  Schurkenstaat durften eben die Deutschen und Deutschland  mit Bombenteppichen belegt werden. Trotz allen Abkommen über Schonung  ziviler Bevölkerung im Krieg.

 

3.  

Die Übergriffe der Sowjetunion sind in Deutschland weitgehend bekannt.   Über Vergewaltigungen und Plünderungen nach dem Einmarsch der Roten Armee  in Ostdeutschland  und über die Härten der sowjetischen Besatzungsmacht  wurde  im westlichen Teil   Deutschlands seit Jahrzehnten  viel geredet, geschrieben und gesendet. Diesen  verurteilungswürdigen Untaten  hat man oft  die großzügige Taten der Westmächte  gegenübergestellt. Den  Marschallplan, die Rosinenbomber und  desgleichen mehr.   Aber darüber, dass sich auch  die Westalliierten der Antihitlerkoalition  Schlimmes  zuschulden kommen ließen, hat man in Deutschland  dezent geschwiegen.  Die terroristischen Luftangriffe der Westmächte auf  deutsche Städte waren für deutsche Medien tabu.

 

4.

Es scheint aber , dass dieses Tabu jetzt gebrochen wird. Jedenfalls deutet daraufhin eine Veranstaltung in der Berliner Urania.

 

In der Urania sprach ein deutscher Historiker, er heißt Jörg Friedrich. Wohl zum ersten Mal in all den Jahren nahm er den Bombenkrieg der Westmächte gegen Deutschland unter die Lupe. Er sprach davon, dass es ein sehr grausamer Krieg war. Mindestens eine halbe Million deutsche Zivilisten mussten daran glauben. Und 162  deutsche Städte wurden von den Bomben zerstört. Viele ganz in Schutt und Asche gelegt. 

 

Da es aber im Nachkriegdeutschland  verschwiegen wurde, wussten es in vollem Masse nur die deutsche Kriegsgeneration. Ein zeitgeschichtlich unbewanderter jüngerer Deutsche konnte sich leicht einbilden, vom Westen her kamen im XX. Jahrhundert nur die sprichwörtlichen „Rosinenbomber“ mit Lebensmittelpaketen. Und die deutschen Städte haben nicht Briten und Amerikaner, sondern   Außerirdische in Schutt und Asche gelegt. Oder die „bösen Russen“.

 

5.

Es ist deswegen längst an der Zeit, die terroristischen Bombardierungen Deutschlands im Zweiten Weltkrieg ausführlich zu behandeln. Und der  vorher erwähnte Referent, der deutsche Historiker Jörg Friedrich, hat das in der Berliner Urania getan. Er hob hervor, dass der Bombenterror keinen militärischen Sinn hatte. Schon deshalb nicht, weil die heftigsten Luftangriffe gegen Deutschland in der Zeit geflogen wurden, als das Dritte Reich militärisch bereits am Boden lag. Nota bene- vor allem im Osten geschlagen, wo die sowjetischen Streitkräfte und die nationalsozialistische Wehrmacht einander zerfleischten. Die meisten englischen und amerikanischen Bomben trafen aber nicht deutsche Soldaten. Sie fielen  in Deutschland  auf  Stadtkerne und Wohngebiete mit ziviler  Bevölkerung.

 

In  den westlichen zeitgeschichtlichen  Darstellungen wird  oft angeführt, die terroristischen Luftangriffe auf  Deutschland hätten trotzdem einen guten Zweck. Denn die deutsche Bevölkerung sollte am eigenen Leibe erfahren, wohin der Krieg führte, damit sie sich von Hitler und seinen Generälen distanzierte. Tatsache aber ist, dass dies  nicht geschah. Im Gegenteil, die Bombardierungen spielten der nationalsozialistischen Propaganda in die Hand, die behauptete, der Feind wolle nicht das nationalsozialistische Regime in Deutschland, sondern Deutschland selbst  vernichten. Die Bombardierungen trieben die Deutschen erst recht in die  Fangarme der Nationalsozialisten. Auch in dieser Hinsicht war der Luftterror ein Verbrechen.     

 

 

6.

Die terroristischen Luftangriffe der Westmächte gegen die deutsche Zivilbevölkerung in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges, die mindestens einer halben Million  deutscher Zivilisten das Leben kosteten, hatten also keinen militärischen Sinn. 

 

Aber einen politischen Sinn  hatten sie allenfalls. Das beweist die Zielrichtung der Bombenschläge. Sie trafen nämlich vorwiegend die historischen Stadtkerne in Deutschland. Die herrlichen Bauten,  Manifestationen der deutschen Kulturgeschichte, des schöpferischen Geistes der Deutschen.

 

Warum mussten diese Bauten verschwinden? Weil den Deutschen ihre Geschichte genommen werden sollte.  Jenes Kulturerbe, das einem Volk seine Würde gibt.  Ein Ziel, das mit der im Westen damals  lautstark vertretenen These von den Deutschen  als von einem grundverdorbenen und zivilisationsfeindlichen Volk und von Deutschland als von einem Schurkenstaat in engem Zusammenhang stand.

 

7.

Die Verantwortlichen für diesen Luftterror werden in den Heimatländern hoch geehrt. Inmitten von London steht ein  pompöses Denkmal eines von ihnen. In den USA wurden sie auf Friedhöfen für die Helden der Nation bestattet. Dass die auf ihren Befehl abgeworfenen Bomben  Tausende Greise, Frauen  und Kinder töteten, wird ihnen nicht in Rechnung gestellt. Eine gewollte Fälschung der Geschichte, die ihren Sinn hat.

 

8.

Sicherlich konnten Hitler und seine Clique wie der deutsche Nationalsozialismus insgesamt nicht  in Samthandschuhen  bekämpft werden. Trotzdem war es ein Verbrechen, die deutschen Frauen, Kinder und Greise und die deutschen Kulturschätze, die eigentlich zum Kulturerbe der ganzen Menschheit gehörten, dem Untergang zu weihen. Und es war, auch wenn das Wort in diesem Kontext vielleicht einen etwas zynischen Klang bekommt, konterproduktiv.  Denn die barbarischen Mittel erzeugten  und steigerten  Hass und ließen die deutschen Landser  bis fünf nach zwölf kämpfen, was  viele amerikanische und englische Soldaten  und- last not least- die Soldaten der Sowjetunion das Leben kostete.

 

9.

Die terroristischen Luftangriffe waren nicht nur gegen Deutschland gerichtet. Sie sollten der   Einschüchterung des sowjetischen Verbündeten der Westmächte dienen. Es ging den Westmächten darum, die Sowjetunion in Schach zu halten, der  sowjetischen Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent entgegenzutreten, dafür aber seine  Vorherrschaft abzusichern. Aber eine ungezügelte Gewaltanwendung, auch wenn die Gewalttäter die Welt verbessern wollen, macht die Welt nicht besser. Deshalb belastete der Luftterror der Amerikaner und Briten im Krieg gegen Deutschland  die Lage im Nachkriegseuropa und in der ganzen Nachkriegswelt.    

 

10.

Die Russen, die  den Luftterror der Amerikaner und Briten, Gott sei Dank, nicht erlebt haben, erfuhren von ihm  nicht viel.  Die sowjetischen Medien mieden es, ihrem Publikum die Wucht  amerikanischer und britischer Terrorangriffe gegen Deutschland zu vermitteln.   Die Medien hatten die Anweisung, das Thema nicht zu viel zu behandeln, damit die Sowjetmenschen keine Bange kriegen, es im Notfall mit so einem mächtigen Gegner aufnehmen zu müssen. Mit anderen Worten, man wollte nicht der von den Westmächten bezweckten  Einschüchterung  Vorschub leisten. Und man hatte dafür gute Gründe.      

 

Die befohlene Zurückhaltung der sowjetischen Medien hatte aber Folgen, die keiner  voraussagen konnte. Und zwar in der Zeit, als  die Sowjetmacht sich aufzulösen begann und die Schalmeien des Westens der sowjetischen Bevölkerung Friede, Freude und Eierkuchen versprachen.  Hätten die Russen um diese Zeit die ihnen weitgehend vorenthaltene Wahrheit über die Bombenterror der Westalliierten gewusst, hätte sie das  vielleicht von der übermäßigen Zutraulichkeit gegenüber den Westmächten  bewahrt. So aber nahmen sie die Selbstverherrlichung der Westmächte für bare Münze.

 

11.

Jetzt scheint es , dass das verschwiegene Kapitel des Zweiten Weltkrieges  in Deutschland peu a peu erhellt wird. Es wäre wohl naiv, darin nur die späte Erkenntnis  der deutschen Historiker zu sehen. Auch früher wussten Historiker und Politiker Bescheid,  nur fanden sie es unzeitgemäß,  die Verbündeten zu ärgern. So blieb  das Thema nur im  Repertoire der Ultrarechten in Deutschland,  die es auszuschlachten versuchten, um aus dem Abseits ins Licht der Öffentlichkeit  zu kommen und antiamerikanische und antibritische Emotionen zu schüren, was gewiss zu verurteilen ist.

 

Damit hat aber  die Hinwendung deutscher Historiker wie Jörg Friedrich  zur verdrängten Wahrheit nichts zu tun. Sie wollen keine Stimmung gegen die Briten und die Amerikaner machen. Wollen wir hoffen, Ihnen gehe vielmehr um die Warnung von einer  Strategie, die darauf setzt, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Mit anderen Worten,  den Terror mit terroristischen Mitteln zu bekämpfen. Der Zweck ist gut,  die  Mittel aber sind falsch. Im Zweiten Weltkrieg war es so und jetzt ist es auch nicht anders.

 

12.

Vermutlich wenden sich   Historiker, Publizisten und Politiker in Deutschland dem Thema des Bombenterrors der Westmächte im Zweiten Weltkrieg nicht zufällig gerade jetzt hin. Wie gesagt, wollen wir hoffen, sie wollen warnen. Sie wollen vor der Wiederholung warnen.  Zwar weiß niemand, wie der angekündigte Krieg im Nahen Osten, wenn es so weit kommt, verläuft. Jetzt wird  viel von genau berechneten  Luftschlägen gegen Militärziele  geredet. Das klingt beruhigend. Aber ob nicht wieder, wie im Zweiten Weltkrieg oder bei den Feldzügen gegen die sogenannten Schurkenstaaten im Nahen Osten, auf dem Balkan und auch in Afghanistan die zivile Bevölkerung unter den Bomben stirbt und ihre Lebensgrundlage zerstört wird, bleibt trotzdem ungewiss.

12.1.03  

DIE EHRENRETTUNG 

In der russischen Botschaft in Berlin fand ein Empfang für Deutsche statt, die im Zweiten Weltkrieg in den Streitkräften der Antihitlerkoalition oder im Untergrund kämpften.

Der Anlass war eine Grußbotschaft des russischen Präsidenten Putin an die Vereinigung der antifaschistischen Kämpfer deutscher Nationalität, die der russische Botschafter Sergei Krylow den Versammelten vermittelte. Sichtlich gerührt hörten die Veteranen die anerkennenden Worte des russischen Präsidenten über ihren Beitrag zur Wiederherstellung des Friedens und der Demokratie in Europa. In ihren Antwortreden schwang nicht nur Dankbarkeit für die Hochschätzung ihrer Taten während des bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Krieges mit, sondern auch das Streben nach Eingreifen ins gegenwärtige Geschehen. Empört erwähnten sie die Untaten der Extremisten von Heute, die Gewalt predigen und ausüben, wie es die Hitleranhänger taten. Sie brachten ihre Überzeugung darüber zum Ausdruck, dass das vereinigte Europa für immer von hässlichen Spuren der Vergangenheit gereinigt werden muss.

Man kann darüber streiten, wie bedeutsam die opferreiche Teilnahme der deutschen Hitlergegner für die Militäroperationen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg war. Unbestritten aber ist, dass die deutschen Antifaschisten ihrem eigenen Volk einen großen Dienst erwiesen haben. Sie und ihre Kameraden, die Hitler nicht nur nicht folgten, sondern sich unter Einsatz ihres Lebens ihm in den Weg stellten, halfen den Angehörigen vieler Nationalitäten zu verstehen, dass die nationalsozialistische Parole von einem Volk, einem Reich und einem Führer eine Mär war. Die Europäer konnten an ihrem Beispiel sehen, dass es außer den Deutschen, die als Eroberer und Besatzer in ihre Länder kamen, auch andere gab, die mit den Nationalsozialisten nichts zu tun hatten. Sie konnten zwei Deutschlands erleben, das eine, von den Nazis irregeführt, und das andere, der humanistischen Tradition des deutschen Volkes treu geblieben. 

Unter den in der Russischen Botschaft versammelten Veteranen kämpften viele als Soldaten und Offiziere der Roten Armee, beziehungsweise als sowjetische Partisanen. Sie waren bei der Veranstaltung zahlreich, nicht weil diese in der Russischen Botschaft stattfand, sondern weil es in den Jahren des Krieges viele Deutsche gab, denen es die sowjetische Führung ermöglichte, zusammen mit den eigenen Staatsangehörigen gegen Hitler zu kämpfen. Das tat sie, weil der sowjetischen Auffassung nach der Krieg nicht gegen Deutschland, sondern gegen den Nationalsozialismus für ein freies Deutschland geführt wurde. 

