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NOCH EIN BEWEIS DER ÜBERLEGENHEIT DER DEMOKRATIE ÜBER DIE DIKTATUR...

... lieferte der Bombenerfolg der Erinnerungen von Hillary Clinton über die Affäre ihres Mannes mit Monika Lewinski,  meint unser Demokratiefan, Iwan Matrjoschkin, Esc.

 

Im weiteren notiert er für die Zeitgenossen und kommende Generationen Folgendes:

 

In der Sowjetzeit  wurden  Seitensprünge als politische Verbrechen. verfolgt.   Es hieß, wer seinen Ehepartner betrügt, würde bei erstbester Gelegenheit auch sein sozialistisches Vaterland betrügen. Die Partei, die immer recht hatte, lag deshalb sozusagen  immer in den Ehebetten mit. Das machte das Eheleben erst recht spannend.

 

Auch eröffneten sich den Ehepartnern, insbesondere den betrogenen Ehefrauen,  riesige Möglichkeiten. Jedenfalls die  Aussicht,  sich an den fremdgegangenen  Ehemännern zu rächen. Und wie! Das Parteiverfahren, dass unablässig der Denunziation folgte,  hatte Folgen. Oft einen schwer wiedergutzumachenden Knick in der Kariere, im schlimmsten Fall Ausschluss  aus der Partei und Entlassung aus dem Amt.

 

Ein Beispiel aus dem Leben. Ein Kollege, der es ziemlich weit gebracht hat, redete seiner Frau ein, er muss in einem Sanatorium seinen kranken Magen kurieren lassen. In  Wirklichkeit wollte er sich mit seiner Sekretärin weit von  zu Hause amüsieren. Die wachsame Ehefrau tat so, als ob sie ihm glaubte, aber als er weg war, griff sie in die Schublade seines Nachtschränkens und wurde fündig. Eigentlich nicht fündig, da sie in der Schublade keine Pariser fand, die er während einer Dienstreise im Ausland erstanden  hatte. Dort lag nur  sowjetische Ware. Zwar sehr zuverlässig, da sie nie platzte, aber etwas zu  dick. Sie tötete   die Liebesfreuden im Keim. Also, der Tatbestand war klar.

 

Aber die Ehefrau wusste, der  Parteiorganisation  wird  das Indiz nicht reichen. Die Partei  will Beweise. Also kauft sie kurzerhand ein Ticket, fliegt auf die Krim und ertappt den Mann in Flagranti. Dann kehrt sie flugs nach Moskau zurück und reicht ihren  Reisebericht in die Parteiorganisation ein. Und die Maschine beginnt sich zu drehen. Parteikommission, Parteiverfahren. Ermittelt wird alles. Wie viel Pariser hat er aus London mitgebracht, wo hatte er Geld dafür her (von der CIA etwa?), wer den Schatz entwendet hat, warum. Und warum dem Mann sein Eheleben nicht genügte und was ihm die Sekretärin im Bett anbot, was die Ehefrau nicht gab. Usw. usf. Alles öffentlich. Mit todernsten Mienen saßen die Parteiaktivisten, wühlten genüsslich in der schmutzigen Wäsche, aber taten so, als ob es ihnen um die hohe Moral ging.

 

Die Partei war nicht zu beschwichtigen.  So im Fall eines  sehr hohen Parteifunktionärs, der überführt wurde, seine Mätresse  im Sekt gebadet zu haben. Er musste gehen und keiner hörte weiter von ihm. Sekt? –fragen verwundert seine Politbürogenossen. Warum   Sekt anstatt Badewasser? Was hat man danach davon? Wird man denn gleich im Bett, wenn man sich der Beschäftigung hergibt,  besoffen?

 

Schlimm eine Diktatur. Eine Demokratie ist dagegen ein Labsal. Da durchleuchtet man eine Affäre bis zum letzten Grund, schreibt man aber keine Eingabe an die Partei, sondern Memoiren, erzielt einen Bombenerfolg und fühlt sich auf dem hohen Ross. Wie glücklich müssen wir uns schätzen, in einer Demokratie zu leben, die es uns ermöglicht, mit viel Sachverstand  dem interessierten Publikum  ein detailreiches Bild der Amourösen  unserer Ehepartner anzubieten  und damit  ein Batzen Geld einzuheimsen.       

 

Jetzt denke ich angestrengt darüber nach, wie ich  den verdammten Holzpuppen aus unserem Team die Geheimnisse ihres intimen Leben entlocken kann, um diese in einem ausführlichen  Bericht darzulegen, und dabei zwei Fliegen mit einer Klappe zu erledigen. 1. Sich dafür zu rächen, dass sie mich so kurz halten und zwingen, fast auf den Knien um winzige Beträge zu betteln, die es mir ermöglichen, das Leben in der Kneipe „Sonnenschein“ zu Berlin, Prenzlauer Berg, zu genießen. 2. Das Problem für immer aus der Welt zu schaffen, da acht Millionen USD, ach was zwei Tausend mir reichen  würden, mein leibliches und sonstiges Wohl abzusichern.

 

Bloß vermute ich, die Puppen haben kein intimes Leben. Gucken Sie sich diese Visagen und diese Bodys an! Ist da etwas von der Monika? Nicht das Geringste. Und davon, was das liebe Mädchen mit Clinton trieb, haben sie auch keinen blassen Schimmer. Pfui, Teubel, mit wem muss ich matrjoschka-online.de machen!

 

11.6.03

 

DORT, WO EINST DIE BÜCHER BRANNTEN.

 

Der 10.Mai 1933 gilt mit Recht als  das schwärzeste Datum in der deutschen Kulturgeschichte. Es war der Tag der Bücherverbrennungen. Kaum an der Macht, zündeten  die Nationalsozialisten auf Vorgabe  des Propagandaministers Goebbels  überall im Lande riesige Scheiterhaufen aus Büchern an. Opfer der  Flammen wurden Werke von Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Stefan Zweig, übrigens auch russischer Dichter wie Wladimir Majakowski  und  anderer, denen die sogenannte  „Entartung“ unterstellt wurde.  Es war der Auftakt der „Säuberung“ von Bibliotheken und Museen und grausamen Verfolgungen von Intellektuellen,  die sich dem neuen Regime in Deutschland verweigerten.

 

70 Jahre später fanden in der Berliner Stadtmitte, wo die Nazis ihren  Feldzug wider den freien Geist starteten, Veranstaltungen ganz anderer Art statt. Unterstützt von der Bundesregierung und Sponsoren aus der Industrie, warben die deutschen Intellektuellen in   Ausstellungen, Vorlesungen, Begegnungen mit Zeitzeugen  für die freie Entfaltung des geistigen  Lebens nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt.

 

Die Veranstalter hoben hervor, dass die Bücherverbrennungen noch nicht gänzlich der Vergangenheit angehören. Erst vor wenigen Jahren loderten ihre Flammen in Übersee, wo  „unpatriotische“ und materialistische  Bücher auf die Scheiterhaufen geworfen wurden. Erst recht wütet  die Zensur in   weniger extremen Formen als die Bücherverbrennung. Darunter jene des großen Geldes,  das im Verlags- und Filmwesen, in der bildenden- und Unterhaltungskunst  die Trivialität fördert. Auch die jüngste  Plünderung der Bagdader Museen nach dem Einmarsch der USA- Truppen in die irakische Hauptstadt muss als Alarmzeichen verstanden werden.

 

Die beeindruckendsten Veranstaltungen für die freie Entfaltung des humanistischen  Geistes fanden in Berlin Unter den Linden statt. Selbst die  architektonische Kulisse  zeugt hier davon, dass die wahre Kultur letztendlich über die Barbarei siegt. Von den Bombenangriffen in den Jahren des Zweiten Weltkriegs  in Schutt und Asche gelegt, reihen sich hier wiedererstandene herrliche Bauten des friderizianischen Klassizismus aneinander. Zeugnisse einer Epoche, in der das geistige Leben  in Deutschland von jener Weltoffenheit und Toleranz geprägt war, an die   das moderne Deutschland, wie es sich in den Veranstaltungen aus Anlass der siebzigsten Wiederkehr der Bücherverbrennung  manifestierte, anknüpft. 

 

An der Gedenkveranstaltung in der Akademie der Künste  nahm Bundespräsident Johannes Rau teil.   

12.5.03   

DAS NEUE BERNSTEINZIMMER

 

Es war keine Buchpräsentation wie viele andere. Hier ging es nicht so sehr um das neue Buch, obwohl  dieses reich bebilderte Werk über das neue Bernsteinzimmer bemerkenswert ist. Es war ein angeregtes und geistreiches Gespräch in Berlin, in den Räumen der Landesvertretung Bremen über dreihundert Jahre deutsch-russische Beziehungen, wie sie sich im wechselvollen Schicksal des achten Weltwunders, des Bernsteinzimmers, widerspiegelten. 1716 wurde es vom preußischen König Friedrich Wilhelm dem Ersten dem russischen Zaren Peter dem Großen geschenkt. Wie die anwesenden Kenner der Materie hervorhoben, war es ein Geschenk mit starkem politischem Hintergrund. Der preußische König wollte sich die Gunst des Herrschers in Sankt Petersburg, der Hauptstadt des mächtigen russischen Reichs, erwerben. Gleichzeitig aber auch dem Zar  dafür danken, dass er der preußischen Krone die vom Schwedenkönig Karl dem Zwölften eroberten Gebiete im Norden des Königsreichs zurückzugewinnen  und dem preußischen Staat im Konzert der europäischen Mächte einen würdigen Platz einzunehmen half.

 

Zwar ist zu bezweifeln, dass Peter, dessen ganzes Sinnen und Trachten nicht auf den persönlichen Vorteil, sondern auf die Größe seines Vaterlandes gerichtet war, sich durch das Geschenk einnehmen ließ. Tatsache aber bleibt, dass sich Jahrzehnte  nach dem Eintreffen des Bernsteinzimmers in Sankt Petersburg die preußisch-russischen Beziehungen zum Vorteil beider Länder friedlich und im Geiste der Zusammenarbeit entwickelten. Peter betrachtete Preußen als eine für Russland sehr wichtige Station auf dem Weg nach Europa und auch als eine Art Kaderschmiede für die russische Wissenschaft und Verwaltung. Bald war jeder zehnte Einwohner der Newastadt ein Deutscher. Das prachtvolle Bernsteinzimmer galt als Symbol dieser Eintracht zwischen Russen und Preußen.

 

Der Raub der Kostbarkeit im Jahre 1941 durch die Wehrmacht, als die grausame, millionenfache Opfer unter den Einwohnern verursachte   Blockade der Newastadt begann, zeugte  von der Tragödie des deutsch-russischen Krieges, der beiden Ländern, vor allem aber Russland, tiefe Wunden schlug. Die Sinnlosigkeit dieses Krieges äußerte sich symbolisch in der Tatsache, dass das geraubte Kunstwerk von unermesslichem Wert wie vom Erdboden verschwand. Übrigens mahnten die deutschen Experten, die an der Präsentation des Buches teilnahmen, davor, die russischen Verluste an Kunstwerken und Kulturgütern von der Frage nach der kriegsbedingt nach Russland verbrachten Kunst aus Deutschland zu trennen. Denn das spurlos verschwundene Bernsteinzimmer steht zwar  für die vielen anderen Verluste Russlands, macht aber doch nur einen kleinen Teil davon aus.

 

Allerdings wurde dieses heikle Thema im Gespräch sachlich erörtert. Die Teilnehmer der Buchpräsentation sprachen darüber, dass durch das Geschick und den Fleiß russischer Fachleute und mit finanzieller Unterstützung des deutschen Konzerns Ruhrgas AG wiedererstandene  Bernsteinzimmer, eine Kopie des alten, ebenfalls ein symbolträchtig  ist. Und zwar für die  vertrauensvollen Beziehungen zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und dem neuen Russland, die an die besten Traditionen der Vergangenheit anknüpfen.

 

An der Vorstellung des Albums „Das neue Bernsteinzimmer“ nahm maßgebend Dirk Sager, der Leiter des Moskauer ZDF-Studios teil. Unter den Anwesenden war Altbundespräsident Walter Scheel, der seinerzeit zusammen mit Willy Brandt einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der deutsch-sowjetischen Beziehungen leistete. Wie bei anderen ähnlichen Anlässen wurde viel Gutes über  Petersburg gesagt, eine Stadt, die wie keine andere von der besonderen Affinität der zwei bevölkerungsreichsten Länder Europas zeugt.

 

In wenigen Tagen wird das wiedererstandene Bernsteinzimmer im Rahmen der Feierlichkeit zum 300. Gründungstag der Newastadt von Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin eingeweiht. Dann wird das achte Weltwunder für die Besichtigung freigegeben.  

 

Anmerkung: Wir Matrjoschkas können unseren Lesern nicht verheimlichen, dass die Redaktionsarbeit zu diesem Beitrag von unserem männlichen Kollegen Iwan Matrjoschkin, Esquire, soeben aus der Kneipe „Sonnenschein“ im Prenzlauer Berg, Berlin, gekommen, gestört wurde. Dieser Kneipenheld behauptete, er wisse, wo das verschwundene Bernsteinzimmer zu finden ist. Wo?-  fragten wir. In der Ruine des Königsberger Schlosses? In den Stollen des Harzes? In einem thüringischen Versteck. Also dort, wo es Jahrzehnte lang gesucht wurde? Quatsch, meinte Iwan. Das Bernsteinzimmer ist dort zu suchen, wo jetzt auch die Schätze aus dem Bagdader Nationalmuseum lagern, in ihrem Wert durchaus mit dem achten Weltwunder vergleichbar. Er forderte uns auf, ihm eine lange und aufwendige Reise zu finanzieren, um den verschwundenen Schatz genau zu orten. Wir verlangten Beweise für die Seriosität seiner Vermutung.  Matrjoschkin konnte diese natürlich nicht liefern, täuschte große Müdigkeit vor und machte sich unverschämt auf einem der Redaktionstische bequem. Bald schnarchte er wie ein Kutscher.  

 

Die weiblichen Holzpuppen des Matrjoschka-Teams.     

10.5.03

 

DER SINN DES WAHNSINNS  

Vor einem halben Jahrhundert, genau  am 5. März 1953, starb unter bis jetzt nicht ganz geklärten Umständen der sowjetische Diktator Iossif Wissarionowitsch Stalin im Alter von 74 Jahren auf seiner Datsche  im damaligen  Moskauer Vorort Kunzewo. Ihm zu Ehren wurden in der Sowjetunion unzählige Städte, Betriebe und Kulturinstitutionen benannt. Inzwischen tragen sie keine oder andere Namen. Dagegen klebt sein Name  an einem in vieler Hinsicht einzigartigen Phänomen der sowjetischen und der Weltgeschichte. Am großen Terror der dreißiger Jahre, dessen Urheber und Motor er zweifelsohne war.

 

Die Anatomie des stalinschen Terrors wird in einem Sammelband,* ediert vom Berliner basisDruck Verlag, untersucht. Die russischen und deutschen Verfasser der Beiträge gehen wie   Pathologen einer fernsehgerechten Mordkommission an ihre Aufgabe. Ohne sich von Emotionen verwirren zu lassen, sezieren sie den Vorgang   und untersuchen seine einzelnen Glieder.    Penibel und mit viel Sachkenntnis. Und unter Nutzung der nach der Wende in Russland geöffneten - und inzwischen zum großen Teil wieder geschlossenen- Archive.

 

Dieses Herangehen an das bereits weidlich ausgebeutete Thema unterscheidet den Sammelband von vielen Hunderten anderer Bücher über den großen Terror,  die inzwischen in Russland  und außerhalb erschienen sind und oft als gefühlsbetonte antikommunistische, genauer gesagt, antistalinistische, mitunter aber  auch  antirussische, dem rüden Zeitgeist verpflichtete  Publizistik  anmuten. Die sich vergrößernde Distanz zwischen Heute und Damals gerechtfertigt eher  die  im Sammelband vorexerzierte Leidenschaftslosigkeit.  Schließlich liegen die Ereignisse für die   meisten Zeitgenossen, zu denen der Rezensent leider nicht gehört,  wenn auch nicht so weit wie der jakobinische Terror der Großen Französischen Revolution zurück, dann jedenfalls außerhalb des Grenzen der  eigenen bewussten Wahrnehmung.

 

Die Nüchternheit und die durch Emotionen nicht getrübte Präzision der historischen Darstellung mag  sehr lobenswert sein. Dennoch greift die Analyse in bestimmter Hinsicht zu kurz. Wie in den meisten anderen  Veröffentlichungen  zum Thema klammern die Beiträge die Frage nach der  Ratio des stalinschen Terrors so gut wie aus.

 

Was auf der Suche nach einer schlüssigen Antwort zuerst auffällt, ist die zeitliche Übereinstimmung des Terrors mit der entscheidenden Phase der umfassenden  Modernisierung des  sowjetischen Staates.   Gerade in den dreißiger Jahren legte die Sowjetunion durch Industrialisierung und Alphabetisierung des früheren Bauernlandes ein gutes Stück seines Weges zur Weltmacht zurück. So wurde unter anderem auch das Fundament für den Sieg im Krieg gegen Hitlerdeutschland zementiert. Die beschleunigte Modernisierung und der große Terror waren zeitlich so offensichtlich verknüpft, dass  ein ursächlicher Zusammenhang nahe liegt. Was den Terror selbstverständlich kein Deut akzeptabler macht, geschweige denn entschuldigt, aber auf den rationellen Kern des blutigen Wahnsinns hindeutet.   

