Ein russisch-deutsches Pärchen aus dem 18. Jahrhundert.         

 

 

 

 

 RUSSEN UND  DEUTSCHE

 

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1.POLITISCHE KULTUR 

PUTINA IN LÜBECK

 

Lübeck empfing die Teilnehmer des Internationalen Jugendforums „Baltischer Stern“. Aus elf Ländern waren sie auf einem Schiff angereist. Das Forum findet  unter dem Dach des Moskauer Zentrums zur Förderung der russischen Sprache unter Schirmherrschaft der Gattin des russischen Präsidenten statt.

 

Ljudmilla Putina besuchte das Stadthaus. Am Eingang wurde  sie von Doris Schröder-Köpf mit einem großen Strauß rosaroter Blumen begrüßt, auch die Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein Heide Simonis begrüßte sie.   

Ljudmilla Putina dankte der first lady Deutschlands und der Premierministerin für den freundlichen Empfang. Die Gattin des russischen Präsidenten sagte, durchaus nicht in allen Ländern zeigen die einfachen Bürger so reges Interesse für das Weltgeschehen wie in Deutschland. „In anderen Ländern geht man in der Menge unter, in Deutschland ist das unmöglich, was davon spricht, dass jeder Bürger dieses Landes am politischen Leben teilnimmt,“ sagte Ljudmilla Putina.  

Sie dankte auch Doris Schröder-Köpf für die Unterstützung solcher Aktionen wie „Baltischer Stern“. Die Begegnung der first ladies fand in sehr freundlicher Atmosphäre statt. Zuletzt sahen sich beide Damen eine Woche davor bei der Dreihundert-Jahrfeier Sankt Petersburgs in der Newa-Stadt. Die Gattin des deutschen Bundeskanzlers kam aus Hannover nach Lübeck, um  Putina zu treffen.

Im Rathaus trug sich Frau Putina ins Goldene Buch der Stadt ein. Hier überreichte ihr der deutsche Wissenschaftler Peter von der Ostensacken sein Buch „Offene Worte“ in russischer Sprache. Darin schildert der vierundneunzigjährige Wissenschaftler seinen Lebensweg. Er versucht, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu analysieren und zu Verständigung aufzurufen.  

Zum Abschluss der Begegnung erhielt Ljudmilla Putina von der Stadt  eine Vase mit Lübecker Symbolik und Lübecker Marzipan als Geschenk. Anwesend war der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Krylow. 

 

Strana.ru. 7.6.03

 

PS. matrjoschka-online.de verabscheut Hofberichterstattung. Spekulierend darauf, votierte Iwan Matrjoschkin, Esq., gegen die Veröffentlichung  des Berichtes auf der site. Aber die weiblichen Holzpuppen stimmten geschlossen dafür. Erstens, gefällt ihnen die  echte russische Weiblichkeit von Ljudmila. Zweitens, sind sie dafür, dass Frauen in der Politik möglichst viel zu sagen haben. Auch als first ladies. Sicherlich ist Wladimir Putin ein Macho. Aber vielleicht knackt  Ludmilla auch diese harte Nuss. Dagegen ist Doris eher eine zarte Pflanze... 

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Bersarin wieder Ehrenbürger

Der erste sowjetische Stadtkommandant in Berlin, Nikolai Bersarin, wurde  wieder in die Liste der Ehrenbürger der Stadt aufgenommen.

Obwohl die Verdienste des sowjetischen Generaloberst Bersarin als erster Kommandant Berlins nach der Befreiung der Stadt von der nationalsozialistischen Herrschaft nicht ernsthaft bestritten werden konnten, entschied der Berliner Senat nach der Wiedervereinigung der Stadt, wurde   das Andenken eines Mannes  Zeitgeist geopfert, eines, der die Berliner 1945 nicht etwa als Täter, sondern als Leidtragende des von Hitlerdeutschland verschuldeten Krieges sah und behandelte. Eines Generals, der große Leistungen nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Kampf gegen Hunger, Seuchen und Kriminalität auf deutschem Terrain  vollbrachte. Eines Berufsmilitärs der Roten Armee, dessen  von seinen Vorgesetzten nicht immer gebilligter Einsatz der Wiedereröffnung Berliner Theater nach dem Krieg,  der bevorzugten  Verpflegung  von hungernden deutschen Künstlern und Dichtern und der Aufnahme des Schulunterrichts  in Berlin galt. Nicht jeder General und Offizier der Roten Armee, von hochgestellten Angehörigen anderer Streitkräfte ganz zu schweigen, konnte sich so wie er in die Lage einfacher Menschen versetzen, egal welcher Nationalität. Der Sohn eines russischen Schlossers stand  den Klagen und Wünschen der Berliner Bevölkerung  offen. Immer für seine Muschkoten da, kannte er kein Pardon, wenn es um ihre Übergriffe gegen die Berliner ging.   

Als er unter nicht ganz geklärten Umständen am 16. Juni 1945 einundvierzigjährig tödlich verunglückte, war es ein schwerer Schlag nicht nur für seine Kameraden, sondern auch für jene Deutsche, die ihn näher kennen gelernt hatten. Es vergingen dreißig Jahre, bevor ihm in Ost- Berlin die Ehrenbürgerschaft  verliehen wurde. Um   fünfzehn Jahre später von politischen Konjunkturrittern in der wiedervereinigten Stadt aberkannt zu werden.

Jetzt ist die Ungerechtigkeit aus der Welt. Alle, die ein Zusammengehen von Russen und Deutschen gutheißen und deswegen für die restlose Beseitigung der Relikte des Kalten Kriegs sind, werden gewiss die Entscheidung des Berliner Senats begrüßen.  

11.2.03

ДРУЗЬЯ ПОЗНАЮТСЯ В БЕДЕ (FREUNDE ERKENNT MAN IM UNGLÜCK)

In Deutschland trafen Angehörige der verunglückten  Kinder und Jugendlichen aus Baschkortostan ein.  

Die deutsche Presse hebt das Entgegenkommen der deutschen Behörden hervor, das die zügige Abwicklung aller Formalitäten für die Eingeflogenen ermöglicht hat. Auch in jeder anderen Hinsicht wird hier alles getan, um die Folgen des Unglücks am Bodensee, soweit überhaupt möglich, aufzufangen. Am Ort der Flugzeugkatastrophe ist eine große Gruppe von deutschen Ermittlern tätig, die im Schulterschluss mit russischen Kollegen den Ursachen des Geschehens nachgeht. Die in einer Sitzung der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen werden ohne Verzögerung in Angriff genommen. Die Verantwortlichen sind im ständigen Kontakt mit baschkirischen Behörden und der russischen Botschaft in Berlin.

 

In den deutschen Medien fand die Stellungnahme von Bundeskanzler Gerhard Schröder gebührende Beachtung, der sofort nach dem Eintreffen der Hiobsbotschaft  mit  dem russischen Präsidenten Wladimir Putin
telefonierte  und ihm die Erschütterung sowie das Mitgefühl der
Bundesregierung ausdrückte. Der Kanzler bot Putin an, die sterblichen
Überreste der Opfer der Flugzeugkatastrophe in deren Heimat
überführen zu lassen.

Auch   in der deutschen Öffentlichkeit schlägt den Opfern eine Welle des Mitleids und der Solidarität entgegen. Dies widerspiegelt die neue Einstellung der  Deutschen auch im Westen des Landes zu Russland. Die Entwicklung der mannigfaltigen Kontakte auf allen Ebenen bewirkte, dass Russland auch in ihrem Weltbild nicht mehr ein fernes und exotisches, mitunter sogar ein feindseliges  Land ist, wie es als Folge der früheren Teilung Europas und Deutschlands noch vor wenigen Jahren war.  Die beiden Länder verbinden jetzt nicht nur gemeinsame Anliegen in der Politik, Wirtschaft und Kultur, sondern auch unzählige Bekanntschaften und Freundschaften zwischen einfachen Bürgern.

 

Auch Baschkortostan, eine russische Teilrepublik an der Wolga, in der Geschäftwelt Deutschlands  durch ihre reichen Erdölvorkommen bekannt, ist für die Deutschen längst kein weißer Fleck auf der Weltkarte . Unter anderen hat dazu der Verein „Freunde Baschkortostans“ beigetragen, der in Halle, Würzburg und  in anderen Orten für die Republik an der Wolga wirbt, gegenseitige Besuche vermittelt,  baschkirische Gäste empfängt und das Magazin „Baschkirien heute“ herausgibt.

 

Auf die Flugzeugkatastrophe, die Kinder und Jugendliche aus Baschkortostan in den Tod riss,  reagierte der Verein mit einer Erklärung. In dieser versichert er  den baschkirischen Freunden das Mitgefühl seiner Mitglieder, die  umso mehr trauern, da es sich bei den Opfern  um Kinder und Jugendliche aus der Partnerstadt Ufa, der Hauptstadt Baschkortostans, handelt. Liebe Freunde in Ufa, die Ihr Söhne, Töchter, Geschwister und Freunde verloren habt, wir sind in dieser schweren Stunde mit den Gedanken bei Euch!, heißt es in der Erklärung.

4.7.02

2.PETERSBURGER DIALOG 2002 u. 2001

PETERSBURGER DIALOG IN WEIMAR

In Weimar tagte eine neue Runde des Petersburgers Dialogs, einer ständigen Einrichtung zum Meinungsaustausch und zur Kooperation zwischen der russischen und deutschen Öffentlichkeit. 

Im weiteren wird darüber berichtet. Und zwar zuerst von Verhandlungen über russische Schulden.  

Russland zahlt ...

Vorwort von Matrjoschka:

 

Wir, die Holzpuppen, schämen uns wegen der Undankbarkeit unserer ehemaligen Landsleute. Kaum erließ Deutschland ihnen ein Gutteil der Altschulden, speien sie Gift und Galle im Runet. So bringt die Seite presscenter.ru folgenden Beitrag eines gewissen Iwan Mitritschs.

 

In Berlin und Moskau wird  frohlockt: Das Schuldenproblem ist gelöst, Friede, Freude, Eierkuchen!

 

Auf den ersten Blick tatsächlich ein Durchbruch. Anstatt der geforderten sechs Milliarden Dollar muss Russland "nur" 500 Millionen Euro zahlen, und auch das in drei Jahren - Peanuts.

 

Warum aber hat Schröder sich plötzlich erweichen lassen? Noch vor einem Jahr forderte er sechs Milliarden und keinen Pfennig weniger. Jetzt hat er sich mit einem Zwölftel der Summe abspeisen lassen.

 

Vielleicht hat das Entgegenkommen einen einfachen Hintergrund. Vielleicht hat der Bundeskanzler begriffen, dass die viel beschrieenen russischen Schulden eine Seifenblase sind. Eine Seifenblase, die die Deutschen selbst aufgeblasen haben, und zwar in der DDR, kurz vor der Wiedervereinigung.

 

Der Handel zwischen der DDR und der Sowjetunion, die Quelle der vermeintlichen Schulden, war kein Handel im üblichen Sinn. Die Maschinen und andere DDR-Waren bezahlte die Sowjetunion nach normalen Preisen, die Energieträger und die Rohstoffe aus der Sowjetunion bezahlte die DDR nach stark reduzierten Preisen. Wie auch im Handel mit anderen Bruderländern, war es ein Honorar für Liebesdienste. Ein Drahtseil, an dem die DDR gehalten wurde, sonst wäre vielleicht das, was 1989 passierte, viel früher geschehen.

 

Als man im Kreml begriff, dass die DDR trotzdem heim ins Reich will, wurden die sowjetischen Lieferungen gestoppt. Etwa nach dem Motto: Wenn Ihr so gemein seid, seht selbst zu, wie Ihr zurecht kommt.

 

Die Maschinen und alles andere aus der DDR wurden trotzdem weiter geliefert. Verständlicherweise: Wo sonst hätten sie Absatz gefunden?

 

Gemein daran war, dass die fehlenden Lieferungen als Schulden aufgeschrieben wurden und doppelt gemein: in Geld ausgedrückt, nicht nach den alten reduzierten sowjetischen, sondern nach den aktuellen Weltmarktpreisen. So schnellte die angebliche Schuld  in die Höhe.

 

Selbstverständlich hätte Gorbi, als er mit Kohl über die deutsche Wiedervereinigung verhandelte, als Vorbedingung Schuldenerlass fordern können, aber er hatte keine Lust dazu. Er dachte ja nur daran, wie er möglichst schnell den Nobelpreis bekommen kann und den Titel des besten Deutschen.

 

1992 hat sein Nachfolger die Schuldenlast von sechs Milliarden Dollar anerkannt. Auch er wollte die Freundschaft mit Helmut Kohl nicht mit Feilschen trüben. Und wann sollte er feilschen? Zwischen den Saufgelagen hatte er starken Kater.

 

Der legendäre Kohl übte Mäßigung, sonst hätte er vom großzügigen Zaren Boris nicht sechs, sondern 60 Milliarden Dollar verlangt. Die gemeinsamen Saunabesuche und das Saumagenessen waren dem Freund Boris auch den Haufen Geld wert.

 

Sonst hätte er Freund Helmut eine lange Gegenrechnung vorlegen können: Flugplätze, Brücken und Strassen, Panzer und Flugzeuge. Das ganze sowjetische Erbe in Deutschland, das die Hals über Kopf abziehende Westgruppe der russischen Streitkräfte hinterließ, und was zum Teil auch jetzt von der Bundesrepublik genutzt wird. Vielleicht hätte dann nicht Russland an Deutschland, sondern Deutschland an Russland zahlen müssen.

 

Wir wissen nicht, wie  über die russischen Schulden verhandelt wurde. Das Witzige dabei ist, dass an dem "schicksalhaften" und "historischen" Treffen Michail Gorbatschow teilnahm, derjenige, der das Schuldnerproblem erst entstehen ließ. Der beste Deutsche aller Zeiten. Er stand zwischen Putin und Schröder und strahlte glückselig: wieder war er dabei!

...Ende gut, alles gut. Deutschland erhält Geld, allerdings viel weniger als gefordert. Russland kann auch zufrieden sein. Die Liebesabenteuer seiner Oberen kosteten es weniger als befürchtet.

Das ist die nüchterne Bilanz. Wir dürfen zufrieden sein. Aber frohlocken? Worüber eigentlich?

15.04.02

                    

 

JALTA? RAPPALLO? WEIMAR!

 

NOCH EINE STELLUNGNAHME DER MATRJOSCHKA-ONLINE-MEDIEN-HOLDING

 

In Weimar gingen das jüngste  russisch-deutsche Treffen auf höchster Ebene und das Petersburger Forum zu Ende. Aus allen berufenen Mündern tönt es, sie seien erfolgreich verlaufen.

 

Wie schön!

 

Wohin aber soll  der in Weimar eingeschlagene Weg führen? 

 

Unsere Medien-Holdung hat eine bestimmte Vorstellung  darüber.

 

Bevor wir diese vermitteln, möchten wir aber daran erinnern,  dass die jüngste Geschichte  zwei Grundmodelle der deutsch-russischen Beziehungen kennt.

 

Rappallo. In dieser italienischen Stadt wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein Abkommen zwischen den zwei Kriegsverlierern Deutschland und Russland  geschlossen, das einer Frontbildung gegen die Siegermächte gleichkam. So durfte die deutsche Reichswehr an der Wolga die ihm von den Siegermächten verbotenen Waffen erproben  und das Personal trainieren. 

 

Jalta. Als sich der Sieg der  Antihitlerkoalition im Zweiten Weltkrieg abzeichnete, sprachen in diesem Kurort  auf der Krim die zukünftigen Sieger die Behandlung des Besiegten ab. Nach dem Vollzug sollte Deutschland klein, schwach und zerrissen sein. Dass es anders kam, verdankte es dem nächsten, dem Kalten Krieg zwischen den Siegermächten. 

 

Sowohl Rappallo als auch Jalta bekamen Russland schlecht. Die deutsche Panzer- und Luftwaffe, die dank Rappallo entstand, ermöglichte der aus der Reichswehr hervorgegangenen Wehrmacht den Marsch bis zur Wolga. Und die Behandlung Deutschlands nach Jalta-Maßgabe trug zur Niederlage Russland im Kalten Krieg bei.

 

Deshalb lehnen wir beide Modelle- „Rappallo“ und „Jalta“- entschieden ab.   

 

Seine global vernehmliche Stimme  erhebt unser Medienkonsortium  für das dritte Modell. Weimar. Das Modell der deutsch-russischen Beziehungen, die zwar besonders eng und vertrauensvoll sind, sich dennoch  in das breite Geflecht der gewachsenen internationalen Integration  des Abendlandes nahtlos einfügen.

 

Hoffen wir, dass der Prozess in Weimar-  wie   Gorbi sagt- „пошел“, also bereits in Gang gesetzt  ist. Hoffen wir darauf, aber nicht mit gefalteten Händen.

 

Unser Vorstand hat alle Mitarbeiter aufgerufen, in einen Wettbewerb um den besten Beitrag zur weiteren Stärkung der russisch-deutschen Beziehungen innerhalb der EU und NATO zu treten.

 

P.S. Alle nahmen die Herausforderung begeistert an. Außer Iwan Matrjoschkin, Esq., der einen Vorschuss auf den ausgelobten Preis verlangte.

 

14.04.02               

Offizielle Stellungnahme des matrjoschka-Konzerns

 

Das matrjoschka-team freut sich  über die Ergebnisse der deutsch-russischen Konsultationen auf höchster Ebene und des Petersburger Dialogs in Weimar. Tatsächlich scheint alles paletti zu sein. Das Problem der sogenannten Transferrubelschulden Russlands aus dem Handel der Sowjetunion mit der  DDR  gelöst. Russland hat sich verpflichtet, 500 Millionen Euro an Deutschland zu zahlen. Im Gegenzug erhöhte Deutschland den Umfang der Hermes-Bürgschaften für den Handel mit Russland auf eine Milliarde Euro. Das soll den kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland den Handel mit Russland erleichtern. Und das Herz der Holzpuppen schlägt nun mal  für die Kleinen und die Mittleren  und nicht für die Haifische des Großkapitals, die auf Bürgschaften nicht angewiesen sind.

Das Problem der sogenannten Transferrubelschulden Russlands aus dem Handel der Sowjetunion mit der  DDR  gelöst. Russland hat sich verpflichtet, 500 Millionen Euro an Deutschland zu zahlen. Im Gegenzug erhöhte Deutschland den Umfang der Hermes-Bürgschaften für den Handel mit Russland auf eine Milliarde Euro. Das soll den kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland den Handel mit Russland erleichtern. Und das Herz der Holzpuppen schlägt nun mal  für die Kleinen und die Mittleren  und nicht für die Haifische des Großkapitals, die auf Bürgschaften nicht angewiesen sind.

Noch besser sieht die politische Bilanz aus.  Deutschland versprach,  Russlands Annäherung an die NATO und die Europäische Union  vorbehaltlos zu unterstützen. Auch das Mitspracherecht Russlands in der NATO, natürlich nur wenn es nicht gerade um die intimen Angelegenheit der Allianz geht.


Die Vertiefung der Beziehungen beider Länder und der partnerschaftlichen Beziehungen Russlands zu Europa sei von existenzieller Bedeutung, weil es ohne enge Partnerschaft zwischen Russland und der NATO und der EU keinen dauerhaften Frieden in Europa geben könne, tönte von ganz oben.   Der deutsch-russischen Partnerschaft komme dabei eine Vorreiterrolle zu. 

"Hier beginnt der Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa", sagte   der russische Präsident- und die Holzpuppen stimmen ihm zu. Sogar Iwan Matrjoschkin , Esq., der behauptet, mit dem NATO- Generalsekretär Lord Robertson auf du und du zu stehen, was sicherlich Quatsch ist.

Auch sind wir sehr mit den Ergebnissen zufrieden, die auf  zweithöchster Ebene erzielt wurden. Wir meinen die Ministerebene. Die Außenminister Deutschlands (der in Turnschuhen) und Russlands (der korrekt gekleidete und beschuhte) erörterten in Weimar unter anderem internationale Strategien zur Entschärfung der Lage im Nahen Osten. Sehr aktuell! Die Innenminister stimmten ihre Aktivitäten zur Bekämpfung der internationalen Kriminalität sowie des Terrorismus ab. Auch gut! Finanzminister Eichel  versprach seinem russischen Kollegen  die Unterstützung Russlands bei Bewerbung   für die
Welthandelsorganisation. Überfällig! Die Wissenschaftsstaatssekretäre vereinbarten    Zusammenarbeit  in der Biotechnologie.

 

Stop! Aber nein, auch hier haben wir keine Bedenken. Wir glauben nicht, sie wollen  die Menschen  klonen. Und wenn! Wir vermehren  uns anders und zwar so wie die Bäume und Sträucher. Also durch Knospen. Da fürchten wir kein Klonen!

Kurzum, wir sind sehr zufrieden! Das einzige, was uns zur vollen Glückseligkeit fehlt, ist die Gewissheit, dass die innige deutsch-russische Freundschaft jene Nachhaltigkeit erfährt, die in Deutschland zu anderen Anlässen immer wieder beschworen wird. Dass das Ganze kein Strohfeuer ist. Dass die Deutschen wegen des Alleinganges, der eigentlich gar nicht stattfand, keine Abreibung kriegen. Und dass sie, wenn ihnen die Abreibung  erteilt wird, standhaft bleiben. Wie wir, die russischen Holzpuppen.

10.04.02  

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Bericht aus Weimar


Seit gestern verläuft der deutsch-russischer Dialog in Weimar auf zwei Ebenen. Die eine erlaubt den ca. hundertfünfzig Politologen, Wirtschafts- und Kulturexperten und, last noch least, Kollegen aus Massenmedien- einen Meinungsaustausch, bei dem kein Wort auf die Goldwaage gelegt werden muss. Parallel dazu laufen Konsultationen zwischen Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin. Die gegenwärtigen deutsch-russischen Beziehungen machten den fließenden Übergang von einem Dialog zum anderen möglich. So beschäftigten die Probleme, die von den Repräsentanten der Öffentlichkeit zum Teil kontrovers erörtert wurden, auch Putin und Schröder, die natürlich viel mehr Möglichkeiten haben, diese zu lösen oder mindestens der Lösung näher zu bringen. Was auch gut gelingt, wovon die einvernehmliche Entwirrung des komplizierten Knotens der russischen Schulden an Deutschland zeugt, einer von der ehemaligen Sowjetunion geerbten Belastung Russlands.

Allerdings wurden auch die Verhandlungen zwischen den very important persons in aufgelockerter Atmosphäre geführt, die besonders fruchtbar ist, wenn die Wünsche einer Seite nicht nahtlos ins Konzept der anderen passen. Dazu gehört zum Beispiel die Integration Russlands in die westlichen Staatengemeinschaften, wie die E
U, die NATO, die Welthandelsorganisation. Es ist kein Geheimnis, dass den Wünschen Russlands hier gewisse Bedenken des Westens entgegenstehen. Umso mehr ist zu schätzen, dass Deutschland, wie Schröder unmissverständlich zum Ausdruck brachte, in seinen Gesprächen mit den Bündnispartnern das Bestmögliche tun will, damit Russland nicht außen vor bleibt. Nach den Äußerungen der deutschen Seite,
versteht sich Deutschland als Impulsgeber und Motor der
Russlandpolitik der Europäischen Union und der NATO. Die
Bundesregierung unterstützt die Integration Russlands als gleichberechtigter Partner in die
internationalen Strukturen. Eigentlich ist es folgerichtig, weil gerade Deutschland aus eigener Erfahrung die Verlässlichkeit und den guten Willen Russlands besser als jedes andere Land des Westens kennt. Insbesondere nach dem Wechsel im Kreml vor zwei Jahren. 

Wie gut die wichtigsten Repräsentanten beider Länder einander verstehen, mehr noch- wie sie sich mögen, konnte ganz Deutschland am Dienstag Abend erleben, als sie an einer populären Talkshow im ersten Programm des Deutschen Fernsehens teilnahmen. Die Talkshow, die sonst eher der Privatsphäre der Prominenten gilt, wurde diesmal zu einem Politikum. Nicht etwa deswegen, weil sie ihrem Genre untreu wurde, sondern weil die gegenseitige Sympathie auf eine Weise sichtbar wurde, die keinen Zweifel an ihren tiefen Wurzeln ließ. Und im Zusammenhang damit musste auch Putins Versicherung überzeugen, dass die Russen überhaupt den Deutschen gegenüber positiv gestimmt sind. Sie erinnern sich gut ans deutsche Engagement in Russland im Laufe von Jahrhunderten und vertrauen darauf, dass die tragischen Abschnitte der gemeinsamen Vergangenheit endgültig bewältigt sind. 

Wie wirksam die mentalen und emotionalen Momente der stattfindenden Gespräche auch sein mögen, es gibt natürlich auch handfeste Gemeinsamkeiten, die beide Länder zusammenschweißen sollen. Vor allem die nationale Sicherheit, die, wie auch mehrmals zur Sprache gebracht wurde, nur miteinander gewährleistet werden kann. Auch die Abwehr des internationalen Terrorismus fällt darunter, dessen tschetschenisches Areal mit all seiner Gefährlichkeit Putin in dem erwähnten Fernsehauftritt beschrieb. Auch auf ein anderes von den deutschen Medien gern behandeltes Thema ging er ausführlich ein, und zwar aufs Verhältnis zwischen der Staatsmacht und den Massenmedien in Russland. Im Übrigen gingen die Russen auch in der Weimarhalle, wo sich die Öffentlichkeit traf, auf die Prozesse ausführlich ein, die in der deutschen Berichterstattung aus Russland für die meisten Schlagzeilen sorgen. Insofern erwiesen sich die in den deutschen Massenmedien vielfach geäußerten Vermutungen als gegenstandlos, die russischen Gäste in Weimar würden den heiklen Fragen ausweichen.

Einen Schwerpunkt des letzten, des heutigen Tages des Petersburger Dialogs wie auch der Konsultationen auf höchster Ebene bildet die Erörterung von Wirtschaftsfragen. Bereits in ihrem Vorfeld brachte der Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, Klau
s Mangold, seine Genugtuung darüber zum Ausdruck, dass der Stau im beiderseitigen Handel überwunden ist. Tatsächlich stieg das Volumen in den letzten zwei Jahr um ca. 80 Prozent. Ein Ergebnis, das vor dem Hintergrund der weltweiten Rezession besonders beeindruckt und die Bedeutung der deutsch-russischen Wirtschaftskooperation für die Bekämpfung der steigenden Arbeitslosigkeit in Deutschland unterstreicht. Weniger erfreulich entwickeln sich die direkten Investitionen Deutschlands in die russische Wirtschaft, sie bleiben weit unter dem Niveau der deutschen Beteiligung in anderen Ländern Osteuropas. 

Der Grund dafür liegt, wie in der Arbeitsgruppe des Petersburgers Dialogs für Wirtschaft festgestellt wurde, im mangelnden Vertrauen der deutschen Unternehmer in die
russischen
Reformen. Auch in dieser Hinsicht kann die Weimarer Runde Fortschritt bringen, weil sie den Deutschen die Gelegenheit gab, sich den neuen russischen Eliten auf Tuchfühlung zu nähern. Eine Voraussetzung der weiteren Fortschritte in den Beziehungen. Und nicht nur in der Wirtschaft. 
10.4.02

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Der erste Tag der Veranstaltung in Weimar zeigte sowohl die Stärke als auch die Defizite des Petersburgers Dialogs. Die Stärke besteht darin, dass zu den in Weimar angereisten Delegationen viele wichtige Repräsentanten beider Länder gehören. Sie sind in Arbeitsgruppen eingeteilt, die nahezu alle wichtigen Bereiche der staatlichen Aktivitäten abdecken. Das bezeugt, welche große Bedeutung der Entwicklung der Zusammenarbeit in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und informativer Tätigkeit beigemessen wird. 

Dennoch besteht die eigentliche Aufgabe des Petersburger Dialogs nicht so sehr darin, dass die von der Politik engagierten Experten, seien sie noch so kompetent, ein zusätzliches Dach für ihre Gespräche finden. Viel mehr ging es von Anfang an darum, eine neue, für die breite Öffentlichkeit zugängliche Brücke zwischen Deutschland und Russland entstehen zu lassen. Das ist wichtig. Nur wenn die gegenseitigen Sympathien gestärkt, aber auch die noch vorhandenen Vorurteile zurückgedrängt werden, erhält die deutsch-russische Kooperation eine breite Grundlage. Die Launen des politischen Wetters sollen durch die tiefe Verwurzelung der Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg in der Bevölkerung beider Länder notfalls konterkariert werden können. Deshalb stieß die Initiative des deutschen Bundeskanzlers und des russischen Präsidenten auf eine einhellige Zustimmung der Öffentlichkeit. 

Dieses Ziel ist aber vom Petersburger Dialog bei weitem nicht erreicht
worden
. Das zeigte gleich der erste Tag der Weimarer Runde, dessen sehr knapp bemessene Tagungszeit durch Stellungnahmen mehr oder weniger bekannter Profis ausgefüllt wurde. Selbstverständlich schadet es nicht, ein übriges Mal darauf hinzuweisen, dass Deutschland und Russland alle Voraussetzungen für ein Zusammengehen beim Ausbau des vereinten Europas haben und große Verantwortung für Frieden und Sicherheit, Demokratie und Menschenrechte, Liberalisierung der Wirtschaft und Wohlergehen der Länder auf unserem Kontinent tragen. Auch der Austausch von Einwänden, zum Beispiel gegenüber dem russischen Vorgehen in Tschetschenien oder der NATO- Osterweiterung ist hilfreich für die bessere Verständigung. Neues ließ sich dennoch am ersten Tag der Weimarer Runde nicht vernehmen. Verständlicherweise, da die Redner auch vorher reichlich Gelegenheit hatten, ihre Standpunkte in der Presse oder auf Konferenzen darzulegen. 

So gab es auch viel Kritik an der Gestaltung dieses wichtigen Treffens. Sowohl in der Weimarhalle selbst, als auch in den deutschen Medien wurde Bedauern darüber geäußert, dass es unter den Teilnehmern wenig neue Gesichter gab. Vor allem aus den Nichtregierungsorganisationen, die, obwohl nicht immer konstruktiv und erst recht nicht immer bequem, nun mal in einer zivilen Gesellschaft ihren Platz haben müssen. 

Von einigen Teilnehmern des Weimarer Treffens und Berichterstattern in deutschen Medien wurde allerdings die Ansicht geäußert, dass die Defizite nicht überbewertet werden dürfen. Wie der Vorsitzende des deutschen Lenkungsausschusses Peter Boenisch hervorhob, ist der Petersburger Dialog keine Eintagsfliege, sondern für viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gedacht. Wie die Zivilgesellschaften selbst, ist er ausbau- und korrekturfähig. Die tatsächlichen oder auch vermeintlichen Mängel dürfen nicht dazu missbraucht werden, die  konstruktive Idee selbst in Verruf zu bringen. Leider aber lassen manche Äußerungen in den deutschen Medien darauf schließen, dass es nicht ausgeschlossen ist. 

Insgesamt aber überwog am ersten Tag der Weimarer Runde die optimistische Sich auf die deutsch-russischen Beziehungen, auf die Entwicklung in Russland und in diesem Zusammenhang auch auf die Zukunft des Petersburger Dialogs. Wie Peter Boenisch sagte, wird der Sonnenschein in den gegenwärtigen deutsch- russischen Beziehungen vor dem Hintergrund der düsteren internationalen Atmosphäre insgesamt besonders deutlich wahrgenommen. 

9.4.02

UNSERIÖS

 

Unseren  lieben Lesern haben wir bereits die Seite www.Petersburger-Dialog.de wärmstens empfohlen. Informativ, objektiv, unterhaltsam.

Ich möchte  das Augenmerk auf einige besonders positiv auffallende Gedankengänge auf der site lenken.

Als erstes in einem Gespräch, das der deutsche Botschafter in Moskau mit einem deutschen Journalisten führte. Der Gespräch ist betitelt: „Am Ende von Weimar steht nicht Königswinter.“  Wie wahr! Tatsächlich herrscht in Königswinter, wo sich die britische und die deutsche Öffentlichkeit bereits mehrere Jahre  ein Stelldichein gibt, eine ganz andere Atmosphäre als die beim Petersburger Dialog.  Die unterkühlten Eierköpfe aus England reden so, dass kein normaler Mensch sie versteht. Lauter Intellektualismus. Lauter Understatemens.

Dagegen ist zu hoffen, dass sich die Atmosphäre  der deutsch-russischen   Gespräche allmählich lockert. Dass in den Sitzungen die Rufe „Druschba- Freundschaft!“ ertönen.  Dass umarmt und dreimal geküsst wird. Und  Wodkagläser immer wieder aufgefüllt werden.  Das bringt Völker viel näher, als die intellektuellen Spinnereien.

Also steht am Ende von Weimar tatsächlich kein Königswinter. Dafür aber ein Königsfrühling! Und  wir freuen uns mächtig darauf.

Den zweiten Höhepunkt  liefert Herr Michail Margelow aus Moskau. Er ist nicht irgendwer. In Weimar ist er russischer  Koordinator der außenpolitischen Debatte, sonst  der außenpolitische Sprecher des Oberhauses des russischen Parlaments. In einem Gespräch für die site unter dem Titel „Die USA schützen die Südgrenze Russlands“ äußert er sich sehr zufrieden darüber, dass die USA an der Südgrenze Russlands eine Kette von Militärstützpunkten errichteten. Die Zufriedenheit ist leicht nachvollziehen. Ist doch das USA- Militär dafür bekannt, dass es fremde Grenzen schützt. Insbesondere im Orient.

Es wäre angebracht, würde sich Herr Margelow dafür einsetzen, dass Russland sich dankbar erweist. Zum Beispiel mit  dem Schutz  der Südgrenze der USA. Bekanntlich haben  die USA auf ihrer Südgrenze dieselbe Probleme wie Russland: illegale Einwanderung, Drogenschmuggel u.s.w. So haben sich die russischen Boys (vor allem die  mit Tschetschenienerfahrung) im Grenzschutz  gut geübt.  

Wenn  Herr Margelow in Weimar meine Anregung aufgreift,  braucht er mich nicht zu erwähnen. Gott behüte! Soll er selbst alle Lorbeeren ernten.

Den dritten Gedankenblitz von der Seite www.Petersburger-Dialog.de fand ich in den Ausführungen von Michail Gorbatschow. Die Wahl Weimars als Tagungsort führte er, seine Sympathie für die neuen Bundesländer hervorhebend, darauf zurück, dass  die neuen Bundesländer in den Prozess der Erweiterung deutsch-russischer Beziehungen einbezogen sein sollen.  Wie großzügig!

Wenn die Russen  den neuen Bundesländern  lukrative Aufträge erteilen, damit sich die am Boden liegende Wirtschaft  aufrappeln kann, ist  das Glück Ostdeutschlands perfekt.  Es wird nämlich gemunkelt, die Aufträge machen einen Bogen um die neuen Bundesländer. Wenn sie überhaupt kommen.

Trotzdem  zweifle ich nicht im geringsten daran, dass Gorbis Äußerungen  in den neuen Bundesländern viel Zustimmung  finden.  Hier lodert die Liebe zu ihm besonders hoch. Schließlich ist nicht vergessen, wie viel er als Präsident der Sowjetunion geleistet hat, damit bei der  deutschen Wiedervereinigung  Ostdeutschland nicht zu kurz kam. Seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet können nur mit der exzellenten Absicherung der russischen Interessen in seiner Amtszeit verglichen werden...

Zuletzt will ich nicht verschweigen, dass mein Standpunkt  in unserem Team nicht nur auf Zustimmung stößt. Eigentlich teilt ihn nur Iwan Matrjoschkin, Esq.,  vermeintlicher Freund des Lord Robertson of Port Ellen...