Hätte sich die sowjetische Politik, insbesondere was die Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung in der Schlussphase des Krieges betraf, konsequenter an diesen Grundsatz gehalten, hätten manche Fehlentwicklungen und Verbrechen verhindert werden können. 

Wie dem auch sei, erinnerten sich die Veteranen an die echte Kameradschaft, die sie mit ihren russischen, belorussischen und anderen Mitkämpfern verband. An eine Kameradschaft, die ihre natürliche Fortsetzung in den Beziehungen ihrer Vereinigung mit den Veteranenvereinigungen in Russland und in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunio
n findet.

Ein deutscher Teilnehmer der Veranstaltung in der Russischen Botschaft fasste seine Eindrücke vom Schreiben des russischen Präsidenten in folgende drei Worte: Anerkennung, Ermutigung, Verpflichtung. Diese Worte sind auch als Fazit der ganzen Veranstaltung zutreffend, die in einer aufgelockerten und herzlich
en Atmosphäre verlief. 

7.6.02

KRIEGSHELDEN WIEDER „IN“? – AM 9. MAI FEIERT RUSSLAND DEN TAG DES SIEGES (DIE KAPITULATION DES DRITTEN REICHES IM MAI 1945)

1.

Das Runet berichtet  über einen neuen Film in Russland,  der rechtzeitig zum Datum erschien. Er schildert die Heldentaten russischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Der Titel : „Der Stern“. So lautet das Rufzeichen des Radiosenders von einem Aufklärerteam, das tief ins Hinterland der Wehrmacht eindringt. Fast alle  kommen um, aber  wie Helden.

Nach einer langen Zeit ist es der erste Film in Russland, der dem Kampf der sowjetischen  Soldaten gegen die Wehrmacht gilt . Das Bemerkenswerte dabei  fasst das Runet wie folgt zusammen:    

Der Film wurde im Studio „Mosfilm“ gedreht,  das früher viele Kriegsfilme produzierte. In staatlichem Auftrag, wie anno dazumal üblich.

Stilistisch dennoch ganz anders als damals. So nimmt eine tragische Liebesgeschichte  im Film einen breiten Platz  ein. Hollywoodmasche? Schon möglich. Bekanntlich dreht die US-Filmindustrie seit jüngster Zeit einen patriotischen Kriegsfilm nach dem anderen. Die Zerschlagung des Dritten Reiches soll als Werk der USA dargestellt werden. Vermutlich, damit die Amis keinen Zweifel am  Erfolg des  Feldzuges gegen eine neue Achse des  Bösen  hegen.  

Die Runet- Filmkritiker spenden der neuen Leistung der russischen Filmkunst wenig Lob. Dennoch  läuft «Звезда» in den besten Kinos Moskaus und findet Zuspruch.  

8.05.02

2.

Am 9. Mai war es in Russland schon immer üblich, die Veteranen des Krieges (des Grossen Vaterländischen Kriegs des Sowjetvolkes-  die offizielle Sprachregelung) zu ehren.  In den letzten Jahren fiel  die Ehrung allerdings immer weniger beeindruckend aus. Und das Runet lästerte über die Heldenstorys.

In diesem Jahr ist es  anders. In Moskau   wurden die Veteranen  in den Grossen Kremlpalast eingeladen. Das Festkonzert gestalteten bekannte Künstler. Sie intonierten Kriegslieder. Ganz nostalgisch war die Festtafel: unter anderem mit der Delikatesse der Kriegszeit: Buchweizengrütze mit Speck und Zwiebeln. (Siehe unten ein nostalgisches Menu nach Rezepten von Iwan Matrjoschkin, Esq.).

Der Clou.  Präsident Putin erschien nicht nur im Palast, sondern  auch im Park an der Kremlmauer, wo die Festivitäten nach dem Empfang im Palast fortgesetzt wurden Er kam ohne Leibwache zu den Veteranen, sprach ganz ungezwungen mit ihnen, umarmte und küsste sie. Die alten, ordensgeschmückten  Menschen  feierten ihn als  Retter des Vaterlandes vor neuen Bedrohungen.

Das soll Bush ihm  nachmachen. Übrigens kamen seit kurzem auch in den USA die Veteranen des Zweiten Weltkrieges zu neuen Ehren.

Hm, hm. Hieß das früher nicht "moralische Aufrüstung"?

8.5.02  

3.

Etwas bedenklich stimmt ein großer Auftritt  der  Jugendorganisation  unter dem wenig klangvollen Namen «Идущие вместе»  (diejenigen, die zusammen gehen). Die Zusammengehenden wurden aus mehreren Städten und Dörfern  zum Roten Platz in die Hauptstadt gekarrt.  Der angekündigte  Anlass hieß der zweite Jahrestag der  Inauguration des Präsidenten, aber der gewählte Zeitpunkt ließ viele den Zusammenhang mit dem Tag des Sieges vermuten. Der Sieg wurde auch  in den Reden zitiert. Den eigentlichen Sinn der Veranstaltung,  an der 35 000  Jugendliche teilnahmen, brachte  der Chef des „Komsomol“, wie die Organisation in Anlehnung an   den kommunistischen Jugendverband der Sowjetzeit mitunter genannt wird, zum Ausdruck. Er forderte alle, die mit der Politik des Präsidenten nicht konform gehen, das Land  zu verlassen. „Solange es für sie nicht zu spät ist“. Auch eine gründliche politische und ethnische „Säuberung“ Russlands wurde gefordert.

Kulinarischer Anhang: Wie versprochen, bringt Iwan Matrjoschkin, Esq., einige Ratschläge für jene, die sich eine Festtafel wie im Grossen Kremlpalast gönnen wollen. 

a) Schtschi (Kohlsuppe auf Fleischbrühe)

Wichtig ist guter Kohl, wie man  ihn in Deutschland  nur in türkischen Geschäften findet. Auch geraspelte Mohrrüben und dicke Fleischstücke gehören dazu. Sparen Sie nicht an Kohlsuppe, auch wenn Sie hier gewöhnt sind, am Essen zu sparen. Essen Sie einmal im Leben wie die Russen es jeden Tag tun.

b) Buchweizengrütze (Kascha)  

Das  Beste auf der russischen Speisekarte. Nur groben Buchweizen dazu verwenden. Ohne Fett leicht anbraten, dann Wasser zugeben und auf geringem Feuer aufgehen lassen. Gebratenen Speck und Zwiebeln hinzufügen, nach Belieben würzen. Passen Sie auf, dass Sie die Finger nicht verschlucken!

Guten Appetit wünscht Ihnen Iwan Matrjoschkin, Esq. 

PS Den Wodka  als unbedingt dazu gehörend erwähnte ich nicht, da es selbstverständlich ist.     

8.5.02

 

 

ÜBER EINEN DEUTSCHEN FERNSEHBEITRAG ZUM JAHRESTAG DES ANGRIFFS AUF DIE SOWJETUNION

Am 22.6. jährt sich wieder der Tag, an dem 1941 Hitlerdeutschland den Krieg gegen die Sowjetunion begann. Das deutsche öffentlich- rechtliche Fernsehen brachte zu diesem Datum einen merkwürdigen Beitrag. 

Es war eine Sendung über das Verhalten der sowjetischen Bevölkerung in den von der Wehrmacht besetzten Gebiete. Darin wurde dem Publikum an Hand von Aufnahmen aus einem russischen Dokumentarfilm die Erkenntnis darüber dargeboten, dass sich nach dem Einmarsch der Wehrmacht viele Belorussen, Russen und Ukrainer ganz anders verhielten, als die Sowjetpropaganda es haben wollte. Und zwar von loyal bis freundlich gegenüber den deutschen Besatzern. Das deutsche Fernsehen verkaufte es als Sensation. Ist es tatsächlich eine?

Nein, für die Russen ist es keine. Was die Sowjetpropaganda auch behauptete, die meisten in der Sowjetunion wussten schon immer, dass die Realität anders aussah. Schließlich erlebten Millionen Sowjetbürger die deutsche Besatzung. Und sie hielten mit ihren Erlebnissen nicht hinter dem Berg. Obwohl es gefährlich war, darüber zu sprechen.

So wussten viele in der Sowjetunion und wissen auch heute viele in Russland, dass sich keineswegs die ganze Bevölkerung auf den besetzten Gebieten von Anfang an ablehnend gegenüber den Besatzern verhielt, geschweige denn bekämpfen wollte. Vieles hat zu dieser Haltung beigetragen. Darunter die Unterdrückung des stalinistischen Regimes, das seinen Opfern die Vaterlandsliebe sehr schwer machte. Und auch die in Russland tief verwurzelte positive Meinung über die Deutschen, die in Russland seit Jahrhunderten mit der Stammbevölkerung zusammen lebten. Und schließlich blieb den Russen, Belorussen und Ukrainern kaum etwas anderes übrig, als der Versuch, sich mit der Besatzungsmacht zu arrangieren, um überleben zu können. 

Das alles ist wahrlich nicht neu.

Aber auch etwas anderes darf nicht unter den Tisch fallen. Es ist die bittere Enttäuschung, die die Bevölkerung der besetzen Gebiete erleben musste. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht musste sie nämlich erfahren, dass das Besatzungsregime und die guten Eigenschaften des deutschen Volkes zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind. Je weiter, desto mehr entpuppte sich dieses Regime als Schreckensherrschaft. Exekutionen, Menschenraub, Hunger, Sklavenarbeit standen auf der Tagesordnung. Sie waren die logische Folge des Rassenwahns der nationalsozialistischen Führung. Diese sah für Russland nur eine Zukunft. Die einer Kolonie, wo der Mensch, insofern er nicht als Sklave gebraucht wird, nur stört. 

Das war die Erfahrung, die dazu beitrug, dass sich  Entschlossenheit der gesamten sowjetischen Bevölkerung wachsen ließ, bis zum Sieg über die Invasoren zu kämpfen.

In seinen früheren Exkursen in die Kriegszeit hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland viel getan, um dem deutschen Fernsehteilnehmer eine ausgewogene Darstellung der Vergangenheit zu vermitteln. Aber die Sendung zum 22. Juni ist kein großer Beitrag dazu. Selbstverständlich stimmten die sowjetischen Darstellungen mit dem wahren Sachverhalt nicht überein. Aber die Bilder der nationalsozialistischen Propaganda von den durch die deutschen Soldaten auf den besetzen Gebieten beglückten Russen stimmten noch weniger. Auch wenn es viele Deutsche in Wehrmachtsuniform gab, die sich menschlich verhielten. Hitlers Politik war es jedenfalls nicht. Und auf diese kam es an. Sie und gar nicht die Absicht, die Russen vor der Unterdrückung zu erlösen und ihnen ein besseres Leben zu bringen, stand Pate beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

20.6.0

PLENNY, ПЛЕННЫЕ, KRIEGSGEFANGENE  

Im Zweiten Weltkrieg  gab es  in deutschen Lagern  bis zu fünf Millionen russische Kriegsgefangene. Zwischen drei ein halb  Millionen und drei Millionen neunhundert Tausend  haben die  Gefangenschaft nicht überlebt.  

Die russischen Kriegsgefangenen  wurden  als solche nicht anerkannt und nicht behandelt. Als was denn?  Als Menschenmasse, die durch den Fleischwolf  gedreht werden sollte. Der Vernichtung durch Hunger, Kälte, Epidemien, Genickschuss, Folter, Sklavenfron preisgegeben.

Diese Vernichtung  war ein wichtiger Teil des breitangelegten Vernichtungskrieges gegen Russland,  von Hitler und seinen Paladinen befohlen, vom Rassenwahn des deutschen Nationalsozialismus  untermauert.  Russland sollte in  etwa so kolonisiert  werden, wie einst  die weißen Siedler Nordamerika kolonisiert hatten.   Den Raum mit seinen Naturschätzen  einheimsen, die Urbevölkerung  in die Hölle schicken. Oder nur so viel davon leben lassen, wie    Arbeitskraft  gebraucht wird.  Für eine gutorganisierte, ordnungsgemäße, saubere  und wirtschaftsgerechte Erschließung  des eroberten Raumes.

Das Los der Russen in der deutschen Gefangenschaft   war Gegenstand einer Podiumsdiskussion in einer einmaligen  Einrichtung. Im Deutsch- Russischen Militärmuseum,  Berlin- Karlshorst. 

 

Vor dem Hearing präsentierten sich russische Kriegsveteranen als Chor. Das Konzert fand in dem Raum statt, wo am 8.5.1945 die Militärvertreter der alliierten Mächte die Kapitulation der Wehrmacht entgegennahmen.  

Die Frage des Hearings "Sowjetische Kriegsgefangene- die vergessenen Opfer des Völkermordes?“ entpuppte sich als eine rhetorische Frage.  Keiner der Experten auf dem Podium zweifelte die Aussage an. „Opfer des  Völkermordes“? Jawohl! „Die vergessenen“ ? Sicher.

