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EBERSWALDER BEISPIEL

Kaum ein anderes neues Bundesland litt an der im Zuge der deutschen Wiedervereinigung eingetretenen Entindustrialisierung  Ostdeutschlands stärker als Brandenburg. Viele Betriebe mussten hier schließen oder bestenfalls die Produktion zurückfahren. Es gibt aber Ausnahmen. Zu diesen gehört eine mittelständische Firma aus Eberswalde. Sie spezialisiert sich auf Serviceleistungen   für Rohrleitungssysteme und verfügt über langjährige Auslandserfahrungen. Vor allem in der ehemaligen Sowjetunion.

 

In dieser Hinsicht steht sie in Ostdeutschland nicht allein. Fast jeder  alteingesessene Betrieb nahm hier an der wirtschaftlichen Kooperation zwischen der DDR und ihrem größten Partner teil. Aber im Unterschied zu manchen anderen hat man sich in Eberswalde nicht beeilt, nach der Wiedervereinigung die spezifischen Erfahrungen ad acta zu legen.

 

Da die hiesigen Fachleute Russisch nicht verlernt haben und mit der russischen Mentalität vertraut sind, konnten  sie etwas vollbringen, was ihre Branchenkollegen für ein Wunder halten. Gegen eine viel stärkere Konkurrenz aus Westdeutschland und Kanada zogen sie, wie es hier heißt, einen dicken Fisch ans Land. Einen lukrativen Auftrag des russischen Konzerns „Silowyje maschiny“. 

 

In anderen brandenburgischen Firmen geht das Gespenst des Personalabbaus um.     Die fünfundachtzig Mann starke Belegschaft aus Eberswalde  kann dagegen ruhig in die Zukunft blicken. Die Fertigung von Hochdruckrohrleitungen für die russische Firma, die in Vietnam ein Kraftwerk baut, sichert ihre  Arbeitsplätze.

 

Sie  hoffen, dass die Kooperation mit „Silowyje maschiny“ weitergeht. Am Horizont sehen sie die Mitarbeit bei der Errichtung von Kraftwerken in Indien. Mit Unterstützung des mächtigen Partners hoffen sie, auch in Russland selbst Fuß zu fassen.

 

Viel verdankt man hier dem Geschäftsführer der Firma, Ernst – Thomas Krüger. Er hat in der Sowjetunion Kraftwerksbau studiert und danach mehrere Jahre zusammen mit den russischen Kollegen auf dem Bau des Kernkraftwerkes Lubmin bei Greifswald gearbeitet. In Situationen, wo die westlichen Fachleute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und den verzweifelten Ruf „Ach, diese Russen“ ausstoßen, lächelt er nur. Er schätzt die  Russen so, wie sie sind, bleibt jeder Schulmeisterei fern und wird von ihnen deswegen geachtet.

 

Nach der Wiedervereinigung war in Deutschland zu hören, die wirtschaftliche Kooperation zwischen der DDR und der Sowjetunion sei etwas aus der Vergangenheit. Die aussichtsreichen  Partner  kämen nur aus dem Westen .

 

Wären manche neuen Bundesbürger weniger voreilig, bliebe Ostdeutschland  einiges  erspart. Vielleicht aber ist  das Versäumte noch nachzuholen. Jedenfalls lässt  Eberswalder Beispiel darauf hoffen.

10.7.05

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Kommt es zu einer  großen Koalition in der Bundesrepublik?. 

 

Vorläufig gibt  es nur Vermutungen. Sie gründen sich  auf die Ankündigung  einer vorzeitigen Bundestagswahl. Auf die Situation im Bundesrat, zur Domäne der Opposition geworden. Und auf offensichtliche Unstimmigkeiten zwischen den Partnern der derzeitigen Regierungskoalition. Letztendlich   hängt aber  die Entscheidung vom bevorstehenden Wählervotum  ab.

 

Jedenfalls deutet  der Trend im hiesigen politischen Leben  darauf, dass eine große Koalition  in Deutschland  nicht auszuschließen ist. Zwar galt  eine starke Opposition mit einem alternativen Programm  hier lange Zeit  als  Markenzeichen der  Demokratie. Aber jetzt ist  dies wohl anders geworden. 

 

Denn die großen Parteien, in Deutschland  Volksparteien genannt,  wechseln an der Macht meistens aus  Gründen, die eher mit der Psychologie des Wählers als mit der immer diffuser werdenden  Unterschiedlichkeit der Programmatik  zu tun haben. Der regierenden  Partei wird die  nach ihrem Wahlsieg geschehene Unbill angelastet. Dem Rivalen dagegen    a priori die Fähigkeit zugesprochen, besser zu regieren. Besonders wenn  er   der Regierungsverantwortung lange genug fernblieb, um seine Misserfolge  vergessen zu lassen.  

 

In der schwierigen Zeit wird aber von der Politik nicht Theater, sondern Leistung erwartet. Die Konzentration der konstruktiven Kräfte erscheint als ein Königsweg dahin. Jetzt auch deshalb, weil die Globalisierung es einer    Regierung, egal von welcher Partei geführt, immer schwieriger macht, das wirtschaftliche und soziale Leben  an die  Bedürfnisse des Landes anzupassen. Die weltweit  agierenden Finanz- und Wirtschaftsmonopole  erweisen sich mitunter stärker als  das Parlament und die von ihm berufene Regierung.

 

Nur eine starke Exekutive hat eine Chance, dem Druck zu widerstehen.

 

Nach der Wende vor fünfzehn Jahren haben die Russen   das  zur Genüge erfahren.   Jetzt  meinen die Meisten in Russland, die Demokratie sei nicht mit der Zahl der Parteien  im Lande  oder  der Stärke der  Opposition im Parlament zu messen. Viel wichtiger ist, dass  die  jeweilige Regierung das Wohlergehen der Bevölkerung im Auge hat, es voranbringen  und gegen Raubritter aus dem eigenen Lande und aus dem Ausland schützen kann.  Auch wenn dabei   auf  manche Vorzeigeutensilien der klassischen Demokratie verzichtet werden muss.      

 

Das ist die Einstellung  der Russen, wie sie durch ihr Wahlverhalten artikuliert wird. Die Einstellung der Deutschen werden wir wohl bald erfahren  dürfen.    

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Der Berliner Verlag Wostok edierte ein Album mit Abbildungen russischer Soldatenfriedhöfe in Deutschland. 

Nicht alle Bestattungsstätten der in Deutschland 1945 gefallenen Rotarmisten sind hier  abgebildet.  Auch für ein großformatiges Fotoalbum von 190 Seiten sind  es zu viele. Nach einigen Schätzungen nur in Ostdeutschland gibt es  mehr als drei Tausend Massengräber mit etwa 420 Tausend Angehörigen der Roten Armee.  Darunter sehr aufwendig gestaltete wie die Gedenkstätte im Berliner Treptower Park und ganz schlichte  Friedhöfe,  wie man sie in vielen kleinen Städten Ostdeutschlands findet.

 

Die Herausgeber des Albums sind deutsche Freunde Russlands, die ihre freie Zeit der Erfassung und Pflege der steinernen Zeugen der für die Befreiung Deutschlands gebrachten russischen Opfer widmen. In den Begleittexten  stellen die  Herausgeber fest, dass sich die meisten Grab- und Erinnerungsstätten in einem guten Zustand  befinden.