 

Mit herzlichen Grüssen,

 

PUTINS GASTGESCHENK

Die russische Staatsduma nahm ein Gesetz an, das vielleicht einen Durchbruch im alten  deutsch-russischen Streit  über  Beutekunst andeutet. Sie billigte die Rückgabe der mittelalterlichen Buntglasfenster aus der Marienkirche in Frankfurt/Oder.  Bis dato weigerten sich die russischen Gesetzgeber grundsätzlich,  der Restitution zuzustimmen.  Sie beriefen sich auf  große Verluste Russlands im Zweiten Weltkrieg, als die Sonderkommandos, der vorrückenden Wehrmacht auf der Spur,  russische Kunstschätze raubten. Am Ende des Krieges taten die „Kunstfreunde“ in russischer Uniform auf Stalins Befehl dasselbe. So kamen Schätze von unermesslichem Wert aus Russland nach Deutschland und umgekehrt. Wobei Deutschland als Verlierer des Krieges viel größere Verluste erlitt.

So landeten auch  die Fenster aus Frankfurt/Oder in der Petersburger Eremitage.

Die erbeutete Malerei aus den Dresdener Kunstsammlungen wurde allerdings bereits nach dem Krieg an die  DDR als Geste der Freundschaft zurückgeführt.

Mit der Rückgabe  der Fenster aus Frankfurt sichert sich Putin eine glaubwürdige  Ausgangslage bei den anstehenden Verhandlungen   über die Beutekunst  in Weimar.  Die von ihm jetzt stärker denn je  kontrollierte Duma wird wohl nach ihrem „a“ auch „b“ sagen müssen und den weiteren  Restitutionen zuzustimmen.  

P.S.    Das kunstbegeisterte matrjoschka-team freut sich. Die Spitzenleistungen  der Kunst dürfen nicht hin und her geschoben werden und für die Untaten  kriegslüsterner  Staatsmänner  haften. Allerdings wäre die Freude noch größer,  würde 1) Russland mit einer angemessenen Gegenleistung gedankt  werden und 2)  die Amis die in Deutschland nach dem Krieg  geraubte Kunst auch rausrücken.

6.4.02

PRESSEKONFERENZ IN BERLIN ZUM PETERSBURGER DIALOG

 

In einer Pressekonferenz in Berlin erläuterte Michail Gorbatschow seine Sicht auf den Petersburger Dialog, ein Forum der deutschen und russischen Öffentlichkeit, dessen nächste Runde am 8. April in Weimar beginnt und drei Tage dauert. Seinen Auftritt  leitete Michail Gorbatschow, der dem russischen Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs vorsteht, mit  einer  Einschätzung der Entwicklung in Europa seit Beendigung des Kalten Krieges und Überwindung der Ost- West Konfrontation ein. Er meinte, die durch die Wende eröffneten Aussichten auf ein engeres Zusammenrücken Russlands und der anderen europäischen Staaten  werden recht zögerlich wahrgenommen. Der Annäherungsprozess vollzieht sich zu langsam. Die politischen Taten halten mit begrüßenswerten Absichtserklärungen nicht immer Schritt. Das führt zu beträchtlichen Defiziten  in der internationalen Zusammenarbeit, insbesondere zwischen Deutschland und Russland. Wäre auf beiden Seiten mehr Mut und Initiative vorhanden, könnte viel mehr  erreicht werden.

 

Gorbatschow plädierte für ein neues Format der Beziehungen zwischen Russland und der EU und auch zwischen Russland und der NATO.  Die Überwindung der unbegründeten Zurückhaltung würde unter anderem auch die globale Position Europas stärken.

 

In diesem Zusammenhang wies  Gorbatschow  darauf hin, wie wichtig es ist, dass nicht nur Staatsmänner und Parteipolitiker, sondern Vertreter der Zivilgesellschaften beider Länder am Petersburger Dialog teilnehmen. In den Meinungsaustausch soll besonders die Jugend einbezogen werden.

 

Geschehe dies nicht, würde der Petersburger Dialog zu einem Altersheim für Staatsmänner a.D. degenerieren, sagte Gorbi.

 

Die Gedanken unterstützte   der Vorsitzende des deutschen Lenkungsausschusses  Peter Boenisch. In seiner Stellungnahme auf der Pressekonferenz hob er  besonders hervor, dass das  Forum von seinen Gründern für Jahrzehnte hinaus gedacht worden ist. Es soll immer mehr Bürgerinitiativen, darunter auch Nichtregierungsorganisationen, in seine Tätigkeit  integrieren und somit dem Verständnis zwischen Russen und Deutschen gute Dienste leisten. Peter Boenisch stellte zufrieden fest, dass die weitere Annäherung zwischen Russland und Deutschland von der deutschen Bevölkerung zunehmend für wünschenswert und realisierbar gehalten wird.

 

Die Weimarer Runde des Petersburger Dialogs, die der Petersburger Runde vom vorigen Jahr folgt, sieht den Meinungsaustausch in sechs Arbeitsgruppen vor. Es wird  ein breites Spektrum von Fragen diskutiert. Darunter die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit und die Rolle der Medien.

 

Auch  Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin kommen nach Weimar. Den  deutsch-russischen Konsultationen auf höchster Ebene wird in Deutschland viel Bedeutung beigemessen. Es wird die Hoffnung geäußert, dass  die Atmosphäre  einer Stadt ,  die mit Recht  als Wiege des deutschen Humanismus gilt, die bevorstehenden Verhandlungen beflügelt. In den Verhandlungspausen werden die beiden Staatsmänner  Sehenswürdigkeiten Weimars besichtigen, die  an die Weimarer Tradition der Hochschätzung der  russischen Kultur erinnern, und Darbietungen unter Teilnahme  russischer Künstler beiwohnen.

 26.3.02

 

                                                    

 

  VORURTEILE

 

Ein wenig tiefer berichtet Ihre zuverlässige Informationsquelle www.matrjoschka-online.de über die vom 8. bis 10. April bevorstehende neue Runde des Petersburger Dialogs.  Hier möchten wir  uns aber schnell zu einem Anliegen des  Dialogs äußern. Dieses ist der Abbau von Vorurteilen, die in Russland  über Deutsche, in Deutschland über Russen noch vorhanden sind. Eigentlich existierten sie immer, wurden über große Zeitstrecken sogar angeheizt, wenn es den Absichten der Herrschenden entsprach und eine noch längere Zeit blühten sie, weil es zwischen Deutschen und Russen wenig menschliche Kontakte gab. Diese aber sind der beste Weg,  Vorurteile auszuräumen. Heutzutage verlangt die Politik nicht das Schüren, sondern die Beseitigung von Vorurteilen. Die Vorurteile sitzen jedoch tief und ihnen ist nicht auf Anhieb beizukommen. Doch genug philosophiert. Gehen wir so an die Sache, wie die Holzpuppen es immer tun. Anschaulich und engagiert.

 

  1. Die Petersburger Kommunikationsagentur startete vor wenigen Tagen eine Umfrage. Die Russen sollten sich darüber äußern, wie sie die Deutschen sehen. Wie sehen sie also die Deutschen? Gesetzestreu, sparsam, arbeitsam, pedantisch, aber auch unternehmungslustig.

 

Alles Eigenschaften, die bereits der russische Dichter Gontscharow Mitte des 19. Jahrhunderts dem deutschen Helden seines schönen Romans „Oblomow“ als typischem Deutschen in Russland zuschrieb. Vielleicht wurzelt dieses russische Bild von den Deutschen noch in den Erfahrungen, die die Russen vor hundertfünfzig Jahren, als die Eliten des Landes, aber auch die Handwerker stark eingedeutscht waren. Kein Wunder, da um die Zeit in den Adern der russischen Zaren mehr deutsches als russisches Blut floss.

 

Es wäre sicherlich nicht überflüssig, unter den Russen, die jetzt in Deutschland leben, eine ähnliche Umfrage durchzuführen. Vielleicht hätte sie ein weniger positives Bild des Deutschseins zutage gefördert angesichts der skandalösen Vorfälle der letzten Jahre.

 

Aber kein soziologisches Institut in Deutschland macht solche Umfragen. Und das ist gut so.

 

Zurück zur Petersburger Umfrage. Die daran beteiligten Russen haben nicht nur Lob über die Deutschen von sich gegeben, denn sie meinten, die Deutschen seien zu egoistisch, stellen die geistigen Werte hinter die materiellen, seien selbstgerecht, achten andere Völker zu wenig und kennen wenig Mitleid.

 

Wenn die positiven Einschätzungen vielleicht in die Kategorie der positiven Vorurteile gehören, denn solche gibt es auch, dann sind die negativen Einschätzungen eindeutig negative Vorurteile. Eben Vorurteile. Das matrjoschka-team will hier klar zu Protokoll geben, dass es die Deutschen anders kennen gelernt hat. Uneigennützig, vergeistigt, entgegenkommend, ausländerfreundlich und hilfsbereit. Wir, die Holzpuppen, bestehen darauf, dass den Russen beim Treffen in Weimar vorgeschrieben wird – schließlich nimmt Präsident Putin am Treffen teil- von nun an den Deutschen diese Eigenschaften auszumachen.

 

Doch zurück zur Petersburger Umfrage. Sie enthielt auch die Aufforderung, sich über sich selbst zu äußern. Also wie sieht Iwan Normalverbraucher seinen typischen Landsmann. Stellen Sie sich vor: gastfreundlich, kommunikationsfreudig, optimistisch und uneigennützig. Schön wäre es...

 

Selbstkritisch ist Iwan auch. Er kreidet seinem Landsmann an, die Obrigkeit zu missachten, schlampig und verschwenderisch zu sein.

 

  1. Wie gesagt, sind uns, den Holzpuppen, keine soziologischen Untersuchungen in Deutschland bekannt, die die hier vorhandenen Vorurteile gegen die Russen auflisten. Es gibt sie sicherlich. Wahrscheinlich werden sie aber der Öffentlichkeit vorenthalten. Und das ist gut so. Doch wir verfügen über die  Reportage unserer russischen Kollegin Anna Lagutina, die in einer bekannten Berliner Zeitung hospitierte. Sie schreibt:

 

In meinem ganzen Leben habe ich nur einmal Wodka probiert. Er hat mir nicht geschmeckt. Ich habe auf der Strasse in Russland noch nie einen Bären gesehen. Ich trage keinen blonden Zopf bis zu den Fersen, kann nicht Balalaika spielen und beim Lied „Kalinka-Malinka“ wird mir übel. Deswegen guckten mich meine deutschen Kollegen ein wenig verwirrt an. Nach ihrer Vorstellung muss eine russische Frau dick sein, Wodka trinken und Kaviar dazu essen, und zu tanzen beginnen, sobald sie eine Harmonika hört...

 

In der Redaktion, in der ich hospitierte, saß mir gegenüber ein netter, gebildeter und kluger Kollege. Doch das erste, was ich von ihm hörte, war: „Die Russen kommen nach Deutschland, um Frauen und Waffen zu verkaufen.“ Montags fragte er, wie ich das Wochenende verbrachte. „Sehr erfolgreich, ich habe einen Panzer und einige Kalaschnikows verkauft,“ antwortete ich.

 

Als ich von einem Empfang in  der russischen Botschaft kam und für die Zeitung eine Notiz darüber schrieb, wurde diese vom Chefredakteur mit folgendem Titel versehen: „Russland feiert, Kaviar und Wodka satt...“ Mein Einwand, dass Kaviar und Sekt beim Empfang nicht auf den Tischen standen, fand kein Gehör. Mir wurde erklärt, das deutsche Publikum hätte ein dringendes Bedürfnis zu erfahren, wie viel Sekt  geflossen und wie viel Kaviar verzehrt wurde und wie viele Russen am Ende unter dem Tisch lagen. Mir fiel nur noch Tucholsky ein: „Liebes Publikum, bist du wirklich so dumm?“

 

Eine Freundin arbeitet als Fremdenführerin und begleitet deutsche Touristengruppen in einer russischen Stadt. Sie wird mit Fragen konfrontiert wie:“ Wo sind denn die  Bären? Wir wollen sie sehen!“ Die Freundin fuhr mit einer Gruppe in den Zoo. Die Leute wollten die Bären aber auf der Strasse und frei laufen sehen, nicht hinter Gittern. So wie sie in den Wohnungen unserer Hochhäuser russische Bauernöfen sehen wollen. Und nicht Elektroherde und Zentralheizung.

 

Es wird oft gesagt, Sprache verbindet. Ja, wenn man sie kennt. Eine deutsche Kollegin beschrieb unsere Sprache mit den Worten: „Melodisch, aber irgendwie dem Chinesischen ähnlich.“ Vielleicht hat sich in ihrem Kopf eine Vorstellung von Russland als von einem exotischen Land festgesetzt. Weit weg, wie China.

 

  1. Schade, dass der menschliche Umgang zwischen Deutschen und Russen nach wie vor unterentwickelt ist. In fast  jedes andere europäische Land fährt ein Deutscher  ohne weiteres. Er muss nur die Entfernung überwinden, nicht die bürokratischen Hindernisse, die in unserer Zeit schwerer als jede Entfernung zu überwinden sind.  Wir, die Holzpuppen, wissen nicht, ob Herr Putin vor einem deutschen Konsulat in Moskau stehen muss, wenn er nach Deutschland will, und ob er mehrere Bescheinigungen vorweisen muss, die den Verdacht auszuräumen, er möchte nach Deutschland, um hier für ewig als Illegaler zu bleiben. Wir wissen auch nicht, ob Herr Schröder, wenn er nach Russland will, sich im russischen Konsulat in Berlin einer ähnlichen Prozedur unterziehen muss. Wir wissen aber, dass die bürokratischen Schranken ächzend und sehr schleppend  hoch gehen. Und je weiter die Freizügigkeit zwischen den übrigen europäischen Staaten voranschreitet, desto langsamer öffnen sie sich  für die Russen, die nach Deutschland wollen, oder für die Deutschen, die nach Russland wollen.

 

Ein russischer Freund, der sich dienstlich in Berlin aufhält, wollte sein Enkelkind zu sich holen. Nein, sagte die deutsche Behörde. Drei Monate, höchstens, keinen Tag länger. Warum, wollte er wissen. Weil wir sonst alle Schengenstaaten um ihre Bewilligung ersuchen müssen. Das Kind ist aber erst fünf Jahre alt, sagte der Freund. Spielt keine Rolle, sagte die Behörde. Ob fünf oder fünfzig, wir brauchen die Bewilligung. Und der Aufwand ist uns zu hoch...

 

So appelliert www.matrjoschka-online.de an die Staatsmänner, die sich demnächst in Weimar treffen, die Schranke ein wenig zu ölen, damit sie weniger krächzt und sich leichter hebt. Geschieht es, werden die beiderseitigen Vorurteile schneller verschwinden, als wenn nur Bla-Bla auf höchster Ebene geredet wird.

 

PS. Unser versoffener Kumpane Iwan Matrjoschkin Esq. bestand darauf, dass wir eine kleine Ergänzung zum oben Geschriebenen anfügen. Er will unbedingt noch ein Vorurteil ins Gespräch bringen. Er meint, dass dazu die in Deutschland verbreitete Vorstellung gehört, alle Bomber der amerikanischen Airforce seien Rosinenbomber. Wir, die weiblichen Puppen, erteilten Iwan eine Abfuhr. “Kein Antiamerikanismus in unserer Mitte!“

 

24.03.02                   

 

Vorwort

Bekanntlich sind wir, die Holzpuppen, sehr darauf erpicht, unsere Unabhängigkeit zu wahren. Alles, was auf unserer Seite erscheint, ist auf unserem eigenen Mist gewachsen. Auch Übernahmen aus dem Runet, die wir nur dann und nur so bringen, wie wir es für richtig halten. 

Erst recht, wenn es um Infos aus  amtlichen, halbamtlichen oder andersgearteten institutionellen Quellen geht. Da sind wir besonders auf der Hut.

Es gibt aber Veranstaltungen, denen wir unsere Seite und unsere ein wenig vertrockneten Herzen  uneingeschränkt öffnen. Zu denen gehört der Petersburger Dialog, ein mehradriger Draht zwischen Deutschland und Russland. Demnächst findet die neue Runde des Dialogs  in Weimar statt.

So haben wir uns entschlossen, viel darüber zu bringen.  Wie wir es gemacht haben, als die erste Runde des Dialogs in Sankt Petersburg lief. (Siehe  in unserem Archiv die Sparte „Russen und Deutsche).

In den Berichten zum „Petersburger Dialog in Weimar“ nutzen wir neben eigenen Quellen  auch Infos  der WWW-Seite www.petersburger-dialog.de, die wir hiermit den matrjoschka-Freunden empfehlen.

 

1.    Petersburger Dialog: Что это такое? Was ist das?

          PS. Was ist das? Weckt in meinem Gedächtnis eine Erinnerung. In den Jahren meiner leider weit zurückliegenden Moskauer Schuljahre pflegten wir Lausejungs  die Frage mit der russischen Antwort  zu begleiten:

 Was ist das?

Кислый квас!

Saurer Kwas ( russisches Brotgetränk).

Unglücklicherweise gebrauchte unsere Deutschlehrerin, Marija Iwanowna, die der deutschen Sprache zwar nicht sehr mächtig war,  diese aber sehr liebte, immer wieder die Frage. Und immer wieder ertönte darauf im Chor: Вас ист дас? Кислый квас! Das ärgerte sie bis zu Tränen.

Die arme Marija Iwanowna! In den ersten Wochen des großen Krieges geriet ihr einziger und heißgeliebter Sohn in deutsche Kriegsgefangenschaft. Vom Hunger gepeinigt,  erklärte er sich einverstanden, in der Bauorganisation Todt im besetzten Frankreich als Dolmetscher mitzumachen. Nach dem Krieg wurde er dafür (Kollaboration mit dem Feind) in der Sowjetunion  zu 25 Jahren KZ verurteilt. Fast wurde sie wahnsinnig und schwor sich, nie mehr ein Wort der Sprache in den Mund zu nehmen, die ihrem Sohn zum Verhängnis wurde...

 

ZURÜCK ZUR SACHLICHEN BERICHTERSTATTUNG. ZUERST ÜBER......

2. Ziele und  Vorgeschichte des Petersburger Dialogs:

Der Petersburger Dialog wurde auf Initiative des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des Bundeskanzlers Gerhard Schröder ins Leben gerufen. Er leitet etwas Neues in den seit vielen Jahrhunderten intensiven Beziehungen zwischen den Ländern ein: regelmäßige und breitgefächerte Gespräche  zwischen den Eliten der Politik, Wirtschaft und Kultur. Das Ziel: Verständigung zwischen  Deutschland und Russland zu fördern und Vorurteilen  entgegenzuwirken.

Das erste Treffen im Rahmen des  Petersburger Dialogs fand  im April 2001 unter dem Motto  "Russland und Deutschland an der Schwelle des 21. Jahrhunderts - Ein Blick in die Zukunft" statt.

PS. Wie fast alles, was von Funktionären dirigiert wird, ist auch der Petersburger Dialog vor Erstarrung nicht gefeit. Gottseidank gibt es aber noch „matrjoschka-online.de“, die dieselbe Zielsetzung hat, aber, da unabhängig, nicht die Gefahr läuft.

Die neue Runde des Petersburger Dialogs   wird vom 8.-10. April 2002 in Weimar stattfinden. Sie trägt das Motto: "Deutschland und Russland in einer sich neu ordnenden Welt".

In Weimar sollen Themen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur  im offenen Gespräch behandelt werden.

Matrjoschka wird berichten. Ohne Ansehen der Personen.

 

3.Über Russen und Weimar.

Wir beschränken uns auf eine Episode. Viel mehr ist dazu auf der erwähnten WWW- Seite www.petersburger-dialog.de  zu finden.

Also...

„Goethe habe ich nur gestern im Vorbeigehen am Fenster gesehen“, notierte der seinerzeit  berühmte russische Dichter  Nikolaj Karamzin, als er 1789 in Weimar weilte.  Karamzin reiste bald aus Weimar ab. Fünfzehn Jahre später zog eine  Russin in Weimar ein, der er als Erzieher der Zarenkinder Unterricht geben durfte. Sie verweilte länger als ein halbes Jahrhundert in Weimar. Die Tochter des Zaren Paul I., Marija Pawlowna, in Weimar Maria Paulowna genannt, heiratete 1804 den Erbprinzen von Weimar Karl Friedrich. In Weimar hat sie 1859 ihre letzte Ruhe gefunden.

PS. Bereits vor Jahren brachte www.matrjoschka- online.de einen Bericht über dieses bemerkenswertes, aber fast vergessenes Weib,  der später auch als  Büchlein erschien. Den Bericht holten wir  aus unserem Archiv  und Sie können ihn ein wenig tiefer lesen. Vorläufig aber weiter aus der Chronik „Russen in Weimar“.

In Weimar gibt es eine schöne  russisch-orthodoxe Kapelle, deren Bau auf Anregung von Maria Paulowna zurückgeht.

  PS.Das  Matrjoschka- team besuchte die Kapelle, wurde vom zuständigen Popen gesegnet und zu  weiteren Taten für Russland und Deutschland ermuntert.

Der – neben Goethe-  größte Dichterfürst in Weimar, Friedrich  Schiller, zeigte damals, dem  Zeitgeist  huldigend, ein auffallendes Interesse für Russland. Nicht ohne Hintergedanken. Den in Weimar versammelten Poeten und Philosophen  drohte immerzu die Gefahr, am Hungertuch nagen zu müssen, da der Zwergstaat kaum Einnahmen hatte und  dadurch nicht reicher wurde, dass die deutschen Duodezfürsten gerne Soldaten spielten. Das riesige Land  im Osten mit seinen unermesslichen Reichtümern faszinierte die Weimaraner und sie hatten nichts dagegen, von ihm ausgehalten zu werden.

Anm. Verdammt noch mal! Jetzt ist es ganz anders. Die russischen Dichter und anderen Intellektuellen müssen oft Schlangen an  fremden Kassen stehen. Und die Wohltäter erweisen sich oft viel knauseriger als Maria Paulowna in Weimar.

Aber www.matrjoschka-online.de ist- toi-toi-toi!-  finanziell unabhängig und  sogar imstande, Iwan Matrjoschkin, Esq.  Kneipentouren  zu spendieren. Ab und zu, aber immer wieder. 

Die Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Maria Paulowna sorgte dafür,  dass die Heimstätte der deutschen Kultur erhalten blieb. Dichter dichteten, Philosophen philosophierten, russische Besucher kamen und gingen. Sogar die erlauchten Petersburger Verwandten von Maria Paulowna gaben sich an der Ilm ein Stelldichein.

Goethe als Staatsmann verstand es, die Russen nach Weimar zu locken. Zu einem Geburtstag von Maria Paulownas veranstaltete er einen russischen Maskenzug. Mit einem Schlag wurde  er in Russland, wo er davor  weit hinter Schiller rangiert hatte, berühmt.  Puschkin nannte Goethe einen allgegenwärtigen Vater der Dichtkunst.

PS. Wenn sich nun eine so exklusive russische Dame im provinziellen Weimar wohl fühlte und gestützt auf  deutsche  und russische Literaten, Musiker, Maler, Architekten, Bildhauer, dem Weiterleben und der Erneuerung des  klassischen Weimar  viel beitragen konnte, dann soll uns  um die Zukunft des russisch- deutschen Kulturaustauschs nicht bange sein. Maria Paulowna hat mit ihrem Wirken in Weimar bewiesen, dass beide  große Kulturen sehr wohl kompatibel sind. Trotz aller Unterschiedlichkeit, die, richtig gehandhabt,  nicht stört, sondern produktive Spannung erzeugt. 

UND JETZT, WIE VERSPROCHEN, DER ALTE, ABER AKTUELL GEWORDENE BERICHT ÜBER

EINE RUSSIN IN WEIMAR

Es ist allgemein bekannt, welchen Beitrag Weimar zur Kulturentwicklung Deutschlands leistete. Jedes fleißige Schulkind weiß, dass die thüringische Stadt die Wiege der deutschen klassischen Literatur war, die Heimstätte von Goethe und Schiller und auch von anderen, nicht ganz so bedeutenden Dichtern wie zum Beispiel Wieland.

Weniger bekannt ist allerdings die Tatsache, dass zum Weltruhm Weimars eine Russin einiges beigetragen hat. Die Russin war weder Dichterin noch Künstlerin.

Obwohl sie durchaus eine musische Ader besaß und für den Hausgebrauch ganz nette Gedichte schrieb, bestand ihr Beitrag darin, dass sie Dichtern und Künstlern das gab, was diese am dringendsten brauchen, um richtig produktiv zu sein. Es ist bekanntlich das liebe Geld. Sie war nämlich sehr spendabel und förderte aus ihrer Privatkasse die Weimarer Kultur. Und die Kasse war prall gefüllt, denn die Dame gehörte zur russischen Zarenfamilie, war eine russische Großfürstin, Tochter des russischen Zaren Pawel des Ersten und Lieblingsschwester der russischen Zaren Alexander des Ersten und Nikolaus des Ersten.

Das russische Geld war für Weimar besonders wichtig, da der kleine Staat, eines der im vorigen Jahrhundert zahlreichen deutschen Duodezfürstentümer, tief in den roten Zahlen steckte. Seine Staatskasse wurde durch die bereits damals wuchernde Bürokratie so stark in Anspruch genommen, dass für die Kultur kaum etwas übrig blieb. Dem thüringischen Herzog fehlte ständig das nötige Kleingeld für Dichter, Philosophen und Schauspieler, die er großzügig nach Weimar und Jena einlud und die auch danach strebten, im Refugium der deutschen Klassik tätig zu werden. Er erhöhte zwar ständig die Steuern, wie es eben die Herrschenden zu allen Zeiten und allerorten zu tun pflegen, um die Geldsorgen loszuwerden. Doch aus einer Bevölkerung von etwa sage und schreibe dreizehnzehntausend Seelen konnte kein Steuereintreiber viel herauspressen. Und mindestens ein Drittel der Bevölkerung stellten in Weimar die Privilegierten - Beamte, Höflinge, Militär, die keine Steuern zahlten. Damals war es eben ein Privileg nicht der Reichen, sondern der Adligen, von den Steuern befreit zu werden.

Aber der liebe Gott ließ den thüringischen Hort der schönen Künste nicht im Stich. Durch Vermittlung des preußischen Königs erhielt der Sohn des fast mittellosen Großherzogs eine sehr vermögende Ehefrau. Sie wurde von ihren erlauchten Verwandten in Sankt Petersburg mit einer riesigen Mitgift ausgestattet und kam nach Weimar mit viel mehr Geld als ihr junger Gemahl je gesehen hatte. Auch und besonders, als er 1828 den Vater beerbte und die Regierung in Weimar übernahm.

Respektvolles Staunen erweckte Maria, geborene Romanow, bereits beim Brauteinzug 1804 in Weimar. Achtzig Wagen, von kleinen, zottigen Pferden gezogen und von Kosaken geleitet, brachten ihre Aussteuer von der Newa an die Ilm.

Die Großfürstin und später auch die Großherzogin von Weimar-Sachsen Maria Pawlowna oder Paulowna, wie sie in Deutschland halb russisch und halb deutsch genannt wurde, besaß aber nicht nur viel Geld, sondern auch eine echte Zuneigung zur dichtenden, philosophierenden und theaterspielenden Zunft. So erblickte sie ihre Aufgabe in Weimar darin, den durch Goethe und Schiller begründeten Ruf der Stadt zu erhalten und die Dichtung, Philosophie und Theaterkunst nicht versauern zu lassen. Dabei tief in die eigene Schatulle zu greifen, war für sie selbstverständlich. Es ist eben so, dass den russischen Zaren vieles vorgeworfen werden konnte, bloß geizig waren sie selten. Zwar galt die Freigebigkeit der Majestäten aus Sankt Petersburg meistens dem Militär, dennoch gab es in diesem Punkt auch Ausnahmen. Und Maria Paulowna war eine solche. Sie wollte Weimar und dem ganzen Deutschland zeigen, wozu eine russische Prinzessin in punkto Kulturförderung fähig ist. Und der deutschen Kultur fühlte sie sich sowieso verbunden. Schließlich hieß ihre Oma väterlicherseits Prinzessin Sophie – Friederike - Auguste von Anhalt - Zerbst, mehr unter dem Namen Katharina die Zweite, bzw. die Große bekannt. So betrachtete Maria Paulowna Deutschland als ein Land, mit dem Russland für immer zusammen gehen sollte und dessen Geist, mit der russischen Stärke vereint, viel ausrichten könnte. Wie es die große Katharina der ganzen Welt bewies.

Für Weimar und - wenn man weiterdenkt - für die ganze deutsche Kulturlandschaft war Maria Paulowna ein richtiger Segen. Denn das Geld aus Sankt Petersburg floss in viele Einrichtungen, die mit dem Ziel ins Leben gerufen wurden, das Erbe von Goethe und Schiller zu erhalten und zu mehren. Dazu gehörten Archive, Museen, wissenschaftliche Forschungsstellen, aber auch das Weimarer Theater, später mit Recht das Nationaltheater genannt, wo viele dramatische Dichtungen von in der Stadt beheimateten Dichtern zuerst aufgeführt worden waren.

Erwähnt sei, dass die Großfürstin Maria ein für ihr Elternhaus erstaunliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit den launischen Poeten und Philosophen besaß. Geerbt haben konnte sie es kaum, höchstens von der Oma. Der Vater, der bereits erwähnte Pawel der Erste, hatte nur seine nach preußischem Muster bezopften Soldaten im Sinn, die er von früh bis spät exerzieren ließ.

Marias älterer Bruder Alexander der Erste, übrigens Michail Gorbatschow äußerlich und nach dem Gehabe sehr ähnlich, verkündete zwar, er sei ein Freund der schönen Künste, verschärfte aber die Zensurbestimmungen in Russland und verschrieb sich nach den ersten misslungenen Reformversuchen den Dunkelmännern. Das denkende und kunstschaffende Russland war richtig erleichtert, als er 1825 starb. Sein und der Großfürstin Marias Bruder Nikolaus, der daraufhin in Sankt Petersburg den Thron bestieg, erwarb sich mit seinen Demütigungen des russischen Nationaldichters Puschkin und grausamen Verfolgungen anderer freidenkender Literaten einen höchst zweifelhaften Ruhm. So war Maria ein weißer Rabe in dieser Familie von Despoten und Ignoranten. Sehr belesen, für alles Schöne empfänglich, füllte sie die selbstgewählte Rolle der guten Fee der Dichter, Philosophen und Schauspieler in Deutschland ohne Mühe aus. Deutsch beherrschte sie, wie manche andere Fremdsprache, gut, so dass es für sie in der neuen Heimat keine Sprachbarrieren gab, auch wenn ihr der Weimarer Dialekt nicht auf Anhieb von der Zunge ging.

Kurzum, sie fühlte sich in dem fremden Lande, das allerdings damals in Russland etwa so wie ein Vetter empfunden wurde,  heimisch. Doch nie leugnete sie ihre russische Herkunft. Im lutherischen Weimar blieb sie russisch-orthodox und ließ sogar eine orthodoxe Grabkapelle bauen, und zwar auf eigens aus Russland herbeigeschaffter Erde, wo sie bestattet werden wollte. Wenn sie eine unfreundliche oder unkorrekte Äußerung über Russland hörte, meldete sie sich zu Wort und sorgte dafür, dass das Bild ihres Vaterlandes zurechtgerückt wurde.

Allerdings war es damals in Deutschland weniger üblich als später, über Russland zu lästern. Es wirkte noch die Dankbarkeit für die opferreiche Tat der russischen Soldaten nach, die die Grand Armee Napoleons 1812-1813 in die Flucht geschlagen und damit Deutschland von einem Besatzungsregime befreit hatten. Gewiss waren die Kosaken keine Engel, und als sie durch die deutschen Städte zogen, haben sie sich einiges zuschulden kommen lassen. Aber - das sei hier ganz unpolemisch angemerkt - im Vergleich mit der französischen Besatzung erschienen die Kosakenübergriffe weniger schlimm. Für mich, die ahnungslose Holzpuppe, war es übrigens neu, als ich in Weimar viele Zeitzeugnisse der französischen Schandtaten - Morde an Zivilisten, Raubzüge, Vergewaltigungen- las. Das hätte ich den Söhnen des charmanten Volkes nie zugetraut.

Zurück zu Maria Paulowna. Obwohl sie sich ihrer Zugehörigkeit zu der damals wohl mächtigsten Dynastie in Europa bewusst war, ließ sie sich keine Spur vor Hochnäsigkeit anmerken. Im Inneren zog sie wohl Vergleiche zwischen der damaligen deutschen Enge, im Zwergstaat Weimar besonders spürbar, und dem riesigen, sich auf zwei Weltteile erstreckenden Russischen Reich, aber niemand hörte von ihr abschätzende Meinungen über die Wahlheimat. Peu a peu übernahm sie die neuen Aufgaben, die die Regierungsgeschäfte in Weimar erforderten, ohne dadurch ihre Mäzeninnenrolle zu vernachlässigen. Um die Staatsgeschäfte musste sie sich kümmern, weil ihr Herr Gemahl, der Herzog, ein Träumer war und sich sehr gern zurückzog, um seine umfangreiche Sammlung von Kitsch aus vielen Ländern zu pflegen.

Auch als die im Hintergrund mitregierende Person eroberte sie die Herzen der Weimaraner, da sie die Staatsfinanzen sehr vorausschauend und umsichtig verwaltete und sich bemühte, die niederen Stände nicht zu sehr zu schröpfen.

Es gab in ihrem Leben auch Unangenehmes. Die Atmosphäre in Deutschland wurde damals zunehmend vom aufkommenden Nationalismus beeinflusst, der mitunter auch militante Formen annahm. Bezeichnend dafür war der Mord an einem gewissen August von Kotzebue. Er war ein gebürtiger Weimaraner, der wie viele Tausende anderer seiner deutschen Landsleute im Befreiungskrieg gegen Napoleon, also 1812-1813, in der russischen Armee gekämpft hatte. Bekannt machten ihn seine sehr unterhaltenden Bühnenstücke. Zeitweise waren sie auf der Weimarer Bühne häufiger zu sehen als die von Schiller. Zum Verhängnis wurde ihm der Briefwechsel mit seinen alten Kameraden aus Sankt Petersburg. Die Briefe wurden, wie es dem Hörensagen nach in wohleingerichteten Staaten auch jetzt passieren soll, abgefangen. Die Menschen in Deutschland, denen die guten Beziehungen zu Russland gegen den Strich gingen, sorgten dafür, dass Kotzebue als russischer Spion verschrien wurde. Bald fand sich ein halbverrückter Superpatriot, der gegen den Dichter ein Attentat ausführte und ihn umbrachte. Eine Folge der Spionomanie, die auch nicht erst heute erfunden wurde. Es war ein Schock für die russische Prinzessin.

Doch zurück zu den angenehmen Seiten im Leben Maria Pawlownas in Weimar. Es ist überliefert, dass die Prinzessin aus dem Hause Romanow einen sehr ungezwungenen Umgang mit musisch veranlagten Menschen pflegte, auch wenn sie keine "von" waren. In Weimar fiel das stark auf, da hier, wie auch an den anderen Zwergfürstenhöfen in Deutschland, die Etikette über alles ging. So durfte Goethe, obwohl der erste Minister in Weimar, nicht an einer Tafel mit adligen Höflingen speisen. Ihm wurde an einem Nebentisch gedeckt. Erst als der berühmte Dichter geadelt worden war, durfte er an demselben Tisch mit dem Herzog und seiner Hofkamarilla sitzen.

Im Inneren ihrer Seele fand Maria Paulowna die Etikette lächerlich. Auch wenn sie selbst den Konventionen folgte, um jeden Skandal zu vermeiden, ließ sie sich privat, ohne dies an die große Glocke zu hängen, ein bisschen gehen. Sie lud geistreiche Menschen ein, ohne auf die Herkunft zu achten, rezitierte mit ihnen Gedichte, sang nach Herzenslust, spielte damals übliche Gesellschaftsspiele. Die Partys zogen sich bis tief in die Nacht hinein. Öfter fand die Bedienung die Herzogin und ihre Gäste schlafend, aneinandergelehnt neben Weinflaschen. Schurke ist, wer dabei an Unzucht denkt. Einer Prinzessin Di ähnelte die Prinzessin Maria nicht. Sie hielt ihrem schwächlichen Gemahl die Treue und hatte keine Liebhaber. Eine russische Prinzessin eben, erzogen nach den strengen Grundsätzen der Orthodoxie.

