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INOWESCHTSCHANIJE


 

INOWESCHTSCHANIJE.

 Das ist ein russisches Wort für die Rundfunktätigkeit nicht für die eigene, sondern für die fremde Bevölkerung. Das deutsche Wort dafür ist Auslandsfunk, womit nicht die fremden, sondern  die eigenen Rundfunksender gemeint sind, die aber...Siehe oben. 

 

Die DEUTSCHE WELLE ist fünfzig Jahre alt geworden.

 

Ebenso wie die „Stimme Russlands“ und viele andere „Radiostimmen“  jeweiliger Länder ist die Deutsche Welle im Ausland bekannter als zu Hause. Sie gehört zu jenen Rundfunkanstalten, die der Weltöffentlichkeit das Bild des eigenen Landes vermitteln.  Ein sehr wichtiges und anerkennenswertes Anliegen. Auch in jenen Jahren, vielleicht sogar besonders in jenen Jahren, als die Deutsche Welle ihre Tätigkeit aufnahm,  war es so.

 

Damals, kurz nach dem Zusammenbruch des Hitlerreichs, verband sich der Begriff Deutschland in der Vorstellungswelt der Europäer und Amerikaner  mit Angriffskrieg, Terror und Völkermord. Obgleich Deutschland bereits einen ganz neuen Weg betreten hatte, wollten einflussreiche Kräfte diese Verbindung  aufrechterhalten. Die Verbrechen des Nationalsozialismus wurden somit nicht selten instrumentalisiert, um die an beiden Seiten der Frontlinie gelegenen und als Stoßkraft des Kalten Krieges missbrauchten deutschen  Staaten an der kurzen Leine zu halten.  

 

Kein Wunder, dass die Einrichtung des deutschen Auslandsfunks, die als ein Stück der Rückgewinnung der mentalen Souveränität der Deutschen verstanden werden konnte,  auf starke Vorbehalte  der Besatzungsmächte stieß. Auch in den folgenden Jahrzehnten versuchten sie unter verschiedenen Vorwänden, auf die Gestaltung der DW- Programme Einfluss zu nehmen, damit sich diese in gewünschten Rahmen bewegten. Es war das Verdienst mehrerer Generationen von DW- Mitarbeitern, unter denen es viele Enthusiasten und Kenner gab, dass der Auslandssender der Bundesrepublik Deutschland sich  trotzdem etablierte, seine eigene Diktion  fand,   seine Zielhörer überall in der Welt erreichte, auch in der Sowjetunion, obwohl die DW hier massiv mit künstlichen Störungen belegt wurde. Damit leistete die DW einen Beitrag zum neuen Bild Deutschlands in der Welt, das sich jetzt mit Begriffen wie Freiheit, Demokratie, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit verbindet

 

Ihr fünfzigjähriges Jubiläum begeht die DW   in einer Zeit, da entgegen vieler blauäugiger Prognosen die Informationsschranken zwischen Staaten noch nicht gefallen sind. Der weitaus größte Teil der Erdbewohner hat noch keinen freien Zugang zu ausländischen Medien und ist auf die von den eigenen Regierungen kontrollierten, nicht selten unzuverlässigen Informationsquellen angewiesen.  Welche Defizite dadurch entstehen, zeigte die unzureichende Berichterstattung über Kriegshandlungen im Irak, von denen viel weniger zu erfahren war, als  die moderne Informationstechnik erlaubte.

 

Wie bedauerlich es auch sein mag,  kam es  in diesem Zusammenhang wieder zur Diffamierung Deutschlands, aber auch Russlands in jenen Medien, die sich als „his masters voice“ gebärdeten, den Krieg verherrlichten und jeden anderen Standpunkt verteufelten. Wenn es noch Beweise dafür bedarf, dass die Auslandssender auch in unserer Zeit ihre Existenzberechtigung haben,  dann wurden diese damit erbracht.

 

Wie ein deutscher Politiker unlängst ganz richtig feststellte, sind  die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland besser als jemals in den letzten hundert Jahren. Nur folgerichtig, dass auch die Auslandssender beider Länder nicht mehr gegeneinander agieren. Es gibt zahlreiche bemerkenswerte Beispiele der erfolgreichen Kooperation zwischen ihnen. Hoffentlich ist es nur ein guter Anfang, dem eine angemessene Fortsetzung folgt. Als effizienter Beitrag zur Verständigung zwischen Russen und Deutschen und der Völkerverständigung insgesamt. 

3.5.03

 

Wozu braucht man heute Auslandssender? 

Braucht die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges  noch den grenzüberschreitenden Rundfunk? Keine öffentliche Erörterung der Tätigkeit der Rundfunkanstalten, die für das Publikum im Ausland senden, klammert diese Frage aus. Die Zweifler an der Existenzberechtigung der Auslandssender verweisen auf  die Aufhebung der früheren Behinderungen des freien Informationsflusses über die Grenzen hinweg und plädieren dafür, den grenzüberschreitenden Rundfunk  als Relikt des XX. Jahrhunderts in die Mottenkiste der Geschichte zu verfrachten. Und last not least  die Staatsetats von Aufwendungen für ihren Unterhalt zu entlasten. In Deutschland ist es so, in Russland leider auch nicht anders. 

Der Intendant der Deutschen Welle, Erik Bettermann, der einen aufschlussreichen Vortrag in der Europäischen Akademie zu Berlin  hielt,  widersprach der Meinung von der Überflüssigkeit der Auslandssender. Tatsächlich lassen sich die meisten Fachleute in Deutschland davon leiten, dass auch im integrierten Europa und der globalisierten Welt die in ihrer Geschichte wurzelnden Unterschiede zwischen den  Nationen nicht verschwinden. Jede behält ein eigenes Gesicht, jede will und darf sich den anderen präsentieren und von ihnen möglichst adäquat wahrgenommen werden.

Das ist übrigens das Anliegen auch des russischen Auslandssenders „Stimme Russlands“. Wobei zu vermerken ist, dass der russische Auslandssender, im Unterschied zu seinem sowjetischen Vorgänger und übrigens auch zu einigen zeitgenossischen Kameraden der Zunft radikal mit der früheren, mitunter penetrant wirkenden Missionierung gebrochen hat. Seine Programmmacher denken nicht mehr daran, die Menschheit mit russischen Idealwerten beglücken zu müssen. Die Stimme Russlands  ist nur darauf aus, dass Russland, so wie es ist, in der Welt besser verstanden wird. Jemanden belehren will sie nicht.

Zur Deutschen Welle zurück, muss man erwähnen, dass sie nolens  volens auch spezifische, mit der deutschen Geschichte zusammenhängende  Aufgaben erfüllen muss. Diese resultieren daraus, dass auf dem weltweiten Informationsmarkt eine sehr begrenzte Zahl kapitalstarker Globalplayer agiert. Deutsche Medienkonzerne gehören nicht dazu,  vorwiegend sind es amerikanische und britische. Sie verfügen über  Ressourcen, die  ihre Dominanz bei der Gestaltung des virtuellen Weltbildes  absichern.

Leider aber ist ihr  Deutschlandbild, das sie weltweit verbreiten, bei weitem nicht frei von Ressentiments. Wenn man z.B. die Filmproduktion Hollywoods unter die Lupe nimmt, stellt man fest, dass die Figur des "hässlichen Deutschen", wie sie in den Kriegsjahren über die westlichen Leinwände kroch, immer wieder, wenn auch in abgeschwächter Inkarnation, auflebt. Im täglichen Informationsgeschäft sind zwar die Überreste der Vergangenheit viel subtiler, aber auch hier sind sie bei weitem nicht eliminiert. 

Das reicht schon, um dem Plädoyer der Verantwortlichen der Deutschen Welle für mehr Verständnis für die Tätigkeit des Senders, zuzustimmen.  Denn der deutsche Auslandsfunk ist imstande, das schiefe Bild Deutschlands im Ausland ein wenig  zurechtzurücken.

Ähnliches gilt übrigens für die Stimme Russlands, die auch wesentliche Korrekturen zum tendenziösen Russlandbild im Ausland anzubringen hat. Zu einem Russlandbild, das leider auch in Deutschland nicht immer  auf deutschem Mist wächst, sondern oft genug aus dem Westen hineingetragen wird. 

17.12.02  

REFERAT, GEHALTEN AUF EINER TAGUNG DES LONDONER INSTITUTES FOR GERMAN- STUDIES  ZUR GESCHICHTE DER  DEUTSCHSPRACHIGEN SENDUNGEN DER BBC. 

 

Sehr geehrte Kollegen, mein Bericht streift drei Themen. 1. Den  deutschsprachigen Dienst der BBC in meinem Leben. 2. BBC, London, im Vergleich mit  Radio Moskau.  3. Über den Wert der Geschichte des Auslandsfunks.

 

1.DER DEUTSCHSPRACHIGE DIENST DER BBC IN MEINEM LEBEN

 

1. Umstände  meiner Hinwendung zur BBC.

 

Damit Sie, liebe Kollegen, das, was ich zum Thema unserer Tagung  zu sagen habe, besser einordnen können, muss ich etwas über mich selbst verraten. Mehr als dreißig Jahre  war ich im deutschsprachigen Dienst  des Moskauer Rundfunks tätig, die meiste Zeit als politischer Kommentator, einige Jahre sogar als Chef, dozierte über die Kunst der Radioauslandspropaganda  an der Moskauer Universität  und verfasste einige  Bücher über die Geschichte der Auslandssender.

 

Den deutschsprachigen Sendungen der BBC lauschte ich seit ihrer Erstausstrahlung 1938. Meine Hinwendung zu dieser Informationsquelle hing mit dem Schicksal meiner Familie zusammen.  Da meine Verwandten zur hohen Sowjetnomenklatura gehörten, konnte ich mich, wenn ich auf Radiowellen wandern ging, eines guten Empfängers  bedienen, tauglich für Fernempfang. Andernfalls hätte ich mit einem Pappelautsprecher des Drahtfunks oder mit einem für Fernempfang untauglichen Gerät Vorlieb nehmen müssen, wie die überaus meisten Sowjetbürger. Dann hätte ich keine Möglichkeit gehabt, die Sendungen aus London zu empfangen. Übrigens  war die Drosselung der Produktion der Qualitätsgeräte in der Sowjetunion politisch bedingt. Wie einige andere Maßnahmen des Regimes sollte sie „Stimmen“ des Auslands abwehren. Etwas später komme ich wieder darauf zurück.

 

Jetzt aber möchte ich hinzuzufügen, dass meine Hinwendung zu den BBC-Sendungen  durch familiäre Verhältnisse nicht nur ermöglicht, sondern auch motiviert war. In den Jahren des großen Terrors zwischen 1936 und 1938 wurde meine Familie fast vollständig ausgerottet , obwohl- oder zutreffender gesagt- weil ihre Mitglieder   an der Oktoberrevolution 1917 in Russland  und am Aufbau der Sowjetmacht in den ersten Jahrzehnten danach sehr regen Anteil hatten. Stalin hatte die alte Garde nicht gern, er fand sie aufsässig. So wurde sie  eingekerkert oder sogar  hingerichtet.

 

Da ich wusste, dass mein Vater, meine Onkel und Tanten der Sowjetmacht ergeben waren,  brach für mich die Welt zusammen. Dem von den sowjetischen Medien verbreiteten Unsinn  von heimtückischen Feinden des Volkes, die von der wohlverdienten Strafe ereilt wurden, konnte ich nicht glauben. Eher schon dünkte mir, dass das Regime  Verbrechen beging. Leider nicht ohne ihr Zutun.

 

Ein ziemlich aufgeweckter Junge von 13-14 Jahren, der ich war, wollte ich mich in all den Sachen zurechtfinden. Das war das starke Motiv, andere Informationsquellen als die sowjetischen, anzuzapfen. Das starke Motiv, sein Ohr  „feindlichen“ Stimmen zu leihen, wie in Nazideutschland ein ähnlicher Vorgang bezeichnet wurde.

 

Die ersten Erfahrungen sammelte ich   mit einem Weltempfänger Marke „SWD“, den mein Vater hatte. Es war  das beste sowjetische Radio, einem amerikanischen Modell abgeguckt. 

 

Seit dem  Tag, an dem ich bei der Pirsch im Äther auf  den Londoner Sender stieß,   wurde ich zum   BBC- Hörer. Mehr oder weniger regelmäßig hörte ich die deutschsprachigen Sendungen von 1938 bis zu ihrer  Einstellung. Zuerst als Schüler, dann als Frontsoldat der Roten Armee, Student der Moskauer Universität  und schließlich als Mitarbeiter von Radio Moskau. Ein halbes Jahrhundert lang.

 

2.Warum gerade die BBC?

 

Es gab  andere deutschsprachige grenzüberschreitende  Radiostimmen, insbesondere im  Zweiten Weltkrieg und später im Kalten Krieg. Warum  hörte ich zumeist  die BBC ?

 

Die Antwort lautet, weil ich die deutschsprachigen Sendungen aus London  viel besser als die anderen  Sendungen aus dem Ausland  fand. Die Programme der Stimme Amerikas klangen in meinen Ohren zu sehr nach  Regierungspropaganda und gegen  diese war ich allergisch. Die Sendungen der Deutschen Welle  schienen mir  tendenziös, zum Teil auch ziemlich unbeholfen zu sein. Die BBC- Sendungen  hielt ich für geistreich. Und sie hatten einen Vertrauensbonus, weil sie im Krieg auch von den Niederlagen der Westalliierten schnell und ausführlich berichteten. Entgegen dem Usus der  sowjetischen und auch der deutschen Medien. Diese verschwiegen oder verschleierten Niederlagen des eigenen Landes. 

 

In der Zeit  nach dem Abschluss des Hitler- Stalin Paktes im August 1939 bis zum Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 sagte mir der Tenor des Londoner Rundfunks besonders zu. Dieser  kam   in einem markanten Satz zum Ausdruck. Der größte Unterschied zwischen  den beiden Führern, Hitler und Stalin, bestünde in der Form ihrer Schnurrbärte. Das gefiel mir sehr.

 

Weniger gefiel mir allerdings die spätere Liebenswürdigkeit des Senders gegenüber Stalin. Insbesondere  nach der Stalingrader Schlacht. Selbst Soldat,  auch in Stalingrad im Einsatz,  wusste ich nur zu gut, dass nicht Josef Stalin, der zeitweise in  England  hochverehrte Onkel Jo, sondern Iwan Iwanow, der mehrfach verratene, ständig hungrige und frierende russische Soldat die Siege errang, die dem weisen Führer zum Ruhm verhalfen.

 

Trotz einiger  Akzente in den Sendungen aus London, die mir nicht  zusagten, blieb ich ihr treuer Hörer, auch weil ich  mich an sie gewöhnt hatte. Ich kannte die   Autoren, ihre Ausdrucksweise  war mir vertraut. Mit dem Abhören der Sendungen verbanden sich kleine Erfolgserlebnisse, die  mein Selbstwertgefühl steigerten, weil  ich mich immer besser als die anderen informiert wusste und  das erfuhr, was ich gar nicht erfahren sollte, ginge es nach dem Willen der Machthaber in meinem Lande.

 

So brachte die BBC noch Monate vor dem Angriff  Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion täglich Meldungen über die deutschen Vorbereitungen  zum  Ostfeldzug. Es war in der Zeit, als in der Sowjetunion  Hitlerdeutschland  weiterhin nur als Partner, wenn nicht als Verbündeter, dargestellt werden durfte.     

 

Über die BBC erfuhr ich am frühen Morgen des 22. Juni 1941, dass der Krieg losging. Ich erfuhr es mehrere Stunden früher, als fast alle Landsleute, die auf das sowjetische Radio angewiesen waren, da sich die sowjetische Regierung mit der Hiobsbotschaft Zeit ließ. Erst um 12 Uhr wurde diese  im sowjetischen Rundfunk verkündet. Inzwischen brannten die sowjetischen Städte im Westen des Landes bereits acht Stunden lang und die Wehrmacht marschierte brav auf Minsk und Kiew zu.    

 

Über die BBC erfuhr ich auch von dem gleich am Tage des Überfalls abgegebenen Versprechen   Winston Churchills, den russischen Bauern, wie er sich  ausdrückte, bei der Verteidigung ihrer Hütten und Höfe  beizustehen. Die Meldung von dieser Erklärung des britischen Premiers wurde in den sowjetischen Medien sehr unauffällig gebracht, da der Kreml vermutlich immer noch auf einen Kompromiss mit Hitler setzte. Und weil Großbritannien Monate davor in den sowjetischen Medien als Kriegbrandstifter am Pranger stand.              

 

Die Nachricht von der Beendigung des Krieges in Europa kam über die BBC auch viel früher als  in den sowjetischen Medien.  Bekanntlich hat Deutschland zuerst in Reims kapituliert, aber dort verlief die Kapitulation  anders, als es Stalin sich wünschte. Weniger pompös und vor allem der sowjetische Vertreter hatte nicht den der Bedeutung des Ereignisses  angemessenen Rang. So wurde die „richtige“ Kapitulation der Wehrmacht in Berlin- Karlshorst  nachgeholt.

 

Aber auch über diese erfuhr das Sowjetvolk erst am frühen Morgen des 9.Mai.1945.

 

Ich  aber konnte  meinen Kameraden die  freudige Kunde  noch am  Abend des 8. Mai vermitteln. Dank der BBC. Übrigens begannen die Kameraden, außer sich vor Freude, wild in die Luft zu schießen. Das war der erste Salut zu Ehren des Sieges. Mir wurde er fast zum Verhängnis. Ein   für meinen Truppenteil zuständiger Abwehroffizier wurde auf die Schiesserei aufmerksam. Er wollte  wissen, woher ich  die Nachricht hatte. Aber auch der Abwehroffizier  war so von der Freude überwältigt, dass er viel mehr darauf erpicht war, die Einzelheiten zu erfahren, als darauf, mich fürs Abhören der fremden Sender zu belangen.

 

Es war bereits das dritte oder das vierte Mal, dass mein perverses Hobby mich in  Kalamitäten brachte. Aber- Gott sei Dank- gehen die Russen selten in der jeweiligen Funktion ganz auf. Fast immer bleibt noch ein Stück Mensch übrig. Und das rettete mich- wie viele andere auch.          

 

3. Und noch eine Frage: Wie brachte ich es fertig, die BBC ständig abzuhören.

 

Ich erwähnte schon, dass mein erster Kontakt mit dem ausländischen Radio  möglich war,  weil mein Vater als hoher Sowjetfunktionär ein  gutes Radio erwerben durfte. Als der Vater eingelocht wurde, fiel  sein gesamtes Eigentum dem Staat zu, auch der Empfänger. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich  nach einer anderen Empfangsmöglichkeit  umzugucken. Und tatsächlich konnte ich mir einen Kurzwellenempfänger basteln. Monatelang verwendete ich das Geld, das  meine Mutter mir für Schulspeisung aushändigte, für den Kauf von Einzelteilen. Das Radio mit zwei primitiven  Röhren, das Schema hieß O-V-I, konnte Kurzwellen empfangen. So hörte ich mit dem Gerät, auf ein Stück  Sperrholz montiert,  nicht nur London, sondern auch  Tokio und Stockholm,  Belgrad und Helsinki, fast die ganze Welt.

 

Im Juni 1941, als der Krieg ausbrach, wurden  alle Radiogeräte in der Sowjetunion vom Staat einkassiert. Mein Empfänger aber nicht, da das selbstgebastelte Ding   nirgendwo registriert war.

 

Nach viel Zureden erlaubte meine Mutter mir, meinem Hobby  weiter zu frönen. Vielleicht weil auch  sie  mehr wissen wollte, als erlaubt war. Und da sie Französisch beherrschte, machte ich ihr eine große Freude, wenn ich sie die Sendungen aus London für die Resistance hören ließ.      

 

Im Spätsommer 1942 wurde ich Soldat. Militärfunker. Die militärischen Funkgeräte ließen sich leicht für den Kurzwellenempfang der normalen Sender manipulieren. So konnte ich weiter London hören. 

      

Nach dem Krieg ergoss sich ein Strom von im Ausland  erbeuteten Radios in die Sowjetunion. Heimkehrende Soldaten schleppten die Geräte mit. Die sowjetische Führung erkannte die Gefahr für ihr Informationsmonopol. Die Heimkehrer wurden gefilzt und die Geräte abgenommen. Auch ich musste mein schönes, in China, wohin mein Panzerkorps nach Kriegsende in Europa verlegt wurde, erbeutetes  Radio abgeben. Aber es war nicht mehr schwierig, in Moskau schwarz  ein ausländisches Fabrikat zu kaufen.   

 

So sorgte der liebe Gott dafür, dass ich den Londoner Rundfunk fast ohne Unterbrechung ein halbes Jahrhundert abhören konnte. Er wusste sicherlich, wie erbaulich die Sendungen waren.

 

2. DER DEUTSCHSPRACHIGE DIENST DER BBC IM VERGLEICH MIT  RADIO MOSKAU.

 

1. Das Ansehen der BBC

 

Dazu eine Episode aus der Geschichte  von Radio Moskau.