 

Der Verfasser dieses Beitrags kann das aus eigener Anschauung bestätigen. Er lässt keine Gelegenheit aus, während seiner Reisen durch Deutschland den Grabstätten  seine Reverenz zu erweisen. Und es wird ihm warm ums Herz, wenn er wahrnimmt, dass die ehemaligen Kameraden in der deutschen Erde, wie es so schön heißt, sanft ruhen. Er  meint, dass es keinen besseren Beweis der Versöhnung zwischen zwei Völkern geben kann, denen beiden er sich verbunden fühlt.        

 

In zwischenstaatlichen Vereinbarungen zwischen Deutschland und Russland ist die Verpflichtung der deutschen Seite festgeschrieben, die Grabstätten zu erhalten und zu pflegen. Aber  in der hiesigen Einstellung zu den Gedenkstätten kommt viel mehr als  die Vertragstreue zum Ausdruck. Darin spiegelt sich die Reue  über die Untaten, die nach Hitlers Geheiß in Russland begangen wurden. Der Wille zur vorbehaltslosen Versöhnung mit dem russischen Volk. Und die Erkenntnis, dass  das  eigene Kriegsleid  den wahren Schuldigen, das heißt Hitler und Konsorten,  und niemandem  sonst  aufzubürden ist.

 

Zwar wird im Album auch erwähnt und sogar dokumentiert, dass manche Grabstätten dem Vandalismus oder politisch motivierter Zerstörung zum Opfer fielen. W semje ne bez uroda, würden die Russen dazu sagen. In einer Familie gibt es eben auch missratene Kinder. Aber nicht diese geben in Deutschland  den Ton an.   

 

In diesem Zusammenhang muss der Berichterstatter leider  darauf hinweisen, dass die  Verpflichtung der russischen Seite,  den deutschen Soldatengräbern in Russland Schutz und Pflege angedeihen zu lassen, auch nicht immer konsequent  befolgt wird. So kam es unlängst in der Umgebung  der russischen Stadt Kursk, wo  1943  eine der größten Panzerschlachten des Zweiten Weltkrieges tobte, zu von Demagogen eingefädelten Protesten gegen die Errichtung eines angemessenen  Friedhofs  für die  gefallenen deutschen Soldaten.

 

Zwar wähnen sich die Protestierer,  russische Patrioten zu sein, aber ihr Verhalten ist alles andere als typisch russisch. Noch vor vielen Jahrhunderten sagten die Russen in der jetzt etwas archaisch anmutenden Sprache „Mertwyje sramu ne imut.“ Ungefähr übersetzt, die Toten trifft keine Schande.

 

Erst recht stimmt es, wenn es um irregeführte Soldaten geht, die   für eine schlimme Sache sterben mussten. Und damit schon  gebüßt haben. An diesen Toten späte Rache nehmen zu wollen, ist  schäbig. Es verletzt nur  die in der russischen Mentalität  tief verwurzelte Pietät gegenüber dem Tod und die russische Tradition der Großzügigkeit gegenüber  dem geschlagenen Feind.

 

Allerdings ist das Kursker Geschehen eher ein Einzellfall. In vielen anderen Gegenden Russlands entstehen mit Zustimmung der Bevölkerung  würdige deutsche Soldatenfriedhöfe. Und die sich  damit beschäftigten Russen werden oft durch die Eindrücke von   Gedenkstätten für die  russischen Soldaten in Deutschland inspiriert.

 

Der letzte Dienst der  Gefallenen an ihre Vaterländer besteht in der Mahnung, die Wiederholung  des Gewesenen nie zuzulassen. Darin liegt auch der tiefere Sinn der Friedhöfe, die im Album „Sowjetische Gräberstätten und Ehrenmale in Ostdeutschland“ mit viel Sorgfalt dem deutschen Publikum vorgestellt sind.  Den Herausgebern und dem Verlag ist dafür zu danken.

13.4.05

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Vor sechzig Jahren brach unter den Schlägen der Koalition der Westmächte mit der Sowjetunion der Hitlerstaat zusammen. Insofern haben sich  die ungeheueren Opfer gelohnt, die Soldaten und Zivilisten vieler Länder im Zweiten Weltkrieg für den Sieg über Hitler bringen  mussten. Auch die Opfer Russlands. Bekanntlich waren diese weitaus größer  als die  der anderen Länder der Antihitlerkoalition.  

 

Trotzdem ließen sich nicht alle Ziele der Russen    verwirklichen.  Darunter ein Ziel nicht, das in einem  etwas naiven, nichtsdestoweniger vom Verfasser und seinen Kameraden liebend  gern gesungenen russischen  Soldatenlied des Zweiten Weltkrieges, apostrophiert wurde.  Der ewige Friede. Er blieb auch nach dem Krieg ein Traum.

 

Denn die ganze Nachkriegszeit war von bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. Und auch heute winkt der ewige Friede uns nicht. Obwohl der Streit zwischen dem Kommunismus und dem Kapitalismus, von vielen für die Quelle akutester Kriegsgefahr gehalten, der Vergangenheit angehört. Überall triumphiert die bürgerliche Demokratie und die freie Marktwirtschaft. Nach den Beteuerungen ihrer Bewunderer sollten sie uns endlich  den ewigen Frieden bringen. Aber es ist  nicht an dem.  Leider.

 

Allerdings hat die Gesellschaftsordnung, die  den Russen nach ihrer Abkehr vom Kommunismus als das Allheilmittel vorkam, auch in manch  anderer Hinsicht versagt. Zum Beispiel bei einer gerechteren Verteilung des Reichtums. Im internationalen und nationalen Rahmen.

 

Das führt zu  Spannungen, die in der Vergangenheit oft blutige Folgen hatten. Auch in der Gegenwart  und der Zukunft sind wir wohl davor nicht ganz gefeit. Sonst könnten wir ruhiger schlafen.

 

An die gescheiterten Versuche, den ewigen oder wenigstens einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten, muss in diesen Tagen erinnert werden. Auch vom Standpunkt eines russischen Frontsoldaten des Zweiten Weltkrieges aus. Das ist er den gefallenen Kameraden schuldig. Und vielen am Leben gebliebenen  Kameraden, die nur ihre Jugend der Abwehr der Gefahr für ihr Vaterland opferten. Das Wörtchen  nur ist allerdings hier fehl am Platze. Denn die Jugend  ist das schönste Stück des Lebens. Und unersetzbar.  

 

 Aus oben dargelegten Gründen darf der sechzigste Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus  nicht unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ begangen werden. Das wäre übrigens auch nicht im Sinne der russischen Veranstalter der Feierlichkeiten und sicherlich auch nicht der  aus der ganzen Welt nach Moskau eingeladenen Staatsmänner. Und gewiss nicht der meisten Russen, die darauf hoffen, dass die Friedensvision, in  ihrer Mentalität tief verwurzelt, doch einmal Gestalt annimmt.

 

Da der Verfasser bereits viele Jahre in Deutschland lebt, glaubt er  übrigens feststellen zu dürfen, dass sich die Mentalität der Deutschen von der der Russen wenigstens in dem Punkt nicht groß unterscheidet. Er meint die Deutschen von Heute. Bürger eines Landes, das nach der Erfahrung des Verfassers zu den friedfertigsten in der Welt gehört. Trotz oder vielmehr infolge der deutschen Vergangenheit. 

 

Allerdings dürfen wohl nicht nur  die Deutschen von Heute, sondern auch die von vorgestern nicht über einen Kamm geschert werden. Schließlich hat man in diesem Land dem großen Philosophen  zugejubelt, der das Traktat vom ewigen Frieden schrieb.