Es gab natürlich auch am Zarenhof ganz andere Fälle - denken wir wieder an die Katharina - doch im allgemeinen herrschten in Sankt Petersburg strengere Sitten als in Paris oder Rom.

Maria Paulowna regierte dreißig Jahre in Weimar, und ihre Zeit, die an die Blütezeit des Weimarer Geisteslebens anknüpfte, setzte die Tradition fort und festigte sie sogar. Weimar wäre nicht Weimar, hätte es nicht das Glück gehabt, von der russischen Prinzessin regiert und zum Teil auch ausgehalten zu werden.

ALS 1945 DIE AMERIKANER AUS WEIMAR ABZOGEN, UM GEMÄSS DEM ABKOMMEN MIT DER SOWJETUNION THÜRINGEN DER SOWJETISCHEN BESATZUNGSMACHT ZU ÜBERLASSEN, KAM NACH WEIMAR  DER SOWJETISCHE HEERFÜHRER, MARSCHALL TSCHUIKOW. ER VERNEIGTE SICH VOR DEM GRAB MARIA PAULOWNAS, INZWISCHEN IN RUSSLAND VERGESSEN, IN DEUTSCHLAND ÜBRIGENS AUCH, OBWOHL ES DAMALS NICHT  GERADE ZUM USUS IN DER SU GEHÖRTE PRINZESSINEN AUS DEM HAUSE ROMANOWS ANZUHIMMELN.

DAS MATRJOSCHKA-  TEAM REGT HIERMIT EINEN BESUCH VON PUTIN UND SCHRÖDER AUF DEM AN DIE RUSSISCHE KAPELLE ANSCHLIESSENDEN FRIEDHOF UND EINE ÄHNLICHE EHRENBEZEUGUNG AN. AUCH WÄRE ES SCHÖN, WÜRDE MARIA PAULOWNA POSTHUM MIT DER EHRENBÜRGERWÜRDE DER STADT WEIMAR GEEHRT.     -------------------------------------------------------------------------

Wohlgefallen...

So lautet das Fazit des ersten Petersburger Dialogs, der zweite soll nächstes Jahr (in Weimar?) stattfinden.

1. Die Verschuldung Russlands. Insofern diese mit der Abwicklung der sowjetischen Schulden an die DDR zusammenhängt, soll die Summe in den nächsten drei Monaten festgestellt und später mit russischen Aktien getilgt werden. Die realen Schulden Russlands an Deutschland werden als ein extra Kapitel abgerechnet. Um eine der russischen Lage angemessene Zahlungsweise wird verhandelt.

2. Die sogenannte "Beutekunst" ( der Begriff wird übrigens von beiden Seiten abgelehnt ). Da Russland im Krieg viel von seinem Kulturerbe verloren hat und viele seiner Kunstwerke im Ausland (auch in Deutschland) blieben, beeilt sich Putin nicht, sie herauszurücken. Er stellte fest, Schröder drängt. Der aber sagte, Eile sei unangebracht und die Geschichte darf nicht ausgeklammert werden. Weniger Aufregung in den Medien wäre hilfreich.

3. Handel. Putin meint, der Rückgang sei überwunden. 41 Milliarden DM im Jahr 2000 sind beachtlich.

4. Putin sprach lobend über die Ausbildung der Russen in Deutschland. Darauf versprach Schröder, zehn Jahresstipendien mehr für russische Funktionäre.

U.s.w.

Anm. v. m. Das Eis schmilzt, meine Herren Geschworenen, hieß eine in der Sowjetzeit verbreitete Floskel.

11.04.01

DER ERSTE TAG DES DEUTSCH-RUSSISCHEN DIALOGS IN PETERSBURG

Strana.ru hat sich was einfallen lassen. Und zwar eine neue Version des alten russischen Sprichwortes "Was für den Deutschen gesund ist, ist für den Russen tödlich". Im Hinblick auf die (vorläufigen) Ergebnisse des Dialogs soll es jetzt heissen: "Was für den Deutschen gesund ist, nutzt auch dem Russen ."

Die Berechtigung dafür zieht Strana.ru aus einer Bilanz der in Petersburg gemachten Äußerungen Putins und Schröders. P.: In den russisch-deutschen Beziehungen gehe es aufwärts, neuer Elan sei aufgekommen (Vermutlich meinte er die Überwindung einer gewissen Lustlosigkeit nach dem Antritt der rot-grünen Koalition in Berlin).

Die wirtschaftliche Zusammenarbeit stehe vor dem Durchbruch. Russland sei bereit, Deutschland sein hightech- Potential, auch in der Kosmostechnologie, zur Verfügung zu stellen. (Ein gutes Angebot, die Amis geben bekanntlich ihre Erfahrungen nicht weiter).

Schröder versicherte, Deutschland und Europa insgesamt wollen Russland überall helfen. Beide Länder seien Partner geworden. In allem! Deutschland brauche ein starkes Russland.

Zwar verzichtete S. auf Höhenflüge (um die Nerven der rappallobeschädigten Partner im Westen zu schonen?). Er rang sich lediglich zu dem Vorschlag durch, eine "Russische Akademie" in Berlin zu gründen (eine amerikanische gibt es schon lange). P. stimmte euphorisch (insofern er euphorisch sein kann) zu. Die Klischees des Kalten Krieges sollen endlich verschwinden.

Und da waren die beiden bei dem heiklen Thema NTV, dem privaten regierungskritischen Fernsehsender, der jetzt durch die feindliche Übernahme dem staatlich kontrollierten Gasprom und damit auch der Zensur anheimfallen soll. P. entpuppte sich dabei als glühender Anhänger des "heiligen" Rechtes eines Privatiers, mit seinem Eigentum nach Belieben zu verfahren. Keine Betriebsbelegschaft hätte das Recht, dem Eigentümer ins Werk zu pfuschen. Der SPD-Chef deutete an, die Pressefreiheit wäre in Russland trotzdem wünschenswert.

Der nicht ganz auszuschließenden Verstimmung zwischen Deutschland und den USA, wo die rituelle deutsch-russische Umarmung mit wachen Augen verfolgt wird, wirkten rituelle Versicherungen Putins entgegen, Russland hoffe auf gute Beziehungen mit der führenden Macht des Westens, insbesondere nach Bushs letzter Äußerung, er betrachte Russland nicht als Gegner.

Neues gab P. über den Balkan von sich. Im Kosovo erhalte Europa sein Tschetschenien oder ein kleines Afghanistan. Das sei ein Sprungbrett im Herzen Europas nicht nur für Haschdealer, sondern auch für Gewalttäter, deren erstes Opfer der europäische Mittelstand sein werde. Umso mehr, dass es Europa schwer fällt, dagegen richtig vorzugehen (Hilfsangebot des Judomeisters?).

Den deutschen Investitionen in Russland versprach P. einen Rechtsrahmen nach europäischem Standard.

Entsprechend konstruktiv verhandelten auch die zwei Verteidigungsminister: Iwanow (Sergej) und Scharping. Sie wollen einen Militärtechnologieaustausch ankurbeln. (Auch in der Produktion modernster Waffen?).

Kontroverser verliefen wohl Gespräche über die Medien. Die Russen waren baff, als die deutschen Kollegen ihnen berichteten, in Deutschland befinde sich keine einzige Zeitung, kein einziger Rundfunkkanal in privater Hand. Hat das ausgerechnet Herr Boenisch behauptet? Wenn Herr Kirch das erfährt, trifft ihn der Schlag. Oder unterlief dem Dolmetscher ein Fehler?

Matrjoschka war vom auch erörterten Projekt eines gemeinsamen Radios und der Eröffnung von gemeinsamen Pressezentren in Moskau und Berlin besonders angetan. Man sollte darüber nachdenken, wie auch Internetmedien der guten Sache dienlicher gestaltet werden können. Dabei sind wohl die Erfahrungen von Matrjoschka-online.de unschätzbar.

Wir berichten weiter!

10.04.01

HIER FINDET DER HOFFENTLICH GENEIGTE LESER EIN VON MATRJOSCHKA- ONLINE.DE ERSTELLTES KOMPENDIUM ZUM PETERSBURGER DIALOG, AN DEM FÜHRENDE KRÄFTE RUSSLANDS UND DEUTSCHLANDS TEILNEHMEN. DAS MEISTE WURDE DER REGIERUNGSNAHEN RUNET- ZEITUNG STRANA.RU ENTNOMMEN. EIGENTLICH WOLLEN WIR KEINE REGIERUNGSNÄHE. ABER IN DEM FALLE IST ES WOHL ANGEBRACHT, SICH DER QUELLE ZU BEDIENEN.

Die Vorgeschichte. Diese skizziert Strana.ru im einleitenden Beitrag unter dem Titel:

UNSER NEUES FENSTER NACH EUROPA

Am 8. April beginnt in Sankt Petersburg das russisch-deutsche Forum "Petersburger Dialog". Es steht unter der Schirmherrschaft des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Die erste Veranstaltung im Rahmen dieses Forums ist eine Konferenz, die unter Teilnahme der Schirmherren vom 8. Bis 10. April in Sankt Petersburg stattfindet.

Wladimir Putin und Gerhard Schröder treten am 9. April mit Grußworten vor die Konferenzteilnehmer. Das Thema dieses ersten Treffens lautet: "Russland und Deutschland an der Schwelle des 21. Jahrhunderts".

Die Idee zu diesem Forum entstand während des Deutschlandbesuchs Wladimir Putins. Es war eine gemeinsame Initiative der ersten Männer beider Länder. Auf dem Forum sollen nicht nur führende Politiker und Wirtschaftsexperten, sondern auch Journalisten, Kulturschaffende, Wissenschaftler und Vertreter der Öffentlichkeit verschiedene für beide Länder aktuelle Fragen erörtern. Nach Meinung Gerhard Schröders "sollten die Kontakte auf höchster Ebene durch den intensiveren Kontakt zwischen den Völkern ergänzt werden". Man kann also sagen, die Aufgabe des Forums ist es, die Beziehungen zwischen beiden Ländern auf ein anderes Niveau zu heben.

Die Idee kam im November vorigen Jahres auf, aber die Beziehungen zwischen unseren Ländern und die Voraussetzungen für das Apriltreffen reichen in die Zeit Peters des Großen zurück. Auf den Namen Peters I. ist auch die Wahl des Veranstaltungsortes zurückzuführen. Sankt Petersburg war das Lieblingsprojekt des russischen Zaren, der in Russland "die deutsche Ordnung" einführen wollte (und daran scheiterte- Anm. v. M.). Außerdem ist Petersburg Deutschland territorial und sogar architektonisch näher. Die europäischste Stadt Russlands soll also ihren Beitrag leisten zur Annäherung von Russen und Deutschen.

Covorsitzende des Forums sind der bekannte deutsche Journalist Peter Boenisch (er war Chefredakteur der Zeitungen "Bild" und "Die Welt", später Pressesekretär der Regierung Helmut Kohl) und Boris Gryslow, bis vor kurzem Chef der Fraktion "Jedinstwo" in der Staatsduma. Insgesamt nehmen jeweils 50 Personen von jeder Seite am Forum teil. Insgesamt aber sollen es über 500 Teilnehmer sein.

Interessanterweise bemühten sich die Organisatoren, jene Fragen von vornherein aus der Diskussion auszuklammern, die das Forum in eine Sackgasse führen könnten. Die deutsche Seite vereinbarte, keinesfalls solche Fragen wie das amerikanische Raketenabwehrsystem, die Zahlung der russischen Schulden und die Rückgabe der im Zweiten Weltkrieg verbrachten Kunstschätze anzusprechen, damit das Forum neue Impulse für die Entwicklung der russisch-deutschen Beziehungen und neuer gemeinsamer Projekte gibt.

In der Gruppe Politik ist das Minimalprogramm die Erörterung der russisch-deutschen Beziehungen im jetzigen internationalen Koordinatensystem, das "Abgleichen der Orientierungen".

In der Wirtschaftssektion wird es natürlich hauptsächlich um deutsche Investitionen in die russische Wirtschaft gehen , ebenso um Fragen der Diskriminierung russischer Waren in den EU-Ländern (Antidumpingzölle usw.).

Die Gruppe Margelow – Boenisch wird die Rolle der Massenmedien bei der Herausbildung von Bildern und Stereotypen Russlands und Deutschlands analysieren und zu klären versuchen, was getan werden kann, damit die positiven Tendenzen überwiegen.

Hier sei an die kürzlich stattgefundene Reise von Chefredakteuren führender Fernsehkanäle und Zeitungen in die BRD erinnert, die zwar nicht im Rahmen des Forums erfolgte, aber den Willen der deutschen Führung zeigt, die negativen Stereotypen abzubauen, die die Presse in den letzten Jahren verbreitete. Wahrscheinlich werden in den deutschen Zeitungen realitätsnähere Publikationen über Russland erscheinen.

Die Beschlüsse des Forums sind keine Gesetzesakte, die unbedingt ausgeführt werden müssen, doch die Teilnehmer sind nach Auskunft der Organisatoren "einflussreiche Persönlichkeiten", Politiker, Geschäftsleute, Staatsbeamte, denen es obliegt, "die Beschlüsse zu realisieren".

Gerhard Schröder gab der führenden russischen Nachrichtenagentur ITAR-TASS ein Interview

In den letzten Monaten habe ich Präsident Wladimir Putin häufig getroffen und wir haben oft miteinander telefoniert. Eine gute Zusammenarbeit mit ihm ist natürlich wichtig für die deutsch-russischen Beziehungen, zumal der russische Präsident ein Kenner und Freund Deutschlands ist, auch die deutsche Sprache gut beherrscht.

Während des Weihnachtsbesuchs meiner Familie bei der Familie Putin in Moskau hat mich die Gastfreundschaft mächtig beeindruckt. Es waren unvergessliche Tage. In privater Atmosphäre hatten wir Gelegenheit, nicht nur die Schönheiten Russlands zu bewundern, sondern auch einen politischen Meinungsaustausch zu führen. Solche Treffen sind äußerst wertvoll für unsere Staaten.

Zur Schaffung des Nationalen Raketenabwehrsystems der Amerikaner meint Schröder, "dass man sich zunächst einmal eine genaue Vorstellung vom Inhalt der USA-Pläne verschaffen muss."

"Hier sind noch viele Fragen offen", erklärte er und hob hervor, "es ist wichtig, das Bedrohungsszenarium, die technische Realisierbarkeit, die Finanzierbarkeit und die Technologie zu klären. Alles, was im Bereich der Rüstungskontrolle bisher erreicht wurde, muss erhalten bleiben, ebenso die Möglichkeit weiterer einschneidender Schritte bei der atomaren Abrüstung. Ich denke, ein weiterer Versuch der Einflussnahme auf die neue amerikanische Administration macht Sinn."

"Wir unterstützen die europäische Orientierung Russlands", unterstrich der Bundeskanzler. "Russland hat eingesehen, dass ihm die bevorstehende Osterweiterung der EU Nutzen bringt."

"Wir beide sind für die Stabilisierung der Lage auf dem Balkan, arbeiten im Rahmen der dortigen Friedensmission eng zusammen. Mit Sorge beobachten wir den anhaltenden Bürgerkrieg in Afghanistan und die daraus entstehenden Folgen für die Stabilität der zentralasiatischen Staaten."

Der Kanzler ist sicher, dass das Problem der Rückgabe von im Zweiten Weltkrieg verbrachten Kunstschätzen auf der Grundlage des internationalen Rechts gelöst werden kann.

"Nach dem 1992 unterzeichneten deutsch-russischen Abkommen über kulturelle Zusammenarbeit ist Russland verpflichtet, diese aus Deutschland verbrachten Kunstschätze zurückzugeben. Allerdings spielen die Gesetzgebung der Russischen Föderation und psychologische Faktoren hierbei auch eine Rolle.

In der allumfassenden, zukunftsorientierten Partnerschaft zwischen Deutschland und Russland sollte dieses aus der Vergangenheit erwachsene Streitfrage keinen Platz mehr haben. Die zunehmende Verflechtung unserer Gesellschaften schafft dafür eine günstige Atmosphäre."

Der weitere Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Russland "wird in entscheidendem Maße von der Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Warenaustausch und die Investitionen, vom Abbau bürokratischer Hindernisse und von der Verbesserung der Rechtssicherheit abhängen."

Weiterhin sagte der Bundeskanzler, Deutschland setze darauf, dass Russland die notwendigen Strukturreformen in Angriff nimmt. "Die Zeit drängt. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die hohen Erdölpreise ständig für ein hohes Wirtschaftswachstum sorgen."

"Russland hat eine Schlüsselrolle bei allen Bemühungen um die Sicherheit und Stabilität in Europa." Wichtig sei, so führte Gerhard Schröder weiter aus, dass es gemeinsam mit seinen NATO-Partnern "eine stabile, feste Partnerschaft in der Sicherheitssphäre herstellt – gemeinsam mit ihm und nicht ohne oder gar gegen Russland." "Elemente dieser gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur sind die NATO, die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie die OSZE."

Nach Worten Schröders ist die Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO das Ergebnis seiner Geschichte und das Fundament seiner Sicherheit. "Im Jahr 2003 wird die Europäische Union in der Lage sein, seine Tätigkeit zur Erhaltung des Friedens, zu friedensstiftenden und humanitären Missionen aufnehmen zu können. Wir sind bereit, dabei eng mit Russland zusammenzuarbeiten", sagte Bundeskanzler Schröder. "Da die OSZE zur Entwicklung der Demokratie beiträgt und dazu, dass Gesetz und Menschenrechte zum obersten Gebot werden, kann sie eine besondere Rolle bei der Herstellung eines stabilen Friedensordnung in Europa beitragen."

(Anm.v. m.: aus dem Russischen zurückübersetzt und unwesentlich gekürzt).

Zusammenbruch des russischen Staatsetats unter der Last der Devisenzahlungen (meint M.)

DER GRAUE KARDINAL ERLÄUTERT DEN HINTERGRUND

In einer Rede ging ein gewisser Gleb Pawlowski, der sich gerne als der Vordenker der russischen Politik gibt, auf die neue politische Philosophie Russlands ein. Auch für die deutsch-russischen Gespräche sehr relevant (meint M.).

1.Er erinnerte daran, dass Russland dem Zusammenbruch der Sowjetunion wesentlich beigetragen, indem es sich verselbstständigt hatte. (Russland war zwar die mächtigste, aber trotzdem nur eine der fünfzehn Unionsrepubliken). Schon deshalb verzichtet es aufs politische Erbe der Sowjetunion. Die alten Feindschaften will sie nicht pflegen. Auch wenn ein anderer Staat (wie die USA unter dem neuen Präsidenten) es danach gelüstet.

2.Das Jalta-Abkommen der Verbündeten der Antihitlerkoalition ist tot (das unter anderem die Nachkriegsgrenzen vorbestimmte). Auch das von ihm prejudizierte Sicherheitssystem in Europa funktioniert lange nicht mehr.

Und auch das Abkommen von Helsinki (1975), das gewissermaßen ein Enkelkind des Jalta- Abkommens darstellte. Vor allem das Helsinki-Postulat über die Bestandkraft der Grenzen in Europa ist durch spätere Ereignisse überholt.

3.Russland löste sich vom Weltherrschaftsanspruch der Sowjetunion, die USA dagegen halten den antiquierten Anspruch aufrecht. Die amerikanische Antwort aufs Verschwunden der Sowjetunion ist archaisch : die Besetzung der frei gewordenen Räume. (Bravo, Gleb! – ruft M. aus)

4.Die USA zwangen 1991 Russland die Rolle des Erben der Sowjetunion auf, damit es die SU-Schulden bezahlt. Hätten sie es nicht getan, gäbe es heute kein Schuldenproblem Russlands.

5. Washington beharrt auf der Jalta- Philosophie. Ihr Kern ist das Kondominium der USA und der SU, die die Welt aufteilten und einander Polizeigewalt im jeweiligen Teil zubilligten. Das schuf die Grundlage einer verdeckten Zusammenarbeit der Supermächte- trotz der Rhetorik der Konfrontation. Europa gelang unter den Mühlsteinen. Es hatte keine Chance einer selbstständigen Politik. (Gleb, Du bist Klasse!- M.)

6. Das 5. Kapitel ist abgeschlossen. Zwar wirkte auch nach dem Zerfall der SU eine gewisse Trägheitskraft. Unter Gorbi und Jelzin blieb Russlands Rolle in der Welt kein Fleisch und kein Fisch. Unter Putin macht der Kreml eine klare Wahl. Zugunsten Europas. Das eröffnet dem alten Kontinent eine Aussicht, kein USA- Anhängsel mehr zu sein.

Anm. v. M.: die programmatische Rede gebe ich so wieder, wie ich sie verstehe, aber nicht ganz so, wie sie gesprochen wurde. Jedenfalls aber macht das Petersburger Dialog sie sehr aktuell.

WAS GIBT ES DENN IN EUROPA AUSSER DEN DEUTSCHEN?

Das fragt Michail Prusak, Gouverneur aus Nowgorod. Beim Petersburger Dialog betreut er die Gesprächsrunde Wirtschaft.

Er plädiert dafür, die deutschen Erfahrungen in Russland anzuwenden. 1. Bei der Reform des Bankwesens. 2. Bei der Rolle des Staates in der Wirtschaft. 3. Bei der Bekämpfung der Korruption.

(Gut gemeint, Michael! meint M. – Nur sollst Du nicht glauben, die Deutschen hätten den perfekten Affen erfunden. Aus der Nähe sieht es etwas anders aus). 

Prusak betreut die Gesprächsrunde Wirtschaft zusammen mit Klaus Mangold (der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft). Er meint, die Deutschen kennen sich in Russland aus. Es sei zwecklos, ihnen X für Y vormachen zu wollen. Richtig ist dagegen, den Willen zu zeigen, Russland für die Investitionen attraktiver zu machen. Auch dadurch, dass die steuerliche Belastung zurückgenommen wird. Der Dialog mit den Deutschen sei deswegen sehr wichtig.

Auf die Frage, warum gerade mit den Deutschen, sagte Prusak (nomen est omen?): Was gibt es denn noch in Europa?

In der Entwicklung des Internets als Massenmedium ist Russland Deutschland weit voraus"

Michail Margelow, Vertreter des Gouverneurs Michail Prussak im Föderationsrat, wird beim "Petersburger Dialog" die Arbeit der Sektionen "Massenmedien" koordinieren.

Im Westen, so sagt er, mag man den Druck des Kreml auf die Pressefreiheit in Russland bedauern. Aber nicht der Kreml, sondern die Provinzfürsten bedrohen die Freiheit des Wortes. Sie geben sich wie echte Feudalherren: Sie zwingen die elektronischen und die Printmedien in die Knie. Wir möchten unsere deutschen Partner darauf aufmerksam machen, wie es mit der Pressefreiheit in den russischen Regionen steht.

Sprechen werden wir auch über die Entwicklung von Internet-Zeitungen. Hier ist Russland Deutschland weit voraus. Zur Zeit konnten wir im deutschen Internet nur eine elektronische Zeitung als solche identifizieren, alle anderen sind Internetversionen verschiedener Printmedien. Diesbezüglich können unsere deutschen Partner von uns lernen.

Auf dem Forum wird auch das Thema "Die Rolle der Massenmedien unter den Bedingungen der Globalisierung " erörtert. Vielleicht wird es dabei um die Gründung eines deutsch-russischen Presseklubs gehen, um die Einrichtung eines deutsch-russischen Fernsehkanals, um die Organisation von Informationsreisen für Journalisten, den Austausch angehender Journalisten.

Für unsere Sektion konnten wir Prominente aus deutschen Medien gewinnen, so Manfred Bifinger, Herausgeber der Zeitung "Die Woche". Hans Kilz, Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", Berthold Kohler, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen" und andere. Ein wenig wunderten wir uns darüber, dass sie alle schon ziemlich betagt sind, obwohl gerade die deutsche Seite die Meinung vertrat, zur Teilnahme müssten unbedingt Vertreter der neuen politischen Generation herangezogen werden. Unter den russischen Teilnehmern ist die Zahl derer, die jünger als fünfundvierzig sind, viel höher als bei der deutschen Seite.

Zum Fernsehsender NTW. Ich war und bin der Ansicht, dass es hier hauptsächlich ums Geschäft geht und nicht um Politik. Damit meine ich die undurchsichtigen und nicht genau abgesteckten Wirtschaftsbeziehungen zwischen "Media-Most" und "Gasprom". "Media-Most" stellt sich als Gejagter hin, pocht auf die Verletzung der Menschenrechte und der Pressefreiheit. Eine Strategie der propagandistischen Umkehrung der Begriffe wurde erarbeitet und hervorragend realisiert.

In westlichen, darunter in deutschen Massenmedien wird Russland mitunter verzerrt dargestellt. Was kann man dagegen tun?

Die einzige Möglichkeit, ein positives Bild von Russland zu vermitteln, besteht darin, so viel wie möglich von dem Positiven zu zeigen, was es in Russland gibt. Vermutlich werden die Begegnungen und Gespräche im Rahmen des Forums "Petersburger Dialog" für viele Journalisten aus Deutschland eine Entdeckung sein. Denn die Vorstellung von dem, was sich bei uns tut, bildet sich in Deutschland hauptsächlich aus den Klischees, die mitunter so nicht mehr stimmen

Anm. v. M.: Herr Margelow sagte, im deutschen Netz habe er nur eine Internet-Zeitung entdecken können. Meinte er "Matrjoschka-online.de"?

TROTZ DER TATSACHE, DASS DER VIELGEPRIESENE PETERSBURGER DIALOG OFFENSICHTLICH NICHT ALLE HOFFNUNGEN ERFÜLLTE, HABEN DIE RUSSISCH-DEUTSCHEN BEZIEHUNGEN VORRANG IN RUSSLAND. PUTINS VERTRAUTER BORIS GRYSLOW SINNIERT ÜBER IHRE ZUKUNFT:

Von den russischen-deutschen Beziehungen hingen seit Jahrhunderten Krieg und Frieden in Europa ab. So war es, so bleibt es. Vieles verbindet uns heute mit Deutschland. Zum Beispiel die Suche nach der eigenen Identität in der sich verändernden Welt. Beide Staaten haben sich qualitativ gewandelt. Der eine im Ergebnis der Wiedervereinigung, der andere durch Desintegration. Beide Gesellschaften befinden sich in einem ähnlichen moralisch-psychologischen Zustand der geistigen Suche.

Russland braucht Deutschlands Unterstützung in internationalen Finanzorganisationen und in der G-8. Deutschland braucht Russlands Rückendeckung zur Festigung seiner Position in der UNO. Gemeinsame Aufgaben haben wir beim Umweltschutz, bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus, der Kriminalität, der Drogendealer. Die Zusammenarbeit in Kultur, Wissenschaft und Bildung haben Russen und Deutsche über viele Jahrhunderte bereichert.

Es gibt auch Probleme. Von ihrer Lösung hängt es ab, ob die deutsch-russischen Beziehungen zur "guten" oder zur "schlechten" Seite kippen. Die den europäischen Ländern, darunter Deutschland, aufgezwungene Konzeption der "Friedensstiftung durch Gewalt" kann uns nicht gleichgültig lassen. Die Folgen dieser gefährlichen Idee bekam Europa auf dem Balkan bereits zu spüren. Das beeinträchtigt natürlich unser Verhältnis zu Deutschland. Diffizile Probleme gibt es auch in der Schuldenfrage. In unserer Zeit instabiler Finanzmärkte ist schwer zu sagen, wer mehr von wem abhängt – der Schuldner vom Kreditgeber oder umgekehrt. Ich erinnere daran, dass auf Deutschland fast ein Drittel unserer Auslandsschulden entfällt.

Zu allen Zeiten war die russische Elite ein Teil der politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Elite Europas, deutschen Politikern, Künstlern oder Wissenschaftlern in nichts unterlegen. Allgemein bekannt ist die starke gegenseitige Durchdringung der russischen und deutschen Kultur.

Die Europapolitik Russlands stand immer im Zusammenhang mit Deutschland. Russland und Deutschland waren militärpolitische Verbündete sowie Handels- und Wirtschaftspartner. Das ist, trotz allem, bis heute so.

Nur durch die aktive Zusammenarbeit mit Deutschland können wir unsere Lage in Europa festigen. Andererseits spielt Russland eine große Rolle bei der neuen außenpolitischen Orientierung Deutschlands. Das Wegbrechen ideologischer Auseinandersetzungen eröffnet Perspektiven für eine enge Zusammenarbeit.

17.04.01

KATERSTIMMUNG?

1. Nach dem "Petersburger Dialog" unter Teilnahme von Putin und Schröder breitet sich in den russischen Medien (nach Polit.ru) Katerstimmung aus. Was hat das Treffen gebracht? Das Lieblingsprojekt des Kreml, die russischen Schulden mit Aktien der russischen Unternehmen zu tilgen, ist steckengeblieben, weil der Kreml (vernünftigerweise) die russischen blue chips für die Verbindlichkeit gegenüber der gewesenen DDR nicht hergeben will, Berlin aber zögert, "schlechte" Aktien anzunehmen. Macht nichts, zitiert Polit.ru eine liberale Zeitung: Da Putin Deutschland liebt, erstarkt die Freundschaft. Vor dem Hintergrund der Spannung mit den USA ein nicht zu verachtendes Ergebnis.

13.4.01

3. HEUTE und in der GESCHICHTE - AUF HÖCHSTER EBENE

In Berlin beginnen die „Moskauer Tage“. 

Sie  finden im Rahmen der Städtepartnerschaft der zwei Metropolen statt.  Sie stehen  unter der Schirmherrschaft des Moskauer Oberbürgermeisters  Juri  Luschkow und des Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Vom 2. bis 29. Juli 2003 laufen zahlreiche  Seminare, Workshops und andere  Projekte, die   den Berlinern und Gästen Berlins viel Spaß bieten und viel Wissen über die  russische Metropole vermitteln sollen.  Hauptveranstaltungsorte  sind neben dem Roten Rathaus die Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, das Russische Haus in der Friedrichstrasse und der Saalbau in Neukölln.

 

In seinem Grußwort an die Berliner erinnerte der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow  an  viele Jahre Verbundenheit zwischen den zwei Hauptstädten, die sich auf immer neue Lebensbereiche ausweitet- von der Freizeitgestaltung bis zur Hochtechnologie.  Er versprach den Veranstaltungsgästen  eine virtuelle Reise in  die alte und immer neue   Metropole an der Moskwa.

 

An der diesjährigen Veranstaltungen beteiligen sich sehr viele junge Leute. Der größte Teil des Programms ist für die Jugend gedacht. Angefangen bei einem Kindertheater unter der Leitung einer Erbin der legendären Moskauer Zirkusdynastie Durow. Die Gala- Vorstellung des Moskauer Clownarde Theaters Teresa Durowas findet am 4. Juli im Russischen Haus in der Friedrichstrasse  statt. Der Eintritt ist frei.

 

Die Rundtischgespräche der Jugendlichen bieten reichlich Gelegenheit zum freien Meinungsaustausch. Auch ein Jugendsommerlager steht auf dem Programm.

 

In einer Pressekonferenz zur Eröffnung  der Moskauer Tage in Berlin hob der russische Botschafter in Berlin, Sergei Krylow, die Beteiligung des berühmten russischen Orchesters unter der Leitung von Wladimir Spivakow hervor, der am 9. Juli  im Rahmen eines Classic Open Air Konzerts  am Gendarmenmarkt spielt. 

Auch das  russische Berlin  präsentiert sich - Galerien, Kinos, Theater,  Gaststätten  und Clubs. Seit vielen Jahrzehnten beteiligt sich die zahlreiche Sprachgruppe in der deutschen Hauptstadt  aktiv und kreativ an der Gestaltung der Vielfalt des Berliner Kulturlebens und trägt zur wirtschaftlichen Prosperität in der deutschen Hauptstadt eine Menge bei.

 

Gewiss ist die Partnerschaft Moskau- Berlin nur ein Strang der vielfältigen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland. Aber ein sehr wichtiger Strang, der Impulse für die weitere Intensivierung der Zusammenarbeit ausstrahlt. Auch darin liegt die Bedeutung der anlaufenden Tage Moskaus an der Spree, zu denen  das Radio „Stimme Russlands“  seine Hörer einlädt.

 

Im nächsten Jahr finden  „Berliner Tage in Moskau“ statt. Im Namen aller Moskauer lud der OB Luschkow alle deutschen Freunde schon jetzt dazu ein.

1.7.03

 

 

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands feiert ihren 140. Geburtstag.

 

Die SPD hat alle Gründe,  den Geburtstag zu feiern. Trotz gelegentlicher Rückschläge umschiffte sie erfolgreich viele Klippen der hundertvierzig zurückliegenden Jahre, gewann an Einfluss, etablierte sich als staatstragende Partei in einem der größten und stärksten  Länder der Welt. Dass sie dabei einiges vom ideologischen Gepäck ihrer  Gründer über den Bord werfen musste, steht auf einem anderen Blatt.

 

Besonders überzeugend wirkt der Erfolg der SPD im  Vergleich mit dem Schicksal einer anderen Partei, die  dem gleichen marxistischen Schoß entsprungen war. Gemeint ist die russische sozialdemokratische Arbeiterpartei, die spätere Kommunistische Partei der  Sowjetunion. Diese missratene Schwester der SPD erlitt  wegen ihrer ungezügelten Radikalität  einen Schiffsbruch. Untolerant und gewalttätig, entfernte sie sich  von den Verhaltensregeln einer demokratischen Gesellschaft. Letztendlich büßte sie die Unterstützung der Russen ein, die sich mit ihrem schlimmen Erbe bis heute herumplagen müssen.

 

Trotzdem darf man wohl fragen, wo wäre  heute die SPD, hätten die Russen unter Führung der KPdSU nicht einen  mächtigen Staat aufgebaut? Einen, der sich fähig erwies, der Hitlerdiktatur  das Rückgrat zu brechen?  

 

Wie dem auch sei:  die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen. Und zwar zugunsten   jener Variante der Arbeiterbewegung, die von der SPD vertreten war. 

 

Das heißt natürlich nicht, dass die Jubilarin, die heute Glückwünsche  aus der ganzen Welt entgegennimmt, mit sich  ganz zufrieden sein kann.  Gerade jetzt kehrt   die  Bevölkerung Deutschlands peu a peu ihr den Rücken. Man gibt ihr die Schuld dafür,  dass Deutschland in eine Rezession abgleitet und sein soziales System nicht mehr zufriedenstellend funktioniert. Man wirft ihr  vor, keinen Mumm für große Würfe zu haben. Die Partei ist  zerstritten.

Bleibt zu hoffen, dass die SPD ihre heutige Krise meistert. So, wie sie schon viele Krisen gemeistert hat.

Das ist umso mehr zu hoffen, weil die SPD viel zu den guten deutsch- russischen Beziehungen beigetragen hat. Sie hat Männer wie Willy Brandt hervorgebracht, die  inmitten des Kalten Krieges und trotz einem erheblichem Widerstand dem großen Nachbarn im Osten die Freundschaftshand  ausstreckten. Die Annäherung unserer  Länder  setzt sich unter der gegenwärtigen deutschen Regierung fort. 

Es ist anzunehmen, dass der Trend unumkehrbar geworden ist , weil er den langfristigen nationalen Interessen Russlands und Deutschlands entspricht. Und weil immer mehr Deutsche, darunter  auch keine SPD-Anhänger, es erkannt haben. Das ist übrigens auch ein großer Verdienst der SPD. Erst recht in den Augen der Russen.

23.5.03          

 

Der 9. Februar wird in die Chronik der russisch-deutschen Beziehungen  als ein wichtiges Datum eingehen. An diesem Tag hebt um 10.30  der russische Dirigent Michail Pletnew im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt seinen Taktstock. Vor der versammelten Prominenz aus Deutschland und  Russland spielen die „Petersburger Philharmoniker“. Mit einem Konzert eröffnen  sie das Jahr der deutsch-russischen Kulturbegegnungen. Zu dieser Veranstaltung  werden die Staatspräsidenten Wladimir Putin und Johannes Rau, sowie Bundeskanzler  Schröder mit Ehefrauen erwartet. Nach dem Musikteil lädt Johannes Rau seinen russischen  Amtskollegen und andere Gäste des Hauses zu einem Empfang in die Festsäle des prächtigen Schinkelbaus.