 

Anfang der sechziger Jahre, als im Kreml bereits Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow  thronte, wurde dieser rührige, aber chaotische und  ungebildete Mann darauf aufmerksam gemacht, dass das Ausland  das Bild der Sowjetunion, wie es Radio Moskau verbreitete, nicht akzeptierte. Daraufhin wurde im Radio Moskau      eine große Versammlung der Mitarbeiter zusammengetrommelt. Das Referat hielt der damalige Leiter der sowjetischen Auslandspropaganda, A.N. Jakowlew,  später   profilierter  Mitstreiter Gorbatschows. Er stellte in seinem Referat  zwei Thesen auf.  Erstens, die sowjetische Propaganda fürs Ausland besitzt eine sehr gute ideelle Grundlage. Das ist die kommunistische Vision von einer gerechten und freien Welt. Zweitens, fährt  diese Propaganda trotzdem eine kümmerliche Ernte ein und das  ist  auf die schlechte Vermarktung  des Ideenschatzes  zurückzuführen. Die kapitalistischen Länder, die  eine viel schlechtere Propagandaware zu verkaufen hätten, verfügten aber um ein gutes Marketing.   Man müsste etwas von ihnen lernen. Zum Beispiel, von der  BBC London.

 

Nun, Jakowlews Auftritt hat nicht viel gebracht. Die Machart der Sendungen war systemimmanent. Ohne Änderung der gesellschaftlichen Gegebenheiten  im Lande konnten sie nicht viel besser werden.

 

Außerdem gaben im Radio Moskau damals Mitarbeiter den Ton an, die keine Experimente wünschten.

 

Wie viele andere Zuhörer des hohen Funktionärs der Kommunistischen Partei verstand auch ich, wie vergeblich sein Appell war.  Nichtsdestoweniger fiel mir  die lobende Erwähnung des Auslandsdiensts der BBC auf,  den ich zu diesem Zeitpunkt bereits etwa ein Viertel Jahrhundert  hörte. Ich frohlockte. Ein ungeschriebenes Gesetz, über die kapitalistischen Auslandssender entweder nicht, oder nur schlecht zu berichten, wurde gebrochen. Wenigstens im internen Kreis der Programmmacher von Radio Moskau. Jetzt ist die Stunde gekommen, dachte ich. Jetzt schreibe ich eine Abhandlung über den deutschsprachigen Dienst der BBC. Und wenn dieser Aufsatz abgelehnt wird, appelliere ich an den Genossen Jakowlew. 

 

Aber die Abhandlung wurde nicht abgelehnt. Sie erschien in einem kleinem Heftchen mit dem Vermerk „nur für den Dienstgebrauch“. Jeder, der es in die Hand bekam, wurde registriert. Auch der Autor erhielt seine Pflichtexemplare  nur mit Ach und  Krach.

 

Trotzdem wurde der Beitrag  unter den Kollegen diskutiert. Ich glaube, viele waren froh, einen unverfänglichen Ansatzpunkt dafür zu finden, mehr oder weniger öffentlich den eigenen Sender aufs Korn zu nehmen. Die einzige Möglichkeit es zu tun, bestand eben in diesem Seiltanz, den uns Genosse Jakowlew vorführte. Die Verbeugung vor der kommunistischen Ideologie mit  genüsslichen Auslassungen über Einfallslosigkeit, Langeweile und Stupidität ihrer Propaganda zu verbinden.  Darüber zu sprechen, dass unsere Sendungen wegen ihrer grundsätzlichen   Realitätsferne auf  Ablehnung im Ausland stießen,  wäre sinnlos, da die meisten es ohnehin wussten. Es wäre auch gefährlich, da die Grundfesten nicht angetastet werden durften.   

 

Das war also der Diskurs, in dem die Hinweise auf den Londoner Rundfunk eine  Rolle spielten. Der deutschsprachige Dienst der BBC musste herhalten, wenn es galt, den Beweis zu führen, dass auch unsere  Sendungen  ganz anders  sein könnten. Intelligenter, glaubhafter, mitunter auch witziger. Kurzum, hörenswerter.

 

2. Die Unterschiede.

 

Dennoch, wie gesagt, wurzelten  unsere Sendungen zu tief im System,  um anders werden zu können, solange das System das alte blieb.

 

Es gab wenigstens  drei, besonders gravierende Unterschiede zwischen der BBC und Radio Moskau.

 

1. Den Programmmachern von der BBC lag die Erkenntnis im Blut, dass die Medien immer in einem Konkurrenzkampf  begriffen sind. Um ihr Publikum zu halten und zu mehren, müssen sie  besser als die Konkurrenz sein. Verständlicher, überzeugender, aktueller.

 

Unseren Chefs lag eine andere Erkenntnis im Blut. Die Erkenntnis, dass das Publikum keine Wahl hat. Dass man nach dem Motto handeln darf: Friss, Vogel, oder stirb. Denn die sowjetischen Medien kannten innerhalb des Landes keine Konkurrenz. Und vom Ausland wurde das Land abgeschirmt.

 

Trat man an die Chefs mit der Behauptung heran, dass diese oder jene Sendung so langweilig und inhaltsarm ist, dass keiner sie im Ausland hören, geschweige denn verinnerlichen wird, war die Antwort kurz und bündig: „Pustj  sluschajut“, was bedeutete „sollen sie, also die Hörer im Ausland, trotzdem hören“. Wenn es um ein Publikum im Ausland ging,  erwies sich der Standpunkt, sehr freundlich gesagt, als konterproduktiv.

 

Die sterile Machart der Sendungen zu ändern, hieße, ein Risiko einzugehen. So blieb alles bei den Grundsätzen, die  mit der Muttermilch eingesaugt wurden. Die Mutter war die Partei, die die totale Macht über das Volk beanspruchte. Die  Milch - ihre Medienlehre, die keine Meinungsvielfalt zuließ.

 

2. Radio Moskau musste  dem sowjetischen Menschenbild frönen. Und dieses Menschenbild war ein ganz anderes als das von der BBC. Bei uns galt, dass sich ein wahrer Mensch  einem hohen Ideal ganz verschreiben soll. Und wenn er das nicht tut, sondern sich um seine persönlichen Belange kümmert,  ist er ein Schurke.  Darum forderte  die sowjetische Propaganda während des Krieges  die Deutschen auf, die faschistische Bestie umgehend zu zertreten. Diese Aufforderung war natürlich für die Katz.  Unter den realen Verhältnissen des Dritten Reiches  wäre es für einen Hörer  Selbstmord, der Anregung zu folgen. Da müsste man schon ein Held sein. Und diese sind bekanntlich dünn gesät.  

 

Eine andere Sache wäre es, die Hörer aufzufordern, sich von Einsätzen als Soldat oder als Arbeiter einer kriegswichtigen Industrie zu drücken, um das eigene, einmalige, wertvolle Leben und die Gesundheit nicht zu gefährden. Um diesem  Appell zu folgen, brauchte man nicht unbedingt den Helden zu spielen.

 

Nach meinen Beobachtungen orientierte sich der deutschsprachige BBC-Sender auf diese plausible Erkenntnis. Er peilte  den inneren Schweinehund der Hörer an.

 

Ich meine das positiv. Denn ein Schweinehund, der sich um seine eigenen Belange kümmert, stiftet weniger Unheil  als ein   Fanatiker des Rassen- oder auch  des Klassenkampfes.

 

Diese Richtung in den BBC- Sendungen- der Appell an die menschliche Selbstliebe-  natürlich nicht die einzige, aber eine ziemlich stark ausgeprägte- kam  in den Sendereihen wie die Briefe des Gefreiten Hirnschal an seine geliebte Frau Amalie und    ähnlichen zum Ausdruck, die ich während des Krieges und auch nach dem Krieg mit viel Genuss hörte und deren Autoren sich von Haseks bravem Soldaten Schwejk inspirieren ließen.

 

3. Die Befindlichkeit der Mitarbeiter im Londoner und im Moskauer Rundfunk  war auch unterschiedlich.

 

Das lässt sich am Beispiel der deutschen Emigranten verdeutlichen.

 

Soviel ich mir das vorstellen kann, waren es in London zumeist liberale oder auch linksliberale  Intellektuelle, gewöhnt, ihre eigene Meinung zu artikulieren und den Andersdenkenden näher zu bringen. In Moskau waren es Funktionäre der KPD, der Parteidisziplin verpflichtet. Eine eigene Meinung galt, nur wenn diese mit der Meinung der Parteiführung nahtlos übereinstimmte. Und die Andersdenkenden galten von vornherein als Feinde.

 

Die kommunistischen Journalisten wurden von der  Deutschen Sektion der Kommunistischen Internationale  für die Tätigkeit in Radio Moskau empfohlen. Bei der Auswahl war ein gewisser Herbert Wehner bestimmend, der nach dem Krieg die Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag leitete und die Politik der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich beeinflusste. 1944  hat er sich rechtzeitig in den Westen abgesetzt.

 

Übrigens auch  unter den späteren hohen Funktionären der DDR gab es  viele  ehemalige Mitarbeiter von Radio Moskau, einschließlich einen Außenminister,  einen Innenminister, auch der Spionagechef der DDR Markus Wolf  verdiente seine ersten Sporen in der deutschsprachigen Radiopropaganda der Sowjetunion.

 

Die  deutschen Mitarbeiter von Radio Moskau haben es nicht leicht gehabt. Die meisten gingen noch vor dem Krieg im Strudel des großen Terrors unter. Verhaftet, hingerichtet als deutsche Spione, was sie gar nicht waren.

 

Nach der Wende in der Sowjetunion gelang es mir, von der sowjetischen  Generalstaatsanwaltschaft eine sicher unvollständige, aber ziemlich lange  Liste der deutschen Opfer des Grossen Terrors unter den Mitarbeitern von Radio Moskau zu erhalten. Ein grauenhaftes Dokument.

 

Es gab auch deutsche Mitarbeiter von Radio Moskau, die dem schlimmen Schicksal entgingen und weiter beim Sender beschäftigt wurden. Aber sie waren für immer von der erlebten Angst gezeichnet. Sie überlegten sich hundertmal,  bevor sie riskierten,   die Programmpolitik von Radio Moskau zu bemängeln.  Wenn schon, dann teilten sie ihre Bedenken dem erwähnten Herbert Wehner oder  Walter Ulbricht oder Willhelm Pieck mit, aber diese trauten sich auch selten, bei den sowjetischen Stellen vorstellig zu werden.

 

Von einem typischen Fall  erzählte mir Sepp Schwab, ein alter bayerischer Kommunist, 1919 Mitglied der kurzlebigen bayerischen Räteregierung, vierzig Jahre später stellvertretender Außenminister  der DDR, in den Kriegsjahren   in der deutschsprachigen Redaktion  von Radio Moskau führend tätig. Er versuchte, eine Änderung des Slogans der deutschsprachigen  Sendungen von Radio Moskau durchzusetzen. Der Slogan lautete „Tod den deutschen Okkupanten“. Er trat an die Stelle des früheren „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“. Sepp Schwab verstand, dass es blöd war, sich an die Menschen zu wenden, denen man im selben Atemzug den Tod wünschte.

 

Aber man deutete ihm an, er solle den Mund halten, wenn er sein Kopf nicht verlieren will.

 

Ein Programmmacher, der unter diesen Prämissen lebt  und arbeitet,  denkt weniger an die Effizienz seiner Arbeit, mehr  an die eigene Rettung.

 

Auch nach Stalins Tod 1953  lebte die Angst vor Repressalien  weiter.  

 

Und als sie  endgültig wich, hinterließ sie eine gähnende Leere. Sich den Umständen anzupassen, wurde zur Gewohnheit.

 

Nun bin ich  über die Befindlichkeit der Kollegen aus dem Londoner Rundfunk nicht unterrichtet. Zwar  erinnere ich mich, ein oder zwei Erinnerungsbücher gelesen zu haben, in denen die Verfasser, ehemalige Mitarbeiter des deutschsprachigen Dienstes der BBC, ihre Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit andeuteten. Als ich diese Stellen in den Büchern las, seufzte ich tief und sagte im Stillen wie jener  kleine Junge, der, in der Schule gefragt wurde, wo sich der Fluss Mississippi  befindet : Ihre Sorgen möchte ich haben, Herr Lehrer!

 

3.  ÜBER DEN WERT DER GESCHICHTE DES AUSLANDSFUNKS

 

1. Lob der Konferenz.

 

Die Konferenz, die mir die Gelegenheit bot, mich vor Ihnen zu produzieren, finde ich sehr sinnvoll. Wie ich überhaupt die Beschäftigung mit der Geschichte des Auslandsrundfunks  sehr sinnvoll finde.  Ich erwähnte bereits, dass ich mich  in Moskau viel damit abgab. Und zwar als Buchautor und als Dozent der journalistischen Fakultät der Moskauer Universität. Und jetzt in Berlin bin ich wieder dabei, ein Buch über die Geschichte des Auslandsfunks zu schreiben.

 

Meines Erachtens ist  die Geschichte des Auslandsfunks ein wichtiger Teil der politischen Geschichte  im XX. Jahrhundert.

 

Die Geschichte von Radio Moskau  ist die Geschichte eines Auslandsradios, das  Widerspruch an sich war. In einem Land, das sein Heil darin sah, sich von der übrigen Welt abzusondern, entstand eine Radiobrücke zu anderen Ländern.

 

Zwar eine Brücke, wo viele Posten Gewehr beim Fuß standen, aber immerhin.           

 

Als es 1929 ins Leben gerufen wurde, sollte Radio Moskau ein Instrument der Weltrevolution des Proletariats sein, also  Werkzeug  einer Globalisierung, wie wir jetzt sagen würden. Einer Globalisierung  auf kommunistisch.  Allerdings erzwangen  Stalin und seine Getreuen sehr schnell die Umfunktionierung des Senders   zu einem Instrument der Glorifizierung ihres Regimes im Ausland.

 

Trotzdem war der  Sender ein Ort, wo man mit dem Ausland kommunizierte, was auch seine Attraktivität ausmachte.     

 

Deswegen klammerten sich  viele Kollegen  an die Arbeit im Moskauer Radio. Hier spürten sie etwas vom Hauch  der weiten Welt. Das, was sie schrieben, durfte mitunter nicht so stupide sein, wie das, was die anderen sowjetischen Medien brachten.

 

Es ist kein Zufall, dass fast alle Stars des heutigen russischen Fernsehens von Radio Moskau, also vom sowjetischen Auslandsfunk, stammen. Früher im eigenen Land unbekannt, sind sie jetzt sehr bekannt geworden. Denn sie können  doch etwas mehr als ihre Kollegen, die in den anderen sowjetischen Medien ihre Erfahrungen sammelten.

 

Übrigens durfte  in der Sowjetpresse etwa 25 Jahre kein Wort über den sowjetischen Auslandsfunk erscheinen. Meine 1975 erschienene Geschichte von Radio Moskau   war der erste Versuch, es dem breiten Publikum vorzustellen.

 

2. Die Bilanz

 

Es war ein recht apologetisches Buch. Obwohl bereits damals klar war, dass  der sowjetische Auslandsrundfunk versagte. Wie das ganze sowjetische System, das er jahrzehntelang pries.

 

Der deutschsprachige Dienst von Radio Moskau sollte die  Entwicklung in Deutschland  so  beeinflussen, dass  ganz Deutschland wie die DDR wird. Es kam aber 1989- 1990  anders. Das wiedervereinigte Deutschland folgte dem Muster der BRD.

 

War es in den letzten Jahrzehnten nicht das Anliegen des deutschsprachigen Dienstes der BBC, die Entwicklung Deutschlands in diese Richtung zu fördern? Wenn es so gewesen ist, muss man dem deutschsprachigen Dienst der BBC gratulieren. Er hatte daran seinen Anteil.

 

Nun der Auslandsfunk, sei es Radio Moskau, seien es die Sprachdienste der BBC, setzten nur ein  Komma ins Buch der großen europäischen Geschichte.  Aber dieses setzten sie.  So machten sie nachvollziehbar, wie die  Eliten  des jeweiligen Landes  im Ausland aussehen wollten. Und auch inwiefern sich die jeweiligen Mediensysteme  eigneten, ein Gespräch über die Grenzen hinweg zu führen.

 

Auch in manch anderer Hinsicht   hat die Entstehungs-  und Lebensgeschichte des Auslandsfunks Aussagekraft. Sie darf nicht in Vergessenheit geraten.

 

Wir alle, sowohl die ehemaligen  Mitarbeiter des deutschsprachigen Dienstes aus London, als auch die  Veteranen von Radio Moskau, mit dem ich übrigens noch Kontakt habe, da ich  für seinen Nachfolger, den Sender „Stimme Russlands“, als sein Berliner Korrespondent tätig bin, haben auch  persönliche Gründe, das Gewesene nicht zu vergessen. Es war unser Leben, die Sendungen zu machen. Und es war ein aufregendes Leben. Man wähnte sich, an den großen Ereignissen der Zeit  teilzunehmen. Auch wenn es Einbildung war, war es eine schöne Einbildung.  

 

3. Das Allerletzte.

 

Abschließend  möchte ich noch einmal hervorheben, dass die deutschsprachigen  BBC- Sendungen, die russischsprachigen übrigens auch, uns als Inkarnation  journalistischer Freiheit und Kreativität vorkamen.

 

Aber nicht nur aus diesem Grunde stimmte mich das Hinscheiden des deutschsprachigen Dienstes der BBC  traurig.  Mein ganzes Leben war mit den deutschen Sendungen der BBC verflochten. Hätte ich diese  seit 1938 nicht gehört, wäre die Kette der Ereignisse dieses Lebens eine ganz andere. Ich hätte womöglich einen anderen Beruf  ergriffen,  meine deutsche Frau nicht kennen gelernt  und  wäre am Ende des Lebens nicht in Deutschland gelandet. Und mein Weltbild wäre vielleicht auch ein  anderes.

 

Schade, dass der deutschsprachige BBC- Dienst abgewickelt wurde. Uns bleiben aber  die Erinnerungen an den teuren Verblichenen.  Hoffentlich konnte  ich zu diesen  mein Scherflein beitragen. Ich danke fürs Zuhören.    

PS. Viel mehr zur Geschichte des Auslandsfunks finden Sie im Archiv der matrjoschka-online.de  unter dem Punkt 17. ein wenig tiefer auf der Startseite. 

21.12.02   

 

Als eine ständige Einrichtung hat die Sowjetunion, bereits 1929  allen anderen Staaten voraus,  den Auslandsfunk  ins Leben gerufen, um weltweit für den Kommunismus zu werben.  Nach dem Zerfall des Sowjetsystems wurde die russische Inoweschtschanije auf Schmalkost gesetzt und schien vor dem Aus zu stehen (der Spaß kostet  viel Geld). Vor einiger Zeit aber erklärte ein hoher, für Massenmedien zuständiger Regierungsbeamte in Moskau, der russische Auslandsfunk sei unentbehrlich.  Und zwar als Kultur- und Sprachbrücke zum Ausland, Sprachrohr für politische Propaganda, aber auch als Verbindung Russlands zu den über die ganze Welt verstreuten Landsleuten. Er meinte, die  Inoweschtschanije soll weiter entwickelt werden  und sicherte dem Radio „Stimme Russlands“ wachsende staatliche Unterstützung zu. Dieses Radio, Erbe von Radio Moskau aus der Sowjetzeit, sendet, analog zur Deutschen Welle, der Stimme Amerikas, dem Auslandsdienst der BBC usw. ( die Liste ist lang) fürs Publikums hinter den  Grenzen des eigenen Landes.

 

Unten finden Sie  Beiträge, die mehr oder weniger  mit dem Auslandfunk  zu tun haben.

23.7.02

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THESEN EINES VORTRAGS ÜBER DIE GESCHICHTE DES  AUSLANDFUNKS, GEHALTEN AN DER TU BERLIN IM JANUAR 2003

1. GRENZÜBERSCHRETENDES  RADIO   ALS BEVORZUGTES WERKZEUG  DER AUSSENPOLITISCHEN    PROPAGANDA.

 

Vorzüge (gegenüber  Printmedien):

 

1.      Eine hohe, fast absolute Durchdringungsfähigkeit des Trägers der Kommunikation- der Radiowelle. Keine Polizei oder Zollbehörde unterbindet ihre Verbreitung.

2.      Eine hohe, fast absolute Schnelligkeit der Kommunikation. Zwischen dem Ereignis und dem Bericht  liegen im Idealfall Minuten.   

3.   Die kontinuierliche  Kommunikation ( im Idealfall die Darstellung  des Ereignisverlaufs sogar in der realen Zeit).                                

4.   Schwer  nachvollziehbare Spur vom Subjekt zum Objekt der Kommunikation. (Wichtig für Hörer in  Polizeistaaten).     

5.       Hohe suggestive Kraft der Kommunikation (bei Einsatz der freien Rede).

 

Die forcierte Propagandaoffensive der Sowjetunion  auf Radiowellen. Gleichzeitig die defensiven Vorkehrungen: der Drahtfunk,  Drosselung der Produktion von fernempfangstüchtigen Geräten, das dichte Netz der Störsender (insbesondere nach dem 2.Weltkrieg).

 

Der Anfang: 12. NOVEMBER 1917. Radiotelegraphische Übertragung des Friedensdekretes der Sowjetregierung. Die Geburt der grenzüberschreitenden politischen Propaganda auf Radiowellen.

 

1929. Aufnahme der deutschsprachigen Wortsendungen aus Moskau.

 

2. EINIGE ECKDATEN ZUR GESCHICHTE DES GRENZÜBERSCHREITENDEN HÖRFUNKS ALS WERKZEUG DER POLITISCHEN PROPAGANDA

 

1938. Aufnahme  der deutschsprachigen Sendungen aus London auf MW (davor durch das Bemühen um Erhalt des Kolonialreichs gekennzeichnete KW- Sendungen).

 

1942. Gründung des USA- Propaganda-Senders “Stimme Amerikas“ (VOA): zuständig vor allem für die Selbstdarstellung der USA.

