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DER RUBEL ROLLT

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                   Weil die Russen hart arbeiten...

 

1.WIRTSCHAFT 

2.Schattenwirtschaft. 

3.Der russische Markt  

1.WIRTSCHAFT

Das Imperium Chodorkowskis unter Druck

Der weltweit viertgrößte und in Russland größte  Erdölkonzern JUKOS steht unter dem Druck der russischen Gesetzeshüter

Einer der größten JUKOS – Aktionäre  und zweitwichtigste Manager der Erdölgesellschaft Platon Lebedew wurde festgenommen und verhört. Verhaftet ist der Chef für innere und ökonomische Sicherheit von JUKOS, Alexej Pitschugin.  Weltweit wird jetzt nach  dem JUKOS Mitarbeiter und ehemaligen Chef der „Osterdölgesellschaft“ Ramil Burganow  gefahndet.

Für jeden fand sich etwas. Einer wird verdächtigt, ein Aktienpaket gestohlen zu haben. Dem anderen wird zweifacher Auftragsmord zur Last gelegt. Usw.   

Die Aufregung um den größten Konzern des Landes, durch die Ermittlungen gegen drei seiner Manager provoziert, ist kein Zufall. Es ist eine Botschaft für die Russen, dass sich JUKOS in den Händen von Mördern, Gaunern und Dieben befindet und diesen genommen werden muss.  

 

Diese Botschaft kommt an. Die Russen haben die Oligarchen und überhaupt die Reichen gefressen. Außerdem  macht das Gerücht die Runde, der verhasste  Chodorkowski  wolle den Volksliebling Putin aus dem Kreml vertreiben und deswegen den Oppositionsparteien Geld zuspielt. 

Vielleicht aber liegt der wahre Grund darin, dass die Gesetzeshüter selbst ein Stück des Kuchens, also von  JUKOS schlucken  oder ihren Geldgebern  zuschieben wollen. Stimmt das, dann heißt es, dass die Kräfte, die im Lande die gesetzliche Ordnung sichern sollen, sich der Erpressung schuldig machen. Sie pfeifen darauf, wie es den Tausenden bekommt, die bei JUKOS in Lohn und Brot stehen.

Nach Dni.ru 4.7.03  

PS. Wir haben unseren all-Round-Experten Iwan Matrjoschkin, Esq.,   gebeten, diesen Bericht einzuschätzen. „Dni.ru- sagte er- spielen den Oligarchen in die Hand. Darauf lässt der Bericht über das Geschehen in Moskau schließen.  Trotzdem sind die Oligarchen  Krüppel. Alle! Ihre Milliarden Dollar haben sie dem russischen Volk gestohlen. Ich z.B. habe keine  Milliarden Dollar, ich habe nur sieben Dollar, die ich als  letzte Reserve für  kommende schwere Zeiten unter dem Kissen verstecke. Warum nur sieben und keine sieben Milliarden? Nicht nur, weil die Holzpuppen weiblichen Geschlechts geizig sind und mich miserabel bezahlen. Noch schwerwiegender ist, dass ein Esquire nicht stiehlt. Ich habe dem russischen Volk nichts entwendet. Höchstens mich selbst. Dafür aber hatte ich Gründe, die ich vorläufig nicht preisgeben will.

Aber kommen wir auf Jukos zurück. Seinen Chef, Herrn Chodorkowski, habe ich in Berlin kennen gelernt. Ein Schlaumeier. Spricht perfekt Amerikanisch und kein Wort Deutsch. Allein das reicht, um ihm Jukos wegzunehmen.

Ob mein Freund Wladimir das tut, ist noch nicht klar. Aber er schlägt sich tapfer an zwei Fronten. Einmal gegen die Oligarchen wie Chodorkowski. Dann gegen die Ordnungshüter, die sich von diesen kaufen lassen, um mit der Konkurrenz abzurechnen.

Ob er den Zweifrontenkrieg gewinnt?  Ja, wenn er die richtigen Leute hat. Ich bin bereit. Und es ist mir egal, wen ich zuerst erledigen soll, die einen oder die anderen. Beide denken nur an sich. Ans russische Volk denkt nur Wladimir. Und ich. Und wenn ich daran denke, fließen mir die Tränen.

Ach, warum haben wir das alte System aus der Welt geschafft? So schlimm war es nicht. Damals passte jeder auf den anderen auf. Und kaum hat ein Funktionär sich etwas mehr als der andere in die Tasche gesteckt, hieß es bei der nächsten Sitzung des Parteikomitees, Genosse Iwanow lasse die kommunistische Bescheidenheit vermissen. Er sei vom Westen korrumpiert. Und weg war der Genosse Iwanow. Ab nach Sibirien! 

Ich fühle mich noch immer dieser hohen Moral verpflichtet. Deswegen tut es mir nicht weh, dass ich mir in der Kneipe „Sonnenschein“ zu Prenzlauer Berg, Berlin, mein Bier anschreiben lasse. Der Kneipier ist auch so ein Oligarch. Ich hoffe sehr, dass mein Freund Wladimir, nachdem er mit russischen Oligarchen reinen Tisch macht, sich auch die deutschen vornimmt. Besonders diesen Kneipier. 

Das belastende Material steht, genauer gesagt, liegt bei mir zur Verfügung. Alles säuberlich in einem Heft aufgeschrieben, das mir der besagte Kneipier gespendet hat.

Eigentlich sollte er bereits jetzt saubere  Unterwäsche und  Zwiebackvorrat bereithalten. Das  wird er brauchen, wenn er mit Herrn Chodorkowski eine Hütte in Sibirien teilen muss.

        

 

IN DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR AUSWÄRTIGE POLITIK  FAND EINE DEBATTE ÜBER DIE RUSSISCHE WIRTSCHAFTSENTWICKLUNG STATT.

 

Vor Vertretern der deutschen Geschäftswelt und   Volkswirtschaftlern sprach hier  der führende Wirtschaftsexperte der linken Opposition in Russland, Sergei Glasjew. Obwohl ein Kritiker des Kremls, hob er  die positive Entwicklung der russischen Wirtschaft hervor. Der jährliche Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes hält sich um die Marke von vier bis sechs  Prozent.   Der Einbruch der russischen Wirtschaft im Krisenjahr 1998 ist  so gut wie überwunden. Russland  verfügt über größere Währungsreserven als je zuvor, tilgt seine Auslandsschulden, der Rubel ist stabil. Glasjew, der als möglicher Präsidentschaftskandidat der Opposition  vorgestellt wurde, ließ durchblicken, dass die Wirtschaftsdaten seinen politischen Freunden kaum eine Chance lassen,  die bevorstehenden Wahlen für die Staatsduma  und das Präsidentenamt zu gewinnen. Zumal die Wirtschaftsstabilität  mit der politischen Stabilität einhergeht, von den meisten Russen nach ständigen Turbulenzen  der früheren Jahre als wohltuend empfunden.

 

Trotzdem sieht der Gast aus Moskau   heraufziehende Gefahren für die russische Wirtschaft. Sie hängt am Tropf der Energieträger- und Rohstoffexporte und ist deshalb zu konjunkturempfindlich. Zwar sind  die Löhne und Gehälter  in den exportorientierten Zweigen der russischen Ökonomie stark gewachsen, insbesondere bei den Managern, deren Einkünfte  in die Millionen Dollar jährlich schießen, aber in den sonstigen Bereichen verdienen die Menschen viel weniger als vor der Krise 1988 und vor dem Übergang zur Marktwirtschaft 1991. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung leidet unter Armut. Dementsprechend stagniert die Inlandsnachfrage. In desolatem Zustand befinden sich      

die Hochschulbildung und Forschungstätigkeit, da der Staat seine Zuschüsse dafür um das Zehnfache runtergefahren hat, die private Wirtschaft    aber sieht keine Verwertungsmöglichkeit der Innovationen. Etwa die Hälfte der jungen, als Forscher ausgebildeten Fachkräfte kehrt  der Heimat den Rücken. Die Verluste durch die Abwanderung der Gehirne sind durchaus mit denen aus der Kapitalflucht zu messen. 

