SCHICKSALHAFTES

 

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Hier sind Beiträge gehortet, die als Wegweiser in die russische Zukunft (oder auch nicht!) gelten können. Unter anderem zu:

1.Schlacht vor Moskau

2.Sibirien  

3.Russische Seele 

4.Russlands Weg. 

5.Steuert die Menschheit der Selbstvernichtung zu? 

6.Die jüdische Frage  

7.Zwischen Erleuchtung und Katastrophe 

 

1.SCHLACHT VOR MOSKAU

Im deutsch-russischen Militärmuseum Berlin, Karlshorst, fand am 22. November 2001 eine  Veranstaltung zum sechzigsten Jahrestag der Schlacht vor Moskau statt.  

Die Ausstellung gilt  einer der größten Schlachten des  hoffentlich allerletzten Krieges zwischen Deutschland und Russland.  Die Schlacht vor Moskau im Herbst-Winter 1941 begrub den Traum der deutschen Angreifer vom  Blitzsieg. Sie gab den in den ersten Monaten nach dem deutschen Angriff vom 22. Juni 1941 schwer geschlagenen Russen den Mumm, den Angreifer abzuwehren. 

Der Schlacht vor Moskau  folgten die Stalingrader Schlacht vom Winter 1942- 1943 und dann die Frühlingsschlacht um Berlin 1945. Und sie  alle wurden von den Russen gewonnen. 

Historiker stritten viel darüber, was den Russen vor Moskau und in den  späteren Schicksalsschlachten den Sieg gebracht hat. Die einen sagten, es sei das kommunistische Sendungsbewusstsein gewesen. Schwer zu glauben. Um die Zeit war es mit dem kommunistischen Sendungsbewusstsein schon nicht sehr weit her. Durch die Armut in Russland, die anstelle der versprochenen  blühenden Landschaften einkehrte, und durch den vom Sowjetstaat entfesselten Terror ging das kommunistische Sendungsbewusstsein in der sowjetischen Bevölkerung stark zurück. 

Vielleicht waren die Verlierer, die Deutschen, sogar mehr indoktriniert als die Sieger, die Russen. Sie glaubten nämlich daran, dass sie die westliche Zivilisation vor den wilden Horden aus der russischen Steppe retteten. Sie waren von der  eigenen haushohen Überlegenheit zutiefst überzeugt, besonders nach ihren vorherigen glänzenden Siegen im Westen. 

Warum also siegten die Russen? 

Der Verfasser wagt zu sagen, sie siegten,  weil sie siegen mussten. Weil Russland sonst verloren wäre.  Russland war aber  das Heim für hundert Völker: Russen, Ukrainer, Usbeken, Juden et cetera, et cetera. Wie bereits zugegeben, war es ein  armes Heim und auch ein Heim, wo Willkür herrschte. Trotzdem ein Heim eben. Ein Eigenheim. Es durfte nicht verloren gehen. Das spürten die meisten von uns, die Soldaten des Krieges, wie immer sie zur Sowjetmacht standen.

Dem Verfasser kommt es  vor, als ob die von ihm im Deutsch-Russischen Militärmuseum in Berlin-Karlshorst angeguckten Ausstellungsfotos seine These bekräftigen. Er glaubt, in vielen Gesichtern der sowjetischen Soldaten, seiner ehemaligen Kameraden, eine Entschlossenheit zu sehen, die er vor sechzig Jahren auch miterlebt hat. Nicht zur Schau getragen, war diese Entschlossenheit  in dem  Glauben    tief verwurzelt, Russland wird leben. Was auch kommen mag. Und wie ungemütlich Russland auch sein mag. Es wird leben, weil sein Sterben unvorstellbar war.

Übrigens empfanden wir es als ureigene Sache, unser Heim  besser einzurichten. Und nicht als eine Sache der anderen, die als Hüter der Zivilisation  in unser Land kamen und unsere Städte und Dörfer in Schutt und Asche legten.

So steckte das deutsche Heer wenige Kilometer vor Moskau fest, machte dann kehrt und lief weit zurück, den Weg mit Leichen seiner Angehörigen und zerstörten Panzer säumend.

Daran zu erinnern, heißt nicht, mit einem Sieg zu protzen, der vor 60 Jahren stattfand. Und erst recht entspringt das Erinnern daran nicht dem Verlangen,  dem ehemaligen Kriegsfeind, der –gottlob- zu einem Friedensfreund geworden ist, nachträglich eins auswischen zu wollen. Es ist nur als Prophylaxe gedacht. Notwendig, weil ein Mensch ohne Erinnerung leicht verführbar ist. Und immer wieder in dieselbe Falle tapst.

Ehrlich gesagt, waren die Deutschen bessere Soldaten als die Russen. Disziplinierter, tüchtiger. Um so aufschlussreicher ist die Tatsache, dass sie verloren. Den von ihnen angezettelten  Krieg gegen Russland verloren. Zuerst aber die Schlacht vor Moskau.  

SOWJETISCHE KRIEGSGEFANGENE – OPFER, DIE LEER AUSGEGANGEN SIND. VORLÄUFIG. HOFFT DER BERLINER RECHTSANWALT STEFAN TASCHJAN. 

Er setzte  die Klage auf, die jetzt ans Berliner Verwaltungsgericht gegangen ist. Kläger sind die in Armenien lebenden Ischchan Melkonjan und Pargew Sacharjan, die Beklagte ist Deutschland, vertreten durch das Finanzministerium und die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die aus Mitteln der deutschen Industrie die ehemaligen Zwangsarbeiter des Hitlerstaates entschädigt.   

Jetzt geht es um den Versuch, durch einen Musterfall  eine schreiende Ungerechtigkeit gegenüber einer besonderen Kategorie der Zwangsarbeiter aus der Welt zu schaffen. Und zwar denjenigen, die bisher leer ausgingen.

Tatsächlich ist das  Schicksal der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen äußerst tragisch. Im Krieg sind 5,7 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, davon kamen 3,3 Millionen ums Leben. Das war eine Folge der bis in Detail ausgearbeiteten und kaltblütig in die Tat umgesetzten  Vernichtungsstrategie des nationalsozialistischen Regimes, die das russische Volk dezimieren sollte.

Aber auch die überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen mussten Schlimmes erleiden. Nach ihrer Befreiung und Rückkehr in die Heimat wurden sie von der stalinistischen Führung der Sowjetunion als Verräter behandelt und vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt. Nach der qualvollen „Filtrierung“ kamen sie entweder in „Strafbataillone“ oder in die „Arbeitsarmee“, wurden also praktisch zu Lager und Zwangsarbeit verdammt, die sie aus Deutschland schon gut kannten.

Und trotzdem erhielten sie für das Erlittene keine Entschädigung. Auch nachdem andere  Zwangsarbeiter des Dritten Reiches diese bekamen. Total  herausgefallen aus dem ganzen Entschädigungsvorgang, da sie im Unterschied zu jüdischen und anderen Opfern des Nationalsozialismus keine Lobby  hatten.

Ihre Stimme fiel unter den Tisch. Sie  werden  als ganz normale  Kriegsgefangene geführt, die sich unter dem Schutz des Internationalen Roten Kreuzes befanden, so wie die amerikanischen, englischen, französischen oder polnischen mit einer Todesrate von fünf Prozent. In der Tat aber zählt diese Kategorie der Opfer des Nationalsozialismus   nach den Juden die meisten Ermordeten. Die Zuständigen in Deutschland wollten aber ihr Schicksal nicht wahrnehmen. Die hohen Verhandlungsführer fürchteten  am meisten eine juristische Aufarbeitung des Problems, denn kein unabhängiges Gericht wird die offensichtliche Sachlage ohne weiteres missachten können.  

Deshalb ist das Auftreten des Berliner Rechtsanwalts Stefan Taschjan  wichtig, der sich dafür engagieren will, dass  den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, alt  und krank geworden, Gerechtigkeit widerfährt.

Dankenswerterweise gibt es in Deutschland Institutionen und Menschen, die kein Gerichtsurteil abwarten, um zu helfen. Kirchliche und andere Stiftungen in Marburg, Köln und einigen anderen Städten   fanden Geld, um wenigstens jenen ehemaligen Kriegsgefangenen, die in ihrer Gegend Zwangsarbeit leisteten, ein wenig Unterstützung zukommen zu lassen. Bekannt wurde    die Initiative von Frau Liphardt,  Tochter eines deutschen Lagerkommendanten im jetzigen Polen. Sie machte zwei ehemalige Gefangene aus diesem Lager ausfindig und zahlt ihnen  aus ihren ziemlich bescheidenen Mitteln eine monatliche Beihilfe.

2.12.02                      

 

SIBIRIEN

Es lockt zusehends ehrgeizige Macher, die mit dem Kreml nicht viel am Hut haben. Nach einem im Runet verbreiteten Gerücht will sich der berühmt- berüchtigte Dollarmilliardär Boris Beresowski der bevorstehenden Gouverneurswahl in Irkutsk stellen( siehe einen Bericht auf der zornigen Matrjoschka). Die Wahl eines anderen strebsamen Milliardärs, Roman Abramowitsch, in Tschukotka steht so gut wie fest (siehe den nächsten Bericht auf diesem Link). Nicht zu vergessen General a.D. Alexander Lebed, Gouverneur der in Russland größten Region Krasnojarsk, dem Beresowski seiner Zeit zu einer fulminanten politischen Karriere verhalf. Ist ein Bund der Geldsäcke und des Militärs im Kommen? Auf einem der ressourcenreichsten und zukunftsträchtigsten Flecken der Erde, viel größer als z.B. die EU? Haben wir es mit dem Embryo einer neuen Weltmacht zwischen dem europäischen Russland und China zu tun? Erinnert sei an mehrere derartige Träume der Sibirjaken in der Vergangenheit...

19.12.2000

 

Das größte russische Wunder...

Rentierzucht war seit jeher die Beschäftigung der russischen Eskimos. Es gibt mehrere Dutzend Stämme, die den russischen, am Eismeer angrenzenden Norden bevölkern. Eigentlich ist das Wort "bevölkern" in Bezug auf "Eskimo" eher eine Übertreibung. Denn die Arktis bevölkern Russen. Die Stämme, hier vor der russischen Eroberung im XVII-XIX Jahrh. zu Hause, sind dezimiert. Manche zählen noch Tausende, andere – Hunderte, die dritten - weniger als hundert sind die Angehörigen.

Vielleicht wäre ihr Schicksal weniger dramatisch, hätte das riesige Territorium (64 % der gesamten Fläche Russlands) Bodenschätze. Hier werden nämlich 90 % des russischen Erdgases, etwa 75 % des Erdöls, 36 % des Holzes gewonnen. 9 % der Bevölkerung der RF liefert hier mehr als ein Viertel des Nationaleinkommens.

Die Keten, Korjaken, Mansi, Nanajer und wie sie sonst heißen haben an der Ausbeute keinen Anteil. Sie züchten Rentiere und betreiben Fischfang. Und das ist nicht lukrativ. Insbesondere da die natürliche Umwelt in ihren Siedlungsgebieten zerstört wird. Zu viel Erdöl sickert unterwegs zum Westen in die Erde, zu viel Natur geht beim Straßenbau u.s.w. kaputt.

So geht es den russischen Eskimos immer schlechter. Zwar verspricht der Kreml zu helfen, einiges Geld wird dafür auch bereitgestellt, aber es kommt nur zu einem kleinen Teil an. Das meiste fließt in dunkle Kanäle.

Allerdings müssen auch die hiesigen Russen darben. Die etwas höheren Löhne, die sie hier kriegen, gehen fürs Notwendigste drauf. Die Arktis ist bekanntlich ungastlich. Frost bis minus 60 neun Monate im Jahr. Kaum Obst und Gemüse in der Verpflegung. Und Skorbut als Folge.

Nur einmal in vier- fünf Jahren werden die Arktisbewohner verwöhnt. Wenn der Termin einer nächsten Wahl anrückt.

So wie jetzt ein neuer Gouverneur der Region Tschukotka gewählt werden soll, der größten und an Naturschätzen reichsten Region der russischen Arktis.

Die Tschuktschen, die der Region den Namen gaben, machen hier allerdings nur ein Zehntel der ca.100. 000 Bewohner.

Die Tschuktschen. Die Rentierzüchter.

Vor 30 Jahren kam in Moskau eine Unendlichserie von Witzen über Tschuktschen auf. Etwa so.

Ein Tschuktsche wird nach Moskau geschickt. Zum Parteitag der sowjetischen Kommunisten. Zurückgekehrt, muss er seiner Sippe Bericht erstatten. Er erzählt vom großen Saal im Kreml, von der Bühne, mit riesiger Aufschrift geschmückt. Sie lautet: "Alles für den Menschen!". "Na und? drängt die Sippe. "Ich sah den Menschen, für den alles gegeben werden soll, -sagt der Tschuktsche zufrieden. Er am großen Tisch. In der Mitte. An der Brust- viele Orden. Und die dicken Augenbrauen. Die sollten sie sehen."

Die dicken Augenbrauen waren das Markenzeichen des damaligen KPdSU-Generalsekretärs Leonid Breshnew.

Warum gerade die harmlosen Tschuktschen die Rolle der sowjetischen Schildbürger übernehmen mussten, ist unergründlich. Vielleicht weil es für ein russisches Ohr so witzig klingt: Tschuk- tschen, Tschuk-tschen.

Jetzt werden in Moskau neue Witze über Tschuktschen erzählt. Denn zum Gouverneur der Region will einer der reichsten Neureichen Russlands werden. Roman Abramowitsch. Der Herr über die zwei einträglichsten Konzerne Russlands- Sibneftj (Erdöl) und "Russkij aluminij" (Aluminium). Seine Wahl ist so gut wie sicher. Den einzigen Rivalen, den jetzigen Gouverneur Alexander Nasarow, hat er einfach mit einem hoch dotierten Posten in seinem Industriereich abgefunden.

Was sucht Abramowitsch im Lande der unschuldigen Kinder der Natur? Der Ruf des Blutes kann es wohl nicht sein.

Auf die Frage nach dem Motiv antwortete er kurz und bündig: ich möchte es. Schluss. Basta.

Er weiß, wenn er was möchte, dann kriegt er es auch. U.a. weil er im Unterschied zu seinen Kameraden Beresowski und Gussinski ausgezeichnete Beziehungen mit dem Kreml pflegt. Auch nach dem Wechsel an der Spitze.

Was ist das größte russische Wunder?  lautet eine Preisfrage in Russland. "Ein jüdischer Rentierzüchter!"  lautet die Antwort.

Nach Utro.ru. 17.12.2000

 

DIE RUSSISCHE SEELE - GIBT ES SIE?

Wenn es sie doch gibt, dann hat sie folgende Merkmale:

Die Russen mit "Seele" sind nicht stolz darauf, Russen zu sein. Sie sind gnadenlos zu sich. Sie zerfleischen sich gern. Sie können es, weil das russische Volk ein großes Volk ist. Es braucht keine Selbstberäucherung.

Die "russische Seele" ist in allen ihren Manifestationen alles andere als kleinkariert. Vielmehr ist sie groß sowohl in der Hilflosigkeit, wenn es darum geht, das Leben bequem einzurichten, als auch in der Zerstörungswut, wenn sie diese überfällt. Und wenn es an den Aufbau des Zerstörten geht, ist sie auch großartig.

Wer glaubt, man könne an ihrer "Seele" herumdoktern, versteht nichts von den Russen. Die Schwächen wegoperieren, die Stärken entwickeln, das Schlimme ausrotten, das Gute lassen. Daran scheiterten alle Reformen. Alle Experimente der selbsternannten Erzieher der Russen. Wie sie auch hießen: Karl Marx oder Jeffrey Sachs. Und werden auch weiter scheitern, da die "russische Seele" eine Ganzheit ist. Entweder man akzeptiert sie, wie sie ist. Oder man lässt die Finger davon.

Über die "russische Seele" von oben herab zu urteilen, heißt, seinen Minderwertigkeitskomplex ausleben zu wollen. Oder sich wahnsinnigerweise an den Platz des lieben Gottes zu setzen, der wohl allein weiß, was Gut und was Böse in dieser Welt ist, was sie voranbringt und was sie zurückwirft.

Die Russen mit "der Seele" brachten im vorigen Jahrhundert Wunder hervor. Sie zerstörten die härtesten Regimes, die Russland ewig unterdrücken wollten - die zaristische Selbstherrschaft und die Sowjetmacht. Sie warfen zwei Reiche des Bösen auf die Müllhalde der Geschichte. Und taten dabei der Freiheit in der ganzen Welt gut.

Andererseits ließen sie diese Reiche entstehen. Sie sammelten Hunderte Völker um sich. Weniger mit der Waffe in der Hand, mehr durch die Anziehungskraft der "russischen Seele". Voll von wilden Träumen und unsinnigem Pathos. Und mit Keimen jener Kreativität, die die Welt verändert.

Die "Seele" ist das, was die Russen davor rettete, sich der Staatsmacht, wie sie auch war, hinzugeben. Es wird viel darüber geschrieben, dass in Russland die Zivilgesellschaft fehle. Sie fehlt aber in Russland nicht. Sie ist da, nur anders als in manch einem anderen Land. Sie ist nicht in den Gesetzesbüchern, sondern eben in der "russischen Seele" verankert, die sich vom Staat nie versklaven ließ. Auch wenn die Russen so taten als ob.

Man sagt, es entstehe in der Welt eine "new Economy", dadurch gekennzeichnet, dass die Maschine immer weniger, die intellektuelle und die emotionelle Energie des Menschen immer mehr wiegen. Wenn dem so ist, dann ist Russland in dieser Welt nicht auf dem 67. oder 72. Platz, sondern ganz vorn. Trotz der UNO-Statistiken. Und dank der Seele, die wohl doch existiert und ohne Gänsefüßchen geschrieben werden darf.

23.1.01. Elite.ru.

    

Wer uns den Traum bringt...

Was ist ein Traum? Ein Hirngespinst, Illusion und oder auch- das Modewort- dream. Jedenfalls etwas Gegenstandsloses, Nebelhaftes, Diffuses.

Russland kannte viele Träumer. Zum Beispiel den aus dem Roman von Gontscharow. Er hieß Ilja Iljitsch Oblomow. Die Verkörperung harmlosen Träumens, mit dem man sein Leben auf dem Sofa verbringt und niemandem wehtut

Es gab aber auch einen anderen Träumer, auch Iljitsch. Mit Nachnamen Lenin.

Vor just achtzig Jahren, vielleicht an genau so einem Oktobertag, saß er in seinem großen Dienstzimmer im Kreml und sprach mit dem weltbekannten englischen Schriftsteller Herbert Wells über seine grandiosen Glücksvisionen. Wells, der selbst gern träumte, begriff schnell, dass ihm der Kremlträumer in punkto Fantasie weit überlegen war. Als er später dieses historische Gespräch in einem Buch beschrieb, hielt er mit seiner Begeisterung nicht hinter dem Berg, konnte sich aber ein skeptisches Grinsen auch nicht verkneifen. Kein Wunder, der Bürgerkrieg wütete noch, es gab keinen Strom, die Züge standen still, ein anderer hätte sich schon längst an den Hosenträgern erhängt, dem Mann im Kreml machte das alles nichts aus. Der war schon ganz in der lichten Zukunft. Der traurige Gedanke, dass Russland seine katastrophale Lage diesem seinem Gesprächspartner verdankte, kam dem englischen Schriftsteller übrigens nicht in den Sinn.

