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1.KALININGRAD

WLADIMIR PUTIN ALS GEISEL IN KÖNIGSBERG??

Anlass zu Spekulationen darüber gab die Runet-site APN, die nicht gerade  zu den vertrauenswürdigsten gehört. Sie meldete den Bau einer neuen Putin- Residenz in der Kurischen Nehrung bei Kaliningrad (Königsberg). Auch die Kosten seien ihr bekannt: 50 Millionen Dollar. 

Kurz davor berichtete dieselbe Runet-site von dem geheimen Projekt des Kreml, den russischen Teil Ostpreußens, nach dem Krieg 1941-1945 der SU zugeschlagen, an Deutschland zurückzugeben. Nicht ganz umsonst: die Leistung soll angeblich mit 50 Milliarden Dollar zu Buche schlagen. So viel  hätte Stoiber während seines jüngsten Besuchs  in Moskau vorgeschlagen. Der gegenwärtige Kanzler sei geiziger: nur 20 Milliarden Dollar. Gemessen an der strategischen, wirtschaftlichen und symbolischen Bedeutung Königsbergs für Deutschland, immerhin eine Stadt, wo die preußischen Könige sich krönen ließen, -Peanuts. 

Wie üblich, lud die APN-site die Leser zum Meinungsaustausch ein. Daraufhin machte manch ein Leser die site auf die Widersprüchlichkeit ihrer Angaben aufmerksam. Wenn Ostpreußen  an Deutschland zurückgehen soll, warum dann der Bau einer neuen Residenz des russischen Präsidenten in der Kurischen Nehrung? Oder will er zusammen mit dem Stück des russischen Territoriums nach Deutschland, wo er so viele verständnisvolle Freunde hat: Kohl, Schröder, seit einigen Wochen auch Stoiber.  

Manche Leser schätzten die sensationelle Nachricht eindeutig ein: Quatsch! Die meisten trauten dem Kreml viel mehr als die schleichende Rückgabe Ostpreußens zu, auch den schleichenden Ausverkauf der anderen, sogar urrussischen Gebiete. Gesetzt den Fall, es finden sich zahlungskräftige Käufer.

Es gab auch Leser, die darauf hinwiesen, dass die Ausländer ohnehin die Filetstücke aus dem russischen Körper ausschneiden. Einer schilderte die Sitten in einem Werk seiner Heimatstadt, das sich in  deutscher Hand befindet,   und behauptete, sicher  verleumderisch, die deutschen Manager bezeichnen die russischen Arbeiter notorisch als „Schweine“.

Dagegen meinten die meisten, die Kaliningrader würden nur gewinnen, wenn die Stadt wieder deutsch wird. Auch  den Ausverkauf  ganz Russlands haben die Russen nicht zu fürchten. Die in Russland Verbleibenden kriegen viel Geld für die verkauften Gebiete. Die mit den Gebieten „Verkauften“ werden zu Bürgern prosperierender Staaten. Auch nicht schlecht.

Andere Leser meinten,  das Geld würde  nicht  dem Volk, sondern den  Korruptzionisten zugute kommen. Wie das Geld, das Deutschland für den Abzug der sowjetischen Truppen gegeben hat.  Und auch das Geld, mit dem das russische Erdöl und Erdgas im Westen  bezahlt werden.

Unklar ist noch, wer den Titel des besten Deutschen des Jahres kriegt, wenn Königsberg wieder ins Reich kommt, schreibt die APN giftig. Klar ist dagegen, dass derjenige viel mehr in seine Tasche stecken wird als Michail Gorbatschow, der beste Deutsche des Jahres 1990.   

8.8.02

In Kaliningrads Stadtmitte wird ein riesiges Baron-Münchhausen- Denkmal aufgestellt

Die Initiative geht auf die Stiftung „Für Verewigung des Besuchs von Baron Münchhausen in Königsberg“ zurück.  Der Stadtverwaltung kam sie sehr gelegen. Sie wusste nämlich nicht, was  mit dem unvollendeten Haus der Sowjets zu tun ist. Die Sowjets sind abgeschafft. Das halb fertige Haus steht aber in der Stadtmitte und erinnert  an ihre Blütezeit. Peinlich.  

Jetzt soll das unvollendete Gebäude zum Postament des überdimensionalen Denkmals werden. Darauf gesetzt wird eine riesige Stahlkugel, die an den Flug des Barons auf einem Kanonengeschoß zum Mond erinnert.

Wenn man bedenkt, wie viele Münchhausen in den Sowjets tätig waren, muss man sagen, dass die Umfunktionierung des Gebäudes sinnvoll ist. Vielleicht wäre auch Fürst  Potemkin richtig am Platze.

Das einzige Bedenken: Bisher war das Immanuel-Kant- Denkmal das Wahrzeichen der Stadt. Jetzt soll es das Münchhausen-Denkmal werden. Ist das OK?

15. 4. 02  

2.KOSMOS

3.DEUTSCHLAND MIT RUSSISCHEN AUGEN GESEHEN

Auf den Spuren der Russen in Deutschland.

Vorläufig aber bringen wir aus der Reihe „Auf den Spuren der Russen in Deutschland“ den folgenden Beitrag unter dem Titel:

 

PETER DER ERSTE IN KÖNIGSBERG

Auf Peters Spur brachte mich ein der Hobbyhistoriker. Über Peter schreiben, fragte ich. Ob das Sinn macht? Jeder halbwegs gebildete Deutsche kennt die Story vom russischen Zaren, der sich vor dreihundert Jahren auf eine lange Reise machte, um in Holland und England den Schiffsbau zu erlernen. Zwar lesen die Deutschen jetzt kaum noch Bücher, historische schon gar nicht, doch gab es vor kurzem in der Glotze die schöne Oper`` Zar und Zimmermann``. Alle Fernsehzuschauer erlebten Peter als gelehrigen, nur ein wenig wilden Schüler seiner europäischen Meister. Ja, das ist es eben. Für die Deutschen ist Peter I. ein halbverrückter Russe, der seine Heimat aus der Barbarei hinausführen wollte. Was ihm anscheinend genauso wenig gelang wie seinen viel späteren Nachfolgern. Denn Russland ist eine harte Nuss und auf eine Reform folgt die Gegenreform.

Stimmt das etwa nicht, fragte ich den geschichtsbewanderten Freund. Es kommt darauf an, was von einer Reform in einem fremden Land erwartet wird, sagte er. Der Erfolg einer Reform muss nicht unbedingt daran gemessen werden, wie weit die Übernahme einer fremden Lebensweise voranschreitet. Peters wie auch, sagen wir zum Beispiel, Gorbatschows Reformen erwiesen sich als viel unproduktiver als erwartet, weil die Reformer an dieser Erkenntnis vorbeigingen und die eingewurzelte Ordnung von oben her mit einem Schlag ändern wollten. Wie die Bolschewiki 1917 in Russland. Trotzdem konnten sie ungeheuer viel bewegen, was von dem großen Erneuerungswillen der Russen und von der ausgeprägten Fähigkeit Russlands zum Wandel zeugte. Lassen wir aber die Philosophie beiseite und kommen zu Peters Reise in den Westen zurück, die erste eines russischen Zaren. Peter besuchte zuerst Deutschland, genau gesagt Brandenburg, weil Brandenburg auf dem Weg in den Westen lag. Und er kam nach Brandenburg nicht als lernwilliger Schüler, sondern als Hoffnungsträger. Brandenburg war damals ein verhältnismäßig armes Land, von äußeren Feinden arg bedrängt. Der Brandenburgische Kurfürst Friedrich der Dritte war aber schlau und hatte schlaue Ratgeber. Lange vor Peters Ankunft in seinem Land hatte er die Fühler in östliche Richtung ausgestreckt. So schickte er dem russischen Zaren, der gerade damit beschäftigt war, den Türken im Süden seines Landes, am Schwarzen Meer, die wichtige Festung Asow wegzunehmen, einige Raketen als Freundesgabe.

Raketen, sagte ich, die etwas dumme Matrjoschka. Mittelstrecken -oder Kurzstreckenraketen? Gab es die damals schon? Ach was! Er lachte. Es waren eigentlich keine Kampfwaffen, eher Feuerwerkskörper. Trotzdem haben sie, in die von den Türken besetzte Stadt abgeschossen, die Türken verwirrt. Immerhin explodierten sie laut und spieen Feuer.

Was hatte der Kurfürst gegen die Türken? Wollte ich wissen. War er etwa fremdenfeindlich? Mein Freund verneinte die Frage. Als Hobbyhistoriker setzte er mir auseinander, dass sich die Türken damals bei weitem nicht so harmlos aufführten wie die türkischen Mitbürger in Berlin heute. Sie trieben keinen Gemüsehandel, sondern führten ständig Krieg gegen die Christen. Gegen die krummen Säbel der türkischen schnellen Kavallerie kamen die europäischen Heere schwer auf. Ganz Südosteuropa stand damals unter dem Halbmond. Und kurz vor Peters Reise gelang es den türkischen Streitkräften sogar, bis nach Wien vorzudringen.

In Bedrängnis geraten, suchten die christlichen Machthaber fieberhaft nach Verbündeten. An Russland dachten die Überheblichen nicht, da es als Land der Barbaren und militärisch wenig bedeutsam galt. Dank der räumlichen Nähe Brandenburgs zu Russland wusste der Kurfürst besser Bescheid. Im Kreise seiner Berater sagte er, Russland wäre der Rettungsanker. Bereits im Mittelalter hätte es eine mongolisch- tatarische Invasion aus dem Osten gestoppt und damit Europa einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

Nach dieser Einleitung gab der Freund mir ein altes deutsches Buch und empfahl die Lektüre. Dem Rat folgte ich umso bereitwilliger, da das Buch mich sofort faszinierte. Sein Autor, der sich den Namen Liberio gab, wurde vom Kurfürsten anscheinend als Chronist akzeptiert. Er dürfte Peters Ankunft in Königsberg erlebt haben, wo der Zar unterwegs nach Westen die erste längere Station machte. Wortreich, dafür aber detailgetreu, schilderte er den Einzug der großen Gesandtschaft aus Russland in die östliche Metropole Brandenburgs, in Königsberg. Es war ein überwältigender Anblick. Dreihundert Menschen in Brokat und Zobelpelzen mit reich verzierten Waffen. Der Kurfürst und seine Höflinge waren baff. Zwar wussten sie, dass die russische Elite nicht darbte, aber solche Pracht ging über ihre Vorstellungskraft.

Nicht nur das prunkvolle Auftreten der Großen Gesandtschaft überraschte die Gastgeber, sondern auch die Trinkfestigkeit der Russen.

So, so, sagte ich, Ihre brausetrinkende Matrjoschka naserümpfend. Hätten sich der Zar und seine Begleitung in Europa nicht ein bisschen zusammennehmen können?

Warum sollten sie, fragte der Freund. Es imponierte den Gastgebern, die tollen Kerle empfangen zu dürfen. Mit ihrer Trinkfestigkeit und ihren Weibergeschichten verschafften sie sich in Königsberg viel Respekt. Wenigstens bei jenen Städtern, die davon profitierten. Denn die Gastwirte und die Damen des horizontalen Gewerbes haben in den wenigen mit rauschenden Festen angefüllten Wochen mehr verdient als in einem ganzen Jahrzehnt davor.

Gesoffen und gehurt haben sie also, ließ ich nicht locker. Lohnte es denn, deswegen den langen Weg zurückzulegen? Konnten sie nicht zu Hause feiern?

Und ob! Erklärte der Freund. Sie konnten es und taten es auch. Ein scharfer Denker, ungeheuer wissensdurstig und tatkräftig, war Peter nicht desto weniger kein Kind der Traurigkeit. Auch zu Hause feierte er reichlich und ausgelassen. Das hatte einen hochpolitischen Hintergrund. Der reformbesessene Zar wollte die eingefahrenen Sitten der Bojaren kippen. Darum schnitt er während der Sauftouren den russischen Landlords eigenhändig ihre langen Bärte ab und kürzte ihre langen Kaftane. Die Widerspenstigen sollten lächerlich gemacht werden.

Auch in Königsberg ließ sich der Zar nicht nur von der Lebensfreude, sondern auch von der Berechnung leiten. Der Auftritt sollte den lendenlahmen Deutschen die urwüchsige russische Kraft vor Augen führen.

Warum empfing der Kürfürst den Zaren ausgerechnet in Königsberg und nicht in seiner Residenzstadt Berlin? Das fragte ich , um von der Rechtfertigung der russischen Unsitten zu den wichtigeren Dingen überzuleiten.

Vermutlich aus zweierlei Gründen, antwortete der Hobbyhistoriker. Erstens hasste Peter die Protokollpflichten. Um diesen zu entgehen, reiste er sogar unter einem angenommenen Namen. In Berlin hätte es zu Komplikationen führen können. Zum zweiten passte die Ostseestadt besser zum hauptsächlichen Gesprächsthema mit dem Kurfürsten. Denn es ging darum, im Ostseeraum die Vorherrschaft der Schweden zu brechen. Tatsächlich wurde zwischen Peter und dem Kurfürsten ein Vertrag ausgehandelt, den wir heute einen Nichtangriffs- und Beistandspakt nennen würden und der unter anderem auch ein gemeinsames Vorgehen gegen die Schweden festlegen sollte.

Bei Liberio las ich darüber nichts, sagte ich. Die Verhandlungen waren top sekret, erklärte mein Holzpuppenkollege. Ein Wort darüber in der Presse hätte dem Verfasser den Kopf gekostet.

Warum die Geheimhaltung?

Weil sich der Kurfürst vor den Schweden fürchtete. Sie standen bei Prenzlau, zwei- drei Tagesmärsche von Berlin entfernt.

Klar, der Kurfürst brauchte die Russen in seiner prekären Lage, gab ich meine Matrjoschkaerkenntnis von mir. Warum aber brauchten die Russen den Brandenburger?

Peter war von der Idee besessen, Russland in Europa einzuführen. Brandenburg sah er als eine Landbrücke zwischen Russland und Westeuropa.

Mein Freund holte aus einer Schublade eine originalgetreue Kopie des Vertrages, der vor dreihundert Jahren zwischen Friedrich dem Dritten und Peter dem Ersten ausgehandelt wurde. Die Kopie kam durch Zutun des leider in die Bundespolitik gewechselten, ehemaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe in seinen Besitz, sagte er stolz. Nicht von ungefähr heißt Stolpe unter Freunden der große Kurfürst. Wie dieser ist er ein aufrichtiger Freund Russlands.

Zurück zu Friedrich dem Dritten, mahnte ich. Hat sich denn die ganze Chose für den Brandenburger gelohnt?. Natürlich, war die Antwort. Der russische Hoffnungsträger hat alle in ihn gesetzten Hoffnungen übererfüllt. Er schlug die Schweden, die, durch seine Aktivitäten verärgert, in die Ukraine einfielen, und zwar vernichtend. Bei Poltawa. Der schwedische König Karl der Zwölfte, der bislang als einer der größten Feldherrn aller Zeiten galt, wagte nicht, sich in seiner Heimat sehen zu lassen und suchte bei den Osmanen Unterschlupf. Die Schweden räumten die besetzten Gebiete, auch die im Norden Brandenburgs.

