Zur Startseite  

EINE EMAIL AN UNS?

RUssEN UnTER SiCH (FORTSETZUNG)

Boris Beresowski jagt  Angst ein.

 

Vorwort von m.

 

Wie „matrjoschka- online“ (als erstes Massenmedium in Deutschland) bereits berichtete, wurde in Russland der Chef des viertgrößten Erdölkonzerns der Welt, einer der reichsten Männer unter dem Himmel, Michail Chodorkowski, verhaftet. Ihm wurden  sieben schwere Gesetzesvergehen  angelastet. Darunter  Steuerhinterziehung in  Höhe von mehreren Hundert Millionen Dollar.*

 

Die Verhaftung sorgte für große Unruhe in der ehrenwerten Gesellschaft  russischer Milliardäre. ** Einer, Boris Beresowski, der schon lange  Asyl in Großbritannien genießt, veröffentlichte eine Stellungnahme. Wir bringen diese als Zeitdokument, ohne  uns in die Hetze gegen den russischen Staat einschalten zu wollen,***  und stark gekürzt, da sich der milliardenschwere Exilant, offensichtlich seiner Ruhe beraubt, oft wiederholte oder am Thema vorbei redete.

 

Also sprach  Beresowski:

Die im Jahr 2000 begonnene Wiederherstellung eines autoritären russischen Staates geht weiter.**** Die Unterordnung der Geschäftswelt ist eine obligatorische Voraussetzung dafür. Wenn die Machtgewaltigen jetzt nicht die Geldkontrolle in die Hand bekommen, wird alles andere sinnlos.***** Und Geldkontrolle bedeutet, das russische Geschäftsleben zu kontrollieren, zur Zeit über 80 Prozent der russischen Wirtschaft ist Privatwirtschaft. Ob die Weltgemeinschaft auf die Verhaftung Chodorkowskis reagiert, bleibt dahingestellt. Wahrscheinlich wird der Westen nichts Wirksames unternehmen, denn dort denkt man so rationell, dass es keinen großen Unterschied macht, ob man es mit Putin oder Jelzin zu tun hat.****** Die Hauptsache, in Russland herrscht Friedhofsruhe und es gibt keine Exzesse. Sie knutschen Putin ab und sagen von Jelzin, er saufe.  *****.  Doch hat auch das System Putins, das er gerade aufbaut, seine objektiven Gesetze des Entstehens, der Entwicklung und des Absterbens. Es ist offensichtlich, dass sich dieses System in der Endphase befindet. Deshalb wird Putin im März nächsten Jahres nicht wiedergewählt.*********

Das Vorgehen des Kreml wird nicht ohne Folgen für die russische Wirtschaft bleiben. Es führt zum Niedergang des russischen Markts, zur Abwanderung des russischen Kapitals ins Auslands. Kürzlich sprach ich mit westlichen Bänkern. Nachdem Chodorkowskis Erdölkonzern JUKOS unter Druck geraten war, flossen Dutzende Milliarden aus Russland ins Ausland. Dutzende, nicht zwei oder drei Dutzend, sondern viele Dutzend. Und das geht täglich so weiter. Ich treffe hier viele mir bekannte und unbekannte Geschäftsleute, die zu mir kommen und erzählen, dass sie ihre Geschäfte und Büros und ihren Wohnsitz hierher verlegt haben.  Eine große menge russischer Geschäftsleute ist nach London umgezogen.

Grani.Ru

PS. Von Iwan Matrjoschkin Esq.

*Damit wird sichtbar, wie unzivilisiert Russland ist. In einem zivilisierten kapitalistischen Land, wie Russland eins sein will, werden Milliardäre nie einer Steuerhinterziehung beschuldigt. Höchstens Millionäre, aber auch diese sehr selten. Denn ein zivilisierter Kapitalismus  wird so gestaltet, dass nicht ein erfolgreicher Geschäftsmann dem Staat etwas schuldet, sondern umgekehrt, der Staat dem Geschäftsmann. So muss  die Steuerfahndung in seichten Gewässern ihre Netze auswerfen. 

** Auf der russischen Liste der Milliardäre stehen bereits Dutzende Namen. Alles Leute, die nach dem Machtantritt  Jelzins im Jahre 1991 fette Filetstücke der russischen „sozialistischen Ökonomie“ unter sich teilten. Die meisten, ohne oder mit geringem Startkapital, wenn man  ihre Kontakte zu korrumpierten Politikern aus Jelzins Umgebung nicht als ein solches ansieht. 