Lenins Traum war zwar in Russland geboren worden, aber tatkräftige Anhänger fand er zuerst im Westen. Genauer gesagt in Deutschland. Noch genauer im Generalstab seiner Majestät des deutschen Kaisers. Dort begriff man, dass in Russland, das damals gegen Deutschland einen Krieg führte, die kühnen Träume gute Chancen hatten. Die Generäle rüsteten Iljitsch mit viel Geld aus, das ihm half, Russland als Kriegsgegner zu erledigen. Und dann begannen siebzig Jahre, in denen, wie es in einem sowjetischen Lied hieß, der Traum zur Realität werden sollte. Einer Realität, die die Russen total erschöpfte. Die Lust nach kühnen Träumen scheint ihnen danach abhanden gekommen zu sein.

Davon profitiert unser gegenwärtiger natschalnik, der gesunden Pragmatismus predigt. Manchmal allerdings scheint es, dass ein träumerischer Hauch seinen glasklaren Blick verklärt. Aber das liegt wahrscheinlich an meinem schlechten Fernseher.

I.I., P.r

 

DIE GLÜCKSELIGEN...

Wodurch unterscheiden sich die Russen von anderen Völkern? In einem Witz heißt es , der Unterschied zum Franzosen besteht beispielsweise darin, dass dieser "fast blau rasiert und ein wenig angetrunken, der Russe dagegen ein wenig rasiert und total blau ist..."

Im letzten Jahrzehnt wurde Russland in mehrere internationale soziologische Untersuchungen einbezogen, die ergaben, dass die Russen zu den "glückseligsten Völkern" zählen.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuter sind die Russen die fünftglückseligste Nation der Welt. Noch glückseliger sind nur die Einwohner Kenias, Nordkoreas und "einiger wenig bekannter Staaten". Das bedeutet keinesfalls, dass die Russen es besser als die anderen haben. Nein, sie haben einfach gelernt, sich an Dingen zu erfreuen, die andere eher traurig machen. Nehmen wir die Deutschen. Auf der Liste der Glückseligsten stehen sie nur an 24. Stelle (die lebensfrohen Franzosen kamen auf Platz 15).

Was genau den Russen dieses schöne Gefühl der Harmonie mit sich und der Welt gibt, blieb allerdings ein Rätsel, denn sie sind glückselig im allgemeinen, wenn es konkret wird aber nicht. Im Familienleben z.B. empfinden sich die Russen als die unglücklichsten. Die Österreicher und die Amerikaner sind diesbezüglich sechsmal glücklicher. Zwei Drittel der Russen haben keine Befriedigung beim Sex. Ein Fünftel der russischen Bevölkerung hat überhaupt keinen Spaß daran.

Einen anderen wichtigen Faktor unseres Lebens, die Arbeit, betrachten die Russen so wie ehedem: "Die Arbeit ist kein Wolf, sie läuft uns nicht in den Wald davon". Die Arbeit macht nur 2 Prozent der Russen glücklich. Warum, in Gottes Namen, sind dann die Russen so glückselig?! Einfach so...Weil sie leben!

MK. 6.01.2001

 

 RUSSLANDS WEG

WILLE UND VORSTELLUNG

 

Der 12. Juni ist im russischen Kalender ein Staatsfest. Der Tag der Unabhängigkeit.

Er geht auf den 12.Juni 1990 zurück, als das russische Parlament die Unabhängigkeit Russlands verkündete. Die Unabhängigkeit von wem? Von der Sowjetunion, die damals noch existierte.  Von der sowjetischen Führung, durch den Präsidenten Michail Gorbatschow repräsentiert.

Dem wurde durch die Unabhängigkeitsdeklaration Russlands der Stuhl  unter dem Hintern  weggezogen. Auch weil die anderen Republiken der Sowjetunion dem russischen Beispiel folgten.

Damit zogen  die Regionalfürsten  die Entscheidungsgewalt über die Zukunft ihrer Länder an sich. Gorbatschow und seine Mannen wurden zu Generälen ohne Armee. Das Weitere war nur eine Frage der Zeit.

Den Stein brachte Boris Jelzin ins Rollen. Seine Impulsivität und Unbedenklichkeit, typisch für einen Russen, der etwas zu oft besoffen ist, erwiesen sich als bergeversetzende Eigenschaft. Vielleicht werden die Historiker  seine Person als die erste in einer langen Reihe von Staatsmännern einschätzen, deren Stärke darin bestand,   wenig darüber nachzudenken, was sie   tun.   Und sich nicht von Konventionen leiten  lassen.

Am 12.Juni 2003 war Jelzin dort, wo der Tag der Unabhängigkeit   pompös gefeiert wurde. Auf dem Roten Platz. Vor dem Kreml.

Als Ehrengast. Als Statist.

Im Zentrum des bunten Geschehens stand der Mann, der ihn beerbt hat. Wladimir Wladimirowitsch Putin. Er strahlte   Zuversicht aus. Wieder sprach er darüber, dass Russland nur als mächtiger Staat existieren kann, existieren wird. Wieder ermahnte  er, die Reihen fest zu schließen. Wieder schimmerte durch seine Worte der Ruf: Ein Volk, ein Reich... Das dritte Glied in der Gleichung  kommt wohl von selbst dazu. Oder auch nicht.

Jedenfalls  sprechen kann er. Seine Vorgänger konnten es nicht. Bis auf den Sowjetstaatsgründer Lenin. Der hatte aber Schwierigkeiten mit dem „ r“. Und der wollte keine Dominanz Russlands im Bundesstaat Sowjetunion.

So kam es auch. Entgegen  der gängigen Vorstellung  im Westen, waren  die Russen in der Sowjetunion nicht privilegiert, obwohl Russland die Hälfte des Territoriums und der Bevölkerung des als  Bundesstaat getarnten Imperiums  ausmachte. Sie mussten aber unter der imperialen Bürde am meisten Blut schwitzen. Jetzt, da sie das Joch  abgeworfen haben, werden ihnen Adlerflügel  wachsen. Das ist der Tenor der Betrachtungen, die sich an die Unabhängigkeitsverkündung Russlands knüpften und knüpfen.

Die Flügel sind noch in Ansätzen.  Aber, wie die Feierlichkeiten  in Sankt Petersburg und jetzt in Moskau  suggerieren, der Wille und die Vorstellung,  hoch zu steigen, sind da. Mindestens im Kreml.  Das ist schon etwas.

12.6.03

DER FLUG DES DOPPELADLERS

Bekanntlich ist der Militärdienst in Russland kein Zuckerlecken. Für die Soldaten nicht, da sie schlecht versorgt, dafür aber oft schikaniert werden.  Für die Offiziere auch nicht. Auch sie sind unterversorgt, ihre Familien leiden unter Wohnungsnot. Die Waffenarsenale der russischen Streitkräfte schreien nach Erneuerung und Auffüllung.

Woran es aber nicht  mangelt,  ist die Symbolik, die das Selbstwertgefühl des Soldaten hebt. Heute ist sie wieder bereichert worden..  Die Staatsduma  billigte den Gesetzentwurf  über die neue Flagge der Streitkräfte. Diese bleibt zwar rot, aber auf dem Hintergrund erscheinen Darstellungen,  die das Erbe der Revolution von 1917, das Rot, relativieren. Auf die rechte Seite kommt  ein goldener Doppeladler mit nach oben ausgebreiteten Schwingen, einer Krone über jedem Kopf und einer weiteren großen Krone oben. Auf der Brust des Adlers, der das Zepter und den Reichsapfel in den Krallen hält, ist in Silber ein Reiter in blauem Mantel dargestellt, der mit seiner silbernen Lanze den schwarzen Drachen trifft. Alles Symbole, die den Schöpfern der Roten Armee verhasst waren.   

In den Ecken jeder Flaggenseite sind goldene fünfeckige Sterne angebracht, der Flaggenrand ist mit einem goldenen Flechtornament geschmückt.  

Auf der Rückseite der Flagge wird ebenfalls ein Doppeladler, aber schon mit gesenkten Schwingen und mit einem Schwert und einem Lorbeerkranz in den Krallen zu sehen sein. Auf der Brust des Adlers ist ebenfalls ein Reiter angebracht, der den Drachen mit der Lanze trifft. Der obere Teil der Rückseite der Bahn zeigt in goldenen Lettern das Wort „Vaterland", der untere Teil die Wörter „Pflicht. Ehre". Es war der Verteidigungsminister Sergej Iwanow, der die Veränderungen am Aussehen der Flagge vorschlug. Der Präsident Putin unterstützte sie. Die Symbole wurden  den Flaggen der Armee  und der Kriegsmarine des Zarenreiches abgeguckt.

6.6.03  

 

EINE UNPASSENDE MORD-STORY

 

Gemordet wird in Moskau leider oft. Diesmal aber kam der Mord sehr ungelegen. Denn der Ermordete ist ein in Sankt- Petersburg tätiger Unterweltchef. Mit einem ausdrucksvollen Tarnnahmen: das Grab!

 

Das Ereignis  erinnert daran, dass es in der herrlichen  Stadt, die jetzt ihren 300. Geburtstag feiert, nicht nur die Eremitage gibt.

 

Aber lassen wir  Gazeta.ru die Story erzählen.

 

 


In der Moskauer City wurde der neunundvierzigjährige Konstantin Jakowlew, in der kriminellen Unterwelt als Kostja das Grab bekannt, ermordet. Früher war er der von der Gangsterwelt beauftragte Bevollmächtigte für Petersburg. Der Mord geschah am 25. Mai so gegen 17.00 Uhr. Als der schwarze Nissan Maxima mit vier Insassen, darunter Konstantin Jakowlew, an der Ampel hielt, fuhren von rechts zwei behelmte Motorradfahrer auf den Wagen zu, legten Kalaschnikows an, eröffneten das Feuer auf die Seitenscheiben und verschwanden.      

 

 

 

Das Verbrechen ereignete sich neben der Indischen Botschaft und der UNO-Vertretung in Moskau. Die Wache vor der UNO-Vertretung holte die Kripo und Notärzte zu Hilfe. Aus dem Wagen wurden die Leichen Konstantin Jakowlews und zwei seiner Bekannten geborgen.  

 

In der Hierarchie der Unterwelt kam Kostja das Grab durch den Segen von dem bereits gekrönten Petersburger Verbrecherkönig Aslan Ussojan, Opa Hassan genannt. Er vertrat in der Newastadt die Interessen des Moskauer organisierten Verbrechens und versuchte, eintragsreiche Sphären des kriminellen Geschäfts unter die Nägel zu reißen. In letzter Zeit hatte Jakowlew den Posten des Vizepräsidenten der von ihm gegründeten Sankt Petersburger Geistlichen Akademie inne.            

 

 

Einige Petersburger und Moskauer Medien erwähnten ihn häufig als engen Vertrauten des Petersburger Gouverneurs. 2001 zählte man ihn zum Freund des Vizegouverneurs   sowie eines einflußreichen Abgeordneten der

Petersburger  Gesetzgebenden Versammlung. Durchaus möglich, dass  der Ermordete vor den bevorstehenden Wahlen einen Kandidaten für den Petersburger Gouverneursposten   unterstützte, der    einer anderen kriminellen Vereinigung  unerwünscht ist.

27.5.03

 

 

 

 

ПУТИН   ГОНИТ  ЧЕРНУХУ  

 

Das erste Wort in diesem Drei-Worte-Titel  versteht  ein Matrjoschka-Leser bestimmt, auch wenn er kein Wort Russisch spricht. Mit dem Rest des Satzes ist es wohl schwieriger. Der Ausdruck  „gonit tschernuchu“ lässt sich in etwa mit den deutschen Redewendungen „sieht schwarz“ oder „malt den Teufel an die Wand“ vergleichen. Doch der russische Ausdruck  hat einen tiefen Hintergrund. Lange Jahre wurde er in Russland  als Knüppel gegen alle gebraucht, die nicht nur die Fanfaren bliesen, wenn sie die Lage im eigenen Land in den Medien einzuschätzen versuchten. Mit den Worten wurden ihnen  böse Absichten untergeschoben. Als Nestverschmutzer sollten die Verdammten bloßgestellt werden.

 

In seinem jüngsten Bericht vor der Staatsduma über die Lage der Nation hat sich Präsident Putin als so ein Netzbeschmutzer empfohlen. Anstatt darüber in Jubel auszubrechen, dass Russland jetzt  mehr Devisen in seiner Kasse hat als je in seiner Geschichte (Erdölpreise auf dem Weltmarkt!) schob er die Feststellung in den Mittelpunkt, Russlands Wirtschaft bleibe schwach und das sei eine sehr große Gefahr in einer globalisierten Welt, in der die Schwachen gnadenlos gefressen werden. Auch in manch anderer Hinsicht ließ er es an Deutlichkeit nicht fehlen. Das Einkommen jedes vierten Russen liegt unter dem Existenzminimum (ohnehin sehr niedrig veranschlagt), das Heer der Staatsdiener ist stark unterbezahlt, was ihm keine andere Wahl lässt, als zu stehlen (in diesem Punkt blieb Putin allerdings zurückhaltend) und überhaupt gebe es viel Unerfreuliches rundherum.

 

Diese Feststellungen machte er mit düsterer Miene, blickte angewidert in den Saal, wo die Volksvertreter saßen, und reagierte auf ihren dünnen Applaus so, als müsse er eine Kröte schlucken.

 

Verglichen mit dieser „tschernucha“ fielen zwei andere Schlüsselteile seiner Ausführungen weniger überzeugend aus. Zum einen waren es die vagen Behauptungen, in den drei Jahren seiner Präsidentschaft seien die bis dahin unlösbar scheinenden Probleme gelöst worden. Vor allem  sei Russland jetzt steuerbar geworden, was es früher nicht war, weil die Provinzfürsten, unter seinem Vorgänger zu frech geworden, taten, was sie wollten. Zum anderen strengte er sich an, den Zuhörern zu suggerieren, trotz allem, was die Nation belastet, dürfe sie den Glauben an ihre große Zukunft nicht verlieren. Wenn Russland es schafft, in den nächsten zehn Jahren doppelt soviel  zu produzieren wie jetzt, dann ist ihm ein würdiger Platz in der Elite der Völkergemeinschaft doch noch möglich.

 

Allerdings sagte Putin  wenig Konkretes darüber, wie dieses Kunststück mit der Verdoppelung fertig gebracht werden soll.

 

Rita.ru, 17.5.03             

 

Anmerkung: Wegen dieses ganz und gar unkonventionellen Auftritts des russischen Präsidenten ratlos, riefen die Holzpuppen einen der besten, wenn nicht den besten Kenner der Vorgänge im Kreml, Iwan Matrjoschkin, Esquire, zu Rate. „ Wahlkampf!!!- sagte der gewichtig. Mit diesem Auftritt empfiehlt  sich mein Freund W.W.P. den russischen Wählern als großer Staatsmann, vergleichbar mit jenem Briten, der Winston Churchill hieß und angesichts der bevorstehenden Invasion der Hitlerarmee auf die Insel  seine berühmte Blut-und-Tränen-Rede hielt. Zwar sieht mein Freund weniger bullig aus als der berühmte Brite, aber er ist trotzdem im Besitz von dessen Geist. Und er weiß auch, welche Gefahren Russland drohen, was die erste Voraussetzung ihrer Abwehr ist. Viel Erfolg, lieber Wolodja, auf dem steinigen Weg zur neuen russischen Größe!“       

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DIE JAHRESTAGE DER KAPITULATION DER DEUTSCHEN WEHRMACHT AM 8. MAI 1945 WERDEN IN RUSSLAND ALS  JAHRESTAGE DES SIEGES IM GROSSEN VATERLÄNDISCHEN KRIEG GEFEIERT. HEUER FIEL DIE FEIER SOGAR ETWAS POMPÖSER AUS ALS IN DEN JAHREN DAVOR.  VIELLEICHT UM DEM ANGEKRATZTEN  (AUCH IM ZUSAMMENHANG MIT DEM UNERWARTET SCHNELLEN ZUSAMMENBRUCH  VON SADAMMS IRAK) RUSSISCHEN SELBSTBEWUßTSEIN  EINIGE STREICHELEINHEITEN ZUKOMMEN ZU LASSEN. DIE MEISTEN RUSSISCHEN MEDIEN RÜHRTEN DIE SIEGESTROMMEL, ALS WÄRE DER SIEG NICHT VOR 58, SONDERN VOR FÜNF JAHREN ERRUNGEN WORDEN. DAS RUNET VERSUCHTE SEIN EIGENES SÜPPCHEN ZU KOCHEN. IM FOLGENDEN DREI  BEITRÄGE AUS DEM RUSSISCHEN WELTWEITEN GEWEBE, DIE AUS DEM RAHMEN FALLEN:     

XXXXXXXXXXXXXX

In der russischen Mythenbildung assoziieren sich mit dem Großen Vaterländischen Krieg ausschließlich Heldentaten, der Generalissimus oder  über Generalstabskarten gebeugte, geniale Operationspläne ausarbeitende Marschälle, Katjuscha-Salven oder Geschützsalven über frischen Gräbern  gefallener Helden. Partisanen und Illegale im Hinterland des Feindes passen gerade noch in diesen Mythos.   

 

Aber ein halbes Jahrhundert wollte die Sowjetregierung Millionen ihrer Kriegsgefangenen, Dutzende Millionen Zivilisten auf den besetzten Territorien weder als Teilnehmer noch als Opfer des Krieges anerkennen. 

Der 27. Januar 1945, der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, wird in aller Welt als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Im Kalendarium der offiziellen Veranstaltungen in Russland findet sich aber unter dem 27. Januar nur der Durchbruch der Leningrader Blockade 1944.
 

Dabei brach doch schon am ersten Tag der Besetzung sowjetischer Territorien jene  Hölle aus, die später als Holocaust oder Shoa bezeichnet wurde. Und ein Land, in dem eine gute Hälfte der sechs Millionen umgebrachten Juden lebte, sollte nicht so tun, als wären es irgendwelche „sowjetischen zivilen Bürger“ gewesen und nicht die Juden, die in Straßengräben oder Böschungen getrieben und hingemetzelt wurden, eben weil sie Juden waren.     
 
Und die sogenannten Ostarbeiter. Es waren Millionen, von denen höchstens hunderttausend noch am Leben sind. Unter amerikanischem Druck erklärte sich Deutschland bereit, ihnen Entschädigungen zu zahlen. Was sie nicht alles durchmachen mussten, und noch immer kommen von den aufgebrachten Kriegsveteranen solche Anschuldigungen wie: „Wir haben Berlin genommen, wir haben unser Blut vergossen und ihr habt dem Feind geholfen! Und dafür kriegt ihr noch Entschädigungen und wir sind die Dummen!“ 
 
Die gleiche Achtung vor allen Kriegsteilnehmer – den Veteranen der Roten Armee, den Kriegsgefangenen, den zivilen Opfern der Naziverfolgungen fehlt im öffentlichen Bewusstein.

Leider sind die deutschen Milliarden, die  zur Entschädigung jener Glücklichen locker gemacht werden konnten ( die  „Stiftung Erinnerung und Zukunft“) längst zum Objekt  der Begehrlichkeit von Bürokraten und Politikern geworden.  
  