Der einzige, der darauf nicht einging, war der einzige anwesende Zeitzeuge. Der achtzigjährige Lewin aus Moskau. Ein phänomenaler Mensch. Nicht nur weil er fast fünf  Jahre deutsche Kriegsgefangenschaft überstanden hat, sondern auch wegen seiner Einstellung zum Erlittenen. Ohne besondere Absicht demonstrierte er jene ruhige, weise, menschenfreundliche,  man ist versucht zu sagen humorvolle Gelassenheit, die manche im Westen   dem Stumpfsinn  der Russen   zuschreiben. Die Gelassenheit eines Menschen, der das Schlimmste  erlebt   hat, aber fest daran glaubt, dass das Leben  schön ist. Und  der Mensch gut. Wenn er nicht gerade  zur Bestie mutiert.  

Kein bitteres Wort über die fremden Peiniger. Die eigenen könnte er eigentlich auch anklagen, weil die Sowjetunion   wohl das einzige Land in der Welt war, das seine aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Soldaten nicht als Helden oder wenigstens als Opfer, sondern als Verbrecher empfing. Gemäß dem Wort  des Diktators Stalin: „Wir kennen keine kriegsgefangenen Rotarmisten, wir kennen nur Verräter“.

Nach einem Stalin- Befehl sollte sich ein Rotarmist, dem die Gefangenschaft drohte, die letzte Kugel in seine eigene Schläfe jagen. Die fast fünf Millionen  Sowjetsoldaten taten es nicht und wurden  deswegen zu Verrätern abgestempelt.

Mit dem Stigma des Verräters gezeichnet, wurden die Zurückgekehrten zum Studium  nicht  zugelassen, bei der Arbeitssuche  abgewiesen, von den Hauptstädten  ferngehalten.  Und die  Kameraden, die  bei der Selektion der Rückkehrer  (wir erinnern: von fast fünf Millionen waren es nur ca. 20 Prozent) der Kollaboration mit dem Feind  „überführt“ wurden,   mussten  in ein KZ. Nach einem KZ in Deutschland in ein KZ in Russland. 

Die selektierenden Ermittler des militärischen Geheimdienstes  mit dem niedlichen Namen SMERSCH (смерть шпионам – Tod den Spionen) waren nicht kleinlich. Sie kümmerten sich nicht um  Beweise. So gab es mindestens 100 000 Rückkehrer, die in Russland zu KZ- Gefangenen  wurden.         

Das Los der Kriegsgefangenen in der Heimat kam aber beim Hearing in Karlshorst etwas zu kurz.     Nur insofern, wie nötig, um die Frage zu beantworten, warum die Opfer des Völkermordes so gut wie vergessen sind. Weil sie eben keine Lobby hatten. Keine Anwälte in der Heimat. Es gab eben keinen russischen Adenauer.  Auch in den anderen Ländern hatten sie keine Fürsprecher. Im Unterschied z. B. zu den jüdischen Opfern des deutschen Völkermordes.

Obwohl, nebenbei gesagt, der Mord an Millionen sowjetischen Plenny dem Mord an den europäischen Juden nicht nur zeitlich voranging. Manche Methoden des Judenmordes waren beim Mord an den sowjetischen  Kriegsgefangenen ausprobiert und perfektioniert worden. Und das Personal trainiert. Es war weitgehend dasselbe.

Übrigens treffen die ehemaligen „Plenny“ in der Heimat noch immer auf Gleichmut oder sogar Verachtung. Sie sind die zweite Wahl. Wie ein Fisch, der etwas stinkt.

So werden sie z. B. in  Kriegsteilnehmerverbänden abschätzig behandelt.  Die Generäle und Marschälle, die diesen Verbänden vorstehen, halten sich noch an die Tradition ihrer Vorgänger. Jener, die an der Gefangennahme von Millionen  Rotarmisten nicht ganz unschuldig waren. Und die dann die ins Unglück gestürzten Kameraden abschrieben. Vielleicht auch, um die eigene Schuld zu verdrängen.

Die Einstellung des geliebten Vaterlandes war allerdings nur eine Ursache für die  Eliminierung der sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Opferregister des Dritten Reiches.  Es gab nämlich auch andere. Sie wurzelten in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Z. B.  in der Maxime, dass die Ehre der Wehrmacht  nicht angetastet werden durfte. Da der russische Feind ante portas stünde.

Und die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen, auch wenn sie mehr  aufs  Konto der Gestapo, SS usw. kommt, gereichte eben  nicht zur Wehrmachtsehre. Sehr untertrieben gesagt.

Auch ging es in Deutschland in den ersten Nachkriegsdekaden um das Leid der eigenen Kriegsgefangenen in Russland, das von der deutschen Seite zum Topthema des Kalten Krieges  stilisiert wurde. Der Hinweis auf das noch schlimmere Leid der sowjetischen Kriegsgefangenen hätte der politischen Instrumentalisierung    Abbruch getan.

Apropos. Gab es denn ein vergleichbares Leid der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion? Und ob! Das Leid des Einzelnen war durchaus vergleichbar. Die Behandlungsstrategie der Kriegsgefangenen im Stalin- und im Hitlerreich nicht. Wahrhaftigen  Gottes verspüren wir im matrjoschka- team nicht die geringste Affinität  gegenüber dem Massenmörder im Kreml. Aber er reagierte sich zumeist  an den eigenen Landsleuten ab. Eine Dezimierung der deutschen Bevölkerung stand bei ihm nicht auf dem Programm.

So war auch der Hunger in den russischen Kriegsgefangenenlagern zwar die häufigste Todesursache, aber nicht angestrebt, sondern umstandsbedingt. Als sich die meisten deutschen Landser in russische Kriegsgefangenschaft begaben (etwa nach 1942), hungerte ganz  Russland. Weil  seine Speisekammer -  die Ukraine, die Gebiete am Don und Kuban  von der deutschen Wehrmacht besetzt, bzw. verwüstet waren.

Dagegen gerieten die meisten Russen 1941-1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft, als die Versorgung  im  gut organisierten  Deutschland  klappte und das Land noch nicht von der englischen und amerikanischen Luftwaffe arg mitgenommen war.

Aber das nur am Rande. Wir sind nicht für die gegenseitige Aufrechnung von Verbrechen, die bereits in weiter Ferne liegen. Das bringt uns nicht weiter. Wir sind für die Beseitigung der Folgen,  solange  sie noch beseitigt werden können.

Die meisten sowjetischen Kriegsgefangenen, die vergessenen Opfer des Völkermords, weilen nicht mehr unter uns. Aber diejenigen, die noch leben, müssen wenigstens wissen, dass ihr Martyrium nicht vergessen ist. Sie dürfen mit dem Bewusstsein sterben, dass sie als unschuldige Opfer  anerkannt sind. Und vielleicht  sollten sie  die letzten Jahre ihres Lebens nicht unbedingt  in bitterer Armut verbringen, der viele von ihnen ausgesetzt sind, da sie in Russland ausgegrenzt, in Deutschland aber, trotz der Tatsache, dass sie als Sklaven in deutschen Betrieben schufteten, nicht als entschädigungsberechtigt eingestuft werden.

Dem Gedenken der verstorbenen Plenny sind wir alle auch wohl etwas schuldig.

 

Anm. v. Iwan Matrjoschkin, Esq. :

 

Das Hearing im Deutsch-Russischen Museum, Berlin- Karlshorst, fand im Gebäude und sogar  im Saal statt, wo am 8. Mai 1945 die Oberbefehlshaber  der Streitkräfte der Mächte, die gegen das Hitlerreich kämpften, die Kapitulation der deutschen Streitkräfte entgegennahmen. Nach der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde wurde hier ein üppiger Siegerschmaus veranstaltet.

Ach, lieber Gott, wie viele Russen sind da Zaungäste geblieben. Und bleiben es noch. 

Schurke ist, wer deswegen Genugtuung empfindet.  

9.5.02

 

EINE VIEL GELESENE RUSSISCHE WEB-SEITE (MK) MEINT, DER 4. WELTKRIEG TOBT BEREITS MIT ALLER WUCHT UND DER 5. WÜRDE NICHT LANGE AUF SICH  WARTEN LASSEN (SO EIN QUATSCH!)

 

Nach diesem eigenwilligen Geschichtsbild ging der 3. Weltkrieg, gemeinhin als der kalte Krieg bezeichnet, mit dem Untergang der Sowjetunion zu Ende. Das brachte aber nicht den erhofften Frieden. Fünf Jahre später ging eben der 4. Weltkrieg los. Der Krieg zwischen den USA, Japan und Europa um die Wirtschaftspfründe.

 

Ganz neu sind die Kriegsursachen nicht. Seit jeher wurden Kriege um Ressourcen geführt. Solange  der Einsatz militärischer Mittel nicht mit dem Weltuntergang  drohte, hieß es, die Ressourcen dem Rivalen brutal zu entreißen. Jetzt wird der Krieg  mit „friedlichen“   Mitteln (z.B. Steuerung der Finanzströme)     geführt. Aber das Ziel bleibt das alte: die Ressourcen (Energieträger, Rohstoffe, Absatzmärkte) an sich zu reißen  und den Rivalen in eine, seine Aktivitäten hemmende  Lage zu bringen. Das Los der Sowjetunion und dann  Russlands zeigt, der Verlierer hat auch im  Krieg, in dem nicht geschossen wird, wenig zu lachen.

 

Die russische Bevölkerung ist in den vergangenen zehn Jahren so stark zurückgegangen, als hätte Russland  einem militärischen Angriff standhalten müssen.

 

Der 4. Weltkrieg kennt aber auch einen anderen Verlierer: Japan. Die japanische Krise ist  nicht hausgemacht. Sie ist die Folge der wirtschaftlichen Kriegshandlungen  von zwei anderen Global Playern - Europa und die USA. In einer Reihe von  konzertierten Aktionen brachten sie es fertig, Japan in eine Ecke zu drängen und seine Ressourcen zu teilen. Das Ende des Wirtschaftsimperiums in Südostasien  ist  nur eine Frage der Zeit.

 

Was folgt? Der fünfte Weltkrieg. Der zwischen Europa und den USA. Das hat nichts mit alteingefressenen  Animositäten zu tun, sondern ist rein wirtschaftlich bedingt. Die Ressourcen werden immer knapper. Entweder habe ich sie oder du. Was anderes  gibt es nicht.

 

Der erste Schlagabtausch ist schon erfolgt. Die Stahlquote der USA und die europäische Antwort.

 

Die Amerikaner akkumulierten mehr Geld. Sie haben eine modernere Technologie. Sie sind militärisch viel stärker, was auch dann zählt, wenn die Waffen schweigen.

 

Aber der Kampf ist noch nicht entschieden.

 

Wie soll sich Russland positionieren?

 

Der Verfasser des langen Beitrags erörtert drei Varianten. 1. Neutrales Lavieren zwischen den Fronten. Nicht schlecht, aber schwer realisierbar. In einem Weltkrieg kann höchstens ein Land wie die Schweiz neutral bleiben. 2. Russland verbündet sich mit den unterentwickelten  Ländern. Es ist dort willkommen, da es über die nukleare Waffe verfügt und unter Umständen imstande ist, dem Widerstand der ehemaligen 3.Welt gegen den Raub ihrer Ressourcen entschieden beizutragen.  Die USA und Europa sehen das ein. Sie geben  sich  Mühe, Russland im Westen  festzubinden, ohne allerdings mit ihm richtig teilen zu wollen. 3. Russland spielt die Rolle des Juniorpartners eines der zwei Riesen, die unvermeidlich in einen Kampf treten oder vielmehr bereits in ihm stehen, - entweder der USA oder Europas. Die USA können wirtschaftlich  mehr bieten. Aber Europa ist näher: geographisch, kulturell, mental.

 

Hier bricht der auf der site MK vorgestellte Verfasser, der seinen Marx noch nicht vergessen hat, seine verantwortungslosen Spekulationen ab.  Wie weit  er  von  den Realitäten der heutigen Welt  abgerückt ist, zeigt  die Tatsache, dass er kein Wort über den Schicksalskampf der zivilisierten Welt nach dem 11.9.2001 gegen- na ja, gegen Bin Laden-  verliert. Seine grobe materialistische Sichtweise teilen wir, die Holzpuppen, in keiner Weise. Nach unserer Meinung ringt das Abendland   nicht um irgendwelche Ressourcen, sondern  um die  ewigen Werte: Freiheit, Demokratie,  Menschenrechte. Da sind Erdöl, Erze und so weiter sekundär. Wir können auf diese notfalls verzichten.

 

Übrigens schließt sich auch Iwan Matrjoschkin, Esq., dieser  Meinung an. Und nach seiner Auskunft, der NATO- Generalsekretär,  Lord of Port Ellen auch.

24.04.02  

Der Zweite Weltkrieg

DER GEDENKTAG

Der 27. Januar ist im deutschen Kalender der Gedenktag für die
Opfer des Nationalsozialismus.

Die Einrichtung des offiziellen Gedenktages  vor sechs Jahren zeugte von einem neuen Geist in der Berliner Republik. Erst recht die Wahl seines Datums. Denn  dieses erinnert nicht nur an die Opfer des Holocaust, des größten Völkermordes in der europäischen Geschichte. Es erinnert auch daran, wer dem Morden Einhalt gebot. Es erinnert an die Befreiungstat der  Soldaten Russlands.  