 

Damals, vor zweihundert Jahren, gab es noch keine Massenvernichtungswaffen. Trotzdem sah Immanuel Kant  im ewigen Frieden den kategorischen Imperativ der Erhaltung des Menschengeschlechtes. Wie viel mehr gilt der Imperativ heute.

 

Mit dieser wenig originellen   These beschließt der Verfasser seine Beiträge aus Anlass des sechzigsten Jahrestages der Zerschlagung des Hitlerfaschismus.

 

Zu guter Letzt will er daran erinnern, dass  in diesem Jahr  zwei weitere bemerkenswerte Daten bevorstehen. Der fünfzigste Jahrestag der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland und der fünfzehnte Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung. Die Daten  hängen miteinander und mit der Zerschlagung des Hitlerfaschismus zusammen.  Der Verfasser hat vor, auch zu diesen Jubiläen etwas an dieser Stelle zu bringen. Mal sehen, ob und was daraus wird.

 

7.4.05

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Als der Verfasser  nach drei Jahren Fronteinsatz im Westen und einigen Monaten im Fernen Osten endlich ins zivile Leben entlassen wurde, hörte er im Militärzug ein gefühlvolles Lied. Es handelte von einem aus dem Militärdienst entlassenen russischen Soldaten. Von einem, der durch halb Europa marschieren musste. Als der Krieg zu Ende war, kam er nach Hause. Von seinem Dorf blieb nur eine Brandstätte. Er ging zum Friedhof und sah dort grobe Holzkreuze mit den Namen seiner im Krieg getöteten Familienangehörigen. Er machte eine Pulle Wodka auf, trank daraus, setzte sich auf einen Stein und heulte.

 

Die Kameraden sangen das Lied gern. Sie konnten seine Stimmung nachvollziehen. Zwar ging es nur einer Minderheit so schlimm wie dem Soldaten im Lied. Die meisten Rückkehrer fanden doch ein Dach über dem Kopf. Obwohl im von Hitlertruppen zeitweilig besetzen Teil der Sowjetunion ein Drittel der Wohnungen zerstört oder unbrauchbar wurde und die Wohnungsnot unvorstellbar groß war. Auch verloren die meisten nicht alle Angehörigen. Obwohl es so gut wie keine Familie in Russland gab, die niemanden verlor.

 

Trotzdem war auch für jene, denen es besser als dem Soldaten im Lied ging, die Rückkehr ins zivile Leben nicht nur von Freude geprägt. Schon deshalb nicht, weil das Nachkriegsleben in der Sowjetunion nicht freier wurde als das Vorkriegsleben. Eher schon unfreier.

 

Es wollte nicht in den Kopf, warum das Volk, das anderen Völkern Europas die Befreiung brachte, selbst keine Freiheit genießen durfte. Nach dem Sieg, der die Russen mehr kostete als alle andere Nationen zusammengenommen.

 

Vor allem fiel es ehemaligen Frontsoldaten schwer, sich damit abzufinden. Denn sie kamen als Sieger zurück. Selbstbewusster und welterfahrener, als sie in den Krieg gingen. Viele wollten die Zustände im eigenen Land zum Besseren ändern. Aber es wurde dafür vorgesorgt, dass sie es nicht tun konnten. Und dies schuf böses Blut.

 

Zwar waren wir überglücklich, dass die tödliche Gefahr für das Vaterland abgewendet wurde. Das war das Wichtigste. Nichtsdestoweniger träumten wir von einer Erneuerung Russlands.

 

Leider war es unserer Generation nicht gegeben, diese Erneuerung durchzusetzen. Aber den nächsten Generationen schon. Den Söhnen und Enkeln der Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Sie erbten die Vision ihrer Väter und Großväter. Die Vision von einem neuen Russland. Und verwirklichen sie.

 

Dieses neue Russland ist noch im Werden. Aber der Anfang, bekanntlich immer das Schwerste, ist getan.

 

Die Mühlen der Geschichte mahlen eben langsam. Aber sie stehen nicht still. Sie mahlen.

 

Auch sechzig Jahre danach.

 

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Unmittelbaren Anlass  für diesen Beitrag gab ein umfangreicher  Pressebericht in einer soliden deutschen Zeitung. In diesem Bericht  wurde der Name eines sowjetischen Schriftstellers strapaziert. Er hieß Ilja Erenburg. Obwohl er mit seiner Kriegspublizistik in Deutschland bekannt wurde, war er vor dem Krieg hauptsächlich Novellen- und Gedichteschreiber . Übrigens kein schlechter. Trotzdem  von der sowjetischen Kritik immer wieder  gerügt. Sie bemängelte an seinen Werken, dass sie nicht den von der Kommunistischen Partei festegelegten Normen entsprachen, sondern ihre  Vorbilder im Westen suchten.

 

Tatsächlich hat er die meiste Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Frankreich zugebracht. So ließ  sich der Frankophile, als er in den Jahren des Zweiten Weltkrieges in die Kriegspublizistik  ging,  möglicherweise von der französischen antideutschen Propaganda des Ersten Weltkrieges inspirieren. Jedenfalls waren seine  in der sowjetischen Presse nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion veröffentlichten Philippiken  anders als viele andere, die demselben Thema galten .  Vor allem dadurch, dass er die Erblast Deutschlands betonte, was bei den eigenständigen, marxistisch geschulten sowjetischen Publizisten selten vorkam. Sie kehrten die Liaison  Hitlers mit dem Monopolkapital  hervor. Die frühere deutsche Geschichte seit Adam und Eva ließen sie in Ruhe.

 

Damit beschäftigten sich mehr die westlichen Autoren, die ihr Werk in den  Dienst der Kriegspropaganda stellten. Sie bescheinigten den Deutschen  angeborene Schlechtigkeit. Auch Erenburg schlug gerne in diese Kerbe.   

 

So boten seine Zeitungsbeiträge eine gute Angriffsfläche für jene, die den Sowjetstaat bezichtigten, die Ausrottung des deutschen Volkes als Rache für Verbrechen in Russland  im Schilde zu führen. Vor allem für Hitlers Propagandaminister, Dr. Josef Goebbels. Dieser Oberhetzer und Russenhasser zitierte Ilja Erenburg  ausgiebig, wenn es darum ging, die deutschen Soldaten in der Schlussphase des Krieges für das sinnlose Sterben auf dem Schlachtfeld zu gewinnen. Dabei   verfälschte er Erenburgs Texte nach Bedarf. Die von Goebbels erfundenen und bei Erenburg nie nachgewiesenen Parolen werden auch jetzt in den deutschen Medien nicht selten zitiert. Und zwar nicht als infame Goebbelsfälschungen,  sondern als Originalton  Erenburg. 

 

Seit März 1945 musste  Erenburg allerdings anders schreiben. Denn er bekam einen Dämpfer aus dem Kreml. In einem von Stalin selbst inspirierten, nach einigen Hinweisen sogar eigenhändig geschriebenen und im Parteiorgan Prawda veröffentlichten Beitrag wurde Erenburg daran erinnert, dass die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk und der deutsche Staat aber bestehen bleiben. Diese Formel Stalins prägte übrigens die offizielle sowjetische Politik während des Krieges. Ob der Grundsatz allerdings in der  Praxis   befolgt wurde, steht  auf einem anderen Blatt.

 

Nach dem Prawda- Beitrag begann der Stern des Publizisten Erenburg verblassen.  Er widmete sich wieder mehr der schöngeistigen Literatur und kehrte bald in sein geliebtes Paris zurück.