 

Das Programm der Veranstaltungen des Kulturjahres gewinnt allmählich immer deutlichere Konturen. Es fängt  damit an, dass auf der in wenigen Tagen  beginnenden  Berlinale  aktuelle und historisch bedeutsame russische Streifen präsentiert werden. So gibt die  abendliche Filmreihe New Russian Cinema  einen Überblick über den zeitgenössischen russischen Film. Der Eröffnungsfilm Shik von Bakhtyar Khudojnazarov  erzählt die Geschichte von drei jungen Freunden, die dem Konsumrausch verfallen sind. Zum Kurzfilmprogramm gehört ein Dokumentarvideo, das tschetschenischen Kindern auf ihrer Fahrt durch Moskau folgt (Home Video). Ein weiterer Abend zeigt Fernsehproduktionen wie Brigade, eine der erfolgreichsten russischen Serien, die Abenteuer von vier Freunden  nach ihrer Rückkehr  vom Militär ins zivile Leben schildert. Ein Abend ist dem letztes Jahr verstorbenen Schauspieler und Regisseur Sergej Bodrov jun. gewidmet. In „Ein Gefangener im Kaukasus“, einer Tolstoi-Adaption, kann man ihn noch einmal in einer Hauptrolle  sehen.   

 

Auf der Frankfurter Buchmesse 2003 ist Russland diesmal zum Ehrengast avanciert. Über hundert  russische Verlage präsentieren hier ihre Editionen.  Sie treffen eine Auswahl   aus siebzig Tausend neuen Titeln, die in Russland jetzt jährlich erscheinen, mehr als je in seiner Geschichte. Die Bücherpräsentationen werden von verschiedenen anderen Ausstellungen flankiert. Eine davon gilt dem 300. Jahrestag von Sankt –Petersburg, einem Jubiläum der Newa-Stadt, das auch in Berlin gewürdigt wird. Etwa hundert russische Autoren  haben sich einverstanden erklärt, den Besuchern der Frankfurter Buchmesse über das geistige Leben des modernen Russland Auskunft zu geben. Auch in Berlin, in den Räumen der Akademie der Künste,  sind russische Dichterlesungen  geplant.

 

Den Höhepunkt des Jahres der russischen Kultur in Deutschland bildet die Kunstausstellung „Moskau- Berlin“. Es ist die Fortsetzung  der Ausstellung, die vor Jahren unter demselben Namen mit großem Erfolg in Berlin und dann in Moskau lief. Diesmal gilt  die Ausstellung der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Ab September ist sie im Berliner Gropius- Bau zu sehen.

 

Das Jahr der russischen Kultur in Deutschland geht auf eine 2001 auf höchster Ebene erzielte Vereinbarung zurück, den Kulturaustausch  zwischen Russland und Deutschland  zu forcieren. Beiden Ländern geht es  darum, über die sogenannte „dritte Säule“ der zwischenstaatlichen Beziehungen, die Säule der Kultur, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen der Humanität, das die  durch Terror und  Krieg verunsicherte Welt jetzt mehr denn je braucht.

28.1.03  

 

TJUTSCHEW

Aus Moskau wird berichtet, dass der russische Präsident Putin einen Ukas erlassen hat, wonach der 200. Geburtstag des russischen Dichters Fedor Tjutschew feierlich begangen werden soll. Warum die Ehre? Matrjoschka- Team glaubt, weil Tjutschew nicht nur ein  hervorragender Dichter, sondern auch ein großer Freund Deutschlands war.  So wurde im Team einhellig die Entscheidung gefällt, Fedor Tjutschew unseren Lesern vorzustellen. Lesen Sie bitte einen Beitrag über die Beziehung des Dichters zu Deutschland.  

 

 

Wie sich  der Verfasser mehrere Male überzeugen konnte, sagt der Name Tjutschew vielen Deutschen  wenig oder gar nichts. Aber auch jene, die keine Zeile des Dichters vor die Augen bekommen haben, kennen mitunter den folgenden Vers, der im Westen  oft angeführt wird, wenn es um die Russen und Russland geht. Auf Russisch heißt es:

 

Umom Rossiju ne objatj

Arschinom oschtschim ne ismeritj.

U nei osobennaja statj.

W Rossiju moshno toljko weritj.

 

Übersetzt heißt es sinngemäß, dass Russland mit dem Verstand nicht zu erfassen und mit der allgemeingültigen Messlatte nicht zu ermessen ist. Es hat eine besondere Rolle in der Welt. Und an Russland muss man einfach glauben.

 

Derjenige, der sich diesen Vers einfallen ließ, hieß eben Fjodor Tjutschew. Er lebte im vorvorigen Jahrhundert, verbrachte viele Jahre in Deutschland, zumeist als Diplomat im Auftrag der russischen Regierung, und galt als einer der besten, wenn nicht der beste russische Lyriker nach Puschkin.

 

Sein Vers wurde und wird nicht nur viel zitiert, sondern oft und auf die verschiedenste Weise gedeutet. Es wurde immer wieder gerätselt, was Tjutschew damit eigentlich sagen wollte. Wollte er die russische Eigenart verherrlichen? Etwa so: Wir, die Russen, fallen aus dem Rahmen, weil wir besser als die anderen sind? Oder brachte er die russische Demut, den Minderwertigkeitskomplex der Russen zum Ausdruck? Etwa so: Wir, die Russen, sind dazu verdammt, aus dem Rahmen zu fallen, und es bleibt uns nur, daran zu glauben, dass  das Ausgefallene an uns einen besonderen Sinn hat. Welche Deutung kommt der Absicht des Dichters wohl näher?

 

In jüngster Zeit wurde der Vierzeiler  bemüht, um den besonderen Standort Russlands außerhalb des vereinten Europas zu rechtfertigen, Sowohl von denjenigen, die Russland in Europa nicht aufnehmen wollen, als auch von denjenigen, die Russland nicht nach Europa gehen lassen wollen. Die einen meinen, Russland muss draußen bleiben, weil es sich nicht anzupassen wisse. Die anderen meinen, Russland soll draußen bleiben, weil es in Europa nichts Gutes erwartet.

 

Zu Tjutschews Zeiten hat sein Vers wenig Aufsehen erregt. Da war es noch selbstverständlich, wenn man seine Eigenart behielt und pries. Da wurde in jedem land anders gegessen, gebaut, eine andere Mode getragen und anderes Theater gespielt, man malte andere Bilder, dichtete auf seine eigene, unnachahmliche Art und bezahlte mit eigener Münze. Es gab noch keine welterobernde Popkultur aus Übersee, nicht MacDonalds und nicht den Euro. Eigenständigkeit wurde keineswegs mit Rückständigkeit gleichgesetzt.

 

Schon gar nicht im Königreich Bayern, wo Tjutschew Beamter an der russischen Gesandtschaft war.

 

Später trieb König Ludwig II. die bayerische Eigenständigkeit bis zum Exzess. Er baute sich Schlösser, die einer alten deutschen Sage zu entspringen schienen. Er vergötterte Richard Wagner samt seinen Nibelungen. In München und Nürnberg siedelten sich die aufs Deutschtum versessenen romantischen Maler und Dichter an.

 

Fjodor Tjutschew kam 1821 nach München, als in Bayern noch Ludwig I. auf dem Thron saß. Zwar hatte dieser nicht so skurrile Einfälle wie sein Nachfolger, doch pflegte auch er die Eigenständigkeit Bayerns. Er verteidigte sie sowohl gegen das immer mächtiger werdende Preußen im Norden als auch gegen das Reich der Habsburger im Süden. Er hielt Bayern für einen legitimen Miterben des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Auf eine Verbindung mit Russland setzte er große Stücke. Insbesondere, weil seine Rivalen, die Hohenzollern in Berlin, ebenfalls ein gutes Einvernehmen mit Sankt Petersburg anstrebten. Und weil die Habsburger in Wien mit dem osmanischen Reich, also mit den Türken, liebäugelten, die in München als akute Gefahr galten.

 

Im Gegensatz zu Berlin und Wien stand in München nicht nur das mächtige Russische Reich hoch im Kurs. Hier fanden auch die slawischen Völker Würdigung. Das hat Tjutschews Mentalität beeinflusst. Als Spross eines sehr alten russischen Adelsgeschlechts kam er nach München, ohne ein ausgeprägtes russisches, geschweige denn slawisches Selbstbewusstsein zu haben. In seiner Jugendzeit war die Petersburger Gesellschaft stark kosmopolitisch geprägt. Auch er wurde kosmopolitisch erzogen. Aber als er 22 Jahre später endgültig in sein Vaterland zurückkehrte, empfand er sich als Russe und Slawe par excellence. Er wurde zu einem konsequenten Slawophilen.

 

Vor Tjutschew und insbesondere nach Tjutschew gab es auch andere Fälle, dass die Russen im Westen ihr Russentum entdeckten. Meistens geschah es, weil sie sich wegen ihrer Herkunft im Ausland diskriminiert fühlten. Im Falle Tjutschews war es ganz anders. Er kam in München glänzend an. Er war am bayerischen Hof geschätzt. Er glänzte in den Salons. Er eroberte im Nu die Herzen der begehrtesten jungen Damen der Münchner High-Society. Drei Mal vermählte er sich mit bayerischen Schönheiten (die ersten beiden Ehefrauen starben ihm weg). Außerdem gab es Liebschaften, die in München für Klatsch sorgten. Die Münchner waren perplex. Sie fragten sich, warum der schmächtige, kränkliche, immer von Geldsorgen geplagte Russe so viel Erfolg bei der Damenwelt hatte. Die Gescheitesten fanden die Antwort. Es war sein Geist, der ihn unwiderstehlich machte. Und die Leidenschaftlichkeit. Jede neue Angebetete umgab er mit einem Heiligenschein.

 

Auch in jeder anderen Hinsicht fühlte sich Tjutschew in München wie zu Hause. Er sprach und schrieb perfekt Deutsch. Er verkehrte mit deutschen Dichtern und Künstlern. Vor allem mit Heinrich Heine, der in seinem Münchner Haus oft zu Gast war. Bis Tjutschew merkte, dass das deutsche Dichtergenie hinter einer Schwester seiner Ehefrau her war. Da Tjutschew selbst zärtliche Gefühle für das viel jüngere, hübsche und geistreiche Mädchen hegte, ärgerte es ihn. Er sorgte dafür, dass Heine sein Haus nicht mehr so oft besuchte. Das hinderte ihn aber nicht, einiges aus Heines Dichtung ins Russische zu übertragen. Es waren mit die ersten und die besten Nachdichtungen des deutschen Lyrikers.

 

Selbst dichtete Tjutschew in München viel intensiver als später, in Sankt Petersburg. Es ist hier zu vermerken, dass manche seiner poetischen Naturbeschreibungen, in Russland  auf die russische Natur gemünzt, von der deutschen Natur inspiriert war. So ein Gedicht, das jedes russische Kind kennt, in dem es um das erste Frühlingsgewitter geht.

 

Der Schwung und die Melodie seiner Gedichte sind hervorragend. Leider aber gelang es bis jetzt keinem Nachdichter, sie in vollem Maße wiederzugeben. Denn der Zauber seiner Dichtung wurzelt in der russischen Sprache und ist schwer in eine andere zu übertragen.

 

Das betrifft auch sein Gedicht über die Nacht, die im Folgenden gebracht wird. Wie viele Romantiker liebte Tjutschew die Nacht. Ohne von jemandem gestört zu werden, gab er sich Gedanken über Gott und die Welt hin. Obgleich die ersten Flüge in den Kosmos erst anderthalb Jahrhunderte später stattfanden, flog sein Geist bereits damals, in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den Sternen.

 

In stiller, dunkler Nacht,

Wenn auf dem Erdenrunde

Rings alles schweigt,

Wenn längst erlosch der Tagesschein,

Dann rollt das All der Welt

In heiliger Geisterstunde

Ein lebendes Gefährt-

Ins Himmelstor hinein.

Und finster wird's und öd,

Wie's war im Weltenraum,

Bevor das Chaos wich vor Gottes Machtbefehl,

Und nur der Muse jungfräuliche Seele

Wird von den Göttern heimgesucht im Traum.

 

Wenn man das Gedicht liest, beziehungsweise hört, wird einem klar, warum Fjodor Tjutschew so viel von Goethe ins Russische übersetzte. Das Philosophische in den  Werken des deutschen Dichterfürsten musste ihn faszinieren. Auch bei den deutschen Dichtern nach Goethe suchte er immer die weitfliegenden Verse. So war es eben in seiner Zeit. Die Dichter fanden die damalige Welt so schlimm, so katastrophengeladen, dass sie am liebsten ins All ausgewandert wären. Was hätten die wohl heute, zu Beginn des dritten Millenniums gesagt?

 

Doch zurück zu Tjutschew.

 

Der russische Diplomat und Lyriker kam also in München gut an und hatte dort keine Schwierigkeiten, ausgenommen die, die er sich selbst durch sein ungestümes Liebesleben bereitete. Trotzdem wurde er in München zum ausgeprägten russischen Patrioten und Slawophilen. Aber in keinem Brief, in keiner Aufzeichnung, in keinem Gedicht Tjutschews findet sich eine Spur des Deutschenhasses. Ganz im Gegenteil. Er liebte nicht nur mehrere deutsche Frauen leidenschaftlich. Das wäre noch kein Beweis für seine Deutschfreundlichkeit. Er liebte Deutschland überhaupt. Jedenfalls jenes Deutschland, das er in Bayern, in Süddeutschland erlebte. Illustrieren möchte ich dies mit noch einem Gedicht von Tjutschew. Er schrieb es, als er eine schöne Gegend in der Nähe von Stuttgart besuchte. Unter dem dort gewonnenen Eindruck dichtete er:

 

Im Tal der Fluss. Auf steilen Hügeln,

An seinen Ufern wächst der Wein,

Und auf des Abendwindes Flügeln

Zieh'n Wolken hell im Sonnenschein.

Des Wandrers Blick, emporgehoben

Vom grünen Tal ins Himmelblau,

Sieht auf dem Bergesgipfel droben

Der runden Kirche lichten Bau.

Hier kam zur Ruh der Strom des Lebens,

Hier ist der Toten ernste Gruft,

Hier ist das Ziel des Erdenstrebens,

Und leicht und rein ist hier die Luft.

Still scheint hier die Natur zu lauschen

Auf ihres eignen Herzens Schlag,

Und Wind und Fluss und Bäume rauschen

Ein Lied vom ewigen Feiertag.

 

Übrigens wurde in der "runden Kirche", die im Gedicht erwähnt wird, eine russische Großfürstin begraben, die Gemahlin eines württembergischen Königs. Die deutschen Fürsten heirateten damals gern russische Prinzessinnen. Ob da immer Liebe im Spiel war, wollen wir dahingestellt sein lassen. Dagegen war Machtstreben bestimmt mit im Spiel. Jeder Souverän eines deutschen Landes träumte davon, eine verwandtschaftliche Beziehung zum mächtigsten Herrscherhaus Europas zu knüpfen. Die württembergischen Könige waren da besonders tüchtig. Drei Mal nacheinander holten sie Prinzessinnen aus dem Hause Romanow nach Stuttgart. Ach, wie sich auch auf dem Gebiet die Sitten änderten! Jetzt holen zumeist die Könige des Rotlichtmilieus russische Mädchen nach Deutschland. Aber - Schwamm drüber...

 

Zu Tjutschew zurückgekehrt, müssen wir feststellen, dass er ein Mann mit zwei Seelen war. Mit einer russischen und mit einer deutschen . Und wenn es noch eines Beweises dafür bedarf, dass sich russische und deutsche Vaterlandsliebe keineswegs ausschließen, dann hat der Dichter ihn geliefert. Zeitlebens blieb der waschechte Russe, Patriot Russlands ein Freund  und Bewunderer Deutschlands. Und als er nach Petersburg zurückkehrte, hatte Deutschland, genauer gesagt Bayern, keinen besseren Fürsprecher am Zarenhof.                  

 

LUSCHKOW IN BERLIN 

Den eigenen Worten nach betrachtet sich  der Moskauer OB Juri Luschkow  nicht so sehr als Politiker, sondern eher als Mann der Wirtschaft. Tatsächlich sorgte er auch während des jüngsten Besuches in Berlin   dafür, dass seine Visite etwas auf der wirtschaftlichen Schiene bewegte.  Diesmal dafür, dass der geplante Start    einer neuen riesigen   Handelskette in Moskau erfolgreich verläuft. Die Handelskette Real soll  den Moskowiten mit kleinen Einkünften ermöglichen, ihre Einkäufe  in zivilisierterem Ambiente zu tätigen. Jenen, die jetzt auf Straßenhändler angewiesen sind, weil die bestehenden Supermärkte  westlicher Provenienz ihnen zu teuer sind. Den Straßenhandel will aber  Luschkow, immer darauf erpicht, Moskau noch mehr Glanz zu verleihen,   aus der Stadtmitte vertreiben. 

Das Anliegen kommt den Wünschen der deutschen Geschäftsleute sehr entgegen. Der Einzelhandel gehört  bekanntlich zu den von der gegenwärtigen Flaute am meisten gebeutelten deutschen Wirtschaftszweigen. Es ist nur logisch, dass der Aufbau der Handelskette Real  von den deutschen Investoren mitfinanziert wird. Verspricht er doch den deutschen Partnern  lukrative Aufträge Der deutsche Massenkonsum, durch Ketten wie Aldi oder Lidl repräsentiert, kann seine Erfahrungen in Moskau gut anbringen.

Nach den Worten des OB Luschkow ist die Zusammenarbeit mit der deutschen Geschäftswelt auch auf anderen Feldern  zu einer bedeutenden Triebkraft der Moskauer Wirtschaft geworden. Diese aber entwickele sich gut. Im ausklingenden  Jahr wuchs  das BNP in Moskau um 10 Prozent. Die Arbeitslosigkeit in der russischen Hauptstadt fiel auf 0,6 Prozent, das heißt sie  existiert praktisch nicht mehr, berichtete der russische Gast. Der Wohnungsbau hat neue Höhen erklommen. Alles Ergebnisse einer  Wirtschaftsentwicklung, die man gerade in Berlin zu schätzen weiß.   

Das hohe Niveau des Wirtschaftslebens in der schwierigen Zeit  brachte Luschkow in  Zusammenhang mit der energischen Förderung des Handwerks und der kleinen Firmen durch die von ihm geleitete Stadtregierung. Zwar bleibt Moskau mit seinen 233 Großbetrieben und mit 1,5 Millionen Industriearbeitern weiterhin ein Schwerpunkt der russischen Hightech, trotzdem aber ist etwa die Hälfte der Moskauer Bevölkerung im Handwerk und kleinen Dienstleistungsbetrieben beschäftigt, also gerade in jenen Gefilden, die in Berlin mit wachsenden Schwierigkeiten konfrontiert sind. Der immer auf Erfahrungsaustausch bedachte Luschkow hob hervor, dass die Moskauer Erfahrungen den deutschen Partnern zur Verfügung stehen. Wie er aus Berlin   wichtige Erkenntnisse nach Hause bringt, vor allem was die kommunale Wirtschaft und die Verwaltung betrifft. 

Das Novum bei den hochkarätigen  Besuchen aus Russland  war das Treffen des   Gastes  mit der russischsprachigen Diaspora in Berlin. Luschkow appellierte an dieses Publikum, zwischen der russischen und deutschen Kultur vermittelnd zu wirken. Er  sprach über das  äußerst produktive  Nebeneinander der beiden großen europäischen Völker, die jetzt auf gutem Wege sind, ihre Beziehungen zu vertiefen und auszuweiten. Auch wenn seine Zuhörer nicht immer mit seinen Gedankengängen übereinstimmten, fanden sie  die Tatsache sehr erfreulich, dass ein hochrangiger russischer Politiker die Gelegenheit ergriff, mit den russischen Einwanderern in Berlin zusammenzukommen. Sie betrachteten es als neuerlichen Beweis der Konsolidierungspolitik der gegenwärtigen russischen Führung.        

2.12.02

 Deutsch als Fremdsprache soll in Russland  noch mehr Verbreitung finden.

Dies ist insbesondere beim Schüler- und Studentenwettbewerb "Gemeinsam ins 21. Jahrhundert" des Deutsch-Russischen Jugendforums zum Ausdruck gekommen. Den Wettbewerb hat sie in den Jahren 2001 und 2002 zusammen mit Doris Schröder-Köpf maßgeblich inspiriert und gefördert. Er half Schulen und Universitäten beider Ländern, Kenntnisse über das jeweils andere Land und seine Sprache zu vertiefen. Durch dieses Projekt wurden in Russland neue Tausende ans Studium der deutschen Sprache und Kultur herangeführt. Die russischen Deutschlehrer und die Historiker der deutschen Literatur und Folkloreforscher bekamen zu spüren, dass ihre Arbeit geschätzt wird. Der breiten Öffentlichkeit wurde vermittelt, dass das Deutsche als Fremdsprache in Russland Zukunft hat und eine unersetzliche Brücke der Kommunikation und Verständigung zwischen Deutschland und Russland bleibt.

In einer Zeit, da die bekannten globalen Prozesse in Wirtschaft und Politik die Vielfalt der Sprachen zu reduzieren drohen und sich die intensive Verdrängung sowohl der deutschen als auch der russischen Sprache aus einigen Sphären der Wissenschaft, Forschung und des Kulturaustauschs weltweit abzeichnet, gewinnen Aktivitäten wie das von Ljudmila Putina beeinflusste Projekt des Deutsch-Russischen Forums besondere Bedeutung. Aber auch ihre Tätigkeit als Leiterin eines Moskauer Instituts für die Pflege der russischen Sprache. Diese Einrichtung setzt sich dafür ein, den russischen Sprachminderheiten in den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion beim Erhalt des russischen Idioms zur Seite zu stehen. Auch dafür wurde Ljudmila Putina, wie die Juroren hinwiesen, mit der Verleihung des Jacob-Grimm-Preises gewürdigt.

Bei der Gelegenheit sei daran erinnert, dass in Russland das Studium der deutschen Sprache eine viele Jahrhunderte alte Tradition hat. Eine ganze historische Epoche lang wetteiferte sie mit dem Französischen, um sich im XIX. Jahrhundert als Fremdsprache den ersten Platz in der gebildeten Bevölkerungsschicht zu belegen. Auch heute beschäftigt sich mit der deutschen Sprache in Russland ein größerer Anteil der Bevölkerung als in jedem anderen Land der Welt, wo Deutsch Fremdsprache ist. Mehr als 3,7 Millionen russische Kinder und Jugendliche lernen mehrere Jahre Deutsch. Zwar hat es in den letzten Jahrzehnten seinen ersten Platz auch in Russland dem Englischen abtreten müssen, aber die Distanz wächst nicht, wie es andernorts der Fall ist. 

Die Verleihung des Preises, der den Namen eines der Schöpfer der hochdeutschen Literatursprache, deutschen Linguisten und Folkloristen trägt, der nicht müde war, den Landsleuten und Ausländern die Schätze des deutschen Idioms ins Bewusstein zu bringen, an die Ehefrau des russischen Präsidenten ist ein Kulturereignis ersten Ranges. Es wird ohne Zweifel von der breiten Öffentlichkeit beider Länder positiv aufgenommen.

16.10.02 

80 Jahre Rapallo

1.

Es gibt wohl wenig internationale Verträge, die von Historikern so kontrovers bewertet wurden, wie der Rapallo-Vertrag, vor 80 Jahren zwischen  Sowjetrussland und dem Weimarer Deutschland in einem kleinen  italienischen Ort  am Rande einer europaweiten Nachkriegskonferenz geschlossen. Gleich nach seinem Abschluss tobte im Westen ein Sturm der Entrüstung. Kein Wunder, da das  Werk der sowjetischen und deutschen Diplomaten wenn nicht im eigentlichen Text, dann zwischen den Zeilen Brisantes barg. Der Vertrag sollte nämlich Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Welt nach dem Ersten Weltkrieg doch nicht so aussieht, wie  es sich die Kriegssieger Frankreich, England und die USA  wünschten. Also nicht die Welt, in der nur die großen Drei das Sagen haben, sondern auch die anderen europäischen Staaten, vor allem  die Kriegsverlierer, zu denen auch Russland zählte, obwohl es als  Verbündeter der Westmächte in den Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn eingetreten war.

 

In Rapallo liefen die Verhandlungen zwischen Deutschland und Sowjetrussland über den Vertragsinhalt geheim. Die Teilnehmer fürchteten, die Westmächte könnten, sollten sie davon erfahren, den Abbruch der Verhandlungen erzwingen. Hinzu kam, dass in Deutschland und Russland selbst die Idee der gegenseitigen Unterstützung nicht nur Freunde hatte. In Deutschland war die Westlobby stark, die darauf bestand, die harten Forderungen des Versailler Friedensdiktats ohne wenn und aber  zu erfüllen, das die  Knebelung Deutschlands für Jahrzehnte festschrieb. In Russland polemisierten die Ultralinken gegen Rapallo, das ihrer Meinung nach zur Stabilisierung des Weltimperialismus beitrug  und somit die ersehnte Weltrevolution des Proletariats behinderte. Aber in Berlin und in Moskau konnten sich doch  die Pragmatiker durchsetzen, die eine ideologiefreie Außenpolitik machen wollten, auch wenn sie oft mit ideologischen Floskeln kaschiert wurde. So kam es zum Rapallo- Vertrag.

 

Er entsprach den tiefsten Interessen der beiden Seiten. Ins Aus der Weltpolitik abgedrängt, könnten sowohl Russland als auch Deutschland nur gewinnen, wenn sie ihre Beziehungen bereinigten und ein modus vivendi erreichten, der eine ersprießliche Zusammenarbeit ermöglichte. Das  Zusammenwirken war das Gebot der Zeit. Und zwar auf verschiedenen Feldern.  In der Arena der europäischen Politik, wo sie wieder wer sein wollten. In der Wirtschaft, wo es darum ging, den industriellen Aufbau in Russland durch deutsche Ausrüstungslieferungen zu sichern, die wiederum der deutschen Industrie halfen, auf die Beine wieder zu kommen.  Und auch im militärischen Bereich, besonders wichtig für Deutschland, das im Versailler Diktat mit weitgehenden Beschränkungen bedacht worden war.

 

Im Rapallovertrag  selbst stand über die getroffenen  Vereinbarungen   wenig. Aber die beiden Delegationen, die sich nach tagelangen Diskussionen gut zu verstehen glaubten,  vertrauten darauf, dass auch mündliche Abmachungen erfüllt werden. Sie gingen davon aus, dass die politischen Zwänge, denen die beide vom Westen stigmatisierten Länder unterworfen waren, mehr Gewicht hatten als Unterschriften. Eine Auffassung, die sich im Laufe der Jahre bestätigen sollte. Sowohl in Deutschland als auch in Russland gab es in der Folgezeit innenpolitische Turbulenzen, Staatsmänner kamen und gingen, aber der Rapallo- Vertrag blieb wirksam. Obwohl bei weitem nicht alles, was er versprach, realisiert werden konnte.

2. 

Ein einmaliges Vertragswerk, sollte also der Rapallo- Vetrag Deutschland und Russland, den Verlierern  des Ersten Weltkriegs, von den sieghaften   Frankreich, England, die USA stigmatisiert, einen Platz an der Sonne sichern. Bemerkenswert, dass dieser Vertrag, sehr starken Anfeindungen, vor allem aus dem Westen, dessen Interessen er entgegenlief, aber auch von Dogmatikern im Inneren  ausgesetzt, in den ersten Jahren  gut funktionierte. Russland und Deutschland, beide im politischen Europa ins Abseits gedrängt,  leisteten sich überall dort, wo es möglich war, Schützenhilfe. Die deutsche Industrie wurde mit russischen Rohstoffen  und Lebensmitteln versorgt, Russland erhielt deutsche Werkzeuge und Maschinen, die es für seine Industrialisierung dringend brauchte. Auch wenn die Steigerung des Handelsvolumens nicht den hochgeschraubten Erwartungen entsprach, näherte es sich  dem der Vorkriegszeit, als das deutsche Kaiserreich  und das russische Zarenreich sehr erfolgreich kooperierten. Die Jahrhunderte lange Entwicklung des Handels, durch den unsinnigen Krieg unterbrochen, wurde wieder aufgenommen.     

  

Wenn man in den deutschen Zeitungen aus der Zeit blättert, beeindruckt besonders die Intensität der eingeleiteten  kulturellen Beziehungen. Die russische Kunst und Literatur, damals noch nicht in die Fesseln der sowjetischen Bürokratie genommen und darum der Kreativität der Russen gerecht, eroberten wie im Sturm deutsche Verlage, Bühnen, Galerien und Vorlesungssäle. Es gab um die Zeit wenig bedeutende Dichter und Künstler in Russland, die nicht in Deutschland weilten. Manche schlugen hier für längere Zeit ihre Zelte auf. Die Spuren  ihres Einflusses finden sich in allen bedeutenden Kulturströmungen Deutschlands, das sich,  militärisch und politisch zwar am Boden, aus der europäischen Kulturlandschaft nicht eliminieren ließ.

 

Auch in entgegensetzter Richtung ergoss sich ein Strom von Ideen, Erkenntnissen, Erfahrungen. Viele deutsche Dichter, Wissenschaftler und Ingenieure besuchten Russland. Bei weitem nicht immer entsprach das, was sie vorfanden, ihrer Hoffnung auf das Entstehen einer neuen, gerechteren sozialen  Ordnung. Aber jede Reise brachte Denkanstösse und schöpferische Impulse.

 

Im Verborgenen lief die Zusammenarbeit im militärischen Bereich. Die deutsche Reichswehr, der nach dem Versailler Vertrag  eine Personalgrenze von 100 000 Mann auferlegt und der Besitz von modernen Waffen verboten worden war, erhielt in Russland die Möglichkeit, die Gebote und Verbote der Kriegssieger zu umgehen. Deutsche Techniker erprobten an der Wolga und in der Ukraine neue Panzer und Kampflugzeuge, deutsche Offiziere übten sich in der Handhabung neuer Waffen. Im Gegenzug erhielt die Rote Armee waffentechnische Hilfe aus Deutschland. Sowjetische Generäle reisten nach Deutschland,  um hier ihr Wissen über die moderne Strategie zu bereichern.

 

Gewiss. Im Unterschied zur Zusammenarbeit in anderen Bereichen mutet uns die Kooperation im militärischen Bereich jetzt seltsam an. Es fällt einem schwer, sich von der Vorstellung zu lösen, dass etwa fünfzehn Jahre später die mit Hilfe der anderen Seite aufgepäppelten Streitkräfte in einem Vernichtungskrieg gegeneinander kämpften. Wie schlimm es auch gewesen ist, gibt es keine Anhaltspunkte für  die Vermutung, dass es von Anfang an so gedacht war. Beide Länder fühlten sich bedroht und wollten die Bedrohung abwehren. Und der Rapallo- Vertrag schien dafür ein gutes Instrument zu sein.

3. 

Also  förderte der Rapallo- Vetrag  eine umfangreiche Erweiterung der politischen, wirtschaftlichen,  kulturellen und militär-technischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland. Beide Länder kamen sich näher. Es gelang ihnen, die politische und diplomatische Blockade der im Ersten Weltkrieg siegreichen Westmächte zu durchbrechen. Russland und Deutschland kehrten zurück in die weltpolitische Arena und konnten besser für ihre Belange einstehen.

 

Leider aber gewann  in beiden Ländern eine Politik Oberhand, die zu einer Pervertierung der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit  führte. In der Sowjetgeschichte ist sie mit dem Namen Stalins verbunden, in der deutschen Geschichte mit dem Namen Hitlers.  Ihren Höhepunkt fand die verhängnisvolle Entwicklung in dem Vertrag zwischen Hitlerdeutschland und der UdSSR vom 1939, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges.

 

In der westlichen, aber auch in der russischen modernen Historiographie werden Versuche unternommen, zwischen diesem Pakt und dem Rapallo- Vertrag wenn nicht ein Gleichniszeichen zu setzen, dann mindestens einen unmittelbaren Zusammenhang festzustellen. Das entspricht aber nicht der  geschichtlichen Wahrheit. In Rapallo  wurde nicht die Aufteilung Osteuropas vereinbart. In Rapallo wurde auch nichts anderes vereinbart, was die Gefahr eine Weltkrieges steigerte. Im Gegenteil. Sowohl Deutschland als auch Sowjetrussland strebten in Rapallo im Grunde etwas an, was allen Europäern zugute kommen konnte. Eine politische und militärische Ausgewogenheit in Europa, die in Moskau als friedliche Koexistenz  bezeichnet wurde. Sie ließ sich zwar mit den kommunistischen Dogmen von der Weltrevolution schwer vereinbaren. Das ändert jedoch nichts daran, dass  der Ansatz des Rapallo- Vertrages   von dem des Hitler-Stalin- Paktes himmelweit entfernt war. Die Vereinbarungen in Rapallo  wurden von beiden Seiten ohne Absicht getroffen, den Partner aufs Eis zu führen. Beiden ging es darum, ihre legitimen Interessen zu verteidigen. Von einer Benachteilung Dritter war keine Rede.

 

Nichtsdestoweniger wäre es leichtsinnig, aus der Pervertierung der Idee der deutsch-russischen Kooperation  im Hitler-Stalin Pakt keine Lehre zu ziehen. Und diese besteht wohl darin, dass diese Kooperation nur dann seine Berechtigung hat, wenn sie nicht gegen andere  Länder gerichtet ist. So, wie sie im Rapallo- Vertrag von 1922 zwischen dem Weimarer Deutschland und Sowjetrussland  realisiert wurde. 

4.

Der Rapallo- Vertrag von 1922 zwischen Deutschland und Russland sollte nur ihre legitimen Interessen absichern.  

Desto mehr wundert man sich, dass der Rappalo- Vertrag   zu einer Art Teufelswerk stilisiert wird. Bis in die Gegenwart erscheinen Bücher und Zeitungsbeiträge, die die 1922 beschlossene Kooperation zwischen dem Weimarer Deutschland und Sowjetrussland als Verschwörung gegen den Rest der Welt darstellen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hinter dieser Verkehrung der Geschichte eine irrationale Angst vor einem Zusammengehen Deutschlands und Russlands steckt, sei das Ziel der Zusammenarbeit  noch so legitim und friedlich.

 

Die Angst ist jetzt irrational geworden, weil beide Länder, im Unterschied zu früheren Zeiten, ein vereintes Europa  und keinen Alleingang anstreben. Die von Russland   aufgenommene enge Verbindung zur NATO  führt  die These ad absurdum, Russland wolle, indem es ein Schulterschluss mit Deutschland anstrebt, , Deutschland allmählich aus dem Bündnis herausholen und damit die Solidarität der NATO- Staaten untergraben.  Die  Unsinnigkeit der Unterstellung liegt auf der Hand, da der Schulterschluss im Rahmen der gesamten europäischen Integration erfolgen soll. Trotzdem werden immer wieder solche Andeutungen gemacht, wenn sich beide Länder treffen. Das letzte Mal nach den Kontakten auf höchster Ebene in Weimar.

 

Dieser psychologische  Druck wird oft auf den sogenannten Rapallo- Komplex zurückgeführt, das heißt auf eine besondere Empfindlichkeit im Westen, aus historischen Erfahrungen  erwachsen. Wir haben es aber mit einer neuen Realität in Europa und in der Welt zu tun, die Wiederholung mancher Fehlentwicklungen  der Vergangenheit ausschließt. Sowohl Deutschland als auch Russland haben sich gewandelt. Sie suchen ihr Glück nicht mehr in der Konfrontation auf  internationaler Ebene, sei es aus ideologischer Verblendung, rassistischem Wahn oder machtpolitischem Kalkül.  Was sich aber nicht gewandelt hat, das sind ihre, ungeachtet der kriegerischen und anderen Konflikten der Vergangenheit weiterbestehende zivilisatorische und mentale Affinität zueinander und auch die objektiven und noch bei weitem nicht ausgeschöpften Vorzüge der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Und wenn dagegen der Rapallo- Komplex ins Feld geführt wird, ist es, gelinde gesagt, höchst bedauerlich.