 

Die Maschinenausrüstung der russischen Industrie ist abgenutzt und veraltet. Es werden dringend  Investitionen gebraucht, um die Maschinenbestände zu erneuern. Aber die ausländischen Investoren tun  sich schwer, wenn es um Russland geht. Obwohl der Stücklohn in Russland nur ein Viertel des westlichen ausmacht. 

 

Russland kann jedoch aus ohne Auslandsinvestitionen seine Wirtschaftsprobleme lösen. Im Lande selbst ist dafür genug  Geld da,  man muss die Superprofite der Ölmultis nur richtig besteuern.   Bis jetzt zahlen gerade sie wenig Steuern. Ein Paradox: 2/3 des Nationaleinkommens kommt von der Ausbeutung der Natur. 80 Prozent des Steueraufkommens aus der Besteuerung der produktiven Arbeit.

 

 

Umgekehrt wäre  gerecht, da die Naturressourcen dem ganzen Volk gehören. Es  wäre auch zweckmäßig, weil dadurch die Superprofite der Ölmultis zur Steigerung der Nachfrage in Russland herangezogen werden würden, so aber lagern sie zu einem großen Teil in den Banken des Westens.  Eine andere Sache ist die Besteuerung der Unternehmen der verarbeitenden Industrie, die zurückgefahren werden muss.

 

Insbesondere insistierte Glasjew darauf, dass der Staat eine  schnelle Anhebung der Löhne und Gehälter in Russland durchsetzt. Er sieht darin das beste Mittel gegen  Korruption in der Verwaltung und die sonstige Kriminalität, die blüht wie eh und je.

 

Die viel gerühmten Reformen wiesen aber in die entgegengesetzte Richtung. Die Besteuerung der Reichen wurde um 2/3 gesenkt, die Armen müssen immer mehr Steuern zahlen, sagt Glasjew. 

 

Bis zu diesem Punkt  folgten die Anwesenden den Ausführungen des russischen oppositionellen Politikers mehr oder weniger zustimmend.  Als sie aber wahrnahmen, dass die Forderungen der von ihm repräsentierten

linken Opposition  auf mehr Staat in der Wirtschaft hinauslaufen, meldeten sie ihre Zweifel an. Denn das weckte Erinnerungen an die sowjetische Zeit, als der Staat die Wirtschaft beherrschte. Mit den bekannten Ergebnissen. 

 

Sergei Glasjew sprach übrigens davon, dass seine politischen Freunde aus der Kommunistischen Partei der Russischen  Föderation einen Wandel   zur Sozialdemokratie ins Auge fassen. Begeisterungsstürme löste die Mitteilung unter den Anwesenden nicht aus. Sie meinten, das Programm des Gastes aus Moskau, sollte es zum Programm der russischen Regierung werden, bewirke nur eins: die Abschreckung der Investoren aus dem Westen.

 

Aber, wie Sergei Glasjew selbst zugab, ist vorläufig   eine  Weichenumstellung in der russischen Wirtschaftspolitik  nicht zu erwarten. Wie in der ganzen Welt, werden auch hier   Pferde an der Furt nicht gewechselt. Und das Zugpferd namens Putin ist tüchtig. Drei Viertel der russischen Wählerschaft will es behalten. 

14.5.03    

WLADIMIR SEMAGO UND GEORGE W. BUSH

 

Der   Moskauer Neureiche Wladimir Semago verklagte den USA-Präsidenten. Er will von George W. Bush  Schadenersatz. Seine Firma „Energopromstroi 1“ verlor im Irak 19 Millionen USD, weil sie, die  Kraftwerke baut, durch den Krieg gehindert wird, die bereits in Angriff genommenen Projekte im Irak  fristgemäß zu Ende zu führen. Sollte der Verlust nicht zurückerstattet werden,  droht er, das Konto der amerikanischen Botschaft in Moskau gerichtlich sperren zu lassen. Bis Bush zahlt.   

 

Wir baten unseren Chefjuristen, Iwan Matrjoschkin, Esq., die Erfolgschance der Schadenersatzforderung einzuschätzen. 

 

Kommt darauf an, sagte er. Wenn alle Geschädigten  Ersatz fordern und ihre Anwälte kooperieren, erhält auch  Herr Semago sein Geld zurück. Allerdings  sind die USA dann pleite. Und die amerikanischen Semagos zerreißen Herrn Bush in Stücke. Denn  sie haben den  Krieg nicht deswegen eingeleitet, um zu zahlen, sondern um andere zahlen zu lassen.  

 

Wie stehen die Chancen Deutschlands,  auch etwas zu erhalten, fragten wir, als treue  Bürger unseres neuen Vaterlandes um die Belange des Herrn Eichel sehr besorgt, den Chefjuristen. 

 

Nicht schlecht, sagte der Staranwalt. Wenn der deutsche Staat nur die infolge der spontanen Antikriegsmärsche entstandenen Unkosten der Polizeieinsätze und der Straßensäuberung vom Urheber des Krieges einfordert, ist das Problem der Rentenfinanzierung so gut wie gelöst. Aus den  Ausgleichszahlungen  für die geschädigten Reiseunternehmen könnten vielleicht  die Defizite des Gesundheitswesens beglichen werden. Was Not tut, ist entschlossenes Handeln. „Geld her, Mr. Bush!” soll zu Berlins Devise werden.

 

Allerdings räumte Iwan Matrjoschkin, Esq., ein, Mr. Bush. der  sich einen feuchten Lappen um Recht und Gesetz schert, würde sich wahrscheinlich vor den Zahlungen drücken. Außerdem verfügt er, solange er im Weißen Haus residiert, auch über die Mittel,  Klagen abzuwehren. So können die Kläger sehr schnell zur Achse des Bösen addiert werden. Mit entsprechenden Folgen. Nicht alle Tomahawks sind im Irak eingesetzt.

 

Deswegen empfiehlt unser Rechtsgelehrte, vor der Einreichung der Schadenersatzklagen, Mr. Bush zu entmachten. Indem man ihn  zum Kriegsverbrecher erklärt und seinen Auszug aus dem Weißen Haus erreicht. Geschieht das, erhalten  der Moskauer Unternehmer, Herr Semago,  und andere Kläger, auch die deutschen, ihren   Schadenersatz.

1.4.03  

In Berlin wurde die Repräsentanz  der russischen Finanzgruppe Nikoil geöffnet.  

Was bewog den Vorstand einer der stärksten Finanzgruppen Russlands, in Berlin die Repräsentanz zu eröffnen? Darüber sprach der Präsident von Nikoil, Nikolai Zwetkow,  auf einer Pressekonferenz in der deutschen Hauptstadt, die sich reger Teilnahme von russischen und deutschen Journalisten erfreute. Es ging unter anderem  um die fortschreitende deutsch-russische wirtschaftliche Zusammenarbeit. Seit dem Jahr 2000 nahm der deutsche Export nach Russland um 44 Prozent   und der Import aus Russland nach Deutschland um 87 Prozent zu. Bereits jetzt  gehören deutsche Unternehmer  zu den wichtigsten  Investoren in Russland. Dennoch ist das Erreichte nur ein Anfang. Die in der  Finanzgruppe Nikoil tätigen Manager  rechnen mit einem weiteren beträchtlichen und nachhaltigen Anstieg  des Handelsvolumens, aber auch   der Erweiterung der Wirtschaftskooperation  beider Länder. So halten sie es für angebracht, rechtzeitig den Fuß in die Türspalte zu stellen, um dem steigenden Bedarf der deutschen Firmen an sachkundigen Informationen über den russischen Markt und an risikomindernden Finanzinstrumenten  vor anderen russischen Anbietern  entgegenzukommen. Berlin hält die Finanzgruppe, die sich an einem Drittel aller Geschäftsabschlüsse zwischen den deutschen und russischen Firmen unterstützend beteiligt, für den  Schwerpunkt ihrer Tätigkeit in Deutschland sehr geeignet. Nicht nur als die Hauptstadt Deutschlands, sondern auch weil  in diesem Teil  des Landes die Tradition der wirtschaftlichen  Anknüpfung an den russischen Markt besonders tiefe Wurzel geschlagen hat.