 

Der Größe der Leistungen des Sowjetstaates unter Stalin entspricht ihr ungeheurer Preis. Der heute kaum vorstellbare Krieg  gegen das eigene Volk kostete das Land nach  den  vor wenigen Wochen in einer Sitzung der Russischen Duma gemachten Angaben mehr als 50 Millionen Opfer (vermutlich einschließend Hunger- und Vertreibungsopfer). Obwohl in diese Zahl auch die Betroffenen der prä- und poststalinschen Zeitläufe einfließen, schuf der  Terror unter Stalin den Grundstock.

 

Der Sinn des Wahnsinns ist umso schwieriger zu begreifen, weil die Blutorgie zuerst  das Beste, was das Land an Menschen hatte, verschlang. Die besten Fachleute aus Wirtschaft, Kunst und Militär mussten zuerst daran glauben. Die gegen sie vorgebrachten Anschuldigungen grenzten an Idiotie. Menschen, die ihr ganzes, abrupt unterbrochenes Leben dem Sozialismus oder dem, was so bezeichnet wurde, aufopferungsvoll widmeten, erhielten das Stigma  "Volksfeinde" und "Agenten des Imperialismus" aufgedrückt. Die Blutjustiz sparte sich die Beweisführung. Es reichten die unter grausamsten Foltern erzwungenen Selbstbezichtigungen.

 

Trotz alledem korrespondierte der Hexensabbat mit der erfolgsreichen Periode der Geschichte des Sowjetstaates. Schlimm, aber wahr.

 

Wie das möglich war, begreifen wir, wenn wir uns eine Besonderheit der sowjetischen Entwicklung vor den dreißiger Jahren in Erinnerung rufen. Bis 1934, als das Feuer des großen Terrors losgetreten wurde, erlitt sie nämlich unzählige Misserfolge. Die mit großen Unkosten und um den Preis der brutal herbeigeführten Hungersnot , hervorgerufen durch die riesigen Kornverkäufe an den Westen,  errichteten Werke der Schwerindustrie produzierten viel weniger als erhofft und zum großen Teil Ausschuss. Die Züge entgleisten, die Wasserkanäle versandeten. Pech, wohin man auch blickte.

 

Auf den Feldern der unter staatlichem Zwang entstandenen landwirtschaftlichen Pseudokooperativen wurden  kümmerliche Ernten eingefahren,  unterwegs zu den Speichern des Staates halbiert. Das Vieh der Kolchosen verendete, die Kühe brachten wenig Milch, die Schweinemast wenig Fleisch. Nur die Hühner, die im Besitz der Bauern blieben, legten Eier wie früher.

 

Äußerlich blieb alles wie von oben erwünscht. Kaum Streiks, Bauernaufstände kleinkariert und sehr selten. An den revolutionären Feiertagen marschierte das Volk brav an den Führern vorbei und stieß dem Vater aller Werktätigen ein ohrenbetäubendes Hosanna aus. Aber der Lauf des sozialistischen Aufbaus ließ ungebrochenen  Volkswiderstand vermuten. Einen Massenwiderstand, der nicht thematisiert werden durfte, um das ganze Gebäude der Sowjetideologie nicht zum Einsturz zu bringen. Und der im Westen oft als die „russische Schlamperei“ diffamiert wurde.

 

Sicherlich spielte auch der Umstand eine Rolle, dass Russland vor der Revolution keine Industrialisierungsphase durchlaufen hat, wenigstens keine mit der im Westen vergleichbare. Aber  die verbreitete instinktive Ablehnung des importierten  Modells der Modernisierung, das die Maschine  dem Menschen vorzog, eine noch viel größere.

 

Stellvertretend dafür, dass das Volk nicht mitmachte, mussten eben die "Volksfeinde" büßen. Die vom Volk wenig bewunderten Aktivisten der Revolution und des sozialistischen Aufbaus. Ihre erdichtete Sabotage erklärte die Pannenkette und stellte Stalin und Konsorten von der Verantwortung frei.

 

Das Letztere war aber eher eine Nebenwirkung der bitteren Medizin. Die Hauptwirkung, die erzielt werden sollte, war die Verbreitung der Angst. Diese  war das bevorzugte Instrument der Disziplinierung eines Volkes, das von  seinen althergebrachten Werten weggezerrt werden sollte und seine  Verwandlung in Schräubchen einer staatlichen Produktionsmaschine nicht hinnahm. Sonst hätte es sich dem Staat nicht verweigert. Unauffällig, aber hartnäckig.      

 

Die Deutung des großen Terrors als Disziplinierungsinstrument, für die  Modernisierung unerlässlich, erklärt manches scheinbar Unerklärbare an seinem Wesen. Vor allem das Fehlen von nachvollziehbaren Kriterien  bei der Opferauswahl. In Hitlerdeutschland  konnte ein Volksgenosse  ruhig schlafen, wenn er kein Roter oder, Gott behüte, kein Jude war. In der stalinschen Sowjetunion konnte keiner ruhig schlafen. Ein Industriearbeiter nicht und ein Bauer nicht. Und erst recht ein Funktionär nicht. Jeden, was er auch war und wie er sich verhielt, konnte es jederzeit treffen. Das machte richtig Angst. Das verbreitete richtig Schrecken. Und das war der eigentliche Zweck der Übung.

 

Der Zweck wurde auch weitgehend erreicht. Die Russen schufteten wie die Sklaven unter den Pharaonen. Die Pannen wurden weniger. Die Industrieproduktion stieg wie  Hefeteig. Der Anteil des Ausschusses ging rapide zurück, da er eben als Sabotage geahndet wurde, das heißt mit Genickschuss. Sogar die Kühe und die Schweine richteten sich mehr nach den Wünschen der Melker  und der Schlächter. Zwar erhielt das ganze Leben nicht nur skurrile, sondern gespenstische Züge, aber das virtuelle Bild der in Glückseligkeit badenden Sowjetunion verdeckte die Realität. Die ins Vaterland der Werktätigen  pilgernden ausländischen Gäste bewunderten den Fortschritt im Lande Stalins. Und nicht wenige glaubten der  Verschwörungsmär.    

 

Das  Angstgouvernement verhalf der Supermacht zum Aufstieg  und sogar zu einer gewissen Bewunderung im Westen.  

 

Aber, wenn auch zeitversetzt, hatte der große Terror  ein aussagekräftiges Nachspiel, als die mit seiner Hilfe errichtete Supermacht ruhmlos zerfiel und das ganze Volk dem Zerfall zuschaute, ohne einen Finger dagegen zu rühren. Die Russen sind eben anders als viele im Westen annehmen. Sie wollen nicht rumkommandiert werden, auch wenn sie es sich nicht immer anmerken lassen. In einer großen historischen Perspektive gesehen, hat sogar der schlimmste Terror der Weltgeschichte sie nicht besiegen können. Eher schon haben sie den Terror letztendlich besiegt.

 

Wäre das kein Thema für das nächste deutsche Buch über den stalinschen Terror in der Sowjetunion?

*Stalinscher Terror. 1934-41. Herausgegeben von Wladislaw Hedeler. Eine Forschungsbilanz. BasisDruck.Berlin 2002. 372 S.

18.1.03

IN MEMORIAM WOLFGANG KASACK

 

Die Nachricht von seinem Tod berührt jeden, der sich der russischen Literatur öffnet. Wolfgang Kasack, als führender Kopf der deutschen Russistik unangefochten, wurde 1928 in Potsdam geboren. Er war der Sohn des bekannten deutschen Schriftstellers gleichen Namens.

 

Noch nicht siebzehn, verschlug es ihn an die Front bei Berlin. Eine Woche vor der Kapitulation geriet er in sowjetische Gefangenschaft, ohne je einen Schuss abgegeben zu haben. Im Lager für deutsche Kriegsgefangene an der Wolga wäre er beinahe umgekommen. Ihn rettete der Zufall. Ein sowjetischer Offizier nahm ihn im letzten Moment in die Liste der Deutschen auf, die in die Heimat zurückkehren durften. Aus der Gefangenschaft brachte Kasack die Kenntnis der russischen Sprache und die Liebe zu Russland mit.

 

Viele Jahre lang leitete Professor Kasack das Slawistikinstitut der Kölner Universität. Viele Experten für russische Literatur im heutigen Deutschland waren seine Studenten. Seine Gastfreundschaft und Hilfe nahmen zahlreiche Dichter und Schriftsteller aus Russland in Anspruch. Einige hundert wissenschaftliche Arbeiten vor allem über die Literatur des 20. Jahrhunderts stammen von ihm. Er gehörte zu den wenigen, die sich auch mit der russischen Emigrantenliteratur beschäftigten. Eines seiner Hauptwerke ist das berühmte, mehrmals aufgelegte und in etliche Sprachen übersetzte „Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts“, ein einmalig gutes  Nachschlagewerk mit 857 Beiträgen über Schriftsteller, Literaturzeitschriften und –organisationen. Damit leistete er einen großen Beitrag zur Annäherung der russischen und deutschen Kultur entgegen allen Hindernissen, Vorurteilen, nationalistischen Ambitionen, illusionistischen Ideologien. In Zeiten, als  in der Sowjetunion die Literatur der Ausgebürgerten unter strengem Verschluss gehalten wurde, verteidigte er die Einheit der russischen Literatur über alle politische Grenzen.

 

Professor Kasack war eine markante, eigenwillige Persönlichkeit. Sein wichtigster Charakterzug war Furchtlosigkeit. Immer sagte er die Wahrheit, was manchmal den Kontakt mit dem Gesprächspartner erschwerte. Man musste ihn gut kennen, um zu wissen, dass sich hinter seiner Widerspenstigkeit eine gute Seele verbarg, immer bereit, zu helfen, zu trösten und aufzumuntern. Wolfgang Kasack starb nach schwerer Krankheit im Alter von fünfundsiebzig Jahren in seinem Haus in Much bei Köln.

 

Boris Chasanow

 

(Aus der Berliner russischsprachigen Zeitung EUROPA EXPRESS)                   

BESTSELLER

Die neuesten Meldungen  aus dem russischen Buchhandel sorgten  im Runet für Aufsehen. Sie zeugen nämlich davon, dass Iossif   Stalin wieder in ist. Der schnurbärtige  Diktator, der die Sowjetunion zwischen 1922 und 1953 mit eiserner Hand regierte, die Rote Armee im Krieg gegen Hitlerdeutschland dirigierte und nach dem Sieg über Hitler das sowjetische Imperium  weit über die Grenzen des zaristischen Russlands vergrößerte. Derselbe, der mehr Russen umgebracht hat als Hitler Juden, zu Lebzeiten von seinen Speichelleckern vergöttert, nach dem Tod entweiht und als  geistiger Zwillingsbruder Hitlers  geschmäht.

 

Dass er wieder in ist, beweist der Erfolg der zweibändigen Stalinbiographie, die der renommierte Schriftsteller Wladimir Karpow schrieb. Karpow wurde in der gewesenen Sowjetunion durch seine Bücher  über den Zweiten Weltkrieg bekannt. Er  war selber im Krieg, wurde zu Unrecht in ein KZ gesteckt, blieb aber der Sowjetmacht treu. Jetzt rückte der Hochbetagte  ins Rampenlicht, wo er in den letzten Jahren der Sowjetmacht stand.

 

Aufsehen erregte seine Stalinbiographie nicht deswegen,  weil sie besser als andere Bücher über den Diktator  ist. Eher trifft das Gegenteil zu, da  Karpow über Stalin  viele kühne, aber unbewiesene Vermutungen aufstellte. Zum Beispiel, dass Stalin und Hitler 1942, also nach der Schlacht vor Moskau, wo die Wehrmacht scheiterte, kurz davor  waren, sich zu versöhnen und sogar  zu verbünden, um zusammen  die „jüdische Vorherrschaft“ in der Welt zu bekämpfen. Vielleicht ist es Karpows heimlicher und unterdrückter Wunsch gewesen, aber Beweise führte er nicht an.   

 

Der Erfolg des zum Bestseller aufgerückten Buches liegt in Karpows Einstellung zu Stalin. Karpow verdammt Stalin nicht, verherrlicht ihn aber auch nicht.  Vielmehr versucht er zu erklären, warum Stalin Russland so regierte, wie er es regierte, und warum er  dabei Erfolg hatte. Ob Karpow es beabsichtigte oder nicht, seine Erzählweise läuft darauf hinaus, die blutbefleckte Weste Stalins zu reinigen. Denn bei aller Distanzierung des Autors von Stalins Terror, erscheint der Diktator in der Biographie als weise und voraussichtig.

 

Vor allem, was sein Misstrauen gegenüber dem Westen und seinen  Kurs auf die totale Abschottung Russlands betrifft.

 

Viele  Russen können das jetzt nachvollziehen. Sie meinen,  der Westen hätte das postsowjetische Russland übers Ohr gehauen. In der Mentalität des Diktators finden sie ihre eigene wieder, wie   die Erfahrungen der Perestroikajahre diese geprägt haben.

 

Die  unübertroffene  Grausamkeit Stalins wird ihm jetzt weniger als früher übelgenommen. Die Willkür und Grausamkeit des stalinschen Staates erscheinen vielen Russen als das kleinere Übel im Vergleich zur privatisierten Willkür und  Gewalt des postsowjetischen Russlands, die das Leben des einfachen Menschen jetzt  zur Hölle machen. Insbesondere, weil die staatliche Stellen jetzt zivilen Räubern und Gewalttätern zu Befehl stehen.

 

Somit ist der Erfolg der neuen Stalinbiographie nicht nur ein Ereignis des russischen Literaturbetriebes. Es ist auch und noch mehr ein Politikum. Ein Alarmsignal. Wird es wahrgenommen , das ist die Frage.

 

14.1.03   

 

MISCHA, ES WAR DOCH EIN WENIG GANZ ANDERS!

 

Die anzüglich familiäre Anrede an den Autor des  Erinnerungsbuches* erlaubt sich der Rezensent nicht nur als sein Altersgenosse, sondern auch als sein Schulkamerad. Ende  der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts  besuchten wir nämlich dieselbe Moskauer Schule. Zwar ging der etwas jüngere Rezensent in  eine andere Klasse, übrigens zusammen mit Mischas Bruder, dem späteren Starfilmer der DDR, Konrad Wolf. Aber er kann sich trotzdem an den stattlichen deutschen Jungen Mischa  Wolf erinnern, den er  bei verschiedenen Veranstaltungen in der Schule   bewundernd erlebte. Den Schwarm vieler Mädchen. Romeo, wie er leibte und lebte. Von seiner Julia wusste aber keiner, da er schon damals Diskretion schätzte.

 

Auch an die Schule kann er sich erinnern. Es war keine Schule wie andere in Moskau. Zwar hieß es, das sowjetische Schulsystem kenne keine Einrichtungen für  „staatswichtige Babys“, wie der  russische Satiriker der Zarenzeit, Saltykow – Schtschedrin, Sprosse von hohen Beamten nannte. Doch in Moskau gab es schon   Lehranstalten für   Söhne und Töchter der Nomenklatura. Zwar galten dort dieselben Lehrpläne wie in anderen allgemeinbildenden Schulen, aber ihre Räume  waren großzügiger, die Physik- und Chemielabore besser ausgerüstet, die Bibliotheken boten ein reicheres Sortiment.

 

Auch die  Lehrer ließen eine sorgfältige Auswahl erkennen.  Und natürlich kamen als Schulleiter  nur vertrauenswürdige Personen in Frage.

 

Eine solche war der Direktor der Schule Nummer 110. Er hieß Iwan Kusmitsch Nowikow. In der damaligen Moskauer High Society genoss er großes Ansehen, schon deswegen, weil es von ihm abhing, ob das Kind in die Schule aufgenommen wurde oder nicht. Wenn es natürlich nicht um ein Kind von ganz oben in der Hierarchie angesiedelten Eltern ging. Wie z.B.  Swetlana Stalina, die Tochter des Allmächtigen.

 

Der Rezensent   durfte auch in die noble Schule. Dank dem Vater, der zwar auf der Hierarchieleiter einige Stufen niedriger als viele Väter seiner Schulkameraden stand, aber immerhin auch zur  Nomenklatura gehörte.  Übrigens flog der Rezensent aus der Schule auch dank dem Vater. Als dieser seines Amts und seiner Würden entkleidet worden war, drängte der Direktor Nowikow  darauf, dass sich der Sohn  eine andere Schule suchte. Mit dem Hinweis auf das undisziplinierte Verhalten. Das Verhalten war tatsächlich unmöglich, aber es wäre hingenommen worden, hätte der Vater nicht     als deutscher Spion hinter Gitter gemusst.