 

Aber der Rapallo- Vertrag von 1922 hat damit nichts zu tun.  Trotz seiner Unzulänglichkeit und seiner späteren Pervertierung , die aus den Umständen der Zeit zu erklären sind, war er ein Schritt in die richtige Richtung. Deshalb verdient  sein achtzigster  Jahrestag einen positiven Vermerk im Geschichtsbuch der deutsch- russischen Beziehungen.

6.6.02

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EIN KONTROVERSES RUNDTISCHGESPRÄCH IM RUSSISCHEN HAUS ZU BERLIN


Das Gespräch galt dem achtzigsten Jahrestag des Rapallovertrags. Der unter diesem Namen bekannte Vertrag zwischen der deutschen Weimarer Republik und Sowjetrussland half, die Beziehungen zwischen beiden Ländern nach dem ersten Weltkrieg vorteilhaft zu gestalten. Somit ist seine Würdigung verständlich. Aber wir leben in einer ganz anderen Zeit. Deswegen ist die Frage legitim, ob die Erfahrung von Rapallo noch aktuell ist? Die deutschen und russischen Teilnehmer des Rundtischgesprächs äußerten dazu verschiedene Meinungen. Einem Zuhörer konnte nicht entgehen, dass hinter dieser unterschiedlichen Bewertung eines geschichtlichen Ereignisses, ein etwas unterschiedliches Herangehen an die deutsch- russischen Beziehungen in der Gegenwart stand. 

So sprachen die Teilnehmer des Rundtischgesprächs darüber, dass der Rapallo- Vertrag das Streben Deutschlands und Russlands widerspiegelte, aus der ihnen damals von den Kriegssiegern England, Frankreich und den USA aufgezwungenen Isolation herauszukommen. Deshalb haben sich Russland und Deutschland damals zusammengetan. Was aber die Gegenwart angeht, sind, wie die deutschen Teilnehmer des Rundtischgesprächs hervorhoben, Deutschland und Russland nicht isoliert. Deutschland ist ein vollwertiges Mitglied aller wichtigen Staatengruppierungen, vor allem der NATO und der EU. Russland steht zwar außerhalb dieser Staatengruppierungen, ist aber auf dem besten Wege, sich mit ihnen zu arrangieren. Deshalb sollen Deutschland und Russland ihre Zusammenarbeit nicht im Alleingang entwickeln sondern mit dem Segen der anderen. 

Die russischen Teilnehmer bestritten diese Meinung nicht. Aber sie brachten Tatsachen ins Gespräch, die darauf verwiesen, dass die russisch- deutschen Beziehungen doch eine besondere Qualität aufweisen. Dafür sorgen Umstände, die nicht zu leugnen sind. Zum Beispiel die lange Geschichte ihrer immer intensiven Wechselwirkung und auch ihre unveränderbare geopolitische Lage. Somit sind beide Länder, ob es gefällt oder nicht, quasi aneinander geklammert. 

In Bezug auf die jüngste Vergangenheit erinnerten die russischen Historiker und Politologen die deutschen Kollegen an die entscheidende Rolle Russlands bei der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands. Sie deuteten dabei an, dass Deutschland schon deswegen dem russischen Partner jetzt mehr helfen sollte, in Europa anzukommen. Auch beklagten sie, dass die bei der Wiedervereinigung eingegangenen Verpflichtungen Deutschlands und seiner Bündnispartner nicht vollständig eingelöst wurden. So versprachen die Westmächte, auf die NATO- Osterweiterung zu verzichten, vollziehen diese aber jetzt, ohne auf russische Einwände Rücksicht zu nehmen. Und Deutschland mache mit.

Daraufhin hoben die deutschen Teilnehmer hervor, Russland dürfe nicht außer Acht lassen, dass Deutschlands Ostpolitik jetzt, anders als zur Rapallo- Zeit , keine Sonderwege einschlagen darf. Diese muss eine in der EU und der NATO abgestimmte und verankerte Politik sein. Davon bringe kein russischer Druck Deutschland ab.

Die Russen signalisierten zwar ihr Verständnis für diese deutsche Haltung, meldeten aber auch Zweifel an. So deuteten sie an, die deutschen Hinweise auf den enger gewordenen Spielraum für die deutsche Russlandpolitik seien womöglich nur ein Vorwand. Ein Vorwand, um Russland weiter vor der Schwelle des sich vereinenden Europa schmoren zu lassen und die Gestaltung eines großen Europas gemeinsam mit Russland zu bremsen. 

So kontrovers verlief also das Gespräch. Aus den kontroversen Äußerungen konnte man aber klar heraushören, dass sowohl die deutschen, als auch die russischen Teilnehmer im wichtigsten Punkt einig waren. Der lautet, dass Russland zu Europa gehört und ein wichtiger Akteur der Weltpolitik sein soll. Der Meinungsstreit ging mehr um das Tempo, um geeignete Wege, nicht aber um die Zielrichtung. Und das ermöglichte den Gästen des Russischen Hauses zu Berlin ein produktives Gespräch.


xxx

Obwohl das Thema des Rundtischgesprächs "80 Jahre Rapallo- Vertrag und die russisch- deutschen Beziehungen im Kontext der europäischen Integration" lautete, ging der zum Teil kontroverse Meinungsaustausch weit darüber hinaus. So schnitten die Teilnehmer innenpolitische Probleme Russlands an, vor allem die Frage danach, ob Russland reif ist, einen wichtigen Platz im sich vereinenden Europa einzunehmen.

Es ging dabei nicht um den eventuellen Beitritt Russlands zur Europäischen Union. Sowohl die russischen als auch die deutschen Politologen äußerten die Meinung, der Beitritt sei in absehbarer Zukunft nicht aktuell. Aber die EU ist mit Europa nicht identisch. Ob in der EU oder nicht, sind Russland, die Ukraine, Belorussland  keine außereuropäischen Staaten. Kraft der Geographie, der Geschichte, der Zivilisation gehören sie genauso zu Europa wie die EU-Länder. Es geht also darum, die Voraussetzungen für ein großes Europa zu schaffen. Für ein Europa, das alles zusammenbringt, was zusammengehört. Nur dann wird Europa stark genug, um die ihm gebührende Rolle in der Welt zu spielen. 

Wie fast alle anderen angeschnittenen Themen, haben die russischen und die deutschen Teilnehmer des Rundtischgesprächs auch dieses nicht unisono behandelt. Die Russen betonten die Zugehörigkeit ihrer Heimat zu Europa und die Notwendigkeit, daraus politische und wirtschaftliche Konsequenzen zu ziehen, sehr resolut. Sie führten ins Feld, dass 70 Prozent der russischen Bevölkerung westlich des Urals, der die Grenze zwischen Europa und Asien bildet, zu Hause sind, also auf dem europäischen Kontinent. Sie erinnerten auch an den Beitrag der Russen zur europäischen Kultur. 

Die Deutschen sprachen eher verhalten über die europäische Gestalt Russlands. Sie deuteten, wenn auch sehr moderat, an, Russland müsse sich, bevor es im neuen Europa ankommt, zuerst den europäischen Werten nähern. Es sei noch nicht weit genug in diese Richtung gegangen. 

Diesbezügliche Andeutungen riefen eine, zum Teil ziemlich heftige Abfuhr der russischen Teilnehmer hervor. Ein bekannter russischer Diplomat, mit den Zuständen in Deutschland gut vertraut, sprach darüber, dass auch in Deutschland einiges bei weitem nicht in Ordnung ist. Er verwehrte sich dagegen, dass sich einige deutsche Politiker und Publizisten die Freiheit nehmen, über die russischen Zustände von oben herab zu urteilen. Russland sei zwar ein europäisches Land, bestehe aber auf sein Recht, auch im vereinten Europa seine Eigenart zu bewahren. Eine die europäische Zivilisation bereichernde Eigenart. Der Auftritt des Russen gipfelte in der Äußerung, "wir lassen uns nicht rumkommandieren". In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, dass der Rapallo- Vertrag, vor 80 Jahren zwischen Deutschland und Russland geschlossen, durch den Geist der gegenseitigen Toleranz geprägt war. Gerade deswegen konnte er seine für beide Länder positive Wirkung entfalten.

Die deutschen Teilnehmer verzichteten darauf, das heikle Thema weiter zu diskutieren. Wie die Russen übrigens auch, waren sie sichtlich bemüht, bei aller partiellen Meinungsverschiedenheit das Wichtigste nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Und das ist die Tatsache, dass die nationalen Interessen beider Länder nicht kollidieren, sondern in eine Richtung weisen.

xxx


Eigentlich müsste das Thema des internationalen Terrorismus am Runden Tisch nicht unbedingt behandelt werden. Der von den Veranstaltern, zu denen außer dem Russischen Haus zu Berlin auch die Rosa - Luxemburg - Stiftung sowie die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik gehörten, vereinbarte Themenkreis schloss nicht das Problem der Terrorismusbekämpfung ein. Andererseits aber ist zur Zeit kaum eine Debatte über internationale Politik vorstellbar, die dieses Problem draußen lässt. Zu tief veränderten die tragischen Ereignisse vom 11. September des vorigen Jahres die Welt. Und zu stark sind alle zivilisierten Staaten darauf angewiesen, sich der Gefahr des Terrorismus zu entledigen. 

Dass diese Gefahr durchaus real und groß ist, bestritt keiner der Teilnehmer des Rundtischgesprächs im Russischen Haus zu Berlin. Aber auch keiner von ihnen hielt die militärischen Schläge gegen die erwiesenen und vermutlichen Herde des Terrorismus für das Allheilmittel. Im Gegenteil vertraten sowohl die Russen, als auch die Deutschen die Meinung, militärische Mittel, seien sie noch so mächtig, lösen das Problem nicht. Wie sie überhaupt in der heutigen Welt kein akutes Problem lösen können.

In dieser Beziehung herrschte im Konferenzsaal des Russischen Hauses Konsens. Meinungsverschiedenheiten meldeten sich an, wenn es um die Folgen der nach dem 11. September entstandenen neuen Konfiguration der internationalen Beziehungen ging. Vor allem der neuen Bewertung der Rolle Russlands in der USA- Strategie. 

So haben die russischen Teilnehmer mit sichtlicher Genugtuung festgestellt, dass die USA- Administration, vor dem 11. September geneigt, Russland als eine zu vernachlässigende Größe zu behandeln, danach einen ganz anderen Kurs einschlug. Jetzt wird Russland als ein sehr wichtiger Partner umworben. Das kam ein übriges Mal auf dem G-8 Treffen in Kanada zum Ausdruck. 

Die deutschen Politologen bestritten den Trend in der USA-Politik nicht. Sie widersprachen den Russen erst, als sie die Vermutung schöpften, die Russen betrachteten jetzt die USA als einen zur EU und speziell zu Deutschland alternativen Partner. Und tatsächlich gab es in den russischen Äußerungen unzweideutige Anhaltspunkte für diese Vermutung. 

In diesem Zusammenhang gaben die Deutschen den russischen Gesprächsteilnehmern zu bedenken, dass die USA- Politik gegenüber Russland sehr starken konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt sei. Wenn Russland von den USA gebraucht wurde, hofierte es Washington. Wenn nicht, verschwand es aus dem Blickpunkt der amerikanischen Außenpolitik, die nur das egoistische Interesse verfolge. 

Die Russen widersprachen dieser Meinung. Sie führten ins Feld, dass das Bemühen um eine neue, zuverlässigere Sicherheitsarchitektur in der Welt keine vorübergehende Konjunktur ist. Es geht um ein gründliches und langfristiges Projekt, dessen Realisierung ohne Russland undenkbar ist. Das eröffne Russland einen neuen Spielraum in der Weltpolitik. Und wenn es sich mit gutem Grund von der Europäischen Union, vor allem auch von Deutschland unverstanden, sogar vernachlässigt fühlt, favorisiert es eben den überseeischen Partner. Schließlich hat Deutschland sich auch nicht anders verhalten, als es die Westbindung wählte und Russland den Rücken kehrte, was allerdings die sowjetische Politik in bedeutendem Maße selbst provozierte.

Die Auseinandersetzung am Runden Tisch im Russischen Haus zu Berlin hatte gewiss ihre Wurzeln in der politischen Realität. Aber es muss erwähnt werden, dass bei allem Ernst der behandelten Materie die Atmosphäre sehr locker blieb. Mitunter schien es, als werden Scheingefechte ausgetragen. Im Grunde genommen aber zweifelten die Teilnehmer, von denen sich viele bei ähnlichen Anlässen schon oft trafen, nicht daran, dass Deutschland und Russland trotz aller gelegentlichen Schwierigkeiten darauf angewiesen sind, zusammenzugehen. So wie es vor 80 Jahren war, als sie in Rapallo einen Freundschaftsvertrag schlossen. Auch wenn das Zusammengehen jetzt unter anderen Prämissen erfolgt und eine andere Gestalt annimmt. 

28.6.02

4. HAND IN HAND ODER RÜCKEN AN RÜCKEN?

In Deutschland wird sehr umfangreich  der fünfzigste Jahrestag des antikommunistischen Volksaufstandes  in der Deutschen Demokratischen Republik begangen. 

Ein russischer Journalist, noch dazu  ein Frontsoldat des Krieges gegen Hitlerdeutschland, denkt an die Ereignisse vom Juni 1953 in der DDR mit Bitternis und Scham. Vor allem auch deswegen, weil es die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen waren, die die  Niederschlagung der Arbeiterrevolte maßgeblich  besorgten. Es waren die sowjetischen Panzer, die legendären T-34, sich in den Schlachten gegen die nationalsozialistischen Invasoren in Russland bewährt, die aus den sowjetischen Kasernen auf die Straßen und Plätze Ostberlins und anderer DDR- Städte rollten, um die den sowjetischen Statthaltern in Ostdeutschland genehme  Ordnung wiederherzustellen. Es waren Söhne und jüngere Brüder jener sowjetischen Soldaten, die millionenfach ihr Leben für die Beseitigung der Hitlerdiktatur gegeben hatten,   die diese Panzer steuerten, dem Befehl gehorchend, dessen verbrecherischen Sinn sie auch annähernd nicht erkennen konnten.  Eine größere Besudelung  der Befreiungstat des sowjetischen Volkes im Kampf  gegen Hitler und sein Regime ist kaum vorstellbar. Eine Besudelung,  die  durch die Lüge gerechtfertigt werden sollte, es hätte keine spontane Erhebung des Volkes  gegen die Unterdrückung, sondern nur eine faschistische Provokation stattgefunden.

In den zahllosen deutschen Presseberichten und Fernsehsendungen zum denkwürdigen  Datum  wird jetzt viel über die politischen Hintergründe gerätselt. Darüber, ob und inwiefern sich westliche Geheimdienste an der Anheizung der Stimmung der ostdeutschen Arbeiter beteiligten. Darüber, ob die von der begonnenen Entstalinisierung in der Sowjetunion aufgeschreckte  ulbrichtsche DDR- Führung, bewusst die Zuspitzung der Lage ansteuerte, um den Machthabern im Kreml die eigene Unersetzlichkeit vor Augen zu führen. Auch darüber, welche Rolle an der Rücksichtslosigkeit der sowjetischen Besatzungsmacht jene demonstrative Zurückhaltung spielte, die die USA und ihre NATO- Verbündeten an den Tag legten, um die nach Stalins Tod entstandenen neuen  Aussichten auf Verständigung mit dem Kreml  nicht zu trüben.

Das alles mögen interessante Fragen  sein, die nach der  endgültigen Öffnung der Archive in West und Ost beantwortet werden. Was aber bereits jetzt unzweideutig festgehalten werden muss, bezieht sich auf die uns  viel näher liegende Zeit. Es besteht nämlich kein Zweifel daran, dass der 17. Juni 1953 ein Markstein auf dem Wege der Sowjetunion zum Zusammenbruch war. Denn dem Massaker in der DDR folgten  ähnliche sowjetische Gewalttaten in Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen. So wurden die den Russen nach den mit riesigen Opfern errungenen Siegen  über den Nationalsozialismus  entgegengebrachten  Sympathien in Europa peu a peu  verspielt.      Eine Folge war der Zerfall des viel gerühmten Lagers „des Friedens und Sozialismus“  in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre.

Im Herbst 1989 ermöglichte die Wende in der Sowjetunion  den ostdeutschen Arbeitern und ihren Sympathisanten aus anderen Bevölkerungsschichten der DDR die 1953 unerreichbare Demokratie und Wiedervereinigung Deutschlands doch durchzusetzen. 

Der sprichwörtliche Maulwurf der Geschichte gräbt langsam, aber sicher. Letztendlich  erweist er sich  zäher  als  brutale Gewalt. 

Eine Lehre, die in unseren Tagen  nicht nur im Kreml  beherzigt werden sollte. Eine, wie die Ereignisse immer wieder  bestätigen,  noch sehr aktuelle Lehre. 

15.6.03   

 

WIEDER TRAT GÜNTER GRASS  INS FETTNÄPFCHEN

 

Diesmal   leistete sich der von den meisten Holzpuppen bewunderte Schnurrbartträger (außer  dem Schnurrbart  „trägt“ er die Bürde eines Literaturnobelpreises,  die, wären die Juroren in Oslo nicht korrumpiert, schon längst Iwan Matrjoschkin, Esq. auch tragen müsste) einen Streich besonderer Art. Er trat  in ein Fettnäpfchen, das für die russischen Marineveteranen heilig ist. Und wo? Ausgerechnet im Hauptstützpunkt der russischen Ostseemarine. Im früheren Königsberg und jetzigen Kaliningrad, also in einer Stadt, die zwischen Himmel  und Erde schwebt und,  nach Ansicht vieler seiner Einwohner, da die EU-Osterweiterung  Kaliningrad zu einer Insel im EU- Gebiet machen wird, früher oder später an Deutschland zurückfällt.  Was wiederum von vielen Kaliningradern, obwohl  Russen, nicht gerade abgelehnt  wird.

 

Von den Kriegsveteranen aber nicht.

 

Günter Grass kam nach Kaliningrad auf Einladung der dortigen Uni. Um die Studenten mit seinem neuen Werk vertraut zu machen, las er aus seiner  ausgezeichneten Novelle „Im Krebsgang“. Und zwar  ausgerechnet  die Geschichte von der Versenkung des deutschen Transporters „Wilhelm Gustloff“.

 

Am Ende des Krieges wurde das Schiff von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Etliche deutsche Soldaten kamen dabei um, aber auch viele Flüchtlinge, darunter viertausend Frauen und Kinder.

 

Der U-Boot Kommandant  Alexander Marinesko wollte es nicht. Er wusste nicht, wen das deutsche Schiff befördert, das nicht entsprechend  gekennzeichnet war. Obwohl, auch wenn er es gewusst hätte... Er war ein verwegener Haudegen, der sich um nichts scherte. Auch nicht um Befehle der Vorgesetzten, was ihn Jahre später für einige Zeit hinter Gitter brachte.   Jetzt aber, posthum, gilt er als Held. Deshalb löste die freizügige Schilderung seiner Person und der Tat unter  Kaliningrader Marineoffizieren einen Sturm im Wasserglas aus. Auch sonst sehr unsicher und, insofern es Veteranen sind, durch die kargen Lebensumstände erniedrigt, klammern sie sich an das, was ihnen übrig blieb. An die Heldenmythen des Krieges.

 

Günter Grass hat  alles, was ihnen zu sagen ist, gesagt. Aber sie sind weiterhin sauer.

 

Unser Holzpuppenteam hält das Gedenken der gefallenen Sowjetsoldaten in Ehren. Sie stritten für ihr arg bedrohtes Vaterland.  So wie auch ihre, Gott sei Dank, am Leben gebliebenen Kameraden.

 

Aber ein Heldenepos aus dem Krieg zu machen, das widerstrebt uns. Der Krieg war ziemliche Sch... Auf beiden Seiten. Bloß die eine hat den Krieg begonnen, der anderen war er aufgezwungen. Scheiße war er trotzdem. Auch der U- Bootkrieg. Und auch auf beiden Seiten. Trotz der Heldengeschichten, ob deutsch oder russisch. Und trotz der Verwegenheit von  U-Boot-Kommandanten wie der Rebell Alexander Marinesko.

 

PS. Iwan Matrjoschkin, Esq., schlägt vor, den Fettnäpfchentreter Günter Grass zum Ehrenmitglied unseres Teams zu ernennen. Dem Vorschlag wurde zugestimmt. Unter der Voraussetzung, Grass erklärt sich einverstanden. 

 

7.6.03         

 

VON DER SOWJETUNION LERNEN, HEIßT SIEGEN LERNEN. FÜNF TIPPS EINER HOLZPUPPE .  AUS AKTUELLEM ANLASS.  

 

1.       Liebe deutsche Politiker und Staatsmänner! Sie sollten weniger  diskutieren. Ich kann mich nicht entsinnen, dass das sowjetische Parlament je eine Debatte über die sozialen Versorgungssysteme geführt hätte. Trotzdem   funktionierten sie in der Sowjetunion blendend. Wer daran zweifelte, galt als  Schweinehund. Punkt. Basta. Ständig Ovations.

2.       Arbeitslosengeld? Arbeitslosenhilfe? Sozialhilfe? Wir haben davon nichts gehört. Gab es nicht! Wozu? Alle hatten eine Arbeitstelle. Das heißt, eine Stelle, wo sie manchmal auch arbeiteten. Öfter aber haben sie so getan, als ob. Aber den Lohn erhielten alle.    Kein üppiger Lohn. Aber fürs Brot (zehn Kopeken pro Kilo) reichte es. Dicke. Für ein paar Unterhosen (sechs Rubel) auch. Was anderes  begehrten  wir nicht.  Z.B. ein Auto. Bei Wartefristen zwischen zwanzig Jahren und ewig? Und für den  Preis von fünfzig und hundert  Monatslöhnen? Da müsste man schon  vom Westen ganz korrumpiert sein, um ein Auto haben zu wollen. 

Aber auch auf  der sowjetischen Sonne   gab es  Flecken. Zum Beispiel der Wodkapreis. Das, was man für eine Flasche blechen musste, war ungefähr so viel wie eine Monatsmiete für dein Refugium (ein Zimmer in einer  Wohngemeinschaft). 

Ja, der Wodkapreis war entschieden zu hoch. Zugegeben.  Dennoch bezahlten wir ihn, ohne aufzumucken. Was sollten wir mit dem Geld sonst tun, das uns frei blieb?  Wie viel Brot kann einer essen?  Ein Kilo auf einmal höchstens. 

3.       Kündigungsschutz. Gab es den? Ja! In jedem Betrieb, auch im kleinsten. Jede Kündigung musste von der Gewerkschaft, der automatisch alle Beschäftigten  angehörten, genehmigt werden. Wenn dein Gewerkschaftsvorsitzender gegenüber dem Betriebsdirektor Liebkind spielte, erteilte er die Genehmigung auf den ersten Wink. Wenn nicht , flog er selbst in hohem Bogen raus. Aber auch das war nicht schlimm.  Du brauchtest nur über die Strasse zu gehen, zu einem anderen Betrieb. Jeder hatte freie Stellen. Bei der Arbeitsproduktivität kein Wunder.

4.       Renten. Sie waren hoch. Die höchsten erreichten sogar die Hälfte des Durchschnittslohns. Manche Rentner erhielten noch ein bisschen mehr. Ehemalige Minister und so.

Beiträge zur Rentenversicherung  gab es nicht. Das Geld, das der spendable Staat für die Renten ausgab, holte er also nicht aus deiner Tasche. Woher, wussten wir nicht. Vielleicht aus der Luft. Jedenfalls  hattest du am Lebensabend fast den Standard wie im Arbeitsleben. Siehe oben.

5.       Das Gesundheitswesen funktionierte auch prima! Ohne Krankenkassen. Ohne Beiträge.

Die Medikamente kosteten Kopeken. Aspirin war immer da. Abführmittel auch.                       

Es gab allerdings  Selbstleistungen. Wenn man zum  Arzt ging. Ein Äskulap  verdiente nämlich  etwa 90 Rubel im Monat. Wie jeder normale Werktätige konnte er damit gut leben. Eben wie jeder normale Werktätige (siehe oben). Aber manche Kurpfuscher wollten etwas mehr vom Leben. So hob einer, wenn Du zu ihm kamst, nicht  den Blick von seinen Formularen, solange Du ihm deinen Obolus nicht zugeschoben hast. Schwarz. Erst dann erinnerte er sich an den Eid des Hippokrates. Oder daran, dass die sowjetische Gesundheitsfürsorge die beste in der Welt ist. Und ganz unentgeltlich. Wie die anderen sozialen Leistungen der Sowjetmacht.

 

Denn wer stand im Mittelpunkt der Sowjetgesellschaft? Richtig: der einfache Mensch. «Всё для человeка!». „Alles für den Menschen“ - hieß es. Zwar spotteten manche, für den Menschen- ja, aber nur für den, der im Präsidium sitzt. Aber das waren Lästermäuler. Und mit denen wurde kurzer Prozess gemacht.

 

Das Fazit:

Es wäre  schön, würde  die gegenwärtige deutsche Führung die hier dargelegten sowjetischen Erfahrungen übernehmen. Aber darauf habe ich, Ihre ergebene Holzpuppe,  wenig Hoffnung. Es fehlt unserem Bundeskanzler der nötige Mumm. In dieser Hinsicht hat Frau Merkel schon recht.   Sie würde da bestimmt mehr leisten können.

15.3.03

 

Das sowjetische und russische Deutschlandbild im Wandel der Zeit 

1.

Als der deutschlandfreundlichste Russe gilt wohl in Deutschland Michail Gorbatschow, dem der ehrenvolle Titel des besten Deutschen 1990 verliehen wurde. Aber auch in der Zeit, als Gorbatschow noch nicht geboren war, gab es im Kreml schon einen sehr deutschlandfreundlichen Russen, allerdings ein wenig anders als Gorbatschow. Der Gründer des Sowjetstaates und der Kommunistischen Partei in Russland, Wladimir Lenin, hat bekanntlich noch lange vor seinem Machtantritt in Deutschland gelebt und war von Deutschland, genauer gesagt, von Reich der Hohenzollern,  beeindruckt. Er sah in Deutschland das Musterbeispiel eines Staates, der Ordnung und eine hohe Effizienz der Verwaltung sichert. Zwar war er darauf aus, im zaristischen Russland eine Volksrevolution auszulösen, um den Zarenstaat zu zerstören, aber er hatte große Angst vor den Geistern, die er rief. Noch vor der Revolution dachte er darüber nach, wie er später die  Geister loswerden könne. Und da dachte er immer wieder an die deutsche Ordnung, an die Erfahrungen der Herrschenden im wilhelminischen Deutschland.

 

Nach der bolschewistischen Machtergreifung in Russland 1917 wurde die Verhinderung der Anarchie in Russland - oder, es ist Ansichtssache, wie man es nennt - der Demokratie von unten zunehmend zu seiner größten Sorge. Und da schrieb er und sprach immer öfter darüber, dass das revolutionäre Russland die deutsche Organisation und die deutsche Ordnung brauche. Wie diese in der deutschen Post- und den  Eisenbahnen verkörpert sind. Einmal sagte er, Russland und Deutschland ergänzen sich bestens. Russland hätte viel vom schöpferischen Elan der Veränderung, Deutschland - die Disziplin, die  die Veränderungen nicht ausufern lässt. Wenn das eine und das andere zusammenschmelzen, entstünde ein Wesen, an dem die ganze Welt genesen könnte.

 

Die Deutschfreundlichkeit Lenins und seiner Gesinnungsgenossen war nicht unbedingt mit Sympathie für die deutsche Linke verbunden. Für die  Führer der deutschen Sozialdemokratie hatte er eher Verachtung. Sie eigneten sich mehr für Schrebergärten als für den richtigen Sozialismus. Sogar der radikalen Linken in Deutschland trat er mit Zurückhaltung entgegen. Auch der Kultfigur der KPD, Rosa Luxemburg, mit ihrer Forderung nach Freiheit für Andersdenkende. Vermutlich war ihm ein pünktlicher, disziplinierter Beamter lieber als eine Frau mit Hang zur Zügellosigkeit. 1922 schrieb er an einen seiner treusten Gefolgsmänner, Lew Kamenew, später von Stalin der Spionage für Hitlerdeutschland bezichtigt und erschossen:" Genosse Kamenew! Meiner Meinung nach sollte man nicht nur predigen: "Lerne von den Deutschen, du, die aussätzige russische kommunistische Faulheit“, sondern die Deutschen tatsächlich als Lehrer nehmen".

 

Lenin tat alles, damit  Russland im Ersten Weltkrieg vom Kaiserreich besiegt wurde. Als er an die Macht kam, schloss er mit dem Kaiserreich einen Frieden, der für Russland noch härter war als der Versailler Frieden für Deutschland. Als die Monarchie in Deutschland in sich zusammenfiel,  handelte er mit der Regierung der Weimarer Republik den Rapallovertrag aus, der die Realisierung seines Traums von einem Bündnis Deutschlands und Russlands gegen den Rest der Welt einleiten sollte.

2. 

Unter Lenins Nachfolger Stalin kam es tatsächlich zu einer vielfältigen Zusammenarbeit, auch im militärischen Bereich. Die Reichswehr durfte an der Wolga ihre Luft -und Panzerwaffe schärfen, die nach dem Versailler Vertrag Deutschland verboten war. In diesen Jahren schnitt Deutschland in der Sowjetpresse viel besser ab als die Westmächte.

 

Erst nach Hitlers Machtantritt, der eine antisowjetische und antikommunistische Hetze in Deutschland auslöste (vermutlich um seinen Hauptrivalen, die Kommunistische Partei Deutschlands, ins Abseits abzudrängen) verdüsterte sich das Deutschlandbild in der Sowjetpresse, besonders, als die Sowjetunion daran ging, eine gegen Hitlerdeutschland gerichtete Koalition in Europa zu schmieden. Hinter den Kulissen aber liefen die Bemühungen um ein neues  Bündnis mit Deutschland. 1939 fanden beide Diktatoren, Stalin und Hitler, zueinander. Und da hörte die sowjetische Presse sofort auf, Deutschland als den Hort der Aggression darzustellen. Ganz im Gegenteil. Zu den Kriegstreibern avancierten die Westmächte und Polen, Deutschland aber wurde Friedfertigkeit bescheinigt. .

 

Dann kam der deutsche Angriff auf die Sowjetunion (am 22.06.1941). Es ist ja klar, wie der Gegner in einem kriegführenden Land dargestellt wird. Aber auch im Krieg gingen die Westmächte in ihrer Hasspropaganda gegen  Deutschland viel weiter als die Sowjetunion. Mitten im Krieg sprach Stalin davon, dass die Hitler kommen und gehen, der deutsche Staat aber bleibt bestehen. Kaum denkbar, dass Churchill oder Roosevelt um die Zeit einen solchen Satz in den Mund genommen hätten.

 

Im übrigen lebte Lenins alter Traum, Deutschland für ein Bündnis mit Russland zu gewinnen, weiter. 1943 ordnete Stalin an, die Bewegung "Freies Deutschland" und den "Bund deutscher Offiziere" aus Kriegsgefangenen zu gründen. Beide Vereinigungen, die unter Umständen die Führung im besiegten Deutschland übernehmen sollten, segelten unter einer nationalistischen, nicht etwa unter einer kommunistischen Flagge. Sie wurden erst gegen Ende des Krieges aufgelöst. Nicht ohne Drängen von den Westmächten, aber auch  von Ulbricht, Pieck und anderen wenigen, von Stalin nicht massakrierten deutschen kommunistischen Emigranten. So kam es schließlich zur Spaltung Deutschlands und Etablierung einer kommunistischen Regierung in Ostdeutschland. Mit der letzteren wurde tatsächlich ein Bündnis geschlossen, das aber weit hinter dem erhabenen Traum vom Zusammengehen Russlands und Deutschlands blieb.

 3.

In der Nachkriegszeit war das Deutschlandbild der sowjetischen Medien genauso gründlich gespalten wie Deutschland selbst. Das Abbild der DDR in der sowjetischen Presse sollte das sowjetische Publikum vergessen lassen, dass dieser Staat ein deutscher Staat war und dass seine Bevölkerung genauso am Krieg teilgenommen hatte wie die des anderen deutschen Staates. Das änderte aber wenig daran, dass  die Bundesrepublik, obwohl in der Sowjetpresse zur Inkarnation des Bösen stilisiert, den meisten Russen viel attraktiver erschien als die DDR. Von den DDR- Bürgern sprach man als von „unseren Deutschen“, was nicht unbedingt als  ein Kompliment zu verstehen war. Eher schon als eine Verächtlichmache.

 

Als Ende der sechziger Jahre in Bonn die neue Ostpolitik ausgerufen wurde, erwachten im Kreml   die alten Träume von einem deutsch-russischen Bündnis gegen den Rest der westlichen Welt.  An die Medien, darunter selbstverständlich auch an den Moskauer Rundfunk erging die strenge Anweisung, nicht nur über die deutsche Gegenwart, sondern auch über die deutsche Vergangenheit kein schlechtes Wort zu verlieren. Nicht einmal über die Kriegsverbrechen. Eine Sendung über den Auschwitzprozess in Frankfurt wurde  abgesetzt. Sie durfte erst laufen, als der Zensur klargemacht werden konnte, sie wäre keine Diffamierung der Bundesrepublik, sondern im Gegenteil, ihre Aufwertung, weil sie zeigte, dass Westdeutschland seine Kriegsverbrecher zur Verantwortung zog.

 

Als die Entspannung dem neuaufgeflammten kalten Krieg wich, ging es wieder los. Zum Haupttenor wurde, in Bonn säßen Politiker, die Deutschlands Interessen verraten, weil diese, richtig verstanden, ein Zusammengehen mit Russland erforderten. Und wieder kam es zu einem Krach um eine Sendung, die vom Moskauer Rundfunk in deutscher Sprache gebracht werden sollte. In dieser Sendung wurde nämlich das tiefe Bedauern darüber zur Sprache gebracht, dass in Russland so viele deutsche Landser dem  von Hitler entfesselten, unsinnigen Krieg geopfert worden sind. Die Zensoren erblicken darin die Verunglimpfung der russischen Soldaten, aber der oberste Chef des sowjetischen Rundfunks, dem gerade aufgetragen wurde, an der Verfassung einer Regierungserklärung zum dreißigsten Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland mitzuarbeiten, sah es mit anderen Augen. Er, der mit dem damaligen Staats -und Parteichef Breshnew Wodka trank, wusste besser als seine Untergebenen, was die Herren im Kreml anstrebten. So fand er nichts Schlimmes an dem Vergleich zwischen den sowjetischen und deutschen Soldatenopfern, übernahm weite Teile der kriminalisierten Sendung in die Regierungserklärung, die eine versteckte Einladung an die Bundesrepublik enthielt, mit der Fehde Schluss zu machen.

 

Stabiler als das Deutschlandbild in den sowjetischen Medien war es allerdings in der Vorstellungswelt der Russen. Auch wenn viele bei dem Gedanken an das im Krieg erlittene Leid Bitterkeit empfanden, blieb für sie das noch aus der Zarenzeit überlieferte Bild von den Deutschen als ein ehrliches und tüchtiges Volk lebendig. 

 

4.

Die große Wende in der Sowjetunion der späten achtziger und Anfang der neunziger Jahre, die mit dem Plazet Gorbatschows für die deutsche Wiedervereinigung unter den Bedingungen der Westmächte einherging, hat nicht unbedingt die russische Sympathie für Deutschland gestärkt. Viele Russen hätten es als gerecht empfunden, wäre für Russland dabei mehr herausgesprungen. So aber wurde Gorbatschow als Schwächling und sogar als ein Verräter angesehen  und seine deutschen Verhandlungspartner als etwas zu schlau und skrupellos.  Auch die später erfolgten Freundlichkeiten  für Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin, der sich gerade in Deutschland, so beim Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen, nicht gerade sehr würdig benahm, wurden keineswegs nur mit Bewunderung für die Deutschen honoriert. Das hätte Zar Boris eigentlich wissen und sich in Deutschland nicht voll laufen lassen, auch wenn ihm der Saumagen aus der Küche des Ehepaars Kohl so gut schmeckte. Aber wie die anderen aus dem sowjetischen Apparat hervorgegangenen Staatsmänner hielt er seine Landsleute für unmündig.