Die sowjetischen Kriegsgefangenen gehen überhaupt leer aus. Es waren aber keine üblichen Kriegsgefangenen unter dem Schutz des Internationalen Roten Kreuzes wie die amerikanischen, englischen, französischen und polnischen. Es waren der Vernichtung preisgegebene Sklaven. Lag die Sterblichkeit bei den nichtsowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Kriegsgefangenschaft bei fünf Prozent, so erreichte sie bei sowjetischen 58 Prozent. Sie haben  ein Recht auf Entschädigung. Doch das deutsche Entschädigungsgesetz ist so angelegt, dass sich da nichts machen lässt.

 

Die Polen wollen ihren Kriegsgefangenen, die auch ohne Entschädigung blieben, zahlen, das gleiche haben die Italiener vor.  
 
Und was sagt Russland?

 

9.5. 03 Pawel Poljan (Polit. Ru).

 

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EIN RUSSISCHER JOURNALIST BERICHTET ÜBER SIEBEN AUFSCHLUSSREICHE ERLEBNISEPISODEN IN DEUTSCHLAND:

 

1. 

Traditionsgemäß versammeln sich am Abend des 8. Mai  im russisch- deutschen Militärmuseum in Karlshorst (Berlin) und auf dem Rasen vor dem Gebäude, wo Kanonen aus dem Zweiten Weltkrieg stehen, sowjetische Kriegsveteranen, die das Schicksal jetzt nach Berlin verschlagen hat. Sie warten auf die Stunde, da 1945 die deutsche Kapitulation unterschrieben wurde, heben die obligatorischen „Sto gramm“ darauf, dass sich der Krieg nie wiederholt. Es kommen auch Deutsche, alte und junge. Gemeinsam singen sie Lieder, die weithin schallen, doch kein einziger Anwohner hat sich je wegen ruhestörenden Lärms aufgeregt. Sie kennen und achten diese Tradition. 

2.

Am 9. Mai organisiert die russische Botschaft Kranzniederlegungen im Treptower Park, wo 5178 sowjetische Militärangehörige beigesetzt sind, die beim Sturm auf Berlin ums Leben kamen, und im Bezirk Pankow, wo elftausend sowjetische Soldaten und Offiziere bestattet sind, und am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. Alle sowjetischen Soldatenfriedhöfe in Deutschland sind gepflegt. Und es gibt viele solcher Friedhöfe. Die Deutschen halten es für ihre Pflicht, die Gräber in Ordnung zu halten. Nähere Auskünfte geben die Friedhofsbücher, die ebenfalls vorbildlich geführt wurden und werden.   

3.

In Potsdam stehen Häuser, die als „Erinnerung“ bis heute Schusslöcher aus dem Sturm von 1945 tragen.   

Bei der Betrachtung eines solches Hauses traf ich zufällig eine ältere, wohlhabend aussehende Dame, die kurz davor aus einem teuren Auto ausgestiegen war und nun fotografierte. Wir kamen ins Gespräch. Als sie erfuhr, dass ich Russe bin, fragte sie neugierig, wie die Russen in Russland zu den Deutsche stehen. Sie erklärte, sie sei nie in Russland gewesen. Auf meine Frage, warum nicht, antwortete sie. „Ich möchte gern hin, fürchte mich aber“. Nach kurzem Schweigen fügte sie hinzu: „Ihr Russen könnt uns Deutschen doch niemals den Zweiten Weltkrieg verzeihen!“ Dann verabschiedete sie sich hastig und fuhr mit ihrem schicken Auto davon.   

4.

Als ich einmal mit einem Kollegen am Bundestagsgebäude in Bonn, damals noch die deutsche Hauptstadt,  vorbeikam,  hielt uns ein älterer Herr an. Äußerlich einem Deutschen ähnlich, entpuppte er sich als russischer Adliger , der als kleiner Junge nach der Revolution von 1917 aus Russland emigriert war.

Er erzählte uns, dass er im Zweiten Weltkrieg für die deutsche Aufklärung gearbeitet und gegen die „Sowjets“ gekämpft hatte. Er gab sich ziemlich überheblich  und lenkte das Gespräch auf andere Themen, nachdem ich ihm meine Visitenkarte gegeben hatte.    

Gleich am nächsten Tag rief er mich an und wollte sich mit  mir treffen. In meinem Büro weinte er lange und bat mich, ihm dabei zu helfen, sich von der ihn die ganze Nachkriegszeit quälenden Geschichte zu befreien. Während des Krieges, als er für die deutsche Frontaufklärung tätig war und sich auf sowjetischem Territorium befand, musste er auf Befehl eines SS-Offiziers einen sich gefangen gegebenen sowjetischen Juden erschießen.  

5.
 
Eine betagte Frau aus Smolensk, die seinerzeit nach Deutschland verschleppt wurde, sah sich viel später im Traum im Konzentrationslager, hörte die Wachhunde bellen und erinnerte sich daran, wie einfache Deutsche sie vor dem sicheren Ende retteten. Sie holten die Halbtote aus dem Lager, päppelten sie auf und gaben ihr leichte Arbeit. Unter dem Eindruck ihres Traums wandte sich die Frau an meine Zeitung  mit der Bitte, ihre Retter zu finden, falls die noch am Leben sind.   Ein Anruf in St.-Ingberg (eine Kleinstadt im Saarland) genügte, um herauszufinden, dass zwei der drei Retter noch lebten.

Die saarländische Regierung  lud die Frau nach Deutschland ein, wo sie fast einen Monat bei ihren guten Geistern verbrachte. Die Deutschen haben den letzten Krieg nicht vergessen und halten es für ihre Pflicht, derartiges zu tun.

6.

An der Autobahn nach München liegt nahe der bayerischen Hauptstadt das Hotel und Restaurant „Im Schloss“, ein Bauwerk aus dem 17. Jahrhundert. Hier kann man übernachten, gut essen, in der Sauna schwitzen, im Pool baden und wenn die Zeit es erlaubt, sogar auf Jagd gehen. Das Restaurant führt ein achtzigjähriger Bayer, das Hotel seine junge Frau und die Bierbrauerei für das Schwarzbier „Doppelbock“ ihr Sohn. Dieser Ort war für die russischen Journalisten auf ihrem Weg nach München immer eine gute Adresse, die netten Besitzer empfingen uns alle wie gute Freunde, und als Dank brachten wir dem alten Herrn immer eine Flasche russischen Wodka mit – auf dem Etikett ein paar Dankesworte und unsere Unterschrift, woran er große Freude hatte.    
 
Als ich wieder einmal bei ihm einkehrte und besagte Flasche schenkte, bat er mich, aus dem Kühlschrank Bier zu holen. Als ich ihn öffnete, sah ich einen Berg unserer Wodkaflaschen. „ Warum trinken Sie denn unseren Wodka nicht und heben ihn auf?“ fragte ich verwundert. „Warum? Na, wenn die Russen einmarschieren, zeige ich ihnen diese Flaschen und sage, sie sind von meinen Freunden, russischen Journalisten, und sie lassen mich in Ruhe“, gab er in vollem Ernst zur Antwort. Und wieder dachte ich, die Deutschen haben den Krieg nicht vergessen und wissen sehr gut, wer der Sieger war, und sie achten das Siegerland. 


 7.
 

Sollten Sie einmal in Berlin sein und ins Bundestagsgebäude kommen, können Sie dort  Mauerreste des Reichstags sehen, den sowjetische Soldaten im Mai 1945 einnahmen. Die Mauerreste tragen Inschriften von Menschen, die vielleicht nicht mehr am Leben sind. Es gab natürlich viel mehr Aufschriften, viele davon schweinische, die wurden während der Sanierung in den Fundus verfrachtet, wo sie aber sorgsam aufbewahrt werden. Das ehemalige Reichtagsgebäude, in dem jetzt das deutsche Parlament tagt, kann mit Fug und Recht als Tempel der deutschen Demokratie bezeichnet werden. Jeder Deutsche, der diesen Tempel betritt, liest die Graffittis der russischen Soldaten.

9. 5.03. Strana.ru.    

 

 

EIN SIEG, DER DIE NIEDERLAGE GEBAR

 

Hätten die Sowjetmenschen, die am 9.5.45  überschwänglich den Sieg feierten, in die Zukunft sehen können, wäre ihre Stimmung weniger euphorisch gewesen. Denn nicht nur Deutschland und seine Verbündeten waren unter den Verlierern. In spe war es auch die Sowjetunion. Sie verlor den Kampf, der hinter den Kulissen der Siegerkoalition (USA, England u.a. und die SU) während des Krieges gegen Deutschland geführt wurde. Ein Kampf um die Gestaltung der Nachkriegswelt. Total entkräftet stand sie 1945 und später den USA gegenüber, die am Ende des Krieges in jeder Hinsicht eine nie da gewesene Wirtschafts- und Militärmacht erreichten. Denn die USA und England ließen die SU  die aufwendigsten Schlachten des Krieges führen, selbst aber waren sie immer darauf bedacht, ihre eigenen Verluste zu minimieren. Besonders die Verluste an Menschen. Eine Folge der Mentalität, die dem sowjetischen Diktator Stalin fremd war. Für ihn zählte das Leben seiner Landleute nicht, führte er noch vor dem Krieg einen Vernichtungsfeldzug (der große Terror!)  gegen sie, um seine tyrannische Macht zu stärken. Ein Feldzug, der mehr Opfer forderte als der Krieg gegen den deutschen Aggressor.

 

Ohne dies zu berücksichtigen, werden wir nicht verstehen, warum die Sowjetunion zusammenbrach und warum ihre Nachfolgestaaten, insbesondere Russland, das heutige Elend erleben müssen.

 

Die Westmächte können zufrieden sein. Sie haben den Zweiten Weltkrieg nicht nur gegen Deutschland gewonnen. Sie sind Gewinner rund um.

 

9.5.03 WMO.ru      



Die Ergebnisse der Volkszählung in Russland 2002

Кадр НТВ Putin und seine Gattin bei der Volkszählung. Zwei Bürger Russlands wie andere hundertfünfundvierzig Millionen vierhundertneunundneunzigtausendneunhundertachtundneunzig. Oder doch nicht ganz wie die anderen?  

In Russland leben 145,5 Millionen Menschen. Nach der Zahl der Bevölkerung steht Russland an siebenter Stelle hinter China, Indien, den USA, Indonesien, Brasilien und Pakistan.

Nach der letzten Volkszählung 1989 ist die Bevölkerung um zwei Millionen zurückgegangen. Es hätten auch 7,4 Millionen weniger sein können, doch es sind 5,5 Millionen Immigranten eingereist. Was die Migration betrifft, so rückte Russland nach Amerika und Deutschland auf den dritten Platz vor. Jährlich wandern 780.700 Menschen nach Russland ein.  Zumeist „Volksrussen“ aus den anderen Nachfolgestaaten  der Sowjetunion.

Im Vergleich zu 1989 gibt es jetzt eine Millionenstadt mehr, nämlich 13.  Moskau hat 10 Millionen 358.000 Einwohner, 17 Prozent mehr als 1989. Dann folgt Sankt Petersburg mit vier Millionen 670.000 Einwohnern. Hier sank die Bevölkerungszahl in dreizehn Jahren um 6,4 Prozent.  

In den Millionenstädten leben vierzig Prozent der russischen Bürger.

Laut Statistik sind die meisten Russen (73 %) Städter. 

Fast ein Drittel der russischen Dörfer sind menschenleer, die Häuser verschlossen.

In Russland gibt es zehn Millionen weniger Männer als Frauen.

Die russischen Männer leben im Durchschnitt  vierzehn Jahre weniger als die Frauen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung liegt bei 58,5 Jahren, bei den Frauen bei 72 Jahren.  

Auf hundert Frauen kommen 125 Kinder, zweimal weniger als für die einfache Reproduktion nötig wäre. Um wenigstens den Ausgleich zwischen Sterbe- und Geburtenrate zu halten, müsste jede russische Frau mindestens zwei bis drei Kinder zur Welt bringen. Aber das ist unmöglich, also wird das Land überaltern. 
27.4.03
 

 

 

ÜBER DEN NUTZEN ALTER TELEFONBÜCHER

 

Gesetzt den Fall, es sind russische Telefonbücher, die  Namen von Funktionären  verschiedener Ämter auflisten , können sie aufschlussreich sein. So hat das Forscherteam RUSSISCHE GESCHICHTE unter Leitung von Iwan Matrjoschkin, Esq., mit einem äußerst komplizierten Computerverfahren alte Telefonbücher der sowjetischen  Nomenklatura und die aktuellen Bücher der russischen Nomenklatura verglichen. Die Ergebnisse sind verblüffend. Etwa 65 Prozent der Namen in den alten Telefonbüchern  der Sowjetzeit  finden sich in den neuen Telefonbüchern der leitenden Ämter der Russischen Föderation wieder.

Das soll nicht immer, vielleicht  sogar nur in Ausnahmefällen, auf Personengleichheit hinweisen. Da seit der Verselbständigung der Russischen Föderation bereits 12 Jahre vergangen sind und seit der Abschaffung des Kommunismus in Russland noch mehr, blieben die Verwüstungen, die der Zahn der Zeit sogar unter den würdigsten Vertretern des Menschengeschlechts  anrichtet, auch in diesem Fall nicht aus. So handelt es sich zumeist nicht um die gleichen Personen, sondern um die Kinder, Enkelkinder, Neffen und Nichten der einst Gewaltigen. Aber immerhin kommt eine bemerkenswerte Kontinuität der sowjetischen Adelsgeschlechter zum Vorschein, deren Lebensbäume  zwar nicht so alt sind wie die der vornehmen Häuser anderswo, aber immerhin einige Jahrzehnte zählen.

 

Warum ist das erfreulich?

 

1.

 

Weil  Revolutionen gewöhnlich die Herrscher und die Beherrschten auszutauschen pflegen. Die, die oben  waren, stürzen nach unten oder geraten  unter die Räder. Es bekommt den heimgesuchten Ländern nicht immer gut. Sichert aber immerhin eine Erneuerung der Eliten durch frisches Blut und verhilft dem betroffenen Land zu einem sonst kaum möglichen Sprung nach vorn.

 

Das sahen wir im England  des XVII., in Frankreich des XVIII., in Deutschland des XIX. und in Russland (die Revolution von 1917) des XX. Jahrhunderts. Allerdings pflegen  Neuankömmlinge am Steuerrad der Staatsschiffe ihre Frische bald zu verlieren, verfallen in  Routine und übertreffen im Bösen sogar ihre Vorläufer. Und jene, die viele Opfer brachten, um das Revirement durchzukämpfen, stellen sich die bittere Frage: за что боролись? (Wofür haben wir eigentlich gekämpft?). Und man beweint diejenigen, die man verflucht und dezimiert hat.

 

Nach der von manchen Ewiggestrigen als Konterrevolution bezeichneten  antikommunistischen Revolution  im Russland des späten  XX. Jahrhunderts, mit dem Namen des langjährigen Politbüromitglieds der Sowjetära, Michail Sergejewitsch Gorbatschow, unzertrennlich verbunden, brauchen die Russen ihre Häupter mit Asche nicht zu bestreuen. Denn  die Elite der Sowjetzeit ist in dieser Revolution  wenig gelitten.  Hätte die Revolution gar nicht stattgefunden, wären die Telefonbücher mit Nummern der Moskauer  Bürokratie  jetzt fast dieselben , das heißt  - mit  vielen denselben   Namen.

 

2.

 

Das lässt uns die Vergangenheit mit nüchternen Augen  sehen. Früher hieß es, in der Welt vollziehe sich ein unerbittlicher  Kampf zwischen Gut und Böse. Die einen meinten, der Sozialismus (oder was man darunter verstand) wäre das Gute, der Kapitalismus das Böse. Die anderen vertauschten die Prädikate. 

Daran anknüpfend, hieß es, selbst sei man ein Heilbringer, der andere- ein Drache.

Jetzt sieht man aber,  es war eine Lüge. Auf beiden Seiten.  Es gab auf beiden Seiten nur Menschen. Unvollkommene, selbstsüchtige Menschen.  Keine Heilbringer. Und keine Drachen. (Wenige pathologische Fälle ausgenommen). Sonst hätte die alte Elite der „sozialistischen“ Sowjetunion nicht so gut in den kapitalistischen Nachfolgestaaten  ankommen können. Für einen Belzebub gibt es kein Platz in Gottes Paradies. Er bleibt in der Hölle.

 

Zwar haben sich die "sozialistischen" und die kapitalistischen Länder  einander hart bekämpft. Aber  es gab in der zivilisierten Welt schon immer Rivalitäten, die  zu Krieg und Terror  ausarteten. Der Kampf,  als ein Kampf des Guten gegen das Böse getarnt, war vermutlich ein normaler Kampf der etablierten  Welt gegen die aufstrebende russische Supermacht unter dem Label „Sowjetunion“.  Ein Kampf, der von der Sowjetunion verloren wurde. Und angesichts der  Opfer, die er von den Russen erforderte und der menschlichen Qualitäten der Führer der Sowjetunion, die am wenigsten die eigene Bevölkerung  schonten,  hätte man über den Ausgang des Kampfes sagen  können:„Und das ist gut so“. Wenn der Spruch nicht  mit einem ganz anderen Inhalt besetzt wäre.

 

3.

 

Vor dem geschilderten Hintergrund versteht man, warum die westlichen Eliten  so bereitwillig jene ehemaligen sowjetischen Funktionäre als ihre Partner bevorzugten, die sich entweder durch die typisch sowjetische Scheinheiligkeit (Gorbatschow) oder die typisch sowjetische Inkompetenz (Jelzin) auszeichneten. Mit ihnen  kam man leicht ins Geschäft. Man kannte sich schließlich. Zwar wetterten die Sowjetführer oft und unsinnig gegen den Westen,  aber das gehörte zu den durchschaubaren Spielregeln.  Im Laufe der Zeit wurden die Genossen außerdem immer pflegeleichter. Bis sie sich,  um den Punkt auf I zu setzen, umbenennen ließen. Von den Erbauern des Sozialismus zu den Erbauern des Kapitalismus. Dabei blieben sie die alten, die an ihrem eigenen Glück und sonst an Nichts bauten.

 

Der Dumme ist der einfache Russe, der in der idiotischen Annahme, er errichte eine neue Welt , Blut schwitzte. Und jetzt, ermattet und enttäuscht, mit der Mär abgefertigt wird, er werde in zehn, zwanzig Jahren wie ein Wessi leben. Mindestens wie ein Wessi der zweiten Klasse. Ein  Portugiese.

 

4.

 

Und ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., der meinen Fähigkeiten und Verbindungen nach (das hässliche Wort Seilschaften will ich gar nicht in den Mund nehmen), zu den Hauptgewinnern der russischen Transformation gehören könnte, muss die Schikanen der weiblichen Holzpuppen, abgebildet auf der Startseite von www.matrjoschka-online.de, ertragen. Und mein einziger Trost ist die Stammtischrunde in der Kneipe Sonnenschein, Berlin, Prenzlauer Berg. Aber auch hier werde ich vom Fatum verfolgt. In Gestalt des  Kneipers , des  geizigen Grobians, der sich weigert, meine wenigen Bierchens anzuschreiben.