 

In ihrer Strategie baut die Finanzgruppe Nikoil auf ihre Kapitalstärke- immerhin verfügt sie über ein Eigenkapital von 1,2 Milliarden Dollar- und auf die reichen Erfahrungen vor allem auf dem russischen, für Deutschland immens wichtig gewordenen Markt der Energieträger.

 

Die russische Finanzgruppe sieht ihre geschäftliche Zielsetzungen durch aktuelle Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland begünstigt.  Deshalb will sie diese Entwicklung unterstützen. Sie engagiert sich für den von Wladimir Putin und  Gerhard Schröder ins Leben gerufenen Petersburger Dialog. Die Festigung der Wirtschaftspartnerschaft schafft die  Grundlage der  Annäherung  beider Länder auch auf anderen Tätigkeitsfeldern. 

 

Jetzt geht es darum, dass die deutschen Unternehmer die  psychologischen Nachwirkungen der Zeit der wirtschaftlichen Instabilität in Russland überwinden. Die jüngste Wirtschaftsentwicklung in Russland wie auch die gesetzgeberische Tätigkeit der russischen Führung berechtigen nicht die übertriebene Zögerlichkeit und das Misstrauen. Vertrauen und Optimismus sind angesagt.

 

An der Eröffnung der Repräsentanz nahmen zahlreiche Vertreter der deutschen politischen und  Geschäftswelt teil. Mit Ansprachen traten unter anderen der russische Präsident des Petersburger Dialogs Michail Gorbatschow und der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland Sergei Krylow auf. 

1.11.02

 

WO  GELD INVESTIEREN?

 

Das Runet berichtet über ein wichtiges Treffen in Moskau. In die russische Hauptstadt kam BDI-Präsident Michael Rogowski in Begleitung führender Konzernherren aus Deutschland. Die russische Seite wurde vom Pendant zu Rogowski, Arkadi Wolski, und gleichkarätigen Unternehmern vertreten. Aber auch von den Regierungsmitgliedern Gref und Kudrin. Es ging um  die Ankurbelung der deutschen Investitionen in die russische Wirtschaft.

 

Die Russen versuchten den Deutschen weiszumachen, sie beißen sich ins eigene Fleisch, wenn sie ihr Geld woanders investieren. Denn von allen möglichen Investitionsmöglichkeiten, einschließlich in Deutschland selbst, ist Russland die einzige, wo die Wirtschaft gegenwärtig nicht schrumpft. Außerdem ist der russische Markt viel größer und die russischen Löhne sind viel niedriger.

 

Herr Rogowski stimmte daraufhin das alte Lied der deutschen Unternehmer an: Warum sollen wir denn unser Geld in Russland investieren,  wenn die Russen selbst ihr Geld woandershin bringen. Er meinte damit das russische Fluchtgeld: etwa eine Milliarde USD pro Monat.

 

Herr Wolski setzte ihm auseinander, dass er nicht mehr update sei. Die Russen parken ihr Geld zwar woanders, um es zu waschen, aber das gewaschene Geld kommt jetzt nach Russland zurück, weil auch dieses arbeiten und nicht vermodern soll. Als Beispiel nannte er Zypern.

 

Auf der griechischen Insel sind fünfzehn Tausend russische Firmen registriert.  Die russischen Großunternehmer ziehen es vor, ihr Geld auf Zypern zu deponieren, da sie dort keine Steuern entrichten und keine unangenehmen Fragen beantworten müssen. Was sie nicht hindert, im günstigen Augenblick  in Russland zu investieren.

 

Deswegen steht Zypern nach den Investitionen in Russland an zweiter Stelle unmittelbar nach den USA, gefolgt von den Niederlanden und Großbritannien. Erst dann kommt Deutschland. Das Schlusslicht unter den ersten Fünf. Eine Schande, ist es doch  mit den historischen Erfahrungen Deutschlands, das immer seine schiefe Wirtschaftslage durch die wirtschaftliche Partnerschaft mit Russland zu korrigieren suchte, nicht  unter einen Hut zu bringen. Oder will Deutschland  warten, bis  die anderen  alle Filetstücke der russischen Wirtschaft schlucken? 

 

Herr Rogowski deutete daraufhin an, die Russen seien unberechenbar. So werde in Russland darüber diskutiert, ein Gesetz anzunehmen, das eine Reprivatisierung  der für die nationale Sicherheit wichtigen Betriebe ermöglicht. Das verunsichere die deutschen Investoren. Sie wollen Garantien, dass die Betriebe, in die sie ihr Geld stecken, nicht verstaatlicht werden.

 

Herr Wolski deutete daraufhin an, die Reprivatisierungsdebatte sei nicht tierisch ernst zu nehmen. Sie sei mehr für  schlichte Gemüter. Und soll ein Betrieb tatsächlich einmal verstaatlicht werden, dann nur einer, der tiefrote Zahlen schreibt.    

 

So sprach sich die Creme der deutschen und der russischen Wirtschaft während des Treffens  in Moskau sehr produktiv aus.  

 

Und das ist gut so, meint der Wirtschaftsexperte des matrjoschka-online Konzerns, Iwan Matrjoschkin, Esq.  Demnächst will er seine Ersparnisse in die russische Wirtschaft investieren. Wenn er endlich was spart.

9.10.02  

2.ÄRGERLICH: SCHATTENWIRTSCHAFT

EIN RUSSISCHES WEIHNACHTSMÄRCHEN (?)  ÜBER EINEN   OLIGARCHEN:

ER HEIßT ROMAN ABRAMOWITSCH, IST  MEHRERE MILLIARDEN DOLLAR SCHWER  UND GOUVERNEUR DER HALBINSEL TSCHUKOTKA GEWORDEN.

 

Sein Porträt vor dem Hintergrund Tschukotkas(russisches Alaska) zeichnete die site „Izwestija.ru“. Die matrjoschkas übernehmen keine Verantwortung für die Ähnlichkeit mit dem Original. Aber als ein Weihnachtsmärchen (?) ist es immerhin lesenswert. Also... 


Roman Abramowtisch: 36 Jahre alt, dunkelblond, blaue Augen, 1,80 groß, wiegt 83 kg. Verheiratet, vier Kinder. Wehrdienst bei der Artillerie. Studium an der Moskauer Akademie für Rechtswissenschaften. Arbeit auf dem Bau, in einer Kooperative, im Aufsichtsrat der Erdölgesellschaft „Sibnjeftj“, Abgeordneter der russischen Staatsduma. Spricht englisch. Liebt Musik, russischen Rock und Musicals. Raucht nicht, trinkt nicht. Sammelt Bilder russischer Maler. Treibt Sport: Schwimmen und Ski fahren. 

 
“Es hat noch niemand fertig gebracht, ihn zuerst zu grüßen.“

 
Das sagte uns Tanja aus der Tschuktschen-Verwaltung, und in ihrer Stimme klang Stolz auf ihren Chef.

In der Verwaltung konnte man uns nicht genau sagen, wann der Gouverneur von seiner Reise durch den Verwaltungskreis zurück sein wird. 

Doch kaum ging einer von uns in den Flur, da kam er ihm auch schon höchstpersönlich entgegen. Und grüßte...als erster!
 
So lernten wir uns kennen. Und dann... los ging’s, durch  Nomadensiedlungen... 
 