 

*** Die einfachen Russen sind allerdings weit davon entfernt,  Herrn Chodorkowski und seinesgleichen  zu bemitleiden. Nicht ohne Grund nehmen sie an, die Milliarden  bildeten sich aus dem  Geld, das ihnen fehlt, um nicht mit  leerem Magen ins Bett gehen zu müssen.  

 

**** Im Jahre 2000 trat Wladimir Putin sein gegenwärtiges Amt an, das ihm sein Vorgänger, Boris Jelzin, hinschob.

 

***** Vertrauen ist gut, Kontrolle besser!

 

****** Nichteinmischung in die inneren Angelegenheit eines fremden Landes!

 

*******Und ob Jelzin säuft! Man wird blass vor Neid.

 

******** Herr Beresowski will hier andeuten, dass die ganze Geschichte von britischen Immobilienhändlern eingefädelt wurde. Jetzt gehen englische Landschlösser und Stadtvillen wie warme Semmeln weg. Dagegen bleibt der Immobilienmarkt in Deutschland wie gelähmt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, wie der Vorgänger Jelzins, Limonadenmischa, mal sagte. 

********* Nach zuverlässigen Berichten unseres, in Russland tätigen Geheimdienstes, hat Wladimir Wladimirowitsch Putin seine zweite Frist so gut wie in der Tasche. Ich gratuliere meinem Freund in Voraus. 

Und Ihr, Oligarchen, zittert! Oder spendet von Euren Milliarden  einem intelligenten und ehrlichen Menschen, von hölzernen Weibsbildern wie diese diskriminiert.   

Für edle Spender  erbitte ich  Gnade im Kreml. Ehrenwort eines Esquiers!

Spendenadresse: Iwan Matrjoschkin, Esq., Stammtisch der Kneipe „Sonnenschein“, Prenzelberg, Berlin. 

27.10.03

DIE GANGSTER AUS DEM OSTEN UND DER AUTOR AUS DEM WESTEN

In Berlin fand die Präsentation des neuen, im renommierten Europa-Verlag erschienen  Buches von Jürgen Roth  „Die Gangster aus dem Osten statt“.

Laut eigener Auskunft verfügt der Autor  über gute Verbindungen zu den Polizei- und Ermittlungsbehörden mehrerer Länder. Das ermöglicht ihm,   einen Blick hinter die Kulissen einer Szene zu werfen, wo die internationalen Verbrechersyndikate Regie führen.   Wie auch frühere Werke Roths, besticht das neue Buch  durch profunde Detailkenntnis in der Darstellung der grenzüberschreitenden verbrecherischen Aktivitäten und Porträtierung der Akteure. 

Leider haftet auch dieser Schöpfung eines der bekanntesten Vertreter des investigativen Journalismus in Deutschland, wie der Verlag den Autor dem Publikum empfiehlt, eine  bedenkliche Tendenz an. Bei weitem nicht immer hebt er die Kriminellen vom Volk ab, dem sie entstammen. Das ist ärgerlich.  Besonders weil ein deutscher Autor wissen müsste , wohin das führt.

In dem Falle  soll es offensichtlich das unterschwellige Plädoyer  des Autors für  die Abschottung des EU- Europas vom Osten des Kontinents, insbesondere von Russland,  bekräftigen. Er meint,  die Grenzen zu diesem Teil Europas dürfen nicht durchlässig werden.  Sonst versinke Mittel- und Westeuropa   in den Fluten der internationalen Kriminalität. 

In diesem Zusammenhang stellt er , wie der Verlag einleitend mitteilt, den Anspruch darauf, „neue Mafiastrukturen“ bei den nach Deutschland  eingewanderten Russlanddeutschen aufzudecken. Im Buch fehlt allerdings eine überzeugende Realisierung dieses Vorhabens. Vielleicht deswegen, weil, in Deutschland solche Strukturen, wie die zuständige deutsche Behörde bezeugt, nicht  existieren. Die Kriminalität schon, aber deren Niveau liegt nahe dem Durchschnitt.   