 

26.7.03             

 

PISSOIR MACHT GESCHICHTE

 

Es ist keine Übertreibung. Es ist eine nüchterne Feststellung, getroffen vom Forscherteam RUSSISCHE GESCHICHTE unter der Leitung von Iwan Matrjoschkin, Esq.

1.

Es geht dabei um die zweite LEGALE Geburt des Kapitalismus in Russland. Die erste fällt ins XIX. Jahrhundert. Sie erfolgte spontan und dauerte einige Jahrzehnte. Wie ein gewisser Wladimir Lenin in seinem Erstlingswerk „Zur Entwicklung des Kapitalismus in Russland“ darlegte, hing diese mit der Abschaffung  der Leibeigenschaft im Zarenreich, dem Bau von Eisenbahnen und anderen langweiligen Sachen zusammen, die allerdings die Unternehmertätigkeit stimulierten.  Dagegen wurde, wie Iwan Matrjoschkin, Esq., im hier vorgestellten Forschungswerk zeigt,  die Wiedergeburt  des legalen Kapitalismus in Russland Ende des XX. Jahrhunderts von oben eingeleitet, ging sehr  dynamisch voran und hing mit sehr spektakulären Prozessen zusammen. Auch mit der  Privatisierung von Pissoiren. Erst dann folgte die Privatisierung der Industriegiganten, die Milliardäre gebar.

Die Privatisierung der öffentlichen Bedürfnisanstalten  war aber nicht deswegen wichtig, weil sie wie der Eisenbahnbau im XIX. Jahrhundert die wirtschaftliche Grundlage für den freien Markt im nationalen Maßstab schuf, sondern wegen ihrer psychologischen Wirkung.

Man braucht wohl nicht auseinander zu setzen, welch eine  wunderbare  Einrichtung ein Pissoir in einer Großstadt ist, wo einem Passanten keine vor fremden Blicken schützenden Baumgruppen usw. zur Verfügung stehen. Nichtsdestoweniger befanden sich die sowjetischen Pissoire und Scheißhäuser, solange sie wie die gesamte Wirtschaft der Sowjetunion zum Staatseigentum gehörten, in einem unbeschreiblichen Zustand. Nicht nur westliche Ausländer, sondern auch  die wie  der  Stahl gehärteten Sowjetbürger suchten diese nur mit größter Überwindung auf.

Deshalb haben  Michail Gorbatschows und seine Mannen  etwa um 1987 beschlossen, die Beseitigung des Sowjetsystems samt der Sowjetunion mit der Privatisierung der Scheiß- und Pisshäuser einzuleiten. Es wurden nämlich Kooperative zugelassen, die, selbstverständlich unter staatlicher Aufsicht, die öffentlichen Toiletten aufpäppeln und betreuen sollten.

Zwar wurde der früher unentgeltliche Dienst für die Erbauer der sozialistischen Supermacht   abgabepflichtig gemacht, aber was waren schon zwanzig Kopeken im Vergleich zur angebotenen Leistung. Zum Genuss, sich unter hygienischen Bedingungen erleichtern zu können. In  besonders günstigen Fällen sogar Klopapier zu erhalten, davor ein Privileg der Regierungsmitglieder.       

2.

Die langfristige psychologische Wirkung war aber noch größer als der unmittelbare Genuss. Denn in den Köpfen  der Sowjetmenschen verfestigte sich ein positives Bild vom Kapitalismus. Die frühere vage Vermutung, er sei nicht so ganz menschenfeindlich, wie ihn die Propaganda der Sowjetmacht darstellte, erhielt konkrete Gestalt. Kapitalismus ist eine menschenfreundliche Gesellschaftsordnung, kapierte der Sowjetbürger. Eine, die es möglich macht, auch außerhalb der eigenen vier Wände  gemütlich zu pissen und zu scheißen.

Damit die Erkenntnis sich besser einprägte, durften die privatisierten und die staatlichen Anstalten in Wettbewerb treten.  Der Betrieb  von privatisierten Pissoiren wurde streng lizenziert. Nur einwandfreie Genossen konnten mit einer Lizenz rechnen. Da sich diese aber nicht  darum  bewarben, kamen ganz andere Subjekte zum Zuge, die sich die Lizenz  mit Schmiergeld erkauften.

Es war die zweite Lektion. Sie lehrte, dass die Geschäftemacher, auch ohne Parteibuch, die wahren Erlöser der Menschheit sind. Und nicht die Phrasendrescher.

3.

Dabei blieb es nicht. Nach reifer Überlegung  entschloss sich die mutige Erneuererriege im Kreml zum nächsten Schritt. Es wurde die private Tätigkeit im einem anderen sensiblen Bereich zugelassen.

Bei der Sicherung von Wohnungseingangstüren.

Diese sind  aus Pappe gewesen. Ein Einbrecher hatte leichtes Spiel. Ein energischer Fußtritt gegen die Tür und schon war er drin.

In den meisten Fällen brachte es ihm wenig. Was gab es da schon zu holen?

Aber man war als sozialistischer Einbrecher  nicht  wählerisch. Man  gab sich auch mit Wenig zufrieden.

So verloren viele Sowjetbürger ihr letztes Hab und Gut. Und verfluchten diejenigen, die   den Besitz, laut der sozialistischen Theorie, nicht nur für ein Diebesgut hielten, sondern ihn auch Dieben preisgaben. Indem sie die Wohnungstüre aus Pappe bauen ließen.

Die Zulassung  der Privatiers zur Sicherung der Türen änderte die Situation. Jetzt wurde es möglich, seinen Besitz etwas zu schützen. Jetzt konnte ein Sowjetbürger verkünden: my home is my castle. Wie ein Engländer!

Auch in diesem Fall war die psychologische Wirkung viel relevanter, als der unmittelbare Nutzen. Denn auch  zurückgebliebene Sowjetbürger begriffen, dass der Kapitalismus dem Werktätigen nicht  das Letzte  raubt, wie die Sowjetpropaganda behauptete, sondern im Gegenteil,  ermöglicht, das Erworbene zu behalten und  ohne Angst zu genießen.    

4.

Dieser psychologische Feldzug, der auch einige andere Schlachten gegen Vorurteile einschloss,  machte das Terrain  für weitere Reformen frei. Jetzt konnte man zur Privatisierung der Industriegiganten schreiten. Jener riesigen  Betriebe, die Schweiß und Tränen mehrerer Generationen   der Sowjetmenschen  akkumulierten.

Ein paar harmlose Tricks, die dabei angewendet wurden, wie Verteilung von Gutscheinen, Vaucher genannt, die angeblich einen Anteil an den Gewinnen der Unternehmen sicherten, könnte man sich eigentlich sparen. Der Sowjetmensch hätte sowieso keinen Widerstand gegen die  Privatisierung der staatlichen Wirtschaft geleistet. Denn er konnte sich überzeugen, dass der Kapitalismus das Leben verschönert. Am Beispiel der öffentlichen Scheißhäuser und gesicherten  Wohnungstüren.

5.

Zwar kamen im Laufe der folgenden Jahre einige andere Erfahrungen dazu. Zum Beispiel jene, dass der Kapitalismus in seiner russischen, von Gorbatschow, Jelzin und ihren Mannen begünstigten Variante, jeden zweiten Russen unter die Grenze des Existenzminimums brachte, den Privatisierern  aber Milliarden Dollar zuschanzte. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Und mindert den Nutzen der sauberen Scheißhäuser und sicheren Wohnungstüren keineswegs.

Meint  Iwan Matrjoschkin, Esq., Leiter des Forschungsteams RUSSISCHE GESCHICHTE des Konzerns www.matrjoschka-online.de

 26.7.03         

 

DIE MUTTER DER FRIEDENSBEWEGUNG WAR EINE RUSSIN...

...behauptet Iwan Matrjoschkin, Esq. Aber er spinnt. Wie immer.

  

Denn Bertha von Suttner war eine Deutsche. Sogar eine aus dem Hochadel. Wahr ist aber, dass sie neun Jahre in Russland gelebt hat. Genauer gesagt, im Russischen Zarenreich. Noch genauer, in Georgien. Hier wurde sie zwar geboren, aber nur als Schriftstellerin. Hier kam ihr  der Gedanke, das Buch  unter dem Titel „Die Waffen nieder!“ zu schreiben, das Furore machte,  weil es die  Vision einer Welt ohne Waffen und ohne Gewalt enthielt.

Am Ende des XIX. Jahrhunderts waren  Frauen  in der Politik nicht erwünscht.  Erst recht die mit  radikalen Ideen. Bertha von Suttner aber rang weiter für ihre Vision und gründete  die Friedensbewegung.

Dafür erhielt sie 1905 den Nobelfriedenspreis, dessen Stiftung übrigens auf ihr Drängen und  finanzielle Ausstattung auf das Geld   zurückgingen, das ihr Freund, Alfred Nobel, nicht nur mit der Erfindung von Dynamit, sondern auch mit dem Verkauf  russischen Erdöls verdient hatte. Russland, wohin man blickte.

Zu allem Überfluss  überraschte der russische Zar Nikolaus der Zweite ungefähr in derselben Zeit seinen Cousin, den deutschen Kaiser, den französischen Präsidenten und andere Potentaten Europas mit dem Vorschlag, radikal abzurüsten. (Vielleicht unter dem Einfluss der Bertha von Suttner?) Nur im Weißen Haus traf er auf Verständnis. Damals saß dort eben noch  kein George W. Bush. 

So ändern sich die Zeiten.

Matrjoschka-online.de erinnert an Bertha von Suttner, der Mutter der Weltfriedensbewegung, aus aktuellem Anlass. Am 8.3. wird weltweit der Internationale Frauentag begangen. In diesem Zusammenhang stellen die weiblichen Holzpuppen mit tiefer Befriedigung fest, dass in Deutschland der Geist  der großen Bertha  lebt. Das haben die Damen  der Bundesregierung bewiesen, die zum 8. März einen leidenschaftlichen Appell gegen den Krieg im Irak verfasst haben. (Siehe den Anhang).

Allerdings meint Iwan Matrjoschkin, Esq.,  die Frauen sollten für den Krieg nicht mit politischen Appellen, sondern auf die vom antiken Komödienschreiber Aristophanes empfohlene Art kämpfen. Und zwar, indem sie sich den kriegslüsternen Männern verweigern. Die daraufhin eintretende  physiologische Wirkung soll die Männer daran hindern, sich auf dem Schlachtfeld zu bewähren.

Die weiblichen  Holzpuppen verabscheuen den Hasser der emanzipierten Frauen, Herrn Matrjoschkin. Sie sind dafür, dass die Frauen verstärkt in die Politik gehen und wissen sich darin mit dem russischen Präsidenten Putin einig, der diesen Wunsch zum Internationalen Frauentag geäußert hat.

Allerdings  auch die von Aristophanes empfohlene Art des Frauenfriedenskampfes hat was für sich. Wie wäre es, wenn Ludmila Putina, Doris Schröder- Köpf, Frau Chirac  und andere First Ladies Europas ihren Gemahlen das Ultimatum stellten, entweder stehen diese ihren Mann in der Auseinandersetzung mit den Amis oder... Wir appellieren auch an Frau  Bush, sich dem Kampf gegen den Krieg mit friedlichen, aber wirksamen Mitteln anzuschließen.

ANHANG: Gemeinsame Erklärung der Bundesministerinnen und der Staatsministerin zum Internationalen Frauentag (gekürzt):

Der Krieg darf kein Mittel der Politik sein. Das gilt auch gegenüber dem Irak.

Sollte trotz aller Anstrengungen ein Irakkrieg nicht verhindert werden
können, so wird er fürchterliche Folgen haben - vor allem für die
Zivilbevölkerung, für Frauen und Kinder.

Die historische Erfahrung zeigt: Waren in den Kriegen bis Anfang des
20. Jahrhunderts noch rund 90 Prozent aller Getöteten und Verwundeten
Soldaten, so hat sich am Ende des 20. Jahrhunderts die Opferbilanz
umgedreht. In den "neuen Kriegen" machen die Zivilbevölkerung, Frauen
und Kinder, inzwischen 80 Prozent aller Opfer aus.

Die historische Erfahrung zeigt auch: Trotz ihrer Jahrhunderte langen
politischen und gesellschaftlichen Unterdrückung sind es Frauen, die
sich aktiv und leidenschaftlich für Frieden und gegen den Krieg
eingesetzt haben. Aus gutem Grund wurde der Friedensnobelpreis 1905
zum ersten Mal an eine Frau, die Friedensaktivistin Bertha von
Suttner, verliehen. Frauen in der Friedensbewegung vor und während des
ersten Weltkriegs, Frauen im Widerstand gegen die Nazi-Barbarei,
Frauen in Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg, die "Madres de
Plaza de Mayo" in Buenos Aires, die russischen Mütter-Initiative gegen
den Tschetschenienkrieg, die "Frauen in Schwarz", die seit 1998 mit
einer Friedensschule durch die Städte Serbiens, Montenegros und der
Region reisen - sie alle sind uns Vorbild und Ermutigung.

Wir engagieren uns für eine neue, gerechtere Weltordnung. Zu den
notwendigen Schritten dorthin gehört die weitere Verrechtlichung und
Multilateralisierung der internationalen Beziehungen durch
Einbeziehung und Stärkung aller Partner. Die Stärke des Rechts, nicht
das Recht des Stärkeren muss die Oberhand behalten.

Verrechtlichung und Multilateralisierung müssen einher gehen mit der Konzentration der
globalen Finanzmittel auf den Kampf gegen Armut, Ungerechtigkeit und
Ausgrenzung. Denn das ist der zentrale Hebel für die Prävention von
Krisen, Gewalt und Terror."

8.3.03          Михаил Сергеевич Горбачев  

IN MEMORIAM SERGEI JUSCHENKOW

 

Am 17. 4. 03 wurde Sergei N. Juschenkow in Moskau erschossen. Ein bestellter Killermord.

 

Juschenkow war ein exponierter liberaler Politiker. Diese leben in Russland gefährlich. Vor einiger Zeit wurde eine eloquente liberale Dame, Galina Starowoitowa,  in Petersburg gekillt.  Dann ein Mann, wie Juschenkow  Kovorsitzender der liberalen Partei Russlands.

 

Juschenkow machte die Bilderbuchkarriere eines russischen Liberalen. Zufälligerweise hatte  ein führendes Vorstandsmitglied des matrjoschka-Konzerns  Kontakt mit ihm, als er (Juschenkow) noch ein der Öffentlichkeit unbekannter Oberst der Sowjetarmee war. Damals erforschte er die Untergrundpresse der Sowjetunion an der Moskauer Uni. Keine typische Beschäftigung für einen Politoberst.

 

Nicht weniger untypisch war sein Engagement für einen fast zweihundert Jahre alten Ahornbaum. Er stand in einer Moskauer  Straße, die  damals noch Worowski- Straße hieß-  zum Gedenken an einen russischen kommunistischen Diplomaten, der in den zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Schweiz gekillt  worden war. Jetzt heißt sie wieder wie unter den Zaren Powarskaja, vom Wort повар – der Koch, da hier mal im Kreml angestellte Köche lebten.   Zur fraglichen Zeit residierten hier mehrere  ausländische Botschaften. Eine  davon wollte sich erweitern und vereinbarte mit der zuständigen Behörde die Übergabe eines grünen Fleckchens, wo der erwähnte Baum stand. Der Baum musste weg, um dem Neubau Platz zu machen. Aber die  sowjetische Gepflogenheit, wonach die Behörden entscheiden durften, wo welcher Baum wuchs, griffen nicht mehr so resolut wie früher. Also die durch die Kunde von der Perestroika a la Mischa G. sensibilisierte  Öffentlichkeit bildete einen Ausschuss zur Rettung des Ahorns. Um der Angelegenheit mehr Gewicht zu verleihen, führte man die alte Mär ins Feld, unter dem Ahorn hätte selbst Alexander Puschkin Schatten gesucht. Übrigens nicht  ganz ausgeschlossen, da vor 200 Jahren in der gegenüberliegenden alten Kirche der Nationaldichter getraut wurde. Wie dem auch sei, kam es zu einem heftigen Streit zwischen der Behörde und dem öffentlichen Ahornrettungsausschuss, zu dem ersten seiner Art nach der Großen Sozialistischen  Oktoberrevolution 1917, die unter der Losung „alle Macht dem Volk“ absolviert worden war, aber leider Gottes das angekündigte  Ergebnis nicht gebracht hatte.

 

Den Sieg verdankte die Öffentlichkeit der umsichtigen, aber entschlossenen Führung des Obristen Sergei Juschenkow, der damit schwungvoll die ersten Sprossen der politischen Karriereleiter nahm. Bei den bald folgenden ersten freien Wahlen ins russische Parlament kam er hin und hat sich damit hervorgetan, dass er  die den meisten Abgeordneten noch eigene sowjetische Denkungsart wie ein Löwe bekämpfte. Von der Tribüne, wenn Mischa G. ihm das Wort erteilte.

 

Und jetzt musste er daran  glauben.

 

Wen störte der laute, aber auch lautere Mann, der in einer rein virtuellen Partei den Vorsitz führte? Ein Politiker, der – eine sehr seltene Ausnahme in der  russischen Staatsduma- keine Geschäfte machte, über kein Geld verfügte und  überhaupt eine Rolle spielte, die jedes politisches Theater braucht, um halbwegs glaubwürdig zu sein? Ist es in Russland  so weit gekommen, dass sich auf der  politischen Bühne sogar für einen einzigen Don Quichote kein Platz findet?     

 

Die russischen Analytiker sind ratlos. Der international anerkannte Augure,  Iwan Matrjoschkin, Esq., auch. Übrigens deprimierte der Auftragsmord  ihn tief. Er trägt sich mit dem Gedanken, Polizeischutz zu beantragen. Er meint, jetzt werden vielleicht alle Ahornretter einer nach dem anderen umgelegt. 

18.04.03

WAS VERSPRICHT  RUSSLAND DAS JAHR DER SCHWARZEN ZIEGE?

 

Kurz vor Jahresende forderte  Wladimir Schirinowskij  die Monarchie für Russland. Wer den Thron im Kreml besteigen soll,  wusste der russische Möllemann  bereits. Präsident Putin.

Zum Zaren Wladimir I. ausgerufen, würde er dem Land  Wohlstand und  hohes Ansehen sichern. Und die tschetschenischen Rebellen wie der Zar Alexander I. vor ca.200  Jahren endlich zum Räson bringen.  

Vorläufig aber bleibt die kleine   Kaukasusrepublik unbefriedet. Das Attentat in Grosny, wo das Regierungsgebäude in die Luft flog, erinnerte daran. Auch der jüngste  Kongress der tschetschenischen Politiker, die sich gegenüber Moskau mehr oder weniger loyal gebärden, unter sich aber heillos zerstritten sind.

 

Es wird in Moskau gemunkelt, der Krieg in Tschetschenien ist  zu einer ertragsreichen Goldgrube für russische Generäle  und nicht nur für sie geworden. Für die russische Wirtschaft im Ganzen ist er dagegen ein Aderlass. Vorläufig lassen aber die hohen Erdölpreise  ihn finanzieren.  Sollten sie aber im Jahr 2003, wenn Russland seinen bisher größten Schuldendienst leisten muss,  sinken, wird das Land nach drei Jahren Aufschwung runtergerissen. Und da
 die Weltwirtschaft auch 2003 ihre Talfahrt  noch nicht beendet, ist es nicht auszuschließen.  Kein rosiger Ausblick auf das neue Jahr.