 

1953. Gründung von Radio  „Liberty“. (Zuständig vor allem für  Fremddarstellung - im Mittelpunkt der Programme - Geschehen in Russland).

 

 Alle Auslandsender erlebten im Zweiten Weltkrieg und danach im Kalten Krieg eine rasante Entwicklung. 1957 sendete die VOA in 34 Sprachen, 530 Stunden pro Woche.  1973 in 38 Sprachen, 882 Stunden pro Woche. Radio „Liberty“ sendete (und sendet) in Russisch praktisch rund um die Uhr und mehrere Stunden täglich in den Sprachen anderer Völker der gewesenen Sowjetunion.   

 

Das Volumen von Radio Moskau war  zeitweise doppelt so groß. Nach der Abschaffung der Sowjetmacht in Russland  trat in etwa  das umgekehrte Verhältnis ein: kein Geld, kein alternatives Weltbild. 

 

Der deutsche fremdsprachige Auslandsfunk war ein Kind des nationalsozialistischen Regimes. Hitlers Propagandaminister Goebbels war ein fanatischer Anhänger der grenzüberschreitenden Radiopropaganda.

 

Der Sowjetunion   ging immer wieder darum, quantitativ den ersten Platz unter den anderen Auslandssendern  zu behalten. Ob die sehr teure Sendetätigkeit auch was dem Land brachte, blieb außerhalb der Betrachtung. Auch weil die Effektivität der Sendungen fürs Ausland schwer zu ermitteln ist.     

 

Der Hauptmangel der Sendungen bestand in der Unfähigkeit, die Mentalität der ausländischen Hörer  zu berücksichtigen.  Man sprach sie so an, als wären es Sowjetmenschen. Der Mangel war systemimmanent. In der Sowjetunion selbst berücksichtigte die Propaganda die Denkweise unterschiedlicher sozialer Schichten und Ethnien  wenig.  Sie war weitgehend gleichgeschaltet. Die Auslandspropaganda jedes Staates  hält sich an den Usus der Innenpropaganda.

 

  

3. DER GRENZÜBERSCHRIETENDE HÖRFUNK ALS UNBEKANNTER IM EIGENEN LAND. WEIßER FLECK DER MEDIENGESCHICHTE

 

URSACHEN:

 

1.         Subversive Komponente der außenpolitischen Propaganda via Radio.  Graue und schwarze Propaganda unterlag in allen Staaten der Geheimhaltung.

2.         Fehlende völkerrechtliche Grundlage

3.         Finanzierung aus dem jeweiligen Staatsetat.

4.         Der Sinn der Forschung.

 

4. DIE NEUEN RIVALEN DES GRENZÜBERSCHREITENDEN  HÖRFUNKS UND SEINE ZUKUNFT.

 

In den letzten zehn Jahren entwickelt sich das grenzüberschreitende Fernsehen. Es täuscht mehr  Authentizität vor, ist aber schwerfällig.

 

Das Internet als  grenzüberschreitendes  Medium koppelt sich zum ersten Mal in der Geschichte die grenzüberschreitende Kommunikation  von der staatlichen Propaganda ab. Aber dem Internet  fehlt  die staatliche Autorität.

 

Trotz alle dem vollzieht sich der Abbau des Volumens des grenzüberschreitenden  Rundfunks. Nach der Beendigung des Kalten Krieges und Zurücknahme  der ideologischen Komponente in  der Außenpolitik der Weltmächte wird er von vielen Experten als überflüssig betrachtet.

 

Er hat aber eine Bedeutung als Werbeträger für nationale  Anliegen des jeweiligen Landes. Und erst recht   in den Krisenregionen.

 

    

5. DIE DEUTSCHEN UND DER SOWJETISCHE AUSLANDSFUNK

 

1.      Nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland gingen viele Zehntausende Deutsche, verfolgt aus „rassischen“ oder politischen Gründen, in die SU. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre gerieten die meisten zwischen die Mühlsteine der Terrormühle Stalins. Trotzdem konnten viele der Emigranten beim Moskauer deutschsprachigen Sender erfolgreich mitarbeiten. Darunter: 

2.      Die Schriftsteller E.E. Kisch, B. Brecht, Erich Weinert.

3.      Die Künstler Heinrich Greif,  Heinrich Vogeler.

4.      Die Politiker : Sepp Schwab, Herbert Wehner, Markus (Mischa) Wolf

 

Wer hörte den Moskauer Rundfunk in Deutschland? Zur Typologie des Hörers. 

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SCHLACHT AN DER WOLGA.

 

Erinnerungen eines Unbekannten über die Stalingrader Schlacht.

 

1.

Woran erinnere ich mich, wenn ich die  verwischten Bilder der bereits fernen Vergangenheit in mein Gedächtnis zurückrufe? An die erbitterten Kämpfe auf den Strassen und Plätzen der Stadt, die damals den Namen  Stalins trug und jetzt Wolgograd heißt? Es wäre verlogen, würde ich diese  Frage bejahen, da ich keine Gelegenheit hatte, mich als Kriegsheld zu profilieren.   An der Stalingrader Schlacht nahm ich als Militärfunker teil. Meine Sache war es, das Radiogerät zu bedienen. Schießen,    stechen  oder Handgranaten werfen, gehörte nicht zu meinem Kriegsalltag. Ich hatte in einem nassen und kalten Bunker zu sitzen und Meldungen zu empfangen, beziehungsweise zu senden. Damit  war ich keiner von denen, die mit Schiesseisen nach jemandes Leben trachteten, eher schon eine Zielscheibe der richtigen Krieger. Eine ziemlich gefährdete Zielscheibe von Maschinengewehren, Kanonen und Kampffliegern des Gegners, die viele Kameraden zerfetzten, an mir  aber vorbeizischten, was entweder Zufall oder eine Fügung des Schicksals war, wer weiß das schon?

 

So blieben mir nicht die Kriegstaten in Erinnerung, sondern der ständige Hunger infolge schlecht funktionierender Lebensmittelversorgung, der furchtbare Frost, der uns, die  wir keine richtige Winterbekleidung hatten, sehr zusetzte. Und natürlich  die Todesangst. Sie  allerdings verspürten wir wenig, da die zwei anderen Geißeln - der Hunger und die Kälte - diese verdrängten.

 

Als ich in der Nachkriegszeit in der sowjetischen Presse manches über die Stalingrader Schlacht las, schüttelte ich nur den Kopf. Die Schilderungen der sowjetischen Autoren, die der strengen  Zensur unterworfen waren, klammerten das meiste von dem, was mich und meine Kameraden peinigte, aus. Da ging es fast nur um Heldentaten im Kampf.

 

Natürlich gab es auch diese. Es gab das berühmte Pawlow- Haus, eine Hausruine in der Stadtmitte, die ein Unteroffizier der Roten Armee fast allein gegen ganze Wehrmachtskompanien verteidigte. Es gab Kameraden, die sich mit  Sprengladungen oder Benzinflaschen vor die Panzer warfen. Es gab auch Flieger, die, angeschossen, ihre Maschinen gegen feindliche Stellungen zum Absturz brachten. Auch unter uns Militärfunkern gab es Helden. Unvergessen bleibt mir Nina Koschelewa, ein junges  Mädchen, die sich auch im dichtesten  Bombenhagel oder stärksten Kanonenbeschuss nicht von ihrem Radiosender  trennte. Gegen den Befehl ihres Vorgesetzten, der, in sie verliebt,  um ihr Leben bangte. Nach dem Krieg wurde er  zum Marschall der Nachrichtentruppen,  heiratete Nina und sie gebar ihm zwei Töchter. Und kam auf tragische Weise ums Leben.

 

Also, es gab Helden in der Stalingrader Schlacht. Ihre Taten sind gewiss hoch zu würdigen. Doch  nicht sie allein haben die Schlacht gewonnen. Die Schlacht hat  die Masse ganz normaler Menschen gewonnen. Jene  Soldaten, die keine Gelegenheit oder kein Zeug dazu hatten, Helden zu werden. Trotz des Hungers, der Kälte und des drohenden Todes harrten sie wie angewurzelt am rechten Wolgaufer aus. Man liest jetzt mitunter, sie verließen ihre Stellungen nicht, weil sie sonst auf dem linken Ufer als Deserteure erschossen worden wären. Vielleicht. Ich weiß es nicht, weil wir nie unter uns darüber sprachen. Wir sprachen auch nie darüber, ob wir unsere Stellungen verlassen sollen oder nicht. Und wir verloren nie ein Wort über den Genossen Stalin, deren Weisheit und Edelmut die Propaganda ausmalte. Es war uns egal, welchen Namen die Stadt trug, die wir verteidigten.  Ohnehin hatten wir das Gefühl, wir würden hier sterben, aber nicht weichen. In keinem Fall. Weil wir wussten,  wenn wir hier nicht ausharren, haben wir  keine Heimat mehr in dieser Welt. Diese  innere, nicht in Worte zu fassende  Erkenntnis  bestimmte  unser Verhalten.

 

Das war es, was meines Erachtens den deutschen Landsern fehlte. Bis zu dem Zeitpunkt, als der Kessel, in den sie von Hitler  hineinmanövriert worden waren, sich schloss, hatten sie es viel besser als wir. In geräumten deutschen Schutzlöchern fand ich nicht nur fein verpackte Brotscheiben und  Mettwurst, sondern sogar Läusepulver. Läusepulver! Wir hatten manchmal kein Salz, sie sogar wohlriechende Läusepulver. Was sie aber nicht hatten, war die tiefsitzende spontane Erkenntnis: wenn du hier weichst, dann hast du keine Heimat mehr in dieser Welt.

 

Diese Erkenntnis hatten sie nicht .Woher sollte sie  auch kommen? Die Deutschen befanden sich tief in einem anderen  Land,  viele Tausende Kilometer fern von der Heimat. In einem fremden, für die meisten unverständlichen und sogar unheimlichen Land. Es lief das zweite Jahr des Krieges in Russland. Die Fragen nach dem Sinn des Ganzen  kamen desto öfter, je schlimmer es ihnen ging. Die  Antworten der nationalsozialistischen   Propaganda  klangen in ihren Ohren vermutlich genauso hohl, wie in unseren Ohren die Lobpreisungen Stalins in den sowjetischen Propagandaergüssen, als die Rote Armee immer weiter zurückstecken musste. Bis Stalingrad kam.

 

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2.

 

 

Im ersten Teil meiner Erinnerungen habe ich erwähnt, dass ich die Schlacht an der Wolga (1942-1943)  als Militärfunker mitgemacht habe, also in einer Rolle, die nicht so gefährlich war wie die eines einfachen Muschkoten. Mein Frontdasein hatte noch einen Vorteil. Ich konnte nämlich nicht nur Radiogramme senden und empfangen, sondern auch mehrere  Rundfunksender abhören. Das hing mit dem Auftrag zusammen,  die Gespräche der deutschen Flieger abzufangen, zusammenzufassen und meinem Stabschef vorzulegen.  Den Auftrag erfüllte ich miserabel. Meine Abhörprotokolle waren sehr lückenhaft, da die Gespräche der Flieger aus Wortfetzen bestanden, die ich nur schwer entziffern konnte. Sie sprachen nämlich meistens kein Hochdeutsch. Gott sei Dank interessierte sich keiner für meine Abhörprotokolle. So konnte ich im Dienst  so tun, als ob ich das Befohlene abhörte. Ich lauschte aber den normalen  Rundfunksender in deutscher Sprache. Dem Moskauer Rundfunk, der fast rund um die Uhr für die Wehrmachtsoldaten an der Front und die deutsche Bevölkerung im Hinterland Propagandasendungen brachte, aber auch Sendungen aus Deutschland und die deutschsprachigen Sendungen aus London. Mit diesem Hobby, das, sehr freundlich ausgedrückt, in der Sowjetunion nicht erwünscht war, begann ich noch vor dem Krieg. Und in Stalingrad frönte ich dem Hobby als  Soldat weiter. Noch heute  kann ich mich gut daran erinnern, was diese Hörfunksender brachten. Besonders  daran, was mich in den Sendungen ärgerte. 

 

So störte mich am Moskauer Rundfunk in deutscher Sprache, dass er wenig Konkretes darüber sagte, wie die Front verlief, und gar nichts über die Rückschläge und Schlappen der Roten Armee. Wie andere Kameraden erlebte ich zum Beispiel, dass  der Himmel über der Stalingrader Steppe von der deutschen Luftwaffe voll beherrscht wurde. Im Sommer und Herbst 1942 jagten die deutschen Flieger nicht nur jeden Panzerwagen, sondern jede Feldküche. Der Moskauer Rundfunk aber brachte darüber kein Wort. Was nutzt es, fragte ich mich. Die Deutschen, für die gesendet wurde, wissen Bescheid. Wenn Radio Moskau nur die Siegestrommel rührt, macht es sich unglaubwürdig.    

 

Die deutschsprachigen Sendungen aus London waren da anders. Die Engländer verschwiegen ihre Niederlagen und Schwierigkeiten nicht. Ihre Frontberichterstattung war vermutlich auch  manipuliert, nur merkte man es nicht.  Die Engländer machten ihre Propaganda geschickt.

 

Was mich  an den Sendungen aus London störte, war der offensichtliche Unwille, zwischen den Nationalsozialisten und den Deutschen insgesamt zu unterscheiden. Zwar hatten wir in der Sowjetunion im zweiten Jahr des Krieges keine Illusionen mehr über die Deutschen. Das heißt, die naiven Vorstellungen, die deutschen Arbeiter werden von heute auf morgen Hitler und seinen Anhängern das Handwerk   legen, gehörten der Vergangenheit an. Aber die jahrzehntelange Erziehung, die uns verbot, ein Volk für die Verbrechen seiner Herrscher schuldig zu sprechen, wirkte nach. Wir glaubten daran, dass die  Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben bestehen. Auch wenn diese Worte Stalins mit der von ihm praktizierten  Politik nicht  übereinstimmten, widerspiegelten sie unsere Mentalität. Sonst hätte er sie wohl nicht in den Mund genommen. 

 

Churchill  hätte sich gehütet, die These auszusprechen, da  die Stimmung in England, obwohl es im Unterschied zu Russland keine Greueltaten  des Feindes erleben musste,  in diesem Punkt ganz anders als in Russland war. In den westlichen Medien war es üblich, zwischen den Nazis und den Deutschen insgesamt ein Gleichniszeichen zu setzen, was übrigens auch  im Bombenterror gegen deutsche Städte seinen Ausdruck fand. Bei uns war es anders.

 

In Stalingrad und danach hörte ich ab und zu auch Sendungen des Großdeutschen Rundfunks. Sie  kamen  mir oft  blöd vor. Zum Beispiel,  wenn behauptet wurde, die Russen leisteten deswegen erbitterten Widerstand, weil sie vor dem Krieg sehr schlecht gelebt hatten.  So schlecht, dass sie  am Leben keine Freude hatten und deshalb nicht an ihm hingen. Als ob nur derjenige am Leben hängt, der das Glück hat, ein warmes WC zu benutzen.

 

Unter den deutschsprachigen grenzüberschreitenden Propagandasendern gab es auch andere, die hier nicht erwähnt wurden, obwohl ich sie auch abhörte.  ---------------------------------------------------------------------------------

3.

 

Während der Schlacht taten sich   deutschsprachige Sender der Sowjetunion, Englands und Hitlerdeutschlands besonders hervor. Aber es gab damals auch andere  Propagandasender. Das waren die Radiosender der sogenannten grauen oder auch schwarzen Propaganda. Also solche, die nicht zu den offiziellen Einrichtungen der kriegführenden Mächte gehörten.

 

Auf der sowjetischen Seite zählte dazu der Radiosender „Freies Deutschland“, der allerdings seine Tätigkeit erst einige Monate nach dem Ende der Stalingrader Schlacht aufnahm, aber mit dieser quasi genetisch verbunden war. Zuerst dadurch, dass zu seinen Mitarbeitern  mehrere in Stalingrad gefangene Offiziere und Generäle der Wehrmacht zählten. Dann auch dadurch, dass dieses Radio „Freies Deutschland“ in seinen Sendungen den in Stalingrad eingetretenen   Sinneswandel der deutschen Landser  widerspiegelte. Jetzt dachten sie nicht mehr so wie in der Zeit des triumphalen deutschen Vormarsches in Russland. Jetzt mussten die meisten begreifen, dass der Waffengang im Osten ein trauriges Ende haben wird. Und die Einsichtigsten wollten das Schlimmste für Deutschland verhindern. Vor allem, dass    Deutschland zum Schlachtfeld und dann zur verbrannten Erde wird wie Russland in seinen weiten Teilen. Auch wollten sie der Besetzung Deutschlands durch alliierte Truppen zuvorkommen. Als Patentlösung haben sie die freiwillige Heimführung der deutschen Truppen, die Ablösung des nationalsozialistischen Regimes, Waffenstillstand und Friedensverhandlungen  vorgeschlagen.    

 

Inwiefern die sowjetische Regierung dieses Programm ernst nahm, darüber streiten die Historiker. Nach meiner Meinung ist dies nicht ganz auszuschließen. Denn nach dem großen Sieg der Roten Armee in Stalingrad schien die Zerschlagung  Hitlerdeutschlands   näher gerückt zu sein. Und im Kreml musste man sich Gedanken darüber machen, was nach dem Krieg aus Deutschland  wird. Vor allem, ob es gelingen wird, das besiegte Deutschland dem Zugriff der Westmächte zu entziehen, denen Stalin auch nach der Entstehung  des Kriegsbündnisses gegen Hitler nicht richtig traute. Deswegen könnte das von den deutschen Patrioten aus der sowjetisch kontrollierten Bewegung „Freies Deutschland“ vertretene Programm dem Kreml imponieren. Sicherte es wenigstens das Entstehen eines  Deutschlands, das gegen die Sowjetunion nicht so leicht zu missbrauchen wäre.

 

Die Sendungen des „Freien Deutschland“  machten  auf mich einen guten Eindruck. Es war, glaube ich, der einzige Propagandasender, der eindringlich an die guten Traditionen der deutschen Vergangenheit erinnerte. An die großartigen Leistungen der deutschen Literatur, Kunst, Wissenschaft und auch an  Ereignisse der deutschen Geschichte, die davon zeugten, dass auch den Deutschen die Freiheitsliebe nicht fremd war. Von dieser patriotischen Grundeinstellung aus appellierte das Radio „Freies Deutschland  an das Gewissen der Deutschen an der Front und im Hinterland, beschwor sie, das eigene Land nicht noch tiefer in den Schmutz des Nationalsozialismus, des Terrors, des Krieges, des rassistischen Wahnsinns zu ziehen.

 

Übrigens fand ich diese ganze Palette von Gedanken in den sowjetischen deutschsprachigen Flugblättern, die noch vor der Einrichtung des Senders „Freies Deutschland“ in Stalingrad auf die deutschen Stellungen abgeworfen wurden, aber auch in unseren Stellungen, vom Wind hingetragen, rumlagen.

Auf der westlichen Seite gab es, soviel ich weiß, keine Propagandasender, die  ähnlich wie das Radio „Freies Deutschland“ agierten. Das war nur folgerichtig, da die Westmächte an einem deutschen Widerstand gegen Hitler wenig interessiert waren. Sie setzten auf die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Die Selbstbefreiung Deutschlands von Hitler sahen sie nicht vor.

 

Deswegen gestalteten sie ihre Propaganda anders als die Sowjetunion.

 

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4.

 

Unter den von der sowjetischen Regierung inspirierten und kontrollierten Sender brachte das Radio „Freies Deutschland“ das inhaltsreichste Programm. Das war das Sprachrohr der in Stalingrad kriegsgefangenen deutschen  Militärs. Er sollte die Deutschen bewegen, mit dem so gut wie verlorenen  Krieg Schluss zu machen. 

 

Auch die Westmächte    richteten damals Radiosender  besonderer  Art ein. Das waren deutschsprachige Sender, die  vorgaben, im Namen  einer deutschen Widerstandsgruppe  zu sprechen. Eben nur vorgaben. Die Widerstandsgruppen , die sich angeblich durch diese Sender artikulierten, waren nur vorgetäuscht. Im Unterschied zu der in der Sowjetunion entstandenen Bewegung „Freies Deutschland“ .

 

Ein in England installierter Sender, der vorgab, im Namen einer Widerstandsorganisation zu sprechen, hieß „Gustav- Siegfried- Eins“. Es war ein Meisterstück der britischen Propaganda auf Radiowellen. „Gustav- Siegfried – Eins“ redete den deutschen Hörern ein, in der Wehrmacht gäbe es eine starke Widerstandsgruppe, die empört ist, dass  Hitler dem deutschen Militär ins Handwerk pfuscht.

 

Eine Spezialität dieses Radiosenders waren  Schilderungen von Orgien hoher Funktionäre der Nazipartei. Sie wurden als Säufer, Hurenböcke und Diebe hingestellt,  die im darbenden Deutschland auf Kosten der Volksgenossen ein  fröhliches Leben  führten. Die immer wiederkehrende Frage lautete, ob die deutschen Landser dafür sterben wollen?

 

Der Sender kam übrigens auch in Stalingrad gut an, wo ich während der Schlacht als Militärfunker Gelegenheit hatte, die ganze Radioskala abzutasten.  Es machte Spaß,  seine deftige Sprache zu vernehmen, obwohl mir viele Worte aus dem Slang der Prostituierten, Diebe und Säufer unbekannt waren.