Man könnte  denken, Jü. Roth hätte auf Bestellung geschrieben. Und zwar  jener politischen Kreise in Deutschland, die, aus welchen Gründen auch immer, eine weitere Annäherung zwischen Russland und Deutschland und die Entstehung eines gemeinsamen wirtschaftlichen und kulturellen, aber auch  rechtsstaatlichen  Raumes in Großeuropa zu verhindern trachten.  Aber wir wollen das dem Autor, auch wenn er selbst gern mit unbeweisbaren Hypothesen arbeitet, nicht unterstellen. 

Wie dem auch sei, schnitt er ein sehr akutes Problem an. Es ist tatsächlich  ein existenzielles  Anliegen der europäischen Völker, den Vormarsch der organisierten Kriminalität, woher sie auch kommen mag , zu stoppen.   Das edle Ziel wird aber nicht dadurch  erreicht,  dass in Europa neue Mauer gebaut, beziehungsweise die alten beibehalten werden. Für die Verbreitung der Kriminalität sind diese sowieso kein Hindernis. Erst recht nicht, weil die Mafia, wie Jürgen Roth behauptet, ihre Kuckuckseier  bereits in die Sicherheitsstrukturen des Westens geschmuggelt  hat.   

 

Viel eher sind positive Ergebnisse von mehr Solidarität zwischen den bedrohten Ländern zu erwarten. Solidarität, die jetzt oft durch die politische Instrumentalisierung   des weltweiten Kampfes gegen die Kriminalität unterminiert wird.

 

Ansonsten scheint Jürgen Roth  vergessen zu haben, dass die grenzüberschreitend agierenden Gangster nicht in Russland gezüchtet wurden. Vielmehr tauchten sie in Russland erst nach der Öffnung des Landes gegenüber dem Westen auf. 

13.9.03

 

Moskauer Obdachlose waren Zirkusartisten, Lehrer, Juristen...    

„Guck mal, ich habe keine Nase“, krächzte der  im Vorortzug mir gegenüber sitzende bärtige Mann mit  krankem Glanz in den Augen.  „Ich kann meinen Zinken drehen, wie ich will.“ Und er drehte den Nasenansatz tatsächlich zu allen Seiten. Der Kerl stank penetrant nach sauer gewordener Suppe und schmutziger Unterwäsche. Alle Obdachlosen haben den gleichen Geruch.
     Über sie ist schon viel geschrieben worden. Anfang des vorigen Jahrhunderts verfasste Gorki sein berühmtes Stück „Nachtasyl“ . Doch das ist lange her.
     Wer sind sie? Wovon träumen sie?

 

Der Akrobat ohne Nase

    

 „Was ich für Saltos drauf hatte!“ sagte der Nasenlose. „Aber jetzt bin ich überflüssig geworden, Da, das dicke Zugfenster könnte  ich mit der Faust zerschlagen, ohne eine Schramme abzukriegen.  Glaubst Du’s mir?“

  Die Aussicht, anderthalb Stunde in der Bahn, die mich zur Datsche bringt, in der Kälte zu sitzen, freute mich gar nicht.
     „Ich kann die einschlagen“,  brummelte mein zufälliger Mitreisender. „Ohne eine einzige Schramme! Warum lachen die da?  Die glauben mit wohl nicht!“ Plötzlich sprang er auf.
     Am anderen Ende des Abteils saß ein Gruppe angetrunkener Männer, die  auf einmal laut lachten. Sie kloppten Karten und  frotzelten. Der nasenlose Akrobat  aber meinte, sie lachten über ihn und schlug doch mit der Faust die Scheibe ein. Glassplitter flogen herum.
     „Bist du blöd, Mann?  Ein Bulle von einem Kerl kam näher,  „Welche Sau hat dir gesagt, du sollst die Scheibe zerschlagen?!“
     „Siehst du, keine Schramme an der Hand!“
     „Scheiß auf deine Hand! Warum hast du die Scheibe kaputt gemacht, du Bettlerschwein, stinkendes?!“
     Entschlossen stand der Nasenlose auf  und reckte seine Schultern. Als der bullenhafte Kerl die eindrucksvollen Muskeln des ehemaligen Artisten sah, machte er einen Rückzieher. Mein Begleiter fiel in sich zusammen.
     „Bettlerschwein, stinkendes“,  wiederholte er . „Hund, verdammter!  Wenn du wüsstest, wer ich bin!“
     „Und wer bist du?“ wollte ich wissen.
     Er  schaute mich prüfend an. seufzte und begann zu reden.
      Früher bereiste er mit dem Zirkus die ganze Sowjetunion,  vollführte unglaublich schwere Tricks, bekam sogar Medaillen. Doch das war einmal. Wodka, Prügelei im Suff, Gefängnis, Straflager. Aus der Wohnung musste er raus, hatte nichts mehr. Bis vor kurzem lebte er mit anderen seinesgleichen auf dem  Bahnhof. Aber vor einigen Tagen entbrannte ein Streit.
     „ Sie schickten mich weg. Angeblich soll ich ihnen Geld geklaut haben!“  Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „ Und an Mascha soll ich mich rangemacht haben. Mascha, das  Miststück, wollte mir weismachen, sie  kann  ohne mich nicht leben. Und dann hat die Hure mir die Schuhe geklaut, als ich schlief. Musste drei Tage barfuss laufen. Wenn ich sie finde, schlag ich ihr den Schädel ein!“
     Kein Zweifel, er tut es, wenn er sie findet. 