 

Allerdings auch in der Zeit davor spielte er nicht die Rolle, die ihm in Deutschland angedichtet war. Jedenfalls ist es lächerlich, ihn für Exzesse nach dem Einmarsch der Roten Armee  verantwortlich zu machen. In dieser Zeit brauchten jene sowjetischen Soldaten, die vor Ausschreitungen nicht abgehalten werden konnten,  keinen Erenburg, um sich so zu verhalten, wie sie sich leider verhielten. Sie brauchten sich nur daran zu erinnern, welche verheerenden Spuren die deutsche Wehrmacht auf der russischen Erde hinterließ, um auszurasten.    

 

Erenburg haben sie aber kaum gelesen. Selbst seine raffinierte Schreibweise sprach mehr die Intellektuellen in Moskau, als Bauernsöhne  an, die aus ihren entlegenen Dörfern, wo man keine Zeit und keine Lust hatte, viel zu lesen, unter die Fahnen gerufen wurden.

 

An der Front erlebte der Verfasser oft, was mit den Zeitungen passierte, wo Erenburg seine Essays veröffentlichte. Und zwar wurden sie, kaum eingetroffen, sorgfältig zu Streifen zerschnitten und für selbstgedrehte Zigaretten verarbeitet. Und ob da der nächste Beitrag Erenburgs abgedruckt wurde oder nicht, änderte daran nichts. Denn die Kameraden wollten Zeitungspapier, nicht das, womit es bedruckt wurde. 

19.3. 05

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Viele Gespräche auf der diesjährigen Berlinale drehen sich um  einen russischen Film.

 

Das ist kein neuer Film. „Panzerkreuzer Potemkin“ wurde vor sage und schreibe achtzig Jahren gedreht. In diesen acht Dezennien machte die Filmtechnik einen gewaltigen Sprung nach vorn. Ihr heutiger Stand lässt sich an neuesten Hollywoodproduktionen ablesen, die  im Programm der Berlinale vertreten sind. Aber „Panzerkreuzer Potemkin“, der noch mit Steinzeitkameras gedreht wurde, hat das, was keine moderne Technik und keine Animation allein zustandebringen. Das innere Feuer  eines Kunstwerkes, das mehr als ein Kunstwerk ist. Und zwar eine leidenschaftliche Botschaft an die Menschen, freier, gerechter, besser zu werden.

 

Der Film des genialen russischen Regisseurs, Sergei Eisenstein, erzählt die Leidens- und Heldengeschichte der Matrosen der russischen Schwarzmeerflotte im Zarenreich. Von der Hoffnung beseelt,  in Russland einen flächendeckenden Brand der Revolution zu entfachen,  brachten sie das Flagschiff  in ihre Gewalt und verweigerten der Regierung den Gehorsam. Der Aufstand wurde gewaltsam unterdrückt. Die Matrosen schwer bestraft.  Aber die Revolution kam, wenn auch etwas später als erwartet.

 

Vor einigen Jahren kürte eine internationale Jury  „Panzerkreuzer Potemkin“  zum besten Film aller Zeiten. Tatsächlich strömt er eine magische Kraft aus, die seine technische Unzulänglichkeit vergessen lässt. Der Zuschauer wird fasziniert, auch wenn er die im Film verherrlichte revolutionäre Gewalt nicht gerade für die einzuladende   Hebamme der Geschichte hält. Das erklärt, warum  „Panzerkreuzer Potemkin“ im Deutschland der zwanziger Jahre volle Säle nicht nur in proletarischen Wohnvierteln, sondern auch in Villensiedlungen sammelte. 

Obwohl die deutsche Zensur ihn verstümmelte. Sie fand, er verherrlichte die Revolution. 

Aber auch  die sowjetische Zensur  machte sich  an das geniale  Filmwerk  ran. Den Zensoren in Moskau missfiel gerade das, was im Film faszinierte. Die Widerspiegelung der elementaren Kraft der angehenden russischen Revolution. Die Bonzen, die sich im postrevolutionären Russland breit machten, akzeptierten vorbehaltlos nur jene Revolutionen, die nach festem Plan abliefen  und ihren Befehlen gehorchten.

Die Besucher der  Berlinale haben heute die Gelegenheit, den „Panzerkreuzer Potjemkin“ fast in seiner ursprünglichen Fassung  zu sehen, die von Zensurscheren noch nicht  kastriert wurde. Denn mit Unterstützung der deutschen Kulturstiftung wurde der Film restauriert. Nach dieser aufwendigen Arbeit jetzt zum ersten Mal  aufgeführt, wurde er zu einer der Sensationen des diesjährigen Filmfestivals in der deutschen Hauptstadt.

Dagegen ist die gegenwärtige russische Filmkunst auf der Berlinale schwächer als in vorigen Jahren  vertreten. Die Fans können sich damit trösten, dass Eisensteins nur einmal in Hundert Jahren geboren werden. Aber auch dann brauchen sie wohl mehr als eine gut gerüstete Arbeitsstätte und spendable Sponsoren. Und zwar ein Erlebnis des gesellschaftlichen Durchbruchs, der erst zu einem großartigen Durchbruch der Kunstkonventionen führt und eine neue Kunst gebärt.

13.2.05

                 

Am 27.Januar 1945 wurde das größte   Todeslager des Dritten Reiches, Auschwitz,  von sowjetischen Truppen befreit. Jedes Jahr wird an diesem Tag   weltweit an die Opfer  des nationalsozialistischen Rassenwahns erinnert. 

In Deutschland bekommt  der Gedenktag diesmal eine besondere Note. Nicht nur weil es ein runder, der 60. Jahrestag ist. In der letzten Zeit gab es hier aufsehenerregende Provokationen. Sie machten die deutsche Öffentlichkeit   darauf aufmerksam,  dass der Nationalsozialismus mit all seinen Verbrechen nicht nur die Geschichte ist. Auch heute hat er seine Anhänger.

Zwar gehört dazu  nur ein verschwindend kleiner Teil der deutschen Bevölkerung. Aber wie einst   ihre Vorbilder, verstehen die Ewiggestrigen, Ängste und Wissenslücken ihrer Landsleute auszubeuten. Darin liegt ihre Gefährlichkeit.    

Als russischer Journalist möchte man anerkennend hinzuzufügen, dass in  deutschen Medien, aber auch in Stellungnahmen deutscher Staatsmänner und Politiker  jetzt jene  eine ehrende Erwähnung finden, die dem nationalsozialistischen Greuel unter Einsatz ihres Lebens ein Ende setzten. Nicht nur in Auschwitz.

So war es nicht immer. Die in den Jahren des Kalten Krieges verbreitete Sichtweise auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges war sehr selektiv. Aus Opportunitätsgründen fand oft nur  die Rolle  des Westens im Kampf gegen Hitlerdeutschland gebührende Anerkennung. Der russische Beitrag  wurde geflissentlich übergangen. Obwohl er entscheidend war.

Jetzt ist es anders geworden. Jetzt wird der Tatsache mehr Rechnung getragen, dass es  Russland  war, das der nationalsozialistischen  Terrormaschine entscheidende Schläge erteilte.  Und deshalb nicht nur dem Holocaust ein Ende setzen konnte, sondern auch dem Regime, dessen Wahrzeichen für immer die Gaskammern von Auschwitz bleiben.

Daran erinnert  ein anderer 60. Jahrestag, der in wenigen  Monaten folgt. Der 60. Jahrestag des Zusammenbruchs des Hitlerstaates. Die Russen wollen  ihn als Fest der  Versöhnung  begehen. Vor allem   die  Beziehungen zwischen Russland und jenem Deutschland würdigen,    das Alles tut, damit die abscheuliche  Vergangenheit nicht zurückkehrt. Wo und in welcher Gestalt auch immer.