 

Der neue Geist der Berliner Republik, der die Einrichtung des Gedenktages  möglich machte, wurde im Prozess der Überwindung des Kalten Krieges auf unserem Kontinent geboren. Des unseligen Geistes der Konfrontation, die verhinderte, dass jenes, was zusammengehört, auch zusammenwächst. Nicht nur in Deutschland.

 

Obwohl dies viel langsamer geschieht als erträumt, sind die Fortschritte unübersehbar. Auch der Fortschritt des Geschichtsbewusstseins in Deutschland. Die falsche Akzentsetzung, die das  Unvergängliche in den Schatten  und das weniger Wichtige in den Vordergrund stellte, wird korrigiert. Auch dadurch, dass am 27. Januar  an die Befreiungstat der sowjetischen Soldaten erinnert wird. Trotz des Missbrauchs durch die machtgeile eigene Führung, trotz ihrer, durch  die  Kriegserlebnisse  provozierten Entgleisungen.   

 

Als russischer Journalist in Deutschland ist man an diesem Tag tief bewegt. Und von Jahr zu Jahr immer mehr. Denn man sieht, wie die Deutschen, auch die junge Generation, den Sinn des Gedenktages tiefer verinnerlichen.  Man sieht es nicht nur in den offiziellen Veranstaltungen, sondern auch in vielen anderen, die auf Initiative der Öffentlichkeit zurückzuführen sind. So  in Sachsenhausen bei Berlin, wo wieder der hier ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht wurde. 

 

Ihr Korrespondent  besuchte auch einen ökumenischen Gottesdienst  in der Kirche  der Hoffnung im Berliner Bezirk Pankow. Die Predigt wurde hier   mit  jüdischen Liedern untermalt, dargeboten von einem Jugendchor. In der letzten Reihe der überfüllten Kirche saß Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

 

Auch andere Politiker aus Prenzlauer Berg und Pankow mischten sich unter die  Gemeindemitglieder .

 

Vor dem Eingang verteilten junge Mädchen Flugblätter gegen Rassismus. Sie hielten  Plakate hoch, die an Deutlichkeit nichts vermissen ließen. „Alle Rassisten sind Arschlöcher“ stand auf einem. Die Kirchenbesucher schmunzelten. Sie nahmen offensichtlich  keinen Anstoß an der Ausdrucksweise. Der Inhalt war ihnen wichtiger. 

 

In unmittelbarer Nähe der Pankower Kirche befindet sich  die Zentrale einer  Zwergpartei. Hinter dem Zaun des Gebäudes, angesichts der angekündigten antifaschistischen Kundgebung von den Hausherren in weiser Voraussicht verlassen, sprang ein Spruchband mit einer primitiven antikommunistischen Parole  ins Auge.    Am Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus als doppelt geschmacklos empfunden.    

 

Die   Ewig- Gestrigen wollen sich  von der im Kalten Krieg gepflegten  Konfrontation nicht verabschieden. Verständlicherweise, da sie in der Atmosphäre gedeihen konnten. Aber das ist passe. Hoffentlich für immer. Und das wachgewordene Gedächtnis der Deutschen,   am heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wieder deutlich sichtbar geworden, ist  eine  zusätzliche Gewähr dafür, dass die Gespenster der Vergangenheit nicht wieder kommen.  

VERSCHLEPPUNG 

Im Zweiten Deutschen Fernsehen läuft  ein dokumentarischer Bericht über ein wenig bekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte. 

Es geht um  die Verschleppung von achthunderttausend deutschen Frauen und Mädchen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion im Jahre 1945. Nur jede dritte überstand die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen und kehrte in die Heimat zurück. Eine grauenvolle Story. 

Einen sowjetischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges erfüllt sie  mit Scham und Wut. Wir haben nicht deswegen gekämpft. Wir wollten nicht, dass  den deutschen Frauen und Mädchen dasselbe passiert wie unzähligen belorussischen, ukrainischen und russischen Frauen auf den von der deutschen Wehrmacht besetzten westlichen Gebieten der Sowjetunion. Wie viel Leid  der deutsche Angriff der sowjetischen Bevölkerung auch brachte, die meisten von uns, auch wenn ihre Familien stark betroffen waren, sannen nicht nach Rache. Sie träumten von einer  Welt  ohne Unrecht und Gewalt. Sie glaubten,   die Sowjetunion strebe ein demokratisches, friedliebendes und mit ihrem Land freundschaftlich verbundenes Deutschland an. Ein Ziel, das mit der Verschleppung der deutschen Frauen und Mädchen und ähnlichem  nicht unter einen Hut zu bringen ist. 

Wären die Verbrechen  nicht passiert, wären die  Beziehungen zwischen unseren Ländern vielleicht anders verlaufen.  So aber waren diese von vornherein vergiftet. Denn Unrecht gebärt Hass , Gewalt - Angst, Lügen- Misstrauen. Zu welchem Zweck sie auch eingesetzt werden, egal. Eine Lehre, die leider Gottes aktuell bleibt.  

Aber zurück in das bereits ferne Jahr 1945. Anscheinend wusste die sowjetische Führung von damals, dass die barbarische Verschleppung und Behandlung der deutschen Frauen und Mädchen keinesfalls der Moral, dem Gerechtigkeitssinn der Russen, dem in der orthodoxen Religion tiefverwurzelten  Gebot der Vergebung  entspricht. Vermutlich wurde deswegen die Verschleppung wie das höchste Staatsgeheimnis behandelt. Kein Wort durfte in die Presse. Nur die unmittelbar Beteiligten oder die Menschen aus der Umgebung der Arbeitslager kriegten etwas davon  mit. Wäre es anders, schlüge den Opfern eine Welle des Mitleids entgegen. Wie im ZDF- Bericht dankenswerterweise an einzelnen Beispielen auch  angedeutet wurde. 

Eine Rechtfertigung für die Tat der sowjetischen Führung gibt es nicht. Aber zum besseren Verständnis  sei hier hinzugefügt, dass in der Tatzeit nicht nur deutsche  Frauen  in den sowjetischen Arbeitslagern gequält wurden. Viel mehr sowjetische Frauen und Mädchen ereilte dasselbe Los. Sie mussten unter den gleichen, wenn nicht noch schlimmeren Bedingungen auch Fronarbeit leisten. Aber auch  diejenigen, die in der relativen Freiheit leben durften, mussten  wie Sklavinnen schuften. Und hungern. Zum Teil hing das gewiss mit der  kriegsbedingten Zerrüttung der Wirtschaft zusammen. Aber vor allem mit der Unmenschlichkeit des Regimes, das die eigenen Untertanen oft noch schlechter behandelte als  Ausländer. 

Bekanntlich schlug das  auf das Regime zurück. Auch wenn es  sich im Laufe der Zeit wandelte, haben die Russen es abgeschafft.  In der Wendezeit   erfuhren sie  vieles, was ihnen früher verheimlicht worden war. Es ist  schwer zu sagen, warum gerade die Verschleppung der deutschen Frauen und Mädchen in der Zeit  nicht an die Öffentlichkeit gebracht wurde. 

Jedenfalls müssen die Russen dem Zweiten Deutschen Fernsehen, vor allem seinem Autor   Guido Knopp, für die Enthüllung der weit zurückliegenden Untat dankbar sein. Umso mehr, dass Herr Knopp mit Fingerspitzengefühl an die Arbeit ging, die Hintergründe auszuleuchten versuchte und  seine Glaubwürdigkeit mit vielen Dokumentarberichten über die Verbrechen  der deutschen Nationalsozialisten unter Beweis stellte. 

Es wäre wünschenswert,  sein Werk im russischen Fernsehen zu zeigen. Von dem, was mal war, auch wenn es scheinbar an der Ehre rührt, darf auf beiden Seiten nichts verschwiegen werden. Nur so entsteht volles Vertrauen.  Mit der derzeitigen, in Berlin viel beachteten Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges gibt Deutschland ein Beispiel der Aufrichtigkeit.  Seinen Tribut an die Geschichte  zahlt auch Russland. Und wird es weiterzahlen.   Hoffentlich.

 

DAS BITTERE AM TAG DER FREUDE

Am 8.Mai, dem Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945 legte Putin einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder. Vor der Kranzniederlegung fand der nicht weniger rituelle Händedruck zwischen dem Präsidenten und der eingeladenen Kriegsveteranen.

Von denen, die nicht eingeladenen wurden, müssen wohl die meisten an diesem ihre Kopeken zusammenzählen, wenn sie sich eine Flasche Wodka leisten wollen. Zwar kriegen die Kriegsveteranen eine aufgestockte Rente, aber auch sie ist, gemessen an Renten in Deutschland, kläglich.

Utro.ru erinnert an die früher geheimgehaltenen Tatsachen. Nach dem Krieg wurde etwa 1,5 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, kaum aus den deutschen KZ-ähnlichen Kriegsgefangenenlagern befreit, wieder in KZ-s gesteckt. Diesmal in die von Stalin. Der generöse Vater aller Werktätigen, der den Krieg so gut managte, dass ein beträchtlicher Teil der Roten Armee gefangengenommen wurde, hielt die Kriegsgefangenen für Vaterlandsverräter. Einschließlich der eigene Sohn, Jakow, der sich in einem deutschen Lager, vom Vater Stalin (wie Millionen seiner Schicksalsgenossen) verraten, das Leben nahm.

Da kaum was anderes von den Russen, durch den großen Terror 1934-1938 in der Heimat gewitzt, erwartet wurde, zogen 180.000 der aus der deutschen Kriegsgefangenschaft befreiter Rotarmisten es vor, im Westen zu bleiben. Ein Teil wurde aber von den Westalliierten aufgegriffen und in die Sowjetunion deportiert. Denen erging es erst recht schlimm.

Und trotzdem...

8.5.01.

Das Kalenderblatt erinnert uns am 8. Mai an das Datum, an dem 1945 der grausamste Krieg in der Menschheitsgeschichte in Europa zu Ende ging. Und zwar mit der bedingungslosen Kapitulation jenes Staates, der ihn ausgelöst hat: des nationalsozialistischen Deutschlands. Die geschichtsbewusste matrjoschka meint:

56 Jahre später, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts- und Jahrtausends, stellt man rückblickend fest, dass nur eine Großmacht jener Staatenkoalition, vor der das nationalsozialistische Deutschland bedingungslos kapitulieren musste, jetzt als wahrer Sieger in Betracht kommt. Die Großmacht, die in dem Krieg die wenigsten Opfer brachte. Die Vereinigten Staaten von Amerika.

Alle anderen, einschließlich Deutschland, waren insofern auch Gewinner des Krieges, dass sie dem Joch des Nationalsozialismus entrinnen konnten. Dennoch sind sie jetzt, obwohl oder vielleicht weil sie im Krieg die meisten Opfer hinnehmen mussten, in die zweite Auswahl der, wie man jetzt sagt, globalen Spieler abgesunken. Ihnen allen droht nun die amerikanische Vorherrschaft. Insbesondere Russland, dem Kernland der Sowjetunion, das in den Kriegsjahren 1941-1945 das meiste für den Sieg über den Aggressor geleistet hat.

Deutschen Äußerungen zum Geschehen ist manchmal und mehr oder weniger unverhohlen eine Schadenfreude darüber anzumerken, dass sich Russland und Deutschland nun in einem etwa umgekehrten Verhältnis als 1945 befinden. Deutschland steht im Zenit seiner Nachkriegsentwicklung, Russland liegt fast am Boden. Weil es der Verlierer des Kalten Krieges ist. Eines Krieges, der nach 1945 einsetzte und zu dessen Gewinnern Deutschland gehört.

Ist die Schadenfreude darüber berechtigt? Kaum. Vieles deutet daraufhin, dass auch der Kalte Krieg letztendlich derselben einzigen Macht nutzte. Den Vereinigten Staaten von Amerika. Er verfestigte ihre Dominanz auf dem alten Kontinent und in der ganzen Welt.

Jetzt sind die USA dabei, diese weiter auszubauen. Mit dem Projekt einer Raketenabwehr, die ihnen eine beispiellose militärische Handlungsfreiheit bescheren würde. Mit einer politischen und wirtschaftlichen Weltoffensive unter dem Markenzeichen Globalisierung.

Einiges deutet daraufhin, dass die Gefahr in Deutschland, im Euroland überhaupt, erkannt wird. Die EU- Staaten rücken zusammen. Wie die offiziell vorgegebenen Gründe auch lauten, sie wollen sich wehren. Von ihrer Souveränität das retten, was noch zu retten ist.

Ein lobenswertes, aber nicht unbedingt sicheres Unterfangen. Weil die USA das europäische Zusammenrücken mit wachen und misstrauischen Augen verfolgen und mit einer Politik beantworten, die ihre eigenen Interessen in Europa absichert. Die amerikanische Beherrschung der europäischen Politik und Wirtschaft darf nicht angetastet werden. Und wenn es opportun erscheint, greifen die USA massiv ins Geschehen auf dem alten Kontinent ein, um dies zu verhindern. Der Krieg auf dem Balkan von 1999, der Europa langfristig belastete und seiner Einigung entgegenwirkte, zeigt es.