 

Vermutlich hat Gustav- Siegfried - Eins  zur Zersetzung der Kriegsmoral in der Wehrmacht etwas beigetragen.  Was er bestimmt nicht gemacht hat, seinen deutschen Hörern eine Perspektive zu öffnen, worum sich der Sender „Freies Deutschland bemühte, von dem in der vorigen Sendung die Rede war.

 

Um diese Aufzählung der Propagandasender  abzurunden, die ich damals unerlaubter Weise in meinem Bunker in Stalingrad abhörte,  muss ich auch die deutschen Sender in russischer Sprache erwähnen. Es war  eine ganze Palette, die vom Nazipropagandaminister Goebbels  ins Leben gerufen wurde. Mir blieb der Sender  „Die alte Garde“ in Erinnerung, der vorgab, im Namen der von Stalin verfolgten alten russischen  Kommunisten zu sprechen.  Die Demagogie konnten die Nazis sich schenken.  Allen war bekannt, dass ein aktiver russischer Kommunist, wenn er in ihre Gewalt geriet, sofort abgeknallt wurde.  Außerdem: Wer konnte schon den Sender hören? Sofort nach dem Ausbruch des Krieges wurden alle Radioempfänger in der Sowjetunion eingezogen. Nur ein paar solcher Radiofans wie ich riskierten, die Geräte zu behalten und fremde Sendungen zu empfangen, um sich besser zu informieren. Oder einfach aus Spaß am Verbotenen.

 

Als ich in Stalingrad und dann auch woanders alle diese Propagandasendungen in deutscher Sprache abhörte, stellte ich mir oft  die Frage, wie sie wohl bei den Deutschen ankamen. Aber diese Frage konnte ich erst viel später ein wenig klären, als ich die Möglichkeit bekam, in die Akten der nazistischen Geheimpolizei Einsicht zu nehmen.  

 

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5.

Die Radiowellen wurden im Krieg zu den bevorzugten Trägern der Propaganda, weil sie   bekanntlich über jede Grenze oder Frontlinie hinweg frei fliegen. Keine Polizei  kann sie aufhalten, keine Kugel treffen. Allerdings konnte die Polizei in mehreren Fällen die Radiohörer belangen, die das Verbot, fremde Radiostimmen zu hören, verletzten. Und gerade diese polizeilichen Repressalien, in Akten dokumentiert, ließen Rückschlüsse darauf zu, ob die Propagandasendungen der anderen Seite gehört wurden und welche mehr und welche weniger.

 

Besonders gründlich wurden  die Hörer  fremder Stimmen  in Hitlerdeutschland  gejagt. Als ich in Berlin Einblick in die Akten der nationalsozialistischen  Geheimpolizei nahm, breitete sich vor mir ein nahezu perfektes System der Ermittlung und strafrechtlicher Verfolgung der unbotmäßigen Radiohörer aus. Es schloss die Bespitzelung der Verdächtigen, das Mitlauschen der Gespräche in  Gaststätten und Kantinen, die Überprüfung der Post und vieles andere mehr ein. Und  wenn ein Volksgenosse, wie die Bürger in Hitlerdeutschland amtlich genannt wurden, eines Radioverbrechens, wie es zumeist hieß, überführt wurde, hatte er nichts zu lachen. Bestenfalls landete er in einem KZ, schlimmstenfalls unter dem Fallbeil.

 

Den Gestapostatistiken konnte man entnehmen, welche Propagandasender des Auslands in Deutschland  mehr, welche weniger  gehört wurden. An  erster Stelle stand der deutschsprachige Londoner Sender. Dafür gab es viele Gründe. Das traditionell hohe Ansehen Englands in den Augen  der deutschen Bevölkerung. Der psychologisch geschickte  Aufbau der Radiosendungen, die schon deshalb einen glaubwürdigen Eindruck hinterließen, weil sie nicht  nur von  den Siegen der Westmächte im Kampf gegen Deutschland, sondern auch von ihren Misserfolgen berichteten.  Auch die Tatsache, dass die erwischten Hörer der britischen Sender in Deutschland im Schnitt weniger  hart bestraft wurden als zum Beispiel die Hörer von Radio Moskau, denen gleich Hochverrat vorgeworfen wurde, spielte gewiss eine Rolle.

 

So wiesen  die Gestapostatistiken eine niedrigere Zahl der Moskauhörer, wie es in den einschlägigen Akten hieß, als die der Londonhörer aus. Dafür waren die Fälle der Moskauhörer sehr beeindruckend. Es ging hier meistens nicht um  Zufallshörer, sondern um  Menschen, die genau wussten, was sie wollten. Und sie wollten  mehr Informationen von einem Kriegsschauplatz, mit dem sie ihre Hoffnung auf die Befreiung vom Hitlerregime und vom Krieg verbanden. Das war für sie der Kriegsschauplatz in der Sowjetunion, in Russland.  Insbesondere in der Zeit der Stalingrader Schlacht, deren kriegsentscheidende Bedeutung ihnen allmählich bewusst wurde.

 

Von den vielen Fällen, die ich in den Gestapoakten aufstöberte, blieben mir zwei besonders gut in Erinnerung. Zum einen war es der Fall des Heizers Albert Jakob aus einer kleinen  Stadt. Der Mann war einmal Kommunist, dann aber, als die KP in Deutschland von der Hitlerregierung verboten worden war, stellte er jede Verbindung  zu seinen ehemaligen Parteifreunden ein. Er lebte still, half, wo er nur konnte, seinen Nachbarn und Arbeitskollegen und genoss viel Ansehen in seiner Umgebung. Auf die Welle von Radio Moskau führte ihn die Sorge um seinen Sohn, der als Soldat nach Russland kam. Der Heizer Jakob wollte erfahren, was an der Ostfront los war. Immer öfter stellte er die Moskauer Welle ein, wobei er große Vorsicht übte. Er breitete eine dicke Decke über den Empfänger und seinen Kopf aus, damit kein einziger Ton herausdrang.

 

Lange Zeit ging es gut. Aber als die Wende an der Wolga kam und der sowjetische Ring um 300.000 deutsche Landser geschlossen wurde, konnte der Heizer Jakob die Meldungen von Radio Moskau  über die Schlacht nicht mehr an sich halten. Das sinnlose Verheizen von jungen deutschen Männern, wie sein Sohn einer war, in den Weiten der russischen Steppe, empfand er als  Verbrechen am deutschen Volk. So fing er an zu reden. In den Arbeitspausen in seinem Betrieb, abends in der Kneipe. Er gab das weiter, was er in den Sendungen aus Moskau gehört hatte, ohne die Quelle zu nennen.         

 

Das nahm ein Ende wie in vielen ähnlichen Fällen in Deutschland. Von einem  Gestapospitzel verraten, wurde er verhaftet. Die Ermittlungsrichter der Gestapo hatten damals ein Verfahren entwickelt,  das ihnen ermöglichte, festzustellen, welchen Sender der Delinquent abgehört hatte. Sie verglichen die Protokolle der Sendungen mit den Spitzelberichten. In der Strafsache des Heizers Jakob war der Befund eindeutig. Das, was er seinen Kollegen und Freunden erzählte, stimmte mit dem überein, was Radio Moskau sendete.

 

Also war die Anklage wegen  Vorbereitung zum Hochverrat fällig. Es kam zu einer verkürzten Gerichtsverhandlung. Todesurteil. Das Gnadengesuch wurde abgelehnt. Trotz bester Beurteilungen der Arbeitsstelle und der Hausgemeinschaft und auch der Bitte des Sohnes, des Frontsoldaten.

 

Die Akte des Heizers Jacob hielt  auch sein Verhalten bei der Hinrichtung durch Fallbeil fest. Ihm wurde ein würdiges, gefasstes Auftreten bescheinigt.

 

Auch enthielt die Akte ein Detail, das man nur mit Schulterzucken quittieren kann. Der Richter, der Albert Jacob zum Tode verurteilt hatte, bat seine Obrigkeit, den eingezogenen Radioempfänger des Heizers für seinen Hausgebrauch nehmen zu dürfen. Der Bitte wurde entsprochen.

 

Selbstverständlich endete das Abhören von Radio Moskau in Deutschland während des Krieges nicht immer so tragisch. In den Gestapoakten fand sich der Fall einer   Arbeiterin aus Burgstädt in Sachsen. Sie war eine alte Hörerin von Radio Moskau, noch aus der Weimarer Zeit. Besonders aktiv wurde sie allerdings, als der sowjetische Sender sich dazu entschloss, die Listen der in Stalingrad gefangenen deutschen Soldaten und Offiziere zu verlesen. Die Burgstädterin schrieb Namen und Adressen  auf und benachrichtigte die Angehörigen der Gefangenen in anonymen Briefen. Sie tat es nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch, um den Angehörigen  eine schwere Last von der Seele zu nehmen. Denn die deutschen Stellen behaupteten stur, die an der Wolga eingekesselten deutschen  Soldaten zogen der russischen Gefangenschaft den Ehrentod auf dem Schlachtfeld vor. Und nach diesem Propagandamythos  der Naziregierung erhielten die Angehörigen  keine näheren Angaben außer der knappen „Verschollen in Russland“.

 

Die tapfere Frau hat viele Dutzende Briefe mit  Auskünften aus den sowjetischen Sendungen verschickt. Die Gestapo war außer sich. Die Fahndung nach der Übeltäterin lief Tag und Nacht. Aber sie war nicht die einzige. Mehrere  Hörer taten dasselbe. So musste die  Gestapo gleichzeitig mehrere Spuren verfolgen. Und nicht immer mit Fahndungserfolg.

 

Als ich über den Fall las, habe ich mir zur Aufgabe gesetzt, die Frau zu finden. Mit Hilfe von Zeitungsannoncen ist mir das auch gelungen. Ich besuchte Frau Gertrud   Schreiber in ihrer Heimatstadt Burgstädt. Aus einem Versteck holte sie die mehr schlecht als recht aufgeschriebenen Sendungen von Radio Moskau und zeigte mir auch bewegte Dankesschreiben von Menschen aus allen Teilen Deutschlands, die sie erhielt, nachdem  sie ihre Anonymität   lüften konnte.

 

Es sind hier nur zwei Fälle angeführt worden, die davon zeugen, dass die Sendungen von Radio Moskau während der Stalingrader Schlacht nicht ganz umsonst waren. Der deutschen Hörer, die das  Todesrisiko in Kauf nahmen, um sie abzuhören, und erst recht derjenigen, die das Gehörte weitererzählten, möchte ich hiermit gedenken. Sie hatten ihren Anteil an  der Zerschlagung des Naziregimes  in Deutschland. Damit haben  sie  die Voraussetzungen für ein Deutschland mitgeschaffen, wie es jetzt ist. Ein Deutschland, das hoffentlich ein Freund des neuen Russlands ist und bleibt. 

 

DIE NEUE EPOCHE DER INTERNATIONALEN KOMMUNIKATION ??

 1.

Historiker sprechen von sechstausend Jahren der Existenz der  Informations- bzw. Propagandaflüsse über die Grenzen hinweg.

 

Am Anfang war der Mensch das Transportmittel der grenzüberschreitenden Propaganda , sagen sie. Wenn ein Staat die öffentliche Meinung in einem anderen Staat  unauffällig beeinflussen wollte, schickte er seine Agenten über die Grenzen. Zum Beispiel als Händler getarnt. Sie traten  auf fremden Märkten in Erscheinung, die schon immer eine Art Infobörse darstellten, und  leierten  das ihnen Aufgetragene herunter. So entstanden Gerüchte, die den Auftraggebern in den Kram passten. Zum Beispiel darüber, dass der Staat der Auftraggeber eine unüberwindliche militärische Schlagkraft habe. Und wenn er damit droht, sei es das beste, ihm nachzugeben. Solange es nicht zu spät ist.

 

Als ein schlauer Kopf das Schrifttum erfand, veränderte sich der Infotransport über die Grenzen. Zwar brauchte man weiterhin jemanden, der ein Papyrus beförderte. Dennoch war seine Mission nicht so schwierig und so gefährlich wie zu den Zeiten, als er sich wie ein zweibeiniger Leierkasten in Feindesland begab. 

 

Erst recht wurde das gedruckte Wort zum schlagkräftigen Träger der Auslandspropaganda. Wenn ein Fürst im späten Mittelalter seine Erbansprüche anmelden wollte, ließ er diese in einer  Broschüre darlegen, bezahlte dem Typograph die Auflage und   Buchhändlern den Vertrieb. Mitunter half es ihm,  seinen Titel um einen  zusätzlichen Satz zu erweitern.

 

Als das Gedruckte mit Artilleriegeschossen oder mit Flugzeugen transportiert werden konnte, erreichte die Printpropaganda über die Grenzen bzw. über die Frontlinien hinweg ein riesiges Ausmaß. Das Zeitalter des Flugblattes brach an.

 

Ein unter uns lebender  deutscher Sammler und Forscher  nahm die schwierige Aufgabe auf sich, Flugblätter, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Soldaten und Zivilisten des Gegners beeinflussen sollten, zu sammeln und zu ordnen. In mehreren Jahrzehnten brachte er seine Sammlung auf viele Tausende Titel. Die mehrere Dutzend von ihm herausgebrachten dicken Bände dokumentieren die merkwürdige Sparte der internationalen  politischen Publizistik. Wenig beachtet und schwer zugänglich, weil ein an den Gegner gerichtetes Flugblatt kurzlebig ist. In einem bestimmten Augenblick kann es eine beachtliche Wirkung erzielen. Danach aber  braucht es niemand  mehr.

 

Sicherlich hat ein Printmedium als Mittel der Auslandspropaganda seine Vorzüge. Aber auch Nachteile,  da es eine physische Substanz besitzt. Ob eine  Broschüre oder ein Blättchen superdünnes Papier, kann es an der Grenze entdeckt und weggenommen,  hinter einer Frontlinie unterwegs geschnappt werden. Unter Umständen verrät es den Adressaten. Immerhin muss ein Soldat sich bücken, um es aufzulesen. Und wenn er es weiterreicht, riskiert er  erst recht, vor einem Militärgericht gestellt zu werden. 

 

Deswegen stürzten sich alle Propagandaleute, die darauf aus waren, im fremden Haus Verwirrung oder sogar Panik zu säen und zwischen der Führung eines fremden Landes und seinem Volk ein Keil zu treiben, wie Geier auf die Radiowelle als Transportmittel ihrer Elaborate. Die Radiowelle hat keine Substanz. Jedenfalls keine, die ein  Zöllner oder Polizist in die Hand nehmen kann. Sie ist an einer Grenze oder einer Frontlinie nicht aufzuhalten. Sie wandert vom Urheber des zersetzenden (oder aufbauenden) Wortes zu seinen Adressaten auf unsichtbaren Wegen und hinterlässt keine Spuren.

 

2.

Im Ersten Weltkrieg spielte das Radio als Vehikel der Propaganda allerdings noch keine große Rolle. Es lag  in den Windeln  und  piepste, das Sprechen noch unfähig.  Als es aber reif wurde und sprechen lernte, gewann es im Propagandakrieg immense Bedeutung. Im Zweiten Weltkrieg waren Hunderte Sender tätig, die dem Hörer auf der Gegenseite einredeten,  er sollte sich am besten ergeben oder mindestens  sich nicht  so stark ins Zeug legen wie seine Staatsmänner es anmahnten.

 

Aber auch in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg und noch mehr danach dröhnte der Äther von den sich bekämpfenden Stimmen. Sie bereiteten den Krieg vor bzw. führten ihn nach dem Friedensschluss  weiter. Das hing mit einem Phänomen zusammen, das als Ideologisierung der internationalen Beziehungen gekennzeichnet  wurde. In der Zeit traten die Staaten gegeneinander nicht einfach deswegen auf, um sich auf fremde Kosten auszudehnen oder andere Vorteile zu gewinnen. Sie wollten die Bekehrung zu ihrem Glauben erzwingen und damit den Sieg perfekt machen. Die einen schwenkten die Fahnen  der Freiheit,  Demokratie,   Rechtstaatlichkeit, die anderen einer  neuen Gesellschaft ohne soziale Ungerechtigkeit, und Ausbeutung des Menschen. Das war die Sternstunde der Propaganda der Ideen, die  vor allem mit dem neuen technischen Mittel, das Radio geführt wurde.

 

3.

Aber  auch das Radio bzw. das Fernsehen, also die elektronischen Medien, sind  nicht das letzte Wort der Kommunikationstechnik.  Ganz neue Horizonte eröffnet das Internet. Es verbindet in seinem Wesen die Vorzüge des gedruckten Wortes und die  des  Radios. Die Nachhaltigkeit und die Schnelligkeit, die Beständigkeit und das Durchdringungsvermögen.   Außerdem  hat das Internet das, was  die Printmedien, das Radio und das Fernsehen nicht haben. Es hebt z.B. den alten Unterschied zwischen dem Träger  und dem Adressaten der Botschaft auf. Jeder kann sowohl wie auch werden.

 

Und, was in unserem Fall, außerordentlich wichtig ist: Das Internet  ist billig. Deshalb verspricht es, die politische Kommunikation mit dem Ausland endlich von der staatlichen Bevormundung zu erlösen. Um eine Botschaft dem Ausland zukommen zu lassen, braucht man nicht mehr eine Druckerei oder ein Rundfunksender, sondern nur einen PC. So wird  der Informationsaustausch über die Grenzen  hinweg zu einer Privatsache. Eine neue Epoche bricht an, die den alten Traum von der freien Gestaltung der Beziehungen zwischen den Völkern durch die Völker selbst verwirklichen lassen kann. Die verschwommene Floskel von der Volksdiplomatie  nimmt allmählich Konturen an.        

 

Die Holzpuppen freuen sich darauf. Und marschieren an der Spitze des Fortschritts.            

2.8.02

 

 

DIE SIEGER DER GESCHICHTE IM AUSLANDSFUNK

 

Der Sieg des Westens im kalten Krieg und das Scheitern des „realen“ Sozialismus in der Sowjetunion stellten den Auslandsrundfunk als Propagandawaffe vor neue Aufgaben. Das wurde zwar auf beiden Seiten mehrmals angesprochen, übertrieben freundlich wäre allerdings, zu sagen, dass diese Aufgabe klar, deutlich und umfassend formuliert worden wäre . Vielmehr ließ sich feststellen, dass der Auslandshörfunk, wie übrigens die anderen Institutionen, die mit dem Ziel aufgebaut wurden, der vorhandenen oder nur angenommenen Bedrohung die Stirn zu bieten, sehr langsam aus dem Trott des kalten Krieges kamen. So behielten die westlichen, auf die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerichteten Sender in ihren Programmen die frühere Priorität der Fremddarstellung vor der Selbstdarstellung. Die Strategie, die riesigen Informationslücken auszufüllen, durch die repressive Informationspolitik im Osten entstanden, wurde weiter verfolgt, obwohl die Medien in den ehemals sozialistischen oder pseudosozialistischen Ländern ihre Scheuklappen ablegten. Nur mühsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass unter den neuen Verhältnissen die westlichen Sendungen in den Sprachen der Völker der Sowjetunion die Gefahr laufen, das nachzuplappern, was die  sowjetischen Medien selbst an Entlarvungen des „realen Sozialismus“ von sich gaben.

 

Das allmählich obsolet gewordene  Auspeitschen des bereits toten Pferdes,  Sowjetsystems, dauerte an, aber die neue Gefahr aus dem Osten, vielleicht sogar  reellere als die frühere, blieb an der Peripherie des Sichtkreises der Auslandssender. Diese Gefahr bestand in der ungehemmten Radikalisierung und Chaotisierung  der Zustände im sowjetischen Raum, wo die ehemaligen Parteiführer sich immer offener als Nationalisten und Chauvinisten gebärdeten und die neuen,  aggressiveren kriminellen Strukturen im Laufe der  Privatisierung der Staatswirtschaft entstanden.

 

Unter diesen Verhältnissen sollten die Stimmen sich mehr darin üben, dem Publikum in den Zielländern ihrer Sendungen jene Erfahrungen des Westens zu vermitteln, die es ermöglichen würden, den  Kräften der Anarchie, Zersetzung,  organisierter Kriminalität entgegenzuwirken. Statt dessen übten sich die Stimmen in der Glorifizierung der russischen Staatsmänner, die, wie jetzt offensichtlich geworden, den riesigen Raum mit ungeheurem Zerstörungspotential in die falsche Richtung bewegten. So ist wohl verständlich, dass die Sender, die sich in der Sowjetzeit als Sprachröhre der Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit profiliert hatten, am Ansehen verloren. Sie wurden von den Hörern zunehmend verdächtigt, jenen westlichen Kräften in die Hand zu spielen, die im ehemals sowjetischen Raum  absahnen wollten.

1.8.02

 

                     

 

DAS SCHWERE ERBE

 

1.

Als der sowjetische Auslandsrundfunk im Oktober-November 1929 regelmäßige Sendungen aufnahm, nannte er sich absichtlich irreführend "Sektor der Sendungen für ausländische Arbeiter in der UdSSR". Also gab er vor, sich nicht ans Ausland wenden zu wollen, sondern nur an die Ausländer im eigenen Land. Multikulti würden wir heute sagen.

 

Die Tarnung war geboten. Damals waren Rundfunksendungen für Hörer eines anderen Landes etwas, was den internationalen Gepflogenheiten  zuwiderlief. Deshalb löste die Aufnahme der grenzüberschreitenden Radiosendungen  für die Sowjetregierung, die sich damals verstärkt um Anerkennung im Westen bemühte, höchst unangenehme diplomatische Verwerfungen  aus.