Karl war wohl nicht der einzige Gröfaz, der in Russland Schiffbruch erlitt, bemerkte ich, die sonst sanfte Matrjoschka giftig. Hundert Jahre später ereilte das Schicksal einen anderen, der einen Dreispitz trug. Und im nächsten Jahrhundert einen in Feldgrau, der die Russen gänzlich ausrotten wollte.

Ach, lassen wir das. Der Freund winkte traurig ab. Wenn man sich an den Ruhm von einst erinnert, schmerzt die unrühmliche Gegenwart umso mehr.

Die Geschichte jedes Landes, tröstete ich, kennt das ständige auf und ab. Es liegt in der Natur der sich stetig ändernden Welt, dass mal dieses, mal jenes Land hochkommt.

Mit Brandenburg ging es jedenfalls nach Peters Visite aufwärts, fuhr der Hobbyhistoriker, fort. Der Kurfürst sorgte dafür, dass an allen europäischen Höfen unter der Hand die Kunde verbreitet wurde, Berlin und Moskau hätten ein Bündnis geschlossen. Die gezielten Indiskretionen zeigten Wirkung. Die Häupter des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation beschlossen, dem Kurfürsten nicht mehr die von ihm lange begehrte Würde zu verweigern. Er wurde zum König und Brandenburg zum Königreich Preußen erhoben. Später nutzte Preußen seine militärische Stärke, um mit Blut und Eisen das Deutsche Reich ins Leben zu rufen.

Hätte Peter gewusst, was er mit seinem Besuch anstieß, sagte ich, hätte er vielleicht einen Bogen um Königsberg gemacht.

Vielleicht, meinte er. Aber Peter hatte keinen Grund anzunehmen, Deutschland würde Russland jemals angreifen. Und lange schien es tatsächlich so. Mit keinem anderen Land in Europa pflegte Russland derart intensive Beziehungen. Die Zaren heirateten deutsche Prinzessinnen und die deutschen Fürsten und Könige holten die Bräute aus Petersburg. Die deutschen Handwerker, Gelehrten und Militärs, zum Teil noch von Peter während der Reise angeworben, strömten nach Russland und die russischen Jungs wurden abkommandiert, an den deutschen Universitäten zu studieren. Erst unter Friedrich dem Großen kam es zu bedeutsamen und verlustreichen Waffengängen zwischen Preußen und Russland, weil der Preuße es zu forsch mit der Osterweiterung trieb. Aber die Spannung hielt sich nicht lange, da der Draufgänger bald einsah, dass es sich nicht lohnte, den russischen Bären zu reizen. Und auch im folgenden Jahrhundert gab es wenig Streit zwischen Berlin und St.Petersburg. Im Gegenteil. Die Kosaken befreiten die deutschen Staaten von der napoleonischen Besatzung. Die russische Diplomatie unterstützte Bismarck in seinem Bemühen, den Franzosen und Angelsachsen die Vormachtstellung auf dem Kontinent streitig zu machen. Die russischen Adligen verspielten Unsummen in Baden-Baden.

Erst im unseligen zwanzigsten Jahrhundert, warf ich ein, wurde es streckenweise anders.

Unter dem unzulässigen Bruch der beiderseitigen Verpflichtungen, sagte er gewichtig.

Ich fragte, welche Verpflichtungen er denn meinte. Nicht etwa die im Vertrag zwischen dem Zaren Peter dem Ersten und dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich dem Dritten?

Doch, doch, genau den! Der Vertrag wurde auf ewige Zeiten geschlossen und nie gekündigt. Nach dem Völkerrecht bleibt er in Kraft. Bis heute. Hoffentlich erinnern sich der gute Preuße, Bundeskanzler Gerhard Schröder, und der gebürtige Petersburger, Präsident Wladimir Putin, daran, wenn sie gemeinsam mit anderen modernen Potentaten  in der Newa -_ Stadt den 300. Gründungstag von Sankt Petersburg feiern.  

MATRJOSCHKA FEIERT MIT!

 

Vor 300 Jahren gründete Zar Peter der Große die neue Hauptstadt des Russischen Reiches - St. Petersburg.
Auf seinen Reisen durch Europa (u.a. besuchte er 1697 die preußische Residenz Königsberg) hatte sich der Monarch viele Anregungen geholt, wie sein Land den Anschluss an den Westen  finden könnte.

So kam es zum 'Fenster zu Europa', wie St. Petersburg genannt wurde.

 

Die Petersburger Entstehungsgeschichte wurde von den Deutschen mitgestaltet. Damit Wissenschaft und Technik, Kunst und Handwerk in der neuen Metropole aufblühen konnten, holte Peter viele Deutsche an die Newa. 
Im Laufe des 18. Jahrhunderts entstand da eine deutsche Kolonie. Bis ins 19. Jahrhundert hinein betrug der Anteil der deutschen Bevölkerung annähernd 10 %. Darunter waren Wissenschaftler, Ärzte, Apotheker, Händler und Handwerker. Anfangs gezielt angeworben, zogen sie bald selbst in die neue Residenz.

Bis zum Ersten Weltkrieg leistete die deutsche Bevölkerung einen bedeuteten Beitrag zum Aufstieg St. Petersburgs zu einer der führenden Metropolen Europas. Dann kam es zum Eklat. Denn die Deutschen in St. Petersburg (wie auch anderswo in Russland  mussten darunter leiden, dass der Zar Nikolaus der Erste und der Kaiser Wilhelm der II. nicht klug genug waren, Russland und Deutschland von den Westmächten nicht aufeinander hetzen zu lassen.

 

Bekanntlich verlor Deutschland  den Ersten Weltkrieg.  Russland eigentlich auch, weil es aus dem Krieg ging, ohne das Plazet seiner westlichen Verbündeten  zu erbitten.

 

In beiden Ländern brachen Revolutionen aus. In Russland eine tiefschürfende, in Deutschland mit dem Ergebnis, dass der Kaiser wegging, die Generäle aber blieben.

 

Lenin , der Chef der russischen revolutionären Regierung, war in einiger Hinsicht mit Peter dem Ersten vergleichbar. Auch er  holte aus Deutschland einiges. Vor allem,  den Marxismus ( mit einigen Marxisten als Zugabe) , dem er allerdings russische Elemente implantierte, vor allem die russische Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt, die mit der bestehenden möglichst wenig zu tun haben sollte. Bald aber ärgerte er sich darüber, dass im von ihm regierten Russland ein Chaos einkehrte und dachte sehnsüchtig an die tüchtigen Deutsche, die mal die zaristische Bürokratie auf den Trab brachten. Aber zurückzuholen waren sie nicht: in alle Winde verstreut, in Verbannung untergegangen.  

 

Mal sehen, ob unter Putin, dem ein zungenfertiger deutscher Autor das Etikett des Deutschen im Kreml anklebte, die Deutschen in Russland wieder am Einfluss gewinnen.  Und die Deutschen von den Russen etwas mitbekommen, was ihnen, den Ordnungsfanatikern, fehlt. Z.B. das Verständnis dafür, dass der Mensch keine Ameise ist.  

 

TURGENJEW IN BADEN - BADEN 

Turgenjews Spur in Deutschland führt   eindeutig nach Baden- Baden. Туда ему, Тургеневу, и дорога. Wie die Russen sagen. Das heißt er, Turgenjew,  gehörte dorthin.  In die ruhige, schöne Stadt, wo die pensionierten Geheimräte  ihren Lebensabend verbrachten. Der liberale Großgrundbesitzer, der zwar die russische Natur wie kein anderer Dichter in seinen, aquarellzarten poetischen Bildern erfasste, aber Russland als Nation in der Tiefe seiner Seele gering schätzte, sich aber von den Enttäuschungen, die es ihm bereitete, ins Ausland rettete. Der Sybarit. Der Genießer. 

 

Für seinen Zeitgenossen und Schriftstellerkollegen Fjodor Dostojewski war Baden- Baden die reine Hölle. Nicht nur weil er im weltberühmten Kasino seine Honorare verspielte, sondern weil er sich darüber maßlos ärgerte, dass „diese Deutschen“ es so viel besser als die Russen hätten. Für Iwan Turgenjew  war Baden- Baden ein Paradies  auf Erden.

 

Er hatte dort seine große Liebe, die Sängerin Pauline Viardo. Sie lebte mit ihrem Ehemann, Monsieur Viardo.  Turgenjew, in Baden-Baden, teilte mit ihm die Geliebte. Problemlos. Können Sie sich einen Dostojewski vorstellen, der seine große Liebe mit jemandem problemlos teilte? Ich nicht. Sie vermutlich auch nicht. Wenn Sie je eine Zeile von Dostojewski gelesen haben. Der wollte kein Komfort. Der wollte ein anderes Universum.

 

Um die Zeit kam auch Iwan Gontscharow nach Baden- Baden. Sie haben sicherlich von   Oblomow  gehört, dem Helden seines gleichnamigen Romans, einem Russen, der im Unterschied zu seinem deutschen Freund Stolz fest  überzeugt war, dass man lebt, nicht um  zu schaffen, zu schaffen, zu schaffen, sondern um zu leben. Ohne übermäßige Anstrengungen. Ach hätten sich die russischen Kommunistenführer Lenin und Stalin   Oblomow zum Vorbild gemacht ! Wie viel Leid hätten sie den Russen erspart. Aber sie hassten die Kultfigur  und die von ihr repräsentierte Mentalität. Die letztere nannten sie обломовщина. Das heißt in etwa Oblomow- Unsitte. Waren eben keine Russen. Der eine hatte einen Tataren zum Vater und eine Deutsche zur Mutter. Der andere war  Georgier.

 

Auch Turgenjew gehörte nicht gerade zu ihren Lieblingsdichtern. Ihm wurde unterstellt, die Laster des alten Russlands zu  verschleiern.

 

Aber zurück zu Baden- Baden. Zu den Russen, die hinkamen, verhielt  sich Turgenjew sehr freundlich. Er war   spendabel. Als Oblomows Schöpfer Gontscharow  sein letztes Geld verspielte, lieh er ihm eine beträchtliche Summe. Dostojewski pumpte ihn auch an. Aber er war ein Fass ohne Boden. Immer blank. Und außerdem hat er  den feinen Herrn Turgenjew immer wieder wild angeschrieen. Er warf  ihm vor, von Russland und den Russen  keine Ahnung  zu haben. Denn Russland lernt man nicht in Paris oder Baden- Baden kennen.

 

Einmal, als Dostojewski wieder gegen die satten Deutschen wetterte, geriet der sanfte Turgenjew aus dem Häuschen. Er sagte, er fühlte sich betroffen, da er sich für einen Deutschen hält. Und auf Deutschland stolz ist. 

 

Mag sein. Aber keiner beschrieb die russischen Adelsnester  so innig wie Turgenjew. Er hatte dafür einen Nerv wie Theodor Fontane für die preußischen Adelsnester. Überhaupt hatten Turgenjew und der Verfasser von Elfi Briest vieles gemeinsam. Bloß einer gehörte zur reichen und  weltoffenen russischen Aristokratie und der andere musste seine Brötchen in Berliner Amtstuben mühsam verdienen. Gegen Turgenjew war er etwas provinziell.

 

In Baden-Baden führte der russische Großgrundbesitzer (ein riesiges Gut im Gouvernement Orjol)  ein offenes Haus. Eigentlich  war es das Haus  seiner geliebten Pauline, aber Turgenjew war der Mittelpunkt der illustren Gesellschaft, die sich dort versammelte. Richard Wagner, Franz Liszt, Johannes Brahms, die französische Kaiserin, der preußische König, Großherzog von Baden, Kanzler Bismarck. Um nur einige zu nennen. Baden- Baden  bezeichneten die Russen damals als die Sommermetropole Europas.

 

Dann  ließ Turgenjew eine Villa für sich bauen. Eine schöne Villa, wo er nach  anregenden Stunden im Salon und Schlafzimmer seiner Geliebten ungestört schreiben konnte. Was er auch reichlich tat. Er schrieb, schrieb und schrieb. Vielleicht trieb ihn sein Gewissen.  Denn das Los der russischen Bauern,  damals noch Leibeigene, belastete  sein empfindliches Gewissen. Er spürte großes Mitleid mit ihnen. Jedes Mal, wenn er sich am Frühstückstisch die Schokolade in die Tasse eingoss.

 

Vielleicht  aber flüchtete er vor den Visionen der russischen Zukunft ins Schreiben. Der Zukunft, die etwa ein halbes Jahrhundert später eintraf, als die russischen Bauern die Nester des ländlichen Adels ausraubten und abbrannten. Aktionismus der Unterdrückten. Der Bauernkrieg, der eine wichtige Komponente der großen russischen Revolution bildete.

 

Auch wenn er das Kommende ahnte, fehlte in seinen Romanen die hellseherische Note, die in den Werken von Dostojewski sehr laut erklang. Deshalb ging es mit seinem Dichterruhm  bergab.  Das lesende Publikum in Russland  hatte von  gefühlsvollen Beschreibungen der Adelsnester und  russischen Natur die Nase voll.  Die liberalen Großgrundbesitzer haben ausgespielt. In der Gunst der Jugend standen разночинцы. Popen- und Apothekersöhnchen, die Russland umkrempeln wollten. Die Radikalinskis.    Grobschlächtig und tatenfreudig. Und tief davon überzeugt, dass das Herz schweigen sollte, zu reden hätte nun die kalte Vernunft.  

Die Missachtung in der Heimat  schmerzte den Dichter. Aber Baden- Baden entschädigte etwas.  Hier galt er als ein großer Geist. Unter den Leuten, die kaum je eine Zeile von ihm gelesen hatten.

 

Das Leben in Deutschland inspirierte Turgenjew zu einer Novelle, an die sich der Verfasser jedes Mal erinnert, wenn er einen gut geführten Bäckerladen betritt. Wie der Leser weiß, hat jede gut geführte deutsche Bäckerei weißgeschürzte Engel als Verkäuferinnen.   Jung und lieb.  Und appetitanregend wie frisch gebackene Brötchen, in Berlin auch Schrippen genannt. So eine steht im Mittelpunkt von Turgenjews Novelle über eine sehnsüchtige, aber unerfüllte   Liebe eines jungen romantischen  Russen zum Bäckermädchen, die ihm letztendlich doch einen tüchtigen Bäckerjungen vorzog. Sicher ist sicher. Und der Handwerk hat goldenen Boden.

 

In der etwas sentimentalen Novelle  kam  die große Gabe Turgenjews zur Geltung. Hier  spiegelte sich alles, was viele Russen in Deutschland faszinierte. Damals. Lange bevor sie  ein anderes  Deutschland intim kennen lernen durften. Das behelmte. 

 

Zum besten, was Turgenew schrieb, gehörte eine Abhandlung über Don Quichotte und Hamlet, die zwei markantesten Gestalten  der Weltliteratur. Selbst hatte er wenig  vom  edlen, in seiner Weltfremdheit komischen spanischen Ritter der traurigen Gestalt, und  vom dänischen Prinzen, der sich immer fragte, was besser ist, sein  oder nicht sein. Auf Hamlets Frage antwortete er melancholisch: sein!  Und nicht gegen  Windmühlen  kämpfen, wie Don Quichotte.