 

An der Gestalt des Schulleiters Nowikow im Buch setzte  ein leichtes Unbehagen des Rezensenten bei der Lektüre ein. Denn Markus Wolf empfiehlt den Schuldirektor Nowikow als einen Mann, der sich zu den Kindern der in Ungnade gefallenen Eltern sehr verständnisvoll, ja ritterlich verhielt und vor allem keine Demütigung der Gezeichneten zuließ.

 

Nein, ganz so war es nicht. Zwar bemühten sich Nowikow und sein Personal, die  Exzesse der Hexenjagd in der Schule zu vermeiden. Diese waren dem  Plebs vorbehalten. Doch  mehr als die Wahrung des Trugbildes leisteten Nowikow und seine Kollegen nicht.  Es gab eben keine Insel der Glückseligen im Stalinreich.

 

In seinem Buch erwähnt Markus Wolf die Tochter eines hohen Militärs, der, wie viele seinesgleichen, wegen der von oben befohlenen Zusammenarbeit mit der deutschen Reichswehr erschossen wurde. Der Schulleiter Nowikow hätte das Mädchen unter seine Fittiche genommen. Mag sein. Aber  der Tochter von General Gamarnik, einem Helden des Bürgerkrieges von 1918- 1921, hat es nicht viel geholfen. Jedenfalls landeten wir beide bald in einer normalen Schule. Und dann verschwand sie ganz. Ab nach Sibirien. Mitsamt der Mutter.

 

Hier muss ich wohl einflechten, dass in den Jahren des großen Terrors nicht nur eine ganze Generation der Sowjetelite ausgerottet wurde, vor allem die sogenannte „alte Garde“ der Revolution, vom Genossen Stalin verdächtigt, unter Umständen  seine Handlungsfreiheit einengen  zu wollen. Auch ihre  Familienangehörigen mussten daran glauben. Vor allem ihre Ehefrauen, für die ein besonderer Paragraph   mehrere Jahre  Freiheitsentzug vorsah. Und ihre Kinder. Eine Zeitlang konnten diese  ab zwölf Jahre sogar dem Henker zugeführt werden. Später nicht mehr, aber weniger harte Strafen  reichten, um den Unglücklichen  das Leben gründlich zu versauen, mitunter auch zu nehmen. Weil sie sich falsche Eltern ausgesucht hatten.

 

Die Sippenhaft der deutschen Nationalsozialisten, abgesehen von ihren furchtbaren Verbrechen gegen die Juden, mutet dagegen etwas harmloser an.

 

Natürlich wurden nicht alle Abkömmlinge von vermeintlichen  Volksfeinden hart angefasst. Der Rezensent liefert  dafür ein lebendiges Beispiel. Wie er konnten viele dem Schicksal entrinnen, besonders wenn  der Blitz ihre Eltern erst beim Abklingen des großen Gewitters traf. Aber auch dann  galten bestimmte Prozeduren, die kein  Schulleiter, auch nicht der ritterlichste, aussetzen konnte. Zum Beispiel eine  öffentliche  Distanzierung von den Eltern als „Feinde des Volkes“.  Wenn das keine Demütigung ist...

 

Dem Rezensenten ist auch dieses erleichterte Martyrium erspart geblieben, weil ihm wegen seines undisziplinierten Verhaltens die Aufnahme in die kommunistischen Jugendorganisationen (zuerst der jungen Pioniere, dann der Komsomolzen) verweigert wurde. So befand er sich als der Einzige in der Klasse abseits der organisierten Jugend, zumeist für die Erzwingung  des Verrats an den Eltern zuständig.

 

Sicherlich hätte er unter normalen Verhältnissen die in der Schule nicht erfolgte Tortur später nachholen müssen. Da brach aber der Krieg aus. Und im Krieg kam er unverdient zu  militärischen Ehren und  ungewollt, wie die Jungfrau zum Kind, zum Parteibuch, das ihm im weiteren Leben das Unistudium und einen guten Arbeitsplatz ermöglichte. Sonst wäre er bestenfalls Liftboy oder  Heizer geworden...

 

Aber der Rezensent merkt schon, dass er von der eigentlichen Aufgabe, das Buch von Markus Wolf zu beurteilen, abgekommen ist.

 

Zu dieser zurück, will er seiner festen Hoffnung Ausdruck geben, dass  andere von Markus Wolf liebevoll skizzierte Personen im Unterschied zum Schulleiter Nowikow die Unsterblichkeit in unserem dankbaren Gedächtnis ohne wenn und aber verdient haben. Eine Überprüfung ist  allerdings unmöglich, da diese Personen im Buch nur unter Ruf- oder Kodenamen vorkommen. Wohl deswegen, weil sie, obwohl aus aller Herren Länder stammend, den gewissen „Diensten“ angehörten. Nichtsdestotrotz  schreibt  Markus Wolf über die Kollegen so, dass auch einem Uneinsichtigen klar werden muss, in welchem Verein die Elite der Menschheit  zu finden ist.  

 

Hervorzuheben  ist auch die besonders ausgeprägte Großzügigkeit von Markus Wolf zu seinen Kollegen  aus dem sowjetischen „Dienst“. Obwohl der Rezensent  diese  unter solchen Umständen kennen lernte, die sich nicht gerade dazu eigneten, ihre menschlichen (notabene: nicht dienstlichen) Qualitäten  zur freien Entfaltung zu verhelfen, stimmt er mit dem  Autor auch hier überein.  Tatsächlich waren die meisten nur kleine Teufel, auch wenn sie in den Öfen der Unterwelt die  vom Belzebub vorgeschriebene Temperatur hielten.

 

Gott sei Dank widerstreben die Russen grundsätzlich dem totalen Aufgehen in der jeweiligen Funktion. Immer bleibt bei ihnen ein Stück Mensch erhalten. Sonst hätten noch weniger Erbauer des Sozialismus den entwickelten Sozialismus  überlebt.

 

Trotz des Lobs für das Buch will der Rezensent auch eine gewisse Verwirrung nicht verheimlichen. Früher war er sehr stolz darauf, in dieselbe (notabene: allgemeinbildende)  Schule mit dem legendären  Markus Wolf gegangen zu sein.

 

Nach der Lektüre aber sieht er den Schulkameraden doppelt. Zum einen  entsteht vor seinem geistigen Auge  das  vertraute Konterfei eines Tschekisten mit kaltem Verstand, heißem Herzen usw., frei  nach der bekannten Definition des Schutzheiligen der Zunft,  Gründer des sowjetischen „Dienstes“, dem eisernen Felix. Zum anderen aber das neugewonnene Bild eines  Erfolgsautors, weltoffen, ungeheuer tolerant, vor allem menschenfreundlich und  so empfindsam, so viel  über Gott und die Welt sinnierend, dass sein neues Buch mitunter in die Kolportage abgleitet. Der gründlich  gewandelte eiserne Markus. 

    

Beide gleichwohl bewundernswerte Gestalten  zu einer Person zu verschmelzen, gelingt dem Rezensenten nicht. So bleibt die Frage offen, welche Inkarnation  die wahre ist.

 

Am liebsten wäre  ihm die Annahme, sein Schulkamerad hätte Jahrezehnte lang alle  gefoppt. Er hätte   einen Spionagechef  wie im Bilderbuch markiert, nur  um seine wahre Identität zu verbergen. Bis zu besseren Zeiten.

 

Dies wäre aber  zu schön, um wahr zu sein.

 

Bleibt natürlich noch eine  Variante. Diese aber will der Rezensent gar nicht andeuten.

 

Er  muss sich aber an eine Anekdote erinnern.

 

Als der schlagfertige sowjetische  Dichter Wladimir Majakowski von einem   Offizier a.D. gedrängt wurde, das Urteil über dessen Lyrik  abzugeben, winkte er zuerst ab. Der dichtende Offizier ließ aber nicht locker. Er wollte wenigstens die Meinung über die literarische Form seiner Versübungen erfahren. Majakowski wurde      nachdenklich: „Die Form?  In dem Falle ist es   eher eine Uniform. Mit Schulterstücken“. Er schloss nämlich von der Person aufs Werk.

 

Der Rezensent gab sich viel Mühe, vom Werk auf die Person zu schließen. Aber fatalerweise kam ihm das böse Wort Majakowskis  immer wieder  in den Sinn.

 

Ach, er sollte den Auftrag , das  Buch von Markus Wolf zu rezensieren,  gar nicht annehmen. Aber jetzt ist es wohl zu spät. Es ist passiert.       

 

*Markus Wolf. Freunde sterben nicht. Das neue Berlin. 2002. 255 S.       
 

ALEXANDER SOLSHENIZYN MELDET SICH ZU WORT. IN EINER PROVINZZEITUNG.

Das Runet brachte ein Interview des halbvergessenen und halbbelächelten Chronisten der sowjetischen Straflager („Archipel Gulag“), Nobelpreisträgers,  Grandsenhors   der Widerstandsbewegung gegen das Sowjetsystem, Alexander Solshenizyn:

Frage: Es entsteht der Eindruck, Sie hätten sich in den letzten Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ist Ihr  Schweigen als  Protest dagegen zu verstehen, das Russland nicht nach Ihren Vorstellungen verändert wird? 

Antwort: In all den acht Jahren seit meiner Rückkehr nach Russland (aus der erzwungenen Emigration. - Anm. v. M.) versuchte ich mit allem Kräften, auf den verhängnisvollen Gang der Ereignisse in Russland Einfluss zu nehmen. Ich wendete mich an alle Machtstrukturen und die Öffentlichkeit. Doch all mein Reden war vergeblich, nicht ein einziger Vorschlag von mir wurde angenommen.

Frage:  Was haben Sie in der Emigration erwartet und was haben Sie nicht geahnt?

Antwort: Ein halbes Jahrhundert arbeitete ich an der Geschichte der russischen Revolution, vertiefte mich dabei in die zerstörerischen, aber auch lehrreichen Erfahrungen und verfolgte aus dem Ausland mit banger Hoffnung die Veränderungen der achtziger Jahre: ob sie wohl in den Bahnen einer vernünftigen Evolution bleiben, ob sie nicht ins vernichtende Chaos  ausufern? Meine Warnungen aber erreichten die Heimat nicht, Gorbatschow und Jelzin  bewirkten, dass alle Grundlagen des sozialen Lebens wegbrachten, viele Millionen Menschen in die Armut gestoßen wurden. Der Staat wurde geplündert.          

Deshalb wird der  Verlust der kommunistischen Zeiten von  Millionen  Menschen, die durch den Raub und die Willkür des Jelzinregimes zu Bettlern geworden sind, bedauert.  Der kommunistische Terror wird vergessen. Außerdem  wird jede selbstverständliche Kritik der gegenwärtigen Situation als „kommunistisch“ oder „extremistisch“ abgetan.  Die wahre Demokratie ist da, wenn  das Volk selbst sein Schicksal lenkt, wenn die Bürokratie  nicht hinter einem undurchsichtigen Vorhang versteckt ist.       

Frage: Ist die geplante Wiederaufstellung des Dzserzinski-Denkmals (Felix Dzserzinski - Gründer der sowjetischen Geheimpolizei- Anm. von M.) ein bedrohliches Symptom?  

Antwort: Die Wiederaufstellung des Denkmals käme der Verhöhnung der Millionen in sowjetischen Straflagern umgekommenen Menschen gleich.    

 
Frage: Wie schätzen Sie die augenblickliche politische Lage in Russland ein?

Antwort:   Die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit der Bürger ist in Russland nicht gegeben. Hinzu kommen die schlechtesten Eigenschaften des Sowjetsystems: die Unkontrollierbarkeit  und Undurchsichtigkeit  der Staatsgewalt. Finanzhaie kontrollieren die ganzen Regionen.  Die Bevölkerung schlägt  sich mit letzter Kraft   im Leben durch. Viele haben kein Geld für ärztliche Hilfe. Die Volksbildung funktioniert schlecht. Wir haben bis zu einer Million mehr Tote als Neugeborene im Jahr. Drogen und Aids greifen ums sich.        

Frage: In der UdSSR sollten  alle Nationen und Völker  zu einer Gemeinschaft – dem sowjetischen Volk- werden. Wäre es richtig?

Antwort: Nation ist das höchste Gut der Menschheit, es „umzuschmelzen“ ist unnatürlich. Aber viele Nationen können ein gemeinsames Vaterland haben, wenn  die religiösen Rechte und die kulturelle Autonomie aller Völker, bis hin zum kleinsten, sorgsam gehütet werden.  

Frage: In russischen Städten werden „Fremde“ immer unbeliebter.   Was meinen Sie dazu?

Antwort: Der Handel und die Dienstleistungssphäre der russischen Regionen sind fest in der Hand von Leuten aus dem Süden. Das ist ein schmerzhafter Vorgang, die russische Bevölkerung fühlt sich unterdrückt. 

Frage: Was halten Sie vom russischen Patriotismus?

Antwort. Der russische Patriotismus hat uns im Kampf gegen Hitler geholfen. Jetzt wird er niedergehalten. In der russischen Verfassung findet man auch nicht das Wort „russisch“. Von welcher „Großmacht“ soll da schon die Rede sein. Den russischen Patriotismus, seine historischen, religiösen und moralischen Ursprünge müssen wir in uns bewahren – in der Hoffnung, dass unser Volk trotz allem erhalten bleibt auf dieser Erde.

(Nach „Regions.ru“ Gekürzt)

6.11.02

 

BLEIBE IM LANDE UND NÄHRE DICH REDLICH

 

Die Helden des zweisprachigen (russisch-deutsch) Büchleins* halten sich nicht an diese altbewährte Regel. An sich nichts Besonderes. Deutschland und Russland haben in den letzten Jahrzehnten mehrere Millionen Menschen verlassen, um in der Fremde besser, jedenfalls interessanter zu leben. In diesem Falle gibt es aber einen Clou. Deutsche, die ihrem schönen Vaterland den Rücken kehrten, gingen nicht nach Frankreich, die USA oder Australien, sondern nach Russland. Warum?

 

Susanne B., eine Wahl- Petersburgerin hat es getan , weil Petersburg eine Krankheit, eine Seuche, eine Infektion, lebenslang und unheilbar sei. Sie hat in Hamburg Ost- und Westslawistik sowie neuere Geschichte studiert, ist Übersetzerin und schreibt kurze Prosasachen. Nach einigen kurzen Besuchen in Petersburg wollte sie wieder in ihrer  Heimatstadt Fuß fassen, doch es gelang ihr nicht, da sie dort  tagelang umher lief, um Gegenden bzw. Häuser zu suchen, die an Petersburg erinnern. Sie heulte und konnte dort, wo sie groß geworden ist, nicht mehr leben. Sie sagte sich, entweder drehe ich durch oder ich gehe zurück nach Petersburg. Sie packte ihre Sachen und ging wieder an die Newa. Seitdem versucht sie auch gar nicht mehr, loszukommen. Es geht nicht ohne Petersburg.

 

Sie meint, das hängt mit dem Petersburger Mythos zusammen, dem etwas tiefgehend Tragisches eigen ist. Die Stadt hätte das Gedächtnis der  Geschichte aufgenommen, was immer man darunter versteht. Petersburg wird für sie zur Lebenswahrheit, der sie die meiste Zeit auf der Spur ist. Sonst ist sie als Lektorin in einer Schweizer Computerfirma in Petersburg tätig und übersetzt einen Führer durch die Eremitage.         

 

Ganz problemlos ist ihr Leben in der dreihundertjährigen russischen Ostseemetropole allerdings nicht. Zufällig hat sie, nachdem sie sich viele Male auf dem Dach ihres Hauses sonnte, auf dem Dachboden eine Leiche gefunden. Genau über ihrem großen Zimmer hat diese monatelang gelegen. Doch der Blick vom Dach auf eine der größten Petersburger Kathedralen ist so wunderschön, dass nicht einmal die Leiche sie davon abhalten konnte, wieder und wieder raufzuklettern. 

 

Matrjoschka, die auch von Petersburg fasziniert ist, grüßt die junge Dame herzlich.

 

 

Margarete von D.B.:

Die Osteuropawissenschaftlerin von der Freien Universität Berlin möchte zwischen den Welten leben. Außerdem hat sie großes Mitleid mit russischen Straßenkindern. Straßenkinder gibt es überall, aber die russischen haben es ihr besonders angetan. Vor zehn Jahren hat sie mit Freunden in Deutschland einen Verein gegründet, der die vernachlässigten Kinder und Jugendliche in Russland unterstützt. Vor fünf Jahren, nach einem Jahr Aufenthalt in Russland, beschloss sie, auf unbestimmte Zeit, solange wie möglich, dort zu bleiben. Verglichen mit dem normalen Leben in Deutschland, hat das in Russland eine Menge Unbekannte in der Gleichung. Sie weiß wirklich nicht, was in einem halben oder in einem Jahr passieren könnte. Das aber sei es gerade, was das Leben lebenswert macht. Zu ihrem Petersburger Freundeskreis gehören vorwiegend Künstler, die von der Hand in den Mund leben. Sie hat in Petersburg auch andere Dinge gefunden, die im Westen fehlen.  Im Unterschied zur westlichen Lebensart wird in Russland nicht wie gebannt danach geschaut, was ein anderer hat. Hier sind die menschlichen Beziehungen noch ehrlich und warm. Sie führt es auf Nachwirkungen des gewesenen kommunistischen Systems zurück, als nur wenige was hatten. Am meisten gefällt ihr die Spontaneität und Fröhlichkeit der Leute, mit denen sie endlos feiern und ordentlich Wodka trinken kann. Sie meint, in Deutschland verstecke man vor dem Gast das Beste, was man hat, damit er es nicht bekommt und man es später selber aufessen kann. In Russland holt man aus dem Kühlschrank das Beste und das Letzte, um es dem Gast anzubieten.