Tschukotka und ihr Gouverneur haben einen unterschiedlichen Lebensrhythmus.
 
Er fliegt hierher, um zu arbeiten. Sein Tag ist voll von Terminen. Über das riesengroße Territorium bewegt er sich schnell: vom Hubschrauber ins Flugzeug, vom Flugzeug ins Geländefahrzeug... Im Flugzeug hört er sich Berichte an, sieht Papiere durch. Entscheidungen fällt er, ohne lange nachzudenken.  

Die hiesigen Einwohner dagegen sind an ein beschauliches Leben gewöhnt. Die Umstände wollen es so. Lange Nächte, kurzer Sommer. Das Warten auf den Hubschrauber oder besseres Wetter dauert Stunden, Wochen, ja Monate.


Wenn der  Gouverneur und die Einheimischen zusammentreffen, mutet das manchmal seltsam an.

Da springt er aus dem Hubschrauber und steht vor den Leuten: unrasiert, nachdenklich, in Jeans und Sportjacke, Schirmmütze und riesige Ohrenschützer auf dem Kopf (wegen des Hubschrauberlärms und des Trommelfells). Die Leute starren ihn an.     

„Unseren Gouverneur habe ich schon so oft gesehen und muss doch immer wieder staunen“, erklärt Tatjana aus dem Dorf Lorino. „Solchen Chef hatten wir noch nie, jung, nett, überhaupt nicht überheblich“. Er gibt sich nicht so, wie man es hier von natschalniks gewöhnt ist.  

Wenn er durch eine Siedlung geht, wimmelt es natürlich um ihn herum von Beratern, Beamten, Funktionären und Bittstellern. Er schafft es, nicht im Zentrum des Gewühls zu stehen. Er hört zu, fragt, kommentiert, nickt.   


“Wie führt er Sitzungen?“ wollten wir von einem seiner Stellvertreter wissen.

 

Er sitzt ruhig da, hört zu, fragt etwas und geht.

„Das stimmt“, bestätigt Abramowitsch. „Gemeinsame Diskussionen sind nichts für mich.“ Überlegungen stellt er lieber allein an.

Vor den Leuten gibt er sich nicht als Populist.
 
Aber die Distanz spüren sie nicht. Auch mit den kleinsten Problemen kommt man zum Gouverneur.
 
Als er die Dorfbewohner zu überzeugen versuchte, dass sie für Strom und kommunale Dienstleistungen zahlen sollen, nickten sie gutmütig: na ja, wenn du uns mit deinen Forderungen nervst, steck sie dir an den Hut...

 
Und sie zahlen nicht.
 
Trotzdem mögen sie ihn. Und dass er keinen Alkohol trinkt, aus hiesiger Sicht eine Schwäche, wird ihm großmütig verziehen. 

Als sie Chefs vor Ort den neuen Gouverneur zum ersten Mal empfingen, war der Tisch gedeckt, wie für solche Anlässe üblich. Eine große Auswahl – von Wodka bis zu reinem Sprit, von gefrorenem Fisch zu Kaviar.


Abramowitsch bat um Saft, doch ausgerechnet den hatte man nicht. Da holte er einen Apfel aus der Hosentasche, aß ihn auf und fuhr weiter.


Seitdem sieht der gedeckte Tisch für den Gouverneur in den Rayons für hiesige Vorstellungen barbarisch aus: Saft, Obst und Gemüse. 

Und da bat der Gouverneur kürzlich vor einem solchen Essen, besorgt und suchen um sich blickend, seinen Begleiter, Wodka zu bringen. 

Die einen machten große Augen, die anderen öffneten in Vorfreude auf den Genuss, eilig  die Schränke mit den versteckten Wässerchen.


Abramowitsch aber spülte sich mit dem Wodka nur die Hände, bevor er sich ans Obst und Gemüse machte. Mit der Gesundheit nimmt es der Gouverneur nämlich sehr genau. Mit seiner eigenen und der ihm anvertrauten Leute auf der Halbinsel.


Beim Essen im Restaurant „Anadyr“ erzählten zufällige Tischnachbarn, was für eine schlaue Aktion der Gouverneur kürzlich startete. Inkognito machte er sich am frühen Morgen ohne Begleitung auf zu Baustellen, um Mängel, falsche Erfolgsmeldungen oder Diebstähle und die Verantwortlichen dafür herauszufinden und zur Verantwortung zu ziehen.

 

“Was ist auf der Halbinsel Tschukotka zur Zeit am interessantesten für Sie?“ wollten wir wissen.

 

„Die Bautätigkeit“, sagte er ohne Überlegen. „Da sieht man ziemlich schnell das Ergebnis. „Früher beschäftigte mich das Kinderproblem. Da aber scheint jetzt alles gut zu laufen, das System funktioniert.“


„Das Thema Kind ist für ihn ein besonderes“, sagen Eingeweihte. Abramowitsch ist nämlich Waise. 

“An den Vater habe ich noch eine vage Erinnerung, an die Mutter aber überhaupt keine“, sagte er uns. Die Mutter starb unmittelbar nach seiner Geburt. Und der Vater hat sie nicht lange überlebt.

Abrawowitsch klagt nie über seine schwere Kindheit, doch Kinder liegen ihm besonders  am Herzen, ist aber sparsam mit Emotionen und großen Worten.
 
Lange denkt er nach, bevor er eine Antwort gibt.

 

Warum glauben Sie denen, die um etwas bitten, auf Wort, ohne es zu überprüfen?


“Gerade darin besteht meine Berechnung. Manchmal sind die Bitten so belanglos, dass es einfacher ist, sie zu erfüllen als zu überprüfen.

„Wir beten für unseren Gouverneur“, erklärte der Erzbischof von  Tschukotka, Diomid. „Ihm haben wir es zu verdanken, dass hier  eine Kathedrale gebaut  wird.


Als wir  mit  Abramowitsch darüber sprechen wollten, zuckte er nur mit den Schultern. „Damit habe ich nichts zu tun. Mein Stellvertreter fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte. Ich überlegte und sagte, ich hätte nichts dagegen. Das war’s. Kirchen baue ich nicht. Das ist nicht mein Metier.

Warum ausgerechnet Tschukotka, lautet die am meisten gestellte Frage. Und was immer er darauf antwortet, glaubt niemand.

 

Schwer ist es schon, sich in einen Milliardär zu versetzen, aber wenn man sich anstrengt, klappt es schon. An der Spitze eines riesigen Gebiets zu stehen, ist ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch.  

 

Besonders auf der Halbinsel Tschukotka, wo man nicht um die Macht kämpfen muss, weil sie niemand anstrebt.

“Stimmt, genau so ist es“, sagte Abramowitsch. „Aber ich hatte noch ein anderes Motiv, nämlich die Ungerechtigkeit, die diesen Leuten hier widerfuhr. Mir schien, ihr Leben könnte besser sein. Und ich sah Wege, wie das zu schaffen sei. Und wenn man Wege sieht, möchte man sie auch gehen.“ 

 

Als er zum ersten Mal, noch nicht als Gouverneur auf die Halbinsel kam, traf er hier hungernde Menschen. Dann gründete er die Stiftung „Pol der Hoffnung“, über den er mit eigenem Geld soziale Probleme anpacken wollte.

 

Aber die Partnerschaft mit den hiesigen Machtgewaltigen erwies sich als unmöglich. So versuchten diese, statt Tausende notdürftige Kinder aus abgelegenen Siedlungen einige hundert mit Beziehungen  ganzjährig in Kurorte zu schicken, dabei Transportkosten und Kleidergeld zu sparen und das Geld sich in die eigene Tasche zu stecken. Da beschloss er, die Macht in die eigene Hand zu nehmen.