Dazu kommt, dass die wirkliche Osterweiterung des Eurolandes verhindert wird. Eine, die keine neuen Gräben auf dem Kontinent zieht, sondern seine riesigen Ressourcen zusammenführt. Deutschland würde davon in einem besonderen Masse profitieren. Doch das entspricht nicht dem USA-Kalkül.

Deswegen wird über eine Einbindung Russlands in Europa zwar viel geredet, aber wenig getan. Es werden Zweifel an der Fähigkeit Russlands vorgebracht, die europäischen Wertevorstellungen zu übernehmen, um die Zögerlichkeit zu rechtfertigen. Als wäre das Land, das die europäische Zivilisation mitprägte, von einem anderen Stern. Und als würde seine Isolierung es für die europäischen Werte empfänglicher machen.

So erscheint die Bilanz der historischen Entwicklung Europas nach dem 8. beziehungsweise 9. Mai 1945 in einem doppelten Licht. Einerseits erlöste der Sieg über den Aggressor den alten Kontinent von der Gefahr des Rückfalls in die Barbarei. Andererseits aber wurde er von den Siegern missbraucht. Zweifelsohne auch von der Sowjetunion, die die begangenen Sünden, vor allem den anderen Staaten Ost- und Mitteleuropas gegenüber, letztendlich mit dem Zerfall büßen musste.

Das ist inzwischen Geschichte geworden. Die Gegenwart wird von einem anderen Missbrauch belastet, der fortdauert. Von dem Missbrauch durch die einzig gebliebene Weltmacht, die Vereinigten Staaten von Amerika.

 

SCHRECKENSSTATISTIK (DANACH ZWEI EMAIL ZUM THEMA)

von der Runetzeitung Polit ru.nach deutschen Erhebungen zusammengestellt, berichtet sie darüber, wie viele Sowjetbürger infolge des Krieges 1941-1945 unfreiwillig ins Reich Hitlers kamen und wie viele für immer blieben. Als Leichen.

Zunächst die Kriegsgefangenen. Nach verschiedenen Quellen erreichte ihre Zahl zwischen 5,6 und 5,1 Millionen. Davon starben in deutschen Kriegsgefangenenlagern ca. zwei Millionen (19 Tausend weniger). Die Todesursache waren Hunger, unerträgliche Arbeitsbelastung und Epidemien.

473 000 Kriegsgefangene wurden hingerichtet. Es reichte nämlich auch das geringste Vergehen, um durch Henkerhand zu sterben.

Unterwegs in die Lager ließen 768 000 ihr Leben.

Insgesamt überlebten 57 bis 60 Prozent die deutsche Kriegsgefangenschaft nicht.

Weniger tragisch war das Schicksal der Ostarbeiter, also der Arbeitssklaven, die aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion nach Deutschland gebracht wurden. Ihre Zahl wird mit ca. fünf Millionen angegeben (21 000 weniger).

In dieser Sparte war die Sterberate nicht so hoch. Etwa "nur" jeder zehnte , bzw. jede zehnte blieb in deutscher Erde. Wobei die genaue Erfassung schwer möglich ist, da eine präzise Statistik fehlt.

Allerdings gibt es noch etwa 700 000 kriegsverbrachte Sowjetbürger in Deutschland, die aus eigenen Stücken nicht in die Heimat zurückkehrten. Sie fürchteten sich , für eine freiwillige Zusammenarbeit mit den Deutschen belangt zu werden. Die meisten aber trauten der Sowjetmacht nicht über den Weg. Da auch ein erzwungener Aufenthalt in Deutschland, erst recht in deutscher Gefangenschaft, in der stalinistischen Sowjetunion als großer Makel angesehen wurde, zogen sie es vor, im Westen zu bleiben.

Rückblickend lässt sich feststellen, dass der deutsch-sowjetische Krieg, am 22.6.41, also vor etwa 60 Jahren mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ausgelöst und am 9. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte beendet, zur größten Begegnung der Deutschen und Russen führte. Auch wenn es in der wechselreichen Nachbarschaftschronik viele andere, weniger tragische Anlässe gab, einander kennen zu lernen, darf dieses Kapitel nicht nur schwarz in schwarz dargestellt werden. Am Rande des großen gegenseitigen Mordens ereignete sich viel, was die Deutschen und die Russen verband. Jedenfalls viel, was sie voreinander fürchten, aber auch einander achten lehrte.

21.4.01

Liebe Holzpuppen,eine Ergänzung zu Eurem letzten Beitrag über die sowjetischen Kriegsopfer. Den französischen Text
schicke ich in eigener Übersetzung.

G.E.

Jean-Luc Bellanger schreibt in "Patriote Résistant", Zeitschrift der Nationalen Föderation der Deportierten und Internierten Widerstandskämpfer und Patrioten (F.N.D.I.R.P.):

Die Zahlen sind grauenhaft: mehr als 3 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener starben während des Krieges, davon 1,5 Millionen während der ersten sechs Monate, die dem Überfall auf die Sowjetunion durch Deutschland folgten. Die Liquidierung der Mehrzahl dieser "Untermenschen" war von den Nazis so vorgesehen. Eine wenig bekannte Tragödie...

Der Anfang des "Unternehmens Barbarossa", wie im geheimen der Überfall auf die Sowjetunion in den Militärplänen der Nazis genannt wurde, war eine riesige Überraschung für die deutsche Bevölkerung. Nichts in der offiziellen Propaganda ließ ein Unternehmen von derartigen Ausmaßen vorhersagen. Die Geheimdienste Goebbels‘ starteten also umgehend einen Propagandafeldzug. Die antikommunistischen, antislawischen und antisemitischen Gefühle waren bereits gut verwurzelt. Man musste die feindlichen Soldaten nur noch als Untermenschen vorzeigen, und vor allem als die "wilden bolschewistischen Mörder"... Die Macher der Wochenschauen fanden nichts Böses daran, Bilder unrasierter, ungewaschener, in zerfetzte Uniformen gekleideter Gefangener zu zeigen, und - äußerstes Geschick! - bevorzugt solcher, die vornehmlich aus den asiatischen Gegenden der UdSSR stammten. Die Legende wurde geboren: der mutige deutsche Soldat kämpft gegen die Barbarei.

Die Naziführer und die Führung der Wehrmacht hatten lange vor dem Überfall mit einem Blitzkrieg gerechnet und mit Millionen sowjetischen Gefangenen. Ihre Verpflegung wurde nicht vorgesehen: sie sollten vor Hunger krepieren. Überdies hatte Hitler ursprünglich verboten, sowjetische Kriegsgefangene auf deutsches Gebiet zu verbringen, und so der Armee in den eroberten Gebieten die Verantwortung überlassen. Die im Juli und August 1941 671 000 sowjetischen Gefangenen mussten täglich zu Fuß 30 bis 40 km zurücklegen. Ihre Nahrung bestand bestenfalls aus wenig Brot und Hirse. Zwischen 300 und maximal 700 Kalorien pro Tag!

Es ist eindeutig, dass das Überleben der sowjetischen Kriegsgefangenen nicht gewollt war. Die Ermordung der Politkommissare oder der zu solchen erklärten wurde angeordnet. Der millionenfache Tod wurde erwünscht und herbeigeführt.

Einer der Verantwortlichen, der Generalquartiermeister der Heeresgruppe Mitte, hat sich im November 1941 deutlich geäußert: "Diejenigen Kriegsgefangenen, die nicht in den Kriegsgefangenenlagern arbeiten, sollen Hungers krepieren"...

Fürs Generalgouvernement, den Teil des durch die Nazis besetzten aber nicht annektierten Polens liegen präzise Zahlen vor. Im Herbst 1941 waren dort 361 612 sowjetische Soldaten interniert. Am 15. April 1942 waren 292 560 davon tot. 17 256 waren dem "SD überstellt" worden, also erschossen, ungefähr 86% waren demnach dem Hunger oder der Krankheit erlegen oder ermordet worden. Heute weiß man, dass vom einen bis zum anderen Ende der Front von den 3 350 000 Gefangenen der ersten sechs Kriegsmonate 1941 an die 60%, also annähernd 2 Millionen, am 1. Februar 1942 tot waren (davon 1 400 000 vor Anfang Dezember 1941).

Die Wehrmacht erstellte anfangs keine systematischen Listen der gefangenen Soldaten. Diejenigen, die an Ort und Stelle umkamen, verschwanden ganz einfach, ohne Spuren zu hinterlassen. Ab dem 2. Juli 1941 hat aber das Oberkommando der Wehrmacht einen Kurswechsel vollzogen. Die sowjetische Regierung hatte sich nämlich unter dem Vorbehalt der Gegenseitigkeit bereit erklärt, dem Internationalen Roten Kreuz die Namen der deutschen Kriegsgefangenen zu liefern.

Indessen wurde in den frontnahen Gebieten erst am 1. Januar 1942 die Anordnung erteilt, den Ort der Gefangenschaft und das Ableben der sowjetischen Gefangenen anzuzeigen. Solche Fälle betreffende regelrechte Karteien existierten in den Kampfzonen erst ab Ende Oktober 1942. In der Praxis wurden die, die überlebt hatten, im allgemeinen erst nach ihrem Eintreffen im Reichsgebiet registriert.

...Dennoch darf man sich nicht vorstellen, dass die auf dem Reichsgebiet ankommenden sowjetischen Soldaten in Baracken untergebracht wurden. Die Militärsperrgebiete, die als "Lager" vorgesehen waren, hatten 1941 gewöhnlich als einzige Besonderheit, dass sie mit Stacheldrahtzaun umgeben waren. Auf dem Gebiet selbst waren praktisch keine Vorkehrungen zur Unterbringung der Menschen getroffen.

So kam es, dass beispielsweise die "Stalags" XI C, XI D et XD von Bergen-Belsen, Oerbke und Wietzendorf, bei Lüneburg, nicht weit von Hannover, Orte des Leidens und des Todes für zig Tausende Sowjets waren. Mehr als 100 000 Kriegsgefangene wurden hier vor November 1941 interniert. Es gab nur Stacheldraht und Wachtürme.

So kam es, dass die Unglücklichen monatelang in den in die Erde des Lagers gegrabenen Hütten Schutz suchen mussten. Unterernährung und Krankheiten, besonders Typhus und Ruhr, töteten in drei Monaten mehr als 50 000 Mann. Diesen Toten muss man natürlich die Ermordeten hinzurechnen, alle diejenigen, die sich in den Lagern von Sachsenhausen oder Buchenwald den scheinbaren Größenmessungen unterziehen mussten, diejenigen, die auf den Schießplätzen der SS in Hebertshausen, nahe Dachau, oder in Neuengamme liquidiert wurden, oder anderswo.

Zu dieser Szenerie bliebe noch die Vielzahl von Misshandlungen hinzuzufügen, die von Zeugen belegt sind: nächtliche Verstopfung der Öffnungen der Erdhütten, um die Insassen zu ersticken, "Gladiatorenkämpfe" unter den Kriegsgefangenen für ein Schälchen Suppe usw. Die Wächter waren entweder ältere Soldaten (was man in Frankreich mit "territoriaux" bezeichnet) oder "Hilfspolizisten", die vornehmlich aus Gebieten stammten, die den Russen feindselig gegenüberstanden.

Hitler und seine fanatischen Anhänger erhofften, den Kampfwillen der Völker der Sowjetunion schnellstens zu brechen. Die Millionen Kriegsgefangenen waren also nur Ballast, nutzlose Esser. Ihr Verschwinden sicherte zusätzlich Raum zur Besiedelung, zur Germanisierung, die gerade die Ziele dieses Krieges waren.

Bald wurde aber deutlich, dass der Krieg lang dauert und in Deutschland Arbeitskräfte fehlen würde. Im Februar 1942 musste einer der Hauptführer der Organisationseinheit "Vierjahresplan" eingestehen: "Die gegenwärtigen Schwierigkeiten im Arbeitskräftebereich wären nicht entstanden, wenn man sich rechtzeitig für einen Einsatz der russischen Kriegsgefangenen entschieden hätte. Wir hatten 3,9 Millionen Russen zur Verfügung, von denen nur 1,1 Millionen übrig geblieben sind. Allein vom November 1941 bis zum Januar 1942 sind 500 000 Russen umgekommen. Die Zahl der gegenwärtig beschäftigten russischen Kriegsgefangenen (400 000) wird kaum gesteigert werden können. Wenn der Typhus zurückgeht, wird man vielleicht nur noch 100 bis 150 000 Russen der Wirtschaft zuführen können."

Die Toten arbeiteten nicht mehr für die Nazi-Industrie....Das war die einzige Sorge der Nazis...

Es gab auch Widerstand. Ich habe selbst in einem Gefängnis in Norddeutschland von der Gestapo verhaftete sowjetische Offiziere gesehen. Die Haltung dieser Kriegsgefangenen war derartig beeindruckend in Würde und Standfestigkeit, dass sie sich auf alle Gefangenen übertrug.