 

Auch in Bezug auf die jüngste Zeit wäre es blauäugig, zu behaupten, dass das Deutschlandbild in Russland so unbefleckt sei wie es die russischen Freunde Deutschlands gern hätten. Was wird denn Deutschland zur Zeit ab und zu vorgeworfen, besonders im Runet? Z.B., das Doppelspiel um Königsberg (Kaliningrad). Einerseits versprach der Bundeskanzler, sich als Anwalt Russlands stark zu machen, damit die ostpreußische Enklave auch nach der EU-Osterweiterung mit ihrem russischen Mutterland verbunden bleibt. Andererseits hat sich der französische Präsident Chirac in dieser Frage viel deutlicher positioniert. Das provozierte in einem  Teil der russischen Medien die Frage, ob Deutschland doch nicht Kaliningrad abschnüren will, um es einmal heim ins Reich zu holen.

 

Dem Westen insgesamt, auch Deutschland, wird außerdem vorgehalten, Russlands Industrieexporte vom Weltmarkt fernhalten zu wollen und auch mit Investitionen zu knausern. Ist es die russische Undankbarkeit angesichts der finanziellen Hilfe, die Deutschland in an Russland leistete? Wohl nicht, da die großzügige Hilfe in all den Jahren viel weniger als die Hälfte der Leistungen ausmachte, die ein zehnmal kleineres Ostdeutschland in einem Jahr erhält.

 

Trotz allem schneidet Deutschland in den russischen Medien viel besser ab als in denen der USA, Englands, vielleicht sogar Frankreichs ab. Die Anspielungen an die unselige nationalsozialistische Vergangenheit oder an die Machtgelüste in der Gegenwart sind hier viel seltener. Es wird auch kaum bezweifelt, dass Deutschland seine gegenwärtigen Probleme packt. Die bedauernswerten Aktivitäten der rechtsextremen Szene  provozieren in den russischen Medien kein Zeter- und Mordio Geschrei. Unter dem Strich darf man wohl sagen, dass sich die Russen wie eh und je eine enge Partnerschaft zwischen Russland und Deutschland wünschen. Ein tief sitzender Wunsch, den auch das Team von matrjoschka-online.de  hegt.                                 

28.7.02                 

Unter Teilnahme prominenter Politiker und Diplomaten aus Russland und Deutschland fand im Russischen Haus, Berlin, Friedrichstrasse, eine zweitägige Konferenz über die eventuelle Rolle Russlands innerhalb einer europäischen Sicherheitsgemeinschaft statt. Matrjoschka berichtet darüber.

1.

Am Vortage der Veranstaltung im Russischen Haus kam es in Berlin zu einer anderen außenpolitischen Debatte, die verständlicherweise unvergleichlich mehr Publizität genoss. Gemeint ist die Debatte im Deutschen Bundestag, die dem Besuch von Bundeskanzler Gerhard Schröder in den Vereinigten Staaten von Amerika galt. Russland wurde in der Debatte nur am Rande erwähnt. Als läge es auf einem anderen Stern als Deutschland, als hätte die lange Geschichte der wechselreichen, mitunter dramatischen, aber immer intensiven deutsch- russischen Beziehungen nicht gegeben.

In der Bundestagsdebatte wurde immer wieder hervorgehoben, wie viel die USA zum Wiederaufbau Deutschlands nach der Katastrophe im Zweiten Weltkrieg und zur deutschen Wiedervereinigung vor zehn Jahren beigetragen hätten. Auch wenn die USA wohl nicht aus selbstloser Liebe zu den Deutschen gehandelt haben, wäre es töricht, ihren großen Beitrag zum Wiedererstehen eines mächtigen Deutschlands bestreiten zu wollen. Aber eine Bundestagsdebatte ist nun mal keine Historikertagung. Deshalb wäre zu erwarten gewesen, dass sich die deutschen Parlamentarier weniger mit der Vergangenheit und viel mehr mit der Gegenwart beschäftigen. Zumal sich in den letzten Jahren in Europa und auf der weltpolitischen Bühne viel geändert hat. Die Ost-West-Konfrontation in Europa, die das Tun und Handeln der USA prägte, ist vorbei. Nicht ausgeschlossen also, dass der frühere Beschützer und Wohltäter zu einem Sicherheitsrisiko für Deutschland und zu seinem harten Rivalen werden kann. Vieles deutet darauf, angefangen bei dem von den USA verschuldeten Nato-Einsatz gegen Serbien bis zu den jüngsten USA-Luftschlägen gegen den Irak, aber auch die Turbulenzen auf den Finanzmärkten und die Kellerwanderung des Euro. Doch darüber verloren manche Redner im Bundestag, vor allem aus der Opposition, kein Wort.

Die weitgehende Ausklammerung Russlands aus den Debatten und die Lobgesänge auf die USA seitens einiger Bundestagsmitglieder könnten den Eindruck entstehen lassen, als sollten die Beziehungen zum östlichen Nachbarn der transatlantischen Solidarität zum Opfer fallen. Neben einigen anderen wirkte aber ein Teilnehmer der Debatte im Bundestag, der auch auf der Konferenz im Russischen Haus teilnahm, dieser Annahme stark entgegen. Fritz Erler, stellvertretender SPD- Vorsitzender, in russischen politischen Kreisen ein guter (auch im herkömmlichen Sinne des Wortes) Begriff, hob in seinen Ausführungen- vor allem im Russischen Haus- hervor, dass Russland für Deutschland kein Land ist, das sich unter "ferner liefen" befindet. Im Gegenteil liegt es im vitalen politischen Interesse Deutschlands, Russland als aktiven politischen Partner zu gewinnen, wie auch Russland an der Partnerschaft viel liegen muss. Auch weil dies die Gefahr reduzieren würde, die Fritz Erler als "Unilateralismus" bezeichnete und deren Wesen im Streben der USA bestehe, die wichtigsten Fragen der Weltpolitik in Alleingang zu regeln. Fritz Erler, der den von Washington in Angriff genommenen Aufbau der separaten Raketenabwehr als einen "großen Quatsch" bezeichnete, plädierte sehr überzeugend dafür, dass Deutschland und Russland aus den Ereignissen der letzten Jahre auf dem Balkan und im Nahen Osten lernen und sich den Veränderungen auf dem Globus anpassen.

Nicht zum ersten Mal in der Geschichte werden  derartige Störversuche unternommen. Mit ihnen musste sich schon der "eiserne Kanzler", Fürst Otto von Bismarck, auseinandersetzen. Er, der großes Verständnis für die Bedeutung der guten deutschen Beziehungen zu Russland zeigte, prägte eine bemerkenswerte Maxime der deutschen Außenpolitik. Sie lautet: "Wenn ein bevorzugter Freund Deutschlands verlangt, die stärkere Freundschaft zu ihm dadurch zu bestätigen, dass Deutschland Russland feindlich behandelt, soll Deutschland ihm eine Abfuhr erteilen". Mitunter entsteht jedoch der Eindruck, dass das Vermächtnis des  Reichsgründers in Vergessenheit geraten ist. 

Obwohl eine Politologentagung einer Bundestagsdebatte nicht gleichgestellt werden kann, ist man trotzdem versucht, beide zu vergleichen.  Auf der eingangs erwähnten Konferenz im Russischen Haus zu Berlin wurde das getan, was nicht nur im Bundestag, sondern bei vielen anderen Anlässen in Deutschland versäumt wird. Es wurde umfassend darüber nachgedacht und gesprochen, welchen Platz Russland in Europa einnehmen soll und wie sich aus diesem Blickwinkel heraus die deutsch- russischen Beziehungen entwickeln müssen, um den russischen Beitrag zu Europa zu sichern und zu erweitern.

Darin besteht die Bedeutung der Konferenz, die dank dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften und insbesondere seinem rührigen Vorstandsvorsitzenden, Dr. Jörg Bohse, zustande kam.

 

2.

Es wurde bereits erwähnt, dass auf der Konferenz das getan wurde, was bei vielen Anlässen in Deutschland versäumt wird. Es wurde umfassend darüber nachgedacht und gesprochen, welchen Platz Russland in Europa einnehmen soll und wie sich aus diesem Blickwinkel heraus die deutsch- russischen Beziehungen entwickeln müssen, um den russischen Beitrag zu Europa zu sichern und zu erweitern.

Bevor sie auf das Thema eingingen, stellten die Konferenzteilnehmer auch die Frage, ob denn Russland überhaupt zu Europa gehört. Geopolitisch, kulturell und nach seiner gegenwärtigen Orientierung? Ob es sozusagen europafähig ist.

Diese Frage wird in Deutschland sehr kontrovers behandelt. Bekanntlich hängen hier leider noch viele mehr oder weniger einem überlieferten Feindbild von Russland nach. Einem Feindbild von Russland, das an seiner Zugehörigkeit zu Europa zweifeln lässt.

Auf der Konferenz – das sei hervorgehoben- fiel keine einzige derartige Äußerung. Dennoch taten sich manche Teilnehmer schwer mit der Europatauglichkeit Russlands. Das zeigte sich mitunter darin, dass sie nach skurrilen Argumenten suchten, um Russlands Status in Europa zu relativieren. So brachte ein führender Russlandexperte des deutschen Auswärtigen Amtes die Verwurzelung Russlands in Europa mit der Wikingerhypothese in Verbindung. Allen Ernstes sprach er davon, dass die europäischen Staaten, aber auch Russland, von den Wikingern und ihren Nachfahren gegründet wurden, weshalb sie als zusammengehörend betrachtet werden können.

Wikinger hin, Wikinger her, um die Familie der europäischen Völker wäre es aber schlecht bestellt, wurzelte ihre Zusammengehörigkeit nur in dem nicht eindeutig bewiesenen gemeinsamen Wikinger-Ursprung. Viel mehr Bedeutung besitzt die tausendjährige Geschichte Russlands. Sie schließt nämlich solche Episoden ein, wie die opferreiche Verhinderung einer mongolisch-tatarischen Eroberung Europas im Mittelalter und die Rettung der europäischen Freiheit durch die Abwehr der napoleonischen und hitlerschen Herrschaftsansprüche auf dem Kontinent. Ganz zu schweigen von dem gewaltigen kulturellen Beitrag der Russen zum europäischen Kulturerbe.

Abgesehen von der Geschichte wurden auf der Konferenz, wenn auch nur einzeln, Vorbehalte bezüglich der Europatauglichkeit Russlands laut. Sie hingen mit dem schleppenden Gang der Reformen in Russland zusammen. Wobei als Ziel der Reformen mitunter die totale Übernahme westlicher Standards in allen Lebensbereichen verstanden wurde.

Diese vereinfachte und sogar realitätsfremde Sicht ist in Deutschland leider sehr verbreitet. Sie verführt dazu, einen langen Katalog von Forderungen an Russland zu stellen. Erst nach der restlosen Erfüllung dieser Forderungen dürfe Russland darauf hoffen, in die europäische Wertegemeinschaft aufgenommen zu werden. So wird das größte europäische Land mit einer langen zivilisatorischen Tradition wie ein fauler Schüler behandelt, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Verständlicherweise war dieser Standpunkt auf der Konferenz umstritten. Der bekannte Russlandexperte Alexander Rahr schlug vor, dass sich die EU von dem Anspruch verabschiedet, Russland "zu erziehen". Stattdessen wäre es angebracht, sich als der Modernisierungspartner Russlands zu sehen. Eine wichtige und sinnvolle Korrektur. Sie müsste aber damit ergänzt werden, dass auch in der EU manches einer Modernisierung harrt. Tatsächlich würden Portugal oder Griechenland einen Modernisierungsschub gut gebrauchen können.

Der Blick auf Russland von oben herab ist jedenfalls falsch am Platze. Es stellte unter anderem ein Fragesteller aus dem Publikum fest. Er äußerte sein Befremden darüber. dass Russland dazu gedrängt werden soll, seine Identität preiszugeben. Auch wenn diese nicht ganz mit der westeuropäischen konform geht oder- wie er sagte- gerade deswegen, stelle Russland fürs übrige Europa eine enorme Bereicherung dar. Denn europäische Zukunft liege nicht in einer Gleichschaltung, sondern in Formenreichtum in Europa. Nur dieses entspreche dem Ideal der pluralistischen und demokratischen Zivilgesellschaft wie sie als Grundsatz der europäischen Wertegemeinschaft mit recht hervorgehoben wird.

Hier sei vermerkt, dass die russischen Teilnehmer der Konferenz, darunter führende Mitglieder der Staatsduma wie der Vorsitzende der russisch-deutschen Parlamentariergruppe Oleg Morosow, die Debatte darüber, inwieweit Russland zu Europa gehöre, mit einem gewissen Staunen verfolgten. Morosow sagte, ein Russe habe keinerlei Zweifel daran. Die russische Zugehörigkeit zu Europa, und zwar sowohl die geopolitische, als auch kulturelle  stünde für ihn fest wie das Amen in der Kirche.

Was aber die Reformen in Russland angeht, müssen die EU- Europäer verstehen, dass nur ein starker Staat in Russland gegenwärtig diese vorantreiben kann. Wenn aber von Russland zur Zeit gefordert wird, den starken Staat gar nicht entstehen zu lassen, ist es der Königsweg nicht zu einem reformierten, sondern zu einem chaotischen Russland. Und die Leitragenden wären zuerst mal die EU-Europäer, die mit einem unlenkbaren, hungrigen Land konfrontiert würden, wo in verschiedenen Regionen seines riesigen Territoriums Atomwaffe vorhanden ist.

Die eigentliche Frage sollte  deswegen nicht heißen, ob Russland zu Europa gehöre. Sie soll heißen, wie das Zusammenleben Russlands mit dem übrigen Europa gestaltet werden muss, damit die Russen und die anderen Europäer, vor allem die Deutschen, am meisten davon profitieren.

3.

In dem Zusammenhang wies der exzellente Kenner Russlands, Prof. Dr. Heinz Timmermann darauf hin, dass die EU für Russland eigentlich wichtiger sein müsste als die NATO. Die NATO sei eindimensional auf die militärische Verteidigung ausgerichtet. Die EU dagegen sei, obwohl sie von der früheren Abstinenz in Sachen Militär abgehe, multidimensional. Sie kümmere sich um Wirtschaft, Kultur und alle anderen Lebensbereiche. Das sollte für Russland eigentlich attraktiv sein.

Gegen diese Überlegung ist natürlich nichts einzuwenden. Die eventuelle Rolle Russlands in der europäischen Sicherheitsgemeinschaft darf nicht zu eng gesehen werden. Die Sicherheit reduziert sich nicht auf die militärische Sicherheit. Dies umso weniger, da Europa von keinem Staat auf der Erde ernsthaft bedroht wird. Wenn aber der militärische Aspekt der Sicherheit trotzdem überbewertet wird, dann geschieht es mitunter nicht aus der Sorge um die Sicherheit, sondern weil die Rüstung angekurbelt werden soll. So ist es mit dem viel erörterten Plan der Amerikaner eine nationale Raketenabwehr aufzubauen. Obwohl sie nach Verlautbarungen Washingtons auch den Europäern zugute kommen soll, ist sie eher geeignet, in der Gemeinschaft Zwietracht zu säen. Jedenfalls die EU-Europäer und die Russen noch weiter von einander zu bringen. Denn die EU-Europäer, auch wenn sie die NMD nicht gutheißen, fühlen sich davon weniger als die Russen betroffen. Die letzteren haben nämlich gute Gründe anzunehmen, die von den Amerikanern hervorgehobene Bedrohung durch die sogenannten "Schurkenstaaten" ist nichts anderes als eine Tarnung der wirklichen, antirussischen Funktion des NMD.

Es ist natürlich nicht abzustreiten, dass die  Bedrohungen zunehmen. Die wirtschaftlichen und finanziellen Turbulenzen, die durch die fehlgeleitete Globalisierung verstärkt werden. Die Zerstörung der natürlichen Umwelt. Die Bedrohung durch die internationale Kriminalität, den Separatismus und den Terrorismus. Der Verfall der ethischen und kulturellen Traditionen Europas.

Verständlicherweise wird in der EU, besonders in Deutschland, erwogen, welchen Einfluss auf die Zustände in Europa die eventuelle Einbindung Russlands haben kann. In diesem Zusammenhang wird auf Russlands Defizite hingewiesen und ins Feld geführt, sie stehen einer engeren Bindung Russlands an die EU entgegen. Kein Zweifel, die Defizite sind groß. Angefangen bei der zerrütteten Wirtschaft über die ausufernde Kriminalität bis zur Verseuchung der Umwelt.

Dennoch lehnten die überaus meisten Konferenzteilnehmer die in Deutschland geisternde Idee, um Russland eine Art cordon sanitair anzulegen, als wahnwitzig ab. Und zwar aus zwei Gründen. Zum ersten, weil die Isolierung Russlands auf seine Entwicklung einen sehr negativen Einfluss ausüben und es tatsächlich für die Nachbarn gefährlich machen kann. Zum zweiten, weil die cordons sanitair überhaupt der Vergangenheit angehören. Das moderne Transport und Kommunikationswesen wirken ihrer Effizienz entgegen. Besonders auf dem dichtbesiedelten europäischen Kontinent.

Die zivilisatorischen Bedrohungen der europäischen Sicherheit können mit dem Aufbau neuer Zäune auf dem Kontinent nicht abgewehrt, sondern allenfalls verstärkt werden. Denn sie können nur europaweit bekämpft werden. Das heißt, im engen Zusammenwirken aller europäischer Länder, ob in West oder Ost und unabhängig davon, welche Wege sie in der Vergangenheit einschlugen. Darüber herrschte am Ende der Veranstaltung unter allen Teilnehmern ein Konsens.

4.

Es war die Rede davon, dass die Konferenzteilnehmer die Sicherheit Europas nicht allein unter dem Gesichtspunkt seiner Fähigkeit sahen, eine militärische Bedrohung abzuwehren. Vielmehr wurde auch über andersgeartete Bedrohungen gesprochen. Über Gefahren für die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität Europas, seine Rechtsordnung, seine natürliche Umwelt und andere, die mit keinen Kanonen oder Raketen abgewehrt werden können. Viel eher mit den gemeinsamen zivilen Anstrengungen aller europäischen Staaten.

Deswegen wurde der Aufbau einer europäischen Sicherheitsgemeinschaft mit Einbindung Russlands auf der Konferenz als eine Aufgabe gesehen, zu der es keine Alternative gibt. Wird diese Aufgabe nicht gelöst, ist es möglicherweise mit der Insel der Glückseligen, wie Europa mitunter genannt wird, vorbei. Denn die Bedrohungen sind groß und werden immer akuter. Die Europäer nehmen es jeden Tag wahr. In Deutschland, in Russland, überall auf dem Kontinent.

Da die einzig erfolgversprechende, und zwar europaweite Abwehr der Bedrohungen ein hohes Maß an Solidarität der europäischen Länder erfordert, wurde auf der Konferenz auch darüber gesprochen, wie weit es in Europa mit der Solidarität her ist. Vor allem eben darüber, wie die europäische Solidarität in Bezug auf das größte und zur Zeit besonders zerrüttete europäische Land praktiziert wird. Also, in Bezug auf Russland.

Es wurden kritische Stimmen laut. Zumeist aus dem Kreis der deutschen, aber auch aus dem der russischen Teilnehmer. Sie machten mehrere Defizite der EU-europäischen Russlandpolitik aus.

Die deutschen Teilnehmer brachten dabei die Eintreibung der russischen Schulden zur Sprache. Sie äußerten sich anerkennend über die Entscheidung des Kreml, die russischen Schulden an die Gläubiger aus der EU, vor allem aus Deutschland, zu begleichen, stellten aber die Frage, wie sich die harte Position der EU-Länder in der Schuldenfrage mit den Beteuerungen vereinbaren lässt, Russland in der Stabilisierung seiner Wirtschaft beizustehen. Es wurde erwähnt, dass Russland für die Schuldenbedienung in den nächsten zwei Jahren etwa 17 Milliarden USD aufbringen muss. Mehr als die Hälfte seines Jahresetats. Wie groß die Belastung ist, liegt somit auf der Hand.

Deswegen ist auch die Frage zu stellen, ob die EU- Regierungen den eventuellen Zusammenbruch der russischen Finanzen einkalkuliert haben? Oder beugen sie sich , wie ein prominenter deutscher Konferenzteilnehmer andeutete, dem Druck Washingtons, das die wirtschaftliche Erholung Russlands möglicherweise erschweren will. Möchten denn die EU-Europäer, dass Russland in Europa noch viel ärmer ankommt, als es ohnehin ist? Lassen sie sich durch kurzfristige Vorteile blenden und übersehen deswegen die langfristige Perspektive? Darüber wurde in der Konferenz nachgedacht, ohne selbstverständlich definitive Antworten auf die Fragen geben zu können.

Andere Akzente setzten die russischen Referenten. Der russische Parlamentarier Sergei Sagidullin, ein international anerkannter Experte für die Bekämpfung des Terrorismus, kritisierte die EU-Einschätzung des Tschetschenienproblems. Er meinte, die Tschetschenienkrise sei, entgegen westlicher Einschätzungen, nicht hausgemacht. Vielmehr bedienen die tschetschenischen Rebellen die Interessen des internationalen Terrorismus und werden von ihm bezahlt und mit Söldnern und Waffen unterstützt. Wäre Russland untätig geblieben, hätten die EU-Staaten die Hand der Terroristen längst zu spüren bekommen. Daher sei es unlogisch, dass die EU gegen besseres Wissen versucht, Russland daran zu hindern, auf seinem Staatsgebiet die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen. Ob nicht auch diese Störversuche darauf ausgerichtet sind, einer Annäherung zwischen der EU und Russland entgegenzuwirken?

Die hier zitierten und andere Hindernisse auf dem schwierigen Weg Russlands in die europäische Sicherheitsgemeinschaft gehören zum Passivum der gegenwärtigen Bilanz der beiderseitigen Beziehungen.

5.

Also, liegen auf dem schwierigen Weg Russlands in die europäische Sicherheitsgemeinschaft mehrere Stolpersteine. Zu einem beträchtlichen Teil sind sie von außen herbeigeschafft worden, um Russlands Ankunft in Europa zu erschweren oder gar zu verhindern. Trotzdem wäre es verkehrt, den Mut zu verlieren. Es gibt nämlich auch positive Anzeichen, die zu Optimismus hinsichtlich der russischen Einbindung in Europa veranlassen.

In diesem Zusammenhang erwähnten die Konferenzteilnehmer den in letzter Zeit regen Meinungsaustausch zwischen deutschen und russischen Staatsmännern sowie Politikern. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein hoher Gast aus Berlin in Moskau weilt. Umgekehrt geben sich die russischen Besucher in Berlin die Klinken zu deutschen Regierungsinstitutionen in die Hand. Die Bemühungen, den Standpunkt des anderen zu verstehen und nach einvernehmlichen Lösungen komplizierter Probleme zu suchen, nehmen zu.

Zum Abbau der Überbleibsel des kalten Krieges im Weltbild der Russen und der Deutschen, zu mehr Verständnis und Vertrauen in den beiderseitigen Beziehungen können die Medien beider Länder einen großen Beitrag leisten. Auf der Konferenz wurde anerkennend erwähnt, dass die deutschen Medien in jüngster Zeit mehr und objektiver über Russland berichten. Doch auch auf diesem Feld gibt es noch viel zu tun. Ein Kenner Russlands, Prof. Dr. Heinz Timmermann, hat diesbezüglich größere Defizite in den westlichen Bundesländern geortet. In dem Teil Deutschlands ist in den Köpfen vieler das Bild des modernen Russlands weit von der Realität entfernt.

Mehrmals gingen die Konferenzteilnehmer auf die Bedeutung der öffentlichen Initiativen ein, die sich auf vielfältige Weise bemühen, die Deutschen und die Russen näher zu bringen. Dazu gehören Städtepartnerschaften, inzwischen fast hundert. Viele Initiativen gehen von zahlreichen Vereinen aus, die humanitäre Hilfe leisten, Treffen zwischen Russen und Deutschen arrangieren, Vorlesungen über Russland, russische Musik- und Literaturveranstaltungen in Deutschland – und deutsche in Russland organisieren. Viele gehören zum Bundesverband der deutschen West-Ost-Gesellschaften, der vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde.

Besonders erfreulich ist, dass sich die deutsche Wirtschaft aktiver als noch vor kurzem in Russland und für die Entwicklung des deutsch- russischen Handels engagiert. Zwar entsprechen der Umfang und die Qualität der deutsch-russischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit keineswegs den objektiven Erfordernissen, aber die Lethargie nach der russischen Wirtschaftskrise 1998 scheint allmählich abzuklingen. Da die Strukturen der deutschen und russischen Wirtschaft die Intensivierung der Beziehungen begünstigen, soll es auch in diesem Bereich rasch vorangehen, was für die Einbindung Russlands in Europa sehr wichtig ist. Vorausgesetzt, dass Russland die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert und Deutschland dafür sorgt, dass die geplante EU-Erweiterung nicht neue Gräben zwischen Russland und seinen Nachbarn im Westen aufreißt.

Mit Hoffnung auf die Überwindung der Hindernisse auf Russlands Weg nach Europa sprachen die Konferenzteilnehmer über das Treffen zwischen Präsident Putin und Bundeskanzler Schröder in Sankt Petersburg. Die Petersburger Gespräche, an denen ein breiter Kreis von Fachleuten und Vertretern der Öffentlichkeit teilnehmen soll, wurden als vielversprechendes Novum in den deutsch-russischen Beziehungen eingeschätzt. Institutionalisiert als "Petersburger Dialog", krönen sie die Bemühungen um Vertrauensbildung zwischen Russland und Deutschland als das einflussreichste EU-Mitglied, fördern den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch und ebnen somit den Weg Russlands in die EU-Sicherheitsgemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die ohne Russland ihren Zweck nicht erfüllen würde.

DAS LESERECHO:

K.M. schreibt:

Wenn die westlichen Demokratien ihr tiefes Misstrauen, ihre Angst vor einem starken Deutschland nicht überwinden, wird der Westen wesentlich dazu beitragen, dass sich die politischen Beziehungen zwischen unseren Ländern genauso entwickeln, wie Russland sie als wünschenswert erachtet.

Nein, so ein Quatsch! Nur, wenn sie es überwinden (!), dann ...
Seid Ihr denn alle doof, oder was?

B.G. schreibt:

Ihr wollt wohl Deutschland auf Eure Seite ziehen, was? Daraus wird nichts. Wir wissen, wo unser Platz ist. In der zivilisierten westlichen Wertegemeinschaft und nicht im wilden Osten.

M. antwortet:

Es sind nicht wir, es ist ein bekannter deutscher Philosophieprofessor, was aus dem Text hervorgeht.

2. Er meint, was aus dem Text auch hervorgeht, dass die Behandlung Deutschlands als besonderen Fall der Weltgeschichte, einen ewigen Sünder, der immer wieder Asche aufs Haupt streuen und seine Demokratielernfähigkeit unter Beweis stellen soll, früher oder später dazu führen kann, dass in Deutschland nationalistische Stimmungen überhand nehmen und es einen Weg der Annäherung an ein Russland sucht, das sich dann in etwa der gleichen Stimmungslage befinden würde. Es ist bestimmt kein Quatsch, weil durch die Geschichte hinreichend bestätigt (Rapallo 1922, Hitler- Stalin-Pakt 1939, u.s.w.).

3. Wenn man Tatsachen, bzw.
Tendenzen feststellt, heißt das noch nicht, dass man diese mit Freude hinnimmt. Tatsachen können aus der Welt geschafft, Tendenzen kann entgegengewirkt werden. Dazu aber muss man versuchen, diese festzustellen.

4. Was einen stört ist folgendes. In einer Hinsicht wird Russland in Deutschland genauso behandelt wie Deutschland im Westen. Und zwar wie ein fauler Schüler, der in einer Klasse sitzen
bleibt und trotzdem seine Hausaufgaben vernachlässigt. Der tiefere Hintergrund ist auch derselbe: der verlorene Krieg (in einem Falle der "richtige", in dem anderen der kalte). Eine solche Behandlung ist nämlich das sicherste Mittel, die Ergebnisse eines Sieges mentalitätsmäßig festzuschreiben und den Besiegten (in einem lähmenden Schuldgefühl befangen) an der Leine zu halten. (Ob das gut ist oder schleicht, steht auf einem anderen Blatt).

5. Man fragt sich: Warum wird z.B. die offensichtliche Überlegenheit des deutschen sozialen Sicherheitssystems über das der USA denen nicht ständig unter die Nase gerieben? Oder den Franzosen die offensichtliche Überlegenheit des deutschen Föderalismus über den in Frankreich ? Oder die Tatsache, dass die Legislative in Deutschland vor der Exekutive mehr Rechte hat als in vielen anderen Ländern des Westens mit präsidialer Staat
sverfassung? Und, und, und...

6.Russland wird aber von bestimmten Kreise in Deutschland immer wieder seine Rückständigkeit vorgehalten und von ihm gefordert, sich schleunigst zu ändern, wenn es akzeptiert sein will. Sich zu ändern, ohne Rücksicht auf seine Geschichte und die Mentalität seines Volkes.

7.Bezeichnenderweise kommen die gestrengen Lehrer in Deutschland aus derselben Ecke , wo man sich eifrig darin übt, Asche aufs deutsche Haupt zu streuen.

8. Zur Zeit hat man das russische Medienwesen am Wickel. Als hätte der Westen eine ideale Lösung gefunden, indem er zwar ein staatsfernes (bravo!), dafür aber ein geldsacknahes Mediensystem ( o, weh!) entwickelte.

 

Eine Neuauflage von Rapallo? Quatsch!

Gazeta.ru und andere Runetzeitungen berichten, Russland und Deutschland seien eine Vereinbarung "über die gemeinsame Modernisierung der Kampfflugzeuge MiG-29" eingegangen. Beide Länder würden die russischen Flugzeuge, die sich im Natobereich von Zentral- und Osteuropa im Einsatz befinden, auf Nato-Standard bringen. Michail Dmitrijew, erster Stellvertreter des russischen Verteidigungsministers, erklärte vor Journalisten, die Vereinbarung sei für Russland die Chance, auf dem mitteleuropäischen (also deutschen) Waffenmarkt Fuß zu fassen. Wie ein Korrespondent von Gaseta.ru im V

erteidigungsministerium der RF erfuhr, kann die russische Luftwaffenindustrie an der Modernisierung der MiGs etwa 400 Millionen $ verdienen und sich damit aus der finanziellen Notlage retten.

In den Ländern des ehemaligen Warschauer Vertrags seien zur Zeit 123 Kampfflugzeuge vom Typ MiG-29 im Einsatz, davon 50 in der deutschen Luftwaffe. Die einstigen Verbündeten der UdSSR, jetzt in der Nato, müssen die MiGs entweder verschrotten oder modernisieren, da nach den Regeln der Allianz die Rüstung der Mitgliedsländer angepasst werden muss.

Dieser Vorgang gab im Runet wieder Anlass zu wilden Spekulationen über eine mögliche Neuauflage der Rapallopolitik. Gemeint ist damit die geheime Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland in der Rüstung, die 1922 begann und über Hitlers Machtantritt 1933 hinaus fortgesetzt wurde.

Anm. von m. : 1922 waren beide, Russland und Deutschland, stigmatisierte Verliererdes Weltkrieges, was lag da näher, als sich aneinander zu klammern. Jetzt ist Deutschland auf der anderen Seite der Linie, die Sieger und Verlierer trennt. Zwar deuten spekulative Analytiker im Runet immer wieder an, in einer Hinsicht hätte Deutschland die Folgen des Zusammenbruchs von 1945 noch nicht überwunden. Und zwar hätte es im Unterschied zu den Westmächten keine Raketen- und Atomwaffen und dürfe sie nicht haben ( Russland hat sie noch reichlich). Aber wozu braucht es die furchtbaren Waffen?

In dem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die modernsten Waffen, die Deutschland infolge von Rapallo und dank der russischen Hilfe bauen und erproben konnte, 1941-1945 im Krieg gegen Russland eingesetzt wurden. Soll das etwa keine Lehre aus der Geschichte sein, fragt M., die uneingeschränkt für die deutsch-russische Zusammenarbeit – aber auf friedlichen Feldern- eintritt und vor allem kein Wunschdenken pflegt.

12.01.01

 

5. ENTSCHÄDIGUNG

RUSSLAND VON DER PLEITE BEDROHT?

 

In einem Moskauer Gericht läuft eine merkwürdige Verhandlung. Die Klägerin   ist Rentnerin Vera Petrowa aus einem Dorf im äußersten Westen Belorussland. Beklagt wird die Russische Föderation.

 

Worum geht es? 1944 wurde das Heimatdorf von Vera Petrowa verbrannt. Von der deutschen Feldgendarmerie. „Partisanenbekämpfung“. Die Deutschen brachten die meiste Bevölkerung, einschließlich Greise und Kinder um, das Vieh wurde geschlachtet. Vera blieb am Leben. Wie durch ein Wunder.

 

Jetzt, fast sechzig Jahre später, klagt sie auf Entschädigung. Nicht etwa gegen Deutschland, sondern gegen Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Sie meint, die Sowjetunion hätte Deutschland für die Kriegsverbrechen bestraft und  Schadenersatz erhalten. Erhalten, aber an die unmittelbaren Opfer nicht weitergegeben. Sie will jetzt ihren Anteil. Der Schaden belief sich 1944 auf über 116.000 Rubel.  Unter Berücksichtigung der Inflation will sie jetzt nur eine Million Rubel haben. Sie ist bescheiden.

 

Die Gerichtsentscheidung ist noch nicht gefallen. Gesetzt  den Fall, Vera Petrowa erhält ihr Recht, tritt sie eine Lawine  von Klagen los. Und Russland geht pleite.

23.1.03  

6. MEDIEN: TRENNWAND ODER BRÜCKE?

In einer neuen Berliner Runde des Dialogs Berlin-Moskau wurde die Frage debattiert, ob die Medien das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland erschweren oder erleichtern.

Die Frage mag plausibel erscheinen, ist sie aber nicht, da die Medien nicht immer zur Völkerverständigung beitragen. In den Jahren des Kalten Krieges provozierten sie bekanntermaßen Spannungen, spornten das Wettrüsten an, bedienten eine Politik, die Europa und die ganze Welt mehr als einmal an den Rand des Krieges brachte. Der politische Auftrag, der den Medien diese destruktive Rolle aufzwang, ist, wollen wir hoffen, endgültig passe. Aber auch heute stärkt, wenn auch aus anderen Beweggründen, die Berichterstattung bei weitem nicht immer das Vertrauen zwischen den Russen und den Deutschen. Darüber sprachen die Teilnehmer der neunten Runde des Dialogs Berlin-Moskau, an der unter anderen Alexej Benediktow, Chefredakteur des Moskauer Radiosenders "Echo Moskau", Jelena Botscharowa von der russischen Zeitung "Nowaja Gaseta" und Dirk Sager, Leiter des ZDF-Büros in Moskau, teilnahmen.

Die Podiumsgäste konzentrierten sich auf Umstände, die ihrer Meinung nach einer umfassenden und wahrheitsgetreuen Berichterstattung über das Geschehen in Russland abträglich sind. Immer wieder wurden die bewaffneten Auseinandersetzungen in Tschetschenien in Feld geführt, wo die Tätigkeit sowohl ausländischer, als auch inländischer Medien behindert wird. Außerdem wiesen die russischen Teilnehmer, die sich zum Teil widersprachen, mit Nachdruck auf Ermittlungen der russischen Justiz gegen den privaten Medienkonzern "Media-Most" wegen gesetzwidriger Finanzgeschäfte hin. Scharf bemängelt wurden auch die neuesten Gesetzentwürfe zur Regelung des Pressewesens, die- wenn die Duma sie annimmt - die Pressefreiheit einengen können.