 

Die Holzpuppen, die selbst gern feiern, vor allem Iwan Matrjoschkin, Esq.,  wünschen der jungen Dame aus Berlin noch mehr fröhliche вечеринки, das heißt Partys.

 

Lothar D. aus München, seit sechs Jahren als freier Journalist in Petersburg:

Warum? Abenteuerlust. Die Lust, sich total zu verändern. Er kam, ohne Russisch zu sprechen, hat die erste Zeit in der gemieteten Wohnung gecampt, da er gegen den Staub über dem Bett ein Zelt errichten musste. Trotzdem genoss er es von Anfang an, in dieser Stadt leben zu dürfen. Außerdem hat er bereits nach zwei Monaten eine liebe Frau kennen gelernt und geheiratet. Die Hauptsache, meint er, die Probleme und Eigenheiten Russlands als solche verstehen und aufnehmen zu können und nicht alles durch die deutsche Standardbrille zu sehen. Manches allerdings macht er nicht mit, zum Beispiel einige Trinkgewohnheiten. Auch muss er nicht unbedingt seine Marmelade auf einer Datscha selber machen, wie achtzig Prozent der Russen. Und bei Familienfeiern hält er es nicht aus, den halben Tag lang am Tisch zu sitzen. Irgendwann muss er aufstehen. Selbstkritisch meint er, dass er deswegen als Deutscher offenbar nicht ganz adaptionsfähig sei. Trotzdem hat er sich mit vielen Leuten angefreundet, darunter mit den Nachbarn, denen er auf  der Straße begegnet, wenn er seinen Hund ausführt. Dass die Russen miteinander viel intensiver umgehen und die persönlichen Kontakte in der Regel viel herzlicher sind, dass man sich mehr für private Sachen des anderen interessiert und sich mehr Zeit füreinander nimmt, gefällt ihm. Er hat sich abgewöhnt, ein Telefongespräch nach drei Minuten mit dem Hinweis zu beenden, man hätte viel zu tun, da das einen Russen schwer beleidigt. Dennoch tritt er ständig ins Fettnäpfchen und lernt bis heute immer etwas dazu.

 

Matrjoschka freut sich, derart verständnisvolle Deutsche kennen zu lernen.   

     

 

Lothar L., 35 Jahre alt, von Geburt blind, früher FDJ, dann Dissident in der DDR, jetzt in Petersburg  beim regierungskritischen Verein Memorial und bei der Caritas tätig. Als Masseur beschäftigt  er sich mit den von Memorial betreuten alten Menschen, Opfer politischer Verfolgungen in der Sowjetunion.

So genau weiß er nicht, warum er dort ist. Russland sei für ihn der Gegenpol zu Amerika, obwohl er meint, Russland hätte nicht nur die amerikanische Weite, sondern auch die amerikanische Freiheit. Merkwürdigerweise ist er in Russland auch dann mehr oder weniger zurecht gekommen, als er noch kein Russisch sprach, also nicht nur blind sondern so gut wie stumm war. Jetzt spricht er Russisch. Das macht vieles einfacher. Er hat viel Verständnis für die Russen, will aber kein russischer Nationalist werden. Er meint, er braucht Russland, Deutschland aber auch. Sein Traum ist seine sehr schöne Wohnung in Chemnitz nach Petersburg zu verpflanzen, wobei der Balkon nach Petersburg, die Tür aber nach Chemnitz gehen sollte.

 

Das ist wohl schwer zu bewerkstelligen, meinen die Holzpuppen. Doch ziehen sie ihre Hüte vor diesem schwerbehinderten jungen Mann, der für die auf fremde Hilfe angewiesenen Russen sein Bestes gibt.

 

Stephanie W. kommt aus Frankfurt am Main und leistet als Unternehmerin in Petersburg Beachtliches. In Russland fand sie schon  damals, als dort anarchistische Strukturen herrschten und es keine Gesetze gab, ein weites Tätigkeitsfeld. Als Frau hat sie es im Berufsleben in Russland leichter als in Deutschland, da es in Russland nichts Besonderes ist, wenn  eine Frau selbständig und erfolgreich ist. Das mussten sich die russischen Frauen nicht als Emanzen erkämpfen, es war immer so, da die Frauen durch Kriege, Repressionen und Deportationen oft allein dastanden und allein zurecht kommen  mussten. Das zweite, was ihr  gefällt, ist die Größe des Landes und der freie Raum. Sie empfindet Deutschland mit seinen kleinen Städten, Straßen und Gärten  als extrem einengend. Die russische Weite bringt sie  mit Großzügigkeit im Kopf der Russen in Verbindung, obwohl sie, von der russischen Großzügigkeit wahrscheinlich angesteckt, auch den Menschen in kleineren Ländern nicht unbedingt Engstirnigkeit vorhalten will. Das dritte, was ihr an Russland sehr gefällt, ist die viele Natur. Dort wäre es unmöglich, dass ein Laubenpieper den Nachbarn anzeigt, weil dieser zwischen den Platten vor der Garage Unkraut wachsen lässt. In Russland reicht der Raum für alle Gewächse, auch für Unkraut. Besonders gefallen ihr die Gegenden, wo man innerhalb von fünfzig Kilometer Entfernung kein Haus, geschweige denn ein Krankenhaus oder ein Telefon findet. Nur wilde Tiere. Wenn man unterwegs eine Flasche Wodka und ein paar Gurken dabei hat, lässt sich auch dort alles regeln.

 

Ihre Heimat ist dort, wo ihr Zuhause ist. Das Wort Heimat findet sie altmodisch.

 

Alle weiblichen Puppen stießen ein dreifaches Hipp Hipp Hurra  auf Frau Stephanie W. aus. Nur Matrjoschkin Esq. kann sich nicht begeistern, da er forsche Weiber nicht leiden kann.

 

So. Jetzt mal im Ernst. Wir finden die Interviews, welche die beiden Herausgeberinnen Beate Giehler und Uta Protzmann, die eine an der Berliner Humboldt-Universität und die andere  an der Viadrina Universität Frankfurt Oder studiert, dank  der Unterstützung von außen im Verlag Edition Ost edieren konnten, schlicht und einfach prima. Es ist eine unprätentiöse, doch höchst aufschlussreiche Erforschung der Mentalität von Menschen, die es in der heutigen Welt immer mehr gibt. Von Menschen, die nicht dort leben, wo sie geboren und aufgewachsen sind, sondern ganz woanders. Menschen, die die Völker der Welt viel mehr zueinander bringen als hochbezahlte Diplomaten und hochnäsige Staatsmänner. Es ist ein Anliegen, dem auch wir, die Holzpuppen, dienen möchten.

 

*orts.wechsel. Interview mit Russen in Berlin und Deutschen in Sankt Petersburg. Edition Ost. Berlin. 2002. 230 Seiten. 

7.12.02

EIN HEIßER JOB

Gemeint ist der Job der russischen Journalisten. Nach der von tschetschenischen Terroristen verübten spektakulären  Geiselnahme in Moskau, die bekanntlich auf  höchst tragische Weise endete, versprach  der Job besonders heiß zu werden. Denn  die russische Staatsduma forderte Änderungen im Pressegesetz, die   die Berichterstattung über alle  in Russland verübten Terrorakte erschweren  und die Berichterstatter leicht kriminalisieren. Zwar haben die Parlamentarier die Initiative ergriffen, aber die Betroffenen vermuten, dass die eigentlichen Urheber in der Exekutive zu suchen sind, da die Presse  viele unangenehme Fragen stellte. Z.B. nach der Rolle der Geheimdienste, die die Geiselnahme nicht verhinderten. Oder nach  Schuldigen an der höchst opferreichen Erstürmung des Gebäudes, in dem die Geiseln festgehalten wurden. (matrjoschka berichtete).

Nach dem Vorprellen der Duma witterten viele russische Kollegen die Rückkehr der Zensur in Ihrem Land. Auch im Ausland läuteten die Gefahrenglocken.

Aber im letzten Augenblick hat  Präsident Wladimir Putin  sein Veto gegen die Änderungen am russischen Pressegesetz eingelegt. Damit wies er – aus welchen Gründen auch immer- die Duma  zurecht. 

Trotzdem  bleibt die Arbeit der Journalisten in Russland ein heißer Job
Putins  Verhältnis  zur freien Berichterstattung ist   ambivalent.  Das hat er unlängst in einer Pressekonferenz auf skurrile  Weise zum Ausdruck gebracht, als ein französischer Kollege ihm eine Frage zur Situation in Tschetschenien stellte. Die harmlose Frage provozierte den genervten russischen Präsidenten 
zu einer Gegenfrage. Und zuwar danach, ob der Franzose vielleicht zum Islam konvertieren möchte. Wenn ja, sagte W.W.P., sollte der Kollege sich beschneiden lassen. Am besten in Moskau. Dort hätte man Fachleute, die ihm sogar mehr abschneiden, als unbedingt nötig. Und zwar so, dass sein Allerheiligster nie mehr nachwächst.

Nicht alle fanden den Scherz lustig. Im matrjoschka-team – nur Iwan Matrjoschkin, Esq., der ein deftiges Wort schätzt  und behauptet, den Präsidenten zu seinen intimen Freunden zu zählen. Nach dem Bruch mit dem NATO-Generalsekretär  Robertson, der in der Gunst unseres einzigen männlichen Kollegen ganz tief  fiel, weil er zum vereinbarten Treffen in einer russischen Kneipe in London nicht erschienen war, rangiert bei ihm der Kremlherr ganz oben.

Dagegen lehnten  die Damen des matrjoschka- Teams den Scherz des russischen Präsidenten als ordinär ab. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Nach einem hitzigen Wortwechsel empfahlen die Damen  Herrn Matrjoschkin, sich der Prozedur zu unterziehen und behaupteten giftig, in seinem Fall wäre sie einfach, da er vermutlich nicht viel zu verlieren habe.     

Aber kehren wir zum eigentlichen Problem zurück. Dass Putin die Bitte der russischen  Journalisten nach Beibehaltung ihrer Freiheit erhörte, mag zu  begrüßen sein, aber  wenn die Pressefreiheit  vom Wohlwollen eines Herrschers abhängt, ist sie keine.  Putin selbst erklärte seinen Einspruch damit , dass es  eine Balance zwischen möglichen Einschränkungen bei Notstandssituationen und der  Information der Gesellschaft über die Handlungen des Staates geben müsse, damit sich die politische Führung nicht für unfehlbar halte.

Sehr schön, meinen die Holzpuppen, die sich nicht nur von keiner Zensur in ihrer eigenen Berichterstattung einschränken lassen wollen, sondern um dieselbe Freiheit für die russischen Kollegen besorgt sind. Für die deutschen übrigens auch.
4.12.02

EIN GUTER FRITZ!

Gemeint ist der deutsche Literat Fritz Mierau. Warum hält ihn das matrjoschka-team für sehr gut? Lesen Sie bitte dazu die folgende Rezension, die wir mit freundlicher Genehmigung des in Berlin erscheinenden Magazins "Wostok" bringen.

FRITZ MIERAU. MEIN RUSSISCHES JAHRHUNDERT. AUTOBIOGRAPHIE. NAUTILUS.2002.318 S.

Jeder mit den Büchern und Aufsätzen des Verfassers  vertraute Leser- und welcher Liebhaber der russischen   Literatur kennt sie nicht ? – wird wohl vermuten , dass auch sein neues Buch nicht nur dem eigenen  Werdegang , sondern  auch  dem der russischen Dichter gilt. Die Annahme bestätigt sich : obwohl das Wort Autobiographie im Untertitel steht, beleuchtet das neue Buch des wohl eigenwilligsten  deutschen Kenners der modernen russischen Dichtung  die Hintergründe  eines wenig bekannten Phänomens, das  zur Kulturgeschichte  des XX. Jahrhunderts, vor allem aber zum Kapitel der geistigen  Wechselwirkung zwischen Deutschland und Russland  gehört.   Fritz Mierau berichtet darüber, wie es kam, dass die echte, das heißt in der Sowjetunion staatsferne und von  der SED  misstrauisch beäugte moderne russische Dichtung trotz alledem  in der DDR, mitunter sogar intensiver als im Ursprungsland,   wissenschaftlich erfasst,  ediert und wirksam werden konnte. Ein Vorgang, zu dem er  selbst entscheidend beitrug.

Der Rezensentin kommt diese Tat auch jetzt, da die Sowjetunion und die DDR bereits Vergangenheit sind, wie ein kleines Wunder vor. Mehrere Jahre ihres Berufslebens als Redakteurin und Übersetzerin des Monatsmagazins "Sowjetliteratur" (deutschsprachige Ausgabe) in Moskau tätig, hat sie noch  in Erinnerung, mit welcher Begeisterung das kleine Team, dem sie angehörte, die bei „Reclam“ und „Volk und Welt“ erschienenen Ausgaben von Achmatowa und Bulgakow, von Zwetajewa und Platonow und  anderer dieser Art   im "Internationalen Buch" auf der Twerskaja zumeist als Bückware erstand. Ach, wie gern hätten auch wir  diese Autoren  gedruckt und nicht die anderen, die von den Literaturfürsten aus dem sowjetischen Schriftstellerverband empfohlenen. Daran war aber nicht zu denken. Kommandiert von einem ehemaligen KGB- General, der zum Leid der sowjetischen Leserschaft und zu unserer Pein einen unseligen Hang zur Schriftstellerei besaß, durften wir nur jene Werke bringen, die seinem Geschmack und seiner Einstellung   entsprachen, vor allem aber Elaborate seiner Freunde aus der Verlagswelt, die sich mit den in viele Tausende gehenden Auflagen seines Geschreibsels  revanchierten. Und wenn schon jemand jenes   Maß an Schläue, Diplomatie und Durchsetzungsvermögen   einschätzen kann, die Fritz Mierau brauchte, um die von ihm initiierten, betreuten und kommentierten Editionen in der DDR zu realisieren, dann sind es auch wir, die in unseren Regungen verhinderten Redakteure in Moskau, gezwungen, unseren Landsleuten in der DDR ein uns selbst anekelndes, falsches Bild der russischen Literatur zu präsentieren. Ein Bild, das dem SED- Motto "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" entsprechen sollte.

Obwohl nach eigener Aussage als "Machiavellist"  unter den DDR- Kollegen verschrien, bearbeitete  Fritz Mierau sein Feld nicht so sehr  mit der Absicht, der Staatsmacht eins auszuwischen, und war demnach kein typischer Dissident. Sein zähes, konsequentes und listenreiches Bemühen, in den literarischen und literaturwissenschaftlichen Diskurs der DDR beste Werke von den in der Heimat verfolgten  russischen Dichtern einzubringen, speiste sich aus einer anderen Quelle. Es  war die Faszination der  künstlerischen Leistung, die er besser als  viele andere in den Kontext der europäischen Kultur des XX. Jahrhunderts  einzuordnen wusste. Daraus ergab sich seine Treffsicherheit, als hätte er einen Kompass in der Westentasche, der ihm immer wieder den richtigen Dichter und das richtige Werk anzeigte. Richtig auch in dem Sinne, dass es um  Dichter und Werke ging, deren Bedeutung sich nicht auf die Opposition der offiziellen Kulturpolitik reduzierte und auch nicht auf eine Nachahmung der westlichen Muster, sondern  in der eigenständigen Tradition der russischen Dichtung wurzelte. So entkam er der im damaligen Westen ziemlich verbreiteten Vorgehensweise, die eine künstlerische Leistung vor allem daran maß, wie sie von der Sowjetmacht mit der Verbannung aus der Literatur und nicht nur aus der Literatur  honoriert wurde.

Das soll allerdings nicht heißen, Fritz Mierau sah nur die literarische Leistung  seiner Favoriten. Nein, er hatte den Nerv auch für ihre Lebensläufe. Er bescheinigt ihnen  "verheerende Brüche, unverhoffte Aufstiege, furchtbare Entzweiungen. Täuschungen und Enttäuschungen, gewaltige Tode und wunderbare Rettungen“ (S.128) und in dem Zusammenhang viel Mut und Leidenschaft. Kurzum ein Leben, dessen Sog sich auch ein exzentrischer Ästhet  mit leichter Neigung zum Snobismus schwer erwehren konnte. Was vielleicht erklärt, warum Fritz Mierau immer wieder in die Sowjetunion fuhr. Und vor allem, warum er notorisch jene Menschen aufsuchte, die alle Voraussetzungen erfüllten, unter der Beobachtung des KGB zu stehen. Für einen DDR- Bürger eine nicht gerade ungefährliche Gesprächspartnerwahl. Allerdings erlagen auch mehrere andere Besucher aus der DDR, wo  der pseudo- sozialistische Rahmen mit einem waschechten  kleinbürgerlichen Brauchtum ausgefüllt wurde, dieser Versuchung. Und wenn jemand der viel zitierten deutsch- russischen Freundschaft tatsächlich auf die Sprünge half, dann waren es nicht die Festredner, sondern jene Deutschen und Russen, die sich in den Küchen trafen und, nicht ohne fragenden Blick auf die Deckenlüster oder den Telephonapparat, Tacheles redeten.