 

Allerdings nutzte der Trick wenig. Denn es gab untrügliche Indizien dafür, dass das Zielpublikum der fremdsprachigen Programme des Moskauer Senders nicht die ausländischen Arbeiter in der Sowjetunion und nicht die ethnische Minderheit der Deutschstämmigen, sondern eben die Menschen im Ausland waren, die aufgrund ihrer sozialen Lage für ansprechbar gehalten wurden.

 

Sonst hätte man wohl nicht den in Europa damals stärksten  Mittelwellenstrahler eingesetzt, die Zeit  der Sendungen nicht nach Mitternacht (nach Moskauer Zeit, in Mittel- und Westeuropa war es zwei bzw. drei Stunden früher) verlegt und die Sendungen nicht mit einer weit ausholenden Presseberichterstattung begleitet. Gerade die Letztere sprach Bände. So schrieb die Zeitschrift "Radiosluschatel" (Moskau, 1930, Nr. 11, S.1), dass der sowjetische Rundfunk „zu einem Bindeglied zwischen den Unterdrückten aller Nationalitäten und aller Länder geworden sei und somit zum Zentrum, von dem die Befreiung der Unterdrückten ausginge... Er würde die Werktätigen der ganzen Welt unermüdlich zum harten, erbarmungslosen Kampf gegen die Ausbeuter aufrufen.“

 

Das passte sehr gut zum Anspruch der Sowjetunion, die Heimat aller Werktätigen der Welt und das Triebwerk der Weltrevolution des Proletariats zu sein, aber nicht zur Legende von den Sendungen für ausländische Arbeiter in der Sowjetunion oder, insofern es um die deutschsprachigen Sendungen ging, für die Wolgadeutschen.

 

2.

Um die Zeit war der Kampf zwischen der sogenannten internationalistischen Fraktion in der kommunistischen Führung, der zumeist die Revolutionäre der ersten Stunde, viele jüdischer Abstammung, auf die Weltrevolution fixiert, angehörten, und dem anderen, stalinistischen Flügel, der vor allem die Stärkung des sowjetischen Staates und der eigenen Herrschaft  anstrebte, noch nicht ganz ausgefochten. Wahrscheinlich deswegen widersprachen sich die Stellungnahmen des sowjetischen AA, das immer wieder darauf hinwies, dass die Sendungen nicht fürs Ausland gedacht sind,  und die Presseveröffentlichungen, aus denen das Gegenteil klar ersichtlich war.  So konnte man in der Rundfunkzeitung "Hier spricht Moskau" (Moskau, 1932, Nr.25, S.3) lesen: "Die Aufgabe der Sendungen besteht darin, den Hörern Kampfgeist, das Gefühl des Internationalismus einzuimpfen, die Augen für den wahren Charakter der kapitalistischen Ordnung zu öffnen, die Pläne und Bestrebungen der kapitalistischen Raubtiere zu enthüllen, das Gift des Pazifismus und der Abrüstungspropaganda zu neutralisieren, ein Gift, mit dem die sozial-faschistischen Diener des Kapitals (d.h. die westliche Sozialdemokratie- Anm. des Verfassers) die Gehirne verblöden... Mit Hilfe des Rundfunks müssen wir den Schleier der Vorbereitung neuer imperialistischer Kriege und Interventionen gegen die UdSSR lüften".

 

Dennoch dauerte es nicht lange, bis die "Internationalisten", zumeist in die Nähe des aus der Sowjetunion bereits 1927 ausgewiesenen Leo Trotzki geschoben, der mit Wladimir Lenin jahrelang als Promotor der Oktoberrevolution von 1917 gegolten und sich mit Stalin total verkracht hatte, peu a peu aus allen Parteiämtern verdrängt wurden. Als der Leningrader Parteisekretär Sergej Kirow im Dezember 1934 einem vermutlich von Stalins Agenten eingefädelten, aber den Trotzkisten in die Schuhe geschobenen  Attentat zum Opfer fiel, was als Signal für den großen Terror diente, mussten die "Abweichler" vor allen anderen daran glauben. Auch im Auslandsfunk, wo vielleicht nicht ganz ohne Grund ihr Stützpunkt geortet wurde. Tatsächlich arbeiteten hier alte Parteimitglieder, in der Zarenzeit größtenteils Westemigranten, mit guten Beziehungen zu Funktionären der kommunistischen Parteien im Ausland. Früher hatte diese Vergangenheit sie für die Tätigkeit im Auslandsradio prädestiniert, nun wurde es ihnen  zum Verhängnis.

 

3.

Zuallererst traf der Terror   eine im Moskauer Establishment bekannte, sehr agile Dame, Sinaida Bojarskaja, Ehefrau eines einflussreichen Kulturfunktionärs, zu dessen Kompetenzbereich der gesamte Rundfunk gehörte. Genossin Bojarskaja, mit großer Auslandserfahrung gerüstet und publizistisch begabt, schrieb viel: Rundfunksendungen, Pressebeiträge, Bücher. Ihren Stil dokumentiert ein Beitrag, in dem sie der deutschen Presse vorwarf, diese versuche "den Eindruck von den grandiosen Erfolgen des Fünfjahrplans, die die Herzen der Werktätigen in aller Welt mit dem tiefen Glauben an den Sozialismus erfüllen, sie hoffen lassen, dass auch ihre Stunde der Befreiung vom Joch des Kapitals bald kommt, wenigstens ein wenig zu schmälern und zu verwischen... Die kapitalistische Presse, insbesondere die sozial-faschistische (d.h. die sozialdemokratische- Anm. des Verfassers) übt sich tagein, tagaus in neuen Lügen vom Hunger und von der Not der Werktätigen in der UdSSR..." Es störte die eloquente Autorin wohl   keineswegs, dass  zu dieser Zeit in der Ukraine und in Kasachstan täglich Tausende verhungerten...

 

In einem anderen Beitrag von Sinaida Bojarskaja lesen wir: "Die heldenhafte Arbeiterklasse der UdSSR, die aufopferungsvoll das lichte Reich des Sozialismus errichtet, verstärkt ihren mächtigen Einfluss in der Welt, hilft, die internationale Revolution schnellstens auszulösen".

 

Die Broschüren der Sinaida Bojarskaja, aus denen die Zitate stammen, wurden vor allem im Ausland vertrieben, zumeist in Deutschland. Die mehrsprachigen Editionen besorgte der Gewerkschaftsverlag in Moskau,  den Vertrieb die Profintern, also eine internationale, sowjetisch dominierte Vereinigung kommunistischer Gewerkschaften. Übrigens liefen auch die fremdsprachigen Sendungen aus Moskau  unter dem Aushängeschild der Gewerkschaften. Wenn aber die ausländischen Regierungen für die  Printpropaganda  die fadenscheinige Tarnung zähneknirschend hinnahmen, verhielten sie sich, wenn es um die grenzüberschreitenden Sendungen des Moskauer Rundfunks ging, ganz anders. Zu offensichtlich war es hier, dass nicht die Gewerkschaften, sondern die kommunistische Partei der Sowjetunion und die weltweite Vereinigung der Kommunistischen Parteien, die Komintern, in der Rundfunkanstalt die Weisungskompetenz hatten. Das musste wohl der stalinistischen Führung ein zusätzlicher  Grund gewesen sein, gesetzt den Fall, sie hat diesen überhaupt gebraucht, im Auslandsfunk gründlich aufzuräumen, um den schrillen Ton der Sendungen zu dämpfen.

 

4.

Nach der erwähnten  Sinaida Bojarskaja kam  ihre Nachfolgerin Rosa Frumkina an die Reihe. Die langjährige Leiterin des Auslandssektors des Allunionsrundfunkkomitees wurde im Sommer 1936 verhaftet. In den folgenden Monaten stand ihr Name immer an der Spitze der Liste der Volksfeinde, im Rundfunk verlesen, wenn "kommunistische Wachsamkeit" gefordert war. Z.B.  auf einer Aktivtagung des Allunionsrundfunkskomitees, dessen Vorsitzende K.A.Malzew reuevoll erklärte, dass „Frumkina und die anderen in unseren Rundfunk eindrangen und  aufgrund unserer politischen Blindheit lange Zeit ihre politischen Intrigen treiben konnten".(Rabotnik Radioweschtschanija", Moskau, 1936, Nr.4, S.3"). Im weiteren Verlauf seiner Rede zählte der ehemalige Matrose der baltischen Zarenmarine,  mit  Bildung und Erfahrungen unbelastet, die eindeutigen "Sabotageakte“ im Rundfunk auf: "Nach einer Trauerveranstaltung wurde heitere Musik gesendet, nach feierlichen Tagungen erklang Trauermusik, es gingen Tippfehler durch, die den Inhalt politischer Informationen entstellten, man hätte für die Tätigkeit faschistischer Rundfunkstationen geworben, indem man den Feind zu Wort kommen ließ, um ihn angeblich zu entlarven“. Klare Sache: Die Schuldigen konnten nur Agenten ausländischer Geheimdienste sein. Auf der Grundlage des Berichtes von Malzew rief das Aktiv auf, "die Feinde des Volkes, die in den Rundfunk eingedrungen sind, bis zum Ende zu entlarven, in allen Zwischengliedern des Rundfunks eine solche Ordnung herzustellen, bei der schädliche Handlungen, das Eindringen japanisch- deutscher-trotzkistischer Agenten ausgeschlossen sind“. (ebenda S.2)

 

Die Aufforderung zur Entlarvung blieb nicht ungehört. Sie löste eine Flut von Denunziationen aus. Besonders wurde der Auslandssektor davon betroffen, denn hier hatte man persönliche und dienstliche Kontakte mit dem Ausland, die für die Mitarbeiter nun lebensgefährlich geworden waren.

 

Die deutsche Sektion, die größte und wichtigste, mehrheitlich mit Mitarbeitern aus dem Kreis der deutschen Emigranten besetzt, wurde dabei zur bevorzugten Zielscheibe der Schläge der "Organe".

 

Die Mitarbeiter des Auslandsfunks hatten keine ruhige Nacht mehr. Jeder Schritt im Treppenhaus ließ sie zusammenfahren. Ein Bündel mit Wäsche lag stets griffbereit. Aber am Tage mussten sie weiter dem sozialistischen Paradies huldigen.

 

5.

Im Ergebnis entstanden Programme, die sogar bei denen im Ausland, die sowjetfreundlich waren, die Dinge jedoch durchschauten, ein gewiss nicht einkalkuliertes Echo auslösten. So hat der französische Schriftsteller Romain Rolland, in die kommunistische Propaganda als ein traveller fellow eingespannt, in einer Tagebucheintragung vom August 1936 "das wilde Gekläff, einen Schwall des schlimmen Geschimpfes in den französischen Sendungen aus Moskau" beklagt. Es handelte sich um eine Sendung über den Ausgang des von Stalin inszenierten Schauprozesses gegen den ehemaligen Kominternvorsitzenden Sinowjew, Lenins Freund Kamenew und andere. Rolland sinnierte bitter über die politischen Sitten in der Sowjetunion: "Was ist das für eine grausame Geistesverwirrung, wenn die gleiche offizielle Stimme, die die Hingerichteten und die französischen sowie belgischen Sozialisten beleidigt, die diesen beistanden, ein Lobgesang auf Ludwig XIV anstimmt, ich meine Stalin, der "Sonne der Völker der UdSSR " genannt wird.“

 

Der Wahnsinn hatte aber einen Sinn.  Der ganze Apparat der Sowjetmacht wurde so gefügig, dass er jede Kursänderung, sei sie noch so unerwartet und krass wie der Schwenk von der Politik der  kollektiven Abwehr der faschistischen Gefahr in Europa in der Mitte der dreißiger Jahre  zum Hitler- Stalin- Pakt von 1939, mit sklavischer Ergebenheit hinnahm. Auch das Team des Auslandsrundfunks, die deutschen antifaschistischen Emigranten inbegriffen. 1968 quittierten die Tschechen und Slowaken im Moskauer Radio  den Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei und die Niederdrückung des Prager Frühlings mit Arbeitsniederlegung. Die deutschen kommunistischen Emigranten  dachten 1939 gar nicht daran, aufzumucken.  Von Heute auf Morgen mutierte Hitlerdeutschland in den Sendungen vom Kriegsherd in Europa zum verhinderten Friedensstifter.                        

 

In der Zeit wurde vieles in die Arbeitsweise des sowjetischen Auslandsfunks hineingetragen, was seine späteren Gebrechen nach sich zog. Die übertriebene  Kontrolle, die am deutlichsten in der mehrstufigen Abzeichnungshierarchie ihren Ausdruck fand, die krampfhafte Suche nach ideologischen und politischen Fehlern, die zur Ausrottung der kreativen Journalistik führte, die Verdächtigung jeglicher Überlegungen über die Ziele und Methoden der Arbeit  als getarnte Diversion, kurz und gut, die über Jahre hinweg betriebene Hexenjagd. Als Spitze der journalistischen Leistung galt die „genaue Formulierung“, mit anderen Worten die sklavische Anlehnung an das, was in den Reden des jeweiligen Generalsekretärs der Partei verkündet wurde.

 

Jedem menschlichen, lebensnahen Wort in den Sendungen, jeder individuell gefärbten    Äußerung, jedem Versuch, sich nicht wie ein Roboter zu geben, wurde aggressives Misstrauen entgegengebracht, jede Reportage musste von Spickzetteln abgelesen, jede Interviewfrage vorher abgestimmt  werden, jede „Diskussion“ nach einem genau festegelegten  Schema ablaufen. Man durfte nicht in einer Fremdsprache schreiben, da die vielen Abzeichner den russischen Text  haben wollten, um die vermeintlichen Fehler sicherer ausmerzen zu können. Die Arbeitsweise kostete viel Geld,  schaffte viel böses Blut, brachte  Tempoverluste, war insgesamt höchst ineffizient,  konterproduktiv, aber von Jahr zu Jahr  verfestigte sie sich. Die Bürokratie im Auslandsfunk, von gescheiterten Diplomaten und KGB- Männern geleitet, wollte nichts anderes, da sie sich in den Verhältnissen wie der Fisch im Wasser fühlte.

 

Sicherlich hat die Perestroika, die zwar mit Verspätung, aber doch auch den Auslandsfunk erreichte, vieles verändert. Es wäre aber  zu schön,  hätte sich das Erbe der Jahre in nichts aufgelöst.

 

6.

Es folgt die, dem Verfasser von der Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR liebenswürdig vermittelte, gewiss  unvollständige Liste der Deutschen, die in den dreißiger Jahren an den Sendungen der deutschen Redaktion des sowjetischen Auslandsfunks mitgearbeitet  hatten und dafür mit der Freiheit und oft mit dem Leben  bezahlen mussten. Es waren  keine hohen Funktionäre der KPD, sondern Angehörige jener Arbeiterklasse in Deutschland, an deren Glück der sowjetischen Führung, jedenfalls ihren Worten nach,  so viel lag.

 

1. Dettner, Fritz (1905 – erschossen 1937);

 

2. Schwarz, Barbara (1890- erschossen 1941);                    

 

3. Wurz (Würz), Erich (1899- ?);

 

4. Grossman, Alexander (1903 - ?);

 

5.Johanson, Helena (1885- ?);

 

6. Stern- Frankfurter, Gerda (1903 -?);

 

7. Franke, Emilia (1904 -?).

 

 

7.

Übrigens war in jenem Teil der Führung der KPD, die in Moskau residierte, für die Betreuung der deutschsprachigen Sendungen des Moskauer Radios ein gewisser Herbert Wehner zuständig, nach dem Krieg 1941-1945 der SPD- Fraktionsvorsitzende im Bundestag der Bundesrepublik Deutschland. Es fehlen leider Hinweise darauf, dass er sich in den Jahren des großen Terrors  für die bedrohten Landsleute unter den Mitarbeitern des Radios im Kreml stark gemacht hat. Allerdings blieben Andeutungen, er hätte mit der politischen Polizei Stalins zusammengearbeitet, unbestätigt. 

 

Der Kontaktmann Wehners im  Radio  Moskau war Stepan Jakowlewitsch Kolmykow. In der Nachkriegszeit leitete er viele Jahre lang die Redaktion für die Sendungen nach Griechenland und war eine zeitlang Parteisekretär in einem wichtigen Segment des Radios. Bedauerlicherweise verweigerte er dem Verfasser jegliche Auskünfte über die Vorkriegszeit und erst recht über das Wüten des Terrors im Moskauer Radio der dreißiger Jahre. 

 31.7.02

   

 

 

WER VERZEHRTE DIE EIER DEUTSCHER LANDSER IN RUSSLAND?

Kurz vor dem 57. Jahrestag der deutschen  Kapitulation von 1945, die das Morden in Europa beendete (im Fernen Osten ging der Zweite Weltkrieg  bekanntlich bis zum September weiter), brachte das Runet (Grani.ru) einen Beitrag zur Ergründung der Ursachen der Wehrmachtsniederlage in Russland.  Es veröffentlichte  ein deutsches Flugblatt. 1942 wurde dieses in dem von der Wehrmacht besetzten und von den  russischen Partisanen  heimgesuchten Nordwestrussland verbreitet.

Das Flugblatt, in russischer Sprache verfasst, war als  

AUFRUF AN DAS RUSSISCHE VOLK

gestaltet.

Nach einiger Überwindung bringen wir hier den wenig appetitanregenden Text:

__________________________________________________________

 „RUSSISCHES VOLK,

Die ergrauten Köpfe deiner Alten,  deiner Männer und Frauen, deiner Kinder  sind mit unerhörter Schande befleckt. Das, was Du weiter liest , ist kein Fieberwahn eines Verrückten, sondern Aussagen von Russen, gemacht vor  Russen und in Anwesenheit von Russen. Die russischen Menschen haben die Aussagen aufgeschrieben und die russischen Menschen haben die Echtheit der erschütternden Tatsachen bezeugt.        

Die Augen erstarren vor Schreck und die Hand weigert sich, weiter zu schreiben. Und wenn wir uns trotzdem entschließen, uns an Dich, das russische Volk, zu wenden, dann nur deswegen, weil wir an Dich glauben, weil wir glauben, dass in Deiner Brust ein Menschenherz schlägt, dass die  Bolschewisten  in dem Vierteljahrhundert  ihrer schändlichen Herrschaft  Deinen   Edelmut,  Ehrlichkeit,  Menschenrespekt – nicht endgültig getötet haben.  

Wir glauben, dass Du mit uns zusammen angesichts des  Verbrechens  erstarrst, das eine Bande von Unmenschen aus dem Vorwerk Rschawez verübt hat. Die Bande von 22 Verbrechern, darunter 8 Frauen, wurde vom jüdischen Politkommissar Shelesin kommandiert. Sie nannten sich Partisanen, Kämpfer für Freiheit und Ehre des Vaterlandes. Sie griffen heimtückisch einen deutschen Veterinärtross an, der von zwölf Menschen begleitet wurde, davon zehn Deutsche und zwei Russen. Drei Menschen wurden auf der Stelle  getötet, neun, davon drei Verwundete, gefangengenommen. Die Getöteten wurden beraubt. Die goldenen Ringe konnten nicht von Ihren Fingern abgenommen werden, deshalb  hat man die Finger  abgehackt. Die Gefangenen  wurden gefoltert: Ihnen wurden Ohren, Nasen und Wangen abgeschnitten, Geschlechtsorgane abgetrennt, Augen rausgerissen. Bevor sie starben, wurden ihnen Fleischstücke  aus der Brust, vom Hintern, den Armen und Füssen rausgeschnitten. Wie einer der Schuldigen anzeigte, gab es insgesamt ca. 25 Kg. Fleisch. Es wurde in einem Kessel mit Kartoffeln gekocht. 15  Flaschen Wodka wurden aufgetrieben. Und dann eine Festtafel gehalten.      

Dem Häuptling, dem Juden  Shelesin, wurde  ein besonderes Gericht zubereitet. Mit Zwiebeln wurden für ihn 18 Eier aus den Geschlechtsorganen  der Gequälten  gebraten.  Wenn Ihr russischen Menschen das lest, glaubt Ihr den eigenen Augen nicht. Auch  wir glaubten es nicht, als wir die Verhörprotokolle der Unmenschen lasen. Und erst nachdem wir uns überzeugen konnten, dass die Angaben die reinste Wahrheit sind, haben wir uns entschlossen, vom Verbrechen  zu berichten.

Ist es aber tatsächlich so unglaublich? Nein. Solche Juden und Kommunisten wie Shelesin stützten die teuflischen Tscheka, GPU und NKWD, die im russischen Volk Schrecken verbreiteten und der stalinschen Bande ermöglichten,  das russische Volk auf die verschiedenste Weise zu peinigen.

Die Schrecken der Verliese harren noch ihrer Entlarvung. Die Tatsache der Folter und des Kannibalismus ist aber vor Deinen Augen,  russisches Volk. Finde den Mut,  die Schrecken  wahrzunehmen.

Das deutsche Volk weiß, was die Bolschewisten aus dem russischen Volk machen wollen. Es glaubt aber, dass die Russen noch nicht ganz verdorben sind.

Das deutsche Volk glaubt, dass  sich die russischen Menschen von den bolschewistischen Missgeburten und Folterknechten distanzieren und zusammen mit ihren besten Freunden, den russischen Soldaten der russischen Selbstverteidigung, die Verbrecher ausrotten. 

RUSSISCHES VOLK!

Kehre dem bolschewistischen geistigen Erbe, der Unmenschlichkeit, den Rücken. Reinige Dich von der Schande der Shelesins-Bande durch einen gnadenlosen Kampf mit allen ähnlichen Banden.

Vor allem hilf uns, die noch nicht gefassten Verbrecher der Bande und den Juden selbst zu fassen.