 

Zurück zu Putin stellen  Runet -  Auguren fast  unisono fest,  er baue seine Dominanz weiter aus. Obwohl die von ihm korrigierten Reformvorhaben  auf dem halben Wege stecken bleiben. Als ein aussagekräftiges Beispiel wird  die Justizreform zitiert. Sie sieht keine nennenswerte Stärkung der Rolle der Anwälte vor. Nicht die Geschworenen, sondern die Richter und die Staatsanwälte befinden weiterhin über das Schicksal der Angeklagten.  

Auch die Militärreform steckt im Sand. Der alternative Militärdienst wird kaum gewährt. Das heißt, die Zahl der Deserteure bleibt hoch und die Jagd auf die jungen Menschen, die den Militärdienst erst nicht antreten wollen, wie gehabt. Zu alldem beklagt das Runet wohl aus der Sorge auch um  eigene Zukunft den steigenden Druck auf die oppositionellen Medien in Russland.

 

Putin mit der Zarenkrone im Kreml ist wohl noch  ein Geck. Aber nicht jeder Zar in Russland muss eine Krone tragen. Stalin hat jedenfalls keine getragen.          

1.1.03.

QUO VADIS, RUSSLAND?

 

Fragen Runetanalytiker. Gemeint ist: welchen Weg schlägt  Russland nach dem Geiseldrama in Moskau ein? Den der USA nach dem 11.September 2001? Also, Verhärtung in der  Innenpolitik, militantes Vorgehen nach außen? Auf diese Fragen bietet das Runet antworten, die mitunter recht spekulativ anmuten. Eine davon lautet: 

Die Geiselnehmer, obwohl sie sich    brutal gebärdeten, waren nur die Vollstrecker, nicht die Urheber des Coups.  

Die tschetschenischen Geiselnehmer wurden missbraucht. Sie wussten das nicht. Sie wussten auch schlecht, was sie  wollten. Sie stellten mal eine, mal eine andere Forderung. Ihr vorgegebenes Ziel-  Einstellung der Kriegshandlungen in Tschetschenien und Abzug der russischen Truppen aus der nordkaukasischen Republik– war  von vornherein unerpressbar.   

 

Dagegen wissen die eigentlichen  Urheber des Attentats sehr gut, was sie wollen. Die Urheber, die nicht in Tschetschenien, sondern in Moskau zu suchen sind.

 

Was wollen sie aber?

 

Destabilisierung  des Regimes in Russland. Putins Regimes.

 

Deshalb hätte es wenig Sinn, die tschetschenische Spur zu verfolgen. Die Kremlspur sei die richtige. Die Spur, die zu jenen führt, die   militanter, viel nationalistischer sind als Putin. Die ihn für einen Erfüllungspolitiker des Westens halten. Für einen Erben von Jelzin und Gorbatschow. 

 

Es geht also nicht um die Zukunft Tschetscheniens. Es geht um die russische Zukunft.

 

Diese Hypothese lässt Vorgänge erklären, die sonst rätselhaft erscheinen müssen. Den unbehinderten Marsch des Terrorkommandos durch das russische Gebiet von Stützpunkten im Nordkaukasus bis zur Stadtmitte in Moskau. Immerhin 1500 Km. Durch alle Kontrollpunkte und Sperren. 

 

Auch die ungestörte Vorbereitung der Geiselnahme in Moskau. Sie schloss die Erkundung der Gegend, die Wahl des Tatortes, die Anhäufung des Sprengstoffes im Theatergebäude ein. Alles wurde abgewickelt, ohne dass Horch und Guck etwas merkten. Schliefen sie etwa? Und die V-Leute unter den Banditen auch?  Oder waren sie von jenen irregeführt, die es kraft der Dienststellung konnten?

   

Das Unternehmen versprach einen sicheren Gewinn. Gibt Putin nach, entpuppt sich der vermeintliche Macho als Schwächling.  Gibt er nicht nach, sind hohe Opfer unvermeidlich. Die schwere Hypothek für einen, der  kam, um den Russen    low and order zu bringen. Sicherheit.

 

Ob die Rechnung der Hintermänner der Geiselnahme aufgeht, bleibt abzuwarten. Das Spiel ist noch nicht zu Ende. 

 

In den ersten Tagen nach der Geiselbefreiung überwiegt in der Bevölkerung die Freude darüber, dass die meisten Geiseln unversehrt sind und die Tschetschenen tot.

 

Ob die Freude lange hält? Ob sie nicht von der Wut über das Schicksal jener abgelöst wird,  die den Besuch eines Musicals  mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit  bezahlen mussten? Eines Musicals übrigens, das  unterschwellig den Stolz vermitteln sollte, ein Russe zu sein.

 

Die Hintermänner der Geiselnahme  appellieren an das arg strapazierte patriotische Gefühl vieler  Russen. Wenn der Appell ankommt, sind die Tage Putins im Kreml möglicherweise gezählt. Jedenfalls aber gerät er unter Druck, einen Bushman zu markieren. In Tschetschenien erst recht loszuschlagen.

 

Passiert es, sitzt Russland noch fester in der tschetschenischen Falle. Und verkracht sich endgültig mit den Muslimen. Innerhalb der eigenen Grenzen. Und draußen.

 

Zu Freud und Nutzen der Amis.  

 

Besonders gewagte Runet-Menschen gehen noch weiter. Sie schließen die amerikanische Spur in der Verschwörung nicht aus. Das Geiseldrama sei eine Quittung der USA für die Weigerung Russlands, im Irak mitzumachen. Und für den Trend im Kreml, mehr auf die EU als auf die USA zu setzen.

 

Wie dem auch sei: die Geiselnahme ist beendet, die  Fortsetzung der Intrige folgt.

 

27. 10. 02   

 

GEISELNAHME IN MOSKAU: EINE VERRÜCKTE HYPOTHESE, EIN MEHR ODER WENIGER GLIMPFLICHES ENDE  UND EIN NACHSPIEL IM MATRJOSCHKA-TEAM

 

Betroffenheit, tiefste Trauer, Ratlosigkeit... So lässt sich mit  wenigen Worten  die aktuelle Stimmung in der matrjoschka- Truppe definieren. Nota bene: unter den weiblichen Holzpuppen. Das einzige männliche Mitglied des Kollektivs, Iwan Matrjoschkin, Esq., bleibt dagegen gefasst. Er entfaltet ein optimistisches Drehbuch des  Geschehens.

 

„Stellt Euch vor, - sagte er, – dass die Bomben, die die „Terroristen“ im Theatersaal überall hängen lassen, Attrappen sind.  Wie ihre Gewehre und Pistolen, die mit Platzpatronen schießen. Auch ihre tschetschenischen Bärte und Schnurrbärte seien  angeklebt. Kurz und gut, auf der Bühne des  Boulevardtheaters wird ein Medienspektakel aufgeführt. Von  sachkundiger Regie.

 

Unmöglich? Warum denn? In vielen Ländern, Deutschland eingeschlossen, gerät die Politik immer mehr zur Medienshow. Und da soll Russland  eine Ausnahme sein? Ein Land, wo das Tragische und Groteske bereits seit Jahrhunderten eng verflochten ist?  Wo es immer schwer fiel, zwischen Spiel und Ernst zu unterscheiden?

 

Nehmt die jüngste Vergangenheit! August 1991. Ein Staatsstreich, der keiner war, sondern eine eingehend geplante und sorgfältig aufgeführte Einmannshow. Mit Jelzins effektvollem Appell  von einem Panzer an die versammelte Menge, die Demokratie zu verteidigen.

 

Eine Show, die  alle Bestandteile eines guten Theaterstücks, in der richtigen Folge abgespult, aufwies.  Verschwörung der bösen Geister. Angst und Bange um den strahlenden Helden. Triumph der Tugend. Eine Show, die dem neuen Russland, wo das aus dem Untergrund nach oben strebende große  Geld  das Heft in der Hand hat, Geburtshilfe leistete.

 

Oder Silvester 1999. Die spektakuläre Machtübergabe von Jelzin, inzwischen zum Gespött der Russen geworden, an den jungen, dynamischen Nachfolger Putin. Ausgerechnet am letzten Tag des alten Jahrtausends. Super symbolträchtig. Super theatralisch.

 

Ihr fragt: Angenommen, auch die Geiselnahme ist eine geschickte Aufführung. Was soll sie bezwecken? Nun, vielleicht einen  Rückzug Putins aus der blutigen Sackgasse des russischen Krieges in Tschetschenien. Des Krieges, der nach überwiegender Meinung der Russen  nicht mehr  zu gewinnen ist. Des Krieges, der von außen angeheizt und finanziert, zur Legitimation der Gewaltanwendung in der weiten Welt missbraucht wird, was sich mit der Zeit  gegen Russland selbst wenden lässt.

 

Putin, dem zu wenig Mitgefühl mit geschundenen Landsleuten und zu viel Härte vorgeworfen wurde, müsste es eigentlich nur gelegen sein, dem missglückten  Waffengang ein Ende zu setzen. Unter dem Vorwand, die Geisel retten zu wollen.

Das wäre eine elegante Lösung. Ohne Gesichtsverlust. Und vor den aufgerissenen  Augen der gesamten Weltöffentlichkeit.

 

Eine spekulative Variante? Gewiss. Aber sie erklärt, wie  der Coup der „Tschetschenen“ inmitten der russischen Hauptstadt möglich geworden ist. Und womit rechneten die „Terroristen“, als sie sich darauf einließen. Denn ein Blutbad könnten sie doch auf eine ganz andere Art anrichten. Mit  weniger Risiko.

 

Spekulativ oder nicht, wäre die angedeutete Variante jedoch viel besser als  jede andere. Viel optimistischer! Und ich halte mich an das Prinzip Hoffnung! Und  glaube an die Russen.

 

So sprach Matrjoschkin, Iwan.

 

Die weiblichen  Holzpuppen hörten dem Gespinne  mit abweisenden Gesichtern zu.  Einige holten die Luft durch ihre Nüstern, als suchten sie der eigentlichen Ursache der abenteuerlichen  Hypothese dadurch auf die Spur zu kommen. Aber das eingeübte Verfahren brachte keine eindeutigen Ergebnisse.

24.10.02.

 

WIRD RUSSLAND DAS JAHR  2014 ÜBERLEBEN?

Vor einem Viertel Jahrhundert kam ein aus der Sowjetunion  geschmuggeltes Manuskript mit dem Titel „Wird die Sowjetunion das Jahr 1984 überleben?“ im Westen heraus. Die Auslassungen  eines Studenten aus Moskau (Andrej Amalrik) wurden teils als sensationell, teils als oberflächlich empfunden. Kaum jemand glaubte jedoch ernsthaft daran, dem zweitmächtigsten Reich der Welt hätte die Stunde geschlagen.  Es war aber so. Etwas später, als vorausgesagt, haben wir erlebten es.

Jetzt wird immer öfter eine ähnliche Frage hinsichtlich der Zukunft des größten Nachfolgestaates der Sowjetunion gestellt. Wird die Russische Föderation das Jahr 2014 oder das Jahr 2024 überleben?

Das Forschungsteam von matrjoschka unter der Leitung des weltberühmten Ethnographen und Historikers Iwan Matrjoschkin, Esq., durchforstete das Runet, um den matrjoschka- Lesern in kurzen Thesen das Wesentliche dazu vorzustellen. Hier sind sie, die fünfzehn Thesen von matrjoschka :

1. Alles, was einen Anfang hat, muss auch ein Ende haben. Der Staat als Institution scheint ewig zu sein. Dem ist aber nicht so. Die Menschen lebten einst ohne. Und werden es wieder können.     

2. Wenn die Institution des Staates nicht ewig ist, müssen davon zuerst die  instabilen Staaten betroffen sein. Die Russische Föderation ist ein solcher Staat.  In vielerlei Hinsicht.

3. Dem widerspricht keinesfalls die Tatsache, dass die RF als souveräner Staat jung ist. Nicht jedes neugeborene Kind  erreicht ein hohes Alter. Manche sterben früh. Leider.

4. Die RF weist Bruchlinien auf, die sich kreuz und quer über ihr  Territorium ziehen und, wenn ein (politisches oder wirtschaftliches) Erdbeben  kommt, zu ihrem Auseinanderbrechen  führen können.

5. Dazu kommt ihre zivilisatorische Uneinheitlichkeit.  So hat sie eine Kernregion: die vorwiegend russisch besiedelten Gebiete  der kirchlich- orthodox geprägten Zivilisation (etwa 82 Prozent der Bevölkerung). Dann folgen nach der Bevölkerungsgröße die Regionen der islamischen Zivilisation (etwa 14- 15 Prozent der gesamten RF -Bevölkerung) in den Enklaven an der Wolga und im Nordkaukasus. Weiter die buddhistischen und lamaistischen  Regionen (Kalmykien, Tuwa, Burjatien u.a.).

Wenn der slawisch- orthodoxe Zivilisationskern eine eigene Schwerkraft besitzt und sich selbst genügt, sind die anderen der Anziehungskraft  großer Zivilisationen unterworfen, deren Schwerpunkte außerhalb der RF liegen.

6. In der Sowjetzeit überlagerte die kommunistische Ideologie die Zivilisationsunterschiede (worin auch ihre wichtigste Funktion bestand). Jetzt treten diese immer stärker zutage und gefährden die Zukunft der RF. Die Regionalisierung der Russischen Föderation nach der konfessionellen Zugehörigkeit der Regionen gewinnt immer mehr an Bedeutung.

7. Die RF ist die Heimat von über 100 Völkern. Sprachlich teilen sie sich in zwei große Gruppen: die slawische (Russen, Ukrainer, Belorussen) und die türkische (Tataren, Jakuten, Tscherkessen usw.). Die slawische bzw. die türkische Identität ist ein wesentliches Merkmal des  Selbstverständnisses eines RF- Bürgers. 

8. Außerdem zieht sich die Bruchlinie auch durch die  slawischen Gebiete der RF. Wenn auch weniger spektakulär, teilt sich das russische Kernland  in Nord- und Südrussland. Ein Russe aus den Regionen, die nördlich von Moskau liegen, empfindet einen Russen aus den Regionen tiefer im Süden wenn nicht als fremd, dann als anfremdelnd. So kommt ihm der südrussische Dialekt unangenehm vor ( wie einem Preußen das Bayerische und das Sächsische). Der Unbeliebtheit  von Gorbatschow in der russischen Bevölkerung trug seine unausrottbare südrussische Aussprache  bei, die von einem Moskauer und erst recht von einem Petersburger als vulgär empfunden wird.

9. Wirtschaftlich gingen Nord- und Südrussland   in der Geschichte verschiedene Wege. Im Norden bestimmte die Wald- im Süden  die Steppenlandschaft die Lebensweise. Im Norden – der Ackerbau, im Süden- Viehzucht die Wirtschaft. Im Norden – die Sesshaftigkeit, im Süden- das Nomadentum die Sitten.

10. Die Nord- und die Südrussen sangen verschiedene Lieder, kochten verschiedene Gerichte, feierten verschiedene  Festen und wenn  auch dieselben, dann auf verschiedene Art. Sie unterscheiden sich nach  dem Temperament, der Mentalität, dem Lebensstil, den Gepflogenheiten usw. Wenn man eine Reise vom Norden Russlands in den Süden macht, merkt man plötzlich, man ist in einem anderen Land. 

So gibt es vom Standpunkt eines Sprachforschers oder Ethnographen  eher zwei Volker, das nordrussische und das südrussische als ein und dasselbe  russische Volk.

11. Auch das politische Verhalten der Nord- und Südrussen ist nicht dasselbe. Die Steppe war schon immer der Hort von Aufruhr und Anarchie.

12. Noch eine Bruchlinie verläuft entlang der  Grenze zwischen den Kontinenten. Europa endet am Ural, weiter fängt Asien an. Die RF ist ein eurasischer Staat. Viele russischen Ideologen versuchten, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie verwiesen darauf, dass Russland  daraus  besondere Lebenskraft schöpft.

Aber die Geschichte lässt die These schwer aufrechterhalten. Denn alle anderen Versuche, eurasische Reiche für die Dauer aufzubauen, scheiterten. Die Reiche der Makedonier, der Griechen, der Römer,  Byzanz, der Tataren, der Osmanen  usw. erwiesen sich als Provisorien. Auch das russische Reich erlebte viel Troubles gerade deswegen, weil es sowohl in Europa, als auch in Asien lag.

13. Das Bilderbuchbeispiel Sibirien. Diese riesige Region befindet sich  mehrere Tausende Kilometer von den Schwerpunkten der europäischen Zivilisation entfernt und grenzt mehr oder weniger unmittelbar  an die militärisch, wirtschaftlich und ideologisch immer stärker werdenden Mächte des Ostens: China, Korea, Japan und andere. Relativ dünn besiedelt und mit Naturschätzen  begnadet, ist es ein Magnet für die gierigen, unter Überbevölkerung und Ressourcenknappheit leidenden Nachbarn. Es ist illusorisch anzunehmen, die RF würde Sibirien behalten können, wenn alles so weiter wie jetzt läuft. Aber der Verlust Sibiriens, auf welche Weise er auch erfolgen mag, wird  die ganze RF als  souveränen Staat sprengen.

Solange der Eiserne Vorhang existierte, kontrollierte  Kernrussland die Entwicklung. Die Öffnung Russlands im Zuge der Wende ließ die Alarmglocken läuten. Zwar erschloss Russland Sibirien für die europäische Zivilisation, aber die Früchte werden wohl andere ernten. Außereuropäische,  Europa wenig wohlgesinnte Mächte. Wenn sie Sibirien einheimsen, ist das bis jetzt für  Europa günstige Kräfteverhältnis zutiefst gestört. Europa kann sich dann einsargen.

14. Eine  Bruchlinie der Zivilisationen verläuft  auch zwischen  Kernrussland und Nordkaukasus. Der Nordkaukasus gehört erst seit 150 Jahren zu Russland   und liegt zwischen Europa und dem Orient. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetmacht feiern hier die Zustände, wie sie vor der von Russland bewirkten Modernisierung existierten, eine feierliche Wiedergeburt. Räuberei, Sklaventum, Blutrache. Die Industrie, das moderne Gesundheitswesen, die Volksbildung, die, wenn auch korrupt gewesene, aber kodifizierte Justiz werden erledigt. An der Grenze Europa entsteht der Stützpunkt einer Lebensweise, die mit der europäischen nichts zu tun hat.