Trotzdem ließ selbst diese scharfe Kritik an der Tätigkeit der russischen Administration eher den Eindruck entstehen, die freie Meinungsäußerung sei in Russland vorläufig noch gut möglich. Vor wenigen Jahren wäre es nämlich undenkbar, dass ein russischer Journalist es wagte, die eigene Regierung, noch dazu im Ausland, so stark unter Beschuss zu nehmen. Und das blieb bei den anderen Teilnehmern des Dialogs und beim zahlreichen Publikum nicht unbemerkt.

Obwohl der Dialog an sich nicht auf Russland begrenzt sein soll, kam die Lage im deutschen Medienwesen diesmal gar nicht zur Sprache. Es ist aber anzunehmen, dass auch deutscherseits einiges geschehen müsste, damit die Berichterstattung über Russland in den deutschen Medien umfangreicher und realitätsbezogener wird. Dem steht vermutlich der von den deutschen Medienleuten und Experten sonst bitter beklagte Druck des wirtschaftlichen Wettbewerbs, insbesondere der Kampf um Werbungsanteile im Wege, die zur Verflachung der Information, der Verdrängung der Sachlichkeit und ernsthaften Analyse aus den Medien führen. Sicherlich ist auch die weitere Wirkung der in den Zeiten des kalten Krieges, aber auch davor entstandenen Klischees, sogar der Feindbilder nicht ganz auszuschließen.

Des weiteren wäre es zum Beispiel durchaus angebracht, gemeinsam darüber nachzudenken, ob die deutschen Medien in ihrer Berichterstattung aus Russland immer die richtige Elle anlegen. Wenn das Recht Russlands auf die historisch gewachsene Eigenart nicht berücksichtigt wird, führt die Berichterstattung kaum zu mehr Verständnis zwischen den Russen und den Deutschen.

Über das alles fiel in der Runde kein Wort. Die russischen, aber auch die deutschen Teilnehmer konzentrierten sich ausschließlich auf die Defizite des Medienwesens in Russland.

Einförmigkeit hat aber einem Dialog noch nie gut getan. Sie nimmt dem an sich sehr begrüßenswerten Meinungsaustausch über die Grenzen hinweg die Würze. Anstatt zu debattieren, bestätigen sich die Teilnehmer  gegenseitig ihre Meinung. Die Meinungsvielfalt bleibt auf der Strecke. Das gezeichnete Bild lässt an Vollständigkeit zu wünschen übrig.

Vielleicht ist dies darauf zurückzuführen, dass die Veranstalter die Wahl der russischen Teilnehmer ziemlich engherzig treffen. Zumeist kommen aus Moskau ausgeprägt oppositionelle Kollegen. Ihre Haltung in Ehren. Aber die Vielfalt der russischen Medienlandschaft darf ihnen wohl nicht geopfert werden. Schließlich geht es darum, Defizite im russisch- deutschen Verhältnis, einschließlich im Informationsaustausch, tiefer auszuloten. Der Annäherung der beiden Länder käme das zweifellos zugute.

27.2.01

 

7. INSTITUTIONALISIERTE FREUNDSCHAFT

Im Berliner Roten Rathaus fand eine Konferenz über die Rolle der Einwanderer aus Mittel- und Osteuropa  im Leben der deutschen Hauptstadt statt. 

Mehr als jede andere deutsche Stadt  zieht Berlin die Osteuropäer an. Das hat viele Ursachen, darunter  die Toleranz gegenüber dem Fremden, deren Wurzel  in die Zeit der ersten  preußischen Könige zurückreichen. Aber eine noch wichtigere Rolle spielt da  jene Weltoffenheit und Multikulturalität, die das geistige Leben an der Spree in unserer Zeit, insbesondere nach dem Mauerfall, prägen.

 

Darüber sprach in seinem Vortrag der bekannte Berliner Ethnologe Wolfgang Kaschuba. Professor an der Humboldt Universität zu Berlin, hob er  das noch unzureichend genutzte kreative Potenzial  der Berliner Ausländergemeinden hervor, denen sich immer mehr junge  und hochgebildete Menschen zugesellen. Die Referenten aus Polen,   Ungarn und Deutschland ergänzten seine Ausführungen.

 

Allerdings fiel auf, dass die russische Gemeinde auf der Konferenz etwas stiefmütterlich behandelt wurde. Ihr extra galt  kein Referat, das ihre Geschichte, Zusammensetzung und die Rolle im Leben der deutschen  Hauptstadt umfassend behandelt hätte. Dabei verfügt sie im Vergleich mit den anderen über die meisten Voraussetzungen einer positiven Beeinflussung der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der deutschen Hauptstadt. Sie ist nicht nur zahlenmäßig stark, sondern hat ein  hohes Bildungsniveau. Unter den nach Berlin  eingewanderten Russen gibt es hervorragende Fachleute, die ihr Können in der Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst bereits im Herkunftsland unter Beweis stellten. 

 

Auch in Berlin haben die Russen, wenn wir unter diesem Begriff alle russischsprachigen  Einwanderer zusammenfassen, viel geleistet. Sie gründeten hier Betriebe, geben Zeitungen heraus, spielen Theater. Russische Gaststätten, Diskotheken, Bildergalerien erfreuen sich vieler deutscher Besucher, nicht nur aus Berlin. 

 

Kurz und gut hätte ein Referent  keinen Mangel an aussagekräftigen Fakten. Erst recht nicht, wenn er  einen Exkurs in Berlins Kulturgeschichte unternommen hätte, die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der russischen Emigration  aktiv mitgeschrieben wurde. Im Jahr der deutsch- russischen Kulturbegegnungen wäre eine stärkere Erinnerung daran wohl am Platze.

 

Es wäre dennoch  total ungerecht, den Veranstaltern der Konferenz irgendwelche Russenfeindlichkeit unterstellen zu wollen. Vermutlich reflektierte die Tagesordnung jene besorgniserregende  Situation, die im Zuge der Osterweiterung der EU einkehrt.

 

Denn allen  Nachbarn Deutschlands im Osten eröffnet die EU- Erweiterung  neue Möglichkeiten, einschließlich die  des freien Personenverkehrs und der Migration. Allen außer Russen, die,  wie beim jüngsten EU-Gipfeltreffen in Sankt Petersburg festgestellt,  mit  neuen Schwierigkeiten konfrontiert werden, wenn sie in den Westen wollen. Zwar erweitert sich  Europa, wie es in der bürokratischen Vorstellungswelt existiert, ostwärts, aber Russland und auch andere, Jahrhunderte lang  mit Mittel- und Westeuropa verbundenen slawischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion  bleiben außen vor.

 

Ein Manko der europäischen  Integration, von dem nicht nur die Ausgeschlossenen betroffen sind. Die  Konferenz in Berlin gibt  Anlass, wieder einmal darüber nachzudenken. 

25.6.03          

 

LUSCHKOW IN BERLIN

 

Wenige Stunden vor  der feierlichen Eröffnung der Moskauer Tage in Berlin, an der er teilnahm, hielt der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik einen vielbesuchten Vortrag. 

 

Vom Außenminister a.D. Hans- Dietrich Genscher vorgestellt, erinnerte er sich an eine ähnliche Veranstaltung der DGAP vor fünf Jahren. Damals  sparte er nicht an harscher Kritik am damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin. Er meinte, die Kritik sei berechtigt gewesen, da Russland vor einem wirtschaftlichen Desaster und sogar vor der Gefahr des Zerfalls stand. Jetzt hob er hervor, dass in Russland  politische und wirtschaftliche Stabilität eingekehrt seien. Die Regierung des Präsidenten Wladimir Putin hat das Steuer des Staatsschiffs fest im Griff, die Bevölkerung sieht einen Silberstreifen am Horizont.

 

Zum Motor der Reformen, die grünes Licht für den Fortschritt  geben, ist Moskau geworden. Die Wirtschaft der russischen Metropole legt jährlich  etwa vierzehn Prozent zu. Ausländische Unternehmen investieren gern in die Moskauer Industrie, wobei Investoren aus Deutschland den Spitzenplatz einnehmen. Fast tausend deutsche Firmen haben  bereits Fuß gefasst in russischen Metropole. Die Moskauer Regierung unterstützt besonders kleine und mittlere Unternehmen aus Deutschland.

 

Als Oberbürgermeister sei er jetzt viel zuversichtlicher als vor fünf Jahren, sagte Luschkow. Aber als Bürger Russlands meint er, dass die aktuelle internationale Entwicklung zu Besorgnis Anlass gibt. Die Weltgemeinschaft, vor allem die USA, hätten auf die verbrecherischen Aktivitäten des internationalen Terrorismus falsch reagiert. Anstatt nach den Ursachen dieser gefährlichen Erscheinung zu forschen, wurde zur Jagd nach Phantomen geblasen. So hieß es, wird Bin Laden gefasst , ist  das Problem aus der Welt. Dieses  aber liegt tiefer als im bösen Willen einiger Krimineller. Der internationale Terrorismus sei eine Reaktion aufs egoistische Verhalten der Staaten der sogenannten goldenen Milliarde. Anders gesagt, auf die ungleichmäßige und ungerechte Verteilung der Wirtschaftskraft und des Wohlstands in der Welt.

 

Luschkow plädierte für eine differenzierte Einschätzung der sich vollziehenden Globalisierung von Wirtschaft und Kultur. Die wirtschaftliche Arbeitsteilung muss positiv bewertet werden. Je weiter sie fortschreitet, desto mehr und billiger wird produziert. Aber keine Macht der Welt darf die Globalisierung dafür missbrauchen, dass allen Ländern nur ein einziges Entwicklungsmodell  der Wirtschaft und Kultur aufgezwungen wird. Jedes Land soll sein Gesicht bewahren. Der Gleichschaltung  muss entgegengewirkt werden.

 

Das zahlreiche Publikum in den Räumen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik verabschiedete den  Moskauer Oberbürgermeister mit viel Applaus. Hans-Dietrich Genscher erwähnte in seinem Schlusswort  die nicht alltägliche Vielseitigkeit des Gastes, der sich sowohl als Wirtschaftsmanager, als auch  als Politiker  bewährt.                

 

Zu einem anderen Medienereignis wurde der Auftritt Luschkows in der Europäischen Akademie zu Berlin. Hier nahm er zusammen mit Berlins Regierenden    Bürgermeister, Klaus Wowereit, an einem Podiumsgespräch teil.

 

Im Mittelpunkt der Aktivitäten der Stadtregierungen steht  der kommunale Dienstleistungsbereich, betonten die beiden Stadtoberhäupter. In ihren Antworten auf Fragen deutscher und russischer Journalisten zeichneten sie ein Bild der gegenseitig vorteilhaften Kooperation. Diese ist besonders sinnvoll bei der  Bewältigung  ähnlicher  Aufgaben wie  Sanierung der Plattenbauten im Südwesten von  Moskau und im östlichen Teil Berlins, Entsorgung der Abfälle und Reinigung der Abwässer, Minderung der Umweltschäden und anderen. Die mit Juri Luschkow zahlreich angereisten Experten  nutzen die Tage Moskaus, um einschlägige Erfahrungen ihrer Berliner Kollegen zu studieren. Aber der Erfahrungsaustausch findet nicht sporadisch, sondern kontinuierlich statt. Er  hilft, Zeit und Geldmittel zu sparen.    

 

Ein anderer wichtiger Strang der Zusammenarbeit ist die Optimierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, wobei, wie der Moskauer OB hervorhob, das Augenmerk den mittleren und kleineren Unternehmen gelten soll, da die großen weniger  Hilfe brauchen.   

 

Schließlich geht es den beiden Stadtverwaltungen darum, der Bevölkerung ein umfassendes Bild der jeweiligen Partnerstadt zu vermitteln, die gegenseitige  Neugier der Berliner und Moskauer   zu wecken und zu befriedigen.  Im Jahr der russischen Kultur in Deutschland, dem das Jahr der deutschen Kultur in Russland folgt, sind die Rahmenbedingungen   günstig. Davon überzeugt ein Blick auf den Kalender der Kulturveranstaltungen der Moskauer Tage in Berlin. Erst angefangen, vermerkt er bereits viele Kunstausstellungen, Theater- und Filmaufführungen, Lesungen und Konzerte.  

 

Seine Beteiligung an dem erwähnten Podiumsgespräch nutzte Iwan Matrjioschkin, Esq., dazu, um das in beiden Städten anstehende Problem des Zusammenlebens  ihrer Stammbewohner mit den immer zahlreicher werdenden  Migranten anzuschneiden. Er verwies darauf, dass Berlin,  immer weltoffener und gastfreundlicher, auf dem besten Wege ist, seinen neuen Bürgern, darunter auch denen aus Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, zu einer richtigen Heimat zu werden. In diesem Zusammenhang bat er den Oberbürgermeister Luschkow, auf die Situation der Ausländergemeinden in Moskau einzugehen. In seiner Antwort räumte der Angesprochene gewisse Defizite ein, versicherte aber, dass Übergriffen der Ordnungskräfte, die seinerzeit in Deutschland Aufsehen erregten, von der Moskauer Stadtregierung konsequent entgegengetreten wird.

 

Die gesamte Diskussion in der Europäischen Akademie zu Berlin hinterließ beim Publikum den  Eindruck von einer dynamischen Entwicklung  der Partnerschaft der Hauptstädte. Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau werden mehr und mehr mit Leben erfüllt und stellen ein festes Bindeglied zwischen Deutschland und Russland dar. Dem kommt die offensichtlich gewordene Affinität der beiden Stadtoberhäupter zunutze, zwar in vielem unterschiedlich, aber weltoffen und kreativ.  

4.7.03                         

 

 

Das russische Kulturjahr in Deutschland  geht weiter. 

Unter dem Titel go East   eröffnet in Wiesbaden  das Festival des mittel- und osteuropäischen Films, wo diesmal Russland besonders stark vertreten  ist.
Ein  Schwerpunkt, die Sparte des wissenschaftlichen Films, beschäftigt sich im Jahr der Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen  mit dem Verhältnis  beider Länder zueinander. Ein umfangreiches Programm mit Filmen vor allem aus den 1930er- und 1940er- Jahren, darunter auch viele Entdeckungen aus dem russischen Gosfilmofond-Archiv, bietet Material, um über  positive und negative Klischees zu diskutieren. Unter der Leitung des Berliner Filmhistorikers Hans-Joachim Schlegel stellen Experten aus Moskau  und Berlin die wechselhaften „Bilder des Deutschen im sowjetischen und postsowjetischen Kino“ vor. 

 

Die Retrospektive des Festivals gilt dem russischen Dramatiker Anton Tschechow und zeigt 12 Verfilmungen seiner Werke, u.a. von Louis Malle, Andrzej Wajda, Nikita Michalkow und Laurence Olivier. Adaptionen aus ganz unterschiedlichen Ländern (UdSSR/Russland, USA, Polen, Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland), angefangen bei einem Stummfilm von 1911 bis hin zu einer modernen Version von „Onkel Wanja“ aus den neunziger Jahren, belegen, dass Tschechows Stoffe nicht nur Theater-Regisseure immer wieder faszinieren und inspirieren, sondern auch im Kino stark präsent sind. Das sein „schmerzliches Grundmuster der Existenz“  gegenwärtig sehr aktuell ist, davon zeugt auch Kira Muratowas Wettbewerbsbeitrag TSCHECHOW-MOTIVE.

 

Am Sonntag, den 30.03. besucht das Festival eine Nachgeborene des berühmten Schriftstellers und Dramatikers: Vera Tschechowa. Im Anschluss an die Begegnung mit der berühmten Schauspielerin und Regisseurin ist  Nikita Michalkows Verfilmung der Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“ mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle zu sehen.

 

Eine vom Festival organisierte  Ausstellung im Museum Wiesbaden  beschäftigt sich mit dem „Tschechow-Clan“. Mit Fotos, Briefen und Dokumenten aus dem umfangreichen Privatarchiv Knipper-Tschechowa wird die Geschichte der deutsch-russischen Künstlerfamilie, vor allem die der Protagonisten Anton Tschechow und des Filmstars Olga Tschechowa, dargestellt.

 

In einer Szenischen Lesung  tragen Schauspieler am Hessischen Staatstheater Passagen aus dem Briefwechsel zwischen Anton Tschechow und Olga Knipper vor. Die Korrespondenz gibt nicht nur Einblicke in das von Sehnsucht bestimmte Liebesverhältnis des häufig getrennt lebenden Paares, sondern auch in die Arbeit Olga Knippers am Moskauer Künstlertheater und in die Quellen, aus denen Tschechow Material für seine Theaterstücke schöpfte.  Danach läuft der Streifen UNVOLLENDETE PARTITUR FÜR EIN MECHANISCHES KLAVIER nach Tschechow,  1977 von  Nikita Michalkow verfilmt.

 

In der Sektion Highlights verdient  besondere Beachtung  der Film RUSSISCHE ARCHE des Regisseurs Aleksandr Sokurow, der gerade für sein Werk mit dem „Andrzej Wajda / Philipp Morris Freedom“-Price ausgezeichnet wurde.

 

 

Aus aktuellem Anlass lädt das Festival  am Samstag, den 29. März um 16.00 Uhr zu einer Diskussion in die Villa Clementine. Unter der Fragestellung „Zerreißprobe für Europa? Identität im Angesicht des Irakkonfliktes“ bietet sich hier  den  Gästen des Festivals ein Forum, um über die gegenwärtige Haltung der Regierungen in den einzelnen Ländern, die Stimmung in der Bevölkerung und den Medien zu diskutieren und ihre persönliche Position zum Irakkrieg zu äußern. Damit wird einem wichtigen Ziel des Festivals gedient, nämlich intensive Begegnungen und Dialoge zwischen Ost und West zu ermöglichen und eine Plattform zu geben, um sich besser kennen zulernen – eine wesentliche Voraussetzung für ein geeintes  Europa, das dem Krieg Paroli bieten muss.

24.3.03

 

Das russische Kulturjahr in Deutschland  geht weiter. In München wird der 200. Geburtstag des großen russischen Dichters Fedor Iwanowitsch Tjutschew  groß gefeiert.

 

Die Feierlichkeiten werden vom Münchner Verein „Mir“ veranstaltet und   von bayerischen Behörden unterstützt. Sie finden vom 25.April bis zum 27. April statt. Das Programm schließt Vorlesungen deutscher und russischer Literaturforscher, Besichtigungen, ein Konzert und sogar einen russisch-orthodoxen Gottesdienst ein. Später wird im Bayerischen Hauptstaatsarchiv eine Tjutschew- Ausstellung eröffnet.

 

München hat besondere Gründe, das Lebenswerk Fedor Tjutschews zu würdigen.  Der Russe  verbrachte hier  zwanzig Jahre, und zwar von 1822 bis 1844. Es war die Zeit, als Russland seine Beziehungen zum Königsreich Bayern, wie auch zu den anderen Staaten in Deutschland intensiv entwickelte. Spross eines alten russischen Aristokratengeschlechtes, trug Tjutschew dem viel bei. Als Beamter der russischen Gesandtschaft beim bayerischen Hof, aber noch mehr als ein  mit der deutschen Kultur und Literatur intim bekannter Dichter und last not least als bewunderter  Salonlöwe.  Mit seinem Geist, gewandter Zunge und  Charme gewann er die Achtung wichtiger Persönlichkeiten der Münchener high society, brach aber auch die Herzen mehrerer Schönheiten der Hofgesellschaft. So hinterließ er eine  Spur nicht nur in der russischen Dichtung, sondern auch in der Geschichte der  Wechselwirkungen zwischen Russland und Deutschland. Wenn jemand nach einem schlagenden Beweis  für die Seelenverwandtschaft der Russen und Deutschen sucht, tut er das Richtige, wenn er sich an Tjutschew erinnert, einen Mann, der in seinem Schaffen und Leben diese  verkörperte, einen  russischen Patrioten und gleichzeitig einen treuen Freund  und Bewunderer Deutschlands.

In Russland wird der 200. Geburtstag Tjutschews als  Jubiläum eines Nationaldichters begangen, von vielen für den  zweitgrößten nach Alexander Puschkin  gehalten. Schön, dass  auch in Deutschland sein Lebenswerk gewürdigt wird.  Details über das Tjutschew Festivals in München  sind auf der WEB-Seite des Mir e.V. (WWW. mir-ev.de) zu erfahren. Auf der Web-Seite werden auch Editionen des  unter dem Vorsitz der in München lebenden russischen Künstlerin, Tatjana Lukina, tätigen Vereins,  präsentiert, darunter  ein reich bebilderter Tjutschew-Kalender 2003. 

16.4.03 

 

 

 

DIE NASE ALS  SYMBOL DER DEUTSCH- RUSSISCHEN  VERBUNDENHEIT

 

Im Marmorsaal des Russischen Museums zu Sankt Petersburg  haben der deutsche Künstler Jörg Immendorf und Bundeskanzler Gerhard Schröder am 30. Mai 2003 die Skulptur "Die Nase" an die Jubilarin   übergeben. Als Geschenk Deutschlands zum 300. Geburtstag der Newa-Stadt.

"Die Nase"... So heißt  eine Novelle von Nikolai Gogol, einem wunderbaren russischen Dichter des XIX. Jahrhunderts.  Gogol war es, der eine neue Richtung  der europäischen Literatur  ins Leben gerufen hat. Eine, die sich zwar äußerlich nicht an die Realität hält, sondern  skurrile, mitunter  phantastische  Geschichten erzählt, die aber die Realität mit all ihren Abgründen  erfassen.

 

Um die Zeit gab es in Deutschland  auch einen „Gogol“. Er hieß E.T.A. Hoffmann. Seine  Novellen sind die Lieblingslektüre  von  .

 

Zurück zu der „Nase“ von Gogol. Sie erzählt die schaurige Geschichte eines kleinen Petersburger Beamten. An einem gar nicht schönen Morgen stellte er fest, dass ihm seine Nase abhanden gekommen ist. Eigentlich braucht er keine. Aber was ist ein Beamter ohne Nase?  Zielscheibe des Hohns der Kollegen, eventuell ein Opfer von Mobbing, hat er keine Chance, vorwärts zu kommen. Und die Damen wollen auch keinen Herren, der etwas anders ist als die anderen.

 

Also begibt sich der arme Mann auf die Suche nach der entlaufenen Nase  und erlebt dabei die ganze Kälte   einer riesigen Stadt, die nicht für die Menschen, noch dazu unvollkommene Menschen, sondern eben für die perfekten Staatsdiener in den Sümpfen an der Ostsee gebaut worden war.

 

So schimmert  die ewige russische Ablehnung der allbeherrschenden Staatsidee, favorisiert von Petersburgs Gründer, dem Zaren Peter dem Ersten,  durch Gogols  Sujet. Ein Thema, das in einer ganzen Reihe in Petersburg entstandenen Novellen und Poemen   gewälzt wurde.

 

Gogol war übrigens kein Freund Deutschlands. Als Kranker besuchte er Deutschland, um sich kurieren zu lassen. Aber er kapselte sich in Deutschland ab, wollte von ihm nichts wissen. Die Deutschen waren ihm unheimlich. Zu tüchtig. In einer seiner Erzählungen erwähnt er spöttisch, sie  hätten sogar den Mond erfunden. 

 

Seine  kritische Einstellung zu Petersburg  wurzelte auch in seiner Überzeugung, diese Stadt sei ein Hirngespinst des Verehrers der deutschen Bürokratie, des großen Peters.

 

Heißt es, dass sich die geschenkte Plastik schlecht dafür eignet, der bei der Übergabe von Bundeskanzler Schröder wieder mal beschworenen deutsch-russischen Freundschaft zu dienen?

 

Nein, das heißt es nicht!

 

Es wäre schlimm, würde die Freundschaft dazu führen, dass die Russen keine Russen und die Deutschen keine Deutschen mehr sind. Gott behüte! Sollen sie bleiben, wie der liebe Gott sie geschaffen hat. Er wusste nämlich, was er tat. Er wusste, dass eine Liebe erst durch Unterschiedlichkeit der Partner die Würze erhält.

 

Wir müssen uns gegenseitig annehmen so, wie wir sind. Und nicht warten, bis der andere alle in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt.

 

Das matrjoschka- online- Team  dankt dem deutschen Bildhauer  Jörg Immendorf für die „Nase“. Und Bundeskanzler Schröder – ja, wofür denn ?- für seine schönen Worte. Soll ihm sein Statussymbol erhalten bleiben. Wenn dieses ihm aber doch abhanden kommt, möge ihm die Liebe seiner Frau und die Achtung seiner politischen Freunde trotzdem erhalten bleiben.               

 

 Übrigens sagte er bei der Übergabe, es sei kein Zufall, dass sich Deutsche und Russen vor den historischen Feierlichkeiten in einem Museum träfen.  Kultur und Kunst verband die beiden Völker schon immer. Eine hasstreibende Politik, insbesondere der deutsche Faschismus, habe sie getrennt. Aber Kunst gebe unendlich viel mehr als Politik trennen könne.

 

Sehr richtig, Herr Bundeskanzler!

 

30.5.03

In wenigen Tagen startet ein markantes Projekt des russischen Kulturjahres in Deutschland.

Das Projekt nennt sich Kulturschiff. Es geht  tatsächlich um ein   gemietetes komfortables Flussschiff, dessen Route in Düsseldorf beginnt und in Passau endet. Die zweiwöchige Fahrt  auf Rhein, Main und Donau durch mehrere Gegenden Deutschlands schließt längere Aufenthalte in sechzehn deutschen Städten ein. Sie sollen  für  Treffen der Schiffsgäste mit dem an Russland interessierten Publikum genutzt werden.

Zu den Schiffsgästen gehören angesehene Künstler und Ensembles aus Russland, deutsche Russlandkenner, Historiker aus beiden Ländern. Mehrere Konzerte, Vorlesungen und Diskussionen sind eingeplant.   Als schwimmende Kunst- und Informationswerkstatt ermöglicht das Kulturschiff eine  Programmgestaltung, in der sich künstlerische Aktionen und politische Bildung wechselseitig ergänzen.

An Bord sind 90 deutsche und russische Schriftsteller, Wissenschaftler, Musiker  und Artisten, aber auch Touristen. Diese können  an anregenden Begegnungen eines spannenden interkulturellen Dialogs zugleich als Beobachter und  kreative Mitgestalter teilnehmen.

Das Deutsch-Russische Kulturschiff ist ein gemeinsames Projekt des Bundesverbandes Deutscher West-Ost-Gesellschaften und der Bundeszentrale für politische Bildung im Rahmen des Jahres Deutsch-Russischer Kulturbegegnungen.

Zusätzliche Informationen können unter der eMail Adresse christiane.tovar@t-online.de angefragt werden.

2.3.05  

DAS DEUTSCH- RUSSISCHE „FESTIVAL“ IN BERLIN

 

Das Ende des Monats März gestaltete sich in Berlin zu einem im Kalender nicht verzeichneten  deutsch-russischen Festival. Es begann mit den Ehrungen für  den Gefährten von Willy Brandt, den Staatsekretär a. D., Egon Bahr, der achtzig wurde. Da die von ihm mitgedachte und mitgestaltete  Kursänderung der deutschen Ostpolitik vor etwa  dreißig Jahren  eine neue Etappe der deutsch- russischen Beziehungen einleitete, gab es in den Jubiläumsveranstaltungen nicht nur viel zu erinnern, sondern auch viel zu diskutieren. Und zwar darüber, wie es zwischen Deutschland und Russland weitergehen soll.

 

Kaum klangen die Ehrungen für den Architekten der neuen deutschen Ostpolitik der siebziger, achtziger Jahre ab, wurde ein anderer hervorragender deutscher  Außenpolitiker gewürdigt, nach eigener Definition auch ein großer Freund Russlands.  Hans- Dietrich Genscher beging seinen fünfundsiebzigsten. Da er einen großen Beitrag zur Festigung der deutsch-russischen Zusammenarbeit, insbesondere bei der Wiederherstellung der deutschen Einheit leistete, gab es  im Zusammenhang auch mit diesem Jubiläum  Anlass über deutsch-russische Beziehungen nachzudenken und zu  sprechen.

 

In diese Tage fiel auch ein Besuch   des russischen Außenministers Igor Iwanow  in Berlin, der sich mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer traf. Unter anderem galt der Meinungsaustausch der bevorstehenden Tagung der EU in Moskau, den kommenden Verhandlungen zwischen Bush und Putin und selbstverständlich  der Vorbereitung des Treffens Schröder- Putin in Weimar, wo Anfang April die neue Runde des Petersburger Dialogs, des im vorigen Jahr zum ersten Mal abgehaltenen Forums der Öffentlichkeit beider Länder,  stattfindet.   

 

Beachtung fand auch  die  öffentliche Vorstellung der deutschen Edition des Buches „Die neue russische Diplomatie. Rückblick und Vision“, das der russische Außenminister in seiner, vermutlich sehr knappen  Mußezeit schrieb. In der russischen Botschaft, wo die Präsentation stattfand, erläuterte der Autor, warum er sich die Mühe machte.  Weil   die russische Außenpolitik   transparent und voraussagbar sein muss wie in jedem Land mit offener Bürgergesellschaft. Mit seinem Werk will er dazu beitragen.

 

Über die im renommierten Econ- Verlag herausgebrachte und mit einem Vorwort von Joschka Fischer eingeleitete deutsche Ausgabe freut er sich besonders, weil  sie in einem Land erschien, das,  wie Russland auch, eine besondere Verantwortung in Europa trägt.

 

Tatsächlich  präsentiert Igor Iwanow in seinem Buch einen Rückblick  auf die Geschichte der russischen Diplomatie, der geeignet ist, seinem anspruchsvollen Anliegen beizutragen. Er hebt nämlich die Kontinuität der russischen Außenpolitik seit der Zeit Peters des Großen hervor. Wie groß die Unterschiede zwischen dem Zarenreich, der Sowjetunion und dem postsowjetischen Russland auch sein mögen, gab  es,  meint er, einen roten Faden, der die russische Außenpolitik über Jahrhunderte zu einem Ganzen verband. Und zwar waren es die geopolitische Lage des Landes, seine kulturellen Traditionen, die Mentalität seiner Völker.  Diese Konstanten lagen  einer Außenpolitik zugrunde, die  die Absicherung der Westgrenze des russischen Staates und   einen  würdigen Platz für ihn in Europa anstrebte. 

 

Zweifelsohne ein neues Konzept. Es  bricht mit jener Sicht auf die Geschichte  der russischen Diplomatie, die nicht das Kontinuierliche, sondern das wechselhafte soziale Element  und somit nicht das Verbindende, sondern das Trennende in den Mittelpunkt stellte.

 

Von seinem Standpunkt aus analysierte Igor Iwanow auch die Gegenwart der russischen Außenpolitik, der die  schwierige Aufgabe zukommt, sich der Transformation der russischen Gesellschaft und  dem schnellen Wandel in der Welt nach dem Kalten Krieges anzupassen.  Das geht nicht immer komplikationslos. Trotzdem wird die russische Außenpolitik  der internationalen Verantwortung und  den nationalen Interessen Russlands zunehmend gerecht. Wobei sie die Möglichkeiten Russlands pragmatisch einschätzt.

 

Während  der vom russischen Botschafter in Deutschland,  Sergei Krylow, moderierten und vom Deutsch- Russischen Forum mitgetragenen Veranstaltung  sprachen auch deutsche Diplomaten wie Andreas Meyer- Landhut  und Klaus Kinkel. In ihren Ansprachen würdigten sie, mit dem Gegenstand aus eigener Erfahrung bestens vertraut, den Beitrag des neuen Russlands zur Beendigung der Konfrontation in Europa und Wiederherstellung der deutschen Einheit. Zuversichtlich äußerten sie sich über die Perspektiven  der Zusammenarbeit Russlands mit dem vereinten Europa. Ohne Russland, betonte in diesem Zusammenhang der langjährige deutsche Botschafter in Moskau, Andreas Meyer- Landhut, läuft  in Europa überhaupt nichts.

 

Besonders gute Chancen räumten die deutschen Diplomaten  der   weiteren Entwicklung der von  Minister Iwanow zu den strategischen Prioritäten der russischen Außenpolitik gerechneten  deutsch-russischen Beziehungen ein. Der bei der Präsentation  anwesende Egon Bahr stimmte der optimistischen Vision zu. Hans- Dietrich Genscher war leider verhindert, aber in seinen Äußerungen  in der fast zur selben Zeit wie die Veranstaltung in der russischen Botschaft stattgefundenen Jubiläumsfeier versäumte auch er nicht, seine Verbundenheit mit Russland herauszustreichen.    

22.03.02

In Berlin fand die Jahresversammlung des Deutsch- Russischen Forums statt. Im Mittelpunkt stand die Verleihung des Dr. Friedrich Joseph Haass- Preises an Manfred Stolpe, Ministerpräsident des Landes Brandenburg.  

Dr. Friedrich Joseph Haass lebte im XIX. Jahrhundert. Ein deutscher Arzt, praktizierte er in Russland und wurde durch seine opferreiche Wohltätigkeit als heiliger Doktor von Moskau berühmt. Der nach ihm benannte Preis  wird vom einflussreichen Deutsch- Russischen Forum, das sich der Förderung der deutsch-russischen Beziehungen mit viel Erfolg widmet,  an Deutsche und Russen für Verdienste  auf diesem Tätigkeitsfeld verliehen. 

Der diesjährige Preisträger, der brandenburgische Ministerpräsident Dr. Manfred Stolpe, zeichnet sich  dadurch aus, dass er, dem Vermächtnis des Namenspatrons des Preises treu, stets ein Herz für die Russen hat. Das hob in seiner Laudatio der Ehrenvorsitzende des Russischen Föderationsrates und Gouverneur des Gebiet Orjol, Jegor Strojew, hervor. Er pries die Verdienste des brandenburgischen  Ministerpräsidenten bei der Festigung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen  beiden Ländern, insbesondere der Oberhäuser ihrer Parlamente.  

In seiner Antwortrede erinnerte Dr. Manfred Stolpe daran, dass die Brandenburger, ebenso wie die Bevölkerung aller neuen Bundesländer, ein halbes Jahrhundert lang, bildlich gesagt, Tür an Tür mit den Russen lebten. Vieles aus jener Zeit ist nicht mehr aktuell, aber das gegenseitige Kennenlernen bleibt ein wertvolles Kapital. Auch im neuen Abschnitt der Geschichte der beiderseitigen Beziehungen gilt es, dieses einzusetzen.

Die Festansprache hielt Dr. Guido Westerwelle, Parteivorsitzender der FDP. Er sprach über die Herausforderungen der gesamteuropäischen Zusammenarbeit, bei der Russland eine seiner Bedeutung angemessene Rolle spielen soll.

Die sehr gut besuchte Veranstaltung   im Opernpalais Unter den Linden brachte erneut den Beweis dafür, dass es in Deutschland in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens  nicht an bedeutenden Persönlichkeiten mangelt, die bereit sind, für den Ausbau der Beziehungen mit dem großen Nachbarn  im Osten zu wirken. Sie halten an der Tradition fest, die  in vielen Jahrhunderten in  beiden Ländern von einsichtigen Politikern, rührigen Geschäftsleuten und markanten Kulturschaffenden gepflegt wurde und in unseren Tagen vielleicht sogar mehr denn je an Bedeutung gewinnt.      

Anhang:

Über Friedrich Joseph Haass, den heiligen Doktor von Moskau.

Dr. Haass, in Moskau Fjodor Petrowitsch Gaass genannt, war ein Mann zweier Völker. Geboren am 24. August 1780 in Münstereifel bei Köln, studierte er in Wien Medizin und starb 1853 in Moskau. Nach Russland kam er 1803 zum ersten Mal. Er bereiste das Land und kehrte zwischenzeitlich wieder in die Heimat zurück. 1813 ließ er sich endgültig in Moskau nieder. Er folgte dabei dem Beispiel vieler seiner Landsleute, darunter Apotheker und Ärzte, die in Russland das suchten, was sie in dem vom Napoleonischen Feldzug heimgesuchten Deutschland vermissten: ein gutes Einkommen und eine hohe soziale Stellung.