Das Kommando der russischen Freiwilligen.“

Zu diesem Flugblatt, gefunden in einem staatlichen Archiv der russischen Partisanenbewegung, ist zu erinnern, dass der Zweite Weltkrieg nicht nur mit Kanonen, sondern auch mit  psychologischen Waffen geführt wurde. Und so wie die Qualität der Kanonen den Zustand der Wirtschaft  widerspiegelte, reflektierte die eingesetzte  psychologische Waffe das geistige Niveau  in den kriegsführenden Ländern. Beide Seiten haben zwar die gleichen Transportmittel der giftigen Propagandaerzeugnisse eingesetzt, vorwiegend Flugblätter und Hörfunksendungen in der Feindessprache, aber die Inhalte unterschieden sich. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Elaborate der psychologischen Krieger  aufschlussreich.

Die sowjetische an die deutschen Soldaten gerichtete Propaganda   passte sich nicht genügend  der Mentalität der Deutschen an. Insbesondere unmittelbar nach dem 22.6.1941, als die Wehrmacht die sowjetische Grenze überschritt.  In der Annahme, die deutschen Soldaten  würden mit rabiaten Mittel gezwungen, gegen das Vaterland aller Werktätigen der Welt aufzumarschieren, appellierten manche an sie gerichteten sowjetischen  Flugblätter und Radiosendungen  an ihr „Klassenbewusstsein“ und beschworen sie, die Waffe gegen Hitler und seine kapitalistischen Hintermänner  zu wenden. Bald aber wurde den Drahtziehern der Propaganda im Kreml klar, dass angesichts  überwältigender Siege der Wehrmacht an der Ostfront diese Appelle bei den Adressaten schlecht ankommen. Deshalb traten in der sowjetischen, an die Deutschen gerichteten Frontpropaganda  die traditionellen Motive der psychologischen Beeinflussung des Kriegsgegners in den Vordergrund. Der Appell an seinen  Überlebenswillen, die Hervorhebung der eigenen Stärke und der Schwäche des Gegners,  auch Schilderungen der Untaten des Gegners und der eigenen  Menschlichkeit, vor allem gegenüber den Kriegsgefangenen. Somit wurde die hochtrabende  Ideologie  zurückgedrängt. Anstatt ihrer Parolen kam das Kochgeschirr  mit  nahrhafter  russischer Kascha, das jeden sich ergebenden Soldaten in der Gefangenschaft erwartete, und der Köder, nach Kriegsende zur Familie zurückkehren zu dürfen.

Im Vergleich zu ähnlichen Propagandaelaboraten der Engländer und später auch der Amerikaner war die sowjetische trotzdem plump. In einem hermetisch abgeschirmten Land mit  gleichgeschalteten Massenmedien konnte es kaum anders sein. Propagandisten qualifizieren sich eben in einem offenem Wettbewerb der Ideen und der  Formen der Propaganda.

So unterschied sich  die sowjetische Propaganda in bestimmter Hinsicht kaum von der nazistischen. Derselbe autoritäre Tonfall, dieselbe dickaufgetragene Schwarz-Weiß-Malerei, nur mit  ganz anderen ideologischen  Vorzeichen. Rassistische, chauvinistische, militant nationalistische Töne blieben für sie trotzdem  tabu. Ein  Flugblatt wie das zitierte wäre  undenkbar.    

Allerdings besteht die Vermutung, dass auch dieses  nicht nur ein Produkt der Unzulänglichkeit seiner Verfasser war. Der Propagandadienst  der aus russischen Überläufern bestehenden Hilfstruppe der Wehrmacht in der besetzten Region  Nord-West-Russlands   wurde nämlich 1942 von dem russischen Emigranten Konstantin Kromiadi (Oberst Sanin) betreut. Ein Jahr davor konnte Kromiadi, von der SS mit der Werbe- und Agententätigkeit in den deutschen Gefangenenlagern für die Rotarmisten betraut, aufschlussreiche  Eindrücke sammeln. Nach dem Krieg schilderte der literarisch begabte Mann diese   in einem flott geschriebenen Tatsachenbericht. Er beklagte darin den Massenmord an russischen Kriegsgefangenen, vor allem durch die künstlich herbeigeführte Hungersnot (ca. 3 000 000  Opfer). Das gibt  Anlass zu vermuten, dass  er sich bereits 1942  innerlich dem Nationalsozialismus  entfremdete und im Einsatz der Wehrmacht in Russland nicht allein das vorgegebene Ziel der Vernichtung des Sowjetsystems, sondern  auch die dahinter lauernde Absicht, die Russen zu dezimieren und Russland zu versklaven, erkannte. So ist es möglich, dass   er im Flugblatt absichtlich zu dick auftrug, um die Propaganda der Nazis ad absurdum zu führen.

Tatsächlich findet man in seinem Text einige Stellen, die nur aus der Feder eines begabten und belesenen Parodisten stammen können. So die Story von den achtzehn für den „Juden“ Shelesin mit Zwiebeln  gebratenen Eiern der deutschen Landser. Sie gibt fast wortgenau ein Sujet aus einem pornographischen Chef d’oeuvre von Marquise de Sade (La nouvelle Justine) wieder. Einem Autor also, von dem die Sowjetleser bis zur Perestroika  keine Ahnung hatten. Auch manch eine andere Stelle  lässt vermuten, dass wir es hier mit einer Verballhornung der deutschen Propaganda  zu tun haben,  von  deutschen Zensoren, die es wahrscheinlich auch gab, für bare Münze genommen.

Wirkungsvoll war das Flugblatt jedenfalls nicht. Wenn ein normaler Russe, ob Partisan oder nicht,  es las, quittierte er es bestimmt mit breitem Grinsen. Das Bild eines jüdischen Kommissars, der die Eier der Übermenschen verzehrt,    konnte ihm nur amüsant vorkommen. Denn die Partisanen wussten, dass die Kommissare, ob jüdisch oder nicht, zwar mitunter verlogen und grausam waren, aber den menschlichen  die Hühnereier vorzogen. Und an diese kamen die Partisanen sogar eher heran als die deutschen Besatzer. Schließlich hatten sie  Lebensmittellieferanten in den Dörfern, aus denen sie größtenteils stammten und in deren Umgebung  sie kämpften.

Zweifelsohne gab es viel Schreckliches auf beiden Seiten der Front, besonders der unsichtbaren Partisanenfront. Der Kampf  wurde hier besonders unerbittlich geführt. Die sich ergebenden Kämpfer hatten kaum eine Chance, am Leben zu bleiben. Und gefoltert wurde   ausgiebig.  

...Um die Zeit, als der clevere „Oberst Sanin“ sein Flugblatt schrieb, stand die Kriegspropaganda des Dritten Reiches vor einer schwierigen Aufgabe. Im Herbst 1941 hatte sie  verkündet, Russland liege bereits am Boden und seine Vernichtung sei eine Frage von wenigen Wochen, wenn nicht Tagen. Die Nazis gingen dabei von den Erfahrungen des Frankreich- und  Polenfeldzuges aus.  Das erwies sich als Fehler. Ein Jahr später zweifelte kein vernünftiger Deutscher mehr daran, dass die Russen weiterkämpfen werden. Es stellte sich die Frage, was gibt den Russen  die Kraft dazu. Goebbels,  der Propagandachef des Reiches, gab die Antwort mit seinem Hinweis darauf, dass die Russen ein kümmerliches Dasein fristeten.  Dieses sei so schlimm, dass das Leben ihnen nicht lebenswert erscheine und bei der erst besten Gelegenheit geopfert würde.

Kromiadi ergänzte seinen obersten Chef mit einer anderen Erkenntnis. Die Russen kämpfen weiter, weil sie sich mit Geschlechtsorganen ihrer Gegner ernähren und somit, wie manche Wilden glaubten, die Geistesstärke ihrer Feinde aneignen.

Wahrhaftigen Gottes ist die Geschichte der Propaganda  über die Grenzen und Fronten hinweg eine wahre Fundgrube für jeden, der Irrungen des menschlichen Geistes studieren will.

28.4.02       

 Russische Weihnachten x3

  1. Vor fünfzig Jahren

 

Vor fünfzig Jahren fuhr ich zu Weihnachten nach Sergijew Possad, der Vatikanstadt  der russischen orthodoxen Kirche, etwa siebzig Kilometer von Moskau. Es war kein frommes Gefühl, das mich hintrieb, sondern die eitle Absicht, die Gottesdienste abzulichten. Einige Wochen davor hatte ich, Student der Moskauer Uni, mein ganzes Geld für den Kauf einer kleinen Fotokamera eingesetzt, eine Reparationslieferung aus der DDR. Es war eine ziemlich primitive Schmalfilmkamera, die immerhin 400 Rubel kostete, etwa soviel wie mein monatliches Stipendium ausmachte.

 

Das Geld hätte ich nie zusammengebracht, hätte ich nicht die Große Sowjetische Enzyklopädie verkauft, eine geerbte dreißigbändige Ausgabe. Die sowjetischen Enzyklopädien verloren damals schnell an Wert, da die darin gepriesenen Staatsmänner der Sowjetunion die Eigenschaft hatten, über Nacht zu Volksfeinden zu mutieren. Dann hieß es, die entsprechenden Beiträge aus den dicken Bänden herauszuschneiden und zu verbrennen. Was aber ist eine Enzyklopädie wert, in der viele Beiträge fehlen?

 

So sagte mir der Antiquar, dem ich den schweren Koffer hintrug, mit verständnisvoller Miene, ich hätte mir die Mühe sparen können. Die Enzyklopädie darf nicht mehr vertrieben werden. Aus und vorbei.

 

Dann sah er mich prüfend an und kam mir doch entgegen, indem er etwa ein Zehntel des ursprünglichen Marktwertes anbot. Wenig, für den Kauf der Kamera reichte es doch.

 

So kann sich der geneigte Leser leicht vorstellen, wie schwer es mich traf, als mir der Neuerwerb abgenommen werden sollte.

 

Und zwar so: Als ich mich zu dem Menschenstrom gesellte, der ins Kirchenstädtchen  strömte, kam mir der verwerfliche Gedanke, mein erstes Bild zu machen. Also kletterte  ich auf den Vorbau eines Häuschens am Rande der Straße und drückte auf den Auslöser. Kaum heruntergestiegen, legte sich eine stark behaarte Hand auf meine Schulter und eine tiefe Stimme befahl mir, unauffällig zu folgen. Der KGB-Offizier in Zivil, ein gutgewachsener, aufgedunsener Mann in den besten Jahren, führte mich in ein Gebäude am Eingang, fragte nach meinen Papieren und wollte meine Kamera untersuchen. Was ist los, rief ich. Was habe ich denn verbrochen. Schließlich gab es keine Militärobjekte in der Nähe, nicht mal eine Eisenbahnbrücke. Er lächelte nur grimmig und fragte mich, ob ich schon viel geknipst hätte. Ohne auf meine zerknirschte Beteuerung einzugehen, es sei der erste Schnappschuss, der mir zum Verhängnis wurde, hieß er mich warten und verschwand  mit meinem Ausweis und  der kleinen Kamera. Als er wiederkam sagte er, er könne mich nicht gehen lassen, bevor der Film entwickelt ist und meine Angaben somit bestätigt werden. Um sich die Zeit zu vertreiben oder aus einem anderen Grund begann er ein Gespräch, bei dem wir uns menschlich näher kamen, insbesondere, als er erfuhr, dass ich, bevor ich Student wurde, Frontsoldat war. Er selbst Frontoffizier.                       

 

Am Ende eröffnete er mir sogar, warum seine Behörde eingreifen musste. Es gebe feindliche Elemente, die sich darauf spezialisieren, in Sergijew Possad bei feierlichen Anlässen Bilder zu schießen, um diese dann an westliche Journalisten zu verkaufen. Da die verdammten Späher aus dem Westen selbst eine besondere Genehmigung beantragen müssen, wenn sie außerhalb Moskaus etwas zu tun haben, finden die Fotos Absatz. Zwar glaubte der Offizier nicht, dass ich so tief wie die erwähnten Handlanger des Westens gefallen war, trotzdem Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst.

 

Ob ich meine mit so großer Mühe erworbene Kamera zurückbekomme, wenn sich meine Unschuld bestätigt, fragte ich klopfenden Herzens. Ausnahmsweise, sagte er und nahm mir das Versprechen ab, nie wieder mit der Kamera nach Sergijew Possad zu kommen. Und am besten auch ohne Kamera nicht, denn bekanntlich ist die Religion das Opium, das die Kapitalisten dem Volk verabreichen, um es ruhig zu stellen.

 

                                      

  1. Vor fünfundzwanzig Jahren

 

Die Studentenzeit war lange vorbei, ich stand bereits mitten im  Berufsleben. Der Beruf, den ich ausübte, war ziemlich  ausgefallen. Der eines Mitarbeiters der Redaktion für deutschsprachige Programme des Moskauer Auslandshörfunks (Inoweschtschanije, was das ist, kann der geneigte Leser auf einem matrjoschka-Link erfahren, den er eben hier anklickt).

 

Die Konferenz in Helsinki, an der fast alle Staaten, darunter die Bundesrepublik und die DDR teilnahmen, war kurz zuvor zu Ende gegangen. Eine neue Ära schien in Europa anzubrechen, nicht mehr von der Konfrontation, sondern – Gott wie schön! – von der Kooperation geprägt. Im Übermut der Erwartung darauf schrieb ich eine Sendereihe, als deren Motto der Bibelsatz „Wenn du einem anderen den Untergang wünschst, hast du schon gegen das Gebot, töte deinen Bruder nicht, so gut wie verstoßen“. Ehrlich gesagt, habe ich nur angenommen, dass sich in der Bibel etwas ähnliches findet. Überprüfen konnte ich es nicht, da es schier unmöglich war, in Moskau eine Bibel aufzutreiben. Abgesehen davon, dass der Zeitaufwand, für den Blödsinn darin zu blättern, mir zu groß gewesen wäre.  

 

Zuerst lief die Sendereihe anstandslos und was nicht weniger erstaunlich war, kam kein deutscher Hörer auf den Gedanken, mein Bibelzitat anzuzweifeln. Entweder war das deutsche Publikum des Moskauer Propagandasenders wenig bibelfest oder – wohl wahrscheinlicher – der festen Meinung, was immer aus dieser Quelle kommt, braucht man nicht ernst zu nehmen.

 

Die Bombe platzte kurz vor Weihnachten, als von oben die strenge Anweisung kam, das Abkommen von Helsinki nicht zu wörtlich zu interpretieren. Zwar sollte nicht mehr wild drauflos gehetzt werden wie früher, doch der feindlichen Ideologie muss eine entschiedene Abfuhr erteilt werden. Dazu gehörte eben auch die Bekämpfung des Pazifismus, den der Klassenfeind in die Sowjetunion hineintragen will und zu dem auch die scheinheilige christliche Lehre gehöre.

 

Damals galt noch in jeder großen sowjetischen Behörde die Regel, die Loyalität gegenüber der Staats- und Parteiführung dadurch unter Beweis zu stellen, dass man die von oben ausgemachten Übeltäter auch in seiner Mitte fand und kaltstellte. In Ermangelung anderer wurde meine Wenigkeit zur Zielscheibe. Der Chef des Senders, Herr über das größte Rundfunkimperium der Welt, gab mich zum Abschuss frei. Eine Woche später stand ich, bildlich gesagt, als Musterbeispiel des Abweichlers  am Pranger und noch einige Tage später mit den Entlassungspapieren, einem Berufsverbot gleich, auf der Strasse. Fröhliche Weihnachten !

 

Das heftige Echo auf die verhältnismäßig moderate Entgleisung überraschte sogar einige an das schlimmste gewöhnte Kollegen. Es wurde die Vermutung geäußert, der Auslöser sei ein Brief des damaligen sowjetischen Statthalters in Ostberlin, des Genossen Abrassimow, gewesen. Von seinen Gesprächspartnern im ZK der SED sei er darauf hingewiesen worden, dass die DDR-Bürger die Aussage von Radio Moskau falsch verstehen könnten, da sie trotz des ständigen Bemühens, ihnen beizubringen, dass ihre Brüder und Schwestern einzig und allein östlich der Elbe zu suchen seien, beim Wort der Bruder, wie es eben im perfiden Zitat vorkommt, an die Brüder am Rhein denken.

 

Ob tatsächlich ein Übereifriger aus der SED-Zentrale im Spiel war, wage ich nicht zu beurteilen, auszuschließen ist es nicht, weil das Abkommen von Helsinki von besonders weitsichtigen Genossen ganz richtig als erster Glockenschlag zum Begräbnis der DDR verstanden wurde.

 

Auch die Tatsache, dass ich wenige Tage später doch wieder in mein Arbeitszimmer zurückkehren durfte, scheint darauf hinzuweisen, dass Ostberlin aktiv wurde. In dem Falle deutete meine Wiedereinstellung darauf hin, dass in Moskauer Parteizentrale auch Menschen gab, denen Belehrungen der Ostberliner Kollegen   allmählich auf den Wecker gingen.

 

Weihnachten heute

 

Heutzutage wird Weihnachten in Moskau ungefähr so begangen wie in Funcal auf der Insel Madeira. Also alles steht kopf. Das Glockengeläut nimmt kein Ende. In den   inzwischen zurückgegebenen oder neu gebauten Gotteshäusern wird von früh bis spät gepredigt und gesungen. Und wenn, trotz stark gewachsener Kapazitäten, ein Moskauer in diesen Tagen (bekanntlich wird Weihnachten in Russland nach der alten orthodoxen Zeitrechnung gefeiert, also der Heilige Abend am 6. Januar des europäischen Kalenders) trotzdem keinen Platz in einer der vielen Kirchen findet, kann er fernamtlich an Gottesdiensten teilnehmen, wenn er sich an den unzähligen Übertragungen im Fernsehen labt. Sogar im Runet, wo die orthodoxe Kirche ihre eigenen, stark ausgebauten Seiten hat, wird der christlichen Feier Genüge getan.

 

Was die deutschsprachigen Sendungen aus Moskau betrifft, wo früher selbst die harmloseste Erwähnung von Weihnachten als Familienfest unter Androhung der fristlosen Kündigung stand, so sind sie mit Segenswünschen für die Hörer so dicht besät, dass es ein wenig peinlich wirkt. An einem Tag habe ich siebenundzwanzig gezählt und hörte auf, weiterzuzählen, weil ohnehin deutlich wurde, dass die Frömmigkeit endgültig Einzug gehalten hat im großen Radiohaus, nahe des Kreml. Sicherlich werden dort auch die zehn Gebote strikt befolgt, nicht so wie im deutschen Rundfunk, wo auch zu Weihnachten eheliche  Seitensprünge und andere Todsünden  verlockend dargestellt werden. 

 

ADE, KOLLEGE !  

Von einem, der sich nicht nennen will.

 Stefan Heym ist tot. Für die einen war er vor allem ein bedeutender Schriftsteller, der viele  gute Romane schrieb.  Für die anderen jemand, der nach der deutschen Wiedervereinigung im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg für den Bundestag kandidierte, dabei mehr Wählerstimmen erhielt als der  jetzige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und so nicht nur Mitglied des Bundestags, sondern auch der Alterspräsident des deutschen Parlaments wurde. 

Er hielt  eine sehr gute Eröffnungsrede. Da er aber von der PDS aufgestellt worden war, wollten die etablierten MdBs ihm nicht zuhören. Zum Teil verließen sie den Saal, zum Teil zeigten sie ihm die kalte Schulter, genauer gesagt ihr  Hinterteil. Ihm, dem bereits  hochbetagten und weisen Mann... 

Ach, lassen wir das...Für mich war er vor allem ein bewundernswerter Kollege. 

Ja, ein Kollege. Ja, ein bewundernswerter. Weil er einmal  seine Sache sehr gut machte. 

Welche Sache denn? Diese: grenz(front)überschreitende Propaganda per Ätherwelle. 

Die Sternstunde der Radiopropaganda, gegen den Kriegsgegner gerichtet und in seiner Sprache betrieben, schlug als der Zweite Weltkrieg begann. Der Krieg wurde mit Bomben und Granaten geführt. Sie fielen vom Himmel, sie kamen aus Kanonen. Sie legten ganze Städte in Schutt und Asche und zerrissen Menschen in Stücke. Sie veranstalteten ein Getöse ohnegleichen.

 Aber von jeder Seite der weltweiten Front kamen nicht nur Bomben und Granaten. Es kamen auch Stimmen. Leise, aber eindringliche, einschmeichelnde oder auch drohende Radiostimmen. Sie wandten sich an die Soldaten und Zivilisten des Gegners.  Sie machten was vor, sie logen. Wenn es aber dem Zweck diente, hielten sie sich sogar an die Wahrheit. Oder an die Halbwahrheit. Aber immerhin...

Der Zweck hieß, dem Mann (und der Frau) auf der Gegenseite einzureden, das Beste für ihn (sie) wäre, die Flinte ins Korn zu werfen, bzw. die Werkbank stehen zu lassen und Hände zu heben. 

Einer, der das  im Getöse des Krieges predigte, brauchte  Köpfchen. Und die Freiheit, dieses zu gebrauchen. 

Captain  Heym hatte Köpfchen. In Chemnitz großgeworden, kannte er  seine Pappkameraden, die Deutschen. Und er besaß die seltene Gabe, andere zu überzeugen. Er bewies es mit seinen Radiosendungen auf dem langen Weg  von der französischen Küste bis nach München. Auf dem Weg, den er mit den Amis ging. 