Mierau stand in der DDR nicht ganz alleine. Es gab  einen anderen Kenner der russischen Literatur, der   erfolgreich versuchte, dem DDR- Leser die verfemten russischen Dichter zugänglich zu machen. Der aus dem SED - Parteiapparat gekommene  Ralf Schröder büßte dafür mit einigen Jahren hinter  Gittern, ließ  aber auch nach der Entlassung aus dem Gefängnis nicht von dieser Tätigkeit. Als Literaturkritiker und Verleger vertrat er eine etwas andere, mehr traditionsverpflichtete  Geschmacksrichtung und war  politisch und menschlich weniger zurückhaltend als Mierau, weswegen  sich in  einschlägigen Moskauer Kreisen  um seine Person viele Gerüchte rankten. Es gereicht dem Chronisten Mierau  zur Ehre, dass er trotz Meinungs- und Temperamentsunterschiede     die Verdienste des unlängst verstorbenen Kollegen und Mitkämpfer würdigt. Vor allem, die „Kunst, inmitten der Zensurbürokratie seine andere Welt zu errichten.“ (S.237). 

Selbstverständlich  trifft das auch auf Mierau  zu, obwohl  seine „andere Welt“ der modernen russischen Dichtung etwas anders aussah als die von Schröder. Das kam in seiner intensiven Beschäftigung mit den russischen Autoren wie Daniil Harms und  Welemir Chlebnikow zum Ausdruck,   um die Zeit auch von manchen oppositionellen  Literaten in Moskau   als skurrile Außenseiter  behandelt, die der Gegenwart und der Zukunft wenig zu sagen hätten. Mierau erkannte in ihren Werken aber die Spiegelung der Absurdität, die nicht nur in der Sowjetunion das Geschehen zunehmend bestimmte. Und tatsächlich finden  jetzt die  beiden in Russland viel Zuspruch und   unter den russischen Literaten der neuen Generation viele Adepten. Jedenfalls mehr  als manche ehemaligen  Kultfiguren der russischen Intelligenzija.           

Eine engagierte  Leserin von  Fritz Mieraus neuem Buch  kommt nicht um manche quälenden Fragen herum. Warum führte  die Abschaffung der staatlichen Zensur vor zwölf- fünfzehn Jahren   in Russland nicht, wie erhofft, zum Aufschwung der Dichtung, sondern zur katastrophalen Verflachung der literarischen Landschaft,  die zeitweise von der hausgemachten und noch mehr importierten Trivialliteratur beherrscht wurde?    Wo sind die großen und kühnen Talente, wie sie  die Autoren waren, die unter dem sowjetischen Unterdrückungsregime  zwar furchtbar leiden und nicht selten auch gewaltsam sterben mussten, aber  Unvergängliches hervorbrachten? Warum bietet das freie Verlagswesen im Westen seinem Publikum jetzt  weniger Russen als früher an und, wenn schon, dann mit Vorliebe jene, mit denen sich ein Fritz Mierau vermutlich  nicht beschäftigen würde, da sie nur  Doppelgänger ihrer westlichen Vorbilder sind?  Und ob der Niedergang der russischen Dichtung dem Kulturacker  Europas gut bekommt, der, wie Fritz  Mierau in seinem Buch mehrmals bescheinigt, immer wieder mit dem  Quellwasser  der russischen Kreativität belebt   wurde?

Wenn eine wie viele ihrer Landsleute und Altersgenossen in der DDR  durch die sowjetische, literarisch verbrämte  "Kasjonschtschina" geformt und verformt werden sollte, denkt sie dankbar   an die wahre russische Dichtung.  Der achtzehnjährige hautnahe Kontakt mit jenen  Russen, die nicht "Wie der Stahl gehärtet wurde" und anderes aus der Fabrik  der "Ingenieure der Menschenseele" (Stalin), sondern eben die von Fritz Mierau bevorzugten Dichter mit Hingabe lasen, war da eine Rettung. Die  vielen Nächte, verbracht  über die von Hand zu Hand gereichten, mit klapprigen Schreibmaschinen angefertigten Kopien der Dichterwerke, die keine Chance hatten, in einem  Verlag des "am meisten lesenden Landes der Welt" zu erscheinen, bleiben unvergesslich. Deshalb auch wurde das Buch von Fritz Mierau nicht ohne Herzklopfen gelesen, was übrigens der Intention des Verfasser nicht entspricht, der sich der distanzierten Schreibweise bewusst  bedient und  jeder Gefühlsanwandlung  fern zu sein scheint.

Dem lesenden Publikum kann ich die Lektüre, die seinen Begriffshorizont  bestimmt erweitert, nur empfehlen.                     

 

WIR SIND UNSCHLÜSSIG!

 

Es geht hier um Wladimir Sorokin, einen der wenigen jungen russischen Prosaiker, die in Deutschland  gedruckt und sogar auf der Bühne aufgeführt werden. In Russland wurde er zur Zielscheibe einer Jugendbewegung, die sich «Идущие вместе» nennt und auf den Präsidenten W. Putin schwört. Die „Zusammengehenden“ organisierten eine öffentliche Verbrennung seiner Werke, da diese pornographisch seien. Also entartet. Außerdem hat die russische Staatsanwaltschaft    W. Sorokin angeklagt. Kommt es zur  Verurteilung, landet er im Kittchen.

 

In diesem Zusammenhang fand im Matrjoschka- online- Trust  zu Berlin eine Vorstandssitzung statt. Auf der Tagesordnung stand die Frage, die schon W.I. Lenin,  die Revolution  von 1917 geistig vorbereitend , in  einer berühmten Schrift gestellt hatte: „Was tun?“. Ja, was tun? Sollen wir unser Gewicht in die Waagschale werfen, um einer Verurteilung von Wladimir Sorokin vorzubeugen?

Zuerst erhielt .. das Wort, die bei uns das dichterische Schaffen in Russland beobachtet. „Was und wie schreibt eigentlich dieser Sorokin? “- lautete die Frage. Hier die Stellungnahme der bebrillten Puppe:

 

„Ehrlich gesagt, bin ich überfragt. Mehrmals ging ich daran, die Werke des Dichters zu studieren. Bei allem Diensteifer: in keinem einzigen Fall konnte ich die Lektüre zu Ende führen. Ganz brutal gesagt, ich musste kotzen. Sonst vertrage ich viel, in dem Falle aber erwies sich mein Magen als zu empfindlich. Oder die geistige Kost als zu fett.

 

Insbesondere  betrifft es die letzte Novelle Sorokins «Голубое сало», das heißt ungefähr „Der blaue Speck“, die auch zum Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen  wurde. Hier wird das Verhältnis   zwischen der Scheiße und der Sexualität dargestellt. Und zwar sehr  plastisch.

 

Ist der Vorwurf der Pornographie gerechtfertigt? –wollte wissen.

 

Schwer zu sagen, antwortete. Auf mich wirkte die Lektüre nur in einer Hinsicht anregend. In welcher habe ich bereits berichtet.

 

Ach, du!  sagte hier. Was wirkt auf dich  schon richtig anregend! Du bist ja total frustriert! Gegen männliche Reize unempfindlich! Eine Holzpuppe, eben.

 

Ich?! - schrie. Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Auf Liebe! Nicht aber auf vulgäre Anmache eines groben, unkultivierten  Kerls, auch wenn er sich den Titel  Esquire anmaßt.

 

Brake! - sagte. Eure alten Rechnungen könnt Ihr nach der Sitzung begleichen. Jetzt müssen wir etwas anderes klären. Ob wir trotzdem dem Schriftsteller Sorokin beistehen, auch wenn er Ekliges schreibt? Schließlich wimmelt es in Russland, wo früher nicht einmal  Ehefreuden  erwähnt werden durften, von richtiger Pornographie, ohne jeglichen künstlerischen Anspruch. Und diesen haben Sorokins Elaborate wohl? Oder?

 

Sie haben es, sagte

 

Eben! - sagteUnd wir wissen aus Erfahrung, wohin es führt, wenn einem Dichterwerk, ob gut oder schlecht, ein Autodafe zuteil wird. Heute trifft es einen, der sich von  Fäkalien inspirieren lässt, morgen  jedes freie Wort. Ich erinnere nur an  das Schicksal der russischen Dichterin Anna Achmatowa.  Mit dem öffentlich Vorwurf konfrontiert, eine bessere Hure zu sein, durfte sie jahrzehntelang nichts veröffentlichen und wäre zum Selbstmord getrieben, hätten ihr Freunde im Westen nicht Beistand geleistet.

 

Sorokin ist keine Anna Achmatowa, sagte

 

Trotzdem, sagte. Er wird doch im Westen, vor allem in Deutschland, verlegt.

 

Na,und? sagte Hier werden mit Vorliebe Werke aus Russland verlegt, die die Russen als Idioten zeigen...

 

So kam der Vorstand des Matrjoschka –online –Konzerns zu keinem Konsens. Die Entscheidung wurde vertagt. Die bebrillte Holzpuppe mit dem ständigen Monitoring der Entwicklung in Russland beauftragt.         

 

16.07.02            

SMENA WECH?

So (in etwa : Wechsel der Hinweisschilder oder, vielleicht. Marksteine) hieß ein Sammelband  von Beiträgen über die Situation in Russland, erschienen nach der ersten russischen Revolution (1905-1907). Die hochstirnigen Autoren bekannten in ihren Beiträgen die Abkehr vom Fortschrittsgedanken. Sie schminkten sich die Rhetorik der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit ab. Sie verkündeten einen  neuen Trend. Den des Liebäugelns mit der Macht.  Mit der Zarenmacht. 

“Smena wech“. So könnte auch  ein Sammelband heißen, der unter dem Titel „Das neue Regime“ in Moskau erschienen ist. Ein illustrer Kreis von Moskauer Intellektuellen  legt hier seine neue Sicht auf die letzten Jahre in Russland dar. Und versucht, daraus Konsequenzen  zu ziehen.

 

1.

 

Der Schlüsselgedanke: mit dem Lobpreisen der demokratischen Werte und der Marktwirtschaftseuphorie  ist  in Russland kein Staat mehr zu machen. Diese Schlagworte hatten Sinn, als es galt, einer Gefahr entgegenzutreten. Der Gefahr der roten Revanche. Der Machtergreifung der Postkommunisten.

 

Jetzt ist die Gefahr gebannt. Die führende Kraft des Postkommunismus, die KPRF (Kommunistische Partei der Russischen Föderation), ist  zahnlos.  Ihr Anführer, Gennadi Sjuganow,  ein Sprücheklopfer ohne  Machtwillen. Sein Gefolge  z.T. zerstritten, z.T. korrumpiert. Dort, wo  seine Mannen in der Verwaltung vertreten sind, führen sie sich  nicht anders auf als die anderen.

 

Somit sind die Zeiten, als sich die Intellektuellen als Hüter des Fortschritts  aufspielten (und verdienten), passe. Da das Gespenst des Kommunismus  gebannt ist, will kaum jemand mehr dem Antikommunismus  frönen. Die selbsternannten Schlangenbeschwörer werden nicht mehr gefördert. Ihr Pathos wird mit Gähnen quittiert.       

 

Darin sehen die Autoren des Sammelbandes die Ursache  der viel Staub aufgewirbelten  Abschaffung des oppositionellen Moskauer Fernsehsenders NTW. Seine Abwicklung, von den liberalen Medien im Westen als Akt der Zensur  ausgelegt, war eher die Folge seiner Unfähigkeit, sich in der neuen Realität zurecht zu finden. Weil seine Macher nicht wahrnehmen wollten, dass das russische Fernsehen als Mahner gegen die rote Gefahr ausgespielt hatte.  Sein Publikum will nicht mehr gerüttelt werden. Es will Unterhaltung und eine Prise  sachliche Information über die Taten und die Absichten derer, auf die es ankommt. Die im Moskauer Kreml und in vielen anderen Zitadellen der realen Macht sitzen.

 

Pragmatismus heißt das wohl.

 

2.

 

Am meisten ist die russische (antikommunistische) Linke marginalisiert. Auch unter Jelzin kam sie bei den Russen nicht richtig an, da diese gegen das linke Projekt, im Westen unter 1968 firmiert, allergisch sind.

 

Zu sehr erinnert die linke Phrase an den Reinfall mit der Demontage des Sowjetsystems. Wenigstens am Anfang hieß es, der Sinn bestehe darin, dem kleinen Mann seine,  von der Sowjetnomenklatur  entfremdete Souveränität zurückzugeben.  In der besten  Tradition Tolstois, Tschechows und vieler anderer das bittere Los des kleinen Mannes beweinender Intellektueller sollte die Menschlichkeit in den russischen Alltag einkehren.   

 

Vor allem übten sich die sogenannten Sechziger (mit den Achtundsechzigern in Deutschland haben sie wenig gemeinsam) darin. Als die Perestroika losging, hatten sie sich bereits gute Ausgangspositionen  unter die Nägel gerissen. In den folgenden Jahren erst recht. Aber hinter dem Nebel der von ihnen gepflegten linken Phrase wurde ein System aufgebaut, das dem umworbenen kleinen Mann noch weniger als die Sowjetmacht gönnte. Ein oligarchisches System.  

 

Mit kaum überhörbarer Häme meint aber mancher Autor des Sammelbandes,  das liberale, sogar das linksliberale Gedankengut ist trotzdem nicht ganz wertlos  geworden. Im Ausland wird es von nostalgischen Linksliberalen und anderen „kulturvollen“ Linken  noch geschätzt.  So auch die tatsächlichen oder auch vermeintlichen Verdienste der intellektuellen  Kämpfer gegen das  sowjetische Unterdrückungssystem  und gegen die Scheinheiligkeit der postsowjetischen Herrscher Russlands.

 

Also hat die  russische liberale, sogar die linksliberale Rhetorik noch einen bestimmten Wert. Als Exportware.

 

3.

 

Im Inland sind jetzt aber keine zündenden Gedanken absetzbar.  Das neue Regime setzt auf  Sachlichkeit. Seine Technologie der Massenbeherrschung braucht kein Tam-tam der hohlen Phrase.

 

Im Unterschied zur Sowjetzeit versuchen das von ihm gelenkte Fernsehen wie auch andere Medien nicht, ein realitätsfremdes Bild des irdischen Paradieses in Russland zu vermitteln. Im Unterschied zu den Zeiten von Gorbatschow und Jelzin wird auch keine Fata morgana der kommenden segensreichen Demokratie und Marktwirtschaft aufgebaut. Was versprochen wird, ist etwas weniger Elend, Korruption und Willkür. Darum müht sich der neue Präsident. 

 

Im direkten, aber auch im übertragenen Sinne des Wortes ist er nüchtern. Er klettert  nicht auf einen Panzer, um eine Rede ans Volk zu halten. Er tut es ab und zu in seinen Kremlgemächern vor der Fernsehkamera.  Und spricht dabei wie ein Manager. Mitunter auch wie ein Buchhalter.  

 

Er deutet an, die Russen sollen nicht so sehr auf   Demokratie und freie  Marktwirtschaft  hoffen. Er hat kapiert, dass der Vorrat an Blauäugigkeit in Russland  erschöpft ist. Jetzt sollen die Russen   daran glauben, dass die Erdöl- und Erdgaspreise weiter steigen. Die Botschaft braucht keine Prediger, sondern einen Putin.

 

Auch ein etablierter russischer Liberaler erwartet  keine Freiheiten mehr. Er bittet die Macht um eine einheitliche Einkommenssteuerrate. Schluss, Punkt, Basta.

 

4.

 

Die Autoren des Sammelbandes meinen, die russischen  Menschenrechtskämpfer, Demokratie- und Freiheitsbewunderer,  Marktwirtschaftsfans sollen sich endlich zusammennehmen. Sie sollen den Staatsmännern nicht auf den Wecker gehen. Sie sollen  nicht ins Handwerk pfuschen.

 

Unter dem neuen Regime  sollen sie eine neue Nische suchen. Eine kleine, aber eine gemütliche Nische. Eine, in der sie ihre  Neigungen ungestört ausleben können. Von der toleranten Staatsmacht ungestört. Und unter  Ausschluss der  Öffentlichkeit. Ein Glasperlenspiel hat auch seinen Reiz. 

 

Wenn die Autoren des Sammelbandes dennoch eine Prognose wagen, sind sie nicht mehr so kleinlaut wie bei der Bestandsaufnahme. Sie besinnen sich auf den Anspruch des frühkommunistischen  Russlands, der ganzen Erdbevölkerung den Weg in die lichte Zukunft zu weisen. Ins Reich der Freiheit und der Gerechtigkeit. Zwar führte der Ehrgeiz ins Jammertal. Doch bedeutet dies, dass das höhere Streben für immer obsolet geworden ist?