15. Heißt  das, was hier  in  vierzehn Punkten aufgezählt wurde, dass die RF keine Zukunft hat. Das von Iwan Matrjoschkin, Esq. geführte Team vertritt einen anderen Standpunkt. Und zwar aus folgenden Gründen.

a)   In Europa, vielleicht auch in den USA, erkennt man bereits Anzeichen einer konstruktiven Änderung der Russlandpolitik. In den letzten Jahren stand sie, trotz vieler schöner Worte, unter der Prämisse, dem Westen ist ein geschwächtes Russland von Vorteil. Die Politik des kalten Krieges wirkte nach. Ob bewusst oder nicht, ließen sich die Eliten davon auch in der Zeit leiten, als die Konfrontation in Europa bereits passe war.

b)   Jetzt aber fängt ein richtiges Umdenken an. Man erkennt, wo die wahre Gefahr liegt. Nicht darin, dass Russland auf die Beine kommt. Sondern darin, dass der russische Staat, der ein Jahrtausend Europa vom Druck Asiens abschirmte,  keine Kraft mehr hat, diese Funktion auszuüben. Der 11. September 2001 half, die Maßstäbe der Gefahr bewusst zu machen.

c)    Die Russen waren nie ein Spielball der Geschichte. Letztendlich haben sie immer die Kraft gefunden, ihren Staat zu festigen. Ein Verschwinden des russischen Staates von der Weltkarte ist undenkbar. Auch wenn alles, was einen Anfang hat, sein Ende findet, bleibt er solange bestehen, wie der Staat als Institution  seine Berechtigung behält. Und das dauert wohl noch. Trotz der Globalisierung.

    6.09.02          

ZWISCHEN BAUM UND BORKE 

Brief eines vermeintlichen  Eurasiers

  Liebes matrjoschka-team,

in einem  Beitrag von heute berichtest Du vom Zoff zwischen W. Putin und A. Lukaschenko (siehe den Link von der Dame mit dem Besen. Anm. von m.) und machst das mit unverhohlener Genugtuung.  Dabei ist  Lukaschenko der letzte Staatschef eines Nachfolgestaates der Sowjetunion, der mit Russland noch  gemeinsame Sache  machen wollte. Alle anderen wollen nicht. Die Ukraine klopft lautstark an der NATO- Tür. Die kaukasischen Republiken suchen sich andere Beschützer. Die mittelasiatischen auch. Die Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) war vom Anfang an kein lebensfähiges  Kind. Jetzt aber, nach zehn Jahren seit ihrer Gründung, bietet sie das unansehnliche  Bild einer verwesenden Leiche.

An Russland Stelle  wetteifern  die USA, stellvertretend auch die Türkei, Deutschland, England, Frankreich, Japan, China usw. um den Einfluss in den ehemaligen Randdomänen des Kreml. Es ist wohl unvermeidlich gewesen, dass das mächtige sowjetische Reich zerfiel: Zu viel hat die selbstgefällige und größenwahnsinnige Sowjetführung  ihm zugemutet. Aber dass die ehemaligen Randrepubliken der Sowjetunion  um das Kernland Russland einen sich immer feindseliger gebärdenden Ring bilden, wäre wohl zu vermeiden gewesen. Bloß  unter einer anderen Führung. Nicht unter den Erfüllungspolitikern Gorbatschow und Jelzin.

Jetzt hat man den Eindruck, es geht allmählich darum, dem russischen Bären sein Fell abzuziehen, seine Knochen abzutrennen und sein Fleisch zu zerteilen.  Die Jäger des Abendlandes wetzen schon ihre Messer.

Allein bewältigen sie das Vorhaben allerdings nicht. Wollen sie  auch nicht. Zu umständlich, risiko- und opferreich. In einer zivilisierten Welt wird es anders gemacht. Die willigen Knappen sollen her. Und diese stehen schon Schlange. Aus Taschkent, Tbilissi, Kiew...

Allerdings lassen wir nicht die Hoffnung fahren, in den Eliten des Abendlandes wird nicht die blinde Gier  nach Beute siegen, sondern Weitblick. Wie man über das Zarenreich und über seinen Erben, das Sowjetreich, auch urteilen mag, waren die beiden ein Ordnungsfaktor zwischen  Atlantik und Pazifik.  Das Gespenst der russischen und dann der sowjetischen Gefahr war zwar in den Schlagzeilen der freien Presse immer präsent, dennoch wussten die Eingeweihten     in Washington, London, Paris,  und wie die Hochburgen der abendländischen  Eliten sonst noch heißen,   Bescheid. Und zwar über die Rolle Russlands bei der Abwehr von Milliarden farbigen  Stiefkindern der industriellen Zivilisation. Die Rolle Russlands, das bereits vor 800 Jahren die berittenen Horden der Mongolen von Europa abhielt. Hätte es dies unter riesigen Opfern nicht getan, müssten wir jetzt Pferdefleisch kauen. Aber verschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben.

Die endgültige Zerstörung Russlands würde die Hauptstrasse  der neuen Völkerwanderung öffnen.  Hin zum  Überfluss.   Erst recht, wenn diese Zerstörung Russlands unter Anspruchnahme von Knappendiensten der Usbeken, Kasachen und anderer Völker  Mittelasiens oder Tschetschenen, Aserbaidschaner  und anderer Völker des Kaukasus   stattfindet. Dann ade Europa!

PS. Wir bringen den Brief des Lesers von matrjoschka- online ohne dass wir ihm in allen Punkten zustimmen. Leider ist unser Experte für komplizierte Prozesse auf dem Globus, Iwan Matrjoschkin, Esq.,  unterwegs. Mit Reisegeld aus der Kasse des Konzerns versorgt, brach er zum Empfang eines Autokonvois aus Russland auf, der in Deutschland eintrifft, um bei der Abwehr der Sintflut zu helfen (zur Zeit wohl aktueller als die Abwehr, von der unser Leser schreibt). Wenn der Esquire, der beim letzten redaktionellen Versuch, fernamtlich seinen Standort zu ermitteln, etwas Unzusammenreimendes lallte,  wieder im Berliner Hochhaus von matrjoschka auftaucht, analysiert er die Thesen des Lesers, der mit „Ein Eurasier“ unterschrieben hat.        

22.8.02

QUO VADIS, RUSSLAND?

Gewiss ist der Anlass, erneut darüber zu rätseln, auf den ersten Blick der Bedeutung der Frage nicht ganz angemessen. Obwohl die Moskauer Krawalle bei der Fernsehübertragung des vom Russland verlorenen Fußballspiels gegen Japan, abgesehen von vielen verwüsteten  Geschäften und demolierten Autos,  zwei Todesopfer forderten, sind sie  weitweit nichts Außergewöhnliches.   Auch anderswo schlugen  die Leidenschaften um den ledernen Fetisch hoch. Doch wurden das  in anderen Ländern mit Lächeln, schlimmstenfalls mit Schulterzucken quittiert. Und niemand fragte, wohin denn dieses oder jenes Land steuert, wenn seine Fußballfans die öffentliche Ordnung  auf den Kopf  stellen.

In Russland war es anders. Hier wirbelten  die Krawalle  viel Staub auf. Das große Rätselraten um die im Titel des Editorials zitierte Frage ging wieder los. Wovon zeugt das? Von einer inneren Unsicherheit in der Gesellschaft? Schon möglich, gibt es doch genug Gründe dafür.

Tatsächlich wagt kein ernst zu nehmender Beobachter der russischen Szene  die Behauptung, Russland hätte sich endgültig stabilisiert und steuert einer sicher voraussagbaren Zukunft entgegen. Auch unter der  starken  Präsidentschaft von Wladimir Putin spricht zu viel gegen diese, von allen Freunden Russlands ersehnte Diagnose. Die andauernde Kapitalflucht aus dem Lande. Die offensichtliche Abhängigkeit der einzigen in Russland boomenden Energieträger- und Rohstoffwirtschaft von den schwankenden Weltmarktpreisen, mit der  bei weitem nicht überwundenen   Krise der verarbeitenden Industrie gekoppelt. Die Käuflichkeit der Behörden und der Presse. Die unverändert hohe Gewaltkriminalität,  an fast täglichen  Morden von Staatsbeamten und  Geschäftsleuten ablesbar.

Wenn auch ein zaghafter Trend zur Besserung der Allgemeinlage  unbestreitbar ist,  von einer nachhaltigen Entwicklung zu sprechen, hieße, sich im Wunschdenken zu üben.

Wird das im Westen wahrgenommen, hört man  die resignierende Feststellung, in einem  Land wie Russland müssen wohl mindestens zwei-drei Generationswechsel stattfinden, damit die neuen Verhaltensweisen  einkehren. Ist es aber wirklich so, dass ein  Generationswechsel Russland automatisch voranbringt? Auch wenn eine Generation zum Zuge kommt, deren Angehörige, chauvinistische, fremdenfeindliche Parolen rufend, unlängst die Moskauer Mitte demolierten?    

Zwar bescheinigt  die Moskauer Miliz den Randalierern  Harmlosigkeit,  spricht von Fans und Hooligans, die sich austoben wollten, um sich danach wieder dem Alltag   zuzuwenden. Aber in der entfachten öffentlichen Debatte wurde es als   Vertuschung des eigenen Unvermögens oder sogar eines versteckten Zusammenspiels mit dem Mob abgetan. Mit recht. Denn es ist bei weitem nicht die erste Kundgebung der in den Tiefen der Gesellschaft vermutlich  reifenden destruktiven Kräfte. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich in  letzter Zeit immer öfter. Zum Beispiel vor wenigen Monaten  auf einem Markt im Moskauer Vorort  Zarizino. Auch mit Todesopfern und großem Sachschaden.

Die Pogromhelden- oder wenigstens ihre Anführer- tragen oft wenig abgewandelte Hakenkreuze oder Runen  und beten die entsprechenden deutschen Vorbilder an. Insofern hat  das böse Wort vom Weimarer Russland   Sinn.  Wollen wir aber die mentale Ansteckung aus der deutschen,   mehr oder weniger bewältigten Vergangenheit   nicht überbewerten. Die Hakenkreuzträger  gäbe es im heutigen Russland nicht, hätten seine aktuellen sozialen Verhältnisse  und seine jüngste Sozialgeschichte keine Ähnlichkeit mit denen im damaligen Deutschland. Die Ähnlichkeit   ist aber nicht zu leugnen, auch wenn Putin kein Hindenburg und ein russischer Hitler (noch?) nicht in Sicht ist.

Was haben denn die jungen Leute erlebt, die an der Kremlmauer tobten? Den plötzlichen Zusammenbruch einer Ordnung, die zwar vom Ansatz her falsch, aber trotzdem ziemlich  fest zusammengefügt war. Das rapide  Entstehen einer kleinen, arroganten  Schicht von Superreichen vor dem Hintergrund eines, selbst in Russland noch nie da gewesenen Massenelends. Den Verfall aller in der Transformationszeit gepriesenen  Werte, die sich als Instrument machthungriger Politiker und dollargeiler Privatisierer entpuppten. Käuflichkeit, wohin man auch blickt, angefangenen beim Klassenlehrer, der von seinem Gehalt  nicht leben kann. Einen fast zehnjährigen Krieg gegen ein kleines Volk im Nordkaukasus, reich an  Massakern der Zivilbevölkerung, Raubzügen,  Vergewaltigungen und  Generalsaffären. Muss da „Mein Kampf“ gelesen werden, um die Lust zu bekommen, wild nach rechts und links zu schlagen?                 

Nota bene: Es geht hier um eine Generation, die wenig aus der Sowjetzeit mitbekommen hat. Es ist aber sehr fraglich, ob sie dadurch unbedingt besser ist, als die der Väter. 

Auch fragt man sich, ob die nächste unbedingt besser sein wird als die jetzige? Wo liegt die Gewähr  dafür, wenn sich die sozialen Verhältnisse nicht grundlegend bessern und erst recht- wenn sie sich noch mehr verschlechtern? Das soziale Gedächtnis stirbt nicht mit einer Generation. Es geht auf die nächste über, es kumuliert  negative Erfahrungen. In der Mentalität der jetzigen Generation in Russland leben die bitteren  Enttäuschungen des Pseudokommunismus weiter.  Und die bitteren Erfahrungen des Postkommunismus oder des Antikommunismus kommen dazu. Die nächste Generationen erbt das Gedankengut.  Es gibt deshalb keinen Grund anzunehmen, dass  das zukünftige  Russland sein Leben noch bereitwilliger nach gutgemeinten Ratschlägen aus dem Westen ausrichtet. Eher schon im Gegenteil. Wenn es weiter so geht, ist auf ein pflegeleichtes Russland, das wie ein frisierter Pudel an der Leine trippelt, wenig Hoffnung. 

Besonders wenn das Abendland  seine eigenen Probleme nicht löst, die auf das viel schwächere  Russland mit doppelter und dreifacher Wucht zurückschlagen. Und wenn die viel beschworene Zusammenarbeit mit Russland weiter nach der verkürzt verstandenen  eigenen Interessenlage gestaltet wird.          

Gibt es da keine Wende, kann sich die westliche Welt vermutlich auf eine neue Gefahr aus dem Osten gefasst machen, die zwar anders als die einst befürchtete ist, aber auch  ein größeres Potenzial hat. Jedenfalls wird sie  nicht durch ein seniles Politbüro, sondern durch tatkräftige Jugend repräsentiert, die ihr Kommen mit den jüngsten Krawallen in der Moskauer Stadtmitte  ankündigte. 

Mit freundlicher Genehmigung des in Berlin erscheinenden Magazins "Wostok". 

26.6.02

KEHRT STALIN NACH RUSSLAND ZURÜCK?

Ja, behauptet der russische Politologe Nikolai Gulbinski, Chefredakteur einer linksliberalen Zeitung,   auf der Runetsite APN. Anlass gab ihm die Verhaftung des Literaten Eduard Limonow, bekannt durch seine linksradikalen publizistischen Auftritte. Zwar bestreitet Gulbinski nicht, dass Limonow manchmal die Grenze des Strafbaren überschritt, lehnt aber  die strafrechtliche Verfolgung der  Presseäußerungen    grundsätzlich ab. Auch das  Verbot von eindeutig extremistischen Werken. Der Extremismus wird nicht von Schriftstellern geschürt, sondern von Staatsmännern, die eine falsche Politik durchführen. Hat etwa Limonow  neunzig Prozent der russischen Bevölkerung ins Elend gestürzt, fragt Gulbinski.  Hat er 1993   Panzer gegen das unbotmäßige russische Parlament  in Moskau auffahren lassen? Hat er die Finanzkrise von 1998 verschuldet, die die Spareinlagen entwertete? Hat er   im Westen 150 Milliarden Dollar  geliehen und verschwinden lassen? Hat er den Krieg gegen Tschetschenien ausgelöst? Auch wirft der Politologe Gulbinski  dem Westen vor, selektiv die Pressefreiheit in Russland zu verteidigen. Als es um einen russischen Medienmagnaten ging, waren die westlichen Anwälte der Pressefreiheit zur Stelle. Für den verhafteten Schriftsteller Limonow rührt sich keine Hand, weil er antiwestlich wirkte.

Dieselbe Runetquelle, APN.ru, erteilt Lesern das Wort über Limonows Verhaftung,  die in einer anderen Ecke als Gulbinski angesiedelt sind.    Diese glorifizieren die Herrschaft  Stalins (gest. 1953).  Der Diktator hätte dem russischen Volk Brot und Ordnung gesichert und Russland zu einer superstarken Weltmacht gemacht. Es sei Zeit darüber nachzudenken, was die Entstalinisierung und die spätere „Perestroika“ Russland gebracht hat. Limonow und seine Mannen hätten sich nicht nur darüber Gedanken gemacht, sondern auch etwas zur Schadensbegrenzung unternehmen  wollen. Das sei ihnen zum Verhängnis geworden. Der grundsätzliche Fehler Putins bestehe nicht darin, dass er,  indem  er einen Limonow einlochen ließ,  Stalin mit seinem Meinungsdiktat nach Russland zurückholte, sondern darin, dass er sich damit dem Westen andiente.       

5.2.02

DER FLUG DES DOPPELKÖPFIGEN ADLERS

Das russische Wappentier hat zwei Köpfe, weil das Zarenreich, wo es gezüchtigt wurde, sich sowohl im Westen, in Europa, als auch im Osten, in Asien, stark engagierte. Damit ist es vorbei. Jetzt starrt   Russland gen Westen. Der Doppeladler muss neu gedeutet werden. OG.ru  meint, jetzt symbolisiere  der Vogel die Unvereinbarkeit der russischen Innen- und Außenpolitik. Die erste blicke in die Vergangenheit, die zweite in die Zukunft.

 

Noch vor wenigen Jahren schien es, die Liberalisierung  Russlands sei eine unabdingbare Voraussetzung seiner Westintegration. Die Erfahrungen der allerletzten Zeit lassen eher ein umgekehrtes Verhältnis vermuten. Unter Putin vollziehe sich ein rapider Abbau der demokratischen Rechte und Freiheiten  wie er unter seinen Vorgängern  nicht stattfand. Im gleichen Tempo nähert sich Russland dem Westen an.

 

Das erklärt sich durch die ambivalente Einstellung der Russen zum Westen. Zwar wollen sie „wie im Westen“ gedeihlich leben,  hängen aber  an ihren eigenen Kulturwerten. Deshalb erfordert die konsequente Eingliederung Russlands ins westliche Bündnis, das sich nach dem 11.9.2001 immer mehr als  Kampfverband gegen andere Zivilisationen versteht,  einen gewissen Druck von oben auf die russische Bevölkerung. Die Russen müssen mit der Knute zu ihrem Glück gezwungen werden. Putin tut es. Und solange Russland im Westen gebraucht wird, unterstützen die westlichen Partner sein Vorgehen, auch wenn es mit den (früher?) geheiligten Werten des Abendlandes  kollidiert.   

18.06.02     

DIE RUSSISCHEN GLATZEN

Dieser Tage besuchten mehrere Botschafter  aus West und Ost den russischen Außenminister Igor Iwanow,  um ihr Befremden darüber zum Ausdruck zu bringen, dass Gäste aus ihren Ländern auf Moskauer Strassen angepöbelt, geschlagen, mitunter auch erschlagen werden. Ob Russlands unter Putin gestärktes Nationalbewusstsein diese Ausdrucksform  braucht? - erkundigten sie sich.  Und ob die Glatzköpfe, die in der russischen Hauptstadt Jagd auf fremd aussehende  Männer und Frauen treiben, nicht gestoppt werden können?

Dem Vernehmen nach zeigte sich Iwanow von der besten Seite. Er bedauerte die Zwischenfälle und versprach Abhilfe. Nach dem Gespräch ließ er die russischen Ordnungshüter wissen, dass die Jagd auf  Ausländer in Moskau die Beziehungen zwischen Russland und seinen Partnern  nicht sonderlich fördert. Auch die begehrten Investitionen der Ausländer  in die russische Wirtschaft nicht.

Es wäre natürlich verkehrt, hätte er seine ungebetenen Gäste darauf verwiesen, dass die Ausschreitungen gegen die Fremden in Moskau nach der von den USA vorgenommenen Selektion der Völker der Welt auf Gute und Böse etwas zugenommen haben. Verständlicherweise. Früher haben die russischen Skinheads Personen mit dunklem Teint, die in ihrer Sprache  Schwatzarschige  (черножопые) heißen, einfach so zusammengeschlagen. Jetzt können  sie es in dem Bewusstsein tun, zum Kampf gegen die Achse des Bösen  beizutragen. Denn die Guten und Bösen haben aus irgendeinem Grund verschiedene Hautfarbe.  Von Gott gezeichnet?