Seine Glanzleistung war der Sender 1212. Die letzten vier Ziffern markierten die Frequenz eines Senders in Luxemburg. Er fiel den Amerikanern fast unbeschädigt in die Hände. Heym und Co haben ihn weiter laufen lassen. Sie verfassten Nachrichtensendungen, die durch völliges Fehlen antideutscher und antinazistischer Parolen  das Vertrauen der deutschen Soldaten und der Zivilisten gewannen. 

Eines schönen Tages führte aber der Sender die Deutschen hinters Licht.  Und zwar in dem Augenblick, als die Amis die Großoffensive starteten. Die deutsche Bevölkerung flüchtete in Panik. Um die richtige Fluchtroute zu wählen, schalteten die Deutschen  den Sender ein, dem sie inzwischen trauten. 1212. Und er wies ihnen die Route der Flucht. Welche? Eine, die das Anrollen der Nachschubkräfte der Wehrmacht  unmöglich machte, da die Flüchtlingswelle die Zufahrtstrassen total verstopfte. 

Ein Meisterstück! 

Und soll mir keiner mit Vaterlandsverräter kommen.  Erstens hatte ihn Deutschland lange davor rausgeworfen. Und zweitens wurde der Krieg gegen Hitler geführt. Und drittens wissen wir alle, was die Amis auch  tun und lassen, ist gut. Und soll von einem Deutschen gutgeheißen werden.

Allerdings hegte der Verstorbene einige Zweifel daran. Er ließ ihnen in dem nach dem Krieg verfassten  Roman „Kreuzritter“ freien Lauf. Er versuchte den modernen Kreuzrittern, ihr heiliges Recht abzusprechen, die Welt nach ihrem Gutdünken zu ordnen. 

Obwohl es fast  vor sechzig Jahren geschah, also lange bevor Präsident Bush einen neuen Kreuzzug verkündete, haben die Amis ihn damals sofort rausgeschmissen. Wie die Nazis vor dem Krieg. So  ging er in die DDR. Aber auch hier legte er sich mit den Herrschenden an. Vermutlich weil auch sie von einem Kreuzzug, bloß unter einem anderen Banner, faselten. Wohin sollten sie aber den Quälgeist schmeißen?  

Jetzt ist er dort, wo gute Menschen einen sicheren Ort finden. Wo man Quälgeister vermutlich erträgt. Gott sei ihm gnädig. 

17.12.01   

 

WAS IST ES FÜR EIN DING? 

Das russische Wort Inoweschtschanije, das, mit lateinischen Buchstaben geschrieben, unaussprechbar, mit kyrillischen (иновещание) aber nicht so schlimm aussieht, bezeichnet die sogenannten Auslandssender. Damit ist nicht etwa ein Radio- oder Fernsehsender gemeint, der im Ausland steht. Auch in deinem eigenen Land, lieber matrjoschka-Leser, gibt es einen Auslandssender, also einen Sender, der seine Programme nicht etwa für den inneren Gebrauch, sondern fürs ausländische Publikum herstellt und ausstrahlt. Fast alle größeren Länder der Welt haben Sender dieser Art. Die meisten bereits lange. Der vielleicht älteste hieß Radio Moskau und nahm seine reguläre Tätigkeit 1929 auf, um für die proletarische Weltrevolution zu werben. Fast gleichzeitig meldete sich Worldservice von BBC, London. Er sollte das vom Zerfall bedrohte britische Kolonialreich durch Verbreitung von Nachrichten über die Tugenden der britischen Krone retten helfen. Auch Deutschland installierte in den Jahren einen Auslandssender, der nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten den Völkern der Welt Demut vor der Herrenrasse anerziehen sollte.

Die Blütezeit der Auslandssender fiel in die Jahre des Zweiten Weltkrieges, als sie zur scharfen psychologischen Waffe wurden. Die propagandistische Trommelmusik im Äther ergänzte damals das Trommelfeuer der Kanonen. Zwar tötete sie nicht, präparierte die Menschen aber geistig fürs Töten und Getötetwerden.

Auch heute wird auf Radio bzw. Fernsehwellen viel über die Grenzen transportiert. Da wir bekanntermaßen in einer Welt  leben, in der nun unentwegt von Frieden und Zusammenarbeit geredet wird, sind die grenzüberschreitenden Sendungen natürlich ganz anders geworden. Trotzdem erregen sie mitunter Missfallen. Sogar im eigenen Land, also im Herkunftsland der Sendungen. Ganz zu schweigen von den Zielländern.

Im folgenden längeren Beitrag wird über einen solchen Fall gesprochen, und zwar aus russischer Sicht. Die Rede ist vom Auslandssender der Bundesrepublik Deutschland "Deutsche Welle" in Köln.

DER STREIT UM DIE DW

1.

Unlängst fand in Berlin eine Pressekonferenz statt, die von einem Medienbeauftragten der Freien Demokratischen Partei Deutschlands gegeben wurde. Sie wurde breit angekündigt und die Partei stellte für sie einen großen Raum im Domizil der FDP-Bundestagsfraktion zur Verfügung. Trotzdem kamen weniger als ein Dutzend Kollegen. Von den wichtigen deutschen Medien waren höchstens zwei oder drei vertreten.

Das ziemlich geringe Interesse war kein Zufall, denn die Medien, die vom eigenen Land aus fürs Auslandspublikum berichten, sind zu Hause zumeist fast unbekannt. Obwohl sie eigentlich eine sehr wichtige Funktion erfüllen oder wenigstens erfüllen sollten. Und zwar mehr Verständnis für die Probleme des eigenen Landes im Ausland anzuregen und somit der Völkerverständigung gute Dienste zu erweisen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die ins Ausland gerichteten Medien früher oft andere Ziele verfolgten. Sie strebten nicht danach, das eigene Land vorzustellen, sondern danach, im Zielland bestimmte Änderungen mitzubewirken. In krassesten Fällen wurden sie als Werkzeuge des weltweiten psychologischen Krieges missbraucht. Eines Krieges, der sich vor allem zwischen zwei feindlichen Systemen abspielte. Zwischen dem realen Sozialismus, der seinem eigenen Ideal sehr weit entfernt war, und dem Kapitalismus, der eigentlich auch besser erscheinen wollte als es war. So wurden die realen Sachverhalte auf beiden Seiten geleugnet oder beschönigt, viel Propaganda getrieben. Und polemisiert, was das Zeug hielt. Anstatt mehr Frieden und Verständnis zu stiften, wurde so eher das Gegenteil erzeugt.

In Europa taten sich dabei zwei grenzüberschreitende Radiosender hervor, die besonders verbissen agierten. In Osteuropa war es Radio Moskau in deutscher Sprache, das nach dem Zerfall der Sowjetunion Stimme Russlands heißt und ein neues Kapitel in seiner Geschichte aufschlug. In Westeuropa war es die Deutsche Welle, der Auslandssender der Bundesrepublik Deutschland. Beide grenzüberschreitenden Sender kennzeichnete in den Jahren des Kalten Krieges eine besondere Aggressivität. Nicht etwa , weil ihre Teams besonders aggressiv waren. Nein, die Aggressivität war nicht subjektiv, sondern objektiv, durch politische Zwänge bedingt. Es war nun mal so, dass die Frontlinie zwischen den beiden Systemen mitten durch Deutschland verlief. Die Bundesrepublik Deutschland sprach der DDR, dem sowjetischen Vorposten in Mitteleuropa, jegliche Legitimität ab. Ihrerseits beharrte die sowjetische Führung darauf, dass die Bundesrepublik revanchistisch und somit eine Gefahr für den Frieden sei. Unter diesen Umständen war nicht zu erwarten, dass die deutschsprachigen Sendungen aus Moskau, beziehungsweise die russischsprachigen aus Köln viel Verständnis für die andere Seite aufbrachten.

Sowohl die eine als auch die andere Seite konzentrierte sich dabei nicht auf die - wie Fachleute sagen- Selbstdarstellung, sondern auf die Fremddarstellung. Anstatt dem Hörer im anderen Land über sein eigenes zu berichten, seine Besonderheiten, Erfolge aber auch Misserfolge zu schildern und dadurch für mehr Verständnis und guten Willen zu werben, stürzten sie sich auf politische, wirtschaftliche und soziale Defizite im Zielland der Sendungen. Das tat Radio Moskau in Bezug auf Deutschland, das tat die Deutsche Welle in Bezug auf die Sowjetunion. Wobei offen gesagt werden muss, dass Radio Moskau nicht nur die vorhandenen, sondern auch erfundene Mängel in der Bundesrepublik anprangerte, die Deutsche Welle konnte sich das sparen, da die Sowjetunion ohnehin genug Angriffsflächen bot.

Wichtig ist aber festzuhalten, dass sich die beiden Sender ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen, indem sie mehr über das Zielland der Sendungen als über ihr eigenes Land sprachen. Nach einer Untersuchung der britischen Seite erreichte der Anteil der Kritik der sowjetischen Zustände in den russischsprachigen DW-Programmen damals weit mehr als fünfzig Prozent. Nicht weniger dürfte um diese Zeit auch der Anteil deutschsprachiger Programme von Radio Moskau gewesen sein, die die Bundesrepublik kritisierten und diffamierten.

Selbstverständlich wurde versucht, die schiefe Programmgestaltung durch die journalistische Pflicht zu rechtfertigen, für eine umfassende Information der Öffentlichkeit im Zielland der Sendungen zu sorgen und die Lücken auszufüllen, die die eigenen Medien des Ziellandes in ihrer Berichterstattung hinterließen. Und wiederum muss gesagt werden, dass die sowjetischen Medien, die innerhalb des Landes für die umfassende Information der Bevölkerung zuständig waren, viele relevante Vorgänge in der Sowjetunion verschwiegen. So hatte die Deutsche Welle leichtes Spiel, als sie daran ging, die von den sowjetischen Medien verschwiegenen Informationen über die Grenze nach Russland zu tragen.

Radio Moskau fiel es viel schwerer, das Gleiche in Hinblick auf die Bundesrepublik zu tun. Weil die Medien der Bundesrepublik, die im Unterschied zu den sowjetischen Medien untereinander in Konkurrenzkampf standen, ziemlich umfassend über die Vorgänge im eigenen Land berichteten. Die Mitarbeiter von Radio Moskau konnten selten in der deutschen Berichterstattung Räume entdecken, die die deutschen Medien offen ließen.

Das alles war einmal. Ist das Vergangene restlos vergangen?

2.

Im ersten Beitrag wurde festgehalten, dass die frühere Tätigkeit der Deutschen Welle, wie übrigens auch von Radio Moskau, stark durch die harte jahrzehntelange Systemkonfrontation in Europa beeinflusst worden war. Seit etwa zehn Jahren ist die Konfrontation zu Ende. Auch der Punkt, an dem sich die Geister in der Bundesrepublik Deutschland und in der Sowjetunion besonders erhitzten, ist aus der Welt. Die DDR existiert nicht mehr, die scheußliche Mauer in Berlin wurde abgerissen, Deutschland ist vereinigt. Nichts Unüberwindliches steht mehr zwischen den zwei europäischen Ländern Deutschland und Russland, die in den vergangenen Jahrhunderten im Guten wie im Bösen eng verbunden waren. Sollte wenigstens nichts mehr stehen.

Trotzdem verlautete in der erwähnten Pressekonferenz in Berlin, dass der Deutschen Welle aus deutschen regierungsnahen Kreisen vorgeworfen wird, sich den neuen Gegebenheiten in Europa nicht ganz angepasst zu haben. Allerdings unterstützte der Medienexperte der Freien Demokratischen Partei Deutschlands, der die Pressekonferenz leitete, den Vorwurf nicht. Im Gegenteil- er bestritt, dass die Deutsche Welle unzeitgemäß tätig ist. Er hob vielmehr hervor, dass die Experten der rot-grünen Koalition dem Kölner Sender Unrecht täten, wenn sie ihm überholte Arbeitsweise ankreiden. Diesen Vorwurf erheben sie nur deshalb, weil die Regierung der Deutschen Welle aus parteipolitischen Gründen misstraue. In dem Zusammenhang missbilligte der FDP-Sprecher Kürzungen des Senderetats als Druckmittel gegen die Intendanz der Deutschen Welle. Er beschuldigte die Regierung, mit diesen Kürzungen das Team des Kölner Senders verunsichern und seine Leitung zum Rücktritt zwingen zu wollen. Das angesteuerte Ziel bestehe letztendlich darin, die von der Verfassung der Bundesrepublik garantierte Staatsferne des Mediums zu beseitigen und ihn an die Politik der rot-grünen Koalition zu binden.

Matrjoschka will, gemäss ihrer selbstauferlegten Zurückhaltung, keineswegs in den Streit eingreifen. Was aber in der FDP-Pressekonferenz aufhorchen ließ, war der vom FDP-Sprecher zitierte (und bestrittene) Vorwurf an die Deutsche Welle, sie sei weiterhin damit beschäftigt, die Zustände in anderen Ländern ins Visier zu nehmen, anstatt dem ausländischen Publikum ein umfassendes Bild von der deutschen Realität zu vermitteln. Obwohl das bundesdeutsche Gesetz, das ihre Leitlinie sein sollte, der Deutschen Welle gerade das ausdrücklich vorschreibt: Vermittlung eines umfassenden Bildes der deutschen Realität an das ausländische Publikum.

Die Absicht, einem Auslandssender nahe zu legen, sich vom Ballast der Vergangenheit zu verabschieden, ist der urfriedlichen matrjoschka sehr sympathisch. Dieser Grundsatz müsste für alle Auslandssender gelten. Auch für die Stimme Russlands. Nichts ist in der gegenwärtigen Situation in der Welt schädlicher, als der missionarische Eifer vergangener Zeiten, da jeder Auslandssender versuchte, seine Hörer im Ausland zum eigenen Glauben zu bekehren. Das wäre der beste Weg, Misstrauen zu säen in einer Welt, die mehr Solidarität braucht, um überleben zu können. Misstrauen können wir alle tatsächlich gar nicht gebrauchen.

3.

Wir erwähnten bereits die auf einer FDP-Pressekonferenz in Berlin angeführten Klagen über die Behandlung des Auslandssenders der Bundesrepublik Deutschland "Deutsche Welle" durch deutsche Regierungsinstanzen. Dem Kölner Sender, hieß es, werde der Etat gekürzt, seine Unabhängigkeit bei der Programmgestaltung beeinträchtigt, ja sogar seine Existenzberechtigung in Zweifel gezogen. Ein Argument, das dabei mitunter ins Feld geführt wird, lautet, dass man im Ausland keine Belehrungen aus Deutschland hören wolle. Die fremden Länder hätten zumeist eigene freie Medien, die lückenlos und kritisch über Vorgänge berichten und, weil es um Vorgänge im eigenen Haus geht, dies umfassender und sachlicher tun können als ein Auslandssender, sei er noch so kompetent.

Ohne sich hier darüber auslassen zu wollen, ob die Einwände gegen die Tätigkeit der Deutschen Welle stimmen oder nicht, möchten wir nur erwähnen, dass uns die Verhaltensregeln eines Auslandssenders, die dabei zur Sprache kommen, sinnvoll erscheinen. Tatsächlich wurzelt die Übergewichtung der Fremddarstellung in den Programmen eines Auslandssenders oder, anders ausgedrückt, die Tendenz, die Verhältnisse im Zielland der Sendungen- auf Kosten der Information übers eigene Land- ins Visier zu nehmen, in der längst verflossenen Zeit. In der Zeit, als in Europa zwei militärpolitische Blöcke, zwei soziale Systeme gegeneinander agierten. Als der Kalte Krieg durch den Propagandakrieg auf grenzüberschreitenden Radiowellen begleitet wurde.

Damals behauptete man auf beiden Seiten, anders könne es gar nicht sein, da im Lager des Gegners die Pressefreiheit unterdrückt werde. In den Ländern des sogenannten realen Sozialismus (hieß es zum Beispiel in den Sendungen der Deutschen Welle aus Köln) unterdrückte der totalitäre Staat die Pressefreiheit , in den Ländern des Kapitalismus (hieß es zum Beispiel in den Sendungen von Radio Moskau) – der große Geldsack.

Zum Glück braucht jetzt niemand mehr die unfruchtbare Pauschalisierung der Zustände, die vordergründige Polemik, die der Verständigung im Wege steht. Sollte man wenigstens meinen.

Auch die Auslandssender brauchen ihre Existenzberechtigung nicht mehr darin zu suchen, dass sie die Aufgaben der Medien im Zielland der Sendungen quasi übernehmen. Nein, ihre Existenzberechtigung können sie jetzt damit unter Beweis stellen, dass sie dem ausländischem Publikum ein umfassendes Bild vom eigenen Land anbieten.

So sollte es sein. Ist es aber immer und überall so?

Matrjoschka kamen Zweifel daran, als sie die Tagesordnung einer zweitätigen Konferenz in Berlin las, die unter anderem der Lage der russischen Medien gilt. Einer Konferenz unter dem Titel "Im Schatten der Macht. Die Situation der Medien in Russland, Belarus und in der Ukraine". Die Russlandexperten der Deutschen Welle sind am Berliner Hearing über die russischen Medien führend beteiligt.

An sich ist nicht das Geringste dagegen einzuwenden. Es sind durchaus kompetente Leute, die mitten im Stoff stehen. Sie beherrschen Russisch, lesen die russische Presse mit wachen Augen und verfolgen das Geschehen in Russland sehr aufmerksam. Wer, wenn nicht sie, ist berufen, nicht nur Deutschland in ihren Sendungen nach Russland, sondern auch Russland in Deutschland auf einer Konferenz darzustellen.

Gerade aber, weil sie so kompetent sind, sollten sie dafür sorgen, eine gewisse Schlagseite der Konferenz auszugleichen. Eine Schlagseite, die zum Beispiel dadurch entsteht, dass zur Teilnahme aus Russland nur Medienleute aus einer einzigen Ecke der russischen Medienlandschaft eingeladen sind. Aus einer Ecke, wo eine sehr kritische Einstellung gegenüber der russischen Regierung und insbesondere ihrer Medienpolitik herrscht.

Die deutschen Veranstalter verschenken sich dadurch die Gelegenheit, die russische Medienlandschaft in allen wichtigen Facetten kennen zu lernen und sich ein differenzierteres und objektiveres Bild über die Lage der russischen Medien zu verschaffen. Das muss aber der Sinn der Übung sein.

Da an dem Zustandekommen der Konferenz, wie gesagt, die Kollegen der Deutschen Welle maßgeblich beteiligt sind, kann sehr leicht der Verdacht aufkommen, sie bemühten sich, der deutschen Öffentlichkeit ihre eigene Unersetzlichkeit vor Augen zu führen. Etwa so: weil in Russland die Medienfreiheit wieder unterdrückt wird, brauche man im Westen Radiosender, die den Russen die von den russischen Medien selbst verschwiegene Information bieten.

Schade, wäre das wirklich der Hintergedanke. Auch weil die Deutsche Welle es nicht nötig hat, den Lückenbeißer zu spielen. Sie befindet sich in der glücklichen Lage, ihre russischen Hörer mit Berichten über Deutschland selbst faszinieren zu können.

Die deutsche Wirklichkeit bietet dafür Stoff genug, da die Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten eine sehr beeindruckende Entwicklung nahm. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts lag Deutschland am Boden, wurde von fremden Mächten besetzt, zerrissen, in Verruf gebracht. Jetzt ist es das mächtigste Land in Europa, politisch stabil, wirtschaftlich prosperierend, mit einer sozialen Absicherung der Bevölkerung, die sich überall in der Welt sehen lassen kann.

Da sich Russland jetzt in einer Lage befindet, die an die Deutschlands vor einem halben Jahrhundert erinnert, hören die Russen mit großem Interesse von den deutschen Erfahrungen des Wiederaufbaus und von der deutschen Gegenwart.

Dagegen hieße es, Eulen nach Athen zu tragen- oder, wie die Russen sagen, Samoware nach Tula- würde sich die Deutsche Welle in ihren an Russland gerichteten Berichten darauf konzentrieren, was alles in Russland noch fehlt oder falsch gemacht wird. Das wissen die Russen selber oder erfahren es aus den eigenen Medien.

Die Berichterstattung aus Deutschland über Deutschland ist auch aus einem spezifischen Grund sehr wichtig. Wie auf dem deutsch-russischen Forum in Petersburg vor kurzem hervorgehoben wurde, haben die Russen die historisch bedingte psychologische Reserviertheit gegenüber Deutschland noch bei weitem nicht überwunden. Jeder zweite Russe traue den Deutschen auch jetzt nicht über den Weg. Was sollte also für die Deutsche Welle näher liegen, als wahrheitsgetreu das neue Deutschland darzustellen, das mit dem früheren wirklich wenig zu tun hat.

Dagegen könnte eine selbstgerechte, von oben herab erfolgende Behandlung der russischen Mängel in den russischsprachigen Sendungen der Deutschen Welle die russischen Vorurteile gegen Deutschland kaum abbauen helfen. Eher im Gegenteil. Denn das gewiss überzogene Bild des "hässlichen Deutschen" in Russland und in der Welt bescheinigt den Deutschen eine ausgeprägte Selbstgerechtigkeit und Hochmut gegenüber anderen Völkern.

In jedem Land gehören die Auslandssender zu den Institutionen, die sich sehr leicht der öffentlichen Kontrolle entziehen können, da sie außerhalb des Blickfelds der Öffentlichkeit tätig sind, die von ihrer Existenz kaum Notiz nimmt. Darum passiert es schon, dass sie entgleisen und Falsches tun.