 

Nicht alle Autoren des Sammelbandes sind da sicher. Manche meinen, die heranwachsende  Generation, die in ihren Genen keine Abscheu gegen Utopien trägt, da sie die Enttäuschung nicht erlebte, wird nicht in die Fußstampfen ihrer resignierten Väter treten.  Wohin sie gehen, steht allerdings in den Sternen. Vielleicht weit nach rechts, vielleicht weit nach links. In der trostlosen russischen Mitte, gekennzeichnet durch Elend und den tschetschenischen Krieg,   bleibt sie jedenfalls nicht. Die Mitte ist etwas für das   Abendland. Russland ist dafür nicht zivilisiert genug.   

 

5.

 

Die Lektüre ist sehr amüsant. Gute Sprache, Gedankenblitze. Manches zwar schwer verständlich, dennoch  nur, weil die Autoren klüger als wir, die Holzpuppen, sind.

 

Die Lektüre ist sehr amüsant, aber nicht erheiternd. Eher deprimierend. Stark deprimierend. Man könnte fast denken: Russland ist ein  Land ohne Zukunft und ohne Vision.

 

Trotzdem verzweifeln wir an Russland nicht ganz. Wir trösten uns mit der Erinnerung an den eingangs erwähnten Sammelband „Smena wech“.  Kaum hatte er verkündet, von nun an bliebe in Russland alles so, wie es war, fegte über Russland  ein Sturm, der nichts vom Bestehenden heil ließ.     

 

Es kommt eben immer anders,  als man denkt.

 

20.04.02

DER MIESE BLECHTROMMLER 

Unter der Sowjetmacht galt Alexander Zinoviev als einer der gefährlichsten Gegner. Da sein Ruf als Philosoph und Mathematiker weit über die Grenzen des Landes ging, wurde er nicht eingelocht.  Nur ausgewiesen. Fast um dieselbe Zeit, wie der andere  Meuterer gegen das System, Alexander Solshenizyn. 

Nach der Wende kamen die beiden zurück. Der Westen, dessen Medien beide, wenn auch in weitaus ungleichem Masse zum Widerstandshelden stilisiert hatten, weinte ihnen keine Träne nach. Denn in der freien Welt erwiesen sie sich als unbequem. Immer darauf aus, Demokratie und Marktwirtschaft, Freizeitgestaltung und öffentliche Moral in Verruf zu bringen, sogar als ungerecht,  falsch oder kulturlos niederzureißen. Als hätte man in den westlichen Ländern  nicht genug eigene Stänkerer. Als müssten noch die das Gastrecht missbrauchenden  Russen in dieselbe Kerbe schlagen. Ausgerechnet die Russen, die von all den Dingen keine Ahnung haben. 

Doch die russischen Dissidenten sind unverbesserlich. Als hätten sie sich verabredet, meldet sich auch jetzt mal Solshenizyn, mal Zinoviev  zu Wort. Auch im Runet, da die anderen russischen Medien, der Auftritte satt, sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen.  

Jetzt produzierte sich der Philosoph Zinoviev auf dni.ru. In einem Gespräch unterstellte er den USA die Absicht, Russland auslöschen zu wollen. Nicht nur zerstückeln, nicht nur ins Elend stürzen, nicht nur hilf- und wehrlos  machen. Das wäre noch glaubwürdiger. Nein: auslöschen! Wie Hiroshima und Nagasaki. 

Er, der das wahre Gesicht des  freiesten Landes der  freien Welt aus eigener Anschauung kennt, hält die USA- Führung für durchaus fähig dazu. Er bezichtigt sie sogar, konsequent Voraussetzungen dafür zu schaffen. U.a. durch die Errichtung von Stützpunkten in Mittelasien und im Kaukasus. Darin sieht er den   übergeordneten Sinn des Antiterrorfeldzuges der USA. 

Dem russischen Präsidenten wirft er vor, das Land den Amerikanern auszuliefern. Er wäre von Putin sehr enttäuscht.  

Wie tief der Philosoph, den manch ein Bewunderer für einen russischen Heidegger hielt, gefallen ist, sieht man an seinen Empfehlungen urbi et orbi. Er meint nämlich, alle von den USA bedrohten Länder, zu denen er unverständlicherweise außer Russland vor allem Deutschland zählt, sollen sich zusammentun. Gegen die USA eine Abwehrfront bilden. 

Komisch,- meint Iwan Matrjoschkin, Esq.-. Der Mann hat lange Vorlesungen an der Münchener Uni gehalten. Weiß er denn nicht, dass die Bayern die Amis als Besatzungsmacht  kennen- und schätzen gelernt haben. 

Andere Deutsche  selbstverständlich auch, wenn auch auf eine andere Weise (Rosinenbomber, „Ich bin ein Berliner“ u.s.w.) 

Aber im Ernst. Das Matrjoschka – team findet den Auftritt Zinovievs höchst bedauerlich. Es führt den Fauxpas darauf zurück, dass der Mann zu viel philosophiert. Das Leben ist ohne Philosophie viel angenehmer, meint Iwan Matrjoschkin, Esq. Sonst wird man leicht zu einem  miesen Blechtrommler, wie ein angesehener bayerischer Politiker allerdings über eine andere übergeschnappte Person gesagt hat. 

15.3.02      

AUF DES MESSERS SCHNEIDE

So betitelte Journal.ru einen Bericht über das neue Buch von A. Solshenizyn „Zweihundert Jahre zusammen“. Kurz über den Autor:  

Steckbrief Solshenizyn.

Alexander S.,  1918 im Kaukasus geboren, wurde 1945 als Frontoffizier der Roten Armee für abschätzige Äußerungen in einem privaten Briefwechsel über den sowjetischen Diktator Stalin zu acht Jahren Straflager verurteilt. Später schrieb er über die Straflager in der Sowjetunion  faktenreiche Abhandlungen (Archipel Gulag u.a.), aber auch meisterhafte  fiktive Geschichten. Die Bücher wurden in den Westen geschmuggelt und brachten ihm  Weltruhm und den Nobelpreis. 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesen, blieb er zwanzig Jahre im Westen. Dann kehrte er in die Heimat zurück.

S. lehnt die westliche Lebensweise als dekadent ab. Er setzt sich ein  für die Rückkehr Russlands  zu seinen Wurzeln, die er u.a. in der orthodoxen Kirchenlehre sucht.

Das Buch.

Es gilt dem Zusammenleben der Russen und der Juden seit dem XVIII. Jahrhundert bis zur Revolution 1917. S. betrat mit dem Buch ein vermintes Terrain. Abgesehen von antisemitischen Pamphleten im Stil eines Julius Streicher kam zu diesem Thema in Russland wenig heraus. Die Sowjetmacht  wollte sich Handlungsfreiheit sichern, die durch die Erörterung der Rolle der Juden in der russischen Geschichte und in der ganzen Welt beeinträchtigt worden wäre. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbat die Zensur jedes Eingehen auf den Massenmord der Juden durch die Nazis, um einem möglichen Vergleich mit der sowjetischen antijüdischen Politik in den Köpfen der Leser vorzubeugen.

Am Anfang seines Buches deklariert S. die Absicht, den antisemitischen, aber auch philosemitischen Standpunkten aus dem Weg zu gehen. Er will  das Bild der Realität  zeichnen, auch wenn dieses unbequem erscheinen mag. 

Tatsächlich ist sein Buch mit vielen Daten und Meinungen aus den verschiedensten Quellen voll bepackt. Dennoch befriedigte es die Kritik nicht. Die einen warfen dem Schriftsteller zu viel Sympathie für die Juden vor. Die anderen Judenhass.

Das Matrjoschkateam versuchte, zu einem einträchtigen Urteil über das Buch zu kommen, blieb aber gespalten. So entschieden sich die Holzpuppen, auf eine gemeinsame Meinung über das S.-Werk  zu verzichten und sich damit zu begnügen, die drei im Journal.ru veröffentlichten Beiträge wiederzugeben, da diese in etwa die Standpunkte in Russland spiegeln.

1.                BEITRAG

Aus der Feder von Marietta Tschudakowa, einer angesehenen  Wissenschaftlerin und Publizistin, Tochter eines muslimischen, von der Sowjetmacht hingerichteten zaristischen Offiziers aus Dagestan (Nordkaukasus). 

Frau Tschudakowa bescheinigt dem Verfasser edle Absichten und großen Mut, weil er  versuchte, sich zwischen die Stühle zu setzen. Vielleicht ist  er nicht „wissenschaftlich“ genug, schreibt sie. Vielleicht hat er manches Dokument nur insoweit zitiert, wie es seiner vorgefassten Meinung entsprach. Aber er wollte ehrlich mehr Licht ins dramatische Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Russland bringen. Er versuchte einerseits den großen Beitrag der Juden zum Fortkommen Russlands darzustellen, andererseits aber  ihre zersetzende Rolle nicht zu verheimlichen, da sie am Sturz der Monarchie und  der Zerstörung der bürgerlichen Ordnung in Russland nicht ganz unschuldig waren. Sowohl die Wut der Juden auf den zaristischen Staat, der sie unterdrückte und diskriminierte, als auch die Wut der Russen auf die Juden als Zerstörer der herkömmlichen Lebensweise findet die Kritikerin zwar nicht gerechtfertigt, aber nachvollziehbar.  Mehrmals kommt sie zu dem  Gedanken zurück, dass nach dem Massenmord an Juden jede negative Äußerung über diese als pietätlos und suspekt empfunden wird. Auch in Russland, da die Wunde noch lange nicht geheilt ist und weil die Öfen von Auschwitz mit Strömen von russischem Blut gelöscht worden sind. 

Die einen reagieren gereizt auf das Buch, andere sind dem Verfasser dankbar. Tschudakowa  gehört zu den Letzteren, da S. sich auf  des Messers Scheide bewegt, um ein Tabu zu brechen.

2. BEITRAG

Aus  der Feder von Prof. Sergei Iwanow, ein bekannter Moskauer Slawist.           

Selbst die Hinwendung S. zum Thema schätzt Iwanow anders als die Tschudakowa ein. Ein großes  Wagnis ist es nicht, da die herkömmliche Meinung, die Russen seien Judenfresser, nicht zutrifft. Der Judenhass ist in Russland marginal. Ein Durchschnittsrusse meint nur, es gehöre sich dazu, empfindet aber keinen Hass. Jedenfalls hasst er die „Schwarzarschigen“ (d.h. Kaukasier oder Mittelasiaten) unvergleichlich mehr.

Iwanow meint, das Problem sei nicht die Frage nach dem Judenhass in Russland, sondern danach, was die Juden in Russland eigentlich miteinander verbindet. Jetzt, nachdem es keinen staatlichen Antisemitismus mehr gibt, die Religiosität abstirbt und die Juden die eigene Sprache so gut wie verloren haben.

Aber auf die Frage gibt S. keine Antwort.  Er bleibt in der Vorstellung gefangen, die Juden seien eins, weil sie eben Juden sind. Eine Vorstellung, die dem Mythos von einer Weltverschwörung  zu Grunde liegt.

So weit verführt die irrige Annahme S. zwar nicht, aber sie hindert ihn trotzdem, die Wahrheit
zu ermitteln.  So zitiert er antijüdische Äußerungen jüdischer Autoren, ohne herauszufinden, welche Motive diese hatten.  Als wäre die jüdische Abstammung  eine Gewähr für Treffsicherheit der Kritik an den Juden.

Auch sonst bescheinigt  Iwanow dem Buch keinen großen Erkenntniswert. Und zwar nicht nur, weil  der Verfasser die Regeln der wissenschaftlichen Analyse vernachlässigt, sondern weil er die Russen zu sehr verehrt, um die Schuld für das Schlimme im russisch-jüdischen Verhältnis gerecht zu verteilen.

Obwohl er sich bemüht, sowohl den „jüdischen“ als auch den russischen Standpunkt darzulegen, sind seine Untertöne  unüberhörbar. Und diese sind die eines Russen, der seinem eigenen Volk recht gibt.

Und wenn es nicht anders geht, als zuzugeben, dass das Zarenregime die Juden unterdrückte, greift er zu der Floskel, den anderen Untertanen des Zaren sei es nicht viel besser gegangen. Oder zu einer anderen: Zwar waren die Gesetze schweinisch, aber die russische Bürokratie sei dafür bekannt, Gesetze zu umgehen.

Wie  S. selbst wendet sich Professor Iwanow immer wieder den Pogromen zu,  den schrecklichen Massakern an den Juden  in den westlichen Regionen des zaristischen Reiches. Über die Ursachen für diese Vorläufer der Kristallnacht in Deutschland von 1938 gibt es im einschlägigen Schrifttum drei einander ausschließende Versionen. Die eine: Die Pogrome waren eine spontane Reaktion der russischen Bevölkerung auf  Wucherpraktiken der Juden auf dem Lande (Iwanow meint, S. neige unterschwellig zu dieser Erklärung für die Pogrome).  Die andere: Die Pogrome fädelte die Zarenregierung ein, um die unzufriedene  Bevölkerung von der eigenen Unfähigkeit abzulenken (die frühe sowjetische Standardversion). Die dritte: Die russische Bevölkerung, die noch nicht reif genug war, die wahren Schuldigen an der eigenen Misere zu erkennen, suchte einen Sündenbock. So waren die Juden nur Opfer.  (Iwanows  bevorzugte Version).                      

S. verzeiht den Juden ihren Internationalismus nicht, schreibt Prof. Iwanow sinngemäß. Den Internationalismus erklärt S. dadurch, dass die jüdischen Revolutionäre in Russland zwar ihrem Herkunftsvolk den Rücken kehrten, im russischen Boden aber keine Wurzeln schlugen. Eine Erklärung, die vor allem die starke antiwestliche Einstellung S. bezeuge, meint Prof. Iwanow.

Letztendlich mystifiziert S. die Juden. Er zahlt jener angsterfüllten Bewunderung für das kleine, aber ungemein tüchtige Volk seinen Tribut, die auch die wütenden Antisemiten teilten. Er schreibt sogar,  dass der Schöpfer der Welt etwas mit diesem Volk vorhatte, was unergründlich ist. Und trotz seiner Vorliebe für die Russen bescheinigt  er ihnen dauernd  Unbeholfenheit im Tauziehen  mit den Juden vor.

All das, meint Prof. Iwanow, entwertet den vielleicht gut gemeinten Versuch des Dichters, dessen Stimme, trotz seiner riesigen Leistung im publizistischen Kampf gegen das Sowjetregime, im postsowjetischen Russland nicht wahrgenommen wird.

 

3. BEITRAG     

aus der Feder des Prof. einer Hochschule in Boston, Johanan Petrowski-Stern.

Der Bostoner Prof., Erforscher der jüdischen Geschichte, bezichtigt S. einer bewussten Schürung des Judenhasses in Russland, die umso gefährlicher sei, dass sie sich als solche nicht zu erkennen gibt. S. tarnt sich, indem er nicht auf die extremen Machwerke der antijüdischen Propaganda zurückgreift. Dennoch bediene  er dieselben Vorurteile, die wohl so lange leben, solange es Juden gibt.

Den roten Faden des Buches von S. bilde nach Meinung von Petrowski-Stern die Behauptung, auf die Großzügigkeit der Zarenregierung antworteten die Juden mit Undankbarkeit. Nach S. hätten die Russen  den Juden die Arme entgegengestreckt, die Juden dagegen hätten die Russen  erpresst und  gemordet und letztendlich ihr wohlgeordnetes Reich begraben. Der Bostoner Prof. gibt sich viel Mühe, um anhand von  Zeugnissen der Zeitgenossen und historischen Analysen dem Bild von S. ein ganz anderes entgegenzusetzen. Das Bild von grausamen Russen und ihren unschuldigen Opfern. Sein Fazit - ein Zusammenleben von Russen und Juden ist zum Scheitern verurteilt. Die jüdische Assimilierung führt zu Auschwitz. Das Heil der Juden liegt nur in der Einrichtung und Stärkung eines jüdischen Staates, eines Beschützers des bedrohten Judentums. 

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NACHWORT.

Inzwischen scheint sich herauszustellen, dass das Werk von S. wohl nicht zum Bestseller taugt. Anscheinend hat das Zielpublikum in Russland andere Sorgen, als die Suche nach der Endlösung im ewigen Streit. Und das ist vermutlich gut so, sagen wir, die Holzpuppen, mit den Worten des Berliner Regierenden Bürgermeisters, auch wenn sie aus einem ganz anderen Anlass gefallen sind.     

25.12.01

KOLLONTAI

In Berlin sind die Aufzeichnungen von Alexandra Kollontai  ediert worden (Alexandra Kollontai: Diplomatische Tagebücher von 1922 bis 1940. Berlin 2002).. Kurz davor erschienen sie in Moskau. Die (gekürzte) Berliner Ausgabe wurde von der Rosa- Luxemburg- Stiftung besorgt und vom deutschen Auswärtigen Amt gesponsert. Die RLS und das AA sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe. Aber man soll sich nicht wundern, dass sie sich in dem Falle quasi zusammengetan haben. Alexandra Kollontai passt ganz gut in die beiden Zuständigkeitsbereiche.