 

...Nach seinem Tod ging seine Villa von Hand zu Hand.  Die gegenwärtigen Eigentümer ließen sie durch eine hohe Mauer  von neugierigen Blicken abschirmen. Aber die neuen Russen, die nach Baden- Baden strömen, empfinden  keine Neugier, wenn es um einen Turgenjew geht. Sie pressen ihre Nasen an die Fensterscheiben der Juweliergeschäfte.

 

Russische Dichter lesen sie nicht. Nichtrussische auch nicht.  Ein Buch tragen sie nie mit. Dafür Handy. Auch im Kursaal telefonieren sie eifrig.  Denn sie müssen ständig ihre weltweiten Geschäfte regeln.

 

Im Casino sind sie, obwohl Spieler, selten. Denn sie bestellen das Casino zu sich in Luxushotels. Spieltische, Roulette, Croupiers.  Es ist schon vorgekommen, dass die Verlierer das Roulette zertrümmerten und die Croupiers  verprügelten.

 

Was sollen sie mit einem Turgenjew? Der in Deutschland verliebte russischer Poet ist ihnen schnuppe.    

 24.4.03                               

 

Hochstadt bei Frankfurt/Main. Ein Bericht der geschichtsbewussten Matrjoschka.

Es gibt in Hochstadt bei Frankfurt/Main viel Fachwerk. Zwei Dutzend Kilometer weiter stehen Wolkenkratzer aus Beton, Stahl und Glas. Und? Die sieht man auch in Moskau jetzt. Wenn auch weniger hoch.

Aber Fachwerkhäuser. Viele Jahrhunderte alt. Jedes mit seinem eigenen, schmalen, von der Zeit zernagten Gesicht. Ein Haus höher, eins niedriger. Mit hölzernen Fensterläden. Und bronzenen Klopfern an den Türen.

Das sind Domizile des gemütlichen Lebens. Eines Lebens, das dem Wichtigsten gilt: Arbeit, Essen, Trinken, Schlafen, Kinder zeugen. Keine Revolutionen, keine Feldzüge, keine Sternenflüge.

In den Straßenzügen keine Spur von Geometrie. Sogar die Ziegelsteindächer sind verschieden. Farblich und auch nach der Form des Ziegelsteines. Und die Backsteine in den Wänden sind von verschiedener Farbe. Die einen ganz rot, die anderen als hätte sich die grünliche Patina darauf gesetzt, die dritten- grau.

Aber alle Häuschen OK. Adrett. Als hätte der Zahn der Zeit an ihnen nicht genagt. Jedenfalls sind es keine Ruinen.

Vielleicht noch mehr beeindrucken einen Reisenden die Speicher und Kuhställe. Sie haben Mauern, als wären es Festungen. Mit riesigen Natursteinen. Rechteckig, schmucklos erscheinen sie wie die Verkörperung der Stabilität. Denkmäler der Zeit, die stehen geblieben ist.

Zwar sind die von den Fachwerkhäusern und steinernen Schuppen gesäumten Strassen von Autos vollgestopft. Daimler, BMW, Audis. Die Leute, die die Autos lenken, sind modern gekleidet.

Doch nehme ich an, dass sie trotzdem, insofern sie nicht aus dem nahgelegenen Frankfurt kommen, viel mehr von ihren Fachwerkhäusern als von ihren Autos geprägt sind. Es ist umso mehr zu vermuten, dass in den Fachwerkhäusern die Väter und Mütter, die Opas und Omas, die Uropas und Uromas und so weiter- bis ins XIII. Jahrhundert zurück, wohnten. Die uralten Hausgeister müssen prägender als die moderne Technik sein.

Wenn man durch die buckligen Strassen und Gassen wandert und sich der Heimat erinnert, wird man traurig. Gibt es in Russland Städtchen wie Hochstadt? Kaum.

Alte Städte gibt es zwar, aber wenn sie nicht gerade Moskau oder Petersburg heißen, ist das Alte darin brüchig, verwahrlost, verslumt. Wir hatten keine Zeit und kein Geld für die Pflege übrig. Wir bauten eine neue Welt, wo das Alte keinen Platz haben sollte. Wir guckten zu den Sternen und sahen nicht, was uns zu Füssen lag.

Gibt es in Russland noch Häuschen, wo die Menschen in der fünften oder zehnten Generation wohnen und sich an die Urgroßeltern erinnern können. Kaum. Man hat uns wie in einer riesigen Wäschetrommel durchgerüttelt. Es hieß immer, die Siebensachen packen und weit weg gehen. Neuland pflügen, Diamanten suchen, die Taiga durchforsten. Wir waren Befreier und Verbannte, Schrittmacher und Gejagte, Sieger und Verlierer. Nur eins sind wir nicht gewesen, die Menschen, die in uralten Elternhäusern ihr Lebensglück suchten. Im seligen Alltag.

Sind wir deswegen zu bemitleiden oder zu beneiden?

Ich weiß es nicht.

2. Im Dresdner Zwinger. Ein Bericht der feinsinnigen Matrjoschka.

Jedem, der in die deutsche Seele vordringen will, empfehle ich die deutsche Malerei zu studieren. Nicht die neue, die ist nicht viel anders als bei anderen Völkern. Die alte, etwa aus Dürers und Cranachs Zeiten.

Die russische Malerei ging von der Ikone aus. Bis in unsere Zeit behielt sie etwas von der Ikone. Vor allem das Belehrende, das Moralisierende.

Die deutsche Malerei ging vom Sachlichen aus. Vom Praktischen.

Im Zwinger hängt ein altes Bild, das eine mythische Ehefrau darstellt. Tief deprimiert und empört erhebt sie sich von ihrem geschändeten Ehebett. Was fällt auf dem Bild auf? Der Nachtopf unterm Bett. Der Gegenstand ist sehr sorgfältig gemalt. Der große Maler hat dafür wenigstens so viel übrig gehabt wie fürs Gesicht der Dame.

In einem russischen Bild zum gleichen Sujet wäre der Nachttopf überhaupt nicht da. Die Russen sind eben Träumer. Die Deutschen- Realisten.

Nehmen wir ein anderes Bild. Das Martyrium des heiligen Sebastian. Er ist von Pfeilen durchlöchert. Die Peiniger schießen, um sicher zu gehen, aus geringster Entfernung. Sie sind ruhig und sachlich, als seien sie Klempner. Auch Sebastian bleibt ruhig. Im Vordergrund Walderdbeeren. Frisch und saftig!

Es ist eine Äußerung des Volkes, das pflichtbewusst handelt. Bei der Züchtigung der Unbotmäßigen, bei der Hinnahme der Strafe und beim Züchten von Gartenobst In jeder Rolle funktionieren die Deutschen perfekt.

Wir Russen sollten uns davon eine Scheibe abschneiden. Wir versuchen immer, aus der uns zugewiesenen Rolle hinauszuspringen. Unser Maler hätte die ganze Szene mit viel Hysterie dargestellt.

Die Deutschen wissen, dass Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist. Sogar deutsche Dichter verdienten sich ihr Zubrot im Staatsdienst. Von Goethe bis Hoffmann. Gute Dichter, ausgezeichnete Beamte!

Die russischen Dichter schlugen alle über die Stränge. Puschkin ärgerte seine Vorgesetzten bis zur Weißglut. Und stellen Sie sich bitte Dostojewski oder Tolstoi in einem Ministerium vor? Der erste hätte alle Tintenfässer und Aktenordner verspielt. Der andere hielte Predigten, als wäre er nicht in der Kanzlei, sondern in der Kirche.

 

EIN BRIEF ZUM 1.TEIL DES BERICHTES

Was die Russen offensichtlich mit den Deutschen gemein haben, ist eine kaum von Realität getrübte Sentimentalität. Sonst könnte die Schilderung
der romantischen Fachwerkhäuser nicht so ausfallen, wie von der angeblich geschichtsbewussten Matrjoschka beschrieben.

Ich habe von meinem vierten bis zu meinem elften Lebensjahr, also acht Jahre, in zwei Zimmern, im ersten Stock eines Fachwerkhauses, im
Ostwestfälischen, gewohnt: Wohnküche und Schlafzimmer, für drei Personen, Vati, Mutti, Kind. Kind im Bett der Mutti. Psychologen haben
an solchem ihre Freude, weil sie über die Folgen für's Kind wissenschaftliche Werke verfassen können.
Die Zimmer waren so winzig, dass kaum Möbel hineinpassten. Die Höhe der Zimmer betrug 1,80m, was für mich, damals klein, kein Problem war.
Schularbeiten machte ich am abgeräumten Küchentisch. Spielzeug hatte ich keines.

Geheizt wurde mit einem Kohleherd, auf dem auch gekocht wurde. Im Haus befand sich, im Parterre, ein einziger Wasserhahn, über einem steinernen
Spülbecken. Das Plumpsklo war auf dem Hof. Nachts ging das Kind (ikke) auf einen Eimer, wenn's musste (also leider keine Hofbräuhausqualität).
Gewaschen wurde ich am Samstag in einer großen verzinkten Wanne. Während der Woche wusch ich mich notdürftig in einer winzigen Waschschüssel, mit
Waschläppchen, die ich deshalb bis heute nicht ausstehen kann. Im Keller, zu dem eine steile kleine Holztreppe führte, standen die Einweckgläser. Manchmal wurde mir auch gedroht, ich käme da hinein, in den Keller. Auf dem Dachboden randalierten, bis die Katze angeschafft wurde, die Mäuse, so dass das Kind des Nachts reichlich Vorlagen für Phantasien hatte: huh, huuh, huuuh ....

Auf dem ca. 20 qm großen Hof stand ein Birnbaum, auf den die Katze Pussi kletterte, und um den das geliebte Kind (ikke) in Windeseile herumlief,
weil es annahm, bei genügender Geschwindigkeit sich selbst am Rücken packen zu können. Begleitet wurde die Tollerei vom Spitz Pimpim. Vom Hof führte eine Eisentreppe in die Wachküche, wo Oma (die von mir schon erwähnte jüdische, es gab also auch nicht nur steinreiche, sondern auch viele arme), in einer alten Mielewaschmaschine ("Nur Miele, Miele, sagte
Tante, die alle Waschmaschinen kannte!") die Wäsche schaukelte. Begrenzt wurde der Hof von einer Schmiede und dem "Gefolgschaftsraum" (alter
Nazi-Ausdruck), in dem die Arbeiter frühstückten. Ich durfte manchmal in der Schmiede zusehen, spannend!

Die größeren Fachwerkhäuser der Kaufleute und sonstigen einflussreichen Bürger unserer Stadt waren nicht viel anders, nur höher und schöner
verziert, alle Zimmer waren klein und niedrig, und schmal waren die Häuser schon deshalb, weil die Steuer sich nach der Meterzahl der zur Straße liegenden Hausfront berechnet wurde.

Selbst wenn derartige Häuser restauriert werden, Wände entfernt, "Nasszellen" eingebaut, Teppichböden gelegt usw. sind sie von einer mickrigen Spießigkeit, die nur noch von den romantischen Reedhäusern auf
Sylt und Amrum übertroffen wird.

Aber die Träume der russischen Matrjoschkas kann frau nicht trüben, fürchte ich. Also, bleibt nur ahnungslos, wie Ihr seid, dabei: "Das sind Domizile des gemütlichen Lebens. Eines Lebens, das dem Wichtigsten gilt: Arbeit, Essen, Trinken, Schlafen, Kinder zeugen. Keine Revolutionen, keine Feldzüge, keine Sternenflüge." Was sich stattdessen abspielte,
möget Ihr's nie erfahren.

Euere Amanda Rothenburger

5.3.01

RUSSLAND MIT FREMDEN AUGEN GESEHEN

DER FASZINATION PETERSBURGS ERLEGEN

 

sind die jungen Deutschen, die in einem unlängst edierten  zweisprachigen (russisch-deutsch) Büchlein* porträtiert sind und die für viele Generationen von Deutschpetersburger  stehen, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung der Stadt an der Newa, jetzt 300 Jahre alt geworden, mitunter bis zu zehn Prozent stieg.   

 

Susanne B., ist zu einer Wahl- Petersburgerin geworden , weil Petersburg, wie sie sagt, eine Krankheit, eine Seuche, eine Infektion, lebenslang und unheilbar sei. Sie hat in Hamburg Ost- und Westslawistik sowie neuere Geschichte studiert, ist Übersetzerin und schreibt kurze Prosasachen. Nach einigen kurzen Besuchen in Petersburg wollte sie wieder in ihrer  Heimatstadt Fuß fassen, doch es gelang ihr nicht, da sie dort  tagelang umher lief, um Gegenden bzw. Häuser zu suchen, die an Petersburg erinnern. Sie heulte und konnte dort, wo sie groß geworden ist, nicht mehr leben. Sie sagte sich, entweder drehe ich durch oder ich gehe zurück nach Petersburg. Sie packte ihre Sachen und ging wieder an die Newa. Seitdem versucht sie auch gar nicht mehr, loszukommen. Es geht nicht ohne Petersburg.

 

Sie meint, das hängt mit dem Petersburger Mythos zusammen, dem etwas tiefgehend Tragisches eigen ist. Die Stadt hätte das Gedächtnis der  Geschichte aufgenommen, was immer man darunter versteht. Petersburg wird für sie zur Lebenswahrheit, der sie die meiste Zeit auf der Spur ist. Sonst ist sie als Lektorin in einer Schweizer Computerfirma in Petersburg tätig und übersetzt einen Führer durch die Eremitage.         

 

Ganz problemlos ist ihr Leben in der dreihundertjährigen russischen Ostseemetropole allerdings nicht. Zufällig hat sie, nachdem sie sich viele Male auf dem Dach ihres Hauses sonnte, auf dem Dachboden eine Leiche gefunden. Genau über ihrem großen Zimmer hat diese monatelang gelegen. Doch der Blick vom Dach auf eine der größten Petersburger Kathedralen ist so wunderschön, dass nicht einmal die Leiche sie davon abhalten konnte, wieder und wieder raufzuklettern. 

 

Matrjoschka, die auch von Petersburg fasziniert ist, grüßt die junge Dame herzlich.

 

 

Margarete von D.B.:

Die Osteuropawissenschaftlerin von der Freien Universität Berlin möchte zwischen den Welten leben. Außerdem hat sie großes Mitleid mit russischen Straßenkindern. Straßenkinder gibt es überall, aber die russischen haben es ihr besonders angetan. Vor zehn Jahren hat sie mit Freunden in Deutschland einen Verein gegründet, der die vernachlässigten Kinder und Jugendliche in Russland unterstützt. Vor fünf Jahren, nach einem Jahr Aufenthalt in Russland, beschloss sie, auf unbestimmte Zeit, solange wie möglich, dort zu bleiben. Verglichen mit dem normalen Leben in Deutschland, hat das in Russland eine Menge Unbekannte in der Gleichung. Sie weiß wirklich nicht, was in einem halben oder in einem Jahr passieren könnte. Das aber sei es gerade, was das Leben lebenswert macht. Zu ihrem Petersburger Freundeskreis gehören vorwiegend Künstler, die von der Hand in den Mund leben.   Im Unterschied zur westlichen Lebensart wird in Russland nicht wie gebannt danach geschaut, was ein anderer hat. Hier sind die menschlichen Beziehungen noch ehrlich und warm. Sie führt es auf Nachwirkungen des gewesenen kommunistischen Systems zurück, als nur wenige was hatten. Am meisten gefällt ihr die Spontaneität und Fröhlichkeit der Petersburger, mit denen sie endlos feiern und ordentlich Wodka trinken kann. Sie meint, in Deutschland verstecke man vor dem Gast das Beste, was man hat, damit er es nicht bekommt und man es später selber aufessen kann. In Petersburg holt man aus dem Kühlschrank das Beste und das Letzte, um es dem Gast anzubieten.