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Eine weltbekannte  Sammlung silberner Kunstgegenstände,  in der ersten Nachkriegszeit  aus Deutschland  nach Russland verbracht, soll demnächst nach Deutschland zurückkehren.

Bei dieser Meldung berufen sich die Medien  auf Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Sie äußerte  die Hoffnung, der  Silbersammlung  würden andere Schätze der sogenannten  Beutekunst folgen.  Es ist eine Hoffnung, die wohl jeder hegt, der meint, alle  Kunstwerke gehören grundsätzlich in die Länder, wo sie vor dem Zweiten Weltkrieg ihren Stammplatz hatten.

 

Das betrifft aber nicht nur deutsche, sondern   auch  russische Kunstschätze.  Bekanntlich sind   russische Museen  von Kunsträubern in SS-Uniformen geplündert worden.  Verständlicherweise möchte   Russland  nicht nur  fremdes Kunst- und Kulturgut zurückgeben. Es will sein eigenes zurückerhalten.  Deutschland ist juristisch und moralisch verpflichtet, sich  bei der Suche nach aus Russland entwendeten Kunstschätzen und ihrer Rückgabe  zu verwenden.  Darin besteht ein Konsensus.

 

Die Aufgabe ist nicht leicht zu lösen. In der letzten Phase des Krieges und unmittelbar danach sind viele in Russland geraubte Kunstgegenstände  der Begehrlichkeit der Privatpersonen zum Opfer gefallen. Es waren nicht nur und nicht vor allem Deutsche. Auch  hochgestellte Angehörige  der westlichen Besatzungsmächte in Deutschland haben viel unter die Nägel gerissen. Später landeten die von ihnen illegitim angeeigneten russischen Kunstwerke in streng gehüteten Privatsammlungen.  Zumeist in Übersee.

 

Dort machten die Kunsträuber  schon immer gute Geschäfte,  Der Irak, wo manche Museen  deswegen  leer stehen, ist keine Ausnahme. Auch ein beträchtlicher Teil der  vor sechzig Jahren   von den  SS- Beutejägern in Deutschland gehorteten russischen Kunstschätze verschwand auf ähnliche Weise. 

 

Wenn es um ihre Rückgabe geht, hat Russland anscheinend  viel Verständnis für die damit verbundenen Schwierigkeiten der deutschen Seite. Es besteht nicht auf die peniblen Gegenleistungen für die rückgeführten deutschen Kunstschätze. Die Liste dieser Heimkehrer wird inzwischen immer länger. Darauf  stehen  Bilder,   Kirchenfenster aus dem Mittelalter, Buchraritäten, Archive berühmter Persönlichkeiten. Demnächst soll der Silberschatz der Familie von Anhalt   auch darauf.

 

Allerdings kommt  Deutschland  russischen Anregungen entgegen.  So unterstütze es die Wiederherstellung  des aus Russland weggebrachten Bernsteinzimmers, das   irgendwo in Deutschland versteckt wurde oder verloren ging.  Beim Abschluss der zweijährigen  deutsch-russischen Kulturbegegnungen in Sankt Petersburger  wurde hier die  deutsche Hilfe bei der  Restaurierung einer kunst- und klangvollen Orgel    gewürdigt.

 

Die gesamte Atmosphäre der deutsch-russischen Beziehungen erleichtert die Rückgabe der kriegsbedingt verbrachten Kunst- und Kulturgüter. Die beiden Seiten sind bemüht,  dem Fortschritt immer wieder nachzuhelfen.  Dabei  wird  die unangebrachte Politisierung des komplizierten Problems vermieden. Es bleibt auf der Agenda, darf aber nicht die Atmosphäre der deutsch-russischen Beziehungen trüben. 

19.1.05

 

Sechzig Jahre danach

 

1.

Als Hitlerdeutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, war der Verfasser 17 Jahre alt. Als vor sechzig Jahren, am 8. Mai 1945, der oberste Kriegsherr  Hitlers im  sowjetisch besetzten Berlin die Kapitulationsurkunde unterschrieb, war der Verfasser 21. Also vier Jahre älter. Zwischen 17 und 21 war er Soldat. Die meiste Zeit an der Front. In der Ukraine, den westlichen Regionen Russlands, in Belorussland und im Baltikum.

 

Aber nicht nur in diesen vier Jahren  beeinflusste der Krieg  sein Leben.  Beim näheren Hingucken waren es auch die folgenden. Bis heute. Also, die ganzen sechzig Jahre danach.

 

So war es  nicht nur in seinem   Leben, sondern auch in dem seiner Altersgenossen. Eigentlich im Leben jedes Russen, sogar wenn er viel später geboren wurde. Und den Zusammenhang  zwischen seinem Leben und dem Krieg gar nicht sah.

 

Auch in Deutschland ist es wohl nicht viel anders gewesen.

 

Unser aller Geschick, ob das der Russen oder der Deutschen, hing und hängt    mit dem Tag zusammen, an dem die deutschen Streitkräfte  mit dem Ruf „Heil Hitler“ brav in Russland einmarschierten. Und  mit dem Tag, als ihre Reste sich mit den Worten „Hitler kaputt“ auf den Lippen in die sowjetische Kriegsgefangenschaft begaben.

 

Es ist sechzig Jahre her. Der kalte Krieg, der dem heißen folgte und von den Urhebern als seine Fortsetzung gedacht wurde, ist auch lange passe. Deutschland und Russland stehen sich jetzt als Freunde und Partner gegenüber.

 

Dennoch,  obwohl die beiden Kriege, der heiße und der kalte,  der Vergangenheit anheim fielen, sind  unsere Köpfe und Seelen noch nicht ganz frei von ihren Nachwirkungen. Das kann uns daran hindern, den Blick für die Gegenwart und die Zukunft zu schärfen.

 

Jede gute Hausfrau geht, wenn der Winter vorbei ist, an den Frühlingsputz. Sie reinigt die Fenster, damit die Sonne in die Stube strahlt, wischt Staub, entrümpelt die Schränke. Was nicht gebraucht wird, kommt in den Müll.

 

Eigentlich sollten wir uns alle ein Beispiel daran nehmen. Unser Denken und Fühlen entrümpeln.

 

Viel ist in dieser Hinsicht bereits geschehen. Wenn man jetzt in den alten russischen und deutschen Zeitungen blättert, hat man den Eindruck, sie stammen vom Mond.

 

Aber die Entrümpelung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Der sechzigste  Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa bietet eine gute Gelegenheit, das nachzuholen. Die Entrümpelung zu Ende zu führen.

 

Gerade  das hat wohl der russische Präsident  gemeint, als er verkündete, das denkwürdige Datum  soll unter dem Zeichen der Versöhnung begangen werden. Und es ist sicherlich nicht verkehrt, anzunehmen, dass der deutsche Bundeskanzler   deshalb die Einladung,  zu den Feierlichkeiten nach Russland zu kommen, angenommen hat.

2.

Im ersten Beitrag ging es darum, dass wir alle, Russen und Deutsche, unsere Gehirne und Seelen zu entrümpeln haben. Mit Entrümpelung ist  der Abschied von Denkschablonen und Sichtweisen gemeint, die der Krieg, der am 22. Juni 1941 mit dem Angriff  Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion  begonnen und am 8. Mai 1945 mit dem totalen Zusammenbruch des Angreiferstaates beendet , hinterlassen hat. Und der darauffolgende kalte Krieg auch.