 

Bei den Gouverneurswahlen erhielt er 92 Prozent der Stimmen. Wären jetzt Wahlen bekäme er noch mehr.  Und bei der Stiftung „Pol der Hoffnung“ konnte nun niemand mehr krumme Sachen machen.


“Stimmt es, dass Ihre Manager ihren offiziellen Wohnsitz auf der Halbinsel angemeldet haben, damit die Steuergelder in den Haushalt hier fließen, und dass einige von Ihnen kontrollierte Betriebe juristisch Tschukotka unterstehen, auch zu diesem Zweck?“ 

 

Ja, zum Teil ist es so. Die Manager und Firmen, die etwas mit Tschukotka zu haben, zahlen tatsächlich ihre Steuern hier.

 

So wuchsen die Haushaltseinnahmen im vorigen Jahr um das Achtfache. Allein die Steuern des Gouverneurs spülten 30 Millionen Dollar ins Haushaltsbudget. Insgesamt hat Roman Abramowitsch in verschiedener Form ungefähr 200 Millionen Dollar verausgabt. Und er weiß genau, wofür. So wurden zum Beispiel die Gruben modernisiert, über zweitausend Leute nach Zentralrussland umgesiedelt. Alle Schulabgänger  erhielten 200 Dollar. Jeder Familie ließ der Gouverneur einen Sack Mehl und einen Sack Zucker zuteilen. Am 8. März bekamt jede Frau zum Frauentag eine rote Rose. Auf Tschukotka herrschen  so harte Fröste, dass man hier nie eine Rose gesehen hat.  

Bei Gesprächen mit Wählern vor den Wahlen wurde er gefragt, was er denn verspricht. Nichts, lautete seine Antwort. Und bis jetzt hat sich im Umgang mit den Einheimischen nichts geändert.

In seinem letzten Appell an die Delegierten und Einwohner seines Gouvernements drückte er sich so aus: „Ich muss festhalten, dass es keine volkswirtschaftlichen Zweige gibt, die die Region lebensfähig halten könnten. Jedenfalls sieht es momentan so aus.“

Und er fügte hinzu: „Es ist gelungen, die Schulden ein wenig zu verringern, das Gouvernement ist aber trotzdem bankrott... Alle müssen begreifen, das gestiegene Lebensniveau resultiert nicht aus dem Wirtschaftswachstum. Die Mehreinnahmen im Haushalt wurden durch künstliche Ansiedlung von Steuerzahlern erreicht.“

Tschukotka ist bankrott, weil es billiger ist, das hier reichlich vorhandene Zinn, Wolfram und Gold im Ausland zu kaufen als am Nordpol abzubauen. Wer konnte, ist weg von hier. Und nun weiß der Staat nicht, was er mit denen, die hier geblieben sind, machen soll.    
 
„Was wir nun mit der Halbinsel?“

„Wir suchen nach Erdöl. Wenn wir welches finden, wird es eine reiche Gegend.“

In der Siedlung Lawrentija fiel mir in der Menge, die den Gouverneur umringte, eine kleine, sich seltsam verhaltende Frau auf. Alle anderen sprachen auf Abramowitsch ein, bedankten sich freundlich, nur sie war traurig.

Später erfuhren wir ihre Geschichte.

Schon früher war Abramowitsch in diese Siedlung gefahren und die Frau hatte ihm von ihrer  leukemiekranken Tochter erzählt. Die Ärzte gaben ihr wenig Chancen. Für die Behandlung war Geld erforderlich. Abramowitsch versprach Hilfe. Das Mädchen kam zu besten Spezialisten nach Moskau. Die Operation wurde vorbereitet. Ein Blutspender wurde gebraucht. Der Bruder von der Tschukotka-Halbinsel wurde nach Moskau geflogen. Im letzten Augenblick stellte  sich heraus, dass er als Spender ungeeignet ist. Nun waren 150 000 Dollar notwendig, um die Operation in einer israelischen Klinik durchführen zu lassen. Er stellte das Geld sofort zur Verfügung. Die Operation gelang, das Mädchen galt als geheilt. 


Und nun kam die Frau auf ihn zu und erzählte, ihre Tochter sei doch gestorben, allerdings an einer anderen Krankheit. Sie sprach ihm dennoch als Retter größten Dank aus.   

Obwohl er wusste, dass es kaum Lebenschancen für das Mädchen gab, half er.

 Die Geschichte von Abramowitsch auf der Halbinsel Tschukotka geht weiter.

1. Anmerkung. Von den weiblichen Holzpuppen: Als Abramowitsch zum Gouverneur gewählt wurde, kommentierte matrjoschka dieses Ereignis mit einem alten russischen Witz über das Unwahrscheinlichste auf der Welt, nämlich ein Jude als Rentierzüchter. Doch es geschehen noch  Wunder. 

2. Anmerkung. Von Iwan Matrjoschkin, Esq: Woher hat ein sechsunddreißigjähriger junger Spunt ohne Geschlecht und Adel Milliarden von Dollars, wo durch meine Taschen immer nur der Wind fegt? Bin ich etwa schlechter als der? Aber, wenn Abramowitsch mir zehn Euro borgt, ziehe ich meine Frage zurück.

9.12.02

WIE WURDE MAN KRÖSUS IN RUSSLAND?  

Immer wieder rätseln  selbsternannte Runet- Ermittler über die Herkunft der großen oligarchischen Vermögen in Russland. Manche verfolgen dabei Spuren, die zum  sogenannten „Gold der Partei“ führen. 

1. Dass die staatstragende Kommunistische Partei der Sowjetunion steinreich  gewesen ist, steht außer Zweifel. Im Unterschied  zu den politischen Parteien des Westens konnte sie beliebige Geschäfte ohne unerwünschte Einmischung  staatlicher Strukturen  betreiben. Diese waren ihr untergeordnet.  Lärm um unerklärte „Parteispenden“ oder Ähnliches  wäre in der Sowjetunion unmöglich gewesen.  Auch ein Thierse.  

2. Feststeht auch, dass das  Geld der Partei in der Perestroika-Zeit verschwunden ist. Keiner weiß genau,  was es ausmachte, wo es hinging und wo es geparkt ist.  Diejenigen, die davon einiges verraten könnten, sind „freiwillig“ aus dem Leben geschieden. Zumeist durch einen Sprung aus dem Fenster eines Hochhauses. Ein kleinerer Teil wurde mit dem Schießeisen getötet.

3. Tatsache ist, dass in derselben Zeit riesige Privatvermögen entstanden. Auf wundersame Weise. Die Namensliste der Zauberlehrlinge ist lang: Beresowski, Gussinski, Chodorkowski, Potanin, Smolenski und andere. Sie haben eins gemeinsam: die Herkunft aus dem Nichts. Niedrige Angestellte, verdienten sie in der Sowjetzeit ihr Zubrot mit kleinen Affären, die sie in Konflikt mit dem Gesetz brachten und, wie die obengenannte Quelle andeutet, erpressbar machten.

4. Vom sowjetischen Geheimdienst KGB erpressbar. Diese ehrenwerte Institution tat brav ihre Pflicht, wenn es darum ging, das Geld der Partei vor dem Zugriff Unbefugter zu schützen. Noch vor der Auflösung der KPdSU 1991  wurden mit ihrer Hilfe etwa 100 Firmen und Privatbanken mit einem Startkapital von mehreren Milliarden Dollar  ins Leben gerufen.  Die Neugründungen  entfalteten ihre Tätigkeit in einem rechtfreien  Raum, da die neuentstandene  postsowjetische „Marktwirtschaft“ noch keiner gesetzlichen Regelung unterworfen war.

5. Im Runet wurden merkwürdige Verpflichtungen der „neuen Russen“ veröffentlicht, die auserkoren sind, das Geld der Partei aufzubewahren und zu mehren. Harte Verpflichtungen.       