 

Die Holzpuppen, die selbst gern feiern, vor allem Iwan Matrjoschkin, Esq.,  wünschen der jungen Dame aus Berlin noch mehr fröhliche вечеринки, das heißt Partys, in Petersburg.

 

Lothar D. aus München ist  seit sechs Jahren  freier Journalist an der Newa.

Warum? Abenteuerlust. Die Lust, sich total zu verändern. Er kam, ohne Russisch zu sprechen, hat die erste Zeit in der gemieteten Wohnung gecampt, da er gegen den Staub über dem Bett ein Zelt errichten musste. Trotzdem genoss er es von Anfang an, in dieser Stadt leben zu dürfen. Außerdem hat er bereits nach zwei Monaten eine liebe Frau kennen gelernt und geheiratet. Die Hauptsache, meint er, die Probleme und Eigenheiten Russlands als solche verstehen und aufnehmen zu können und nicht alles durch die deutsche Standardbrille zu sehen. Manches allerdings macht er nicht mit, zum Beispiel einige Trinkgewohnheiten. Auch muss er nicht unbedingt seine Marmelade auf einer Datscha selber machen, wie achtzig Prozent der Russen. Und bei Familienfeiern hält er es nicht aus, den halben Tag lang am Tisch zu sitzen. Irgendwann muss er aufstehen. Selbstkritisch meint er, dass er deswegen als Deutscher offenbar nicht ganz adaptionsfähig sei. Trotzdem hat er sich mit vielen Leuten angefreundet, darunter mit den Nachbarn, denen er auf  der Straße begegnet, wenn er seinen Hund ausführt. Dass die Russen miteinander viel intensiver umgehen und die persönlichen Kontakte in der Regel viel herzlicher sind, dass man sich mehr für private Sachen des anderen interessiert und sich mehr Zeit füreinander nimmt, gefällt ihm. Er hat sich abgewöhnt, ein Telefongespräch nach drei Minuten mit dem Hinweis zu beenden, man hätte viel zu tun, da das einen Russen schwer beleidigt. Dennoch tritt er ständig ins Fettnäpfchen und lernt bis heute immer etwas dazu.

 

Matrjoschka freut sich, derart verständnisvolle Deutsche kennen zu lernen.   

     

 

Lothar L., 35 Jahre alt, von Geburt blind, früher FDJ, dann Dissident in der DDR, jetzt in Petersburg  beim regierungskritischen Verein Memorial und bei der Caritas tätig. Als Masseur beschäftigt  er sich mit den von Memorial betreuten alten Menschen, Opfer politischer Verfolgungen in der Sowjetunion.

So genau weiß er nicht, warum er dort ist. Russland sei für ihn der Gegenpol zu Amerika, obwohl er meint, Russland hätte nicht nur die amerikanische Weite, sondern auch die amerikanische Freiheit. Merkwürdigerweise ist er in Russland auch dann mehr oder weniger zurecht gekommen, als er noch kein Russisch sprach, also nicht nur blind sondern so gut wie stumm war. Jetzt spricht er Russisch. Er meint, er braucht Russland, Deutschland aber auch. Sein Traum ist seine sehr schöne Wohnung in Chemnitz nach Petersburg zu verpflanzen, wobei der Balkon nach Petersburg, die Tür aber nach Chemnitz gehen sollte.

 

Das ist wohl schwer zu bewerkstelligen, meinen die Holzpuppen. Doch ziehen sie ihre Hüte vor diesem schwerbehinderten jungen Mann, der für die auf fremde Hilfe angewiesenen Russen sein Bestes gibt.

 

Stephanie W. kommt aus Frankfurt am Main und leistet als Unternehmerin in Petersburg Beachtliches. In Russland fand sie schon  damals, als dort anarchistische Strukturen herrschten und es keine Gesetze gab, ein weites Tätigkeitsfeld. Als Frau hat sie es im Berufsleben in Russland leichter als in Deutschland, da es in Russland nichts Besonderes ist, wenn  eine Frau selbständig und erfolgreich ist. Das mussten sich die russischen Frauen nicht als Emanzen erkämpfen, es war immer so, da die Frauen durch Kriege, Repressionen und Deportationen oft allein dastanden und allein zurecht kommen  mussten. Das zweite, was ihr  gefällt, ist die Größe des Landes und der freie Raum. Sie empfindet Deutschland mit seinen kleinen Städten, Straßen und Gärten  als extrem einengend. Die russische Weite bringt sie  mit Großzügigkeit im Kopf der Russen in Verbindung, obwohl sie, von der russischen Großzügigkeit wahrscheinlich angesteckt, auch den Menschen in kleineren Ländern nicht unbedingt Engstirnigkeit vorhalten will. Das dritte, was ihr an Russland sehr gefällt, ist die viele Natur. Dort wäre es unmöglich, dass ein Laubenpieper den Nachbarn anzeigt, weil dieser zwischen den Platten vor der Garage Unkraut wachsen lässt. In Russland reicht der Raum für alle Gewächse, auch für Unkraut. Besonders gefallen ihr die Gegenden, wo man innerhalb von fünfzig Kilometer Entfernung kein Haus, geschweige denn ein Krankenhaus oder ein Telefon findet. Nur wilde Tiere. Wenn man unterwegs eine Flasche Wodka und ein paar Gurken dabei hat, lässt sich auch dort alles regeln.

 

Ihre Heimat ist dort, wo ihr Zuhause ist. Das Wort Heimat findet sie altmodisch.

 

Alle weiblichen Puppen stießen ein dreifaches Hipp Hipp Hurra  auf Frau Stephanie W. aus. Nur Matrjoschkin Esq. kann sich nicht begeistern, da er forsche Weiber nicht leiden kann.

 

So. Jetzt mal im Ernst. Wir finden die Interviews, welche die beiden Herausgeberinnen Beate Giehler und Uta Protzmann, die eine an der Berliner Humboldt-Universität und die andere  an der Viadrina Universität Frankfurt / Oder studiert, dank  der Unterstützung von außen im Verlag Edition Ost edieren konnten, schlicht und einfach prima. Es ist eine unprätentiöse, doch höchst aufschlussreiche Erforschung der Mentalität von Menschen, die es in der heutigen Welt immer mehr gibt. Von Menschen, die nicht dort leben, wo sie geboren und aufgewachsen sind, sondern ganz woanders. Menschen, die die Völker der Welt viel mehr zueinander bringen als hochbezahlte Diplomaten und hochnäsige Staatsmänner. Es ist aber auch, obwohl nicht dafür gedacht, eine schöne Gabe an Sankt Petersburg zu seiner 300. Gründsungstag. Wir empfehlen Bundeskanzler Schröder, der in diesen Tag nach Petersburg aufbricht, das Büchlein als Reiselektüre. 

*orts.wechsel. Interview mit Russen in Berlin und Deutschen in Sankt Petersburg. Edition Ost. Berlin. 2002. 230 Seiten.               

DIE STADT DES RUSSISCHEN UNIVERSUMS

Sie entstand nicht so wie andere Wohnorte: langsam wachsend, sich vom Dorf zur Stadt ausbreitend. Sie entstand auf einmal. Zuerst im Geist Peters des Großen,  gewann dann die Realität unter der Aufsicht und Knute des Gründers. Gebaut wurden nicht einzelne Viertel, geschweige denn Häuser, sondern gleich riesige Ensembles. Gebaut auf der Erde, aber zum Himmel strebend.

Der Alltag hatte hier nicht zu viele Rechte. Man spricht von Genius loci, in dem die Seele einer Stadt Ausdruck findet. Der Genius loci von Petersburg ist die Ewigkeit. Petersburg stellt das Sein über die Existenz, das Immer über das Heute, die Gesetzmäßigkeit über den Zufall, die Idee über den Menschen, den Sinn über das Leben, die Ästhetik über den Nutzen. Im Unterschied zu den organischen gewachsenen Städten strebt sie nicht  Wohlstand, sondern das Ideal an. In Petersburg bildete sich eine Moral heraus, die den Reichtum anzweifelt. Eine Wertskala, wo die  gewinnbringende Tätigkeit nicht oben steht. Wo eine unüberlegte Tat hochgeschätzt wird, wenn sie aus einem edlen Motiv erfolgt. Petersburg ist eine Stadt der Fantasie, der Fanatiker, der Intellektuellen, der Illusionen, der Erfinder neuer Weltordnungen.

Die Petersburger halten sich für eine besondere Nation. Der aus Petersburg stammende Künstler Sergej Djagilew beantwortete im Ausland die Frage nach seiner Nationalität mit „Petersburger“. Er hatte recht. Diese Stadt formt den Menschen.          

Petersburg ist eine russische Reichsstadt. Sie fordert den Dienst am Reich. Sie stellt das Staatsinteresse über das eigene Wohl. Deshalb sind die Petersburger in der russischen Politik von heute stark vertreten.

Die gegenwärtige russische Identität klammert sich an drei Krücken. 1. Wir haben tausend Jahre ohne Demokratie gelebt, überleben wohl auch weiter ohne sie. 2. Greife nach allem, was du einheimsen kannst, später finden wir uns schon zurecht. 3. Wir sind Russen, das verpflichtet. Der 3. Punkt  ist das, woran die Petersburger glauben. 

Diese Stadt wurde als Militärhafen und Industriestandort gegründet, aber nicht das war das Wichtigste. Es war das Fenster in eine andere Welt, die europäische Stadt in Russland und die russische in Europa.     

Und eine Stadt des Universums.

Davon zeugt sogar seine Architektur. Hier stehen die nördlichste Moschee, der einzige buddhistische Tempel Europas, eine riesige Synagoge. In trauter Nachbarschaft findet man hier eine große lutherische, eine armenische, eine polnisch-katholische Kirche und den orthodoxen Kasaner Dom. Alle finden hier eine gemeinsame Sprache. 

In unserer Zeit entstand ein neues Phänomen. Die weltweiten Diasporen, die mit den Ursprungsland  in engem Kontakt stehen. Russland verfügt über eine überwältigende Diaspora mit einem überragenden kulturellen Potential. Das kann es in die Avantgarde der Weltgeschichte bringen, wenn seine Diaspora vereinigt wird. Sie wird vereinigt, wenn Petersburg  zu ihrem Schwerpunkt wird. Petersburg soll die Hauptstadt der globalen russischen Kultur, des weltweiten Russlands werden, das sich nicht auf die Militärkraft, sondern auf seine kulturelle Ausstrahlung stützt.  

Jährlich verlassen hunderttausend Russen ihre Heimat. Die Hälfte davon sind hoch gebildete Fachleute. Das wird zweierlei gesehen. Zum einen als Aderlass, der Russland entkräftet. Richtiger ist aber, es als weltweite Ausbreitung der russischen Zivilisation zu sehen. So erobert Russland so die Welt.    Ganz friedlich!!

Von der Warte aus heißt die Zukunft von Sankt Petersburg:  Hauptstadt der weltweiten russischen Zivilisation.   

Die Metropole des Universums, kommenden Zeiten offen.

LGZ.ru.

 

Anmerkung von matrjoschka-online: Die Vision der obigen Internetzeitung hat was für sich. Leider aber sind, wie andere Veröffentlichungen im Runet berichten, die Petersburger zur Zeit, kurz vor den Feierlichkeiten zum dreihundertsten Gründungstag Sankt Petersburgs mit ganz anderen Visionen beschäftigt. Einer Stadt, deren Mitte zwar in einem atemberaubenden Tempo saniert wird, doch außerhalb der sanierten Prachtprospekte verfällt. Einer Stadt, wo die Hauptverkehrsstraßen gesperrt werden sollen, damit die hohen Tiere aus aller Welt, die zu den Feierlichkeiten anreisen, unbehindert von einem Veranstaltungsort zum anderen eilen können. Einer, wo Abriegelungen um wichtige Bauten und polizeiliche Überprüfungen auf der Straße die Atmosphäre der Belagerung entstehen lassen. Wo den Beschäftigten ungebeten Urlaub angeboten wird, damit sie für die Tage aus der Stadt verschwinden, usw. usf. Es macht bereits das giftige Wort von einem neuen  Potjomkinsches Dorf die Runde.

 

Und trotz alledem geht Sankt Petersburg einer blendenden Zukunft entgegen.  Daran glauben fest alle Holzpuppen.  

Anmerkung 2. Von Iwan Matrjoschkin, Esq.

 

Die weltweite, zahlreiche  und hochgebildete  russische Diaspora mit dem Zentrum in Sankt Petersburg,  schön und gut. Wer wird aber im Winterpalais residieren? Ohne mich aufdrängen zu wollen, melde ich mich hiermit zur Stelle. Mit anderen Worten, ich bin  bereit, das verantwortungsvolle Amt des Diasporavorsitzenden zu übernehmen. Von der deutschen Öffentlichkeit erwarte ich Rückendeckung. Von meinem Freund W.W.P.- weise Zurückhaltung und Kompetenztrennung. Er führt weiterhin Russland in seinen politischen  Grenzen. Ich führe  das virtuelle, sich  über den ganzen Globus  erstreckende, durch seinen kulturellen und zivilisatorischen Einfluss definierte Russland. Er bleibt im Kreml. Ich ziehe ins Winterpalais ein. (Würde mir sehr gelegen kommen, da das Haus im Prenzlauer Berg, wo sich meine Wohnung befindet, demnächst saniert werden  soll  und deshalb ist eine Mieterhöhung zu erwarten.)

21.05.03           

 

ZWEI WELTBEKANNTE FORSCHUNGSREISENDE IM DIALOG ÜBER VIER JAHRHUNDERTE HINWEG. EINER IST ADAM OLEARIUS ASCANIUS SAXO IN AVIA CIMBRICA BIBLIOTHECARIUS ET MATHEMATICUS, GEBOREN 1599 ZU ASCHERSLEBEN, GESTORBEN 1671 ZU SCHLESWIG. DER ANDERE IST IWAN MATRJOSCHKIN, ESQUIRE, EIN MANN DES 21. JAHRUNDERTS.

 

VORWORT

Als ich durch Fügung des allmächtigen Gottes die wohl berühmteste Beschreibung Russlands  in die Hände bekam, das mehr als fünfhundert Seiten zählende Werk von Adam Olearius, der das Russlandbild vom Anfang des 17. Jahrhunderts zeichnete, aber erstaunlicherweise auch im 21. Jahrhundert die Quelle für alle sogenannten Russlandforscher in Deutschland zu sein scheint, war ich vor Glück im siebten Himmel. Ohne die Zeit unnötig verstreichen zu lassen, ging ich daran, die  Aufzeichnungen  des hochgelehrten Deutschen mit dem Bleistift in der Hand zu studieren, in der Absicht, seine Erkenntnisse allen Matrjoschkafreunden zu vermitteln, allerdings etwas kommentiert, korrigiert und ergänzt, insofern es unbedingt nötig ist. Bei der Lektüre entdeckte ich eine, wenn man die Unterschiede der Zeit und der Herkunft berücksichtigt, seltsame Seelenverwandtschaft zwischen meiner Wenigkeit und Herrn Adam Olearius. Wie er vor vierhundert Jahren Russland, so sehe ich heute Deutschland: mit großer Aufgeschlossenheit, Sympathie,  wenn die Umstände es erfordern, auch kritisch. Immer aber humorvoll. So begreife ich den Holsteinischen Bibliothekar und Forschungsreisenden aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als meinen Bruder im Geiste, dem ich mit dem vorliegenden Werk  auf der Webseite matroschka-online.de  hiermit meine Hochachtung darbringe.