 

Heute möchte der Verfasser dieser Beitragsreihe   etwas präzisieren. Und zwar dahingehend, dass die Entrümpelung, die er meint, nicht dem Vergessen gleichgesetzt werden darf. Den  Krieg 1941-1945 und die folgenden dreißig Jahre des Kalten Krieges kann man   nicht vergessen.

 

Man braucht es  auch nicht.

 

Es geht um etwas anderes. Das Gewesene darf   Entfaltung der  neuen  Beziehungen zwischen den Deutschen und den Russen nicht schmälern.  Uns nicht daran hindern,  weitere Fortschritte herbeizuführen. Auch in jener Sphäre, die erfahrungsgemäß sehr konservativ ist. In unserem Denken und Fühlen.  Das ist ein Muss, wenn wir weiter wollen.  

 

In diesem Zusammenhang möchte der Verfasser eine Fernsehdokumentation erwähnen.  Vor  kurzer Zeit flimmerte sie über die deutschen Fernsehschirme. Es ging um das Schicksal  der deutschen Flüchtlinge. Jener, die   vor der anrückenden Roten Armee Ende 1944 – Anfang 1945 eine höllische Angst hatten. Sicherlich nicht unbegründet.

 

Soviel der Verfasser beurteilen kann, entsprach das, was gezeigt wurde,   der  Realität. Das  Fernsehteam fand  vertrauenswürdige Zeitzeugen, aussagekräftige Filmaufnahmen. Es entstand eine  tief beeindruckende Sendung.  Den Verfasser   dieser Beitragsreihe ließ sie ans furchtbare Leid der Deutschen am Ende des Krieges denken. Wie die deutschen Zuschauer sicherlich auch. 

 

Aber  der Verfasser dachte auch daran, woran die deutschen Zuschauer vermutlich  nicht dachten. Denn sie haben das nicht erlebt, was er erlebte. Das Kriegsleid  in der Ukraine, in Belorussland und in den westlichen Gebieten des eigentlichen Russlands. Das Leid der unzähligen Menschen, die dort in Erdlöchern hausten. Menschen, die schwer hungerten und grausam froren. Nicht nur am Ende des Krieges, sondern auch einige Jahre danach. Weil ihre Lebensareale vom Krieg total zerstört wurden. Eigentlich ging es ihnen, obwohl sie Bürger des Siegerlandes waren, nicht besser als den Bürgern des besiegten Deutschlands. Sehr oft ging es ihnen  schlimmer.

 

Daran musste der Verfasser denken, nicht weil er Leid gegen Leid anrechnen wollte. Das Verfahren findet er dumm. Jedenfalls unzeitgemäß. Wir sind bereits soweit, dass wir uns dem fremden Leid öffnen müssten. Es wie das Leid der Landsleute empfinden.

 

Wenn wir  verhungernde und erfrierende Babys oder Greise sehen, müsste es uns egal sein, ob es  Russen oder Deutsche waren. Wir müssten zuerst  leidende Menschen sehen.       

 

In der Fernsehsendung dominierte  aber eine andere Sicht.  Da ging es ums Leid der deutschen Flüchtlinge und, wenn auch  unterschwellig, um  böse Russen als Verursacher des Leids. So könnte das Thema auch  vor    dreißig, vierzig oder  fünfzig  Jahren behandelt werden. Als es galt, die deutsche Bevölkerung gegen die Gefahr aus dem Osten zu sensibilisieren.

 

Jetzt aber wäre eine andere Optik angebracht. Jetzt müsste man die Optik   der  Zeit, als man nur das eigene Leid im Auge hatte, ad acta legen.           

 

Dasselbe gilt übrigens auch für die  Russen.  Aber darauf kommt der Verfasser dieser Beitragsreihe im nächsten Beitrag. 

3. 

Im vorigen Beitrag wurde eine deutsche Fernsehsendung erwähnt, die etwas einseitig das menschliche Leid am Ende des vor 60 Jahren zu Ende gegangenen Krieges thematisierte. Der Verfasser meinte, jetzt müsste man die Optik  aus der  Zeit, als man nur das eigene Leid im Auge hatte, ad acta legen. Jetzt  wäre eine andere Optik angebracht.

 

Kaum hatte er diese Zeilen geschrieben, als über die deutschen Bildschirme eine neue Sendung zum Thema   flimmerte. Diesmal aber wurde  nicht nur das deutsche Leid nach dem Einmarsch der Roten Armee aufs deutsche Gebiet, sondern auch das Leid der Russen unter deutscher Besatzung thematisiert. Auf den Bildschirm kamen brennende russische Dörfer und Galgen mit russischen Zivilisten. Nur für wenige Augenblicke, aber immerhin.

 

Dann folgten deutsche Zeugenaussagen. Sie bewirkten beim Verfasser ein  heftiges beklemmendes Gefühl. Insbesondere wenn es um Vergewaltigungen ging. Es half nicht, sich in Erinnerung zu rufen, dass eine mehrjährige erzwungene Enthaltsamkeit junge Männer, egal welcher Herkunft, mitunter zu wilden Tieren macht. Und  wenn man sich sagt, die russischen Soldaten hatten, im Unterschied  zu den Amerikanern und Briten, keine seidenen Strümpfe und Schokolade im Gepäck, um Mädchen zu imponieren, kommt man über die bedrückenden Tatsachen auch nicht hinweg. Die Sendung schockte. Schamgefühl und Entsetzen überwältigten den russischen Zuschauer, der übrigens vor sechzig Jahren  Frontsoldat gewesen ist.

 

Er  erinnert sich aber gut daran, dass sich seine Kameraden ganz anders benahmen. Nur einer verging sich an einer Frau. Die Ordonanz des Korpskommandeurs. Er wurde sofort  zum Tode verurteilt. Die Exekution fand in Anwesenheit von Delegierten aller Brigaden des Panzerkorps statt. Der Verfasser musste auch hin. Es war grausam, den jungen Mann, den man  kannte, vor den Kugeln des Exekutionskommandos niedergeschossen zu sehen. Aber wir  billigten das Urteil.

 

 Allerdings sind wir nicht in Deutschland, sondern im Baltikum eingesetzt worden. Mag sein, dass es auf deutschem Boden anders gewesen wäre. Nach allem, was in den besetzten Gebieten Russlands vorgefallen ist, dursteten viele Kameraden nach Rache, ohne zwischen Schuldigen und Unschuldigen klar unterscheiden zu können.

 

Jetzt aber einige Worte zu  einem anderen, soeben gesendeten Film des deutschen Fernsehens. Es war  ein Spielfilm. Zu den Hauptpersonen der Handlung gehörten eine deutsche Adlige und ein Oberstleutnant des russischen militärischen Geheimdienstes. Die junge Adlige hatte im Nachkriegsostdeutschland schwer zu leiden. Sie wäre verloren, hätte der  verliebte  russische Geheimdienstoffizier sie nicht mehrmals gerettet. Immer wieder tauchte er auf, um dem  Mädchen aus der Patsche zu helfen. Wie deux ex machina in antiken Tragödien.

 

Man könnte sagen: endlich kommt in einer deutschen Filmproduktion ein russischer Besatzungsoffizier, dazu ein Geheimdienstler  vor, der ganz anders ist. Das heißt nicht stur und nicht korrupt. Zwar gab es solche gewiss  auch. Wie in jeder Armee. Aber es gab auch viele kluge, ehrliche und einfühlsame. Die aus Deutschland  als Freunde der Deutschen zurückkamen.