6. Inwiefern die Indizienkette stimmt, darüber kann man rätseln. Worauf sie hinaus soll, liegt auf der Hand. Die Oligarchen seien nur Schatzverwalter einer geheimnisvollen Nachfolgeorganisation der KPdSU. Gesponnen? Schon möglich. Möglich aber ist auch, dass im Gesponnenen doch ein Körnchen  Wahrheit steckt.

7. Denn der Schatz der Partei konnte sich nicht in Luft aufgelöst haben. Zwar wollte ihr Gründer Lenin das Geld abschaffen und das Gold so entwerten lassen, dass daraus sogar  Klobecken gemacht werden. Aber seine Nachfolger hielten von den romantischen Träumereien der Revolution von 1917 nicht viel. Sie wussten, dass die Welt vom Geld regiert wird. Vom großen Geld.   

7.8.02

In den Jahren 1988- 1995 wurden aus  Russland 250- 285 Milliarden USD wegtransferiert. In den Jahren 1994- 2001 waren es 170 Milliarden. Schwarz!

2001 machte keine Ausnahme. 21 Milliarden USD verließen Russland, um im Westen zu „arbeiten“. Der Anteil des  Fluchtgelds am gesamten Industrieaufkommen stieg von 19 % (2000) auf 61 %. Also das, was die russische Industrie  an Geld  gewinnt, geht zu 2/3 ins Ausland.

Warum flüchtet das russische Geld ins Ausland? Weil es sich dort sicherer fühlt und vermutlich auch mehr bringt.

In Russland selbst fühlt es sich u.a. von der korrupten Bürokratie bedroht. Diese beansprucht  immer mehr. 2001 knapste sie von den Einnahmen der Wirtschaft  das Doppelte des Jahres 2000 ab.

Auch glaubt die russische  Wirtschaft wenig an die Zukunft. Obwohl das Geld vom Energieträgerverkauf die Kassen prall füllt, verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Einfuhr und Ausfuhr. 2001 blieb es zwar noch sehr  positiv, aber erste Anzeichen der Wende deuteten sich bereits an. Die Folge: Der Rubel verliert an Wert. 

Die Arbeitslosigkeit steigt (8,8 Prozent).

Die Löhne werden wieder nicht pünktlich bezahlt. Lohnschulden etwa 10 Prozent der Lohnsumme. 

(nach apn. ru)  

 

Bis zu zwei Milliarden Dollar beträgt der Umsatz der Schattenwirtschaft in Russland. Sie beschäftigt etwa zwei Millionen Menschen.

Allerdings hatte die Schattenwirtschaft in der Sowjetzeit ein viel größeres Volumen. Die Perestroika sollte ihr- samt Personal- einen Platz an der Sonne sichern und dadurch den Schatten eliminieren. Weit gefehlt. Zwar erhielten die Schattenbosse den Status von Ehrenmännern, dennoch blieb der Schatten, nur die Akteure wechselten. Zum Teil.

IM RUSSISCHEN HOCHSPANNUNGSFELD 

Es gab in Russland wohl keinen  Wirtschaftmanager, dessen Image in der Öffentlichkeit noch stärker beschädigt wäre.   

Das hat viel mit  seiner Rolle   bei der  Privatisierung der sowjetischen Wirtschaft vor zehn Jahren zu tun. Anatoli Tschubais setzte damals  die sogenannten Vauchers durch. Auf seinen Vorschlag bekam jeder Sowjetmensch die Kleinaktie, die einen Anteil am Gesamtvermögen der Sowjetunion sichern sollte.  Sehr gerecht! Schließlich akkumulierte die sowjetische Staatsindustrie   Schweiß und Tränen und Blut von mehreren Generationen.  Da sich der Staat, früher der einzige Eigentümer, in die Büsche schlug, was lag da näher, als seinem geschundenen  Arbeitsvolk etwas  hinzureichen. 

Leider wurde durch die Privatisierung   nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung  reich, die anderen gingen leer aus. Das machten die Vaucher möglich.  Durch Geldentwertung und Arbeitslosigkeit, für die Tschubais und seine Komplizen rechtzeitig sorgten, total verarmt, hatten die Kleinaktionäre keine andere Wahl, als die attraktiv gestalteten Blättchen abzustoßen. Zumeist für das  Äquivalent von einigen Broten oder, wenn es hochkam, von einer Wodkaflasche. 

Den Tätern der Schattenwirtschaft und ihren Partnern   aus dem Partei- und Staatsapparat  kamen aber die haufenweise aufgekauften Vaucher zugute.  Damit ließen sich die herrenlos gewordenen Betriebe „bezahlen“.  Nie in der Geschichte wurde ein Staat, letztendlich auch ein Volk, radikaler und schneller enteignet.  

Die Folgen für die russische Wirtschaft liegen auf der Hand. Mit den „sozialistischen“ Managern zumeist  personengleich,  handelten die frischgebackenen Unternehmer nach dem Gebot, zuerst viel Geld und sich dann  aus dem Staub  machen.

Tschubais selbst wurde zu einem der reichsten unter den Neureichen. Das hinderte den Workoholiker nicht, unter Jelzin   einen sehr wichtigen Posten zu übernehmen. Er wurde Chef der russischen Stromwirtschaft. 

Unter ihm lernten die russischen Stromriesen, die Macht zu genießen.  Wer die  Rechnung nicht bezahlt, wird abgeschaltet.   Egal, ob  ein   Unterhosenhersteller oder ein Atombetrieb, ein Militärstützpunkt oder ein Krankenhaus. Erst recht eine Privatperson.  Die Stromrechnung, unter der Sowjetmacht der kleinste Posten in jedem Haushalt,   wurde für viele zum Alptraum.

Jetzt soll auch die Stromwirtschaft in Russland privatisiert werden. Der Clou: in der Rolle des eifrigsten  Privatisierers tritt der staatlich bestellte Direktor auf. Anatoli Tschubais. Mit demselben Argument wie bei den früheren, von ihm gemanagten Aktionen: Das staatliche Monopol muss weg. Zerstückelt,  würde die Stromwirtschaft  der heilenden Kraft des Wettbewerbs  unterworfen. Billigerer Strom wäre die Folge. Dem folgte der Wirtschaftsaufschwung auf den Fersen. Und keiner würde mehr frieren und auf Beleuchtung verzichten müssen. Blühende Landschaften täten sich auf.

Allerdings bläst dem Stromchef starker Wind ins Gesicht. Sein Heilversprechen wird angezweifelt. Sein Fahrplan führe nur zu einem anderen  Monopol in der Stromwirtschaft. Zum privaten. Zu einem von ihm und seinen Geschäftspartnern gestalteten. Und dieses sei, wie die traurige Erfahrung zeige, noch schlimmer als das staatliche. 

Der Streit um die Zukunft der Stromwirtschaft droht zu einem versteckten Bürgerkrieg  auszuarten. 

Tschubais ist aber seiner Sache sicher. Er glaubt an seinen Stern, weil er sich bis jetzt im postsowjetischen Russland  immer durchsetzen konnte.  Der rothaarige  und etwas schielende Tausendsassa.  

 

3.DER RUSSISCHE MARKT

FORUM

In Berlin fand eine breitgefächerte Erörterung   der deutschen  Investitionsmöglichkeit im Süden Russlands statt. Es ging um die deutsche Beteiligung am Aufschwung einer riesigen   Region , die mehrere autonome Republiken und Gebiete der Russischen Föderation umfasst,   über eine  kreative und handelstüchtige  Bevölkerung,  unerschöpfliche Naturressourcen und gute Verbindungswegen zu anderen Regionen Russlands und dem Ausland verfügt. Schon vor Jahrhunderten suchte hier die deutsche Wirtschaft  nach Anwendung ihres Potenzials. Erst recht strebt sie das jetzt an. Ihrerseits aber kommen südrussische Administrationen und die Geschäftswelt mit ihrem  großen Bedarf an Kapital und Know-how  diesem Streben bereitwillig entgegen. So nimmt es nicht Wunder, dass im Berliner Hilton Hotel eine Mammutkonferenz   mit, sage und schreibe, 205 Teilnehmern aus Russland und mehr als 250 – aus Deutschland zusammengekommen ist. Darunter einflussreiche , Politiker, der  russische Botschafter in der Bundesrepublik Sergei Krylow und der deutsche in Moskau – Hans- Friedrich von Plötz, vor allem aber Vertreter der Wirtschaftseliten beider Länder. Präsident Putin richtete an die Teilnehmer eine Begrüßung, die die Bedeutung des Forums für die russisch-deutsche wirtschaftliche Zusammenarbeit hervorhob.