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire, zu seinem Schloss in Berlin, im Jahre 2002 nach Christi Geburt.

 

Kapitel 1

 

Im Jahre 1633 wurde Adam Olearius als Secretarius und Concilianus einer Gesandtschaft des Herzogs Friedrich III. zu Schleswig-Holstein-Gottorf zugeteilt. Dieser aufgeklärte Fürst, den ich entweder  Herrn Schröder oder  Herrn Stoiber, je nach dem bevorstehenden Wahlausgang, ebenbürtig bezeichnen würde, bemühte sich wie die beiden soeben erwähnten um die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage seines Landes. Und  leider auch mit einem mäßigen Erfolg. Aber Erfolg her, Erfolg hin, die Strategie ist wichtig. Und die Strategie des Herzogs Friedrich III. muss beiden  erwähnten Herrn zur Kenntnis gebracht werden. Sie bestand nämlich darin, mit Russland (über die Ostsee) eine enge Verbindung herzustellen, worum sich seine Zeitgenossen, darunter der französische, englische und spanische König - in Amerika regierte damals noch der rothäutige Winnetou - in ihrer Verblendung nicht bemühten. So stellte Friedrich III. 1633 eine große Expedition zusammen, die das Terrain erkunden sollte. Und Adam Olearius, Secretarius und Concilianus, war drin und fest entschlossen, alle seine Reiseerlebnisse Tag für Tag aufzuschreiben. So entstand die " Moscowitische Reisebeschreibung, mit Fleiß aufgezeichnet und mit vielen, meist nach dem Leben gestellten Figuren gezieret und im Jahr MDCLVI in der Fürstlichen Druckerey zu Schleswig durch Johan Holwein gedruckt und mit dem Kaiserlichen Privilegio versehen".

 

Kapitel 2

Überfliegen wir, ohne uns aufzuhalten, die Details der mühsamen Reise der Gesandtschaft nach Moskau und geben wir gleich die beschwingten Zeilen wieder, die Adam Olearius  am Ankunftstag in sein Manuskript eintrug. Aus diesen Zeilen ist ersichtlich, dass die  russische Metropole einen überwältigenden Eindruck auf den Reisenden machte:

 

"In und außerhalb den Rinckmauren der Stadt Mußcow synd sehr viel Kirchen, Kapellen und Klöster...Über 2000 Kirchen/Klöster und Kapellen syndt in der Stadt zu finden“.

 

Aber ganz aus dem Häuschen gerät der Deutsche, als er in den Kreml gelangt:

 

"Mitten auf dem Platze Krämelin stehet der längste Thurm Iwan Welike/ das ist /Groß Hauß/welcher mit vergüldeten Blech überzogen und voller Klocken ist. Neben demselben stehet ein ander Thurm/auff welchem die sehr große Klocke henget/ welche soll 356 Zentner schwer/und zur Zeit des Großfürsten Boris Gudenow gegossen worden seyn. Dieselbe Glocke wird/wenn  feste/ oder Prasdnick/ wie sie es nennen/ begangen/oder große Gesandten eingeholet/oder zur öffentlichen Audienß sollen geführet werden/ geläutet/und von 24 auch wohl mehr Personen/ so unten auff dem Platz stehen/beweget wird.

 

Auf dem Schlosse aber seynd die Thürme mit glatten, stark vergüldeten Blechen überzogen/welche bei hellem Sonnenschein/einen schönen Glanß/und daher der ganzen Stadt von außen ein trefflich Ansehen gibt/dass etliche der unsrigen/als sie in die Stadt kamen/sageten: von außen scheinet die Stadt wie Jerusalem/innen aber ist sie Bethlehem.

 

PS von Iwan Matrjoschkin, Esquire. Was mein Bruder im Geiste, Herr Adam Olearius, mit dem letzten Satz zum Ausdruck bringen wollte, leuchtet mir nicht ein. Ist auch egal. Die Hauptsache, er gibt offen und ehrlich zu, dass  Russland schon vor vierhundert Jahren die Deutschen, die  es in Augenschein nehmen durften, verzauberte. Ich muss gestehen, dass Deutschland auf mich, der ich aus Russland stamme, auch einen insgesamt positiven Eindruck macht. Besonders sein Schmuckstück, das Bürgerbräuhaus in München, worüber ich in meiner Reportage aus der bayerischen Hauptstadt ehrlich berichtete (siehe auf meinem Link auf der Webseite matrjoschka-online.de).  Hoffentlich wird diesie auch mal  maßgebend sein und das Bild Deutschland in den Augen der Außenwelt für Jahrhunderte prägen . Insbesondere wenn der Name des kommenden Bundeskanzlers mit S beginnen soll. Aber nicht damit möchte ich hier den Punkt setzen, sondern mit einer sensationellen Mitteilung, die im nächsten Kapitel folgt.          

     

                   

Kapitel 3

Und zwar entdeckte ich ganz zufällig in der Nähe meines Schlosses ein anderes Schloss, bescheidener, um nicht zu sagen mickriger als meins. Aber nicht darum geht es, sondern um die erstaunliche Tatsache, dass dieses auch einem Herrn Olearius gehört. Als ich das vernahm, zog ich mich unauffällig an und schlich mich, mit meiner Fotokamera gerüstet,  ans Schloss heran. Stellt euch vor, liebe Matrjoschka-Freunde, gerade an diesem Tag fand hier ein großes Ereignis statt. Der Schlossherr, ein bekannter Rechtsexperte und Geschäftsmann, feierte seine Trauung mit einer bezaubernden mondänen jungen Dame. Ein von mir geschossenes Bild zeigt, wie sie sich aus der Schlosskirche  auf den Schlossplatz begaben, wo das  Volk sich zur Begrüßung der Neuvermählten einfand. Das Bild  sehen Sie anschließend.

 

 

Andere mit weiteren von mir festgehaltenen Details werden später folgen.

 

Iwan Matrjoschkin, Paparazzi

12.7.02

Kapitel 4

An dieses Kapitel gehe ich, Iwan Matrjoschkin, Esquire, Forschungsreisender und Kommentator der Aufzeichnungen von Adam Olearius, an einem Tag, an dem in Berlin, wo ich mich zur Zeit befinde, ein Ereignis stattfindet, das die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Ich meine die Love Parade. Gemeinhin dient diese beeindruckende Veranstaltung (an der ich als Mann im besten Alter  an der Seite von vielen schönen halb oder ganz nackten Frauen gehören möchte) als Beweis der neuen Freiheit und des sittlichen Fortschritts in der abendländischen Welt. Ungefähr so: Guckt her, welche ungeheuren Leistungen unsere  Zivilisation hervorbringt. Denkste, Puppe. Lange vor der Love Parade in Berlin hat Russland, als Schrittmacher des Fortschritts und der Freiheit, dem Abendland den Weg gewiesen. Mein Bruder im Geiste, Adam Olearius, brachte in seinen Aufzeichnungen ein unwiderlegbares Zeugnis davon:

 

"Wir selbst haben es unterschiedliche mahl in Mußcow gesehen/daß Mann und Weibespersonen aus den gemeinen Badstuben sich zu erkühlen gegangen/ und bloß/wie sie Gott geschaffen/gegen uns getreten/und unsere junge Mannschaft mit halb zerbrochenen deutschen Worten unzüchtig zugerufen. Zu solchen Geilheiten veranlasset ihrer viel Müssiggang /da man sie täglich bei etlichen viel Hunderten müssig stehen und spazieren gehen siehet. Wenn sie dann übermäßig angefüllet/gehen sie darauff loß/wohin sie ihre geile Begierde lencket.  An solch einem Tage hat sichs begeben, dass ein volles Weib aus dem Kruge gekommen/auf dem Wege nieder gefallen und eingeschlaffen. In dem ein anderer voller Russe fürübergehend dieß Weib mit entblößtem Leibe liegen siehet/hat er aus Geilheit entbrand sich zu ihr geleget/ungeachtet/daß es bey hellem Tage und am allgemeinen Wege. Ist auch bei ihr liegen bleiben/und mit schlafend worden. Viel jung Volk haben sich in einem Creiß umb dies beistialische Paar gestellet/eine gute Weile ihr Gelächter und Kurßweil daran gehabt/biß endlich ein alter Mann gekommen/einen Rock über sie geworfen/und ihre Schande zugedecket."

 

Ich, Matrjoschkin, Esquire, habe im vorigen Jahr bei der Love Parade eine Szene miterlebt, die in allen Details der von Adam Olearius in Moskau gesehenen haargenau entspricht. Es war, sag ich Ihnen, ein richtiges Gaudi, ein Spaß ohnegleichen. Und ich bin stolz auf meine Russen, dass sie schon vor vierhundert Jahren ihrer Lebenslust auf die Weise frönten. Wie das jetzt junge Deutsche tun, denen ich hiermit meinen Gruß entbiete.       

       

Kapitel 5

 

In diesem Kapitel, liebe Matrjoschkafreunde, bringe ich, Iwan Matrjoschkin, Esquire, ein anderes Zitat aus den Aufzeichnungen von Adam Olearius, das beweist, dass die Lebensfreude der Russen genauso wenig mit Unzucht zu tun hat wie die der Deutschen. Das Zitat:

 

"Obwohl das ungebührlich Venus Spiel bei den Russen sehr gemeine/werden doch nicht öffentlich Hurhäuser gehalten/wovon etwa in etlichen andern Ländern/die Obrigkeit ihre gewisse Einkünfte hat.

 

Sie haben ihre ordentlichen Ehestand/und ist einem nur ein Eheweib zu haben vergönnet. Ihre Priester/die dem Alter dienen/müssen notwendig im Ehestande leben/und wenn ihm das erste Weib abstirbet/darff er nicht wieder heyrathen/es wäre denn/dass er von seinem priesterlichen Ampte abdancken/sein Müßgen ablegen/und Kaufmannschaft oder andere Hanthierung treiben wolte. Die Russen lassen ihnen ihre Weiber in öffentlichen Kirchen mit sonderlichen Ceremonien trawen.“

 

Kapitel 6

 

Und jetzt melde ich, Iwan Matrjoschkin, Esquire, mich wieder zu Wort und knüpfe an den letzten Satz im vorherigen Kapitel an, da auch ich  von einer Trauung berichten möchte, die unweit meines Schlosses, im Norden von Berlin, auf dem Landsitz eines Olearius, wie ich inzwischen erfuhr, eines direkten Nachkommen des oben erwähnten, stattfand. Die prachtvolle Trauung habe ich mit großer Freude auch deswegen beobachtet, weil der getraute junge Herr, Rechtsgelehrter und Geschäftsmann, so wie ich das sehe, in der löblichen Tradition seines Vorfahrens steht. Wie dieser wagte er sich, vom Pioniergeist inspiriert und mit aufgeschlossenem Herzen, weit in den Osten. Denn wie mir zugetragen wurde, ist er neu dort, wo sich jetzt sein Schloss erhebt, zwar weniger beeindruckend als das meine, aber auch nicht zu verachten, und wo die Schlosskirche steht, in der er mit seiner jungen, bezaubernden Braut, auch aus dem Westen, getraut wurde. Damit  gehört er zu jenen tapferen und selbstlosen Westdeutschen, die zuerst in Ostdeutschland, wo noch vor kurzem die Kommunisten ihr Unwesen trieben, Fuß fassen, um hoffentlich später weiter gen Osten vorzurücken. Wer weiß, vielleicht geht er bald dort spazieren, wo Herr Adam gewesen ist, dass heißt im Kreml, wo ich ihm gerne eine Audienz bei meinem illustren Freund vermittle, Sie wissen schon, wen ich meine. Um das Kapitel abzurunden, bringe ich   ein Bild, das ich als Paparazzi bei der Trauung geschossen habe. Zu  einem ist da ein Herr in Marineuniform zu sehen, von dem mir ein Dorfjunge zuflüsterte, es sei Prinz Charles von England, der inkognito zur Hochzeit angereist ist. Obwohl ich dies für angebracht gehalten hätte, stimmt die Auskunft nicht, denn meine Recherchen ergaben, dass der Prinz um die Zeit anderen Verpflichtungen nachgehen musste. Das Foto zeigt auch einen  befrackten Herrn, von dem derselbe Dorfbursche behauptete, das sei Bundesaußenminister Fischer. Leider stimmte auch das nicht, weil der Bundesminister an dem Tag auch  etwas anderes zu tun hatte. Doch auch  ohne Anwesenheit der erwähnten Herrschaften war die Trauung prächtig, worauf wir in den folgenden Kapiteln noch näher eingehen werden.

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire, Chronist  des mondänen Lebens.                 

14.7.02

Kapitel 7           

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire: Wieder blätterte ich in der „Vermehrten Moscowitischen und Persianischen Reisebeschreibung“ von Herrm Adam Olearius, „Zum Andern mahl heraußgegeben im Jahr 1657 in Schleswig“. Liebe Matrjoschkafreunde, lesen Sie bitte die köstlichen Stellen, die ich in diesem Foliant gefunden habe. Zum Beispiel über die tiefe Frömmigkeit der Russen, die besonders in den Ostertagen zum Ausdruck kommt:

 

„Wann sie nun auff den Gassen einander begegnen/grüßen sie sich mit einem Kusse auff den Mund/und sagen: christos wos Chres. Das ist es : Christus ist auferstanden/darauf antwortet der andere: Woistin wos Chres. Er ist wahrhaftig auferstanden. Es wird auch niemand/er sei Mannes oder Weibesperson/hohes oder niedriges Standes einem anderen solchen Kuß und Gruß neben einem gefärbten Ei weigern. Der Großfürst pflegt selbst seinen fürnehmen Hoffleuten und Bediensteten solche Ostereier auszuteilen/Ja Er hat auch in Gebrauch gehabt/dass  in der Osternacht/Er ist in die Frühmesse gegangen/in die Gefängniß gekommen/dieselbby eröffnen und jeglichen Gefangenen/derer alle Zeit eine große Zahl sitzen/ein Ei neben einem Pelze von rauem Schaffellen reichen lassen/hat ihnen selbst zugerufen/das sie sich frewen sollen/denn Christus für ihre Sünde gestorben/nunmehr wahrhaftig auferstanden sei. Darauf hat er die Gefängniß wieder schließen lassen und ist zur Kirche gangen“.