 

Toljambur aus Kemerowo.

     

Der Nasenlose stellte mir seinen Freund Toljambur vor, der auf dem Platz der drei Bahnhöfe haust, dem Lieblingsort der  Obdachlosen.  Hier feierte Toljambur seinen dreißigsten.
     Er bekam keine Geschenke, keine  “Happy Birthday to you”.
     Er ließ sich im Frühjahr auf dem Bahnhof nieder. Hier wimmelt es von Menschen, es gibt viele Flaschen und Büchsen, die sammelt er, gibt sie ab und bekommt ein bisschen Pfandgeld. Außerdem  haben die Bahnhofsverkäufer manchmal Arbeit für ihn. Wenn er ihren Verkaufsstand sauber macht, stellen sie ihm ein Glas Wodka hin. Und lassen ihn neben dem Stand schlafen.
     Toljambur ist immer voll. Über die Vergangenheit erzählt er gern.
          „Schon lange auf der Straße?“
    „Bald  zwei Jahre.“
     „Und wie ist es gekommen?“
     „Wie von selbst.  Im Bergwerk gab es keine Arbeit mehr, meine hat mich verlassen, da fing ich an zu saufen. Hab unser Auto in Kemerowo verkauft, wollte mir dafür hier ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung kaufen. Aber noch im Zug haben mich miese Schweine bis aufs Hemd ausgenommen und grün und blau geschlagen. Und hier lasen mich  Milizionäre auf. Die Schnauze blutig geschlagen, der kann nur besoffen sein. Also aufs Revier mit dem. Dort nahmen sie mir das Letzte, auch meinen Ausweis.  Drei Monate schlief ich auf Bänken, suchte Arbeit.   Einmal fand ich was auf dem Bau als Schwarzarbeiter, aber der Boss hat zwei Monate kein Geld bezahlt und mich dann gefeuert.“
    
     Toljambur sagt, ein Obdachloser hat es nur die ersten drei Tage schwer, dann gewöhnt er sich schnell.  An den beißenden Geruch, an den ungewaschenen Körper, an den Schlaf im Karton neben dem Kiosk. An die Suche nach Essbarem in den Mülltonnen.
     „Wovon träumst du?“

   „Einschlafen und nicht mehr aufwachen!“.
     Diesen Refrain „einschlafen und nicht mehr aufwachen“  habe ich immer wieder auch von anderen Obdachlosen gehört.
     „Warum gehst du nicht ins Obdachlosenheim?  Der Moskauer Bürgermeister Luschkow  hat viele Obdachlosenunterkünfte eingerichtet.
     „Ich versuchte reinzukommen, aber immer alles belegt. Besonders im Winter.  Eine lange Schlange. 