Auch hätte der russische Außenminister, wäre er weniger taktvoll, die Kläger  auf fremdenfeindliche  Ausschreitungen in ihren Ländern  verweisen können. Zum Beispiel den deutschen Botschafter darauf,  dass die sogenannten Russlanddeutschen, in ihrem historischen und heiß geliebten Vaterland angekommen, hier nicht immer ganz glücklich sind. Denn in den Augen vieler „Reichsdeutschen“ sind sie Russen. Und die Russen seien „Hunde und Schweine“. Jedenfalls dokumentieren mehrere deutsche Vereine diese Einstellung, die sich dem Kampf gegen  Fremdenhass verschrieben haben. 

Zwar hat die Bundesregierung vor einiger Zeit dankenswerterweise zum Aufstand der Anständigen   gegen die Xenophobie aufgerufen. Aber der Erfolg des Aufstandes ist anscheinend mäßig.  In etwa so groß  wie der des Kampfbundes  gegen die Arbeitslosigkeit.     

Übertreiben darf man allerdings auch nicht. Den Ausländern oder solchen, die für diese gehalten werden, passiert in Deutschland  Schlimmes seltener als in Russland.  Deutschland ist eben ein kulturvolles Land, das seine Vergangenheit bewältigt hat.  

Die tiefsten Wurzeln des Fremdenhasses sind allerdings eher in der Gegenwart als in der Vergangenheit zu suchen. Und sie sind in Deutschland und Russland wohl die gleichen. Frust. Einer, der frustriert ist, glaubt zu gern, es seien die Fremden, die ihm das Leben vermiesen. 

Unser Kontinent schreitet munter zur Integration, doch der Fremdenhass scheint, auch  im vereinten Europa, einen festen Platz zu haben.  Mitunter gewinnt man sogar den Eindruck, die Glatzen  nutzen die Freizügigkeit im neuen Europa, um sich zu vereinigen.  Skinheads aller Länder vereinigt Euch, lautet die Parole einer neuen Internationale. Eine zukunftsträchtige Parole. Die Glatze ist überall dieselbe. Im Unterschied zur Frisur...

In den Moskauer Zimmervermietungsannoncen   ist immer öfter  zu lesen, nur ein Mensch slawischer Herkunft komme als Mieter in Frage. In Deutschland wäre dies strafbar.

Einst war Deutschland das Spitzenland der Rassendiskriminierung. Jetzt ist das ehemalige Land des proletarischen Internationalismus im Begriff, die freigewordene Stelle zu besetzen.  So ändern sich die Zeiten.

22.5.02 

 

KOLOKOL?

 

Die Glocke, heißt es auf gut Deutsch. So lautete der Titel einer Zeitung, die ein berühmter russischer Dissident des XIX. Jahrhunderts, Alexander Herzen, in London herausgab und ins Zarenreich schmuggeln ließ.  „Kolokol“ wurde von dem ganzen  intellektuellen Russland gelesen. Die damaligen Menschenrechtskämpfer freuten sich ungemein, schwarz auf weiß erfahren zu dürfen, was für ein Schindluder die Zarenregierung mit Russland und den Russen treibt. Eine zeitlang beeinflusste das offene und leidenschaftliche Wort  die russische öffentliche Meinung im Zarenreich mehr als alle offiziellen  und offiziösen Medien der Regierung zusammengenommen. Herzen wurde zur Legende.  Lenin, der selbst eine Art „Kolokol“- „Iskra“, der Funke, in Deutschland  herausgab, zählte ihn zu seinen Vorgängern. 

Die Zeiten ändern sich. Jetzt hat man andere Mittel, um unerwünschte Aussagen die Grenzen passieren zu lassen. Der Hörfunk (sieh die Archivsparte „Inoweschtschanije“ von matrjoschka- online), noch wirksamer das Fernesehen. 

So will ein gewisser Boris Beresowski ein Fernseh- „Kolokol“ ins Leben  rufen. 

Zwischen Beresowski und Herzen fällt es allerdings schwer, ein Gleichniszeichen zu setzen. Herzen war adlig und arm. Boris Beresowski stammt aus keinem russischen Adelsgeschlecht. Und arm ist er  nicht. Im Gegenteil – einer von jenen frischgebackenen Milliardären, die in Russland der Wendezeit sehr produktiv das allgemeine Wirrwarr nutzten. 

Es lassen sich auch Parallelen ziehen. Wie Herzen anno dazumal hasst

Beresowski die russische Regierung. Auch wenn die Motive verschieden sind. Herzen hasste die Zarenregierung dafür, was sie dem Volke angetan hatte. Beresowski hasst  Putins Regierung dafür, was sie ihm persönlich angetan hatte. Er wollte nämlich nicht nur reich, sondern auch politisch einflussreich in Russland sein. Putin widersetzte sich dem Verlangen. So verkrachten sich beide. Beresowski erklärte Putin den heiligen Krieg. 

Sein Fernseh“Kolokol“ soll zur scharfen Waffe in dem Krieg werden. 

Er will den russischsprachigen Fernsehsender in den USA installieren. Die Programme sollen via Satellit weltweit empfangen werden können. Und unbarmherzig mit Putin abrechnen. Unter Beihilfe von erfahrenen Fernsehmenschen, die bereits an dem Fernsehsender NTV,  jetzt  stillgelegt, mitgearbeitet hatten. 

Mal sehen, was daraus wird. Mal sehen, ob das Debüt von Beresowski, als Alexander Herzen verkleidet, gelingt. Matrjoschka- online, leidenschaftliche Vorkämpferin für die Pressefreiheit, wird die Sache verfolgen. Schließlich meinen  die Holzpuppen, jedes freie Wort sei willkommen. 

Moment mal! Halten wir inne. Jedes? Oder doch nicht jedes? 

4.03.02            

           

 WIE DIE ZEITEN SICH ÄNDERN...

Vor etwa siebzig Jahren wurde in der Sowjetunion ein  Streifen  über ein Kind gedreht, das, wegen dunkler Hautfarbe im Westen schlecht behandelt, seine wahre, liebende Heimat im Land der Gleichberechtigung von  Menschen jeglicher Herkunft gefunden hätte. Damals ging   in Deutschland die Hetze gegen den Juden los. Und Jazz war als „Niggermusik“ verpönt. Verständlicherweise war der Film   als eine Art Stinkfinger gedacht, der auf Deutschland zeigte. Ein guter, ein rührender, ein antifaschistischer  Film. Die Zuschauer verließen  die Kinos mit Tränen. Und mit geballter Faust in der Hosentasche.

Der Kampf gegen Rassismus wurde sehr konsequent geführt, wie jeder Kampf in der Sowjetunion gegen Verbrechen des Kapitalismus sehr konsequent geführt wurde. So konsequent, dass die Nackedeis aus Plaste, mit denen kleine Kinder in die Badewanne gingen, nur weiß sein durften. Kleine Negerlein aus Plaste, die damals Zelluloid hieß,  waren verpönt, da ein Kind aus Versehen der Puppe ein Glied abreißen und damit ungewollt zum Rassisten in spe werden konnte, der die Schwarzen quält.

Den Sowjetmenschen  war das eingeschärft   worden,  was  ein liebes Berliner Mädchen  dem Verfasser unlängst öffnete. Dass die   Rassisten  Arschlöcher sind. Alle!

Leider aber wurde diese Offenbarung  nicht tief genug verinnerlicht. Sonst wäre nicht aus Moskau die Mitteilung gekommen, die dem Verfasser weh tat.  Darüber,   dass zur Zeit in Russland über  250 rassistische Gruppierungen tätig sind,   besonders stark gerade in Moskau (mit mindestens 10.000 gewaltbereiten Mitgliedern). Die Zahl der Opfer geht in die Tausende. Darunter viele dunkelhäutige  aus dem Ausland. Seit Mai 1990    mussten  104 davon ein Krankenhaus aufsuchen.  Vier Afrikaner wurden totgeschlagen.

Da auch Diplomaten nicht geschont werden, wenn ihre Hautfarbe nicht stimmt, musste der Doyen  des diplomatischen Korps  in der russischen Hauptstadt,  dunkelhäutiger  Botschafter eines afrikanischen Landes, bei der russischen Regierung offiziellen Protest wegen der Behandlung seiner Leidensgenossen auf der Strasse einlegen.

Das Moskauer AA riet dem Diplomaten, sich ans Innenministerium zu wenden. Dieses berief sich seinerseits darauf, dass ihm die nötigen Kräfte fehlen, um die Schläger von der Strasse fernzuhalten. Erst wenn eine effiziente Koordinierung seiner Bemühungen mit denen der Geheimdienste  erreicht ist, könnte man damit rechnen, dass die Offensive der Rassisten zurückgeschlagen wird.

Im Übrigen seien nicht nur „richtige“ Ausländer betroffen. Auch Kaukasier und Mittelasiaten  (d.h. Angehörige der einstigen „Brudervölker“ der Russen),  leben in Moskau gefährlich. Sehr gefährlich.

Aber sie können sich  wehren, was die Diplomaten weniger können.

Vielleicht wäre es angebracht, auf den Strassen der Hauptstadt  die Präsenz der regulären Armee zu zeigen. Aber die Armee ist in Tschetschenien sehr beschäftigt.

(Nach Presscenter.ru)

9.2.02

WAS FEHLT DEM KREML? 

K. Rogow, eine bemerkenswerte Figur im Runet (Polit.ru), meint, dem Kreml fehle eine starke liberale Partei. Nur sie könne der schwelenden Auseinandersetzung zwischen den zwei Flügeln des Putinregimes  ein Ende setzen. Zum einen zählt er „die Familie“. Das sind Oligarchen, die unter Gorbatschow und insbesondere unter Jelzin fette Stücke des sowjetischen Eigentums an sich reißen konnten. Sie sind nicht nur deswegen mächtig, weil sie reich sind. Inzwischen haben sie  Schlüsselpositionen des Staates in der Hand. Z.B. die Eisenbahnen, die zwar formell staatlich, aber in der Realität zu einer privaten „kormuschka“- Futternapf- geworden sind. Oder das Zollwesen, dessen Personal auf die „Nebeneinkünfte“ angewiesen ist. (Sonst müsste es verhungern.) 

Um das Sagen in diesen formell staatlichen, aber nach der ganzen Funktionsweise eher privaten Monopolen wird heftig gerungen. Auch mit Mitteln, die anderswo unüblich sind.

 Der andere Flügel im Kreml besteht aus den „Petersburgern“. Unter diesem Sammelbegriff werden vor allem Geheimdienstleute apostrophiert, die der russische Präsident noch in seiner Zeit an der Newa  gut kennt. Sie wollen ihren Platz an der Sonne behaupten und erweitern. Und pochen darauf, dass der Reichtum der Günstlinge der „Familie“  nicht ganz koscheren Ursprungs  sei. Denn die Beute der „Systemtransformation“ wurde nach den Regeln  einer Diebesbande verteilt.

 Hier macht  Polit.ru das Grundübel des  heutigen Russlands aus. Die fehlende Legitimierung des Reichtums. Und somit auch des Staates, der diesen Reichtum beschützen muss,  da er es mit den  Oligarchen nicht aufnehmen kann. 

 Allerdings kann der Präsident auch die „Petersburger“ nicht vor den Kopf stossen, die zwar viel weniger reich sind, aber viel reicher  werden wollen. Denn auch  auf ihre Unterstützung ist der Kreml angewiesen. Sie sind die Spitze des russischen Beamtentums, das mit jedem fertig wird, der sich an seinen Pfründen vergreift.

 Putin versuchte dem Zwang der Umstände auszuweichen, in dem er sowohl die einen, als auch die anderen in seinen Stab holte. Vor allem diejenigen, die ihm zuverlässig schienen. Aber das existentiell bedingte Tauziehen fand damit kein Ende.

 Im Runet wird zunehmend prophezeit, letztendlich behalten die „Petersburger“  Oberhand. Auch weil sie einen neuen Klüngel der Supergeschäftsleute unter ihren Verbündeten haben. Das sind die sogenannten „russischen Orthodoxen“. Die Bezeichnung, die darauf hinweisen soll, dass ihre ethnische Abstammung eine andere ist als die der Günstlinge der Familie. Eine russische.

 Aber auch der Sieg der „Petersburger“ würde nur zur Umverteilung des Eigentums, nicht aber zu dessen Legitimierung führen, gibt Polit.ru zu. Das verheißt weitere Umverteilungskämpfe.

 Den Vorgeschmack gibt die „Familie“ bereits jetzt, nämlich mit Pressetamtam, das Angst vor den „Petersburgern“ schüren soll. Sie werden verdächtigt, Russland mit eiserner Hand regieren zu wollen. Fast wie Stalin.

 Deswegen empfiehlt  Polit.ru auch die Schaffung einer dritten Kraft! Eines starken liberalen Establishments, das Gleichgewicht sichert.

 P.S. Glücklich sind die Länder, wo alles längst verteilt ist.

 11.12.01 

Russland auf dem Wege zur Diktatur?

(von einem Studenten der Leipziger Uni, der nicht genannt werden will, an Hand von Aufzeichnungen einer Vorlesung verfasst, deren Urheber er nicht nennen will).

In Russland ist nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems keine Demokratie entstanden, sondern ein autokratisches System, in welchem die Rechtssicherheit der Bürger nicht gewährleistet ist, auch wenn der Herrscher gewählt wird. Man nennt das eine "illiberal democracy".

Die Lage in Russland widerlegt das optimistische Bild, das sich der Westen jahrelang von der Zukunft der früheren Großmacht zurechtlegte. Jetzt häufen sich die besorgten Fragen. Sie laufen auf eine hinaus: droht Russland die Rückkehr zur Diktatur?

Oder anders ausgedrückt: Beschreitet Russland bereits den "Weg zum Faschismus"?

Das "Abgleiten in den Faschismus" könne weder eine starke Hand noch eine Medienkampagne verhindern, wenn nicht in kürzester Zeit die "Lumpenisierung" der Bevölkerung und die Kriminalisierung der Politiker zum Stillstand gebracht würden, prophezeite Wjatscheslaw Kostikow, der frühere Kremlsprecher.

Alexander Rahr schreibt im GUS-Barometer der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, der russische Präsident sei kein überzeugter Reformer, geschweige denn ein Demokrat. Ein faschistoides Russland wäre doppelt gefährlich, da es über Massenvernichtungswaffen verfügt.

Hinter diesen realen Befürchtungen für Russland im 21. Jahrhundert steht die Prognose von zwei unterschiedlichen Entwicklungstendenzen:

Die erste ist die "Tendenz zum Zerfall der staatlichen Zentralmacht" (A. Rahr). Der renommierte russische Publizist Boris Kagarlitzkij sieht nicht einmal eine Chance, das Staatswesen Russland zu erhalten.

Die zweite Entwicklungslinie in Rußland führt - ähnlich wie in etwa der Hälfte der sich demokratisierenden Transformationsländer der dritten und vierten Welle - zur Herausbildung einer nichtliberalen Demokratie (illiberal democracy), wo die Bürgerrechte auf unsicherem Fundament stehen.

Jedenfalls bleibt die Partizipation der Bevölkerung an der Politik auf den Urnengang beschränkt. Die lokale Selbstverwaltung ist unterentwickelt und unerwünscht. Inhalte und Ziele der Regierungstätigkeit liegen im Verborgenen. Die persönliche Bereicherung ist Motor und Maßstab des Machtkampfes.

"Die neue russische Machtelite ist weder demokratisch noch kommunistisch, weder konservativ noch liberal - sie ist lediglich unersättlich habgierig". Dieser Charakterisierung der politischen Klasse durch den Führer der liberalen Opposition, Grigorij Jawlinskij, lassen sich zahlreiche Nuancen hinzuzufügen. Die "Korruptionsanfälligkeit" und "Unreife" (Claude Frioux) klingen dabei noch wie subjektive Fehler, die der Annäherung an einen Marktkapitalismus nicht unbedingt im Wege stehen müssen. Doch zu dieser Annäherung kann es nicht kommen, weil die Räuber-Barone, statt ökonomische und soziale Probleme zu lösen, einen "kriminellen Staat" errichtet haben. George Soros und Alexander Solschenizyn unterscheiden sich kaum in der Aussage, dass die Privatisierung nichts anderes war als der massenhafte Raub des nationalen Eigentums.

Den Räuber-Baronen ist es sodann gelungen, demokratische Wahlen zu instrumentalisieren, schreibt Jawlinskij. Die Wahlen sind nur eine teure Fassade. Der Unterschied zum kommunistischen System ist insofern nur als graduell und nicht als qualitativ zu betrachten, da die Wahlen nicht zum Machtwechsel dienen, sondern zur Manipulation der schweigenden Mehrheit.

Der Westen hat erheblichen Anteil an diesem Zustand. In Jelzins Amtszeit gehörte es im Westen zum guten Ton, von der Obstruktionspolitik der Duma zu sprechen, also den Wählerauftrag zu ignorieren. Die nationalistisch-kommunistische Mehrheit in der Duma wurde im Westen routinemäßig mit abschätzigen Bemerkungen bedacht, als ob sie die Macht heimtückisch erschlichen und nicht durch Wahlen errungen, die von der EU und der OSZE als fair und frei anerkannt wurden.

Wie zu Sowjetzeiten, als der Westen Geschäfts- und Gesprächspartner in der oberen Nomenklatura der SU suchte und fand, waren auch in der postsowjetischen Ära die wichtigsten Kontakte der maßgeblichen westlichen Politiker auf die Oligarchie konzentriert. Die mächtige Riege der Kleptokraten versuchte erfolgreich, vom Westen mehr und mehr Geld zu bekommen, und die Gläubiger wollten mit "zuverlässigen" Managern der russischen Makroökonomie zu tun haben, sich aber nicht mit sozialen Verpflichtungen demokratischer Politik herumschlagen. Die internationalen Finanzorganisationen konnten bei ihrer Kreditpolitik zwar die Kräfteverhältnisse in Russland nicht gänzlich ignorieren, doch erwarteten sie, dass die Regierung ihrem Diktat Folge leistet.

Die monetaristische Reformstrategie des Westens lässt sich nur in einer nichtliberalen Demokratie durchsetzen. Die Exekutive müsse wie eine Faust funktionieren, forderte einst Anatoli Tschubais, Boris Jelzins Privatisierungsminister und Vizepremier, der häufig Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds führte. Nach Meinung von Gennadij Selesnjow, dem Vorsitzenden der Staatsduma, kann Russland die Auflagen der internationalen Finanzinstitutionen nur um den Preis einer strammen Diktatur erfüllen. Das mag übertrieben klingen, aber das gute Verhältnis der USA zu diktatorischen Regimes in Lateinamerika während des Kalten Krieges sollte nicht in Vergessenheit geraten.

In Russland reduziert die Verfassung die Möglichkeiten, die Regierung zu kontrollieren. Die Verabschiedung des Staatshaushalts gehört zu den beschränkten Kompetenzen der Duma. Der Haushaltsentwurf der Regierung kommt jedoch aus dem Finanzministerium, wo die Eckdaten mit dem IWF abgestimmt werden. Der Duma bleibt regelmäßig nur die Rolle, ihre Zustimmung zu einer Austerity-Politik zu geben und den Mangel zu verteilen.

Die monetaristische Reformkonzeption wie auch die damit verbundene "Geheimdiplomatie" des IWF trug zur Herausbildung einer Diktatur in Russland bei. Der Öffentlichkeit wurden die wichtigsten Details der Vereinbarungen nicht bekannt. Gerüchte über Washingtons Einflussnahme auf die Besetzung wichtiger Regierungsposten machten die Runde.