 

Kapitel 8             

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire: Meinem guten Freund im Kreml, Sie wissen schon, wen ich meine, möchte ich das Beispiel seines Vorgängers aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts wärmstens ans Herz legen. Allerdings sehe ich auch die Schwierigkeiten. In Russland sitzen etwa eine Million Menschen hinter Schloss und Riegel. Ob er für alle gefärbte Eier zur Verfügung hat? Wenn nicht, soll er sich an Deutschland wenden. Bei der Absatzkrise in der Landwirtschaft wird ihm Frau Künast  auf die Sprünge helfen. Das aber nur nebenher. Ansonsten möchte ich noch eine in den Reisebeschreibungen von mir angestrichene Stelle zitieren, die Olearius unterwegs nach Persien in Astrakhan, der Stadt an der Wolgamündung, aufgeschrieben hat.

 

„Hier trug sich zu/dass 4 junge Weiber aus den Badstuben kamen und sich abzukühlen in die Wolga stiegen. Indem einer von unseren Soldaten (Herr Olearius meinte damit seine ihm aus Deutschland mitgegebene Begleitung) sich auch hineinbegibt/besprengen sie einander aus Scherz. Die eine/weil sie sich etwas tiefer hinein wagete/kompt auff Triebsand und begunte zu sinken/da die anderen ihre Mitschwester in der Gefahr sehen/schreynen sie den Soldaten/welcher für sich herumbschwum/sehnlich an Weib Hülfe zu thun. Der Soldat ließ sich leicht erbitten/eilete zu ihr/ergriff sie beym Leibe/hub sie empor/dass sie ihn ergreife/sich an ihn hänge und mit heraus schwummen kunte. Da lobten sie den Deutschen/und sagten/dieser wahret als ein Engel zu ihnen ins Wasser geland“.

 

Kapitel 9   

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire: Das nenne ich deutsch-russische Freundschaft, bereits Anfang des 17. Jahrhunderts beeindruckend manifestiert. In Berlin steht irgendwo ein Riesendenkmal für den sowjetischen Soldaten, der in den Kämpfen in Berlin 1945 ein deutsches Mädchen rettete. Hiermit wende ich mich an Bundeskanzler Schröder oder an jemanden anderen, der sich zuständig fühlt, mit dem Vorschlag, daneben ein Denkmal für den Retter aufzustellen, der vor vierhundert Jahren sein Leben einsetzte, um die russische Frau vor dem nassen Tod in der Wolga zu erlösen.

 

An einer anderen Stelle gibt Herr Adam Olearius seinen allgemeinen Eindruck von den Russen wieder:

 

„Die Männer seynd in gemein/große /dicke und starke Leute/von Haut und natürlicher Farbe den anderen Europeern gleich. Sie halten viel von großen Bärten und dicken Bäuchen/und welche damit  begabet seynd bei ihnen vor andern in großem Ansehn. Die Weibespersonen seynd mittelmässiger Grösse/in gemein wohlgestalt/zart von Gesicht und Gliedern/aber in den Städten schminken sie sich alle/so grob und merklich/dass es ein Ansehen hat/als wenn einer mit einer Hand voll Mehl über das Gesicht gefahren/und mit einem Pinsel die Backen roth gemahlet hätte/sie färben auch Augenbrauen und Wimpern schwarß/bisweilen braun.“

 

Kapitel 10

 

Iwan Matrjoschkin, Esquire: Es ist erstaunlich, dass sich in Russland die Weiber auch jetzt zu viel schminken. Das ist mir zuwider. Wenn ich eine Holzpuppe von unserer Truppe so geschminkt sehe, pflege ich mich ihr vor die Füsse zu spucken.  

 

Aber jetzt etwas im  Vertrauen: Wie mir aus gut unterrichteter Quelle mitgeteilt wurde, hätte das damalige KGB, das allerdings etwas anders hieß, feststellen können, dass Herr Adam Olearius, obwohl Bibliothecarius und Mathematicus, des holsteinischen Herzogs Anstalten machte, ein russisches Weib zu bezirzen und nach Deutschland zu entführen. Das KGB verstand es aber, sein unsittliches Vorhaben zu verhindern. Heute hätte er keine Schwierigkeiten damit gehabt. Die russischen Weiber, die er mit verhaltener Bewunderung beschreibt, werden zu Hunderttausenden in den Westen exportiert. Leider.

 

Man muss aber noch ein Stelle zitieren, die ich unterstrichen habe, weil sie davon zeugt, dass Herr Olearius nicht nur Bewundernswertes in seinen Aufzeichnungen über Russland festhielt. So vermerkte er, dass in Moskau „keine Waldnüsse und Weinwachs“ zu finden sind, dafür aber viel Honig und Bienenwachs. Der letztere „ist so überflüssig, dass die Russen neben dem was sie an Wachslichtern/zu ihrem gemeinen Nutz und Gottesdienst aufwenden/große Partien an andere Landschaften verkaufen.“

 

An einer anderen Stelle bemängelt Herr Olearius wiederum, dass die Russen zu viel saufen, aber wem gibt er die Schuld dafür? Wahrheitsliebend wie er ist, gibt er den Ausländern die Schuld, und zwar „Polen, Littawern und Deutschen, die mehr als die Mußcowiter dem trinken oblagen/und dass man nicht erwartete, solche von ihnen solang getriebene oder gar angeböhrnde Laster außtreiben zu können/so hat man ihnen die Freyheit zu trincken gelassen und damit sich gleichwohl die Russen nicht möchten durch böse Exempel verführet/musten die nassen Brüder“ mit einem Zaun von der übrigen Bevölkerung der Hauptstadt getrennt werden.

 

Kapitel 11        

 

Schließen möchte ich wieder mit einem Bild, das davon zeugt, dass die gute Tradition der deutsch-russischen Freundschaft, die Herr Olearius mitbegründet hat, auch in unseren Tagen lebt und weiterentwickelt wird. So haben die Bauern aus einem uckermärkischen Dorf  in der Nähe meines Schlosses mir zuliebe und dem schleswig-holsteinischen Bibliothecarius und Mathematicus zu Ehren eine kostümierte Veranstaltung gegeben, die Trachten und Sitten aus seiner Zeit vor Augen führte. Leider sind die meisten Bilder, die ich bei der Gelegenheit schoss, nicht geworden. Aber ein Bild können Sie hier bewundern.

 

17.7.02 

 

ÜBRIGES

LENIN IST TOT, ES LEBE OBLOMOW! 

Das ist die Quintessenz einer Meldung aus der Wolgastadt Uljanowsk, erschienen im  Runet zum 79. Todestag des Gründers der Russischen Kommunistischen   Partei und des  Sowjetstaates Владимир Ильич Ленин (1870- 22.1.1924).  In Uljanowsk, der Stadt, in der der gute Mann geboren  und die deshalb nach ihm benannt wurde (Lenin ist sein Pseudonym) entfaltete sich eine Volksbewegung zu ihrer Umbenennung. An sich nichts Besonderes. Nach der Umwertung aller Werte in der ehemaligen Sowjetunion erhalten immer mehr Städte, die nach  Helden der Sowjetlegende benannt worden waren,  neue Namen. Das spektakulärste Beispiel ist Leningrad - jetzt wieder Sankt Petersburg. 

Der Clou aber besteht darin, dass Uljanowsk nicht etwa wieder Simbirsk heißen soll, wie einst, sondern Oblomow. Im Unterschied zu Lenin- Uljanow, der gelebt hat und, abgesehen  von seiner Mythologisierung, eine reale Figur war, ist Oblomow eine Erfindung. Eine wunderbare Erfindung des großen russischen Dichters des XIX. Jahrhundersts Iwan Gontscharow. Oblomow verkörpert das Gemütliche und Besinnliche des russischen Wesens, oft als Trägheit und Faulheit missverstanden und verspottet. Im gleichnamigen  Roman ist ein Deutscher  mit dem Namen Stolz sein Widerpart. Dieser Schwabe ist ständig in Bewegung, zielstrebig, energiegeladen will er von sich und den anderen neue Leistungen, verkennt aber die wahre Freude des Lebens: die dolce far niente, die Muße.  

Mit seiner heimlichen Vorliebe für Deutschland und die Deutschen war Lenin eigentlich auch so ein Stolz. Immerzu trieb der Besessene sich selbst und die Russen an,  opferte der Fata morgana einer Welt der Werktätigen Millionen Leben. Und das Ergebnis: eine monströse Konstruktion, die  letztendlich ruhmlos zusammenfiel.

Vor die Wahl gestellt: Lenin oder Oblomow- votieren die heutigen Russen, auch wenn die vom  Ausland inspirierten und ferngesteuerten Stolzens ihnen wieder  ewigen Stress mit ungewissem Ausgang aufzwingen wollen, anscheinend  für Oblomow. Jedenfalls deutet darauf  der herrliche Einfall, Uljanowsk in  Oblomow umzubenennen.

22.1.03

DER SOMMER AN ZWEI MEEREN

 

Aufzeichnungen eines traurigen Russen. (Valeri Panjuschkin, nach  Gazeta.ru).

 

Ich war an zwei Meeren und weiß nicht, welches trauriger ist. Das Mittelmeer liegt in  der Mitte, das Schwarze Meer ist schwarz. In den Mittelmeerhäfen sieht man weiße Jachten, so weit der Blick reicht. Am Schwarzen Meer kannst Du den ganzen Tag spähen  und entdeckst  keine einzige Jacht. 

 

Die Männer am Mittelmeer tragen Leinenanzüge und flache Uhren am Handgelenk.

 

Am Schwarzen Meer sah ich ein Ehepaar. Der Mann forderte die Frau auf, ein Huhn zu schlachten. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Die Frau wollte nicht. Dann nahm der Mann einen Stock, schlug  dem Huhn auf den Kopf. Und sagte: „Das Huhn ist jetzt tot. Kochen“. Sie hat das Huhn gekocht. Er hat es aufgegessen. 

 

Frauen am Mittelmeer waren sonnengebräunt  und jung. Sie trugen   Shirts   mit der Aufschrift „Sie sind reich, ich bin einsam“.  Sie wollen  mit einem Reichen  pennen und von ihm geschwängert  werden.  Denn die Männer in den Leinenanzügen  ernähren ihre Kinder und sorgen für ihre Freundinnen vom vorigen und vorvorigen Sommer. Sie sind anständig. Sie sind traurig. Und sie wollen keine Skandale.

 

Sie stehen an Deck ihrer Jachten und gucken  in die Ferne. Sie wissen, verlieren sie ihr Geld, verlieren sie auch ihre Freundinnen mit idealen Massen, aber unschönen Gesichtern. Diese würden sich  wie  Nebel  auflösen. Sind sie auch  nur ein Nebel.

 

Die Männer am Schwarzen Meer haben wenig zu verlieren, ihre Frauen schon gar nicht. Die Frauen haben keine idealen Masse, aber schöne Gesichter. Sie tragen Hauslatschen oder Gummistiefel. Sie stehen mit der Sonne auf. Kinder machen sie nicht reich, sondern bringen nur Trouble. Die Mädchen machen Fehler, die Jungs müssen in den Krieg.

 

Am Mittelmeer sitzen  alte Frauen in teuren Friseurläden und lassen sich maniküren. Ihre Hände sind schrecklich verunstaltet. Rheuma. Oder Arthritis.

 

Die alten Frauen vom Schwarzen Meer stützen sich auf Stöcke. Sie  geben den Hühnern Korn und den Kühen Heu.

 

Am Mittelmeer sind  alte Männer schweigsam, gehen gerade und halten junge Mätressen. Sie wollen nicht alt werden,  werden es aber.

 

Am Schwarzen Meer gehen  alte Männer  krumm. Sie essen viel. Sie meinen,  essen sie viel, werden sie nicht älter. Aber sie haben nur Bauschschmerzen davon.

 

So war ich in diesem Sommer an  zwei Meeren. Keines ist ein  Paradies.

 

Trotzdem. Wollen Sie schöne Weine, Jachten und Omars, fahren Sie zum Mittelmeer. Wenn Sie was anderes wollen, fahren Sie zum Schwarzen Meer.

 

Was, weiß ich nicht...Mücken? Gewitter?

 

Am Schwarzen Meer fallen  Sterne vom Himmel.  Und wenn sie fallen, heben alle den Kopf und wünschen sich was.

 

Am Mittelmeer fallen die Sterne nicht vom Himmel. Und keiner hebt hier den Kopf  und wünscht sich was. Vielleicht haben sie hier keine Wünsche mehr?   

 

23.8.02

DAS DOPPELTE RUSSLAND

Aus dem Tagebuch eines Russlandreisenden, der Reisematrjoschka zur Verfügung gestellt: 

Russland ist nicht gleich Russland. Es gibt Moskau, es gibt aber auch die Provinz. Das sind  zwei Paar Schuh. Viel mehr als Berlin und jedes beliebige Bundesland.

Moskau lebt von Banken, Restaurants, der Jagd nach Geld und europäischem Lebensstandart. Deshalb wirkt es kalt. Das übrige Russland ist viel wärmer. Es fühlt sich von Moskau  betrogen. Die Provinz kennt keine Kreditkarten, sie hat  oft keinen Strom  und sitzt in der Kälte. Die Worte wie „Freiheit“, „Demokratie“, „Lebensstandart“ haben für sie eine ganz andere Bedeutung. Moskau und das übrige Russland sprechen nur formell die gleiche Sprache.

So war es übrigens immer. Fortschritt und Zivilisation reichten  schon immer nur für die Hauptstadt.  Moskau lebt nicht nur in einem anderen Raum, sondern auch in einer anderen Zeit. Das kann zum Bruch führen. Zum Aufstand der Provinz gegen Moskau. Wie der Aufstand von Emeljan Pugatschow im XVIII. Jh. (Vergleichbar mit Thomas Münzer in Deutschland).  In der Hauptstadt interessiert man sich  nicht für das Leben  Tausende Kilometer weit von Moskau. Der Hochmut Moskaus  ist das Erbe des Totalitarismus, als das Land vom Kreml kommandiert wurde. Aber die Zeiten sind vorbei. 

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber...

R.S. Berlin.

 

Anm. von der Reisematrjoschka: Ich veröffentliche hier gerne auch andere Reiseeindrücke.

STIERKÄMPFE...

sind bekanntlich eine spanische Spezialität. Jetzt sollen sie  auch in der urrussischen Wolgastadt Jaroslawl stattfinden. Ende August. Meldet zumindest SMI.ru. Allerdings in der Sparte "Gerüchte".

Laut der site,  werden der spanische König und ein berühmter Torero als Ehrengäste erwartet.

Früher hat sich Jaroslawl um andere Lorbeeren beworben. Hier produzierte das größte Autoreifenwerk Europas. Nach der Öffnung des Landes ging es mit dem Absatz der  Reifen abwärts. Die Produktion konnte sich nicht gegen Importe behaupten. Will die Wolgastadt deswegen zur zweiten Sevilla werden? Hofft Jaroslawl auf Touristenströme aus aller Welt?

P.S. von Iwan Matrjoschkin, Esq.: Das Projekt, als dessen Urheber ein findiger Lokalpolitiker der Stadt gilt, leitet vielleicht eine  neue Epoche der Integration Russlands in die abendländische Gemeinschaft. Wenn  es zu einem Disneyland  wird, hat es womöglich eine bessere Zukunft, als wenn es sich als ein Industrieland zu profilieren versucht und in der Rolle eines lästigen Konkurrenten agiert.  Platz für die Vergnügungsveranstaltungen  hat es mehr als genug. Immerhin ein Sechstel der Erde. Zwar beanspruchen auch  die Atommülldeponien, die es dem Ausland  zur Verfügung stellt,  ein Teil des Territoriums. Aber trotzdem  bietet es auch der Spaßindustrie  mehr als  genug Entfaltungsräume. 