Es bleibt noch das Schicksal der überlebenden Kriegsgefangenen nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion zu erwähnen. Da Stalin wollte, dass ein Soldat sich eher umbringen ließe als lebend in die Hände des Feindes zu fallen, hielt er Kriegsgefangene für Verräter. Nach den Worten von Sergei Ossipov, dem Vizepräsidenten der Kommission für die Kriegsgefangenen, Internierten und Verschollenen beim Präsidenten der Russischen Föderation, haben die in ihre Heimat zurückgekehrten sowjetischen Kriegsgefangenen "ein doppelt tragisches Schicksal erlitten".

EINE GANZ ANDERE E-MAIL ZUM THEMA

1941 begingen die Deutschen keine Greultaten, schon weil sie überall im Westen der SU stürmisch begrüßt und bejubelt wurden - als (vermeintliche) Befreier vom Sowjet-Joch. Die Deutschen wurden erst brutal, als der Partisanenkrieg begann. Und mit Verlaub: Partisanen halte auch ich für das mieseste Pack, das es überhaupt gibt. Nicht weil sie den Feind angreifen, sondern weil sie die eigene Zivilbevölkerung damit gefährden. Denn wenn der Feind nicht mehr unterscheiden kann, ob ihm da ein harmloser Zivilist oder ein Partisan ohne Uniform gegenübersteht, wird er im Zweifel erst schießen und dann fragen. So kommt es dann zur Brutalisierung des Krieges und zur Tötung Unschuldiger. Aber genau das war ja wohl von sowjetischer Seite auch beabsichtigt, um die Bevölkerung gegen die "bösen Faschisten" aufzuhetzen. (Als ob alle Deutschen Nazis gewesen wären!) 1945 wurde auch jedes deutsche Kind, das mal an einem ausgebrannten Panzer spielend erwischt wurde, gleich als vermeintlicher "Wehrwolf" (Partisan) erschossen - und der Unterschied war eben, daß es solche "Wehrwölfe" (außer in den Hirngespinsten Hitlers und der Alliierten) gar nicht gab, während die Partisanen in der SU durchaus Realität waren.

Ja, sehr viele Sowjets, von den Deutschen kriegsgefangen, kehrten nicht heim. Da könnte ich zynisch sein und zurück fragen: Was wäre denn mit ihnen passiert, wenn sie überlebt hätten und Stalin in die Hände gefallen wären? Aber die Frage ist müßig - Sie wissen die Antwort ebenso gut wie ich. Aber ich frage mal ganz unzynisch zurück: Wieviele von den Millionen deutschen Kriegsgefangenen nach 1945 sind denn 1955 lebend (nicht etwa gesund) zurück gekommen? Ich glaube, so an die 5.000... Und es gibt noch einen großen Unterschied: Während eines Krieges, wenn die eigenen Ressourcen knapp sind, kann es schon mal sein, daß die Kriegsgefangenen schlechter verpflegt und behandelt werden; aber nach dem Krieg noch Gefangene verhungern und verrecken zu lassen, ist ein Verbrechen.

Anm. v. M.: Ohne eine Polemik anstrengen zu wollen, möchten wir nur bemerken, dass die Zahl von 5.000 zurückgekehrten deutschen Kriegsgefangenen derart von der Realität abweicht und allen Statistiken widerspricht, dass es überflüssig ist, sie zu korrigieren.

 

GRAFFITIS IM REICHSTAG

Das deutsche Parlament wird sich möglicherweise mit einem Antrag beschäftigen müssen, der die Entfernung von Aufschriften aus dem Jahr 1945 an den Wänden des Reichstagsgebäudes vorsieht. Die Matrjoschka ärgert sich darüber:

Es geht um Kritzeleien sowjetischer Soldaten, die in Berlin dem Krieg in Europa ein Ende machten und im Überschwang der Gefühle Denkzettel an den Mauern des halbzerstörten Gebäudes hinterließen. Zwar kannte man damals das Wort Graffiti in seiner heutigen Bedeutung noch nicht, aber es waren eben echte Graffitis, die unmittelbare Äußerung aufgewühlter Seelen. Sie brachte die Freude zum Ausdruck, den schrecklichen Krieg überlebt und auch den berechtigten Stolz, an einem großen historischen Ereignis, und zwar auf der richtigen Seite, teilgenommen zu haben. Und gleichsam, wenn auch in den meisten Fällen sicherlich unbewusst, spielte als Motiv das Verlangen mit, nicht nur sich selbst, sondern auch jene unzählige Iwanows, Petrows und Sidorows in bleibender Erinnerung zu behalten, die unterwegs von Moskau nach Berlin fielen oder verstümmelt aus dem Kampf ausscheiden mussten.

Danach gab es viele andere Denkmäler, aus Bronze gegossen, aus Granit und Marmor gemeißelt, mit Saluten eingeweiht und von Ehrenwachen versehen. Sie stehen auch in Berlin, werden von Touristen beäugt, Regierungsdelegationen aus Russland legen an ihren Postamenten Kränze nieder. Obwohl in Deutschland ab und zu Stimmen laut werden, die ihre Entfernung fordern, bleiben sie, von Abkommen zwischen Russland und Deutschland geschützt, stehen und werden dankenswerterweise ab und zu renoviert.

Die an die Mauern des Reichstages gekritzelten Zeugnisse der Vergangenheit sind dagegen rechtlich nicht geschützt. Nur der Anstand der deutschen Politiker, ihr Sinn für die Geschichte, ihr Mitleidsgefühl für die Opfer des von den Russen nicht gewollten Krieges bewahrte die Graffitis vor der Vernichtung. Auch als das Reichstagsgebäude wieder aufgerichtet, zum Tagungsort des deutschen Parlaments werden sollte. Damals hat eine kompetente Kommission befunden, dass die Blöcke, so wie sie sind, in die inneren Mauern des Gebäudes integriert werden sollen. Die Experten gingen davon aus, dass die Historie nur dann relevant ist, wenn sie nicht geschönt wird. Wenn nicht der Zeitgeist, sondern der Geist der Wahrheit bei ihrer Darstellung schaltet und waltet. Sonst wird sie unglaubwürdig und verliert ihren erzieherischen Wert.

Dass jetzt eine Gruppe von Bundestagsmitgliedern ausgerechnet die unverfälschtesten Zeugnisse der Vergangenheit beseitigen will, macht einen, der den Krieg mitgemacht hat, betroffen. Umso mehr, dass gerade in der allerletzten Zeit in Deutschland viel getan wird, damit die Zeitgenossen, insbesondere die jüngeren, begreifen, was eigentlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts los war. Die klare Vorstellung darüber wird logischerweise als eine Art Vorkehrung gegen den wachsenden Einfluss neuer Rattenfänger verstanden, die sich wieder an die deutsche Jugend heranmachen.

Sicherlich ist es leicht, die Stellen im Foyer des Bundestages zu übertünchen oder die Aufschriften auf eine andere Weise zu entfernen. Wahrlich keine Heldentat. Sollte es tatsächlich geschehen, würde ein einzigartiges, in seiner Unbefangenheit, Spontanität und Schutzlosigkeit besonders rührendes Denkmal in Europa verschwinden. Ob es im Ausland, vor allem in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wo schwer eine Familie ohne Kriegsopfer zu finden ist, verstanden und honoriert wird, ist kaum anzunehmen. Genauso wenig wahrscheinlich ist es, dass sich auch die Deutschen in ihrer Mehrzahl darüber freuen. Vermutlich erwarten sie von ihren Parlamentsabgeordneten am wenigsten Spiegelfechtereien mit einem sehr zweifelhaften politischen Hintergrund.

4.4.01

2. EINE RUSSIN IN WEIMAR

Es ist allgemein bekannt, welchen Beitrag Weimar zur Kulturentwicklung Deutschlands leistete. Jedes fleißige Schulkind weiß, dass die thüringische Stadt die Wiege der deutschen klassischen Literatur war, die Heimstätte von Goethe und Schiller und auch von anderen, nicht ganz so bedeutenden Dichtern wie zum Beispiel Wieland.

Weniger bekannt ist allerdings die Tatsache, dass zum Weltruhm Weimars eine Russin einiges beigetragen hat. Die Russin war weder Dichterin noch Künstlerin. Obwohl sie durchaus eine musische Ader besaß und für den Hausgebrauch ganz nette Gedichte schrieb, bestand ihr Beitrag darin, dass sie Dichtern und Künstlern das gab, was diese am dringendsten brauchen, um richtig produktiv zu sein. Es ist bekanntlich das liebe Geld. Sie war nämlich sehr spendabel und förderte aus ihrer Privatkasse die Weimarer Kultur. Und die Kasse war prall gefüllt, denn die Dame gehörte zur russischen Zarenfamilie, war eine russische Großfürstin, Tochter des russischen Zaren Pawel des Ersten und Lieblingsschwester der russischen Zaren Alexander des Ersten und Nikolaus des Ersten.

Das russische Geld war für Weimar besonders wichtig, da der kleine Staat, eines der im vorigen Jahrhundert zahlreichen deutschen Duodezfürstentümer, tief in den roten Zahlen steckte. Seine Staatskasse wurde durch die bereits damals wuchernde Bürokratie so stark in Anspruch genommen, dass für die Kultur kaum etwas übrig blieb. Dem thüringischen Herzog fehlte ständig das nötige Kleingeld für Dichter, Philosophen und Schauspieler, die er großzügig nach Weimar und Jena einlud und die auch danach strebten, im Refugium der deutschen Klassik tätig zu werden. Er erhöhte zwar ständig die Steuern, wie es eben die Herrschenden zu allen Zeiten und allerorten zu tun pflegen, um die Geldsorgen loszuwerden. Doch aus einer Bevölkerung von etwa sage und schreibe dreizehnzehntausend Seelen konnte kein Steuereintreiber viel herauspressen. Und mindestens ein Drittel der Bevölkerung stellten in Weimar die Privilegierten - Beamte, Höflinge, Militär, die keine Steuern zahlten. Damals war es eben ein Privileg nicht der Reichen, sondern der Adligen, von den Steuern befreit zu werden.

Aber der liebe Gott ließ den thüringischen Hort der schönen Künste nicht im Stich. Durch Vermittlung des preußischen Königs erhielt der Sohn des fast mittellosen Großherzogs eine sehr vermögende Ehefrau. Sie wurde von ihren erlauchten Verwandten in St. Petersburg mit einer riesigen Mitgift ausgestattet und kam nach Weimar mit viel mehr Geld als ihr junger Gemahl je gesehen hatte. Auch und besonders, als er 1828 den Vater beerbte und die Regierung in Weimar übernahm.

Respektvolles Staunen erweckte Maria, geborene Romanow, bereits beim Brauteinzug 1804 in Weimar. Achtzig Wagen, von kleinen, zottigen Pferden gezogen und von Kosaken geleitet, brachten ihre Aussteuer von der Newa an die Ilm.

Die Großfürstin und später auch die Großherzogin von Weimar-Sachsen Maria Pawlowna oder Paulowna, wie sie in Deutschland halb russisch und halb deutsch genannt wurde, besaß aber nicht nur viel Geld, sondern auch eine echte Zuneigung zur dichtenden, philosophierenden und theaterspielenden Zunft. So erblickte sie ihre Aufgabe in Weimar darin, den durch Goethe und Schiller begründeten Ruf der Stadt zu erhalten und die Dichtung, Philosophie und Theaterkunst nicht versauern zu lassen. Dabei tief in die eigene Schatulle zu greifen, war für sie selbstverständlich. Es ist eben so, dass den russischen Zaren vieles vorgeworfen werden konnte, bloß geizig waren sie selten. Zwar galt die Freigebigkeit der Majestäten aus St. Petersburg meistens dem Militär, dennoch gab es in diesem Punkt auch Ausnahmen. Und Maria Paulowna war eine solche. Sie wollte Weimar und dem ganzen Deutschland zeigen, wozu eine russische Prinzessin in punkto Kulturförderung fähig ist. Und der deutschen Kultur fühlte sie sich sowieso verbunden. Schließlich hieß ihre Oma väterlicherseits Prinzessin Sophie – Friederike - Auguste von Anhalt - Zerbst, mehr unter dem Namen Katharina die Zweite, bzw. die Große bekannt. So betrachtete Maria Paulowna Deutschland als ein Land, mit dem Russland für immer zusammen gehen sollte und dessen Geist, mit der russischen Stärke vereint, viel ausrichten könnte. Wie es die große Katharina der ganzen Welt bewies.

Für Weimar und - wenn man weiterdenkt - für die ganze deutsche Kulturlandschaft war Maria Paulowna ein richtiger Segen. Denn das Geld aus St. Petersburg floss in viele Einrichtungen, die mit dem Ziel ins Leben gerufen wurden, das Erbe von Goethe und Schiller zu erhalten und zu mehren. Dazu gehörten Archive, Museen, wissenschaftliche Forschungsstellen, aber auch das Weimarer Theater, später mit Recht das Nationaltheater genannt, wo viele dramatische Dichtungen von in der Stadt beheimateten Dichtern zuerst aufgeführt worden waren.

Erwähnt sei, dass die Großfürstin Maria ein für ihr Elternhaus erstaunliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit den launischen Poeten und Philosophen besaß. Geerbt haben konnte sie es kaum, höchstens von der Oma. Der Vater, der bereits erwähnte Pawel der Erste, hatte nur seine nach preußischem Muster bezopften Soldaten im Sinn, die er von früh bis spät exerzieren ließ.