1.

In die Rosa-Luxemburg-Stiftung, weil sie links war, eine Bolschewistin sogar. Obwohl Tochter eines zaristischen Generals, hat sie bei der Vorbereitung und Durchführung der großen russischen Revolution von 1917 mitgewirkt. Übrigens auch von Deutschland aus. Sie stand in Verbindung mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Klara Zetkin u.a. führenden Köpfen der deutschen Ultralinken. Nicht nur als Lenins Mitkämpferin, sondern auch als militante Emanze. Nach der Revolution in Russland war sie als solche in aller Munde, da sie eine Streitschrift über das sozialistische Liebesleben veröffentlichte. Danach sollte es im Sozialismus keine richtige Ehen gebe. Man paart sich, solange man Lust aufeinander hat, dann geht man ohne viel Gewese auseinander. Punktum. Bumsen soll nicht viel mehr bedeuten, als wenn man ein Glas Wasser leert, wenn man Durst hat.

Verdammt, in Russland sowas, wo "Eugen Onegin" (von Puschkin), "Anna Karenina" (von L.Tolstoi), "Der Idiot" (von Dostojewski) und viele andere Hohelieder auf die Liebe geschrieben wurden, die diese als das Göttliche im Menschen priesen. Mit vollem Recht!

Allerdings hatte Alexandra Kollontai deutsches Blut in den Adern. Eine echte Russin hätte sowas nicht verzapft.

Der Unsinn fand im revolutionserschütterten Russland ein gewaltiges Echo. In den engen Kreisen des neuen Establishments, wo linke Intellektuelle zumeist jüdischer Herkunft den Ton angaben. Da die bürgerliche Ehe abgeschafft worden war, stand es auch jedem frei, nach der "Wasserglastheorie"  zu leben.  Mein Vater und meine Mutter kamen mindestens drei Mal zusammen, um wieder auseinanderzugehen. Sie liebten sich, bildeten sich aber ein, Treue sei eine bürgerliche Unsitte. Trotzdem kam ich auf die Welt...

Dem kollontaischen Unfug   des Wasserglases trat - wer? - ja, der Gründer der Russischen Kommunistischen Partei und des Sowjetstaates, Wladimir Illjitsch Lenin, entgegen. Höchst persönlich. Warum? Bis vor kurzem dachte ich, weil er in einer sehr anständigen Familie eines zaristischen Oberschulinspektors aufgewachsen war.

Aber nein... Vor wenigen Jahren wurde in der entlarvungsbesessenen russischen Presse behauptet, seine Mutter hätte es toll getrieben. Am Zarenhof.

Aber ich glaube es nicht ganz. Vielleicht stimmt eher, dass er, wie dieselbe unzuverlässige Quelle behauptete, schwul war. Welche Einstellung zur ehelichen Treue bewirkt das Schwulsein? Ich habe davon keine Ahnung. Vielleicht soll ich mich bei Zuständigen schlau machen. Bei uns im Prenzelberg.  Fast an jeder Ecke gibt es hier ein einschlägiges Lokal...

2.

Warum aber passt Alexandra Kollontai auch in den Zuständigkeitsbereich des deutschen AA? Weil sie ein großer sowjetischer Diplomat war (oder soll ich mit "in" schreiben? Klingt für mein Ohr doof: Diplomatin). In den dreißiger- vierziger Jahren bekleidete sie mehrere sowjetische Botschafterposten. Und überall wurde sie  zum Mittelpunkt des geselligen Lebens der Highsociety. Obwohl Bolschewistin, war sie eine majestätische Erscheinung.

Was man übrigens von Gregor Gysi wohl nicht sagen kann. Obwohl auch ein Mittelpunkt, ist er keine majestätische Erscheinung. Aber auch kein Bolschewist.

Zurück zu Alexandra Kollontai. Dass sie unter Lenin hoch rangierte, ist  leicht zu verstehen. Er hatte eine Vorliebe für linke Intellektuelle (innen) zweifelhafter Herkunft. Aber dass sie unter Stalin wichtige Botschafterposten bekleiden durfte...Vermutlich glaubte er an ihre Loyalität. Obwohl er die Leningarde, darunter fast alle ihre Freunde, ausrottete, blieb diese unerschüttet.

Auch versäumte Stalin nicht, ihr zuverlässige Aufpasser zur Seite zu stellen. In Stockholm, ihrem wichtigsten Wirkungsrevier war es Wladimir Semjonow. Später wurde er Stellvertretender Außenminister der Sowjetunion und sowjetischer Hochkommissar für das besetzte (Ost) Deutschland. Ulbricht, Grotewohl, Pieck u.s.w. saßen wie Schuljungen in seinem Vorzimmer. Mit Aktenmappen auf den Knien.

Nach der  Perestroika verließ Wladimir Semjonow das Vaterland  in Richtung  Bundesrepublik Deutschland. Ein Hardliner, konnte er den Ausverkauf des Reiches nicht mit ansehen. In Deutschland erschienen  seine Aufzeichnungen ("Von Stalin bis Gorbatschow. Ein halbes Jahrhundert in diplomatischer Mission. 1939-1991. Nicolai. 1995). Blass, sehr blass. Auftragswerk? Jedenfalls nicht wegen des  Geldes geschrieben. Dieses brauchte er nicht. Er war glücklicher Besitzer einer guten Bildersammlung. Moderne russische Künstler. Einschließlich Kandinski. Unschätzbar.

Er starb in Köln (?). Verdammt. Warum sollen die sowjetischen  "Germanisten", also Deutschlandexperten, in dem Land sterben, das sie anders, als es geworden ist, haben wollten? Semjonow. Falin (er ist  Gott sei dank noch am Leben) auch ganz gross in der Konzipierung und Verwirklichung der sowjetischen Deutschlandpolitik. Dagegen  bin ich ein ganz kleines Licht. Nichts...

Zurück zu Alexandra Kollontai. Es ist höchst anerkennenswert, dass das deutsche AA die Edition ihrer Aufzeichnungen gesponsert hat. Obwohl sie sich dem Gen. Stalin andiente. Ein großzügiges und vorurteilloses Herangehen an die Vergangenheit hat damit das AA bekundet . Wie auch die Asylgewährung den oben erwähnten Giganten der sowjetischen Deutschlandpolitik.

Ein gutes Omen für die Zukunft, wenn man so handelt.        

3.

Kollontai habe ich leider nicht kennen gelernt, obwohl es ganz leicht gewesen wäre, da eine meiner Tanten  mit ihr befreundet war. Die Tante war Chefin der einzigen sowjetischen Emanzenzeitung. Die Zeitung wurde von Stalin zugemacht, die Tante in ein KZ gesteckt (für 18 Jahre)... Aber das gehört auf ein anderes Blatt.

Die Kollontai habe ich nicht kennen gelernt, aber ihren Leibbiographen kannte ich  gut. Er hieß Zinovij Scheinis und war auch "Germanist". In den ersten Jahren nach dem Krieg 1941- 1945  redigierte er die Zeitung der sowjetischen Besatzungsmacht für die ostdeutsche Bevölkerung. Sie hieß "Tägliche Rundschau". Scheinis (im Range eines Majors) war für den Kulturteil verantwortlich.

Dann flog er zusammen mit anderen kulturbeflissenen "Germanisten" jüdischer Herkunft aus der SBZ raus. Den Brüdern warf man vor, in der SBZ  (der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands) eine falsche Kulturpolitik betrieben zu haben. Zu viel Fürsorge und Freiheit für bürgerliche Intellektuelle. Das passte schlecht in die Landschaft. In die der SBZ , wo Ulbricht beschleunigt den Sozialismus aufbauen wollte. In die sowjetische Landschaft passte  die Kulturpolitik der "Germanisten" in der SBZ erst recht nicht. Da wütete schon ein Günstling Stalins, der mit den Überresten des Bürgerlichen  (oder dem, was darunter verstanden wurde) ein für allemal Schluss machen sollte.  

4.

Der zukünftige Biograph von Alexandra Kollontai, Z. Scheinis,  war ein zäher Bursche. Nach Moskau zurückgekehrt, blieb er nicht brotlos, wie viele andere von der Truppe, sondern bekam einen neuen Posten. Er wurde Chef der deutschsprachigen Redaktion von Radio Moskau (gewissermaßen ein Vorgänger von mir, einer von vielen). Hier tauschte er mit den Kollegen  vom deutschsprachigen  Dienst des Londoner Senders (BBC) im deutschen Äther wuchtige Schläge aus. Diese wollten, dass Deutschland nach westlichem Muster umgekrempelt wird. Scheinis bezichtigte sie des Imperialismus und empfahl den Deutschen die sowjetische Lebensweise. Wie alle seine Vorgänger und Nachfolger auf dem Posten. Wir wissen jetzt, ohne nachhaltigen Erfolg.

Ich glaube aber nicht, dass der Misserfolg der Propaganda ihm Kopfschmerzen bereitete. Die britische- oder ähnliche- Art sagte ihm (wie auch seinen Nachfolgern) bestimmt viel mehr zu als die sowjetische . Aber, wie er selber auf Deutsch oft sagte, "Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst". Auch sagte er oft, die Stimme einer deutschen Frau nachahmend: "Und jetzt, Liebling, bist du müde". Er hatte Deutschland eben sehr gerne.

5.

Bevor er aber auf Kollontai kam, gab es ein Zwischenspiel mit Folgen. Das Zwischenspiel stand mit der Gründung des Staates Israel zusammen. Bekanntlich hat die Sowjetunion zur Gründung beigetragen, da sich der Kreml dadurch ein Mitspracherecht im Nahen Osten erhoffte. Doch es stellte sich ein unerwünschter Nebeneffekt ein. Unter den   sowjetischen Juden fanden sich solche, die den Staat Israel als etwas Besonderes ins Auge fassten. Stalin befahl zwar, einige Israelanhänger zu verhaften, zu foltern und umzubringen, aber damit war es noch nicht getan. Wie üblich sollten die Hexenverbrennungen durch propagandistische Begleitmusik untermalt werden.

Den Sowjetmenschen sollte in einem Buch klargemacht werden, wie der Staat Israel entstand  und warum er keine Heimstätte für sowjetische Juden ist und sein darf.

Die Schreibarbeit wurde zwei Personen aufgetragen. Wladimir Semjonow, für den Staat Israel als Stellvertretender Außenminister der Sowjetunion zuständig. Und dem Publizisten Zinovij Scheinis, für den Staat Israel als Jude zuständig.

Scheinis erzählte grauenhafte Storys über die Zusammenarbeit. Die Coautoren zogen in verschiedene Richtungen wie der Krebs und Hecht in einer russischen Fabel. Semjonow wollte Israel verdammen, ohne in  Details zu gehen. Verdammen und Schluss nach dem klassischen sowjetischen Verfahren. Scheinis wollte dagegen Gründe, Argumente, Logik. Typisch jüdisch.  

Die Auseinandersetzungen gestalteten sich mitunter laut. Die Kooperation stand oft auf des Messers Schneide.

Aber zum Bruch kam es nicht. Höherer Auftrag, nichts zu machen.

Das Buch hatte im Westen eine schlechte Resonanz. Semjonow wurde Judenhass vorgeworfen. Mit Hinweis auf seine frühere Tätigkeit im sowjetischen AA.  Scheinis musste von verschiedenen Richtungen anhören: "Sie als Jude sollten...". Die einen meinten  damit, er sollte Israel mehr loben, die anderen - sich auf das Machwerk gar nicht einlassen.

6.

Dabei war seine Lage alles andere als rosig.

Aus dem Radio  fristlos entlassen, musste er das Schlimmste befürchten. Durch Erfahrungen in den Jahren des großen Terrors gewitzt, verschwand er aus Moskau. In einer mittelasiatischen Sowjetrepublik, wo gerade ein neues riesiges Bewässerungssystem gebaut werden sollte, fand er beim Bauchef, einem alten Bekannten, Unterschlupf. Nach Moskau kehrte er erst nach Stalins Tod zurück, als der Erbe des Tyrannen, Nikita Chruschtschow, die Schrauben lockerte.

In die Zeit fiel auch seine eingehende Beschäftigung mit dem Leben von Alexandra Kollontai. In vielerlei Hinsicht war es eine sinnvolle Sache. Dieser Figur hatte sich noch kein Autor zugewandt, da sie am Ende  bei Stalin doch in Ungnade fiel, nach Moskau beordert wurde und hier, der Vernichtung nur knapp entgangen, einsam und ohne Aufsehen starb.

Vorteilhaft für Scheinis war auch, dass ihr Leben immer wieder die jüngste deutsche Geschichte z. B. dadurch streifte, dass die sowjetische Botschaft in Stockholm, wo sie glänzte,  geheimer Anlaufpunkt  deutscher linksorientierter Emigration (Willy Brandt!) war. Dafür hatte schon Wladimir Semjonow gesorgt, der Scheinis unter dem Siegel der Verschwiegenheit manches anvertraute.

Auch war Scheinis mit  dem komplizierten Beziehungsgeflecht im sowjetischen AA noch aus der Vorkriegszeit vertraut, als er der Ressortleiter Außenpolitik der sowjetischen Gewerkschaftszeitung "Trud" war.

So kam  eine Kollontai- Biographie zustande, nicht besonders aufregend, aber durchaus lesenswert. Vor allem ein gelungener Drahtseilakt.   Ein beachtliches Lebenswerk wurde dargestellt, ohne dabei ins Fettnäpfchen zu treten. Das war nicht leicht,  da viele Neider und Missgönner der Frau, die sich ganz entgegen der sowjetischen Sitte weit aus dem Fenster gelehnt hatte, noch  in Amt und Würden  waren. 

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Ach, hätte er sich gefreut, die kollontaischen Aufzeichnungen aus den drei Jahrzehnten ihres bewegten Leben lesen zu dürfen,  auch ihm, ihrem Leibbiographen vermutlich verborgen, da top secret  eingestuft.

Ein deutscher Freund Russlands aus der RLS sagte über das Buch: : »Wir möchten mit diesem Projekt zur Verständigung zwischen Menschen in Russland und der Bundesrepublik beitragen, zum Verständnis von Geschichte, Traditionen und damit auch den Wurzeln für heutige und mögliche künftige Entwicklungen.«

Das matrjoschka- team, das seine ganze Tätigkeit auf das  obengenannte Ziel richtet, klatscht Beifall.     

DER MENSCH DENKT....WER LENKT?

(ÜBER E. HERESCHS PARVUS- BIOGRAPHIE*)

 

Im Mittelpunkt des umfangreichen (400 S.) Buches steht eine schillernde Persönlichkeit: Israil Gelphand alias Alexander Parvus, ein russischer Jude, der an der Jahrhundertwende und in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in der Schweiz, Österreich-Ungarn, der Türkei, Russland und vor allem in Deutschland umtriebig war. Er brachte es zu beträchtlichem, wenn auch zweifelhaftem politischem Ruhm und zu einem großen Vermögen. In der Geschichtsschreibung fand zumeist seine Rolle des Unterhändlers eine gespaltene Würdigung, der zwischen Lenin und dem deutschen kaiserlichen Generalstab vermittelte, als dieser sich entschloss, den bolschewistischen Führer, mit erheblichen Mitteln für die Propaganda gegen das Zarenreich ausgestattet, 1917 über die Front des Weltkrieges nach Russland zu schmuggeln. Für beide Kontrahenten hieß der Zweck der Übung zunächst einmal, das sich in Russland abzeichnende Chaos anzuheizen und sein Bündnis mit den Westmächten aufzubrechen. Von den weiteren Perspektiven hatten die Parteien unterschiedliche Vorstellungen. Das deutsche Militär wollte gewiss keine proletarische Weltrevolution, wovon Lenin und Genossen träumten.

 

Die Vermittlungsdienste von Parvus, seine übrige Tätigkeit, sein ganzes ereignisreiches Leben geben zweifelsohne viel Stoff für einen mitreißenden Schelmenroman. Weniger aber für die Vor- und Geschichte der russischen Revolution, das markanteste Ereignis des XX. Jahrhunderts. Obwohl einem Parvus in der russischen Tragödie auch eine Rolle zukommt. Allerdings übertreibt E. Heresch wohl, wenn sie ihn zu der Persönlichkeit aufbaut, die den Lauf der Ereignisse bestimmte, zu einer "grauen Eminenz" der Bolschewiken, sogar zum eigentlichen Promoter der Erhebung des russischen Volkes gegen die verfaulte Zarenselbstherrschaft und die zögerliche Provisorische Regierung, die dieser folgte.

 

Wollen wir es einem Biographen aber nicht verübeln, wenn er die Dimensionen verschiebt, weil er von seinem Helden fasziniert ist. Das Genre hat eben seine Besonderheiten. Der Büchermarkt übrigens auch.