Da Dr. Haass sehr tüchtig war, hatte er schnell Erfolg. Vor allem, als er einen illustren Aristokraten kennen lernte. Fürst Dmitri Golizyn, Generalgouverneur von Moskau, fand an ihm Gefallen. Er führte den Deutschen in ein Komitee für Gefangenenfürsorge ein und ernannte ihn 1829 zum Chefarzt der Moskauer Haftanstalt. Sicherlich konnte der Fürst nicht ahnen, dass der Einblick in den russischen Strafvollzug den deutschen Doktor umwühlen würde. Es geschah aber. Haass verzichtete  auf den vornehmen und reichen Patientenkreis und widmete sich ausschließlich der Fürsorge für die Gefangenen. 23 Jahre war er Tag für Tag nur für die Häftlinge, Verbannten und ihre Familien da. Er nahm keine Honorare, im Gegenteil, sein beträchtliches Vermögen steckte er in die Gefangenenhilfe. Nach seinen eigenen Worten spiegelte sein Verhalten die Einstellung der einfachen russischen Menschen wider, getreu dem Grundsatz, hilf dem Nächsten im Unglück so gut du kannst.

 

Er nahm einen wie es zuerst schien hoffnungslosen Kampf mit der russischen Bürokratie auf, um das Los der Gefangenen zu mildern. Damals war es in Russland üblich, die Sträflinge nach Sibirien zu Fuß marschieren zu lassen. Dabei wurden sie paarweise mit einer Eisenstange aneinander gekettet. So zogen sie, Hände und Füße in Eisen geschlagen, von Etappe zu Etappe. Jahrelang focht der Deutsche mit den zuständigen Beamten.

 

Durch Einsatz aller seiner Beziehungen erreichte er, dass kein Häftling mehr Moskau „an der Stange“ verlassen musste.

 

An das Moskauer Durchgangsgefängnis für Sibirienhäftlinge schickte er auf seine Kosten angefertigte Eisenfesseln, viel leichter und länger als die üblichen, auch mit Leder gefütterte Schellen für Hände und Füße. Im Volk nannte man sie „Haass-Fesseln“. Ab 1836 wurden sie dann überall in Russland eingesetzt. Die russische Redewendung „звон кандальный“ (der Fesselklang) reimte  sich nicht mehr auf „звон погребальный“ (das Grabesgeläut).

 

Da Haass die russischen Beamtensitten gut kannte, setzte er durch, dass die neuen Fesseln in seiner Anwesenheit angelegt wurden. Von Zeit zu Zeit begleitete er sogar Häftlingskolonnen über einige Kilometer außerhalb Moskaus. Er trat mit schreibe- und lesekundigen Häftlingen in Briefwechsel und schickte ihnen Geld und Bücher. Die Verbannten waren es, die ihn zuerst den heiligen Doktor nannten. Ihm zu Ehren spendeten sie Geld für eine Ikone des heiligen Fjodor, die in einer sibirischen Zuchthauskirche errichtet wurde.

 

Seinem ständigen Fordern und Flehen ist zu verdanken, dass im Durchgangsgefängnis auf den Moskauer Sperlingsbergen ein Krankenhaus und eine Schule für Häftlingskinder eingerichtet wurden. Das Gefängniskrankenhaus nannten die Moskauer Haass-Krankenhaus. Hier bezog er eine winzige Wohnung, wo er, umgeben von Büchern, in äußerster Armut seine Lebensjahre bis zum Tod verbrachte. Denn die Reste seines Vermögens verteilte er unter die Bedürftigen.

 

Ein Zeitgenosse berichtet: „Recht eigenartig in Bekleidung (Frack, Jabot, Kniebundhose, schwarze Strümpfe und Schnallenschuhe), lebte Haass vollkommen einsam, ganz im Dienste der Wohltätigkeit, ohne Mühen zu scheuen oder sich durch Spott und Erniedrigungen beirren zu lassen... Für die einen war er ein sonderbarer Kauz und Fanatiker, für die anderen hingegen ein Heiliger“. Wäre er ein Russe, hätte man ihn  юродивый“ genannt, was eine typisch russische Erscheinung ist. Ein Mensch, der einen Verrückten spielt, um sich aller Konventionen mit dem Ziel zu entledigen, unbehindert Gutes zu tun oder den Herrschenden die Wahrheit zu sagen.

 

Auch wenn die Doktor-Haass-Preisträger in ihrem Gestus wenig  daran erinnern, bleibt doch die Hauptsache, nämlich dass sie sich für die Russen einsetzen, seinem Beispiel folgend. Die Matrjoschka-Truppe, die den heiligen Doktor verehrt, hofft jedenfalls sehr darauf.         

23.01.02

DEUTSCHE WIEDERVEREINIGUNG UND RUSSLAND

 

Was ein Matrjoschka-Freund dazu schreibt:

1. Ein Blick zurück.

Dass der Start des wiedervereinigten Deutschlands vor zehn Jahren besser gewesen sein konnte, wird allmählich zur allgemeinen Erkenntnis. Sonst wäre wohl der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, noch auf dem hohen Ross. Und sein bester Freund, der populärste Politiker des Vereinigungsjahres 1990, Michail Gorbatschow, vielleicht auch. Ihnen haftet aber der Makel an, die deutsche Einheit und das neue Europa, das von der Last der deutschen Teilung frei ist, nicht auf die beste Weise mitgestaltet zu haben.

Dabei erhielten sie von der Geschichte die einmalige Gelegenheit, bei der großartigen Wende in Europa und in der Welt mitzuwirken. Die Wiedervereinigung, durch die Erhebung der Ostdeutschen ermöglicht, hätte viel mehr sein können als der Anschluss Ostdeutschlands an die Bundesrepublik. So wie die widernatürliche Teilung Deutschlands ein Produkt der widernatürlichen Teilung der Welt in die sich bekämpfenden Hälften war, hätte die deutsche Wiedervereinigung der Auftakt zu einer echten und umfassenden Einigung- nun gut, wenn nicht der ganzen Welt, dann wenigstens des europäischen Kontinents sein können. Ein Anfang der Überholung überlebter Strukturen. Ein Prolog zu einem Frieden, der mehr als Abwesenheit eines Krieges ist. Wäre es so, lebten wir jetzt in einer besseren, glücklicheren, sichereren Welt.

Trotzdem wäre es sträflich, zu übersehen, wie viel Gutes in den verflossenen zehn Jahren in Deutschland und in ganz Europa passierte. Unbestreitbar ist die Tatsache, dass es den meisten Deutschen und den meisten Europäern jetzt besser geht als vor zehn Jahren. Sie sind wohlhabender geworden, leben freier.

Dennoch hinkt die Realität hinter den Möglichkeiten und auch hinter den Hoffnungen des Jahres 1990 hinterher. Wo ist das gemeinsame europäische Haus, auf das damals alle schworen? Das gemeinsame Haus, das allen europäischen Ländern ein Dach über den Kopf anbieten sollte. Darunter natürlich auch Russland, dem größten europäischen Land.

Wo ist der Frieden auf dem Kontinent, der auf dem Grundsatz des Gewaltverzichts und auf den Prinzipien des internationalen Rechts aufgebaut werden sollte. Der Grundsatz des Gewaltverzichts wurde auf dem Balkan- aber auch in Tschetschenien- in sein Gegenteil verkehrt. Und die Prinzipien des internationalen Rechts wurden mit Soldatenstiefeln getreten.

Auch in Bezug auf Deutschland haben sich manche Hoffnungen nicht erfüllt. Wer hätte sich vor zehn Jahren vorstellen können, dass das staatlich wiedervereinigte Land so lange innerlich unvereinigt bleibt? Dass an der Stelle der mit Stacheldraht markierten Grenze eine andere entsteht, markiert durch das Gefälle in der Wirtschaft, der sozialen Sicherheit, zähe mentale Unterschiede der Bevölkerungsteile?

Erst recht konnte sich 1990 kaum jemand jenes Russland vorstellen, das jetzt existiert. Das zerrüttete Land. Im Westen, wo 1990 in Bezug auf die russische Zukunft eine Euphorie herrschte, wird jetzt der Spieß umgedreht. Dieselben Medien, die damals die neue russische Demokratie in den Himmel hoben und den Sternenflug der reformierten russischen Wirtschaft voraussagten, schildern jetzt genüsslich den russischen Niedergang. Zwar machen sie für ihn einzig und allein die Russen selbst haftbar. Aber Russland liegt nicht auf dem Mond, sondern in Europa. Und im Kreml saßen nicht nur Gorbatschow und Jelzin, sondern auch ihre zahlreichen westlichen Berater.

Warum kam es fast auf der ganzen Linie anders, als erhofft?

2. Zwischenbilanz

Die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands vor zehn Jahren hätte viel mehr hätte bringen können. Sie hätte der Auftakt zur einen echten, auf der Solidarität aller Europäer in Ost und West beruhenden Einheit Europas werden können. Stattdessen entstand Europa- und Deutschland übrigens auch- die zwar viele Fortschritte machten, dennoch in gewissem Sinne geteilt bleiben. Geteilt durch das inzwischen eher steiler gewordene Gefälle in der Wirtschaft, im sozialen Bereich, im Lebensniveau und mentalen Unterschiede.

1990 wurde etwas anderes erwartet und erhofft. Ein Deutschland, wo in West und Ost die Menschen gleiche Chancen und im Umgang miteinander keine Schwierigkeiten haben. Ein Europa ohne jene Grenzen, die durch den Reichtum der einen Staaten und die Armut der anderen gezogen werden. Ein Europa, das das größte europäische Land- Russland nicht außen vor lässt.

Warum ist es anders gekommen? Unter anderem, weil die Staatsmänner, die die deutsche Einheit und das neue Europa mitgestalteten, die einzigartige Chance verpassten, die Staatswesen samt ihren wirtschaftlichen und sozialen Strukturen einer Revision zu unterziehen. Sie hatten eine viel zu enge Sicht auf die stürmischen Veränderungen der glorreichen Jahre 1989 und 1990. Sie fassten den Zusammenbruch des sogenannten realen Sozialismus als eine absolute Bestätigung des realen Kapitalismus auf und jede Reform erschien ihnen überflüssig.

Das betrifft nicht nur den "Kanzler der Einheit" Helmut Kohl, der auf dem Bewährten schon immer beharrte, nicht nur seine westlichen Kollegen, sondern auch den Russen Michail Gorbatschow, der vorgab, etwas ganz anderes anzustreben, wusste aber anscheinend nicht, was und wie. Jedenfalls redete er viel, tat und erreichte wenig. Wie auch sein Nachfolger Boris Jelzin.

Dabei könnte Russland mit seinem Gewicht, mit seinen überwältigenden, sowohl positiven wie negativen Erfahrungen im XX. Jahrhundert viel mehr bewegen. Sein Volk war es, das am Ende des Jahrhunderts die Initialzündung der Veränderungen auslöste. Sein Volk war es, das Mitte des Jahrhunderts den größten Beitrag zum Sieg über den Nationalsozialismus in Deutschland leistete und somit ein neues Deutschland ermöglichte. So hatten die Russen das Recht, ihre Stimme zu erheben und Gehör einzufordern. Aber im europäischen Konzert führten andere das Wort. Und Gorbatschow und danach auch Jelzin sagten zu allem, was die westlichen Kollegen vorschlugen, ja und Amen.

Warum, soll dahingestellt bleiben. Fakt ist, dass sie damit Europa, Deutschland, vor allem aber Russland selbst einen Bärendienst erwiesen. Auch wenn sie zeitweilig im Westen viele Würdigungen erhielten und internationale Preise sammelten.

So akzeptierten sie, dass Deutschland auf eine, wie die spätere Zeit zeigte, nicht die beste Art und Weise vereint wurde und in der NATO, also unter der Obhut der USA blieb. Mit anderen Worten, es blieb von einer Supermacht abhängig, die nicht viel Verständnis für die Rolle der Deutschen, die Nöte der Russen, für Europa insgesamt zeigte. Mit Recht sind die beiden Jasager in Russland bereits unten durch. Aber auch im übrigen Europa werden sie nicht mehr gefeiert. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan...

Zu ihrer Rechtfertigung sagen die Gestalter des wiedervereinigten Deutschlands und des neuen Europas, sie nutzten 1990 die Gunst der Stunde und holten aus der Konstellation, von dem Befreiungsdrang der osteuropäischen Völker herbeigeführt, alles heraus, was zu holen war. Rückblickend ist das nicht überzeugend. Denn viele Chancen, wirklich Neues und wirklich Besseres zu erreichen, wurden vertan.

Vielleicht aber wurden sie nicht endgültig vertan?

3. Noch ist nicht aller Tage Abend.

Gerade in der letzten Zeit, kurz vor dem 10. Jahrestag der wiedererlangten deutschen Einheit, mehrten sich unheilvolle Zeichen dafür, dass die Gefahren für Europa 1990 nicht so gebannt wurden, wie es hätte geschehen können und sollen.

Nehmen wir die Ereignisse, die in den Schlagzeilen der europäischen Presse zitiert werden. Die nicht enden wollende Kette der tragischen Unfälle, vielleicht auch Terrorakte in Russland wie die Bombenexplosion auf dem Puschkinplatz in Moskau, das Sinken des U-Bootes Kursk, der Brand im Moskauer Fernsehkomplex Ostankino.

Der Tenor der meisten westlichen Äußerungen läuft darauf hinaus, die dramatischen Vorfälle und ihre Begleitumstände zeugten von der Zerrüttung der staatlichen, wirtschaftlichen und ethischen Grundlagen des russischen Lebens und der wachsenden Handlungsunfähigkeit des russischen Staates. Das wird oft, insbesondere in Übersee, mit einem Schuss Missgunst und Häme behauptet, als wäre die russische Misere dem Westen von Vorteil.

Nun, warum die Amerikaner so eingestellt sind, lässt sich leicht erraten. Sie hoffen, jetzt die russischen Einwände gegen ihr Projekt der kosmischen Raketenabwehr nicht beachten zu müssen, das heißt, die bestehenden Abrüstungsverträge über den Haufen zu werfen und eine neue Phase des Wettrüstens einzuleiten. Damit wäre die absolute Weltherrschaft der USA für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gesichert. Auch ihre Herrschaft in Europa. Ein Kurs übrigens, der sich bereits 1990 andeutete, als die USA den Verbleib des wiedervereinigten Deutschlands in der NATO zu einer unerlässlichen Bedingung der Wiedervereinigung erhoben- und Kohl und Gorbatschow zustimmten. Übrigens verrieten die beiden letzteren damit sowohl den Geist der friedlichen Revolution in Ostdeutschland und anderen Ländern Osteuropas, als auch die Ideale der Russen, die sie in der Perestroika verwirklicht sehen wollten und die keineswegs verwirklicht wurden.

Das rächt sich jetzt. Besonders offenkundig in Russland, wo es nach 1990 rapide abwärts ging. Und zwar rundum. Der Staat und seine Führung verloren jeden Halt in der Bevölkerung, die Wirtschaft landete im Tal der Tränen, die öffentliche Moral, insofern noch vorhanden, nahm großen Schaden. Mit der Haltung Gorbatschows und seines Nachfolgers auf dem europäischen Parkett hatte es nicht wenig zu tun. Denn die Russen fühlten sich hintergangen und erniedrigt. Insbesondere nachdem die NATO im Zuge der Osterweiterung den russischen Grenzen immer näher rückte.

Von der Misere ist natürlich nicht nur Russland betroffen. Der schlechte Zustand der lebenswichtigen Einrichtungen in Russland, der sich jetzt offenbart, lässt sie nicht nur für Russland lebensbedrohlich werden. Auch für Europa, das in jeder Hinsicht groß, räumlich aber eher klein ist. Und vor allem für Deutschland, fast ein Nachbar Russlands.

Nicht nur die Russen, sondern auch die Deutschen hätten viel mehr gewonnen, wäre die Wiedervereinigung nicht allein nach den Wünschen des "Kanzlers der Einheit" und seiner westlichen Freunde, vor allem jener aus den USA, gestaltet worden.

Hätte denn 1990 ein mit russischer Unterstützung durchaus möglicher Abschied von der NATO Deutschland geschadet? Kaum. Seine Sicherheit wäre jedenfalls nicht gefährdet. Wer bedroht es denn? Nordkorea?

Andererseits stellt sich die Frage, ob Deutschland für immer an der kurzen amerikanischen Leine gehalten werden muss?

Soviel ist gewiss- letztendlich bleibt es nicht so, wie es ist. Es gibt keinen langen Stillstand in der Geschichte der Völker. Erst recht nicht in der Geschichte des deutschen, aber auch nicht des russischen Volkes, die beide im vorigen Jahrhundert ihre Kreativität und Dynamik im Guten wie im Bösen unter Beweis stellten.

Vorläufig aber soll es bei der Feststellung bleiben, dass die Wiederherstellung der deutschen Einheit vor zehn Jahren, trotz mancher vertaner Chance, eine großartige Sache war. Und die vertanen Chancen sind nachholbar. Es ist noch nicht aller Tage Abend.

 

9. LESERFORUM

 

ADE, DEUTSCHLAND

 

Unter dieser Überschrift brachte die in Berlin erscheinende russischsprachige Zeitung „Europa- Express“ einen  Abschiedsbrief eines von Deutschland enttäuschten  Einwanderers aus  Russland.

 

Wovon ist er denn so enttäuscht, dass er Deutschland den Rücken kehrt und zurück in sein Herkunftsland, Russland, abreist?

 

Bezeichnenderweise fängt er damit an, dass er in Deutschland zur Erkenntnis gelangte, jeder solle in der Heimat leben und sterben, auch wenn das Leben, das die Heimat bietet, alles andere als rosig ist. Es ist  aber sein Leben, von Gott so gewollt. Wenn  er es nicht annimmt, wechselt er vom wahren Leben zum Scheinleben. Zum Leben als ob, mag es auch viel satter sein.

 

Übrigens ist es auch mit dem Sattsein in Deutschland so eine Sache.

Die deutsche Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Und es sieht so aus, als komme es noch schlimmer. Für  Emigranten ist die Wirtschaftsstagnation kein  abstrakter Begriff. Sie bekommen diese hart zu spüren. Oft als  erste.

 

Im Winter fuhr er auf der Suche nach Arbeit  aus seinem „hoffnungslosen“ Brandenburg zu Freunden in den Westen. Die waren inzwischen alle entlassen, obwohl sie lange gearbeitet und sich gut bewährt hatten. Und das in vier Städten. Das kann also kein Zufall sein. Und wenn man Arbeit hat, bezahlt man dafür einen hohen Preis: Fachleute mit Hochschulbildung schuften als Straßenbauer, Lastenträger, Bauarbeiter.  Das sei Sklavenarbeit.

 

Man setze die letzte Kraft auf Kosten der Gesundheit ein. Man  erduldet   Erniedrigungen der deutschen Vorarbeiter, ohne aufzumucken. Bloß nicht rausgeschmissen werden! Bloß nicht die Arbeit verlieren! Bloß die Raten fürs Auto abzahlen! Und wozu ist das Auto gut? Um zur Arbeit zu fahren. Ein Teufelskreis.

 

Dabei leben wir bekanntlich nur einmal. Warum dann SO leben?

 

Wenn man was kann, sei in Russland jetzt besser aufgehoben. Dort  gehe es ziemlich schnell voran. Fachleute werden gefragt. Und wenn sie gut sind, kriegen sie gutes Geld. Fünfhundert bis tausendfünfhundert Dollar im Monat. Zwei seiner ehemaligen Mitarbeiter sind als Programmierer in Nishni Nowgorod und Moskau tätig. Von ihren tausend Dollars im Monat haben sie bei dem niedrigen Preisniveau dort viel mehr als die besser bezahlten Kollegen hier.

 

Der Lebensstandard in  Moskau sei  bereits dem europäischen angeglichen. 

 

Freie Marktwirtschaft. Sie biete nur dem die Chance,  wer viel Geld investieren kann.  Sonst musst du  auch als ehemaliger Universitätsprofessor auf dem Bau Steine schleppen. Ist es das Leben, von dem er träumte, als er sich auf den Weg machte ?

 

Und die deutsche Bürokratie. Das Kürzel BRD  liest er wie Bürokratische Republik Deutschland...

 

Offensichtlich sei etwas faul in diesem Staate, wenn die russischen Einwanderer mehr und mehr dorthin zurückkehren, woher sie mit großen Hoffnungen gekommen sind. Einige seiner Bekannten sind schon weg. Er telefonierte  mit ihnen: " Habt Ihr es nicht bereut?" "Ganz und gar nicht, nur bedauern wir, dass wir uns nicht eher dazu entschlossen haben!"

 

Auch er sitze auf den Koffern. In der BRD hätte er sein Ingenieurdiplom bestätigt, er spricht frei Deutsch, hätte die deutsche Staatsbürgerschaft, aber alles das schiebt er zur Seite und wendet sich dem Osten zu, seiner persönlichen Freiheit wegen. 

 

Ade, Deutschland!

 

PS. der Holzpuppen: So schlimm ist es  für Deutschland nicht, wenn die Einwanderer aus Russland (darunter die meisten  deutscher Abstammung) ihm den Rücken kehren. Свято место пусто не бывает, wie die Russen sagen: der Pilgerort lockt die anderen an. Russen gehen, Araber kommen. Und es ist gut so: wie Herr Lafontaine  gesagt haben soll, ein afrikanischer Einwanderer   sei Deutschland  lieber als ein Deutscher aus Russland. 

Verständlicherweise: die verdammten Russen sind so aufsässig, ein Erbe der Sowjetzeit.       

31.3.03  

 

WO DER SCHUH DEN RUSSEN DRÜCKT, WENN ER AN DEUTSCHLAND DENKEN.

Das versuchte  matrjoschka- online.de an Hand der Fragen der Russen zu ermitteln, die dem deutschen Botschafter in Moskau  auf der Site Gazeta.ru gestellt worden waren.  Hier einige Ergebnisse unserer Analyse.

1. Am meisten ärgern sich die Russen, wenn Sie nach Deutschland wollen, aber nicht  mit offenen Armen empfangen werden. So auch darüber,  dass es   nicht ganz einfach ist, im deutschen Konsulat in Moskau ein Visum zu bekommen. Meistens muss man viel Geduld und Zeit mitbringen.  Außerdem ist das deutsche Personal, insbesondere das des Sicherheitsdienstes, nicht gerade ausgesucht  höflich.

In seiner on-line – Stellungnahme  dazu verwies  Botschafter von Plötz darauf, dass die Einreise der Deutschen nach Russland noch komplizierter gestaltet wird als die Einreise der Russen nach Deutschland. Ein schwacher Trost für die Russen.

Herr von Plötz unterstützte den Vorschlag der russischen Fragesteller, den Visumszwang   im Verkehr zwischen Deutschland und Russland abzuschaffen. Allerdings sei es Zukunftsmusik, da sich alle Beteiligten am Schengen- Abkommen damit einverstanden erklären müssen. Alle EU- Länder. Und die können sich auch über weniger wichtige Fragen wie zum Beispiel der Krieg im Irak  nicht einigen.

Wo aber  Wille ist, findet sich auch  Weg, zitierte Botschafter von Plötz  seinen Vorgänger,  einen gewissen Fürst Otto von Bismarck. Schön, dass er es tat. Es ist die höchste Zeit, dass der Preuße wieder zum Vorbild wird.

Wir wünschen   Botschafter von Plötz  eine Karriere, wie sie der Vorgänger gemacht hat. Bald nach der Rückkehr aus Sankt- Petersburg wurde er  nämlich deutscher Kanzler.

Sollte Herr von Plötz tatsächlich so hoch steigen, legt allerdings unser außenpolitischer Experte, Iwan Matrjoschkin, Esq., ihm nahe, dem Fürst in einer Hinsicht  nicht  zu folgen. Gemeint ist die Frontstellung gegenüber Frankreich. Hier würde Russland nicht mitmachen. Alle drei Kontinentalmächte, Deutschland, Frankreich und Russland, sollen an einem Strang ziehen. Meint Iwan von Matrjoschkin. „Von“ in dem Sinne, dass er  dem matrjoschka-Team angehört.  Sonst ist er leider kein „von“, nur „Esq.“ Aber auch nicht zu verachten.

2.Aber zurück zur Frage, wo der Schuh den Russen drückt. Mehrere Fragesteller, die in Deutschland zu Besuch waren oder in Deutschland  leben, glauben, es gäbe in Deutschland unterschwellige Russenfeindlichkeit. Keiner hat aber ein überzeugendes Beispiel angeführt. Nicht auszuschließen, das die Russen mitunter zu empfindlich sind. Wenn, wie in Wittstock vor einiger Zeit, ein Russe  einen Stein an den Kopf kriegt, wird sofort gezetert: Russenfeindlichkeit!  Vielleicht aber meinen die Fritzen es nicht so. Vielleicht sehen sie darin einen etwas rustikalen Freundschaftsbeweis.  Sagt Iwan Matrjoschkin, Esq.

3. Auch mit den  Klagen  mehrerer Fragesteller über die abfällige Russlandberichterstattung in den deutschen Medien, insbesondere im deutschen Fernsehen, konnte  sich unser Experte nicht ohne weiteres   solidarisieren. Welches Land kommt denn  in den deutschen Medien besser weg? Deutschland selbst auch nicht.

Übrigens auch in den russischen Medien  werden die russischen Missstände  breitgetreten.  Warum also sollen die deutschen Medien auf die angewöhnten Berichterstattungssitten  verzichten, wenn sie über Russland berichten? Nur weil die russischen Medien, z.B. der russische Auslandsender „Stimme Russlands“, aus Berlin nur Positives zu berichten wissen? Das ist kein triftiger Grund.

Ein  Vorwurf ist aber zweifelsohne wahr:  das deutsche Fernsehen zeigt Russland vorwiegend unter Schnee und Eis, als gäbe es dort von den vier Jahreszeiten nur die eine: Winter.

Botschafter von Plötz ist darauf leider nicht eingegangen. So musste  Iwan Matrjoschkin, Esq., über eine Retourkutsche nachdenken. Er schlug  vor, ab jetzt im russischen Fernsehen Deutschland nur verregnet zeigen. Aber die weiblichen Puppen   lehnten den Vorschlag ab. Die deutsch-russischen Beziehungen dürfen nicht belastet werden. Sollen die Deutschen ruhig  Russland  als ein Wintermärchen im Fernsehen erleben. Mit Väterchen Frost.

4. Viele Fragen der Russen an den Botschafter von Plötz betrafen die deutsche Politik in der Irakkrise. Die Fragesteller ließen eine starke Hoffnung auf eine gemeinsame, russisch- deutsche Abwehr des USA- Draufgängertums  erkennen. Die Amis würden was  erleben, wenn die Russen und die Deutschen zusammen ihnen die  кузькина мать zeigen.   Zwar weiß  keiner, was die мать ist,  aber selbst die Drohung wird als schrecklich empfunden. Мать! 

Allerdings ließ sich  Herr Botschafter auf die Spekulationen nicht ein, sondern hob die Grundsätzlichkeit der transatlantischen Bindungen Deutschlands hervor. Vermutlich erwarteten  die russischen Fragesteller von ihm etwas anderes. Aber sie wissen nicht, was ein Diplomat ist, besonders ein deutscher.

5. Das Fazit.   Der Auftritt des deutschen Botschafter im russischen Netz war ein  bemerkenswertes und   nachahmenswürdiges Novum. Bravo, Herr von Plötz! Demnächst bitten wir Sie, uns  ein Interview zu geben.

Auch  der russische Botschafter in Deutschland, Sergei Krylow, ist angesprochen. Matrjoschka-online.de als die meistbesuchte deutsche Site über Russland (im Schnitt mehrere 1000 Besucher täglich) erklärt sich  bereit,  ihm die Gelegenheit zu einem Auftritt zu gewähren. Greifen Sie zu, Herr Botschafter! Folgen Sie dem guten Beispiel des deutschen Kollegen! Iwan Matrjoschkin, Esq. ,hat sich einverstanden erklärt, das Interview zu moderieren.

4.3.03

PARADIES AUF ERDEN?

WIE LEBT ES SICH IN DEUTSCHLAND?

Darüber ist im Runet (Gazeta.ru) eine heftige Diskussion zwischen den Emigranten aus Russland entbrannt. Den einen gefällt es in Deutschland, anderen weniger. Auslöser war der  Brief eines gewissen Nikolai aus Nürnberg:  

In diesem Deutschland ist auch nicht alles so einfach. Vieles hängt davon ab, wie der Aussiedler vor seiner Emigration in der Heimat lebte... Die Freude eines Kolchosbauern aus Kasachstan, der zeitlebens in einer Lehmhütte hauste, über eine Wohnung in Deutschland kann ich durchaus verstehen. Aber nur wenige rechnen nach, dass man bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 1000 EUR 300 EUR für die Wohnungsmiete, 50 fürs Telefon, 20 fürs Internet, 15 für die Fernsehantenne, 55 für Strom bezahlen muss. Bleiben ihm 150 EUR zum Leben (hinzu kommen die Ticketgebühren für den öffentlichen Verkehr oder, Gott behüte, man besitzt ein eigenes Auto –mindestens 220 EUR Versicherung, 200 EUR Steuern, Sprit 50 EUR pro Woche).

Beneidet uns nicht um unser Leben hier im Westen! Ein Haus kaufen, das ist tatsächlich kein Problem. Nur musst du es ein Leben lang abzahlen und wirst auch deinen Kindern noch schulden hinterlassen. Verlierst du die Arbeit, vegetierst du unter der Brücke. Das Haus wird verkauft, wenn du Schulden hast, die Zinsen des Kredits musst du zahlen... Ständig muss man selbst etwas reparieren. Handwerker holen, das kann man nur im Film, im realen Leben können sich nur Millionäre Handwerker leisten. Alles macht man selbst, wenn man es kann – streichen, verputzen...Man kauft auch alles selbst, dort, wo es am billigsten ist, hier und da kann man was stibitzen. Das mit einem eigenen Haus ist Spinnerei unverbesserlicher Optimisten. In Deutschland sind die Häuser meiner Landsleute sofort zu erkennen, sie gleichen einer Hundehütte!    

Ein anderer russischer „Deutscher“ widerspricht: In Deutschland kann man gut leben. Es ist eine große Wohltätigkeitsanstalt. Er schreibt: 

Ungefähr die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung Deutschlands ist berufstätig und gibt 40% seiner Arbeitseinkünfte in den Staatssäckel ab, dafür leben alle anderen wunderschön von der Sozialhilfe. Wenn die Arbeit schlecht bezahlt wird, hat sie hier einfach keinen Sinn. Die Deutschen arbeiten aus Gewohnheit. Wir denken gar nicht daran, zu arbeiten. Wozu?  In Nürnberg gibt es einen Wohltätigkeitsverein. Jeder Säufer erhält hier täglich einen Obolus für Wodka, damit er seine Familie nicht ausnimmt.    .Wie mir meine dort lebenden Landsleute erzählten, ist es hier einfacher, beim Staat zu betteln als ihn zu bestehlen. Er gibt ja, wenn man ihn anbettelt. 

Aber die Unsrigen haben sich daran gewöhnt, zu stehlen. Darum beginnen die Deutschen zu begreifen, dass sie zu viele Russen ins Land ließen. Die Unsrigen machen in den Supermärkten zappzarapp, und wenn sie in einem Vorortszug fahren, suchen sie sich die Deutschen mit Wochenendticket... 

Ein anderer schreibt:

Wenn die Umsiedler in Hundehütten-Häusern leben, dann deshalb, weil sie in der Sowjetunion mit der Propaganda irregeführt wurden, ein Arbeiter oder ein Bauer darf vom Staat alles verlangen. Und dann ist hier in den Gefängnissen jeder Fünfte aus der GUS. Welche Häuser können sie beanspruchen? Und noch ein Brief:

Der Verdienst eines Menschen reicht tatsächlich von 1000 bis 15000 EUR, mehr verdienen Russischsprachige  nicht.

Ein eigenes Haus mit Keller (der Keller ist in Deutschland die Wohnung für Oma und Opa. Sie erhalten Rente und bezahlen den Kindern die Miete) und mit einem Boden (auf dem Boden wohnen die Kinder, die Wände sind schräg, aufrecht stehen kann man nur in der Bodenmitte), zum Bett muss man kriechen), so ein Haus ohne das Land, auf dem es steht, kostet im Durchschnitt 150 000 EUR. Jetzt kann man sich ausmalen, warum die Häuser der „Russen“ im allgemeinen wirklich wie Hundehütten aussehen, aneinandergeklebt, drei kleine Zimmer und eine winzige Küche, Kinder, die entwürdigend unterm Dach hausen, die Eltern im Keller ohne Fenster und auf Betonfußboden! Und sie freuen sich noch. Haben ein eigenen Haus! Worüber freuen sie sich so?   

Für Deutschland legte ein Michail ein Wort ein:

Alles ist ganz einfach. Diejenigen, die Deutschland verdammen, sind russische Geheimdienstagenten. Ihre Briefe sind Provokationen. Sie wollen den Russen in Deutschland weismachen, im Russland unter der weisen Führung Putins sei es besser.   

  

Ein Diskutant schickte ein Hundehüttefoto, um zu zeigen, wie und in welchen Häusern die russischen Aussiedler in Deutschland leben. 

So ein undankbares Volk, zogen die Holzpuppen            Bilanz. Wenn es den Russen in Deutschland nicht gefällt, sollen sie doch zurück. Keiner hält sie hier. Daraufhin wollte Iwan Matrjoschkin, Esq., ihr eine Ohrfeige verpassen. Im Konzern matrjoschka-online.de kam es zu Irritationen. Die deutsche Polizei wurde angerufen, die sich übrigens mit der Aussage der Angegriffenen voll und ganz solidarisierte. Iwan Matrjoschkin, Esq., wurde in U-Haft abgeführt.

 20.1.03 

Gazeta.ru bringt einen Leserbrief aus Deutschland, der lautet:

Ich, ein ehemaliger Sowjetbürger, lebe ich bereits mehr als 10 Jahre in Deutschland. Mit der ganzen Familie.

 

Die ersten Jahre flogen wir in Urlaub nach Spanien. Im vorigen Jahr änderten wir die Route.  Wir flogen auf die Krim.

Ein deutscher Freund wollte unbedingt mit. Nun gut, wir haben ihn mitgenommen.

Auf der Krim angekommen,  war  er baff. Die wunderschöne Landschaft, die kontaktfreudigen, freundlichen Menschen. Und die Preise! Für bessere Leistungen etwa ein Drittel der in westeuropäischen Urlaubsregionen.

Der Deutsche wurde richtig süchtig.  Nirgendwo anders will er hin. Nur auf die Krim. Jede Nacht träumt er davon. Wen er auch trifft, erzählt er von der Krim und zeigt die mitgebrachten Fotos. Und der Clou: Vor kurzem heiratete er ein ukrainisches Mädchen. Jetzt ist die Krim quasi zu seiner zweiten Heimat geworden.

Der Chefgeograph des matrjoschka-teams, Iwan Matrjoschkin, Esq., gibt Auskunft.

Die deutsche Sehnsucht nach der Schwarzmeerhalbinsel Krim scheint vererbbar zu sein. Denn keine andere als eine Deutsche auf dem russischen Thron, Katarina die Große,  hat die Krim den Türken abgetrotzt und dem russischen Reich einverleibt. Hitler  faselte darüber, die Krim  als ein riesiges Sanatorium  für Übermenschen einzurichten.

Vor etwa 45 Jahren schenkte  der impulsive Stalin-Erbe Chruschtschow die Krim den Ukrainern. Er hat nämlich nicht damit gerechnet, dass die Ukraine einst selbständig wird.

Jetzt hat die Krim ein Problem, die Tataren. Das sind Überreste der Urbevölkerung der Krim. 1944 hat Stalin sie nach Sibirien verfrachtet. Der Grund: Kollaboration mit den Deutschen, die im Krieg kurzfristig die Krim besetzten.

Viel später durften die Ausgesiedelten zurück. Unter strengen Auflagen. Jetzt aber nehmen sie langsam, aber sicher die Krim wieder in die Hand.

Der oben erwähnte Deutsche hat sich also verrechnet. Er sollte nicht eine Ukrainerin, sondern eine Tatarin heiraten.

21.1.03  

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