Mit gutem Willen ist das zu korrigieren. Jedenfalls ist zu wünschen, dass sich die Deutsche Welle, wie auch die Stimme Russlands darauf konzentrieren, mehr Verständigung und weniger Vorurteile in der Einstellung der Russen und der Deutschen zueinander anzuregen. Wie es die matrjoschka tut.

Und jetzt zwischendurch ein Brief zu FS DW, obwohl er mit dem Wesen der Sache nicht zu tun hat:

Wer manchmal in einem Hotelzimmer, ferne der Heimat, beispielsweise in Hanoi oder Jakarta, genug hat von CNN und sich deshalb die DW antut, erlebt die Einzigartigkeit der Medienfreiheit. Alternierend, in Deutsch und in Englisch, werden der aufstrebende Fußballclub "Energie Cottbus", ein Schwabe, der nach jahrzehntelangem Leben in Australien einen Alterssitz in seiner deutschen Heimat sucht, und was er dabei erlebt, eine Folge von Gasexplosionen in Berlin usw. usw. vorgestellt. Hinein gestreut sind kurze Bilder von Ausländern, die bei uns, in Deutschland, studieren, und die äußern, wie wohl sie sich bei uns fühlen.

Ich habe seit langem nichts langweiligeres gesehen als diesen Kanal DW.

Nicht eine einzige Sendung hätte irgendeinen böswilligen Zensor veranlassen können, gegen sie einzuschreiten. Die Sendungen waren von keinerlei Aussagekraft, von Brisanz gar nicht zu reden.

Ich bekenne allerdings, dass ich, zurück in Berlin, nun immer auf der Bundesligatabelle schaue, wo mein geliebter Fußballclub "Energie Cottbus" abbleibt. Ich zittere für ihn, seine Mannschaft und seinen erfolgreichen Trainer. Man stelle sich vor, ein echter Ossiverein, klein und aufstrebend, so wie die vielen Bürger in Ossiland. So eine Art Tellerwäscherkarriere. Danke, Deutsche Welle! Du gibst mir durch deine mutigen Sendungen Kraft und Hoffnung auf bessere Zeiten. Danke!

G. E.

Anm. v. M.: die Dame speit Gift und Galle. Sie hat auch uns auf die Weise apostrophiert. Also auf ihre Meinung nichts geben. Gar nichts.

WIE ES BEGANN.

1.

Eigentlich begann es vor sechstausend Jahren oder vielleicht noch viel früher. Selbstverständlich ist nicht vom Radio die Rede, das höchstens hundert Jahre existiert, sondern von der virtuellen Beeinflussung des Verhaltens fremder Stämme zu seinen eigenen Gunsten. Wofür viel später das grenzüberschreitende Radio eingesetzt wurde.

In den sechstausend Jahren änderten sich nicht so sehr die Zielsetzungen der nach außen gerichteten Propaganda, sondern ihre Transportmittel. Zuerst gab es so gut wie keine. Der Effekt wurde unmittelbar durch visuelle oder akustische Phänomene erzielt. Furchterregendes Bemalen der Gesichter oder Trommeln an hohle Baumstämme. Später übte man sich im Verbreiten Gerüchten. Noch später wurden Propagandaschriften über die Grenzen geschmuggelt. Im vorigen Jahrhundert kamen die grenzüberschreitenden Radiosendungen hinzu.

Aber letztendlich verfolgte man in den sechstausend Jahren ein Ziel, nämlich sich selbst stärker zu präsentieren als man war, dem Gegner das Gefühl der Unterlegenheit zu suggerieren, den Verbündeten fester an sich zu binden.

Mit der Zeit nahm die nach außen gerichtete Propaganda immer breitere Schichten der ausländischen Bevölkerung ins Visier. Schließlich die ganze Bevölkerung im Land des Gegners. Den Soldaten im Schützengraben, den Arbeiter der Rüstungsindustrie, den Bauer. Möglichst noch vor Beginn eines Krieges.

Die Wirkungssteigerung der grenzüberschreitenden Propaganda wurde durch den ständigen Fortschritt ihrer Transportmittel und die Einbeziehung der Psychologie ermöglicht. Das Radio setzte dem Fortschritt die Krone auf. Im Zweiten Weltkrieg dröhnte der Äther von fremdsprachigen Propagandastimmen, die die Front und das Hinterland des Gegners destabilisieren sollten.

2.

Bereits ein Viertel Jahrhundert vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die grenzüberschreitende Propaganda zunehmend ideologisch.

Ganz neu war die ideologische Beeinflussung der fremden Bevölkerung allerdings nicht. Als die Jünger Christi die antike Welt bereisten oder mit ihren Glaubensbrüdern außerhalb Israels korrespondierten, erfüllten sie auch den Tatbestand ideologischer grenzüberschreitender Propaganda. Erst recht ging es um das richtige Weltbild im Streit zwischen Katholiken und Protestanten zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der nicht nur mit der Waffe, sondern mittels Predigten und Pamphleten geführt wurde.

Im Normalfall war aber der weltanschauliche Akzent untergeordnet oder fehlte gänzlich. Als Napoleons Grand Armee ins russische Zarenreich einmarschierte, zögerte er, sich gegen die Leibeigenschaft zu stellen und die Untertanen des Zaren mit seinen Aufrufen aufzuwiegeln. Unter den gekrönten Häuptern des damaligen Europas galt es eben als verwerflich, an den Grundsätzen der gottgewollten hierarchischen Ordnung in Feindesland mit Umsturzpropaganda zu rütteln.

Im XX. Jahrhundert konstituierte sich auf dem euroasiatischen Kontinent ein Staat, der zum Hauptinhalt seiner grenzüberschreitenden Botschaften gerade dies erhob. Es war Sowjetrussland. Sein Führer, Wladimir Lenin, glaubte nicht nur selbst an die Vision einer neuen, freieren und glücklicheren Welt, sondern war von der Einflusskraft der kommunistischen Doktrin auch im Ausland überzeugt. Den "Verdammten dieser Erde" vermittelt, würde die kommunistische Erlösungslehre Berge versetzen. Keine militärische oder wirtschaftliche Macht sei imstande, dagegen zu halten, glaubte er

Als Transportmittel der grenzüberschreitenden Propaganda ortete Lenin ein neues Medium. Das soeben erfundene Radio.

3.

Am Radio, das in den Jahren der großen Umwälzung in Russland - 1917 und danach- noch in der Wiege lag und nur mit Morsezeichen lallen konnte, faszinierte Lenin die Substanzlosigkeit. Im Unterschied zu den Printmedien, die gegenständlich sind, hat die Radiowelle keine greifbare Substanz. Ist daher auch nicht fassbar. An der Grenze nicht zu stoppen. An Zöllnern und Polizisten fliegt sie vorbei. Frei wie Zugvögel.

Aus eigener Erfahrung wusste Lenin das zu schätzen. Noch vor dem Weltkrieg brachte er es fertig, in Deutschland ein Kampfblatt ("Iskra", der Funke) in Russisch zu drucken, um es nach Russland zu schmuggeln. Der Funke sollte den Brand der Revolution in Deutschland auslösen. Die Hoffnung wurde enttäuscht. Der mit großem eigenen Aufwand und mit Unterstützung der Genossen von der SPD hergestellte "Funke" erlosch oft unverrichteterdinge. Nur ein geringerer Teil der Auflage gelangte zu den Adressaten. Der größere fiel der Polizei bereits an der Grenze zu Russland in die Hände.

Deswegen träumte Lenin von einem Transportmittel der Propaganda, das es erlauben würde, sie über alle Zäune hinweg an den Mann zu bringen. Die Erfindung des Radio kam wie gerufen.

Allerdings schätzte Lenin an der Radiowelle nicht nur die Fähigkeit, sich jeder Grenzkontrolle zu entziehen.

Das Radio nannte er "Meeting von Millionen". Tatsächlich kann eine Hörfunksendung gleichzeitig Millionen erreichen. Wenn die Millionen Radioempfänger haben, die Ausstrahlung stark genug ist und die Sendung inhaltlich als hörenswert empfunden wird.

Die Wahl des Wortes "Meeting" ist bezeichnend. Lenin und Genossen veranstalteten immerzu Meetings. Es kamen Menschenmengen zusammen, die ihnen zuhören sollten und wollten. In dem noch bei weitem nicht analphabetisierten damaligen Russland war die Ansprache der Königsweg der revolutionären Propaganda. Wirksam, auch weil zusammengebrachte Menschenmengen sich einander elektrisierten. Zumal ein gesprochenes Wort viel mehr Emotionen entfesselt als das geschriebene.

Das Radio versprach so viele Zuhörer wie nie zuvor. Meetings von fast unbegrenzter Dimension, da sie in einem virtuellen Raum stattfinden sollten. Als Zuhörer kam die gesamte Bevölkerung des Landes in Frage, sogar- soweit es um grenzüberschreitendes Radio ging- die Weltbevölkerung.

Nun galt es Redner zu finden, die fähig waren, die Massen zu beeindrucken. Lenin, Trotzki und andere Führer der russischen Revolution beherrschten die rhetorische Kunst. Wie übrigens auch Hitler, Goebbels und manch anderer aus derselben Ecke später in Deutschland. Es waren Demagogen im doppelten Sinne des Wortes- im ursprünglichen, d.h. Volksredner, und im moderneren, d.h. Volksbetrüger, die viel versprachen, wenig hielten.

4.

Auch wenn Lenin die Vorzüge des Radios für die politische Propaganda im Inneren und im Ausland vermutlich noch lange vor der Machtübernahme in Russland erkannte, aufs neue Medium konnte er erst nach der Machtübernahme zugreifen. Denn damals war das Radio Regierungssache. Alle Sende- und Empfangseinrichtungen standen unter der Kontrolle der jeweiligen Machthaber. Ein Außenstehender hatte keine Chance.

Nach der Machtübernahme im Oktober 1917 galt es, das Radio sofort einzusetzen. Am nächsten Tag ordnete Lenin die Funkübertragung ins Ausland über die Ziele der neuen Regierung an. Darunter die sofortige Feuerpause in Europa und anschließend der Abschluss eines europaweiten Friedens ohne Grenzänderungen und Kontributionen.

Wie illusorisch es auch war, darauf zu setzen, dass sich die Westmächte die Früchte des opferreich erkämpften Sieges über Deutschland und seine Verbündeten nehmen lassen würden, hätte der Appell viele im Westen begeistern können, hätte er die kriegsmüden Massen erreicht. Hat er aber nicht. Mit Morsezeichen gesendet, wurde Lenins Botschaft nur von staatlichen Empfangsstationen aufgezeichnet. Sie drangen nur bis zu den Beamten, die sie nicht ernst nahmen. Der neuen Macht in Russland gaben sie wenig Lebensdauer. Sie rechneten mit ihrem baldigen Scheitern. Und dann würde Russland wieder, seiner Bündnispflicht getreu, gegen Deutschland und Österreich- Ungarn antreten.

Mehr Beachtung fand die per Funk aus Petrograd (vor dem Krieg- Sankt Petersburg, später Leningrad, jetzt wieder Sankt Petersburg) übertragene Friedensbotschaft in Berlin. Nach dem Sturz der Zarenherrlichkeit im Februar 1917 erlebte die Führung des wilhelminischen Reiches zuerst eine Enttäuschung, da die bürgerliche Regierung unter Kerenski den Krieg gegen Deutschland fortsetzte. Deswegen knüpfte die kaiserliche Generalität in Berlin ab jetzt die Hoffnung auf Entlastung der Ostfront an eine ihr ganz und gar unsympathische, aber, wie es schien, steuerbare politische Figur. An die des Marxisten Lenin, dem deutschen Geheimdienst noch aus der Vorkriegszeit als exilierter russischer Desperado bekannt. So wurde Lenin und seinen Anhängern die Rückkehr nach Russland aus dem Schweizer Exil ermöglicht und die großzügige Finanzierung der Antikriegspropaganda gesichert.

Die Radiobotschaft aus Petrograd wurde in Berlin für die langersehnte Bestätigung der eingeschlagenen Strategie gehalten. An die Presse geleitet, erschien sie in einigen deutschen Zeitungen, ohne allerdings in ihrer ganzen Tragweite verstanden zu werden. Niemand ahnte die Geburt einer neuen Weltmacht, die etwa dreißig Jahre später bis zur Elbe vorrücken würde...

Am Rande bemerkt: Lenins Botschaft strahlte ein Sender in Zarskoje sselo bei Petrograd aus, der von der deutschen Firma Siemens und Schuckert gebaut worden war. Einer der stärksten Radiotelegraphiesender der damaligen Welt.

Später sendete er allerdings Botschaften, die den Machthabern in Deutschland gewiss weniger willkommen waren als die erste. Sie riefen nämlich die deutschen Soldaten und Arbeiter zum Sturz der Kaiserregierung auf und trugen mutmaßlich zum Ausbruch der Novemberrevolution 1918 in Deutschland bei.

5.

In den folgenden Jahren des Bürgerkrieges in Russland hatten die Radiotelegraphisten in Zarsskoje sselo viel zu tun. Fast täglich schickten sie per Radiowellen Appelle, Erklärungen, Gruß - und Protesttelegramme der kommunistischen Regierung über die Grenzen Sowjetrusslands. Das aufflackernde, aber immer wieder erlöschende revolutionäre Feuer in Deutschland und in den Nachfolgestaaten des Habsburger Reiches sollte angefacht werden. Aber es klappte nicht.

Lenin gab den imperialistischen Regierungen des Westens die Schuld. Sie hätten "Gegenwellen" eingesetzt, die den Empfang der Sendungen aus Zarsskoje sselo unmöglich machten. Künstlich produzierte Empfangsstörungen soll es tatsächlich gegeben haben. Dennoch spielten sie kaum eine Rolle. Viel wichtiger war, dass die Sendungen weiterhin nur mit Morsezeichen erfolgten und erst nach Veröffentlichung in einer Zeitung das Publikum erreichten. Die meisten Zeitungen im Westen ignorierten die "rote" Propaganda. Nur ein sprechendes Radio, das unmittelbar beim Adressaten ankommt, konnte helfen.

Lenin trieb das Forschungslabor in Nishni- Nowgorod, dem die Entwicklung eines solchen oblag, zur Eile an. Dem Laborchef wurde jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. Das Team erhielt besondere Lebensmittelzuteilungen und Devisen für den Ankauf westlicher Technik.

Trotzdem blieb das sowjetische grenzüberschreitende Radio zu Lenins Lebzeiten auf das ti-ta-ti-ta angewiesen. Und als er 1924 starb, trat an seine Stelle ein Mann, der mit der Radiopropaganda Richtung Westen zunächst nicht viel im Sinn hatte. Stalin.

Von der Vision einer proletarischen Weltrevolution wenig angetan, hing er einer anderen nach. Der eines starken Staates, der auf herkömmliche Art und Weise seine Einflusssphäre erweitert. Deswegen drängte Stalin nicht auf den Aufbau eines grenzüberschreitenden Radios, sondern auf Verbreitung des neuen Mediums im eigenen Land. Hier und nicht im Ausland sah er seine schlimmsten Feinde, die ihm die Machtfülle streitig machten. Um ihre Vernichtung vorzubereiten und durchzuführen, brauchte er eben das Radio vorerst im Inneren. Die russischen Entfernungen und der Papiermangel ließen "die Zeitung ohne Papier und Entfernungen" (Lenins Definition) besonders attraktiv erscheinen. Es begann die "Radiofizierung" der Sowjetunion, wie der Bau der Sender und die Massenproduktion der Empfangsgeräte genannt wurden.

Bereits Mitte der zwanziger Jahre gehörte die Sowjetunion zu den Ländern mit den größten Sendekapazitäten. Von früh bis spät berieselten die Sender die noch spärlich gesäten Radiohörer mit Propaganda für den Aufbau des Sozialismus (wie ihn Stalin sah) in einem Lande. In einem! Die Länder des Westens , wo, wie es hieß, der Kapitalismus sich stabilisieren konnte, sollten warten. Auch auf die revolutionisierenden, grenzüberschreitenden und fremdsprachigen Sendungen aus der Sowjetunion. Allerdings warteten sie nicht sehr lange.

DIE HEISERE STIMME DER REVOLUTION

1.

Zwischen 1924 und 1929 spielte sich in der Sowjetunion das Tauziehen zwischen Stalinisten und Trotzkisten ab. Es ging um viel wichtigere Dinge als inowschtschanije: um die gesamte Programmatik der neuen Herren in Russland. Darum, ob sich Sowjetrussland als Provisorium verstehen soll, das nur einen Sinn hat, die Weltrevolution anzuzetteln. Oder ob es sich als Globalplayer mausern soll, der auf die Normalisierung seiner Beziehungen mit den anderen setzt (um diese dann auszuspielen).

Die zahlenmäßig kleineren und zerstrittenen Trotzkisten hatten zeitweise starken Einfluss in der Komintern, der noch von Lenin gegründeten Vereinigung der Kommunistischen Parteien der Welt, im Narkomindel, dem Auswärtigen Amt der SU und in anderen nach auswärts gerichteten sowjetischen Einrichtungen – Spionage, Propaganda u.s.w. Sie predigten die permanente Revolution. Dem Sozialismus in einem einzigen Land gaben sie keine Chance

Für die zweite Variante stand Stalin mit zahlreichem Gefolge. Revolution hin, Revolution her, es ging ihm um die totale Macht in einem starken Staat. Beharrlich verdrängte er Funktionäre, die sich ihm in den Weg stellten und einen freiheitsfeindlichen, nationalistisch verseuchten Etatismus vorwarfen. Die dem Trotzkismus verfallenen, der Haresie verdächtigten Altkommunisten mit Westerfahrung, meist ehemalige Emigranten jüdischer Herkunft, wurden durch solche ersetzt, die sich hier und heute etablieren wollten und um das Weltproletariat wenig scherten.

Es ging im Kampf innerhalb der Nomenklatura nicht so sehr um Ideen, viel mehr um den Platz an der Sonne. Das gab aber niemand zu. Auch nicht beim Tauziehen um den einzurichtenden Auslandsfunk.

Das Projekt lag anfangs in den Händen welterfahrener und sprachkundiger "Internationalisten". Sie scharten sich um den Kominternvorsitzenden Zinovjev, einen Lebemann, der zusammen mit dem anderen Exponent der linken Opposition, Kamenew, vorbehaltlos für die Aufnahme der grenzüberschreitenden fremdsprachigen Rundfunksendungen aus Moskau war. Die Einstellung bekräftigte er mit angeforderten Stellungnahmen führender kommunistischer Funktionäre aus Deutschland, Frankreich, England, den USA u.s.w. Sie wiesen unisono auf das wachsendes Interesse der Bevölkerung für das neue Medium hin. In der sowjetischen Presse lancierten die "Internationalisten" hochtrabende Beiträge über das sehnsüchtige Verlangen der Proletarier jenseits der Grenze nach dem unmittelbaren Wortkontakt mit den machtausübenden Klassenbrüdern im Lande des siegreichen Sozialismus.

Man muss ihre Rhetorik über die proletarische Weltrevolution nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Dahinter steckte eher Angst als Hoffnung und Glaube. Die Angst vor Stalin und vor den von ihm in die Partei geholten grauen, ungebildeten, gehässigen, antijüdisch eingestellten Heerscharen. Menschen, die ihrer ethnischen Herkunft, dem intellektuellen Gehabe und der europäischen Kulturprägung nach den Neuankömmlingen fremd blieben, ahnten Schlimmes. Sie konnten nur darauf setzen, dass es Stalin nicht gelingt, sein Reich vom liberalen Westen zu isolieren und sie unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit auf die Schlachtbank zu bringen . Unter den gegebenen Umständen konnte aber eine offene Sowjetunion nur eine interventionistische Sowjetunion sein. Ein Staat, der seine Grenzen offen hält, um darüber hinweg Unruhen in anderen Staaten zu provozieren. Auch mit Hilfe der grenzüberschreitenden Propaganda.

2.

Stalin, der die wahren Motive Zinovjews und seiner Schicksalsgenossen durchschaute, hielt sie hin. Den Chef des Auswärtigen Amtes, den in seiner Grundhaltung konservativen Tschitscherin, beauftragte er mit Expertisen über mögliche Folgen der grenzüberschreitenden Radiopropaganda. Erwartungsgemäß warnte Tschitscherin vor der Empörung im Ausland. Sie könnte die eingefädelte Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit kapitalistischen Staaten ernsthaft behindern, möglicherweise auch dem Außenhandel der Sowjetunion, also auch der geplanten rasanten Industrialisierung schaden.

Also ließ sich das ganze Projekt des Auslandsfunks als typisches Hirngespinst linker Abenteurer interpretieren. Seinen Anhängern blieb nur der Rückzug. Erst recht, als ihnen 1929 die Ausweisung ihres Papstes Trotzki aus der Sowjetunion vor Augen führte, dass Stalin keinen Spaß verstand.

Erst zwei Jahre später änderte sich die Situation. Der Trotzkismus wurde zerschlagen, seine Einflussnahme auf die grenzüberschreitende Radiopropaganda somit unwahrscheinlich.

Die Sowjetunion normalisierte die diplomatischen Beziehungen mit dem Westen und schloss zahlreiche Handelsabkommen mit kapitalistischen Partnern. Stalin brauchte nun Sanktionen des Westens nicht mehr zu fürchten.

Ausschlag gab möglicherweise der Vorschlag, die geplanten Sendungen als Dienstleistung für ausländische Fachleute in der Sowjetunion zu tarnen.

4.5.01

WIRD FORTGESETZT.VIELLEICHT

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