 

Klawka, die Sicherheitsnadel 

     

Auf dem Platz der drei Bahnhöfe traf ich die „Königin“ der Moskauer Obdachlosen, Klawdija, früher Verdiente Lehrerin im Kreis Chabarowsk.  Ich fand sie tanzend an einem Kiosk  für Tonaufnahmen vor dem Metroeingang. Jetzt heißt  Klawdija Sicherheitsnadel. Sie wird so von den hiesigen Händlern genannt. Nüchtern hat sie schon lange keiner mehr gesehen. Woher sie das Geld Stoff nimmt, weiß niemand.  Man munkelt,  sie habe einige Gönner unter den Obdachlosen, die bringen ihr Wodka und Geld.
    „Na mein Süßer!“  schrie sie mir zu und übertönte die Musik. „ Macht es Spaß?“ „Na klar macht es Spaß. Und wie!“
         
    „Wie bist du auf der Straße gelandet?““

 

„Mein liebes Söhnchen hat mir im Suff die Rippen eingeschlagen und mich ins Behindertenheim gesteckt, Genauer, er kaufte eine Fahrkarte nach Moskau und gab mir die Adresse.“

 

  Als sie ankam, schickte man sie weg. Geld für die Rückfahrt hatte sie nicht.
     „Und die Miliz?“
     „Die kümmern sich nicht.“
     „Wieso?!“  ein neben uns stehender Milizionär empörte sich. „Und ob wir uns kümmern!“
     

Wie sich herausstellte, mag der ältere Major die Obdachlosen nicht, hat aber Mitleid mit ihnen. Deshalb verscheucht er sie nicht .
     „Was sollen wir machen mit ihnen?“  Wir greifen sie auf, bringen sie zu den zuständigen Stellen, aber wenn sie sich nichts zu Schulden kommen ließen, lassen wir sie wieder laufen.
     „ Und die Moskauer Oberen, helfen die bei dem Problem?“

„Wie denn?“ Verzweiflung klingt in der Stimme des Majors.                                   

 

Onkel Fedja ist nicht blöd

     

Neben meinem Haus, vor der Kirche der Ikone der Gottesmutter „Lindere meinen Schmerz“  in Marjino sitzen schon einige Jahre lang mit aufgehaltener Hand der alte Onkel Fedja  und  Witja, ein kleiner Mann in mittleren Jahren. Äußerlich durchaus respektabel anzusehen.  Fast saubere Hemden, ein wenig zerknüllte Hosen, Sandalen... Onkel Fedja liest immer die Zeitung für Geschäftsleute, und Witja  repariert  ständig seine uralte Brille mit kaputten Gläsern,
     Meistens führen sie Dialoge.
     „Onkel Fedja, was hast du immer nur mit deinem Putin“, sagt Witja zu dem Alten.  „Der Wodka wird teuer, was soll das Volk schlucken? “
    „Man muss die politischen Prozesse verstehen“, entgegnet der dünner Stimme der Alte.  „Man muss die Wurzeln der Wirtschaft sehen, sozusagen, die zunehmenden Balance, sozusagen, die Perspektive, sozusagen...“

     Früher bin ich einfach an ihnen vorbeigegangen, habe ihnen manchmal einen Rubel in die Büchse geworfen, nun wollte ich sie kennen  lernen.
     „Hier!“ Ich hielt einen Fünfer hin.
     „Danke!“ Der alte Mann war gerührt.
     Witja schwieg. Wahrscheinlich war er tief in Gedanken über die Verteuerung des Wodkas und das darbende Volk versunken. Mit dem alten Mann entspann sich ein Gespräch.  Was für ein Mann! 
     „Eigentlich bin ich kein richtiger Obdachloser. Nur tagsüber sitze ich hier. Nachts bin ich im Obdachlosenheim. Danke Luschkow dafür! Dort kann man überleben. Dort muss man arbeiten.“

   „Wer nimmt denn einen Arbeitslosen zum Arbeiten, und für welche ?!“
     „Für welche?!“  Onkel Fedja war empört.  „Es gibt viel Arbeit. Ich klebe nachts Ankündigungen. Für jede angeklebte  Ankündigung wird bezahlt.“.
     Ich will wissen, wie er, ein so tüchtiger Kerl, auf  der Straße gelandet ist. Mein gegenüber senkt verschämt den Kopf.
     Im früheren Leben war Onkel Fedja , Sie werden es nicht glauben, Jurist. Er arbeitete  als Anwalt und dann  als Betriebsjurist.  Als er in Pension ging, fing er an zu trinken.  Seine Frau starb an Krebs, die Kinder  haben ihn vergessen.  Zunächst besuchten sie ihn öfter, dann immer seltener. Als er alles vertrunken hatte, kamen „gute“ Menschen aus einer gewissen Immobilienagentur und boten ihm den Tausch seiner Moskauer Wohnung gegen ein Häuschen im Dorf an und machten ihn voll.