 

Deshalb kann man ruhig auch ein Auge zudrücken, wenn die Autorin von der "Geheimakte" Parvus mit dem Eifer der Bahnbrecherin schreibt, obwohl die Akte in der russischen und deutschen Presse schon lange aufgeschlagen worden ist. Bereits zu Parvus` Lebzeiten und erst recht nach der Wende in der ehemaligen Sowjetunion, als früher unzugängliche Archive der KPdSU geöffnet wurden. In Deutschland erschien noch vor Jahren ein dokumentarischer Sammelband, der viele, davor zurückgehaltene Zeugnisse der Parvus`schen Aktivitäten enthielt. Und schließlich räumte diesen auch Alexander Solshenizyn in seinem Panorama der russischen Revolution "Das rote Rad" einen gebührenden Platz ein, insbesondere Parvus` Rolle bei Lenins Rückkehr aus dem schweizerischen Exil nach Petrograd im April 1917 und bei der Finanzierung der bolschewistischen Friedenspropaganda mit deutschem Geld.

 

Doch hatte die Autorin mehrerer Bücher über Russland (("Nikolaus II.", "Alexandra", "Rasputin", "Das Zarenreich", "Alexej, der Sohn des letzten Zaren", "Alexander Lebed" u.a.m.) wohl gewichtige Gründe, die Parvusstory wieder aufzugreifen und auszuschlachten. Die letzten Jahre zeigten dem breiten Publikum, dass der Lauf der Geschichte nicht nur durch langweilige Gesetzmäßigkeiten bestimmt wird, die in die Kompetenz der emsigen Polithistoriker, Volkswirtschaftler und Soziologen fallen, sondern auch durch viel amüsantere Vorgänge. Solche, die von unerklärten "Spenden" ausgelöst und von Geheimdiensten betreut werden. Nach dem mehr oder weniger plötzlichen Zerfall der Sowjetunion, der schlagartigen Abwicklung der realsozialistischen Staaten im sowjetischen Vorfeld, aber auch nach den jüngsten Ereignissen auf dem Balkan gibt es keinen Zweifel mehr an der großen Bedeutung jener Tätigkeit, die zuerst mal in "Geheimakten" ihren Niederschlag findet und, wenn überhaupt, erst Jahrzehnte später zum Gegenstand einer öffentlichen Erörterung wird. Das große Geld aus geheimen Quellen regiert auch zu unserer Zeit nicht nur in Bananenrepubliken. Nacht- und- Nebelaktionen spielen auch heute eine größere Rolle als Konferenzen hochkarätiger Politiker und Diplomaten. Die Schlapphüte agieren mit durchschlagendem Erfolg nicht allein in Fernsehthrillern.

 

Das Buch von E. Heresch zeigt noch etwas anderes, und gerade in dem Anderen liegt die meiste Spannung. Es zeigt, dass die spektakulären Erfolge der Geheimaktionen eine für ihre Urheber sehr unangenehme Kehrseite haben können. Konsequenzen, die nicht vorbereitet, erwartet und erwünscht sind. Nach dem Motto, der Mensch denkt, aber Gott (die Geschichte) lenkt. Und zwar nicht dahin, wohin man wollte. Eher schon in entgegengesetzte Richtung.

 

"Die Geheimakte Parvus" legt das am Beispiel der Novemberrevolution 1918 in Deutschland dar. Kaum hatten Parvus und Co (das wilhelminische Militär, Geheimdienste, das Auswärtige Amt und der Kaiser selbst) den Ausbruch Russlands aus der Front der Kriegsgegner und das herbeigesehnte Chaos im Zarenreich ausgekostet, gerieten sie selbst in Bedrängnis. Der von ihnen mit Parvus zusammen genüsslich aufgestellte und generalstabsmäßig ausgeklügelte Plan der Zerstückelung des Zarenreiches, der Ausbeutung der Natur- und Menschenressourcen Russlands und seines Zurückwerfens in die vorpetrinischen Grenzen erwies sich als Bumerang. Das Ergebnis der Verschwörung war trotz ihres zeitweiligen Erfolges, fixiert im imperialistischen "Friedensschluss" zwischen der Kaiser- und Leninregierung in Brest-Litowsk, keineswegs ein siegreiches, erstarktes, den europäischen Kontinent dominierendes, sondern ein zerschlagenes, besetztes, erniedrigtes, geplündertes Deutschland. Der Versailler Pakt von 1919, ausgehandelt zwischen den deutschen Politikern einerseits, die die Oktoberrevolution 1917 in Russland und auch die Novemberrevolution 1918 verrieten, und den Westmächten andererseits erinnerte sehr an den Brest- Litowsker Vertrag. In Versaille waltete dieselbe imperialistische Macht- und Raubgier wie in Brest-Litowsk, nur wurde diesmal Deutschland zu ihrem Opfer.

 

Die Rache der Geschichte hatte einen hochpolitischen Hintergrund. Die Westmächte, immer darauf erpicht, eine Annäherung zwischen Russland und Deutschland zu verhindern und separat abzuwickeln, nutzten die Situation, die zuerst Parvus und seine Komplizen mit der Einschleusung und Finanzierung Lenins, dann aber die vom Siegesrausch und Russenhass verblendeten deutschen Unterhändler in Brest-Litowsk herbeigeführt hatten. Mit dem total geschwächten, ins Chaos versunkene Russland im Rücken blieb dem Weimarer Deutschland nichts anderes übrig, als sich den wahren Siegern im Westen sklavisch zu beugen.

 

Auch diese Story hat wohl einen pädagogischen Wert. Ob absichtlich oder durch das aussagekräftige Material verführt, lässt E. Heresch durch ihre Aktenzitierung ein transparentes Bild der historischen Ereignisse entstehen, durch das die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart hindurchleuchten. Auch wenn sie nur punktuell stimmen, drängen sich Parallelen auf. So die zum Missbrauch der Friedensparole und des Völkerselbstbestimmungsgrundsatzes im Deal zwischen der deutschen kaiserlichen und der bolschewistischen Führung. Kaum hatten die kaiserlichen Generäle und Diplomaten das Ziel der Untergrabung der russischen Abwehrkraft erreicht, ersetzten sie das Palaver von Friede, Freude, Eierkuchen durch die zynische Sprache des Stärkeren, der aufs Ganze geht. Und der Selbstbestimmungsgrundsatz war nun ausschließlich dafür gut, den Zerfall, die Zerstückelung und Besetzung Russlands auf Hochtouren zu betreiben.

 

Selbstverständlich sind die Helden der Perestroika der achtziger und neunziger Jahre in der Sowjetunion mit Lenin und Genossen kaum zu vergleichen. Letztere gingen anderen weniger bereitwillig auf den Leim. Auch strebten sie erst an die Macht. Aber trotz aller Unterschiede klingt in der Gegenwart die Vergangenheit an. Die Parolen vom gemeinsamen europäischen Haus und vom neuen Denken ließen sich genauso gut missbrauchen wie die vom Frieden um jeden Preis. Und der Eiertanz um die Menschenrechte ist wohl die zeitgenössische Variante des Eiertanzes um das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Jedenfalls kann man sich schwer des Verdachts erwehren**, wenn man die langen und fast ohne Zwischentext aufeinanderfolgenden Zitate in den letzten Kapiteln von Hereschs Buch liest.

* Elisabeth Heresch. Geheimakte Parvus. Die gekaufte Revolution. Langen Müller. 2001. 400 S.

** Es kommt übrigens ein noch schlimmerer Verdacht auf. Obwohl der Autorin im Klappentext ziemlich unverhofft bescheinigt wird, sie wirke "der Legende vom jüdischen Bolschewismus" entgegen, fällt auf, dass sie in ihrem Buch fast ausschließlich bolschewistische Führer einer einzigen ethnischen Herkunft anführt. Damit der Leser über die Ethnizität sofort Bescheid weiß, wird neben den russifizierten "Künstler"namen der Figuranten in Klammern auf ihre Geburtsnamen hingewiesen. In einer Konsequenz, die man sonst nur in Publikationen aus den Jahren des Kampfes gegen den "Zionismus" in der Sowjetunion oder aus dem Dritten Reich in Deutschland kennt. Auch das strahlt natürlich aus der Vergangenheit in die Gegenwart, umso stärker, da Parvusse in Russland wieder am Werk sind (auch wenn sie andere Namen -Beresowski, Gussinski u.s.w.- tragen), und viel erfolgreicher als der Protagonist sind, dessen Lebensweg E. Heresch beschrieb.

   

Psychologie des Terrors

In keinem Land der Welt, ausgenommen Russland, wurde der russische Dichter Fjodor Dostojewski so viel übersetzt, ediert und auch inszeniert wie in Deutschland. Doch selbst angesichts dieser Vorgeschichte  beeindruckt  der gegenwärtige Dostojewski- Boom in deutschen Verlagsprogrammen und auch auf der Bühne. Der Grund liegt wohl in der auf den ersten Blick überraschenden Aktualität des Dichters aus dem späten XIX. Jahrhundert. Ein Werbetexter  der Volksbühne  am Rosa-Luxemburg- Platz verriet wohl kein Geheimnis, als er verkündete,  Dostojewskis Werke geben den Schlüssel zu psychologischen Hintergründen jenes Geschehens, das bereits mehrere Wochen die Welt in Atem hält. Er meinte natürlich vor allem den Roman „Die Dämonen“, dessen Inszenierung  in einer neuen Fassung das wohl am meisten besuchte Berliner Sprechtheater wieder in seinen Spielplan  aufgenommen hat. 

 

Tatsächlich  brauchen die Dämonen gar keine Modernisierung, um höchst aktuell zu wirken. Hier findet man viel, was tiefe Einblicke in die Psyche und die Verhaltenweisen der Terroristen ermöglicht. Jedenfalls einen viel tieferen als die Berichte der Tagesmedien. Die handelnden Personen sind zwar Russen und  Zeitgenossen des Schriftstellers, aber seine wohl in der ganzen Weltliteratur einmalige Gabe, die tief verborgenen Triebkräfte des menschlichen Handelns, auch und vor allem verbrecherischen Handelns aufzudecken, lässt sie als Zwillingsbrüder der Urheber der Katastrophe von 11. September auftreten.  Nach der Lektüre des Romans oder nach dem Theaterbesuch  versteht man, wie viel Unheil  das quälende Gefühl der Sinnlosigkeit des Seins, der verletzte Stolz der Gescheiterten und der religiöse Fanatismus anrichten können, wenn man den Verbrechern nicht entschlossen genug entgegengetreten wird.

 

Übrigens hilft Dostojewski auch, gegen die Ratlosigkeit, die sich im Zusammenhang mit den früher kaum vorstellbaren Attentaten breit machte. Auf die ewige russische Frage, was tun, gibt er eine Antwort, die zwar wirklichkeitsfremd erscheinen mag, aber genauso russisch ist wie die Fragestellung selbst. Und zwar heißt sie, dem Hass die Liebe entgegenzustellen. Die Liebe zu den Mitmenschen, worin Dostojewski den eigentlichen Sinn des Lebens sah.

 

Mögen andere zur Zeit in den deutschen Theatern laufende Inszenierungen von Dostojewskis Werken (z. B. „Erniedrigte und Beleidigte“ in derselben Volksbühne  oder die Lesung nach „Der Idiot“ im Berliner Maxim Gorki Theater) weniger unmittelbar mit dem Tagesgeschehen  korrespondieren, ihre Aufnahme

in die Spielpläne zeugt auch von ihrer Aktualität, zumal die Hinwendung  zu ihnen wenn nicht überstürzt, dann jedenfalls kurzfristig erfolgte.

 

Selbstverständlich sind auf der deutschen, insbesondere auf der Berliner Theaterbühne auch andere russische Autoren zu entdecken. Bezeichnend aber ist, dass sie sich auch durch psychologische Tiefe auszeichnen. Angefangen bei Tschechows „Die Möwe“ im Deutschen Theater bis hin zu einer Inszenierung der herrlichen  Novelle von „Moskau-Petuschki“ des erst vor einem Jahrzehnt gestorbenen Wenedikt Jerofejew im bereits erwähnten Maxim Gorki Theater. Sehr zeitgemäß und aktuell kommt einem auch   der Roman von Michail Bulgakow „Meister und Margarita“ vor, dessen Inszenierung das Berliner Hebbel-Theater ankündigte.

 

Auch das komische und gleichzeitig tiefsinnige klassische Bühnenstück von Nikolai Gogol  „Der Revisor“ (Schlossparktheater) erscheint angesichts der in dichter Folge der hiesigen Öffentlichkeit bekannt gewordenen sensationellen Korruptionsaffären  alles andere als verstaubt. Leider steht die Bühne selbst vor der Gefahr der Schließung, da die Kasse der Berliner Regierung, aus denen sie subventioniert wurde, leer ist.

 

Alles in allem haben die Deutschen reichlich Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass die russischen Dichter ihnen viel zu sagen haben. Auch von der Theaterbühne her.

In keinem Land der Welt, ausgenommen Russland, wurde der russische Dichter Fjodor Dostojewski so viel übersetzt, ediert und auch inszeniert wie in Deutschland. Doch selbst angesichts dieser Vorgeschichte  beeindruckt  der gegenwärtige Dostojewski- Boom in deutschen Verlagsprogrammen und auch auf der Bühne. Der Grund liegt wohl in der auf den ersten Blick überraschenden Aktualität des Dichters aus dem späten XIX. Jahrhundert. Ein Werbetexter  der Volksbühne  am Rosa-Luxemburg- Platz verriet wohl kein Geheimnis, als er verkündete,  Dostojewskis Werke geben den Schlüssel zu psychologischen Hintergründen jenes Geschehens, das bereits mehrere Wochen die Welt in Atem hält. Er meinte natürlich vor allem den Roman „Die Dämonen“, dessen Inszenierung  in einer neuen Fassung das wohl am meisten besuchte Berliner Sprechtheater wieder in seinen Spielplan  aufgenommen hat. 

 

Tatsächlich  brauchen die Dämonen gar keine Modernisierung, um höchst aktuell zu wirken. Hier findet man viel, was tiefe Einblicke in die Psyche und die Verhaltenweisen der Terroristen ermöglicht. Jedenfalls einen viel tieferen als die Berichte der Tagesmedien. Die handelnden Personen sind zwar Russen und  Zeitgenossen des Schriftstellers, aber seine wohl in der ganzen Weltliteratur einmalige Gabe, die tief verborgenen Triebkräfte des menschlichen Handelns, auch und vor allem verbrecherischen Handelns aufzudecken, lässt sie als Zwillingsbrüder der Urheber der Katastrophe von 11. September auftreten.  Nach der Lektüre des Romans oder nach dem Theaterbesuch  versteht man, wie viel Unheil  das quälende Gefühl der Sinnlosigkeit des Seins, der verletzte Stolz der Gescheiterten und der religiöse Fanatismus anrichten können, wenn man den Verbrechern nicht entschlossen genug entgegengetreten wird.

 

Übrigens hilft Dostojewski auch, gegen die Ratlosigkeit, die sich im Zusammenhang mit den früher kaum vorstellbaren Attentaten breit machte. Auf die ewige russische Frage, was tun, gibt er eine Antwort, die zwar wirklichkeitsfremd erscheinen mag, aber genauso russisch ist wie die Fragestellung selbst. Und zwar heißt sie, dem Hass die Liebe entgegenzustellen. Die Liebe zu den Mitmenschen, worin Dostojewski den eigentlichen Sinn des Lebens sah.

 

Mögen andere zur Zeit in den deutschen Theatern laufende Inszenierungen von Dostojewskis Werken (z. B. „Erniedrigte und Beleidigte“ in derselben Volksbühne  oder die Lesung nach „Der Idiot“ im Berliner Maxim Gorki Theater) weniger unmittelbar mit dem Tagesgeschehen  korrespondieren, ihre Aufnahme

in die Spielpläne zeugt auch von ihrer Aktualität, zumal die Hinwendung  zu ihnen wenn nicht überstürzt, dann jedenfalls kurzfristig erfolgte.

 

Selbstverständlich sind auf der deutschen, insbesondere auf der Berliner Theaterbühne auch andere russische Autoren zu entdecken. Bezeichnend aber ist, dass sie sich auch durch psychologische Tiefe auszeichnen. Angefangen bei Tschechows „Die Möwe“ im Deutschen Theater bis hin zu einer Inszenierung der herrlichen  Novelle von „Moskau-Petuschki“ des erst vor einem Jahrzehnt gestorbenen Wenedikt Jerofejew im bereits erwähnten Maxim Gorki Theater. Sehr zeitgemäß und aktuell kommt einem auch   der Roman von Michail Bulgakow „Meister und Margarita“ vor, dessen Inszenierung das Berliner Hebbel-Theater ankündigte.

 

Auch das komische und gleichzeitig tiefsinnige klassische Bühnenstück von Nikolai Gogol  „Der Revisor“ (Schlossparktheater) erscheint angesichts der in dichter Folge der hiesigen Öffentlichkeit bekannt gewordenen sensationellen Korruptionsaffären  alles andere als verstaubt. Leider steht die Bühne selbst vor der Gefahr der Schließung, da die Kasse der Berliner Regierung, aus denen sie subventioniert wurde, leer ist.

 

Alles in allem haben die Deutschen reichlich Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass die russischen Dichter ihnen viel zu sagen haben. Auch von der Theaterbühne her.

  

 

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