 

Tatsächlich bremsten sie wie der Filmheld oft übereifrige deutsche Genossen. Denn sie wussten über die in Ostdeutschland von  Idealisten oder auch Karrieristen mit SED- Parteiabzeichen eifrig  nachgeahmte sowjetische Lebensweise besser als diese Bescheid. Und wollten keine Kopie in Deutschland.  Aber auch diese Offiziere der sowjetischen Besatzungsbehörde, erst recht die Geheimdienstler, hatten in der Regel etwas Anderes zu tun, als sich mit adligen deutschen Mädchen einzulassen.  

 

Bei aller Anerkennung der guten Absicht der Filmemacher muss man deshalb sagen, dass die kitschige Liebesgeschichte   die  Realität verniedlichte. Und das muss  nicht sein. Denn diese Realität ist an sich sehr aufschlussreich. Ihre vorurteilslose, aber auch ernste Aufarbeitung kann die weitere Annäherung beider Länder befördern.

 

Abschließend möchte  der Verfasser bemerken, dass der sechzigste Jahrestag der Wiederherstellung des Friedens in Europa ein guter Anlass ist, ein realitätsgerechtes  Bild der Kriegs- und  Nachkriegsjahre entstehen zu lassen. Ein Bild, das dem schweren Schicksal der Kriegsgeneration der Russen und der Deutschen gerecht wird. Diese Generation bestand nicht aus lauter Verbrechern und nicht aus lauter Helden, sondern vorwiegend aus normalen Menschen, die in extreme Situationen gerieten.  Auf beiden Seiten  haben sie das Recht auf mehr Verständnis, als ihnen mitunter entgegengebracht wird. Das gehört auch zur Versöhnung der ehemaligen Kriegsgegner, die vollendet werden muss.    

 

Und noch etwas. Nur sieben Prozent der Russen vom Jahrgang des Verfassers haben  den Krieg überlebt. Den Krieg, den sie nicht wollten.    

4.

Vor sechzig Jahren lagen  die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, noch ganz offen. Danach verheilten sie. Aber sehr langsam. 

 

In diesem Zusammenhang erinnert sich  der Verfasser  an eine unerfreuliche Geschichte in seinem Berufsleben. Sie passierte  am 30. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa. Also vor ca. dreißig Jahren.

 

Als Mitarbeiter der deutschsprachigen Redaktion des Moskauer Rundfunks, des Vorläufers der Stimme Russlands,  schrieb er damals eine Sendung, in der nicht nur wie davor üblich an das Leid der Russen im Krieg 1941- 1945 hingewiesen wurde, sondern auch an das Leid der deutschen Zivilisten. Es stand in der Sendung etwas über das Mitgefühl, das man jenen deutschen Müttern entgegen bringen muss, die wie die russischen Mütter ihre Söhne und Männer im Krieg verloren haben. Und darüber, dass das erlebte Leid die Deutschen und die Russen nicht entzweien, sondern zusammenbringen müsse. 

 

Heute mutet es wie eine Banalität an. Damals aber, das heißt  vor 30 Jahren, fanden manche Kollegen, dass der Verfasser  die Russen beleidigt, indem er ihr Kriegsleid         quasi auf eine Stufe mit dem Kriegsleid der Deutschen stellte. Das wäre sehr unpatriotisch, lautete die Anklage.

 

Zwar versuchte der Verfasser, die Wellen damit zu glätten, dass er auf den mehrmals deklarierten Grundsatz der russischen Deutschlandpolitik hinwies, wonach die in Russland begangenen Gräueltaten aufs Konto  Hitlers und seiner Paladine kommen. Nicht aufs Konto des deutschen Volkes. Aber die Rechtfertigungsversuche wurden abgewiesen. Es wurde   die fristlose Kündigung ausgesprochen, was damals in der Sowjetunion einem Berufsverbot sehr nahe kam. 

 

Aber einige Tage später  brachten die Zeitungen einen Appell der russischen Führung an die Regierungen und Völker der Welt. In diesem Appell standen zum Teil nicht nur dieselben Gedanken, sondern zum Teil auch dieselben Worte wie in dem kriminalisierten Beitrag. Vielleicht erklärte es sich damit, dass der oberste Chef des Verfassers, der an dem Appell mitarbeitete, die kriminalisierte Sendung als die Entlassungsursache vorgelegt bekommen hatte.

 

Jedenfalls wurde der Verfasser sofort rehabilitiert.  Er  wurde sogar prämiert.

 

An sich verdient die Episode gar nicht erwähnt zu werden. Und wenn doch, dann nur im Kontext dieser Sendereihe. Damit man  an einem Beispiel verdeutlicht, wie schwierig der Weg zur Versöhnung war, den die Russen und die Deutschen zurücklegten.

 

Deshalb gilt es, das auf diesem Weg  bereits  Erreichte zu hüten und zu pflegen. Hoffentlich trägt dazu auch der 60. Jahrestag der Wiederherstellung des Friedens in Europa bei. Ein Datum, das  in Russland, laut Präsident Putin,  unter dem Zeichen der Vollendung der Versöhnung begangen werden soll. Ein Anliegen, das im Ausland große Anerkennung findet. Auch unter den Staatsmännern, die zu dem Datum nach Moskau kommen wollen. Darunter  Bundeskanzler Schröder, der seine Ankunft angekündigt und die Einladung aus Moskau als eine Ehre bezeichnet hat.

 

 

5.

 

Die Wiederherstellung des Friedens in Europa vor sechzig Jahren war das Ereignis in unserem Leben. Ich meine das Leben meiner Kameraden und mein eigenes. Das Leben der russischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges.

 

Bald aber mussten wir wahrnehmen, dass der Sieg über Hitlerdeutschland  unsere Hoffnungen nicht ganz erfüllte. Denn wir erhofften mehr als den Sieg  über den Urheber des Zweiten Weltkrieges. Wir erhofften den ewigen Frieden und mehr Gerechtigkeit in der Welt als das Hauptergebnis des Sieges. Und das ließ auf sich warten.

 

Wir, meine Kameraden und ich, mussten sowieso wieder in den Krieg.  Nach Asien. In die Mandschurei, die von Japanern besetzte chinesische Provinz. Hier stand ein neuer Gegner unserem Panzerkorps gegenüber.

 

Im Unterschied zu Hitlerdeutschland  hat er die  russische Erde nicht verwüstet. Zwar erinnerte der sowjetische Diktator Stalin, als er die Rote Armee gegen Japan warf,  daran , dass die Japaner vor vierzig Jahren die russische Pazifikflotte vernichtet hatten. Aber für uns, Zwanzigjährige,  war  es lange her. Ergraute Geschichte.

 

Trotzdem akzeptierten  wir den Feldzug gegen Japan. Schließlich war es ein Verbündeter Hitlerdeutschlands. Und hat unseren Verbündeten, die Vereinigten Staaten, heimtückisch angegriffen.

 

Damals  waren wir aber den Amerikanern sehr gut gesinnt. Zwar griffen sie  in den Kampf gegen Hitlerdeutschland erst ein, als die Wehrmacht von der Roten Armee bereits stark geschwächt war. Trotzdem waren wir ihnen für ihren Beitrag zum Sieg   dankbar. Für die Waffen, die sie uns lieferten. Und auch für das Schweinefleisch in Büchsen, das so gut schmeckte.