Marias älterer Bruder Alexander der Erste, übrigens Michail Gorbatschow äußerlich und nach dem Gehabe sehr ähnlich, verkündete zwar, er sei ein Freund der schönen Künste, erhärtete aber die Zensurbestimmungen in Russland und verschrieb sich nach den ersten misslungenen Reformversuchen den Dunkelmännern. Das denkende und kunstschaffende Russland war richtig erleichtert, als er 1825 starb. Sein und der Großfürstin Marias Bruder Nikolaus, der daraufhin in St. Petersburg den Thron bestieg, erwarb sich mit seinen Demütigungen des russischen Nationaldichters Puschkin und grausamen Verfolgungen anderer freidenkender Literaten einen sehr zweifelhaften Ruhm. So war Maria ein weißer Rabe in dieser Familie von Despoten und Ignoranten. Sehr belesen, für alles Schöne zugänglich, füllte sie die selbstgewählte Rolle der guten Fee der Dichter, Philosophen und Schauspieler in Deutschland ohne Mühe aus. Deutsch beherrschte sie, wie manche andere Fremdsprache, gut, so dass es für sie in der neuen Heimat keine Sprachbarrieren gab, auch wenn ihr der Weimarer Dialekt nicht auf Anhieb von der Zunge ging.

Kurzum, sie fühlte sich in dem fremden Lande, das allerdings damals in Russland etwa so wie ein Vetter in einer zusammenhaltenden Familie empfunden wurde, sehr heimisch. Doch nie leugnete sie ihre russische Herkunft. Im lutherischen Weimar blieb sie russisch-orthodox und ließ sogar eine orthodoxe Grabkapelle bauen, und zwar auf eigens aus Russland herbeigeschaffter Erde, wo sie bestattet werden wollte. Wenn sie eine unfreundliche oder unkorrekte Äußerung über Russland hörte, meldete sie sich zu Wort und sorgte dafür, dass das Bild ihres Vaterlandes zurechtgerückt wurde.

Allerdings war es damals in Deutschland weniger üblich als später, über Russland zu lästern. Es wirkte noch die Dankbarkeit für die opferreiche Tat der russischen Soldaten nach, die die Grand Armee Napoleons 1812-1813 in die Flucht geschlagen und damit Deutschland von einem Besatzungsregime befreit hatten. Gewiss waren die Kosaken keine Engel, und als sie durch die deutschen Städte zogen, haben sie sich einiges zuschulden kommen lassen. Aber - das sei hier ganz unpolemisch angemerkt - im Vergleich mit der französischen Besatzung erschienen die Kosakenübergriffe weniger schlimm. Für mich, die ahnungslose Holzpuppe, war es übrigens neu, als ich in Weimar viele Zeitzeugnisse der französischen Schandtaten - Morde an Zivilisten, Raubzüge, Vergewaltigungen- las. Das hätte ich den Söhnen des charmanten Volkes nie zugetraut.

Zurück zu Maria Paulowna. Obwohl sie sich ihrer Zugehörigkeit zu der damals wohl mächtigsten Dynastie in Europa bewusst war, ließ sie sich keine Spur vor Hochnäsigkeit anmerken. Im Inneren zog sie wohl Vergleiche zwischen der damaligen deutschen Enge, im Zwergstaat Weimar besonders spürbar, und dem riesigen, sich auf zwei Weltteile erstreckenden Russischen

Reich, aber niemand hörte von ihr abschätzende Meinungen über die Wahlheimat. Peu a peu übernahm sie die neuen Aufgaben, die die Regierungsgeschäfte in Weimar erforderten, ohne dadurch ihre Mäzeninnenrolle zu vernachlässigen. Um die Staatsgeschäfte musste sie sich kümmern, weil ihr Herr Gemahl, der Herzog, ein Träumer war und sich sehr gern zurückzog, um seine umfangreiche Sammlung von Kitsch aus vielen Ländern zu pflegen.

Auch als die im Hintergrund mitregierende Person eroberte sie die Herzen der Weimaraner, da sie die Staatsfinanzen sehr vorausschauend und umsichtig verwaltete und sich bemühte, die niederen Stände nicht zu sehr zu schröpfen.

Es gab in ihrem Leben auch Unangenehmes. Die Atmosphäre in Deutschland wurde damals zunehmend vom aufkommenden Nationalismus beeinflusst, der mitunter auch militante Formen annahm. Bezeichnend dafür war der Mord an einem gewissen August von Kotzebue. Er war ein gebürtiger Weimaraner, der wie viele Tausende anderer seiner deutschen Landsleute im Befreiungskrieg gegen Napoleon, also 1812-1813, in der russischen Armee gekämpft hatte. Bekannt machten ihn seine sehr unterhaltenden Bühnenstücke. Zeitweise waren sie auf der Weimarer Bühne häufiger zu sehen als die von Schiller. Zum Verhängnis wurde ihm der Briefwechsel mit seinen alten Kameraden aus St. Petersburg. Die Briefe wurden, wie es dem Hörensagen nach in wohleingerichteten Staaten auch jetzt passieren soll, abgefangen. Die Menschen in Deutschland, denen die guten Beziehungen zu Russland gegen den Strich gingen, sorgten dafür, dass Kotzebue als russischer Spion verschrien wurde. Bald fand sich ein halbverrückter Superpatriot, der gegen den Dichter ein Attentat ausführte und ihn umbrachte. Eine Folge der Spionomanie, die auch nicht erst heute erfunden wurde. Es war ein Schock für die russische Prinzessin.

Doch zurück zu den angenehmen Seiten im Leben Maria Pawlownas in Weimar. Es ist überliefert, dass die Prinzessin aus dem Hause Romanow einen sehr ungezwungenen Umgang mit musisch veranlagten Menschen pflegte, auch wenn sie keine "von" waren. In Weimar fiel das stark auf, da hier, wie auch an den anderen Zwergfürstenhöfen in Deutschland, die Etikette über alles ging. So durfte Goethe, obwohl der erste Minister in Weimar, nicht an einer Tafel mit adligen Höflingen speisen. Ihm wurde an einem Nebentisch gedeckt. Erst als der berühmte Dichter geadelt worden war, durfte er an demselben Tisch mit dem Herzog und seiner Hofkamarilla sitzen.

Im Inneren ihrer Seele fand Maria Paulowna die Etikette lächerlich. Auch wenn sie selbst den Konventionen folgte, um jeden Skandal zu vermeiden, ließ sie sich privat, ohne dies an die große Glocke zu hängen, ein bisschen gehen. Sie lud geistreiche Menschen ein, ohne auf die Herkunft zu achten, rezitierte mit ihnen Gedichte, sang nach Herzenslust, spielte damals übliche Gesellschaftsspiele. Die Partys zogen sich bis tief in die Nacht hinein. Öfter fand die Bedienung die Herzogin und ihre Gäste schlafend, aneinandergelehnt neben Weinflaschen . Schurke ist, wer dabei an Unzucht denkt. Einer Prinzessin Di ähnelte die Prinzessin Maria nicht. Sie hielt ihrem schwächlichen Gemahl die Treue und hatte keine Liebhaber. Eine russische Prinzessin eben, erzogen nach den strengen Grundsätzen der Orthodoxie.

Es gab natürlich auch am Zarenhof ganz andere Fälle - denken wir wieder an die Katharina - doch im allgemeinen herrschten in St. Petersburg strengere Sitten als in Paris oder Rom.

Maria Paulowna regierte dreißig Jahre in Weimar, und ihre Zeit, die an die Blütezeit des Weimarer Geisteslebens anschloss, setzte die Tradition fort und festigte sie sogar. Weimar wäre nicht Weimar, hätte es nicht das Glück gehabt, von der russischen Prinzessin regiert und zum Teil auch ausgehalten zu werden.

 

3. SPLITTER

HABEN ERST DIE RUSSEN EUROPA ZIVILISIERT? EINE NEUE CHRONOLOGIE DER WELTGESCHICHTE.

Die Holzpuppen sind verwirrt. Durch die neue Chronologie der Geschichte Russlands und Europas. Aufgestellt von dem namhaften russischen Wissenschaftler A.T. Fomenko. Unterstützt von mehreren russischen Persönlichkeiten mit Rang. Darunter der erst (oder zweit) beste Schachspieler der Welt Harry Kasparow. Er hat sich mit der neuen Chronologie  und ihrem Begründer Fomenko sehr gut vertraut gemacht.  Wir übernehmen, stark gekürzt, aus dem Runet seine Sicht der neuen, sensationellen Chronologie, ohne uns damit zu identifizieren. Erst wenn der Chefhistoriker von matrjoschka-online.de  Iwan Matrjoschkin, Esq., sein Urteil spricht, geben wir eine umfassende Stellungnahme ab. Vorerst müssen die Leser mit der Theorie des Herrn Fomenko in der Darlegung des  Schachspielers Kasparow Vorlieb nehmen. Also, das Wort hat Harry Kasparow:

Die neue Chronologie geht uns alle an, ob Berufs- oder Laienhistoriker, Händler oder Schachspieler, Politiker oder Landwirt. Denn wir alle haben in der Schule die Geschichte gelernt, die nicht stimmt. Damit stimmen auch  alle anderen Wissenschaften nicht. Sie sind auf Sand gebaut. Wenn  unsere Zivilisation nicht fünftausend, sondern nur anderthalb tausend Jahre alt ist, dann liefen alle historischen Ereignisse  in viel kürzeren Zeitabschnitten ab. Und sie werden auch anders ablaufen, als wir uns denken.  Wir müssen also nicht nur unser Bild der Vergangenheit, sondern auch unsere Zukunftsvisionen  radikal revidieren.   

Von Kindheit an werden wir mit falschem Wissen vollgepumpt. Wir lesen griechische Sagen und historische Romane, gucken Filme, die nicht stimmen.   Wir können uns nicht vorstellen, dass die Geschichte des antiken Griechenlands oder Roms erdacht ist. Es ist aber so.   

Wenn von Sokrates, Platon oder Aristoteles die Rede ist, darf nicht vergessen werden, dass ihre Bücher hoffnungslos verschollen waren. Es verging viel Zeit, bevor sie wieder auftauchten, wie übrigens alle Werke der alten griechischen und römischen Geschichtsschreiber. Woher wissen wir von den Feldzügen Alexanders des Großen? Aus dem Werk Arrians. Und Arrian lebte vierhundert Jahre nach Alexanders Feldzügen. Nach vierhundert Jahren tat sich die erste Quelle auf, die dann alle zitierten. Sie führte aber in die Irre.

Ein anderes Beispiel. Die ersten Landkarten kamen im 15. Jahrhundert auf. Wie auch viele  spätere Karten sind es Fantasieprodukte.

Eine Karte aus dem 18. Jahrhunderts,   in die  der Amazonas richtig eingezeichnet ist,  ist  eine gefälschte. Eine, auf der alle Arme des Nils bis hin zum Victoria-See zu sehen sind, auch. Denn die  Engländer gelangten erst 1858 dorthin. Das ist ein Beispiel dessen, wie unzuverlässig unsere Quellen sind. Wir nehmen sie aber ernst. Obwohl wir das nicht tun sollten. 

Das betrifft nicht nur Landkarten. Heutzutage glauben alle, etwas über die Vergangenheit zu wissen. Hauptsächlich aber glaubt man Mythen. Ganz anders die neue Chronologie. Ihre Richtigkeit und Begründung lässt sich mathematisch belegen. Und genau das machen Akademiemitglied Fomenko und seine Nachfolger. Sie rechnen die sogenannten Duplikate der Herrscherdynastien in verschiedenen Erdteilen heraus und beweisen damit, dass diese ein und dieselben Personen sind, nur unter anderem Namen geführt werden.   

Nach Gesprächen mit A.T.Fomenko und dem lesen seiner Bücher weiß ich, dass der tatarische Khan Baty und der slawische Fürst Jaroslaw der Weise ein und dieselbe Person sind. Dadurch wird die ganze altrussische Geschichte umgekrempelt.

Unsere Version: Die Menschheitsgeschichte ist viel kürzer als vermutet. Sie dauerte zwölf, dreizehn Jahrhunderte, vielleicht sogar weniger. Die Geburt Christi fällt beispielsweise genau mit einem wichtigen astronomischen Ereignis zusammen – dem Aufleuchten eines neuen Stern im Jahre 1054. Das war der Stern von Bethlehem.

Die Stadt, in der Christus predigte, war nicht Jerusalem, sondern Konstantinopel, das heutige Instanbul. 

Wer einmal in Jerusalem war, hat gesehen, dass es dort weder Bäume noch Berge gibt. Auf alten bildlichen Darstellungen der Kreuzigung Jesu sind Berge und Bäume zu sehen. Das ist nicht Jerusalem, das ist die Umgebung Istanbuls. 