Den größten Schaden fügte jedoch die vom Westen gerühmten Stabilitätserfolge der wechselnden Regierungen zu. Um das Budgetdefizit und die Inflation auf das vom IWF gewünschte Niveau zu drücken, hat die Regierung Staatsaufträge und Staatsbedienstete oft nicht bezahlt. Die monatelange Verzögerung bei der Auszahlung von Löhnen und Renten bestätigte nur die landläufigen Vorurteile gegen den Westen. "Das letzte normale Jahr war 1990", bekundete eine Sprecherin der protestierenden Pädagogen.

Eine verhängnisvolle Rolle spielte Boris Jelzin. Bei der Politik der Preisfreigabe und der Privatisierung folgte er westlichem Rat und öffnete sein Land für westliche Konsumgüter und Kapitalanlagen.

Sein Ansehen im Westen und seine Popularität im Lande klafften nach kürzester Zeit auseinander. Dieses Schicksal teilte er mit seinem früheren Erzrivalen Michail Gorbatschow. Doch während dieser als Staatschef der Sowjetunion nach der von Jelzin betriebenen Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten im Dezember 1991 zurücktrat, wollte Boris Jelzin im Juni 1996 wiedergewählt werden. Zu Beginn des Wahlkampfes hatte Jelzin jedoch nur eine Wählerunterstützung zwischen drei und sechs Prozent.

Der Vorsprung des kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Gennadij Sjuganow sorgte im Jelzin-Lager und im Westen für Unruhe. Nach der Rückkehr ehemaliger Kommunisten an die Macht in Polen, Ungarn und Litauen erschien der Sieg des Kapitalismus noch nicht so endgültig wie vielfach angenommen. Und im Gegensatz zu Osteuropa hätte nicht eine reformkommunistisch oder sozialdemokratisch orientierte Linke den Wahlsieg errungen, sondern eine Partei, die auf Kontinuität mit dem alten Regime setzte und sich vom Westen abgrenzte. Diese Aussicht mobilisierte die Freunde Jelzins im Westen.

Anatolij Tschubais machte beim Internationalen Währungsfonds 10,2 Milliarden Dollar locker. Helmut Kohl kam seinem Sauna-Freund, dem Hauptimporteur deutscher Agrarprodukte, mit vier Milliarden Mark zu Hilfe. Auch Frankreich und andere Länder griffen in ihre Kassen. Jelzins Wahlkampf hat ein Mehrfaches der gesetzlich zulässigen 2,9 Millionen Dollar gekostet.

Das auffälligste Merkmal dieser Interventionen während der Präsidentenwahlen 1996 war, dass sie nicht der russischen Demokratie, sondern Boris Jelzin galten. Trotz angegriffener Gesundheit und seiner notorischen Neigung, Recht und Gesetz zu missachten, wenn es der Machterhaltung nützt, wurde er zum Garanten sowohl der politischen Stabilität als auch der kapitalistischen Transformation hochstilisiert und alimentiert. Das Bundeskanzleramt unter Helmut Kohl verfolgte die Politik, "Zeit zu kaufen" – Zeit für Geschäftsabschlüsse und für politischen Einfluss.

Dieses Ziel ist trotz der Zäsur der russischen Finanzkrise vom 17. August 1998 in beträchtlichem Maße erreicht worden. Jetzt liegen die Folgen der westlichen "Stabilisierungsstrategie" auf der Hand. Es sind eben die direkten und indirekten Langzeitfolgen der von vested interests geleiteten Intervention in Russland, die jetzt zu seiner Faschisierung zu führen drohen.

Die Gefahr liegt auch in der russischen Verfassung. Sie folgt nicht dem Modell des deutschen Grundgesetzes, obwohl Bonn viel in die Beratung und Fortbildung der Fachleute investiert hat. Die Grundrechte stehen nicht im ersten, sondern im zweiten Hauptteil, nach den Grundprinzipien des staatlichen Aufbaus - ähnlich wie in der Weimarer Verfassung. Und unter den "Rechten und Freiheiten der Menschen und Bürger" erscheint Artikel 29, die Meinungsfreiheit, erst an 13. Stelle.

Die Verfassungswirklichkeit hebelt selbst diese normativen Rechte weitgehend aus. Die Meinungsäußerung und die Meinungsverbreitung werden manipuliert. Dem investigativen oder kritischen Journalismus werden Grenzen durch mehrfache Auftragsmorde pro Jahr aufgezeigt.

Die Rechtsstaatlichkeit liegt in Russland im argen. Gerichtsentscheidungen herbeizuführen und durchzusetzen, ist einem Durchschnittsbürger ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Unabhängigkeit der Gerichte ist nicht garantiert. Unter dem Spardiktat des IWF kann der Staat nicht, auch wenn er das will, für seine Rechtsprechung aufkommen. Die Gerichte verlieren an Ansehen, die Eintreibung von Kreditforderungen hat die Mafia übernommen.

Das sind Marksteine auf Russlands Weg in eine ungewisse Zukunft.

Ist Russland bereits Weimar? Jedenfalls muss der Westen, um zu vermeiden, dass es in Russland zu einer vergleichbaren Entwicklung kommt, Lehren aus Weimar ziehen. Gesetzt den Fall, er will das Post-Weimar in Russland verhindern.

Nachdem Russland den Kalten Krieg verloren hat, darf das Friedensdiktat der Westmächte nicht weiterhin die Gefahr wirtschaftlicher Ausblutung des Landes (durch Schuldendienst oder internationale Finanzspekulation) fördern. Das ist das Minimum, das zu erwarten wäre.

 

 

 

STEUERT DIE MENSCHHEIT DER SELBSTVERNICHTUNG ZU?

AUF DEM HOLZWEG?

 

Die Frage bezieht sich auf Runet- Analytiker, die bemüht sind, die Kriegshandlungen im Irak vor dem Hintergrund der russischen Erfahrungen bei der Abwehr der deutschen Invasion 1941 – 1945 zu prognostizieren. Damit  vergleichen sie unterschwellig George W. Bush mit Adolf Hitler. Auch wenn es dazu manche Anknüpfungspunkte gibt,  gehen die Russen da entschieden zu weit und müssten zurückgepfiffen  werden, meint der weltbekannte Historiker, Iwan Matrjoschkin, Esq. 

 

Die vergleichsfreudigen Russen konzentrieren sich aber auf militärische Aspekte. So erinnern sie daran, dass das Scheitern der deutschen Wehrmacht in Russland  damit begann, dass der Vormarsch der Wehrmacht in den ersten Kriegsmonaten trotz des hohen Tempos (im Schnitt 100 km. pro Tag) doch langsamer war als geplant. Deshalb trat später „General Frost“ in Aktion, der wesentlich zu den Niederlagen der Wehrmacht  bei Moskau und Stalingrad beigetragen hat.

 

Zwar ist im Irak  kein Frost zu erwarten, aber eine für weiße Männer genauso oder noch unerträglichere Hitze  kann unter Umständen dieselbe Wirkung haben. Deswegen wollte das Pentagon einen Blitzkrieg wie er   1940- 1941 auch von Berlin  gewollt war. Aber der Blitzkrieg blieb auf den Generalstabskarten.  Damals wie Heute. 

 

Der andere Anknüpfungspunkt der Vergleiche: Wie die deutschen Generalstrabsstrategen 1940-1941 hätten auch  ihre amerikanischen Kollegen auf ein falsches Pferd gesetzt. Nämlich auf die Opposition  im Feindesland. Zwar gab es auch in Russland eine Opposition wie es sie jetzt im Irak gibt. Dennoch trug die Gefährdung  der nationalen  Souveränität und die barbarische Kriegführung der Gegner  nicht, wie erhofft, zu ihrer Konsolidierung, sondern zu ihrer Eindämmung  bei. In den Augen der Russen wurde sie zusehends zu einer Verräterklicke. Ähnliches vollziehe sich auch im Irak. Die erwarteten Massenaufstände gegen Hussein lassen auf sich warten. Das wirft die ganze Strategie des Angreifers  über den Haufen. Wie 1941- 1945 in Russland.

 

Auch versuchen die russischen Analytiker,  zwischen dem damaligen und jetzigen Wandel der öffentlichen Meinung in der Welt  eine Parallele zu ziehen. Wie damals Russland, so  gewinne jetzt  der Irak mit jedem Tag mehr Ansehen in der Welt. Die Vorbehalte gegen Saddam verlieren an Bedeutung  wie damals die Vorbehalte gegen  Stalin. Das erzeuge eine ungünstige Atmosphäre für die  Aggressoren. Damals und Heute.

 

Was aber unser Spezialist, Iwan Matrjoschkin, Esq., in manchen  russischen Reminiszenzen haarsträubend findet, ist die unterschwellige Gleichstellung der   Kämpfe in Stalingrad 1942-1943 mit den bevorstehenden in Bagdad. Zwar ist auch in der irakischen Hauptstadt   ein erbitterter Häuserkampf mit hohen Verlusten zu erwarten,  trotzdem hinke der Vergleich. Denn damals kämpften ungefähr gleiche Gegner. Die Deutschen und die Russen verfügten über ähnliche Rüstung und die zahlenmäßige  Truppenstärke war auch vergleichbar. Da das Kräftegefälle fehlte, war es kein  Zweikampf zwischen Goliath und David. Jetzt ist es ganz anders. Wie der Krieg auch ausgehen mag, bekleckern sich die GI-s deswegen nicht mit Ruhm, sondern mit Schande.

 

Tut mir leid, sagt Matrjoschkin, der sich um eine Anstellung im Weißen Haus bewarb.

 29.3.03   

Der Verfasser des folgenden Beitrags heißt Boris Rauschenbach. Er ist Russe deutscher Abstammung und die Nummer Eins in der russischen Physik der Gegenwart. Er beschäftigt sich aber nicht nur mit Physik, sondern auch – wie Einstein und Sacharow – mit der Gegenwart und Zukunft des Menschengeschlechts und schreibt Bücher darüber.

 

Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, dass die Menschheit noch hundert Jahre existiert, heißt es in dem neuesten Beitrag von ihm. Konsequent steuert sie auf den Moment zu, da die mögliche Selbstvernichtung real und aufgrund eines Fehlers sogar wahrscheinlich wird.

Der einzige Hoffnungsschimmer besteht darin, dass die Wege der Wissenschaft schwer voraussagbar sind. Darauf stieß ich beim Lesen von Büchern, in denen die wissenschaftliche Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts prognostiziert wurde, natürlich auch mit Hinblick auf das gerade zu Ende gegangene 20. Jahrhundert. Nie habe ich größeren Unsinn gelesen, obgleich die Verfasser zu den seriösen und angesehenen Wissenschaftlern zählten. Doch was konnten sie schon prophezeien, wenn ihnen nicht einmal im Traum eingefallen wäre, dass es das Radio, die Elektronik, Rechenmaschinen, Computer und das Internet geben wird?

Was beherrschte die Geister im19.Jahrhundert? Die Dampflok. In dem Film "Ankunft des Zuges" von den Brüdern Lumer fuhr die Lokomotive direkt auf die Zuschauer zu, viele sprangen erschrocken auf, liefen davon, die Damen fielen in Ohnmacht. Daraus schlussfolgerten die Gelehrten, dass im 20. Jahrhundert sehr große Lokomotiven auf sehr großen Gleisen fahren werden. Der Flugzeugbau steckte damals noch in den Anfängen. Ich erinnere mich an eine Karikatur aus dem 19.Jahrhundert. Luftschiffe gleiten über Strassen.

Der menschliche Geist vermag die nächsten zwei Stunden, vielleicht den nächsten Tag voraussehen. Brauchte der Urmensch die Fähigkeit, das Geschehen der kommenden zehn Jahre vorherzusehen? Nein. Er glaubte, alles bleibt wie es ist. Was sich in den nächsten zwei Stunden abspielt, das wusste er: Ich gehe in den Wald, schieße ein Tier, schleppe Holz herbei und ernähre meine Sippe. Sein Leben blieb immer gleich.

Jetzt verhält es sich umgekehrt. Das Leben ändert sich rasant, nach äußerst komplizierten Gesetzen. Vorhersagen können wir aber nur linear und nur das, was die direkte Fortsetzung der augenblicklichen Vorgänge darstellt, nicht aber die Entwicklung links rechts, oben unten, dorthin hierhin. Deshalb können wir nichts prognostizieren, nicht einmal die Wissenschaftsprofis. In zehn, zwanzig Jahren tritt etwas ein, wovon der Profi keine Ahnung hat. Er kann es sich nicht einmal ausdenken, so unvorhergesehen wird es sein. Das Unvorhersehbare vorhersehen, das ist zu hoch für den menschlichen Intellekt.

Ich würde es so formulieren: Das Unvorhersehbare, das in zwanzig Jahren eintritt, kann ich mir nicht vorstellen, das ist für alle unvorstellbar, besonders in der Wissenschaft. Ja, die Entwicklung wird fortgesetzt, alles geht seinen Gang, die Menschen werden ihren Alltag und ihre Arbeit noch intensiver technisieren. Die Entwicklung der Wissenschaft lässt sich bekanntlich nicht aufhalten. Wir werden also immer größere Leistungen sehen. Welche konkret, das weiß allerdings niemand.

Das Schlimme ist, dass die Wissenschaft Menschen mit Steinzeitintellekt riesige zerstörerische Kräfte in die Hand gibt.

Niemand will bewusst die totale Apokalypse. Dennoch wurde die Atombombe gebaut und gezündet. Ihre Erfinder hatten natürlich nur das Ziel, eine wissenschaftliche Aufgabe zu lösen, über die moralisch-ethischen Folgen machten sie sich keine Gedanken, wahrscheinlich dachten sie, irgendwo geht sie hoch, die Welt reagiert entsetzt, die Feinde kapitulieren. Wozu eine Bombe bauen und sie nicht zünden?

War der Zerfall einer so starken Macht wie die Sowjetunion vorauszusehen? Ist der Untergang der Menschheit voraussagbar? Nein. Aber auch ihre Rettung ist nicht voraussagbar. Das ist des Pudels Kern.

Nach Vesti.ru 20.02.01

 

 

6.DIE JÜDISCHE FRAGE

VERBRECHEN DER WEHRMACHT

In Berlin wurde eine Ausstellung eröffnet, die in einem Teil der deutschen Öffentlichkeit für Aufregung sorgt.

Die Ausstellung  räumt mit jenem Mythos auf, wonach die im  Zweiten Weltkrieg deutscherseits verübten Greueltaten  gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten ausschließlich auf das Konto der SS und ähnlicher Sondertruppen kämen. Die Wehrmacht aber habe nur ihre Pflicht getan. Ihr sei nichts vorzuwerfen. 

Das ist der Mythos, der seinerzeit die Ehre des  deutschen Militärs retten und damit auch die Wiederbewaffnung Westdeutschlands erleichtern sollte. Er wurde  und wird aber auch weit über den eigentlichen Anlass hinaus  gepflegt. Das zeigten die heftigen Proteste gegen die erste Variante der Ausstellung, die vor zwei Jahren wegen einiger Schnitzer vorzeitig geschlossen wurde. Aber auch die heutige Version, wo jedes Foto und jedes Dokument von Experten mehrfach überprüft worden ist, stößt nicht nur auf Zustimmung. Sogar der feierliche Auftakt im Berliner Ensemble  benötigte deswegen einen starken Polizeischutz. Auf der Ausstellung selbst  fallen  Sicherheitsmassnahmen auf.

Bezeichnenderweise   sind nicht nur marginale Gruppen  wegen der Ausstellung gereizt. Auch im anderen Lager, das sich in der Mitte des politischen Spektrums wissen möchte, lassen sich Zweifel wahrnehmen. Es wird unterschwellig bezweifelt, ob es ausgerechnet jetzt, da die Bundeswehr  weit von den Grenzen der Bundesrepublik und sogar von den Grenzen des vereinten Europas wichtige Aufgaben übernimmt, einen Sinn hat, an die Verbrechen der Wehrmacht zu erinnern? Nach einigem Überlegen  muss  aber die Antwort „Ja!“ lauten. Und zwar aus folgendem Grund. 

Auch wenn die Wehrmacht und die Bundeswehr genauso wenig miteinander zu tun haben wie das terroristische Hitlerreich und die gegenwärtige freie und demokratische deutsche Republik, droht jeder Kriegseinsatz, unter welchem Banner und von welcher Streitmacht  er auch eingeleitet  wird,  immer außer Rand und Band zu geraten. Davon zeugt die Geschichte. Sie kennt keinen netten Krieg,  der die zivile Bevölkerung schont. Ein Krieg war immer barbarisch. Das rechtfertigt  zwar die furchtbaren  Verbrechen im Zweiten Weltkrieg  keineswegs. Aber hilft das Unbegreifbare zu begreifen. 

An die Unbändigkeit des Krieges erinnert übrigens auch eine dokumentarische Sendereihe, die  das Zweite Deutsche Fernsehen fast zeitgleich mit der Ausstellungseröffnung in Berlin startet. Sie handelt von  Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten des Hitlerreiches am Ende des Zweiten Weltkrieges. Auch diese Menschen mussten Schlimmes über sich ergehen lassen. Dass  an den Übergriffen   sowjetische Soldaten schuldig waren, treibt einem Russen von Heute tiefes Schamrot ins Gesicht.  Auch einem, der den westlichen Teil seiner Heimat  mit Ruinen und Galgen dicht besät erlebte.  Auch einem, der sich vergegenwärtigt, dass in diesem Falle die Verbrechen nicht befohlen wurden, keinen rassistischen Hintergrund hatten und die  Zahl der Leidtragenden bei weitem nicht die der Opfer der nazistischen Wehrmacht erreicht. 

Was sollen aber  gegenseitige Beschuldigungen und Aufrechnungen? Ihre Zeit ist  längst abgelaufen. Jetzt ist die Zeit, zu verinnerlichen, dass jede  Gewaltanwendung, wenn sich diese schon nicht immer ganz vermeiden lässt, mit allen Mitteln auf ein  Mindestmaß reduziert werden muss. Weil sonst der Lauf in die  Hölle wieder startet. 

Wenn die Besucher der in Berlin eröffneten Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg mit diesem Gedanken   nach Hause gehen, ist damit allen gedient. Vor allem den   Deutschen und den Russen,  den Angehörigen jener zwei  europäischen Völker, die am meisten  unter den Greueltaten   des Zweiten Weltkrieges litten. Und auch allen anderen Menschen in jeder Ecke des Globus, die sich wieder vom Ungeheuer des Terrors und des Militarismus   bedroht fühlen.

 

Wassili Schandybin, Abgeordneter  der russischen Staatsduma, schlug vor, Israel an Russland anzuschliessen. Er bekannte, den Juden viel Achtung entgegenzubringen und von ihnen lernen zu wollen. "Ich hätte bereits mehrmals gesagt, Israel soll an Russland angeschlossen werden. Damit die ehrlichen Juden in Russland mehr Ordnung schaffen. Ich weiss nicht, warum man die Juden nicht gerne hat. Sie sind allen anderen Menschen sehr ähnlich, nur ganz anders als die anderen", hob Schandybin in einem Interview hervor.

5.5.01. Utro.ru


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