 

Aber nach den amerikanischen Atombombenabwürfen auf Hiroschima und Nagasaki, die militärisch sinnlos waren, begann das Bild der USA als eines nicht nur reichen, sondern auch segensreichen Landes zu bröckeln. Wenn die Segen mittels Atombomben gebracht werden sollen, erscheinen sie nicht mehr attraktiv. Uns aber   leuchtete es  allmählich  ein, dass das eigentliche Ziel der Atombombenabwürfe weniger Japan, viel mehr unser eigenes Heimatland war. Der spektakuläre Einsatz der neuen Waffe war ein an Russland gerichteter    Denkzettel. Er sollte uns vor Augen führen, was  uns erwartet, wenn sich Russland  den Amerikanern nicht unterwirft. Dasselbe wie  Hiroshima und Nagasaki, die ausgelöscht wurden.

 

Es gab aber im Lande, das soeben Hitler bezwungen hatte, kaum viele, die sich einer anderen fremden  Herrschaft unterwerfen wollten, sei es auch eine, die  ein sehr schmackhaftes Schweineschmorfleisch in Büchsen verschickt. 

 

So zeichnete sich die Gefahr ab, um den Preis des Sieges über Hitlerdeutschland betrogen zu werden.  Um den Preis, zu dem der ewige Frieden und mehr Gerechtigkeit in der Welt gehören sollten.      

 

Dabei war die sich angekündigte Konfrontation mit den einstigen Verbündeten im Krieg gegen Hitler  das Letzte, was wir wollten.  Unterwegs vom äußersten Westen des Kontinents, wo wir die Kapitulation der Wehrmacht erlebten, bis zum Fernen Osten, zum neuen Kriegschauplatz, sahen wir  ein Land, das vor allem eins brauchte. Frieden. Im Westen nach der deutschen Besetzung  war es verbrannte Erde. Weiter im Osten auch vom Krieg ausgesaugt. Auf den Feldern ausgemergelte Frauen, die wie Pferde Geräte ziehen mussten. Bilder, die man nie vergisst, auch wenn man lange danach lebt. Auch sechzig Jahre danach. 

 

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Herbert Wehner in Moskau

 

Der in der Überschrift erwähnte Politiker hat die Nachkriegsgeschichte Deutschlands wesentlich mitgeprägt. Und zwar als SPD- Bundestagsfraktionsvorsitzender  und später als  SPD- Vizevorsitzender. Mit scharfem Verstand, starkem Machtinstinkt und Sinn für Intrige ausgerüstet, schaltete und waltete er jahrelang in der größten Volkspartei der Bundesrepublik.  Von einigen verehrt, von vielen gehasst und von allen gefürchtet.

 

Zur deutschen Sozialdemokratie stieß Herbert Wehner erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Davor gehörte er zur KPD, wo er  verantwortungsvolle Posten bekleidete.

 

Das war ein Teil seines Lebens, der mehr oder weniger offen lag. Anders seine Tätigkeit   in den Jahren der Emigration, in den dreißiger Jahren. Diese absolvierte er vorwiegend in der Sowjetunion als Funktionär der Kommunistischen Internationale, der von Lenin 1919 gegründeten  und von  Stalin 1943 aufgelösten Weltvereinigung der Kommunistischen Parteien.

 

Von der Kommintern und ihren deutschen Funktionären hatte Herbert Wehner keine hohe Meinung. Vermutlich weil er sich ungerecht behandelt sah.  Sein Tätigkeit   in der Kommintern- Zentrale stillte seinen Ehrgeiz nicht. Er wollte mehr Macht.

 

Diesem Abschnitt des Lebens von Wehner gelten mehrjährige Forschungen     des deutschen Historikers Reinhard Müller. Im seinem unlängst  erschienenen neuen Buch* bilanziert er ihre Ergebnisse und veröffentlicht viele  Dokumente aus russischen und deutschen Archiven. Sein Fazit lautet, Wehner habe sich verhängnisvoll in den Netzen des sowjetischen Geheimdienstes verheddert.    

 

Der Forscher meint, dass der spätere SPD- Funktionär in der Zeit des großen Terrors in der Sowjetunion  einen  Beitrag zur Säuberung  der deutschen kommunistischen Emigration  von linken,  trotzkistisch - und rechten,  sozial-demokratisch „verseuchten“ Genossen leistete. Da diese zumeist auf Verdacht aufgegriffen und auf Grund von durch Folter erzwungenen Selbstbeschuldigungen liquidiert wurden, musste man sich dabei nicht zu sehr anstrengen. Es reichte nur ein leiser Zweifel an der Loyalität eines Unliebsamen, ein Hinweis auf seinen, nicht ganz koscheren Umgang in Deutschland oder in der Emigration oder auf eine unbedachte Äußerung vor vielen Jahren, um ihn  auf den Archipel Gulag oder in einen Hinrichtungskeller zu bringen.

 

Reinhard Müller berichtet sachlich und trocken. Auch, wenn er die Frage streift, wie trotz Wehners Vergangenheit sein steiler Aufstieg in der SPD möglich war. Mussten doch die Parteioberen  wissen, mit wem sie es zu tun hatten. Und wenn ihnen die Moral des Strebers ziemlich  schnuppe war, dann blieben noch die mit seiner Erpressbarkeit zusammenhängenden Bedenken. Nur sehr naive Menschen konnten annehmen, der sowjetische Geheimdienst   hätte keine Akte über die Kontakte mit Wehner geführt. Trotz alledem genoss  er Vertrauen. 

 

Vielleicht kam ihm dabei die in seiner SPD- Aufstiegszeit immer härter werdende Abwehr der kommunistischen Gefahr in der Bundesrepublik und in Europa zugute.  Wehner konnte dabei sehr hilfreich sein.

 

Schließlich war auch das, was er  in Moskau im Verborgenen tat, nichts anderes als  Antikommunismus. Dadurch begünstigt, dass Stalin  überzeugte Kommunisten, ob  Russen, Deutsche oder sonst welcher Herkunft, schon aus dem Grunde hasste,   dass sie sich ihm womöglich in den Weg stellen könnten. Die in sein Reich geratenen deutschen Genossen wurden deshalb reihenweise umgebracht.  

 

Als Antikommunist mit KP- Parteibuch  war Wehner  keine große Ausnahme. Auch manch ein anderer KP- Politiker, der nicht so sehr an die  Welterneuerung, sondern eher an die unheilbare Verderbtheit  des Menschengeschlechtes glaubte, erlag  der Bewusstseinsspaltung. Wenn man einen weiten Bogen zu unserer Zeit spannt, kommen sogar  Michail Gorbatschow und Boris Jelzin in den Sinn. Der Erstere unterschrieb das Verbot der Kommunistischen Partei der Sowjetunion,  der Andere zwang ihn dazu. Obwohl der Eine wie der Andere zum höchsten Gremium derselben Partei, zu ihrem Politbüro, gehörten.

 

Wer sich in einer Welt ohne Kommunisten gemütlicher fühlt, muss  ihnen  dankbar sein, da sie viel zur Gemütlichkeit beigetragen haben.

 

Leider ist   diese wieder in Gefahr geraten.  Zum Beispiel durch den  militanten Islamismus. Und man darf wohl nicht damit rechnen, dass sich die Islamisten in ihrem Verein ähnlich aufführen wie Stalin und seine Getreuen in der Kommintern. Dann nämlich wäre die Gefahr auch bald aus der Welt.

* Reinhard Müller. Herbert Wehner - Moskau 1937. 570 S. Hamburger Edition. Hamburg. 2004

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