 

Abgehalten fast unmittelbar nach dem deutsch-russischen Summit in Uraler Jekaterinburg, der die weitere Ankurbelung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit anregte, wurde das Treffen der deutschen Wirtschaft mit Vertretern des russischen Südens  in einschlägigen  Berliner Kreisen, vor allem in den für die deutsch- russischen Beziehungen zuständigen Gremien,  als ein  Ereignis erster Güte behandelt . Als ein Zeichen dafür, dass in einer Zeit der ausgeprägten  Unsicherheit auf dem Weltmarkt von  den beiden größten Ländern Europas ein Impuls der Stabilisierung  ausgeht und dass ihre weitere   wirtschaftliche Verflechtung  auch für das gesamte Europa eine wohltuende Wirkung entfalten kann.

 

Im Laufe der zweitägigen Verhandlungen wurden Unterschriften unter Verträge über Investitionen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro gesetzt. Es wurde aber nur als ein recht bescheidener Anfang verstanden. Die Russen halten  deutsche Investitionen  in der Gesamthöhe von acht Milliarden Euro für kurzfristig realisierbar. Sicherlich keine Peanuts, dennoch sollen die weiteren Aussichten, die sich noch nicht in konkrete Investitionsprojekte überführen lassen,  weit darüber hinaus gehen.         

      

Zweifelsohne wird das Forum zur Steigerung  der deutschen Kapitalbeteiligungen in Russland beitragen. Umso mehr, als dies dem allgemeinen Trend auf dem Weltmarkt der Investitionen   und auch in der  deutsch-russischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit entspricht. 

 

xxx 

   

In den Pausen  zwischen den Gesprächen über die Investitionsprojekte  wurde  über die Äußerungen des Leiters der russischen Delegation, des bevollmächtigten Vertreters des Präsidenten   im Süden Russlands, Viktor Kasanzew, diskutiert. Er nahm die Gelegenheit wahr, zu einigen  akuten Fragen der Situation in Russland Stellung zu nehmen. So zur Verhaftung des reichsten Unternehmers Russlands, Michail Chodorkowski.

 

Ohne allerdings auf anders lautende Meinungen aus der Wirtschaftselite Russlands einzugehen, behauptete Kasanzew, die aufgeregte Reaktion auf Chodorkowskis Verhaftung sei übertrieben. In Grunde genommen   gäbe sie ausländischen Investoren keinen Grund zur Beunruhigung. Es ginge nicht um eine, wie immer geartete Offensive der russischen Staatsmacht gegen das Großkapital, sondern einzig und allein um die Verfolgung eines schweren Steuerdeliktes. Der vom Delinquenten  geleitete, viertgrößte in der Welt Erdölkonzern  Jukos bleibe unberührt . Somit zeuge Chodorkowskis  Affäre nicht von einem willkürlichen Eingriff der Staatsmacht in die Wirtschaftstätigkeit, sondern im Gegenteil von dem Bemühen, dem Gesetz auch in dieser Sphäre die nötige  Geltung zu verschaffen. Dies komme  den Interessen ausländischer Investoren entgegen.

 

Eine eher skeptische  Resonanz in den Wandelgängen des  Hotels erhielt die betont optimistische  Einstellung    des Generals a.D. Kasanzew zu den kürzlich in Tschetschenien durchgeführten Präsidentenwahlen. Entgegen  den meisten Einschätzungen  der deutschen Medien, bezeichnete  er die Wahlen als einen entscheidenden Durchbruch zur  Befriedung der autonomen Republik, die, wie die anderen nordkaukasischen Autonomien, zu der von ihm verwalteten Region gehört. Kasanzew sprach  von einer weit fortgeschrittenen politischen Stabilisierung in Russland  als  wichtige Voraussetzung für die Absicherung ausländischer Investitionen.

 

In diesem Zusammenhang ging er auf die kriminellen Aktivitäten in der russischen Geschäftswelt ein.  Er meinte,  diese werden in Deutschland oft  zu dramatisch gesehen. Zwar hätte es auch im Süden Russlands  Versuche gegeben, deutsche Unternehmer zu erpressen oder auf andere Weise zu schröpfen, als aber die Opfer  an ihn appellierten, gelang es in kurzer Zeit, die Bedrohung abzuwenden und die Schuldigen zu bestrafen. Er riet den deutschen Investoren, ihre Geschäftspartner sorgfältiger auszuwählen und auf  zwielichtige  Angebote    von vornherein zu verzichten.

 

Eine etwas andere Empfehlung hörten die potenziellen deutschen Investoren vom deutschen Botschafter in Russland von Plötz. Er empfahl seinen Landsleuten, die in Russland investieren wollen, mehr auf die Umgebung Acht zu geben. Denn  in Russland im Allgemeinen und in der Südregion im Besonderen gäbe es sowohl stark kriminalisierte Zonen, als auch solche mit eindeutig gedämpfter Aktivität der Wirtschaftsverbrecher.  

28.10.03  

DIE RUSSEN SIND BEREIT, EINZUSPRINGEN

      Am Sonntag, dem 2.2.03, startete erfolgreich die russische Weltraumfähre „Progress-M47“ . Am 4.2. soll sie die Internationale Kosmische Station erreichen. Sie bringt der Besatzung 2,6 Tonnen Brennstoff, Lebensmittel und Ausrüstungen. Das ist der hunderste Flug einer Fähre dieser Klasse.

Ein hochgestellter Vertreter der russischen Weltraumbehörde  versicherte: sollen die USA nach dem Unglück mit „Columbia“ in Schwierigkeiten geraten, sind die Russen bereit, einzuspringen. Es fehlt ihnen nur an Geld.

P.S. Der Weltallexperte von „matrjoschka-online.de“ Iwan Matrjoschkin, Esq., erklärt in diesem Zusammenhang: obwohl einige schadenfreudige Holzweiber vom matrjoschka-team meinen, die Russen sollen abwarten, ob die Amis eine vernünftigere Einstellung zur Irakkrise gewinnen, sei er, I. Matrjoschkin der Ansicht, das Eine und das Andere haben miteinander nicht zu tun. Die Weltraumexperimente dienen dem Fortschritt der gesamten Zivilisation auf der Erde. Jeder Rückschlag ist nicht nur eine Tragödie der unmittelbar betroffenen, sondern aller Erdbewohner. Die Russen, die als erste ins Weltall stiegen und über eine brillante Technik auf diesem Gebiet verfügen, haben die Pflicht, den Partnern zur Hilfe zu eilen. Er zweifelt nicht, sie werden es tun, wenn die Amerikaner es wollen und wenn die finanzielle Last geteilt wird. Dabei berief sich der Esquire auf die angeblich geführten Telefonate mit dem Kreml, aber dieser Teil seiner Erklärung wurde wegen der Unglaubwürdigkeit gestrichen.

2.2.03          
 

 

KOMMT DIE KRISE WIEDER?