 

   Aufgewacht ist Onkel Fedja  auf einer Müllhalde am Moskauer Stadtrand. Im Ausweis, den ihm die Betrüger vorsorglich in die Jackentasche gesteckt hatten,  stand seine neue Adresse: irgendein Dorf im Gebiet Orlow.  Onkel Fedja  ist niemals hingefahren, er wusste, dass er kein Dach mehr über dem Kopf und kein normales Leben mehr haben würde.
     Halb tot und durchgefroren ging er zum Obdachlosenheim. Dort  wurde er aufgenommen, gewaschen und man erlaubte ihm den ständigen Aufenthalt.  Eigentlich  ist der Aufenthalt dort auf sechs Monate beschränkt, aber Onkel Fedja lebt schon fast ein Jahr im Heim.
     „Nach Gorki klingt das Wort  Mensch stolz“, sagt er seufzend. „Aber heute, mein Söhnchen,  klingt dieses Wort nach nichts. Nach überhaupt nichts.“

nach mk.ru
25.9.03    
     

KUSSVERBOT

Küssen in der Metro, in Geschäften, im Kino und auf Strassen in Moskau  wird demnächst verboten. Wie die „Stolitschnaja Gazeta“  (Hauptstadtzeitung) mitteilt, ist die Verordnung über bessere Moral in Moskau im hauptstädtischen Bürgermeisteramt in Arbeit. Vorgesehen ist, dass die Ordnungsbrecher in der Metro von der Miliz gefasst werden. Sie bekommen Geldstrafen,  in manchen Fällen sogar Gefängnisstrafen aufgebrummt. 

Wie die Zeitung weiter schreibt, sieht die Verordnung das Küssverbot an öffentlichen Orten nicht nur für Verliebte, sondern auch für Verheiratete vor. Wenn sie kein Geld bei sich haben und die Strafe nicht gleich bezahlen können, werden sie aufs Milizrevier gebracht und dort solange festgehalten, bis jemand für sie zahlt. Wer keiner zahlt, wird der Delinquent   verdonnert, Straßen zu säubern. 

In der Sicherheitsverwaltung der Moskauer Metro werden schon Vorbereitungen zur Durchführung der Verordnung  getroffen. 

PS. von „matrjoschka-oline“:

 

Diese Mitteilung von „lenta.ru“ hatte große Resonanz. Es kamen fast 500 Leserzuschriften.

 

„Wir werden wie Insekten behandelt, mit irgendwelchem Pulver bestäubt, wir dürfen uns nicht küssen, bald werden sie uns kastrieren“, schrieb ein Moskauer. „Bleibt uns nur, in der U-Bahn zu ficken. Ohne Kuss“, meinte ein anderer. „Wird man uns auch für eine Kusshand  einlochen ?“ fragte einer. „Und fürs Popeln ?“ ergänzte ein anderer die Frage.

 

Lebhaftes Echo löste  die Mitteilung aus, dass eine in Moskau bekannte radikale Menschenrechtskämpferin, Valeri Nowodworskaja, verkündete, sie werde sich in den Kampf für die Erhaltung des Menschenrechtes auf Küssen in der U-Bahn einschalten. Und zwar dadurch, dass sie in der U-Bahn alle Männer abküsst. Da die Dame nicht mehr ganz jung und nicht ganz hübsch ist, sondern eher ein brutales Aussehen hat, wollten viele  Leser genau wissen, wann die Aktion stattfindet. Damit sie sich das zweifelhafte Vergnügen ersparen.

 

In vielen  Reaktionen, die Lenta.ru bringt, werden  Erinnerungen an die Sowjetzeit wach. An die Zeit, als das sowjetische Fernsehen verkündete, es gäbe in der Sowjetunion keinen Sex, und wird auch nicht geben- wozu? Und  Jeans und  andere modische Kleidung unter dem Verbot standen. Und die jungen Männer mit langen Haaren  in Milizrevieren kahl geschoren wurden.

 

Stellungnahme  von Iwan Matrjoschkin, Esq.: Wenn Sie meine Meinung hören möchten, ich bin dafür. Ich kämpfe ohnehin gegen die Unsitte, sowohl im Konzern „matrjoschka-online.de“ als auch in meiner anderen Wirkungsstätte, der Kneipe „Sonnenschein“, Berlin, Prenzlauer Berg.