11.8.02      

SHIRINOWSKI IN BOSTON

 

Wladimir Shirinowski,ein prominenter russisischer Rechtsradikale, der als liberaler Superdemokrat gelten will, musste in Boston, USA, das er mit einem spektakulären Besuch beglückte, Unangenehmes erleben. Ein Auto mit beschmutztem Nummernschild schnitt seinem Wagen den Weg ab. Der Attentäter versuchte, den Gast samt Begleitung in den Ozean abzudrängen. Fünf Mal ergebnislos, das sechste Mal beinahe erfolgreich. Zwar kam Shirinowski heil davon, sein Berater, der Leibwächter und der ihn begleitende Fotograf wurden verletzt.

 

Besonders schlimm traf es den Leibwächter. Nach Auskunft seines Chefs kapiert er nichts mehr. Für die Unkosten will Shirinowski die Polizei von Boston in die Pflicht nehmen, da sie die Sicherheit der russischen Gäste nicht gewährleisten konnte.

 

Wladimir Shirinowski hat keine Zweifel an den verbrecherischen Zielen des Attentäters. Nach seinen Worten erlebte er in Boston nicht nur Begeisterungsstürme. Seine Bostoner Aufenthaltsorte wurden von Mahnwachen der aus Russland stammenden Juden belagert, die, wie er sagt, offen in seine Richtung spuckten und Grimassen schnitten. Er führt das auf sein jüngstes Buch „Iwan, knöpf die Seele zu!“, insbesondere auf die in diesem Buch publizierten Äußerungen über das Judentum zurück.

 

Dennoch ist der unverwüstliche Shirinowski optimistisch. Sein USA-Programm bleibt unverändert. Außer der Vorstellung seines neuen Werkes will er mit seiner Mannschaft ein Fußballspiel gegen ein amerikanisches Team austragen. Für den Sieger stiftete er einen Preis von 20.000  Dollar.

 

Der Runet-Zeitung gazeta.ru berichtete Shirinowski, nicht alle in Boston wollen ihn bespucken. Manche spendieren ihm ein Essen.

 

Ein Punkt des Besuchsprogramms musste allerdings doch gestrichen werden. Dieser sah vor, dass seine Anhänger zu einem Saufgelage eingeladen werden. Zu diesem Zweck ließ er einen Kasten Wodka aus Russland einfliegen, der seinen Namen trägt. Doch kam die Fracht beschädigt an. Sämtliche Flaschen waren zerbrochen. Shirinowski bezeichnete das als Terrorakt gegen den russischen Export in die USA. Der Schaden, den er geltend machen will, beträgt 3.000 Dollar.

 

Ihm, der einmal mit einem großen Wahlsieg in Russland prahlen konnte, droht jetzt die politische Bedeutungslosigkeit. Gegen Jelzin konnte er sich viel leichter profilieren als gegen Putin. Es wird vermutet, dass er jetzt auf dem Umweg über die USA in Russland Schlagzeilen machen will.

15.8.02        

 

4.EINE REISE NACH TUWA. VOR 50 JAHREN

Die hier zum ersten Mal veröffentlichte Reisenotizen erhielt Matrjoschka von einem russischen Journalisten, der vor 50 Jahren in dem exotischsten Landesteil der Sowjetunion gearbeitet und gelebt hat.

x x x

1.

In der Sowjetunion bekam jeder einen Arbeitsplatz. Von dem einzigen Arbeitgeber, dem Staat, zugewiesen. Der Staat kümmerte sich auch um Hochschulabsolventen. Mit dem Studium fertig, mussten sie vor einem Ausschuss antreten. Hier fiel die Entscheidung darüber, wo ein Absolvent eingesetzt werden sollte. Dort, wo er selbst und seine Angehörigen lebten, oder ganz woanders, in einem Betrieb seiner Wahl oder in einem, der ihn ankotzte. Widerspruch gab es nicht.

Auch wir, die ersten in der Sowjetunion universitär ausgebildeten Journalisten, erhielten zugewiesene Arbeitsstellen. Die einen in einer Großstadtzeitung oder an einem großen Sender. Die anderen, die gleichzeitig mit der universitären Ausbildung eine ganz andere genossen hatten, durften ins Ausland. Als Korrespondenten eines Massenmediums, gleichzeitig aber als Vertrauenspersonen einer ganz anderen Arbeitsstelle. Der Spionagebehörde.

Die dritten mussten sich mit der Anstellung in einer Provinzzeitung zufrieden geben.

Schlechter als alle Kommilitonen habe ich abgeschnitten. Ich wurde ans Ende der Welt geschickt. An die mongolische Grenze. Nach Tuwa.

Vor 1944 existierte die Republik Tuwa als ein formell unabhängiger Staat. In Wirklichkeit war es ein sowjetisches Protektorat. Tuwa hatte zwei Botschaften im Ausland, eine in Moskau und eine in Ulan-Bator, in der Mongolei. 1944 erfolgte der Anschluss an die Sowjetunion.

Tuwa liegt zwischen den Ausläufern des Sajan-Gebirges, am Oberlauf des gewaltigen sibirischen Stromes Jenissej. Die Verbindungen zur Außenwelt sind durch eine hohe, ringförmige Bergkette erschwert.

Acht Tage dauerte die Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn. Drei weitere Tage die Autoreise von der nächsten Eisenbahnstation Abakan bis zur tuwinischen Hauptstadt Kysyl. Eigentlich war der Weg dahin nur 650 Kilometer lang. Aber er führte über die unwegsame Gebirgsgegend.

Der Laster, der mich und mein Gepäck mitnahm, hatte dauernd Panne. Der Fahrer besoff sich dauernd. Die Fahrleistung, am ersten Tag stolze 350 Kilometer, sank auf 80 Kilometer am letzten Tag. Und in Kysyl wurden wir feierlich von einem Traktor reingeschleppt.

Meine Wohnung lag neben dem städtischen Stromwerk. In seinem Hof stand eine Säule mit der Aufschrift: "Zentrum Asiens". Gemeint war der geometrische Mittelpunkt. In jeder anderen Hinsicht war Kysyl kein Zentrum, auch nicht in Asien. Im Gegenteil: ein richtiger Krähwinkel.

Obwohl die Stadt vierzigtausend Einwohner hatte, die Hälfte der Bevölkerung der Autonomie, gab es nur zwei moderne, mehrstöckige Häuser. In einem war die Gebietsverwaltung der Stasi, im anderen das Parteikomitee untergebracht. Sonst nur einstöckige Häuschen mit flachen Dächern. In dem extrem trockenen, kontinentalen Klima hätten Giebeldächer keinen Sinn.

Wohl nirgendwo in der Sowjetunion kam das zwanzigste Jahrhundert weniger zum Zuge als hier. Als ich einem tuwinischen Hirten beschrieb, wie eine Badewanne aussieht und wozu sie gut ist, lachte er wie Kind. Er hat nur in Seen und Flüssen gebadet und auch das äußerst selten. Und wenn er mal musste, erledigte er das Geschäft ausschließlich in der freien Natur.

Trotzdem kamen in Kysyl zwei Tageszeitungen heraus. Dem Umfang nach genau den anderen in der Sowjetunion gleich. Auch in Regionen mit einer tausendfach größeren Bevölkerung waren die Zeitungen nicht größer.

Die Zeitung, bei der ich anfing, hieß "Tuwinskaja prawda". Es war eine russischsprachige Zeitung. Sie hatte höchstens fünfhundert Leser. Beamte, Fachleute, Lehrer russischer Herkunft.

Die russische Gemeinde in Tuwa war aber viel größer. Die meisten gehörten einer Sekte an, nach deren Regeln nur die Bibel gelesen werden durfte. Die Ahnen der Sektenmitglieder, verfolgt von der orthodoxen Kirche, waren ein halbes Jahrtausend davor nach Tuwa geflohen. Die Nachfahren bewahrten die Sitten.

Die andere Zeitung erschien in Tuwinisch und hieß "Schyn", was, wie das Wort "prawda" im Titel der russischsprachigen Zeitung, Wahrheit bedeutete. Die Prawda auf tuwinisch hatte noch weniger Leser als die auf Russisch. Die Tuwiner brauchten keine Zeitung. Ihr Horizont reichte nicht weiter als ihre Schafweiden.

Auch wenn die Zeitungen kaum Leser hatten, erschienen sie regelmäßig und niemand dachte an ihre Einstellung.

Das Pressewesen der Sowjetunion wurde zentral geregelt und zentral finanziert. Die sowjetische Nationalitätenpolitik erforderte, dass jeder Landstrich mit gemischter Bevölkerung zwei Zeitungen hatte. Eine russischsprachige und eine in der Muttersprache der Ureinwohner.

Nicht nur das Pressewesen musste entsprechend dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller Völker der Sowjetunion gestaltet werden. Auch das Theaterwesen zum Beispiel. Deswegen hatte das einzige Theater in Kysyl zwei Schauspielertruppen, eine russische und eine tuwinische.

Zu den russischen Aufführungen kamen einige Dutzende Zuschauer. Zu den tuwinischen kam niemand. Peinlich. Das Gebietskomitee der Kommunistischen Partei, die eigentliche Regierung der Republik, vereinbarte mit dem Kommandeur der in Tuwa stationierten Grenztruppe, dass zu den tuwinischen Aufführungen dienstfreie Soldaten beordert wurden. Die russischstämmigen Soldaten verstanden kein einziges auf der Bühne gesprochenes Wort. Dennoch freuten sie sich auf die Theaterbesuche. In dem gut geheizten Zuschauerraum ließ es sich ruhig dösen.

Der Redaktion mangelte es an Lesestoff. Wir wussten nicht, worüber wir schreiben sollten. Eigentlich gab das exotische und eigenartige Tuwa eine Menge Stoff her. Aber wir durften nur über die Errungenschaften des Sozialismus schreiben. Bei aller Fähigkeit, diese aus dem Finger zu saugen, hatte Tuwa wenig Errungenschaften aufzuweisen.

Allerdings hieß es offiziell, Tuwa hätte den großen Sprung vom frühen Feudalismus über den Kapitalismus hinweg zum entwickelten Sozialismus vollzogen. Tatsächlich blieb es ein Refugium der Nomaden, die keine Ahnung von verschiedenen Ismen hatten.

Die Zeitung hatte Ressorts wie jede andere. Für Parteileben, Tätigkeit der Verwaltung, Kultur, Industrie und Landwirtschaft.

Landwirtschaft gab es in Tuwa, Industrie nicht. Abgesehen von einer kleinen Schneiderei und einer primitiven Autoreparaturwerkstatt in Kysyl. Ich wurde dem Industrieressort der Zeitung zugeteilt. Dieses sollte täglich dreihundert Zeilen über das Geschehen in den tuwinischen Industriebetrieben liefern.

Angesichts des erwähnten Entwicklungsstandes der tuwinischen Industrie keine leichte Aufgabe.

Mein Erstlingswerk galt der Näherei. Ich brachte es fertig, eine ganze Zeitungsseite darüber zu füllen, wie die Näherinnen Garn sparten.

Die Veröffentlichung fand großen Beifall im Parteikomitee. Wegen der Aktualität, denn in der Sowjetunion lief gerade eine von der Partei angeordnete Einsparungskampagne in der Industrie. Überall in der sowjetischen Industrie sollte an allem gespart werden. Auch in der Industrie von Tuwa.

In den zwei großen Häusern in Kysyl, wo Politik gemacht wurde, galt der oberste Grundsatz: bei uns läuft alles wie bei den anderen. Tuwa sollte anderen Gebieten der Sowjetunion angeglichen, die Tuwiner sollten gleichgeschaltet werden. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Aus diesem Grund wollte der Staat die nomadisierenden Tuwiner sesshaft machen. Vor allem wollte das die Staatssicherheit. Das Hirtenvolk entzog sich ständig ihrer Obhut. Heute hier, morgen dort. Mal musste man einen im Tal der Hinkenden Bärin, mal in der Schlucht der Drei Tannen suchen. Das ging nicht. Keine Ordnung.

Auch die Parteiführung hätte die Bevölkerung gern sesshaft gesehen. Das passte besser zur entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Die Viehzüchter aber wollten nicht sesshaft werden. Ihre Vorfahren waren immer schon Nomaden. Die tuwinische Natur erforderte Nomadenviehzucht. Hier gab es keine Flusswiesen, wo Gras für den Winter gemäht werden konnte. Es gab nur Weiden. Hatte eine Schafherde eine Stelle abgeweidet, wurde sie weitergetrieben. Die Jurte zusammengelegt, Ochsen oder Kamelen aufgebunden und ab ins nächste Tal.

Die Sesshaftigkeit behagte den Hirten auch aus einem anderen Grund nicht. Schon in den vierziger Jahren wurde ihr Vieh von der zentralen Behörde aufgelistet. Allerdings nur ein Teil, den anderen konnten die Hirten in den Bergen verstecken. Als Sesshafte hätten sie die Verstecke preisgeben müssen.

Die Sowjetmacht versuchte ihr Bestes. Traktoren rollten in die Täler, Neuland wurde gepflügt, Kartoffeln wurden gepflanzt. Die Tuwiner aber wussten nicht, dass nur die Knollen gegessen werden durften. Sie aßen das Kartoffelkraut. Manche bekamen Durchfall. In der Steppe verbreitete sich das Gerücht, die Russen wollten die Tuwiner mit Kartoffeln vergiften.

Russische Bauarbeiter kamen in die Steppe, um Holzhäuser für die Nomaden zu bauen. Nach Vorlagen, die in Moskau ausgearbeitet worden waren und Häuser mit spitzen Dächern wie in Mittelrussland vorsahen. Die Tuwiner aber, unter dem ewig wolkenlosen Himmel groß geworden, wollten die Häuser nicht haben.

Das tuwinische Haus besteht aus Lehmmauern und einem flachen Dach. Darin ist es im Sommer kühl und im Winter warm. Wie in der Jurte.

Die Hirten stellten ihre Jurten neben den Häusern auf und blieben in den Lederhütten. Die Obrigkeit ordnete die Sicherstellung der Jurten an. Die Tuwiner nahmen das der Obrigkeit sehr übel.

Äußerlich gaben sie sich untertänig. Sie waren ja immer unterdrückt. Von mandschurischen und mongolischen Fürsten, russischen Beamten. Auch von russischen Kaufleuten, die Pelze und Wolle gegen Wodka, Flinten, Pulver und Messer eintauschten. Die Tuwiner waren bei russischen Kaufleuten ständig verschuldet. Das russische Wort "Torgasch", Händler, verwandelten sie in "Targa",Chef.

Zuerst wunderte ich mich darüber, wie servil und schüchtern sich die Tuwiner gaben, besonders die alten. Wurden sie angesprochen, falteten sie die Hände überm Bauch, verbeugten sich und wiederholten: ja, Targa, ja, Targa.

Die Demut, wenigstens nach außen hin, war hier Tradition. Auch von der Religion vorgeschrieben. Tuwiner waren Lamaisten. Wie die Tibeter.