Das ist eine Frage, die viele Wirtschaftsexperten des Runet am 17. August stellten. An dem Tag, an dem 1998 die Russen ein bisschen zu  plötzlich erfuhren, dass ihr Staat dabei ist,  Pleite zu machen. Dass ihm die Gefahr droht, Zahlungen an ausländische  und inländische Kreditgeber einstellen zu müssen. Die Folgen der Erkenntnis: Absturz des Rubels, Bankrott unzähliger Firmen, Vernichtung von Existenzen, vor allem aus der davor stürmisch gefeierten Mittelklasse. Die Menschen aus den darunter liegenden Schichten der Bevölkerung hatten allerdings nichts zu verlieren, ihnen fehlte dazu die Masse. Und ein paar  Milliardäre... Sie nutzten die Krise, um ihre Vermögen abzurunden. 

Also wurde am 17.August 2002  die bange Frage nach der Wiederholbarkeit der Krise von 1998  gestellt. Warum? Es mag komisch vorkommen, aber so war es. Weil es Russland wirtschaftlich besser geht als je davor nach der Wende. Seine Währungsreserven erreichen einen nie da gewesenen  Stand. Der Rubel bleibt im Großen und Ganzen stabil. Der Staat tilgt seine Schulden viel schneller als erwartet. Der Kreml trompetet: es geht aufwärts. So wie vor der Krise 1998.

Die Russen sind eben gewöhnt, den Trompeten mit Misstrauen zu begegnen. Zu oft wurden sie  enttäuscht. Bei der Wende in Russland hieß es auch, die blühenden Landschaften sind im Kommen. Es ist aber ein Trümmerfeld gekommen. Seit dem  vegetieren  40 Prozent der Bevölkerung unter der sehr niedrig gesetzten Armutsgrenze. Die  Produktion bleibt  am Boden. Das riesige Land, von dem es mal hieß, es rangiere unmittelbar nach den USA und wird diese demnächst überholen, liegt jetzt dem BSP nach irgendwo zwischen der Schweiz und den Niederlanden. Und nach dem Einkommen, auf einen Einwohner gerechnet, irgendwo nicht sehr weit von Obervolta  ( wie der Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal voraussagte).

So ist wohl zu verstehen, dass die Russen skeptisch bleiben.  Auch wenn der Staat seine Finanzen saniert und die heimischen Oligarchen an die Spitze der Tabelle der reichsten Männer der  Welt vorrücken.

Die für jeden sichtbaren Zeichen des Aufschwungs ändern an ihrem Misstrauen wenig. Mag  ein unangemeldeter Gast in den teuersten Gaststätten Moskaus und Petersburgs   vergeblich nach  einem  Platz suchen. Mag die europäische hohe Mode  in den Boutiquen reißenden Absatz finden. Mögen   die Wirtschaftsteile der Zeitungen mit den verlockendsten Anlageangeboten voll sein. Die Miesepeter glauben nicht an den nachhaltigen Aufschwung. Im Unterschied zu den zivilisierteren Menschen. Zu den Deutschen, zum Beispiel.

Wenn man die Kommentare zum 17. August 2002 liest, nimmt man den Russen das Misstrauen  nicht sehr übel. Denn die meisten Orakel stellen fest, dass  Russlands Wirtschaftsprobleme von  der schönen Oberfläche zwar verdeckt sind, aber doch weiter bestehen.

An erster Stelle die andauernde Schwäche der verarbeitenden   Industrie (auch wenn diese in  letzter Zeit einige Schritte nach vorne machte).

Es wird darauf hingewiesen, der russische Aufschwung  sei nicht hausgemacht und darum auch nicht zu Hause festzuschreiben. Er gründe sich auf dem hohen Erdölpreis. Auf der Ausfuhr von Energieträgern. Also auf der fremdbestimmten Konjunktur, die sich jederzeit wenden kann. Und die, übrigens, die russische verarbeitende Industrie am Aufschwung hindert. Weil die Industrie,  um auf die Beine zu kommen, billige Energieträger braucht.

Auch die russische Außenhandelsbilanz  soll schöner aussehen, als sie im Grunde genommen ist. Ohne den Export von Energieträgern wiese sie ein riesiges Defizit auf. Weil Russland fast alles einführt, obwohl es das meiste selbst produzieren könnte, wäre die Industrie gründlich saniert. Aber der Sanierung steht die fehlende Investitionsbereitschaft im Wege. Wozu auch  investieren, wenn der Binnenmarkt durch die Armut der Bevölkerung eingeengt  und von Importen voll gedeckt ist.

Zwar rührt die Regierung die Werbetrommel für Investoren. Aber die ausländischen Geldsäcke bleiben reserviert. Vielleicht weil sie wissen, dass die westlichen Industrienationen nicht unbedingt danach trachten, dem russischen Konkurrenten die Tore zum Weltmarkt aufzustoßen. Und die russischen Geldsäcke wissen es auch und ziehen es vor, ihr riesiges, durch die hohen Erdölpreise vermehrtes Geld in den Banken Luxemburgs, der Schweiz, Deutschlands usw.  arbeiten zu lassen. Trotz des Versprechens des Kreml,  keinen, der sein Geld zurückbringt, dafür zu belangen, dass er es illegal ins Ausland geschafft hat. So bleibt  das Fluchtgeld draußen.  Schlimmer noch, die Flucht dauert an. 

Dabei geht der Kreml den potentiellen Investoren weit entgegen.

Der Stillstand der Reformen ist längst überwunden. Grund und Boden zur Marktware gemacht. Die Steuersätze weit runtergeschraubt. Der Korruption der Beamten will man entgegenwirken.  Der organisierten Kriminalität auf den Leib  rücken. Eine Bilderbuchstrategie der Wirtschaftsprosperität.

Und vor allem anderen. Was für ein herrliches Bild bietet der junge Präsident ! Ein viel, viel besseres jedenfalls als sein versoffener Vorläufer und Pate. Dank dem Umstand  darf  Russland dabei sein, wenn die Gewaltigen der freien Welt  die Weichen der Zukunft stellen. Mithören und sich für die anderen freuen.

Aber die Zwänge der globalen und freien  Marktwirtschaft bleiben bestehen. Die Zwänge, die Russlands Wirtschaft umklammern.

So ist   das bange Gefühl, das die Russen am 17. August wieder heimgesucht hat, doch nicht nur ihrer bekannten Irrationalität zuzuschreiben.

Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die Russen bangen. Das gibt doch ein gewisse Gewähr dafür, dass sie  ihre Wirtschaft doch in den Griff bekommen.  

18.8.2002  

 

Die russische Regierung beschloss, Russland zum attraktivsten Ziel von Globetrottern zu machen. In der Sitzung wurde mit Genugtuung festgestellt, dass die Zahl der ausländischen Gäste im Lande bereits höher liegt als in der Sowjetzeit (7,4 Millionen jährlich gegenüber  5,9 Millionen.) Aber es sollen noch viel mehr Devisenbringer nach Russland kommen.  Deshalb will die Regierung neue attraktive Erlebnisangebote,   einwandfreien Service, nicht nur Fünfsternehotels, sondern auch günstigere Herbergen . Eine extra dafür geschaffene Polizeitruppe soll für  die Sicherheit der Gäste sorgen. Und der Zoll darf ihnen nicht mehr zusetzen, wenn sie bei  der Ausreise ein paar Dollar mehr als bei der Einreise mitführen.

In den wenigen Jahren soll Russland als Touristenparadies auf die fünfte  Stelle in Europa  vorrücken (nach Italien, Frankreich, Spanien und England).

Allerdings hat Russland bereits jetzt in einer bestimmten Branche alle anderen Länder weit übertroffen. Im Weltalltourismus. Ein Erlebnishungriger, der mit einem russischen Weltraumschiff reisen will, bringt  erheblich mehr als 120 USD pro Tag und Nacht (wie durchschnittlich ein Gast, der auf der Erde bleibt). Aber darauf will der Kreml nicht bauen, da für   den Fiskus nicht die Klasse, sondern die Masse zählt.

17.04.02

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