 

Deshalb stimmt es mich traurig, dass ich im Kreml meinen Freund W.W.P. nicht erreichen konnte. Ich wollte  von ihm eine Bestätigung der oben angeführten Mitteilung erhalten. Aber ich wurde  nicht mit ihm verbunden. Vermutlich wegen Überlastung seines Telefonanschlusses.

 

Ein anderer alter Bekannter, der seinen Namen nicht genannt haben will und der, zu meinem Verdruss, jetzt  Opposition gegen W.W.Putin spielt, erklärte mir aber, zwar könne er sich nicht verbürgen, dass die Meldung stimme, doch findet er das Echo darauf sehr aufschlussreich. „Denn dieses Echo zeugt davon, was die Russen von deinem Freund, dem Präsidenten, und seinen Helfershelfern alles erwarten“, sagte er giftig. Ich hängte ein.

 

9.11.03   

Festschrift zur Produktionsaufnahme des Wodkas „Matrjoschkina“, des russischsten aller Wodkas.

(Die Festschrift wie der Wodka kamen vom  Moskovsky Vinno-Konyachny Zavod. Über die Beziehung zwischen dem Wodka und dem führenden Mitarbeiter des Matrjoschka-online-Konzerns, Iwan Matrjoschkin Esq., spinnt der besagte Matrjoschkin auf seinem persönlichen Link.)

Hier aber die Zusammenfassung der Festschrift.

Bevor mit der Herstellung des Wodkas „Matrjoschkina“ begonnen wurde, untersuchten Fachleute der Firma KiN sorgfältig die Rezepte, die von russischen Weinbrennern im Laufe der Jahrhunderte verwendet wurden.

 

Sie berichten:  

1.Das wichtigste für die Wodkaherstellung sind qualitativ hochwertiger Alkohol, gutes Wasser und sorgfältige hochtechnologische Filterung des Wasser-Alkohol-Gemischs. 

2. Lieferant des hochqualitativen Alkohols „Luxus“ aus ausgewählten Weizensorten, in ökologisch sauberen Gebieten Russlands angepflanzt, ist das älteste russische Alkoholwerk „Jadrinskij“, gegründet 1863.

3. Das Trinkwasser für die Wodkaherstellung wird in drei Etappen gereinigt und erhält schließlich kristallklare Reinheit.

4. Das Wasser-Alkohol-Gemisch wird mit Birkenkohle gefiltert. Die Verwendung der Birkenkohle verfeinert und optimiert den Geschmack des Wodkas und vermindert erheblich die Katzenjammergefahr.

5. Zusätzlich fließt das Gemisch durch den mit Quarzsand  gefüllten Filter. Der Quarzsand stammt aus den besten Abbaugebieten des Urals.     

 Die Herstellungstechnologie von Wodka „Matrjoschkina“ wird sehr streng überwacht, und zwar auf jeder Produktionsstufe. Damit sind erstklassige Chemiker und Mikrobiologen beschäftigt.   

6. Die Abfüllung des Wodkas wird auf modernen deutschen Linien der      Firma KHS vorgenommen.  

7. Die exklusiven Flaschen kommen aus Frankreich.

   

Über die Vorgeschichte

 

Zum ersten Mal kam  Wodka im 14. Jahrhundert nach Russland. Der genuesische Botschafter am Zarenhof stellte ihn unter dem Namen „Aqua Vitae“ vor. Bald danach gingen die russischen Brenner an die Herstellung des „Lebenswassers“. Das Jahr 1474 gilt als Geburtsjahr des Wodkas. Im 19. Jahrhundert fand der große russische Chemiker S.I. Mendelejew das optimale Verhältnis von Alkohol und Wasser, und zwar waren es 40 Prozent Alkohol, der Rest Wasser. 1894 meldete die Regierung Russlands das Patent an.

 

Die Zarin Elisabeth die Zweite (18. Jahrhundert) schenkte  ausländischer Prominenz nicht nur Diamanten, sondern auch russischen Wodka. So wurden der römische Papst Pius IV., der österreichische Kaiser Joseph, Voltaire, Kant, Goethe und viele andere ausgezeichnet.

 

Auch heute gilt russischer Wodka als exklusives Geschenk. Die Barkeeperassoziation hat den Wodka „Matrjoschkina“ dreimal als offizielles Geschenk der Vereinigten Russischen Barkeeper an die Präsidenten der nationalen Barkeeperassoziation von 49 Ländern ausgewählt.