Als ich nach Tuwa kam, gab es allerdings keine Tempel und keine Priester mehr. Lange davor wurden die Tempel dem Boden gleichgemacht, die Priester ermordet oder verjagt. Das besorgte die Revolutionäre Volkspartei von Tuwa, geführt von Soltschak Kalbakghoregowitsch Toka, dem Führer des tuwinischen Volkes. Bereits vor der Eingliederung Tuwa in die Sowjetunion sollten die Tuwiner zu Atheisten und Kommunisten werden.

Später, als ich aus dem Industrieressort der Zeitung in das Ressort Parteileben wechselte, besuchte ich oft tuwinische Kommunisten. Ich betrat eine Jurte und fragte den Familienvater, ob er ein Parteimitglied sei. Er dachte angestrengt nach und bejahte schließlich die Frage. Ich bat, das Parteibuch zu zeigen. Er kramte irgendwo in der Ecke. Das Parteibuch kam zum Vorschein. Mit Leninbild auf der ersten Seite. Wer ist da abgebildet? Schweigen. Die schwarzen Augen teilnahmslos, das breite, faltige, dunkle Gesicht unbeweglich, als wäre der Mensch ins Nirwana versunken. Wie heißt denn die Partei? Kein Wort, keine Bewegung.

Prozentuell hatte Tuwa trotzdem mehr Kommunisten als Zentralrussland.

Allmählich kam ich dahinter, dass ihre Demut nur eine Maske war, hinter der sich Verachtung für die Fremden verbarg. Und Trotz. Deswegen wohl brannten die von den Russen erbauten Häuser immer öfter ab. Die meisten Brände waren sicher unbeabsichtigt, da die an offenes Feuer gewöhnten Tuwiner den Umgang mit Öfen nicht lernten. Es gab aber auch Brandstiftungen.

Die Feuerbrünste in tuwinischen Siedlungen verursachten im Gebietsparteikomitee und bei der Staatssicherheit viel Kopfzerbrechen.

Maßnahmen waren fällig.

Um die Zeit rollte über die Sowjetunion eine neue Terrorwelle. Wieder einmal wurde nach Agenten des Weltimperialismus gefahndet. In der Regel fand man sie unter den Juden.

In Tuwa gab es keine Juden. Also mussten die Agenten des Imperialismus unter den Tuwinern gefunden werden.

In wenigen Tagen kamen einige Dutzend Tuwiner in Haft. Meistens Apparatschiks, mit denen die Chefs unzufrieden waren. Sie wurden beschuldigt, Brandstiftungen angezettelt zu haben.

Das genügte aber nicht, um die Übeltäter richtig zu verteufeln. Also wurde ihnen noch Verschwörung angehängt. Angeblich hatten sie vor, Tuwa an Japan zu verkaufen.

Warum ausgerechnet an Japan? Mit China und der Mongolei pflegte die Sowjetunion damals dicke Freundschaft. Alle übrigen Länder Asiens galten als Opfer des Imperialismus. Blieb nur Japan.

Zwischen Tuwa und Japan liegen mehrere tausend Kilometer. Die Verhafteten hatten keinen blassen Schimmer von Japan. Doch wen kümmerte das?

Die Ermittlungen begannen, geleitet vom Staatsanwalt des Gebiets. Tuwa sollte seinen eigenen Schauprozess haben.

Doch der Prozess fand nicht statt. Völlig unbeabsichtigt verhinderte ich seine Durchführung.

2.

Hundert Kilometer von Kysyl gibt es einen tiefen See. Er heißt Tschagatai. Ein Tummelplatz für Hechte. Einige so groß wie Baumstämme.

In der warmen Jahreszeit fuhren samstags Autos mit Anglern aus Kysyl zum See. Nur Russen aus den großen Häusern.

Tuwiner angelten nicht. Sie aßen keinen Fisch, sondern nur das, was Viehzucht und Jagd brachten. Fisch galt bei ihnen als unsauber, nicht koscher.

Die Russen, passionierte Fischesser und Angler, lachten darüber.

Eines schönen Tages saß ich zusammen mit dem Staatsanwalt von Tuwa in einem Boot. Wir angelten Hechte. Ich wollte den Blinker besonders weit werfen und holte mit meiner Wurfangel aus. Die Angelschnur verhedderte sich aber und das schwere Bleigewicht traf den Staatsanwalt mit voller Wucht am Kopf. Der Mann sackte blutüberströmt zusammen.

Hilfeschreiend ruderte ich zum Ufer. Der Staatsanwalt wurde ins Krankenhaus gebracht. Er musste einige Wochen das Bett hüten. Die Ermittlungen stockten.

Bald danach starb Stalin. Seine Vertrauten im Geheimdienst wurden hingerichtet. Innenpolitische Entspannung kehrte ein, "Tauwetter" genannt.

Auch in Tuwa änderte sich das politische Klima. Die Verhafteten kamen frei. Es hieß, die Ermittlungsrichter hätten sich geirrt. Keiner wollte Tuwa an Japan verkaufen.

Eigentlich sollten die Chefs von Tuwa mir dankbar sein. Indem ich den Prozess, wenn auch zufällig, verhinderte, ersparte ich ihnen Unannehmlichkeiten.

Aber Dankbarkeit war für sie ein Fremdwort. Sie nahmen mir das ungewollte Attentat übel. Ich wurde vor den Ersten Sekretär des Parteikomitees von Tuwa zitiert. Das bedeutete in der Regel die Vorstufe einer schweren Maßregelung.

Ich betrat ein riesiges Dienstzimmer. Hinter dem Parteisekretär Toka hing das Bild Stalins in der Uniform des Generalissimus. Auf dem Tisch lag neben meiner Akte noch eine Stalindarstellung, ein gusseisernes Basrelief.

Also...,- begann Toka und begleitete seine Worte mit leisem Klopfen auf das Basrelief. Daß du ein Abweichler bist, ist mir klar, aber ob ein rechter oder linker, ist mir noch nicht klar, aber ich finde es heraus.

Genosse Toka, ich bin kein Abweichler, sagte ich Verfasser beschwichtigend. Weder ein rechter noch ein linker. Es war ein Unfall!

Das werden wir noch sehen, grollte Toka. Das finden wir noch heraus.

Aber aus Moskau wehte weiterhin frischer Wind. Auch die Ermittlungen über das Attentat auf dem Tschagatai-See fielen ins Wasser.

Einige Wochen nach ihrer Einstellung hatte ich dienstlich in der Siedlung Kaa-chem zu tun. Dort stieg ich im Gästehaus des Kreisparteikomitees ab. Andere Gästehäuser als die der Partei gab es nicht in Tuwa.

Es war ein gewöhnliches Wohnhaus. In einem Zimmer hauste das Personal - die Verwalterin und die Putzfrau. In den anderen wohnten Gäste, Dienstreisende aus Kysyl.

Am späten Abend hörte ich im Nebenzimmer schreckliches Röcheln. Es klang, als würde jemand gewürgt. Ich lief hinaus und stieß mit dem Fuß die Tür des Nebenzimmers auf. Im Bett krümmte sich ein Mann. Es war Toka, der Parteisekretär.

Was ist los, rief ich aufgeregt.

Toka machte die Augen auf, unter dem Kopfkissen zog er eine Pistole hervor. Jetzt passiert's, dachte ich. Jetzt schießt er mich, den Attentäter, über den Haufen.

Toka kam zu sich und erkannte mich.

Er klagte über Alpträume und Herzschmerz. Ich wollte einen Arzt holen. Er winkte ab und lud mich zu einer Flasche Sekt ein.

Am Tisch erzählte er, er wäre in die Siedlung Kaa-chem gekommen, um den ersten Kreissekretär der Partei abzusetzen. In dessen Haus wollte er nicht übernachten. Nach tuwinischer Sitte bindet Gastfreundschaft. Darum nahm er mit dem schäbigen Gästehaus Vorlieb.

Ich wollte gehen, er ließ es nicht zu. Anscheinend hatte er Angst allein zu bleiben. Er holte aus dem Koffer noch ein Flasche Sekt.

Bis spät in die Nacht erzählte er aus seiner Kindheit. Über seine Eltern. Einfache Viehzüchter. Nomaden.

Er erinnerte sich an den warmen Geruch der Schafherden, daran, wie frischer Käse und Kamelmilch schmeckten. An die Hunde, mit denen er zusammen in der Jurte am Feuer schlief. An sein erstes Reitpferd, seine erste Jagd. An die erste Liebe.

Er erinnerte sich an das zurückliegende Leben, das er in seinen Reden und Zeitungsbeiträgen als die düstere Zeit des Feudalismus verdonnerte. Nostalgisch klangen diese Erinnerungen.

Ich flocht ein, ich hätte Tokas autobiografische Novelle "Das Wort des Hirten" gelesen...

Meine? Als ob du nicht weißt, wie Literaturwerke erster Sekretäre produziert werden. Und wer sie produziert, fügte er hinzu.

Ich wusste es, hatte ich doch selbst als Student daran mitgeschrieben, um mein Stipendium aufzubessern.

Nicht der Erste Sekretär des Gebietsparteikomitees, nicht ein Mitglied des stalinschen Zentralkomitees, nicht der erbarmungslose Kämpfer gegen Abweichler aller Schattierungen saß vor mir, sondern ein alter, untersetzter, krummbeiniger Tuwiner mit faltigem Gesicht und kleinen schwarzen Schlitzaugen. Ein alter, müder, vielleicht kranker Mann.

3.

Ich weiß nicht, ob Toka schreiben konnte, reden konnte er jedenfalls. Deswegen wurde er auch als junges Parteimitglied nach Moskau zur Kommunistischen Hochschule für Werktätige des Orients abkommandiert. Sein Mentor war der Sprachforscher Alexander Palmbach, Fachmann für mongolische Sprache. Palmbach gehörte zu den Deutschstämmigen. Er war nur vier Jahre älter als Toka.

Der junge Tuwiner und der Deutsche wurden Freunde. Palmbach lernte das der mongolischen Sprache verwandte Tuwinisch. Er begründete das tuwinische Schrifttum. Toka besserte sein Russisch auf und lernte ein paar Brocken Deutsch. 1928 fuhr er sogar nach Berlin zu einer Konferenz der Kommunistischen Jugendinternationale.

Nach Tuwa kehrte er Anfang der dreißiger Jahre zurück. Schnell erklomm er den Gipfel der Macht. Unterwegs beseitigte er Rivalen.

Palmbach besuchte Toka in Kysyl. Danach kamen in Moskau Erzählungen ,Theaterstücke und Gedichte des tuwinischen Volksführers heraus. In Übersetzung von Alexander Palmbach. In Kysyl erschienen sie in tuwinischer Sprache erst hinterher.

Im Zweiten Weltkrieg bildete Toka, zu der Zeit der mächtigste Mann in Kysyl , aus tuwinischen Jägern eine Scharfschützentruppe. Der tuwinische Jäger trifft das Eichhörnchen und den Zobel ins Auge, damit das Fell keinen Schaden nimmt. Die Scharfschützen aus Tuwa bewährten sich an der Front bestens.

Stalin erhielt einen Bericht über ihre Leistungen. Der weise Führer aller Völker der Welt wurde nachdenklich. Tuwa? Eine unabhängige Republik? Die Andeutung wurde verstanden. Im August 1944 kam Toka nach Moskau. In der Tasche das Bittgesuch, Tuwa in die Sowjetunion aufzunehmen. Unterschrieben von allen Tuwinern. Auch von jener großen Mehrheit, die nicht schreiben konnte.

Auf die Audienz musste er einige Wochen warten. Stalin wollte die Sache gut überlegen. Schließlich hatte er Größeres vor, als das gottvergessene Tuwa in die SU zu holen. Mit der Eingliederung Tuwas die Pferde scheu zu machen, schien nicht ratsam.

Erst ein Bericht der nach Tuwa entsandten Geologen ließ ihn die Entscheidung treffen.

Er empfing den Bittsteller. Euer Wille geschehe, sprach er großzügig. Tuwa wird in die Union aufgenommen. Und er fragte, ob es stimmt, dass der Landstrich reiche Vorkommen an Gold und Quecksilber hätte. Und auch an Uranerz?

Der Vater aller Werktätigen fand Gefallen an Toka. Er befahl, ihm für die autobiografische Novelle "Das Wort des Hirten" den höchsten Literaturpreis des Landes zu verleihen.

4.

Etwa zehn Jahre später, als ich wieder in Moskau arbeitete, traf ich Toka noch einmal. Er war Delegierter eines Parteitages, der den Beschluss fasste, den einbalsamierten Leichnam Stalins aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz zu entfernen. Es hieß jetzt, der Organisator des großen Terrors hätte es nicht verdient, neben der Lenin-Mumie zu liegen.

Toka gab mir ein Interview über den Parteitag. Er war missgelaunt, Stalin wollte er nicht erwähnen. Ich bestand auch nicht darauf. Ich wusste, dass Toka es zu dem Zeitpunkt in Tuwa nicht leicht hatte. Man kreidete ihm die Unterdrückung und Vernichtung jener Landeskinder an, die es nicht sehr eilig hatten, den Sprung aus dem Frühfeudalismus in den entwickelten Sozialismus zu tun.

Später, in den Jahren der Perestroika, berichten Moskauer Zeitungen, es ginge in Tuwa alles drunter und drüber. Die tuwinischen Viehzüchter hätten ihre Herden, nach dem Anschluss Tuwas quasi verstaatlicht, wieder privatisiert. Sie verließen die für sie gebauten Dörfer und zogen wieder durch die Steppe. Sie verbrannten ihre Parteibücher mit dem Leninbild und ihre sowjetischen Ausweise mit Hammer und Sichel. Eine Partei entstand, die ein unabhängiges Tuwa forderte. Ein Gottestempel wurde gebaut. Bei der Einweihung brachte ein uralter Lama Reliquien, die er seit 1921 versteckt hielt.

Russen genießen in Tuwa kein Ansehen mehr. Von der Untertänigkeit der Tuwiner blieb keine Spur. Im Gegenteil: Russen wurden auf den Straßen angepöbelt, verprügelt, manche ermordet. Viele Russen zogen es vor, sich abzusetzen. Sie schlossen sich den russischen Flüchtlingsscharen an, die aus allen Ecken und Enden der ehemaligen Sowjetunion nach Russland, ins Mutterland zurückkamen.

Auch jene tuwinischen Russen, die sich hier schon vor Jahrhunderten niedergelassen hatten, um Verfolgungen der mit dem Zarenthron eng liierten Kirche zu entgehen. Mit der Sowjetisierung von Tuwa hatten sie nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil: die Sowjetmacht hat ihre, von russischen Bauernsitten längst vergangener Zeiten geprägte und in Tuwa gewissermaßen konservierte Lebensweise mit Argusaugen betrachtet. Trotzdem wurden auch sie von den Einheimischen drangsaliert. Den Tuwinern kam es nicht darauf an, welche Russen es waren, die Hauptsache es waren Russen.

Allmählich beruhigte sich die Lage. Die Tuwiner besannen sich darauf, dass aus Russland nicht allein Schlechtes gekommen war. Jetzt ist ein Tuwiner namens Schoigu sogar zu einem der mächtigsten Männer im Kreml geworden. Ihm wird großes Durchsetzungsvermögen bescheinigt.

 

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