Die Geschichtsfälschung war eine Folge des überwältigenden Siegs Westeuropas im Kampf gegen die Horden aus dem Osten. Die Osthorde, das ist das alte Russland. Ein Riesenreich, das vor der Erfindung der Feuerwaffe unbesiegbar war und nur mit der Reiterarmee praktisch die gesamte von Menschen bewohnte Welt besiegte. Begründer dieses gewaltigen Imperiums war ein Mensch, der verschiedene Namen trug. Die einen hielten ihn für den Tataren Tschingis Khan, andere für den Russen Juri Dolgoruki. Sein Sohn hat ebenfalls viele historische Namen: Jaroslaw der Weise, Khan Batyr, Friedrich Barbarossa. Allerdings handelt es sich immer um ein und dieselbe Person.

Was wissen wir von Jaroslaw dem Weisen? Dieser Fürst der Kiewer Rus verbandelte alle seine Kinder im 11. Jahrhundert mit europäischen Königshäusern. Er selbst war mit einer schwedischen Prinzessin verheiratet, einer seiner Söhne hatte eine polnische, ein anderer eine griechische Königin zur Frau, die jüngste Tochter verheiratete er mit einem ungarischen Herrscher, der älteren Tochter machte der norwegische Prinz Harold den Hof. Die mittlere Tochter verkuppelte er mit dem französischen König. Wie schaffte er das? Jaroslaws Reiterarmee stand auf dem Territorium des heutigen Westeuropas. Deshalb schätzte sich der französische König glücklich, die Tochter des großen slawischen Zaren ehelichen zu dürfen.      

Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts vollzog sich der Wechsel praktischer sämtlicher Königsdynastien in Europa. Erstens in Russland selbst. Hier wurde die alte Dynastie von den Romanows abgelöst, prowestlichen Usurpatoren aus einem drittrangigen Geschlecht, das als erstes die russische Geschichte verfälschte. In Frankreich verschwand die Dynastie Valuar, eben jene, in der slawisches Blut floss. Neue Dynastien übernahmen die Macht. Und die Geschichtsfälschung nahm ihren Lauf mit dem Zweck, die Slawen aus der europäischen Zivilisation zu verbannen.   

Römische und griechische Grabsteine, die als Beweis für die Existenz antiker Staaten gelten, stammen aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert. Auf allen fehlt die Datierung, und wenn es doch mal eine gibt, widerspricht sie den herkömmlichen Geschichtsvorstellungen. Es ist also falsch, die Geschichte der europäischen Zivilisation von Griechenland und Rom abzuleiten.  

In die Münzen türkischer Sultane wurden drei Lilien und das christliche Kreuz eingeprägt, auch das Bildnis des Imperators, obwohl der Islam die Porträtdarstellung verbietet. Die Erklärung ist ganz einfach: Der Imperator Justinian war Christ und Slawe. Doch die westeuropäischen Historiker wollten das nicht wahr haben.   

Die Romanows fälschten die russische Geschichte, denn sie waren ein hinterweltlerisches Bojarengeschlecht aus Westrussland. Sie erfanden die Version, alle russischen Zarenfamilien stammten aus ihrer Region. Die Romanows waren nicht die gesetzmäßigen Anwärter auf den russischen Thron, sie rissen ihn im Ergebnis des Bürgerkriegs an sich. Dieser Bürgerkrieg hörte Ende des 18. Jahrhunderts auf. Was ging um diese Zeit in Russland vor sich? Der Bauernaufstand unter Jemilian Pugatschow. Seine Mannen rückten auf der Wolga vor und nahmen nach etlichen Siegen die Stadt Kasan ein. Danach überquerten sie die Wolga und bewegten sich auf Moskau zu.   

Mit großer Mühe konnte die Armee der Deutschen, Katharinas der Großen, ihren Angriff stoppen. Das war ein richtiger Krieg. Das Russland der Romanows führte ihn gegen den an der Wolga gegründeten russischen Staat, den größten Staat der Welt, von dem heutige Historiker keine Ahnung haben. 

Jetzt wird  klar, warum das russische Volk den Sibirier Pugatschow für den Repräsentanten der gesetzlichen Dynastie hielten.

Auch der Krieg gegen einen anderen Führer der russischen Bauern, Stepan Rasin, ist eine Etappe des Krieges, der mit der Thronbesteigung der deutschfreundlichen Romanowfamilie begann. 

Nehmen wir die Tataren. Wie konnten die die ganze Welt erobern? Aber es gab keine Tataren in Europa. Es gab Tartaren. So nannte man in Westeuropa lange Zeit die Kosakenkavallerie aus dem Osten. Die Kosaken vom Dnepr, Kuban usw.   

Das spricht auch von der großen Rolle Russlands bei der Entstehung der europäischen Zivilisation.

Anm. v. Iwan M. , Esq.  Wie eingangs mitgeteilt, bin ich jetzt ins Studium alter Chroniken vertieft, um die Theorie von Fomenko und Kasparow kompetent einschätzen zu können. Aber schon jetzt  bin ich  imstande, darauf hinzuweisen, dass die neue Chronologie der Weltgeschichte die Rolle Russlands in der Weltzivilisation in neuem Licht erstrahlen lässt. Denn daraus folgt, dass alle Theorien, die europäische Zivilisationleite sich vom antiken Athen und Rom ab ,  Quatsch sind . Russland hat Europa zivilisiert, sonst niemand. Und Jesus war vermutlich auch ein Russe.

Was mich dabei etwas stört, sind die Namen der Theoretiker. Fomenko... Ist es ein russischer oder ein ukrainischer Name?  Ist der Mann also ein Landsmann von Putin oder von Kutschma? Im ersten Falle ist alles OK. Im zweiten... Na ja. Und Kasparow? Noch dazu Harry? Ist da kein fremdes Blut im Spiel? Ich bin nämlich dafür, dass jede Stellungnahme  über Russland zuerst mal danach beurteilt wird, wer diese macht. Nur wenn derjenige so einwandfrei ist wie ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., kann man ihm vorbehaltlos  vertrauen. Sonst geht man unter Umständen einem Russenhasser auf den Leim.  In diesem Zusammenhang macht mich die Tatsache hellhörig, dass Harry Kasparow den Märtyrertod  unseres Herrn nach Istanbul verlegt.  Zwar ist die Türkei ein Nato- Mitglied und an der Schwelle der EU steht sie auch, aber ist sie christlich? Obwohl auch Jerusalem... Na ja.

Könnten denn die Herren Fomenko und Kasparow Golgatha nicht gleich nach Sankt- Petersburg verlegen? In die Geburtstadt meines Freundes W.W.P.? Wenn schon, denn schon...

Und noch etwas: Folgt man der neuen Chronologie, haben erst die Russen Europa zivilisiert. Daraus kann man schließen, die europäische Zivilisation wird nicht von den Russen, sondern von den übrigen Europäern bedroht. Bei aller Anziehungskraft dieser These finde ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., sie etwas  unzeitgemäß. Es ist noch nicht die Zeit gekommen, die Russen so hoch über alle anderen zu hieven. Noch nicht.  Noch...

5.1.03  

 

DER NAHE OSTEN ALS ZÜNDER DES 3.WELTKRIEGES??? 

Nein,- meint der Fraktionschef  der kremlnahen „Einheit“ in der russischen Staatsduma, Wladimir Pechtin. (Ein solider Experte).  Die Weltgemeinschaft lässt nicht zu, dass der Nahostkonflikt zum 3. Weltkrieg ausartet. Aus den weiteren Ausführungen des Herrn folgt, die meiste Hoffnung knüpft er an die demnächst startende Friedensmission des russischen Präsidenten Putin (strana.ru). 

Ja,- meint ein anderer (unsolider)Experte auf einer ziemlich ominösen site des Runets (ergo.ru).  Der 3.Weltkrieg  stehe an der Schwelle. Er untermauert die Prognose mit einer Reise in die Vergangenheit:

  1. Die Geschichte lehrt, Kriege gehören zum Leben der Menschen wie das Amen zum Gebet.

  2. Einer globalisierten Welt entspricht ein globaler Krieg.

  3. Jeder neue Krieg führt das  Anliegen des gewesenen weiter.

  4. Normalerweise findet ein Krieg erst dann sein Ende, wenn die Waffen ihre Wirkung voll entfaltet haben.

  5. Der 2. Weltkrieg ist in der Hinsicht  ein unvollendeter Krieg gewesen.

  6. Weil die Atomwaffe, die Deutschland auslöschen sollte, „nur“ gegen Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurde.

  7. Ergo muss der 3.Weltkrieg her. Mit massivem Einsatz der Atomwaffen. Und zwar vor allem gegen Deutschland (siehe 4,5,6). Seine ehemaligen Kriegsgegner wussten, bzw. wissen  schon, warum sie ihm die Atomwaffe verboten und  weiter verbieten.

Wer hat bessere mentale, psychologische und technische Voraussetzungen            als Israel, um den Krieg zu zünden? Ein Land, dessen Eliten das Holocausttrauma nicht überwinden konnten ?- fragt abschließend der finstere Verfasser dieses eindeutig gefärbten Unsinns, von dem sich die angewiderten Holzpuppen hiermit distanzieren.

14.04.02

 

DIE FORMIERTE GESELLSCHAFT: DIE VERBINDUNG ZWISCHEN DEM STALINISTISCHEN UND DEM USA-PROJEKT

 

Unter dem provozierenden Titel bringt die Runetzeitung „безшор.ru“   die nachfolgenden Überlegungen:

 

Das sowjetische Zeitalter bescherte  Russland ein Phänomen: die virtuelle Realität, die sich von der tatsächlichen immer weiter entfernte. Es war eine totale Selbstinszenierung des realen Sozialismus, die von früh bis spät und allgegenwärtig auf der öffentlichen  Bühne lief. Die vollkommenste virtuelle Realität, auch wenn sie lange vor der Erfindung des Computers, des Internets, sogar vor dem Massen TV existierte.

 

Kaum jemand in der Sowjetunion konnte sich dem Sog entziehen. Höchstens durch Selbstmord, wie der  geniale  Wladimir Majakowski 1930. Aber auch er wurde posthum von Stalin persönlich zum „besten begabtesten Dichter unserer neuen sowjetischen Epoche“ ernannt. Die späte Rache des Diktators  am Poeten, der viel mehr als ein Hofpoet sein wollte und das Bühnenbild der virtuellen Realität durch seine bloße Anwesenheit  unglaubwürdig machte.

 

Es ging bunt zu. Ein Literat, Maler, Regisseur u.s.w., aber auch ein Politiker und Staatsmann, ein Wirtschaftsexperte und ein Flieger  konnte heute auf einen ganz hohen Sockel erhoben werden, um morgen  trotzdem ganz tief zu stürzen. Und keiner wusste, warum, am wenigsten er selbst.  Es  machte das Leben richtig spannend. „Es gibt eine Faszination, am Rande der düsteren Schlucht zu stehen“, wie ein russischer Dichter  formulierte.     

 

Das absurde Theater auf der offenen Bühne unter der Regie des Staates nahm an  Faszination zu.  Zum Spektakel wurden z.B.  Gerichtsverhandlungen über  erdichtete Untaten der ehemaligen, in Ungnade gefallenen   Kampfgefährten des Diktators, sorgfältig geplant und bis zum letzten Wort vorsorglich einstudiert.  Die Beteiligten mussten nur eins erledigen: ihre Sprüche brav runterleiern. Zwar taten es die einen, weil sie sich selbst und ihren Angehörigen die  Qualen ersparen wollten, die anderen dagegen, um sich im Scheinwerferlicht produzieren zu dürfen und emporzusteigen, aber Schauspieler waren sie alle, und zu den Schaulustigen  gehörten 300 Millionen Untertanen, das vor süßem Horror verstummte Ausland nicht mitgezählt.

 

Der Staat, der sich fürs wahre Vaterland aller Werktätigen und Unterdrückten der Welt  hielt, ging zwar in die Binsen, aber die von ihm vorgenommene Erkundung der Grenzen des Möglichen bei der Erschaffung des virtuellen Weltalls ist nicht überflüssig geworden. Er hat Nachfolger in der Kunst, das X fürs Y auszugeben- und zwar so total, dass nur ganz wenige hinter der virtuellen Realität  die Realität ohne Beiwort vermuten.

 

Alle Zweifel darüber müssten eigentlich nach dem 11.09. 2001 ausgeräumt sein.  Selbst der Vater aller Völker der Welt, der den Westen fürs Reich des Bösen hielt und entsprechend dieser  Überzeugung in jedem russischen Zimmermann, kasachischen Hirten oder dem die Rentiere züchtenden Eskimo die gekaufte Kreatur  des Leibhaftigen witterte, hätte wohl das Spektakel nicht besser aufziehen können, als es ganz andere Regisseure taten. Sie- und nicht die Terroristen, wie diese auch zu verdammen sind, - verändern jetzt im Eiltempo unsere Welt, wie Stalin und seine Clique das Sowjetrussland verändert hatten, das danach verdientermaßen wie eine Blase platzte. 

 

Anm. In dem Runet-Beitrag geht es in dem Sinne weiter, wir muten aber  unseren Lesern den weiteren Unsinn nicht zu. Auch weil da Namen genannt werden, die im matrjoschka- team, einschließlich sogar Iwan Matrjoschkin, Esq.,nur mit Ehrfurcht genannt werden.

28.2.02

 

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