 

Wodka „Matrjoschkina“ wurde den Teilnehmern und Gästen der russischen Tage auf Havaii präsentiert.

 

Die Touristen, die den Nordpol auf dem Eisbrecher „Sedow“ erreichten, erhielten ebenfalls dieses Geschenk.

 

Wie Wodka getrunken wird ...

 

...keinesfalls hastig

 

...auf acht bis zehn Grad abgekühlt

 

...keine Getränke wie „Cola“ oder „Fanta“ danach trinken

 

...zum Wodka gehört unbedingt ein guter Imbiss. Empfohlen werden Kaviar, gepökelter oder geräucherter Fisch, marinierte Pilze, russische Sülze, eingelegter Kohl, Maultaschen, knackige Salzgurken. Die letzteren sind besonders zu empfehlen. Auch vom großen russischen Schriftsteller A.P. Tschechow.

GIBT ES  LEBEN AUF DEM MARS?  

Eine Zeit lang war es in der gewesenen Sowjetunion  Mode,  diese Frage in  populärwissenschaftlichen Vorlesungen zu erörtern. Es gab wohl keinen Dorfklub, wo   kein Disput darüber  veranstaltet wurde. Unter anderem um den an den lieben Gott gläubigen Bauern ein atheistisches Weltbild einzuimpfen.

 

Damals wurde die Frage vom Volksmund persifliert. Etwa so: Die Frage „Gibt es  Leben auf dem Mars?“. Die Antwort: „Auf dem Mars vielleicht...“

 

Damit wurde angedeutet, dass es auf dem Planeten Erde kein menschenwürdiges Leben gibt. Jedenfalls nicht auf dem Sechstel, wo der Kommunismus herrscht.

 

Jetzt forschen bekanntlich die Amis danach, ob es auf dem Mars  Leben gibt. Eine sehr wichtige Person in Moskau,  die Politikerin und die Staatsduma- Abgeordnete Ljubow Sliska deutete an, dass die Amis es deswegen tun, weil der Mars zu einem Refugium für die Menschen werden könnte, wenn sie, das heißt die Amis und ihre NATO- Verbündeten, es weiter so treiben wie jetzt. Damit meinte die resolute Dame vor allem die NATO- Osterweiterung, die  vor wenigen Tagen  durch den NATO- Beitritt der neuen Länder manifestiert wurde. Darunter drei baltische Länder- Litauen, Lettland und Estland-, die unter Umständen zum NATO- Sprungbrett Richtung Russlands werden können. Wenn zum Beispiel Russland von Washington wieder als  Schurkenstaat eingestuft werden sollte. Wie anno dazumal.

 

In diesem Zusammenhang unterstützte Ljubow Sliska  wie andere Hardliner in Moskau die weitere Vermehrung  russischer Raketen, wohl gemerkt mit sich teilenden atomaren Sprengköpfen bestückt. Diese Waffe in ihrer modernen Ausführung durchbricht jeden Abwehrgürtel, sei er noch so stark.

 

PS. dazu vom unseren Militärexperten, Iwan Matrjoschkin, Esq.:

 

Sollte eine neue Runde von Atomrüstungen als Antwort auf die NATO- Osterweiterung  stattfinden, könnte es einmal so weit kommen, dass die Frage, ob es auf dem Mars Leben gibt, durch eine andere ersetzt werden. Und zwar, ob es noch Leben auf der Erde gibt, gestellt von neugierigen Außerirdischen irgendwo in den unendlichen Weiten des Universums. Jedenfalls gewinnt  die Suche nach  Überlebensmöglichkeiten auf dem Mars  für jene Erdenbürger ungeahnte Aktualität, die mal auf den Mars ausweichen wollen.

 

Vielleicht aber soll der rote Planet, bevor es soweit ist, zum Verbannungsort  für  jene Wahnsinnige werden, die den atomaren Schlagaustausch provozieren  und damit das Risiko eingehen, dass auf der alten, guten Erde das Leben der Menschen unmöglich wird? Zu dieser Meinung kam jedenfalls  die Stammtischrunde in der  Kneipe „Sonnenschein“ zu Berlin, Prenzelberg, , wo das Problem unter meinem Vorsitz unlängst eingehend erörtert wurde.

2.4.04             

Zur Startseite  Eine eMail an uns?